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Leistungssystem Handball

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 43 Seiten

Gesundheit - Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Leistungsstruktur im Sportspiel

2 Leistungsstruktur im Handball
2.1 Spezifische Merkmale des Handballspiels
2.1.1 Technisch-taktischer Faktor
2.1.1.1 Technik
2.1.1.2 Individuelle und kollektive Taktik
2.1.2 Allgemeine und spezielle koordinative Faktoren
2.1.3 Konditionelle Faktoren
2.1.3.1 Allgemeine konditionelle Fähigkeiten
2.1.3.2 Semispezifische konditionelle Fähigkeiten
2.1.3.3 Spezifische konditionelle Fähigkeiten
2.1.4 Konstitutioneller Faktor

3 Leistungserfassung in Training und Wettkampf
3.1 Bedeutung der Leistungserfassung
3.2 Test- und Prüfverfahren
3.2.1 Grundsätzliches zur Leistungsdiagnostik
3.2.2 Tests im Training
3.2.2.1 Test zur Technikkontrolle
3.2.2.2 Test zu Spiel- und Taktikanalyse
3.2.2.3 Koordinative Tests
3.2.2.4 Konditionelle Tests
3.2.3 Leistungserfassung im Wettkampf
3.2.3.1 Test zur Spiel-/Wettkampfanalyse

4 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Leistungsstruktur im Sportspiel

Das Sportspiel ist gekennzeichnet durch ein komplexes Bedingungsgefüge, welches zur fachgerechten Bestimmung der Leistungsstruktur in dem jeweiligen Sportspiel unbedingt einer Modellierung der individuellen und kollektiven Leistungsstruktur unterzogen werden muss.

Zunächst erfolgt eine Beschreibung und Analyse der komplexen Sportspielleistung der gesamten Mannschaft, ehe die individuelle Spielleistung als Relationsgröße eine differenzierte und präzisere Aufgliederung der erbrachten Leistung aufzeigt.

Nach HAGEDORN (1972) hat somit jede Leistung im Sportspiel zwei Dimensionen:

- Individuelle Dimension
- Kollektive Dimension

„Die individuelle Dimension bezeichnet den Stellenwert der Einzelleistung im Zusammenspiel der Gruppe, sie vergleicht Einzelleistung mit Einzelleistung.

Die kollektive Dimension misst die Gesamtleistung einer Gruppe oder Mannschaft als die Mannschaftsleistung, d.h. in einer bestimmten Leistungssituation im Vergleich zum Spielgegner und seiner Position im nationalen oder internationalen Gesamtklassement.“

(vgl. HAGEDORN 1972)

Die zwei Dimensionen stehen im unmittelbaren abhängigen Zusammenhang zueinander. Man kann sagen, dass die komplexe kollektive Spielleistung aus der Summe der komplexen Einzelleistungen der Spieler besteht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Strukturmodell der Dimensionierung und Hierarchisierung der komplexen Mannschaftsleistung (BRACK/HOHMANN 1983, 9)

Die Dimensionierung der Mannschaftsleistung behandelt die

- kollektive Spielleistungsstruktur
- Personenstruktur
- Spielsteuerungsstruktur

(nach BRACK 1983; aus Leistungssport 1983/2, 7)

kollektive Sportspielleistungsstruktur

Das Interesse gilt hierbei der Analyse der Leistung von verschiedenen Spielergruppen bzw. Teilleistungen der gesamten Mannschaft, die auf Grund vorher erfolgter individueller Spielhandlungen entstanden sind. Zu beachten ist die Kategorisierung der Leistung (individuell, partiell-kollektiv, total-kollektiv). Spielsequenzen bilden somit die Grundlage von kollektiven bzw. individuellen Handlungen. Für bestimmte Niveauklassen lassen sich charakteristische Spielverläufe und die daraus resultierenden Spielweisen in sich ändernden Spielsequenzen beobachten. Die kollektiven oder individuellen Handlungen sind demnach stark leistungsbestimmend.

Personenstruktur

Da jedes Mannschaftsmitglied unterschiedliche individuelle Fähigkeiten und Charaktereigenschaften sowie eine eigene Persönlichkeit besitzt, ist es zwingend notwendig diese sinnvoll und koordiniert zum Einsatz zu bringen. Nur ein optimales Zusammenwirken der spezifischen Ausprägungen der individuellen Spielerleistungen kann zu einer erfolgreichen Mannschaftsleistung führen.

KRAUS (1976) klassifiziert Spielertypen im Zusammenhang mit der Synthese der Mannschaftsstruktur wie folgt:

- Funktionsspezialisierung
- Positionsspezialisierung
- Zusammensetzung der Mannschaft nach psychischen Werten.

Spielsteuerungsstruktur

Die Struktur der Spielsteuerung betrachtet den Einflussaspekt auf die Mannschaftsleistung, den ein Trainer durch bestimmte Maßnahmen erzielen kann. In der Regel handelt es sich hierbei um Spielerwechsel und die Verteilung der Einsatzzeiten der Spieler. Zur Beurteilung der möglichen Leistungswirksamkeit bzw. Leistungsfähigkeit dieser Handlungen, muss der Trainer gleichzeitig die Personenstruktur berücksichtigen. Die momentane Leistungsfähigkeit des einzelnen Spielers und dessen positionsspezifische Funktionalität müssen Beachtung bei der Entscheidung zur möglichen Maßnahme finden.

„Die Hierarchisierung führt zu einem Pyramidenmodell des Bedingungsgefüges der Sportspielleistung. Die vertikale Gliederung der Leistungsstruktur richtet sich nach der Komplexität der Leistungsfaktoren und vor allem, ob die Spielleistung direkt oder indirekt beeinflusst wird. Die Differenzierung in direkt bzw. indirekt leistungsbestimmend, die modellbezogen und damit relativ ist, ermöglicht eine erste Unterscheidung der relevanten Faktoren auf folgenden Erklärungsebenen: Spielwirksamkeit, Spielfähigkeit, Leistungsvorrausetzungen und externe Faktoren.“

( BRACK 1983; aus Leistungssport 1983/2, 10)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Hierarchisches Strukturmodell der komplexen individuellen Sportspielleistung (mod. nach HOHMANN/BRACK 1983, 99)

2 Leistungsstruktur im Handball

2.1 Spezifische Merkmale des Handballspiels

Die allgemeinen Kennzeichnungen der Leistungsstruktur der komplexen individuellen Sportspielleistung (vgl. Abb.2) treffen für Handball grundsätzlich zu.

Die wichtigsten Merkmale sind:

- Symmetrie zwischen Angriff und Verteidigung, Spielgedanke ist auf Angriff ausgelegt,
- wechselnde Spielbedingungen und Positionswechsel erfordern universelle Ausbildung und Spezialisierung auf hohem Niveau,
- hohe Anforderungen an physische Belastbarkeit und Verhaltensflexibilität auf Grund von Gegnerkontakt,
- Spielhandlungen werden im Ergebnis und der technischen Ausführung vom Schiedsrichter bewertet, nicht die Richtigkeit des technischen Ablaufes sondern Güte der situativen Entscheidung im Vordergrund,
- hohe Anforderungen an möglichst perfekte Technik, Handlungsschnelligkeit und Handlungsgenauigkeit (Präzision) wegen der Störung durch den Gegner,
- Trainer hat Möglichkeit auf Spielverlauf durch Auswechslungen und Auszeiten Einfluss zu nehmen,
- Angriff im Handball gekennzeichnet durch individuelle Handlungen als Auslöser für partiell-kollektiv oder total-kollektive Handlungsfolgen, sowie spieltaktischer Positionssysteme und Positionswechsel
- Abwehr im Handball gekennzeichnet durch das Ausführen verschiedener taktischer Positionssysteme und aktives Stören der gegnerischen angreifenden Mannschaft

2.1.1 Technisch-taktischer Faktor

2.1.1.1 Technik

Die Technik im Handball umfasst erprobte, zweckmäßige und effektive Bewegungen, um Spielsituationen motorisch zu lösen zu können. Hier sind die handballspezifischen Grundtechniken Torwürfe, Täuschungen, Ballannahme und Dribbling, Passtechniken und Abwehrtechniken sowie im Überschneidungsbereich mit der Taktik Technikvariationen und Technikvariationen zu nennen (vgl. SPÄTHE 1997, 49).

STIEHLER et al. (1988, 95ff.) haben Besonderheiten für die Technik im Sportspiel herausgestellt:

- Jeder Bewegungsablauf wird nur als taktisch determinierte Handlung mit dem Ziel der zweckmäßigen Lösung einer Spielsituation wirksam.
- Die Handballtechnik wird trotz des Regelwerks in der Qualität ihrer Ausführung durch die harte Führung von Zweikämpfen stark beeinträchtigt.
- Zur Spezifik der Handballtechnik gehören Täuschungshandlungen mit dem Ziel einer erfolgreichen Zweikampfführung.

Die nachfolgenden Tabellen sollen einen Überblick über die Vielfalt und Komplexität der möglichen Techniken im Handball geben. Auf Grund der sich ständig ändernden Spielsituation und der daraus resultierenden neuen Handlungsaufgabe, sind diese Techniken eng verknüpft mit der Taktik und der Koordination.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1: Erweiterte Anforderungen an ein modernes Profil für Rückraumspieler (SPÄTE 1997, 8)

SPÄTE (1997) differenziert die die Angriffstechniken stark auf den Bereich des Hochleistungssports unter dem Aspekt der Handlungsschnelligkeit. Folgende Grundtechniken des Angriffsspiels sind fundamental und müssen deshalb genannt werden:

- Ballführung (Prellen, Tippen)
- Ballannahme (Fangen hoher bzw. flacher Bälle)
- Werfen (Passen, Torwürfe)
- Torwürfe (Schlagwurf, Sprungwurf, Fallwurf, Wurfvariationen, Trickwürfe)
- Täuschungen/Finten (Pass-, Blick-, Wurf-, Lauffinte, Körpertäuschung, Abdrehen, Überzieher)

(vgl. KOLODZIEJ 2007, 58ff.)

Auch das moderne Abwehrspiel wird geprägt unter dem Gesichtspunkt der Handlungsschnelligkeit. Der momentane Trend des forcierten Angriffsspiels im internationalen Spitzenhandball wird der Abwehr im Training und Wettkampf zu wenig Bedeutung beigemessen. Ein Handballspiel kann aber nur dann erfolgreich bestritten werden, wenn den Erfolg des Gegners durch Abwehraktionen unterbunden wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.2: Anforderungen an ein modernes Profil für das Abwehrspiel (vgl. KOLODZIEJ 2007, 22ff.)

2.1.1.2 Individuelle und kollektive Taktik

Taktik ist im umfassenden Sinne die Gesamtheit der individuellen und kollektiven Verhaltensweisen, Handlungen und Operationen von Sportlern und Mannschaften, die unter Beachtung der Wettkampfregeln des Partner- und Gegnerverhaltens sowie äußerer Bedingungen auf die volle Nutzung der eigenen Leistungsvoraussetzungen im Sinne eines bestmöglichen Wettkampfergebnisses oder einer optimalen Leistung gerichtet sind.

(nach SCHNABEL/HARRE/KRUG/BORDE 2003)

Bei der individuellen Taktik geht es für jeden Spieler darum, seinen persönlichen (individuellen) Anteil an der kollektiven Leistung der Mannschaft zu erbringen. Die zu leistenden Beiträge sind in Angriff und Abwehr zu unterscheiden.

(nach STIEHLER/KONZAG/DÖBLER 1988)

Als kollektive Taktik wird das Zielorientierte und zweckmäßige Zusammenwirken der Mannschaft (Mannschaftstaktik) und von Gruppen innerhalb einer Mannschaft (Gruppentaktik) im Wettkampf bezeichnet. Sie umfasst alle kollektiven Angriffs- und Verteidigungshandlungen und reicht vom Zusammenwirken zweier Spieler bis zur Formierung und Zusammenarbeit von Mannschaften im Angriff- und Abwehrverhalten. Sie muss die individuellen Qualitäten der Spieler und die Dynamik gruppentaktischer Handlungen einkalkulieren. (nach STIEHLER/KONZAG/DÖBLER 1988)

Alle Handlungen im Wettspiel beruhen auf WAS- und WIE-Entscheidungen (ROTH 1989). Sich ständig ändernde Spielsituationen müssen neu bewertet werden. Dies erfordert eine hohe Beanspruchung an die Wahrnehmung, Antizipation und Entscheidungsfähigkeit des Spielers. Individuelle Handlungen müssen möglicherweise auf Kollektiv abgestimmt werden (Kooperation), wobei ein direkter Gegnerkontakt Einfluss hat. Man spricht von der Handlungsfähigkeit des Sportspielers.

Die komplexe Handlungsfähigkeit basiert auf drei Teilbereichen: Die taktischen Kenntnisse umfassen die Wettkampfregeln und allgemeine Erfahrungen zum optimalen verhalten im Wettspiel. Die taktischen Fähigkeiten orientieren sich am Verlauf der Handlungsregulation und untergliedern sich entsprechend in Wahrnehmungs-, Antizipations- und Entscheidungsfähigkeit. Taktische Fertigkeiten sind automatisierte Handlungsprogramme, die ohne bewusste Steuerungsvorgänge im Spiel als so genannte Assoziationslösungen abrufbar sind.

(BRACK 2002, 104)

Taktik heißt also die Technik situationsadäquat und zielgerichtet einzusetzen. Zur Erfassung und Zergliederung taktischer Handlungen im Handball ist eine erste Einteilung in Abwehr- oder Angriffstaktik notwendig. Bei der Abwehr-/Angriffstaktik ist eine positionsspezifische Aufgabe zu erfüllen, welche in Abstimmung mit den Nebenspielern und im Sinne des jeweiligen Spielsystem steht. Die Komplexität der Abwehrtaktik ist im Vergleich zu der Angriffstaktik geringer. Begründet liegt dies in der alleinigen Konzentration auf den angreifenden Gegenspieler. Bei der Angriffstaktik hingegen liegt die Konzentration auf den verteidigenden Gegenspieler und den Ball. Im zweiten Schritt wird eine Differenzierung in Individualtaktik, Gruppentaktik und Mannschaftstaktik vorgenommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Systematisierung der Taktik

Abwehrtaktik des Einzelspielers

Der Abwehrspieler versucht aus der Grundstellung heraus den angreifenden Gegenspieler zu bespielen. Dabei hat er die Möglichkeit durch ein antizipatives Abwehrspiel das gegnerische Angriffsspiel frühzeitig zu unterbinden. Wenn er sich rechtzeitig in eine gute Abwehrposition bringt (leichte Querstellung zur Wurfarmseite des Gegners), bestimmt er aktiv die Position des Zweikampfs. Weiterhin ist es wichtig für den Abwehrspieler stets in einer Bereitschaft zur Wurfabwehr zu sein (Armeinsatz). Dies ist Voraussetzung für ein Zusammenspiel mit dem Torwart. Des Weiteren werden die o.g. Abwehrtechniken (Tab.2) als individuelle taktische Mittel eingesetzt.

Abwehrtaktik in der Gruppe

Eine taktische Abwehrgruppe besteht aus zwei bis vier Spielern. Deren Ziel ist die Verringerung des Spielraumes und den Gegner somit in seinem Handlungsfeld einzugrenzen.

Im Handball werden diese Gruppen meist nach Spielposition eingeteilt (linke oder rechte Abwehrseite, „Mittelblock“ – Hinten-Mitte-Links und Hinten-Mitte-Rechts). Handballtypische Gruppentaktische Handlungen sind:

- Begleiten bis zur Übergabe
- Sperren ausweichen
- Übergeben-Übernehmen kreuzender Angreifer
- Sichern
- Aushelfen
- Doppeln
- Doppelblock
- Pässe abfangen

(vgl. KOLODZIEJ 2007, 31ff.)

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Details

Seiten
43
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640122523
ISBN (Buch)
9783640124886
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112754
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Sportwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Leistungssystem Handball Leistungsdiagnostik

Autor

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Titel: Leistungssystem Handball