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Die PISA - Studie, das Litracy - Konzept und ihre Auswirkungen für den Elementarbereich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 27 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorbemerkungen

2. Die PISA - Studie und ihre Konzeption
2.1 Die Erhebung von Kompetenzen
2.2 Der Messgegenstand bei PISA
2.3 Das Litracy - Konzept bei PISA

3. PISA und der Elementarbereich - Ergebnisse aus der Studie und ihre Anstöße für den Elementarbereich
3.1 Die „Risikogruppen“ laut PISA
a) Die soziale Herkunft
b) Kinder mit Migrationshintergrund
3.2 Wo kann der Elementarbereich ansetzen?
3.3 Bildung im Kindergarten

4. Kritik: Was ist der Mensch laut PISA? Bzw. Was soll das Kind?

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Vorbemerkungen

„Der internationale Vergleich von Bildungssystemen – auch im Rahmen internationaler Schulleistungsuntersuchungen – sollte eigentlich Grundlage jeglicher nationaler Bildungsplanung sein.“ behaupten Wilfried Bos und Knut Schwippert (Bos, W./ Schwippert, K. (2002), S. 12). Stimmt das? Natürlich gehört es zu einer Verbesserung und Weiterentwicklung eines Systems, dass Leistungen, die innerhalb und von diesem System erbracht werden, evaluiert werden.

Doch wird der Vergleich im Hinblick auf die Effektivität und der Wettbewerb mit anderen Staaten gerade im Bildungssystem deswegen zu einer Grundlage der Bildungsplanung?

Was wird dann aus der „verplanten“ Bildung? Wenn es nur noch um die Effektivität von Bildungssystemen und ihren Institutionen geht, gerät die Bildung zu einer Art Ware, die auf dem globalen Markt angeboten werden soll. Die Schule und die Universität werden zu Dienstleistern, die den Markt mit fähigen, funktionstüchtigen jungen Menschen versorgen sollen. Und im Anschluss daran natürlich auch die erste Stufe des Bildungssystems, der Elementarbereich.

Es geht dann nicht mehr um die Person des Einzelnen, sondern darum, welchen Wert er für die Gesellschaft hat (andererseits hat gerade die OECD (deutsch: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) - PISA – Studie aufgedeckt, dass viele Menschen aufgrund ihrer Herkunft von der Gesellschaft als weniger wertvoll (ver-) beurteilt werden und im Bildungssystem weniger Chancen haben (Stanat et al (2002), Die PISA – Studie im Überblick, S. 13ff)).

Individuelle Bildungspläne, wie sie im Kindergarten im besten Fall möglich sind, kann es unter diesen Voraussetzungen dann nicht mehr geben. Individuelle Entwicklung wird dann gemessen an Vorgaben, Kinder können schneller in den Status gelangen, den Anforderungen nicht mehr zu genügen. Spezielle Förderung bekäme dann auch an mancher Stelle einen schalen Beigeschmack, denn nicht jede „Entwicklungsverzögerung“ bedarf einer gezielten Förderung, sondern manchmal auch einfach nur Zeit und Raum zur freien Entfaltung.

Auch wenn der Elementarbereich in den Ergebnissen der PISA - Studien keine Verantwortung für das schlechte Abschneiden der Schüler übertragen bekommt - immerhin wurden 15-Jährige Schüler getestet, die den Elementarbereich lange hinter sich gebracht haben - gelangt auch der Vorschulbereich schnell in den Verdacht, mitverantwortlich für das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler zu sein.

Zumindest wird kritisch gefragt, was der Elementarbereich besser machen kann und muss, will er den neuen Anforderungen an das Bildungssystem Rechnung tragen und die Förderung der Kompetenzen schon im Kindesalter gewährleisten.

In vielfacher, verschiedener Hinsicht wird der Elementarbereich nun unter die Lupe genommen. Beispielsweise wird an der Ausbildung des Personals angesetzt, an die Stelle der fachschulischen Ausbildung soll nun, ähnlich wie in anderen OECD - Ländern, die akademische Ausbildung treten. Davon verspricht man sich eine Qualitätssteigerung der erzieherischen Tätigkeit und somit eine Optimierung der Förderung im Elementarbereich.

In allen Ländern der Bundesrepublik gibt es nun Bildungspläne für den Elementarbereich, mal mehr, mal weniger genau ausgearbeitet und verbindlich.

Zwar wurden Kindertageseinrichtungen bereits „1972 als erste Stufe des Bildungswesens definiert“ (Wehrmann, Ilse (2004), S. 240), doch nicht zuletzt durch die PISA - Studie (und auch andere Studien) gerät auch der Bildungsauftrag des Elementarbereichs immer mehr in den Fokus.

Der Vorwurf, der dem Kindergarten wohl am lautesten gemacht wurde und immer noch gemacht wird, ist wohl der, dass er die Kinder nicht genügend auf die Schule und das schulische Lernen vorbereite (Rauschenbach, Thomas (2004), 112). Nachteile aufgrund der Herkunft sollen im Kindergarten nicht angemessen ausgeglichen, Potenziale somit ungenutzt liegen gelassen worden sein (Rauschenbach, Thomas (2004), S. 112).

An dieser Stelle sei die IGLU - Studie erwähnt, die gezeigt hat, dass bis zum Ende der vierten Klasse ein Leistungsniveau weitestgehend aller Schüler auf den einzelnen Kompetenzen (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften) erreicht wird, das den erfolgreichen Besuch der weiterführenden Schulen ermöglichen soll (ebd.).

Hier muss man anmerken, dass die meisten „Fehler“, sollten sie gemacht werden, offenbar oftmals nach dem Besuch der Grundschule und nicht vorher gemacht werden.

Weiterhin wurde in der IGLU - Studie ein positiver Zusammenhang zwischen dem Kindergartenbesuch eines Kindes und seinem Leistungsniveau in der vierten Klasse festgestellt (Rauschenbach, Thomas (2004), S. 114).

Gerade, wenn der Kindergarten in seiner Funktion als Vorbereitung auf das schulische Lernen in den Vordergrund tritt, wird ein ganz erheblicher Vorteil des Kindergartens unterschlagen: Der Kindergarten als ein Ort der informellen Bildung.

Kindergarten ist eben nicht wie Schule, an der Lernen in formalisierten Bahnen geschieht. Im Kindergarten sind die Räume für die Kinder freier, offener und individueller; Bildung kann in vielfacher Weise geschehen und unterscheidet sich von der Art des schulischen Lernens enorm (Rauschenbach, Thomas (2004), S. 118).

Der Elementarbereich sollte hier seine Chancen nutzen, eine ganz eigene Bildungsidee zu formulieren und nicht generellen Bildungsplänen folgen unter der Maßgabe des schulischen Lernkonzepts (ebd.).

Denn der Kindergarten als Ort auch des individuellen Lernens verliert eindeutig auch an Profil, wenn er weiter in den wortwörtlichen Bereich einer vorschulischen Institution gedrängt wird.

Im folgenden wird es zunächst darum gehen, die PISA - Studie näher zu erläutern.

Obwohl der Elementarbereich in der Studie nicht Gegenstand der Untersuchungen war, lassen sich aus dem Litracy - Konzept, das PISA zugrunde liegt, viele Rückschlüsse auf den Elementarbereich ziehen, wie er diesem Konzept zufolge aufgebaut werden sollte.

Im Anschluss an die Ergebnisse von PISA wird es zunächst kurz darum gehen, inwieweit der Elementarbereich die „Risikogruppen“ bei PISA auffangen und fördern könnte. Dabei möchten wir auf die Besonderheit der Bildung im Kindergarten eingehen und diese auch im Hinblick auf ihre Chancen näher erläutern.

Der Bildungsauftrag, der dem Kindergarten nicht erst seit 2001 (seit der Bekanntgabe der PISA - Ergebnisse) gestellt wird, ist oft orientiert an der Vorbereitungsfunktion auf die Schule und weniger an den frühkindlichen Bildungsprozessen und ihren Besonderheiten. Die Kinder sollen zum Lernen und Anpassen befähigt werden, um für die Gesellschaft nützlich zu sein.

Deswegen soll auch Teil dieser Arbeit sein, Kritik zu üben an dem Menschenbild, das PISA vermittelt. Die Frage wird lauten: Was ist der Mensch nach PISA? Bzw. Was soll das Kind? Natürlich immer auch unter dem Gesichtspunkt, was diese Entwicklung für den Elementarbereich bedeutet. Hier wird es dann zu einem kurzen Vergleich mit Wilhelm von Humboldt kommen, um daran dann das Bildungsverständnis der OECD - Studie PISA zu verdeutlichen.

In einer Schlussbemerkung wird es dann darum gehen, die Position des Elementarbereichs im Bildungssystem zu beurteilen und zu bewerten.

2. Die PISA - Studie und ihre Konzeption

2.1 Die Erhebung von Kompetenzen

Das „Programme for International Student Assessment“, kurz PISA, ist ein von der OECD durchgeführtes Programm zur „zyklischen Erfassung basaler Kompetenzen der nachwachsenden Generation“ (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 15).

Die PISA – Studien wurden bisher in den drei Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften durchgeführt. Im Jahr 2000 lag der Schwerpunkt auf der Lesekompetenz, 2003 wurde insbesondere der Bereich der Mathematik überprüft und 2006 war der naturwissenschaftliche Bereich an der Reihe. Der Zyklus soll sich alle neun Jahre wiederholen, sodass im Jahr 2009 also wieder die Lesekompetenz erhoben werden soll.

Die Mitgliedstaaten der OECD sollen durch diese Erhebungen Daten zur Verfügung gestellt bekommen, die es Ihnen ermöglichen, ihre Bildungssysteme zu überprüfen, miteinander zu vergleichen und zu verbessern.

Jürgen Baumert u. a. fassen die Zielsetzung der PISA- Studie folgendermaßen zusammen: „Primäre Aufgabe des Programms ist es, den Regierungen der teilnehmenden Länder auf periodischer Grundlage Prozess- und Ertragsindikatoren zur Verfügung zu stellen, die für politisch-administrative Entscheidungen zur Verbesserung der Bildungssysteme brauchbar sind.“ (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 15).

Auf jeder einzelnen Stufe des Bildungssystems soll so eine Überprüfung der Lage möglich sein und dementsprechend natürlich auch eine Verbesserung und Steigerung der Bildungs- und Institutionsqualität.

Hier passen natürlich die Sprachkompetenzerhebungen der Kindergartenkinder ins Konzept, nach denen beurteilt wird, welches Kind welche Förderung erhalten soll.

PISA erfasst sog. „Basiskompetenzen“ (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 16), die Auskunft darüber geben, inwieweit ein junger Mensch künftig in der Lage sein wird, mit Entwicklungen persönlicher, wirtschaftlicher oder anderer Art umzugehen. Es geht um die Fähigkeiten, die die aktive Teilnahme an der Gesellschaft ermöglichen, oder anders formuliert, um die Funktionsfähigkeit eines Fünfzehnjährigen für die folgende Lebensspanne des Erwachsenenalters.

Die OECD – PISA – Studie umfasst vier Indikatoren, die den teilnehmenden Staaten ein Bild von der Leistungsfähigkeit ihres Bildungssystems geben sollen: die Basisindikatoren, die Kontextindikatoren, die Trendindikatoren und relationale Maße, wie z. B. Prozessindikatoren (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 16).

Dabei erstrecken sich die Indikatoren auf drei Bereiche: einmal die Lesekompetenz (Reading Litracy), dann die mathematische Grundbildung (Mathematical Litracy) und schließlich die naturwissenschaftliche Grundbildung (Scientific Litracy). Dabei geht es nicht nur um das Prüfen der im Unterricht erworbenen Kenntnisse, sondern auch um Fähigkeiten, die später zur Bewältigung des Erwachsenenlebens benötigt werden. Auch die sog. fächerübergreifenden Kompetenzen sollen in den Leistungstests abgeprüft werden.

Es geht bei den Tests also in der Hauptsache um das Erheben von Kompetenzen, weniger um das Erheben von Wissen (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 17).

PISA lässt sich laut Baumert von anderen Schulleistungsstudien abgrenzen, weil die Studie vor allem ein politisch konzipiertes Programm aller teilnehmenden OECD-Staaten ist. Die Regierungen sind an der Erstellung des Konzepts beteiligt, begleiten aber daneben auch die Prozesse der Durchführung und die Weiterentwicklung der Studie (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 17). Auch erhebt das Konsortium um PISA keinen Endgültigkeitsanspruch, d. h. das Programm soll immer weiter entwickelt und verbessert werden, wird also als „entwicklungsoffen verstanden“ (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 17).

PISA baue auf einem funktionalistisch orientierten Grundbildungsverständnis auf (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 17), die Grundlage ihrer Untersuchungen ist also die Anpassungsfähigkeit der Schüler an künftige Lebenssituationen mithilfe ihrer erworbenen Kompetenzen.

Für die Qualitätssicherung und – steigerung sei auch dadurch gesorgt, dass zusätzlich zu den nationalen Forschungsgruppen internationale Expertengruppen berufen werden, die sich verantwortlich für die Konzeptuierung der einzelnen Bereiche zeigen (Baumert, Jürgen u. a. (2001), S. 18).

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Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640121816
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112891
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Pädagogik
Note
1,7
Schlagworte
PISA Studie Litracy Konzept Auswirkungen Elementarbereich Hauptseminar Kindliche Bildung

Autor

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Titel: Die PISA - Studie, das Litracy - Konzept und ihre Auswirkungen für den Elementarbereich