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Landnahme im Nigerdelta. Gesellschaftliche und ökologische Folgen der Ölförderung seit den 1970er Jahren

©2018 Hausarbeit 18 Seiten

Zusammenfassung

Landnahme ist in der heutigen Zeit in aller Munde. Dabei ist Landnahme kein neues Phänomen mit dem sich Politikwissenschaftler auseinandersetzen. Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus 1492 und dem daraus resultierenden Atlantischen Dreieckshandel, der zwischen Nordamerika, Südamerika und Afrika stattfand, war die Landnahme schon in vollem Gange. Das Frühphänomen der Landnahme war indes nicht als Landnahme angesehen, sondern floss in die Begrifflichkeit der Kolonisation hinein. Im globalem Süden nimmt die Landnahme seit Jahren stetig zu. Dies hängt mit politischen Unruhen, Wirtschafts, Energie, Nahrungsmittelpreiskrisen etc. im globalem Norden zusammen. Folglich sind Spekulanten, meist aus dem Westen, stets auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten, die horrende Gewinne abwerfen sollen. In dieser Arbeit wird auf die Landnahme im globalem Süden am Beispiel von Nigeria anhand verschiedener Punkte eingegangen und aufgezeigt, wie die Landnahme von der Regierung Nigerias und ausländischen Konzernen, meist Ölfirmen seit Anfang der 1970er Jahre forciert wird und ob die daraus entstandene wirtschaftliche Prosperität des Landes soziale, ökologische und ökonomische Konsequenzen mit sich bringt.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Landnahme
2.1 Landnahme auf globaler Ebene
2.2 Landnahme in Nigeria

3. Fallstudien der Landnahme im Nigerdelta
3.1 Die nigerianische Regierung
3.2 Die (Öl)Konzerne

4. Chancen und Herausforderung aufgrund der Landnahme
4.1 Die Einheimischen des Nigerdeltas
4.2 Die Auswirkungen auf die Umwelt

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Landnahme ist in der heutigen Zeit in aller Munde. Dabei ist Landnahme kein neues Phänomen mit dem sich Politikwissenschaftler auseinandersetzen. Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus 1492 und dem daraus resultierenden Atlantischen Dreieckshandel, der zwischen Nordamerika, Südamerika und Afrika stattfand, war die Landnahme schon in vollem Gange. Das Frühphänomen der Landnahme war indes nicht als Landnahme angesehen, sondern floss in die Begrifflichkeit der Kolonisation hinein. Im globalem Süden nimmt die Landnahme seit Jahren stetig zu. Dies hängt mit politischen Unruhen, Wirtschafts, Energie, Nahrungsmittelpreiskrisen etc. im globalem Norden zusammen. Folglich sind Spekulanten, meist aus dem Westen, stets auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten, die horrende Gewinne abwerfen sollen.

In der vorliegenden Arbeit wird auf die Landnahme im globalem Süden am Beispiel von Nigeria anhand verschiedener Punkte eingegangen und aufgezeigt, wie die Landnahme von der Regierung Nigerias und ausländischen Konzernen, meist Ölfirmen seit Anfang der 1970er Jahre forciert wird und ob die daraus entstandene wirtschaftliche Prosperität des Landes soziale, ökologische und ökonomische Konsequenzen mit sich bringt. Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Begriffserklärung der Landnahme. Kapitel (2.1) geht auf die Landnahme auf globaler Ebene ein. Wer sind die Initiatoren der Landnahme, wer profitiert von der Landnahme auf der globalen Bühne? Während, Kapitel (2.2) von der Landnahme in Nigeria handelt und folglich tiefer in die Materie der Arbeit geht. Wer initiiert die Landnahme und worauf basiert sie? Wie kommt es seit Anfang der 1970er Jahre weiterhin zur Landnahme in Nigeria? Wer sind die Nutznießer und wer die Leidtragenden der verursachten Landnahme. Kapitel (3) indessen beleuchtet die Landnahme anhand zweier Fallstudien der Landnahme im Nigerdelta. Das Kapitel ist zudem in zwei Unterkapitel unterteilt. Kapitel (3.1) auf der einen Seite setzt sich mit der nigerianischen Regierung auseinander. Schließlich ist die Regierung sich ihrer Rolle in der Landnahme bewusst, denn sie gilt seit Anfang der 1970er Jahre bis heute als Hauptinitiator der Landnahme. Derweil Kapitel (3.2) auf der anderen Seite sich die Machenschaften der (Öl)Konzerne, die im Eintracht mit der nigerianischen Regierung die Landnahme im Landesinneren Anfang der 1970er Jahre forcierten und weiterhin forcieren. Welche Rolle nehmen die (Öl)Konzerne ein und ist eine Ausweitung der Landnahme auf andere Wirtschaftssektoren in Nigeria spürbar? Kapitel (4) ist ebenfalls in zwei Unterkapitel unterteilt und soll die Chancen und Herausforderung der Landnahme aufleuchten. Durch die Landnahme kommt es immer wieder zu Gewinnern und Verlierern. Das Aufzeigen der Konsequenzen der Landnahme erfolgt durch die Perspektive der Einheimischen des Nigerdeltas, die der Meinung sind autochthon zu sein. Während, Kapitel (4.2) die Auswirkung auf die Umwelt beleuchtet. Ein Fazit und ein kurzer Ausblick auf die Problematik der Landnahme durch die Regierung Nigerias und (Öl)Konzerne in den 1970er Jahren im Nigerdelta und die Frage, ob diese durch die heutige wirtschaftliche Prosperität des Landes gerechtfertigt ist, und eine kurze Evaluierung der aufgezeigten Punkte der Thematik beschließen die Arbeit.

2. Definition Landnahme

Eine einheitliche Definition für das Wort Landnahme ist nicht vorhanden. Im englischspra­chigem Raum wird die Landnahme durch das Cambridge Dictionary folgendermaßen erklärt: ,,the act of taking an area of land by force, for military or economic reasons'' (Cambridge Dic­tionary, 2008). Während, der Brockhaus im deutschsprachigem Raum die Landnahme wie folgt definiert: ,,Landnahme ist jede Inbesitznahme Grund und Bodens unabhängig von Eigentumsverhältnissen, Zustimmung bzw. Duldung'' (Brockhaus 1990, 43). Experten, die sich auf die Landnahme spezialisiert haben, gehen in der Erklärung etwas weiter und zeichnen die Mechanismen, die bei der Landnahme zu Werke sind, auf. Ein Bespiel der Definition findet sich in dem Beitrag " Global land and water grabbing" von Maria Cristina Rulli, Antonio Saviori und Paolo D'odorico. Nach den Wissenschaftlern ist die Landnahme eine Maßnahme, die von Regierungen und zum Teil Unternehmen forciert wird, um deren Nachfrage nach Essen und Energie stillen zu können, dabei werden Ländereien im fernen Ländern akquiriert (vgl. Rulli et al. 2013, 6)1.

Nach Saturnino Borras, Professor der Agrarwissenschaften an der Universität zu Den Haag, ist die zeitgenössische Landnahme die Eroberung von Ländereien oder natürliche Rohstoffe durch eine Varietät von Mechanismen und Formen, die ein Kapital mit sich brächte, das imstande ist, die Nutzung von Rohstoffen, sei es für den internationalen oder nationalen Markt dementsprechend zu bewegen. Ferner sei dies eine kapitale Reaktion auf die Konzentration der Essen, Energie und Finanzkrise. Darüber hinaus fungiert die Landnahme als eine Entschärfung der immer wieder auftretenden Forderungen, die der Klimawandel mit einem stetig wachsenden globalen Kapitel mit sich bringt (vgl. Borras et al. 2012, 45). Die Konferenz (Tirana Conference of the International Land Coalition), die im Jahre 2011 stattfand definiert die Landnahme als der Erwerb von Ländereien, die die Menschenrechte verletzen, zudem keine Zustimmung der präexistenten Landnutzer und die sozialen und ökologischen Auswirkungen in Betracht zieht (vgl. Rulli et al. 2013, 6). Eine weitere breite Definition der Landnahme liefern Maria Cristina Rulli und ihr Team. Laut ihnen bedeutet Landnahme das Transferieren von Landrechten von Einheimischen an ausländische Investoren, die die Ländereien im Großformat (mehr als 200 ha pro Deal) erwerben (vgl. Rulli et al. 2013, ebd.).

2.1 Landnahme auf globaler Ebene

Um das Ausmaß der Landnahme verstehen zu können, ist eine geschichtliche Exkursion an dieser Stelle unabdingbar. Die Landnahme lebt stark vom Kapitalismus und ist vom Kapitalismus abhängig. Der marxistische Soziologe Lefebvre stellte die These auf, dass ,,der Kapitalismus dank der Produktion von Raum überlebe'' (Lefebvre 1976, 7). Die Historikerin Ulrike Jureit, die sich mit der Herrschaft im kolonialen Raum auseinandersetzt, erörtert die Landnahme auf globaler Ebene folgendermaßen: ,,Im Verlauf der kolonialen Eroberungen hatte sich weltweit verschiedenste Anwartschaften, Rechtstitel und Besitzverhältnisse entwickelt, und die seit den 1870er Jahren erneut zuspitzende Rivalität im koloniales Land - vor allem in Zentral - und Südafrika'' (Jureit 2015, 2). Nicht nur Historiker beschäftigen beziehungsweise beschäftigten sich mit der Landnahme. Schon 1913 veröffentlichte Rosa Luxemburg ihre ökonomischen Schriften " Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus." In ihrer Schrift, stark angelehnt an die „ursprüngliche Akkumulation“ von Karl Marx, prangert Rosa Luxemburg ,,den Wachstumszwang kapitalistischer Gesellschaften'' an (Haubner 2013, 1). Kapitalistische Gesellschaften, im Falle der Landnahme Regierungen, würden die Akkumulation ,,als strukturellen Zwang zur Eroberung noch nicht kommodifizierter Territorien, Materialen, Rohstoffe oder Arbeitskräfte'' ansehen (Luxemburg 1921, 417f). ,,Mit dem auf ihre Analyse rekurrierenden Landnahme - Begriff kann die Dynamik kapitalistischer Gesellschaften als eine ständige Okkupationsbewegung verstanden werden, die selbsterzeugte Schranken der Kapitalakkumulation zu überwinden sucht'' (Haubner 2013, 1).

Ein weiterer Experte, der die Akkumulationsthese vertritt, ist der Humangeograph David Harvey. In seinem Buch "Der neue Imperialismus: Akkumulation durch Enteignung2 ", versucht David Harvey die Problematik(en) der Landnahme zu rekonstruieren.

,,Der globale Kapitalismus ist seit den 1970er Jahren mit dem Problem einer chronischen Überakkumulation konfrontiert'', so David Harvey (Harvey 2003, 2). Um der seit den 1970er Jahren auftretende Krise entgegenzuwirken, habe der globale Norden eine „raum-zeitliche Bindung'' entworfen. Nach Harvey waren das ,,(a) Investitionen in langfristige Kapitalprojekte” oder ,,(b) die Erschließung neuer (Absatz-) Märkte, neuer Produktionskapazitäten und Ressourcen sowie neuer Beschäftigungsfelder an anderen Orten, oder (c) durch Kombination von (a) und (b)'' (Harvey 2003, 5). Dementsprechend ist die „raum-zeitliche Bindung'' als die Antwort der kapitalistischen Krisen im globalen Norden wahrnehmbar. Ferner, forciert durch eine geografische Expansion gen globalen Süden. Geschichtlich betrachtet war die Landnahme durch den „Kolonialismus und Imperialismus die einzigen Möglichkeiten einen Bürgerkrieg im Mutterland zu vermeiden'' so Wladimir Illjitsch Lenin, einer der bekanntesten Revolutionär und marxistischer Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Dies hatte zur Folge, dass viele europäische Staaten auf der Suche nach Lösungswegen eine Expansionspolitik betrieben, die weit über dem europäischen Kontinent hinausging.

Genaue Zahlen der Landnahme sind nicht vorhanden, da sie weiterhin auf der Welt verteilt vonstattengeht. Forscher sind aber der Meinung, dass Landnahme mittlerweile auf allen Kontinenten der Erde stattfindet, außer in der Antarktis (vgl. Rulli et al. 2013, 2). Länder im Nahen Osten, im Südostosten Asien, in Europa und Nordamerika seien die Leuchttürme der globalen Landnahme (vgl. Rulli et al. 2013, ebd.). Ferner habe Landnahme in mindestens 62 Ländern stattgefunden (vgl. Rulli ett al. 2013, ebd.). Nach Leighton Walter Kille ist der afrikanische mit 47% und der asiatische Kontinent mit 33% am meisten von der globalen Landnahme betroffen (vgl. Kille 2013, 2). Maria Cristina Rulli und ihre Kollegen sehen die Landnahme als eine neue Form der Kolonisation, die sich in den letzten Jahren intensiviert hat. Die Intensivierung der Landnahme sei auf die steigenden Lebensmittelpreise zwischen den Jahren 2007 und 2008 zurückzuführen. Ferner, hat die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln wie Weizen, Reis, Mais und Sojabohnen, besonders in China und Indien (beide Staaten haben eine Bevölkerungsanzahl von über 1 Milliarden), als Ursachen gedient. Der Anstieg der Biotreibstoffproduktion, Finanzspekulationen und das Vorkommen von widrigen klimatischen Bedingungen gekoppelt in Ländern wie den Vereinigte Staaten, der Ukraine und Russland, die als Kornkammern der Welt fungieren, zogen die Landnahme auf den globalen Süden hinüber (vgl. Rulli et al. 2013, ebd.). Zudem sah der globale Norden die Sicherstellung seiner Lebensmittel in Gefahr. Um diese abzuwehren, fingen Unternehmen und Regierungen im Stillen an, Ländereien im globalen Süden zu erwerben. Darüber hinaus wurde das Phänomen der Landnahme durch die stetig steigende Nachfrage nach Biotreibstoffen, Holz, Rohmaterialien und der Kohlenstoffbindung weiterhin forciert (vgl. Rulli et al. 2013, ebd.). In der Thematik der Landnahme ist ebenfalls anzumerken, dass sie nicht ausschließlich der Landnutzung dient. Die Wassernahme (engl. water grabbing) spielt ebenso eine große Rolle, nicht zuletzt durch die mediale Präsenz der Firma Nestlé. Da die Lebensmittelerzeugnisse direkt oder indirekt Land und Wasser brauchen, ist ein Wettlauf um weitere Ländereien, vor allem derer, die am Wasser gelegen sind, entbrannt (vgl. Rulli et al. 2013, ebd.).

[...]


1 Im Original englischsprachige Zitate wurden ins Deutsche übersetzt.

2 Juristisch den Entzug des Eigentums an einer unbeweglichen oder beweglichen Sache durch den Staat, im Rahmen der Gesetze gegen eine Entschädigung.

Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346497406
ISBN (Paperback)
9783346497413
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Note
2,0
Schlagworte
landnahme nigerdelta gesellschaftliche folgen ölförderung jahren
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Titel: Landnahme im Nigerdelta. Gesellschaftliche und ökologische Folgen der Ölförderung seit den 1970er Jahren