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Der Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern

Diplomarbeit 2003 147 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung/Summary

1. Einleitung

2. Resilienz
2.1 Resilienzforschung
2.2 Begriffsdefinition
2.3 Strategien der Problemlösung resilienter Menschen
2.4 Förderliche Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz
2.4.1 Äußere Voraussetzungen - Förderliche Vorraussetzungen in der Umgebung des Kindes
2.4.2 Innere Voraussetzungen - Förderliche Voraussetzungen in der Persönlichkeit des Kindes

3. Innerfamiliäre Erfahrungen von Kindern - Die Bedeutung von innerfamiliären Beziehungserfahrungen mit der primären Bezugsperson und mit einem „dritten Objekt“
3.1 Die Stufen der Persönlichkeitsentwicklung nach Erikson
3.2 Die Entstehung der ersten Objektbeziehung nach Spitz
3.3 Aspekte der Bindungstheorie nach Bowlby
3.4 Übereinstimmende Aspekte der drei Autoren bezüglich der Bedeutung innerfamiliärer Beziehungserfahrungen
3.4.1 Der Einfluss der Beziehung zur primären Bezugsperson in der frühen Kindheit
3.5 Der Einfluss struktureller Familienmerkmale auf innerfamiliäre Beziehungserfahrungen von Kindern – Die Bedeutung von innerfamiliären Beziehungserfahrungen mit einem „dritten Objekt“
3.5.1 Die Familiengröße
3.5.2 Die Anwesenheit eines Geschwisters

4. Longitudinalstudien aus dem Bereich der Risiko- und Resilienzforschung – Zielsetzungen, Methoden, Resultate
4.1 Prospektive Untersuchungen
4.1.1 Die Kauai-Studie
4.1.2 Die Mannheimer Risikokinderstudie
4.2 Retrospektive Untersuchungen
4.2.1 Die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie
4.3 Übereinstimmende Forschungsergebnisse der drei Studien

5. Zusammenfassende Darstellung des Zusammenhanges zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern
5.1 Ergebnisse der Forschungsarbeit
5.1.1 Modellhafte Darstellung des Zusammenhanges zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Kurzfassung

Ausgehend von der Forschungsannahme, dass ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern besteht, werden Resultate dreier Longitudinalstudien aus dem Bereich der Risiko- und Resilienzforschung miteinander verglichen. Die relevanten Ergebnisse betreffen einerseits in der Umgebung sowie der Persönlichkeit des Kindes liegende förderliche Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz, andererseits bestimmte innerfamiliäre Erfahrungen, welche das Zustandekommen dieser Voraussetzungen mitbestimmen könnten.

Der vorgenommene Vergleich bestätigt zunächst die Wirksamkeit bestimmter förderlicher Voraussetzungen. Des weiteren wird aufgezeigt, dass bestimmte strukturelle Merkmale einer Familie (Familiengröße, Anwesenheit eines Geschwisters) bestimmte innerfamiliäre Erfahrungen (Beziehungserfahrungen mit der primären Bezugsperson, Beziehungserfahrungen mit einem „dritten Objekt“, erlebtes Erziehungsumfeld) beeinflussen. Diese innerfamiliären Erfahrungen können wiederum das Zustandekommen äußerer förderlicher Voraussetzungen gewährleisten. Äußere förderliche Voraussetzungen unterstützen das Zustandekommen innerer förderlicher Voraussetzungen, welche für die Ausbildung von Resilienz und der damit verbundenen adäquaten Bewältigungsstrategien unbedingt notwendig sind. Ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern lässt sich nachweisen.

Summary

Starting from the assumption that there is a correlation between the development of resiliency and inter-familiary experiences of children, the results of three longitudinal studies from the field of risk- and resiliency research are being compared. The relevant results affect on one hand the beneficial requirements for the formation of resiliency - which are positioned in the surroundings and the personality of a child - and on the other hand inter-familiary experiences which could have an influence on the ‘taking place’ of these requirements.

The taken comparison confirms for the time being the effectiveness of certain beneficial requirements. On top of that it is being shown that certain structural characteristics of a family (like the size of the family itself, the presence of siblings) can have an influence on inter-familiary experiences (like the relationship to primary persons whom the child is related most closely, the relationship to the “third object”, the experienced education) which again can guarantee the ‘taking place’ of external beneficial requirements. These requirements support the development of internal beneficial requirements which are absolutely necessary for the formation of resiliency and the adequate coping-strategies.

A correlation between the development of resiliency and inter-familiary experiences of children can scientifically be proven.

1. Einleitung

Kinder sind verletzlich – zahlreiche Risikofaktoren können sie in ihrer Entwicklung beeinträchtigen. Aber Kinder verfügen ebenso über Widerstandskräfte. Sie besitzen in unterschiedlichem Ausmaß Stärken und Fähigkeiten, mit denen sie gefährdenden Umständen, zu denen zum Beispiel familiäre Konflikte oder Vernachlässigung zählen, begegnen können. Dies bedeutet, dass Kinder, welche unter belastenden Verhältnissen aufwachsen, nicht zwangsläufig in ihrem Heranwachsen eingeschränkt sind. Daraus ergeben sich Fragen nach den Ursachen für die Entwicklung dieser Fähigkeit von Kindern, widrige Entwicklungsbedingungen erfolgreich zu bewältigen.

Was macht diese Kinder stark? Welche Hilfen und Ressourcen müssen sie in ihrer Umwelt vorfinden, damit sie ihre Potentiale, ihre Widerstandskraft voll entfalten können?

Der Beantwortung dieser beiden Fragen widmet sich die vorliegende Arbeit, indem sie sich mit der Ausbildung von Resilienz, mit den förderlichen Vorraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz sowie mit dem Zustandekommen dieser förderlichen Voraussetzungen beschäftigt.

Die Bearbeitung des Themas Resilienz als Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit rechtfertigt sich dadurch, dass durch die Kenntnis der förderlichen Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz bei Kindern eine Förderung des Zustandekommens von Resilienz möglich scheint, vorausgesetzt dass der angenommene Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen gestützt werden kann.

Mein Interesse für eine Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Resilienz wurde durch den Text „Die Bedeutung der frühen Erfahrungen oder: Wie entscheidend ist die frühe Kindheit für das spätere Leben?“ von Rolf Göppel (1999) geweckt, welcher die Feststellung enthielt, dass schwerwiegende Belastungen in der frühen Kindheit nicht zwangsläufig zu Entwicklungsstörungen führen müssen. Aus der Forschung im Bereich der Entwicklungspsychologie geht hervor, dass es eine Vielzahl von Kindern gibt, welche unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen und trotzdem keine psychische Beeinträchtigung davontragen. So meint Wolin (1993; zit. nach Nuber 1999, 80), dass „Risikofaktoren und eine belastende Umwelt nicht unweigerlich zu einer schlechten Anpassung führen. Es scheint klar, dass zu jedem Zeitpunkt der individuellen Entwicklung, von der Geburt bis ins Erwachsenenleben, es ein sich veränderndes Gleichgewicht zwischen belastenden Ereignissen, die die Verletzlichkeit erhöhen, und schützenden Faktoren gibt, die die Widerstandskraft erhöhen“.

Diese Aussage weist darauf hin, dass Kinder, welche unter denselben Lebensverhältnissen, mit denselben Einschränkungen und demselben sozialen Umfeld aufwachsen, unterschiedliche geistige und soziale Entwicklungen zeigen können (vgl. Zimmer 2002, 4). Für diese Diplomarbeit sind die förderlichen Faktoren, welche die Widerstandskraft erhöhen, von Interesse, da vor allem der positive Einfluss innerfamiliärer Erfahrungen auf die Ausbildung von Resilienz deutlich gemacht werden soll.

Das Hauptaugenmerk in dieser Arbeit bezüglich der förderlichen Voraussetzungen für die Ausbildung von Resilienz liegt auf der Diskussion der Bedeutung jener Faktoren, welche die familiäre Umgebung bereitstellen kann. Diese Einschränkung wird aus zwei Gründen vorgenommen. Erstens wird von der Verfasserin dieser Diplomarbeit angenommen, dass sich der größte Teil der förderlichen Voraussetzungen im Einflussbereich des familiären Umfelds befindet und zweitens sind Faktoren innerhalb der Familie vermutlich wirksamer als solche des übrigen soziales Umfeldes, wie etwa des Kindergartens oder der Schule, weil innerfamiliäre Erfahrungen bereits ab dem Zeitpunkt der Geburt eines Kindes dessen Entwicklung beeinflussen können.

Aus diesen bisher vorgestellten Überlegungen zum Themen]gebiet Resilienz resultiert zusammenfassend die bereits erwähnte Forschungsannahme, dass ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern aufgezeigt werden kann.

Die Diplomarbeit wird sich aufgrund dieser Annahme mit den zwei Fragen beschäftigen, ob und inwiefern diese Annahme gestützt werden kann. In Hinblick auf die Beantwortung dieser beiden Fragen besteht das Ziel dieser Arbeit vordergründig darin, darzulegen, dass die familiäre Umgebung entscheidend dazu beiträgt, Resilienz von Kindern auszubilden.

Anhand von eingehender Literaturrecherche bzw. durch den Vergleich von drei Longitudinalstudien aus dem Bereich der Risiko- und Resilienzforschung soll dieser angenommene Zusammenhang geprüft werden.

Nachdem im ersten Kapitel , welches die Einleitung der Diplomarbeit bildet, in die Thematik der Diplomarbeit eingeführt, die Forschungsannahme dieser Diplomarbeit formuliert und ein Überblick über die nachfolgenden Kapitel geboten wird, wird die Arbeit aufgrund der oben genannten Zielsetzung - einen Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern aufzuzeigen - im zweiten Kapitel mit einer Annäherung an den grundlegenden Terminus der Resilienz eröffnet.

Die Entstehung der Resilienzforschung aus der Entwicklungspsychopathologie wird dargelegt, da erst die Untersuchungsergebnisse der entwicklungspsychopathologischen Forschung darauf aufmerksam machten, dass Belastungen nicht unweigerlich zu einer negativen psychischen Entwicklung von Kindern führen müssen. In einem weiteren Schritt wird eine Abgrenzung des Begriffs Resilienz vom Terminus der Unverwundbarkeit vorgenommen, um jene Betrachtungsweise deutlich zu machen, welche in dieser Arbeit vertreten wird, nämlich, dass Resilienz keine angeborene Fähigkeit darstellt, sondern dass in jedem Fall bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um Resilienz entwickeln und Belastungen erfolgreich überwinden zu können. Schließlich wird jene Definition von Resilienz hervorgehoben, welche das Begriffsverständnis der Autorin dieser Arbeit präzise wiedergibt. Im Anschluss daran werden jene Strategien der Problemlösung exemplarisch vorgestellt, die resiliente Menschen im Umgang mit Schwierigkeiten häufig anwenden und welche diese Personen gleichzeitig charakterisieren. Diese Darstellung soll dem Leser eine konkrete Vorstellung davon vermitteln, wie sich resiliente Menschen in der praktischen Herangehensweise an Schwierigkeiten von nicht-resilienten Menschen unterscheiden. Dies soll auch offen legen, warum die Ausbildung von Resilienz der Verfasserin dieser Diplomarbeit überhaupt erstrebenswert erscheint.

Den bereits zuvor erwähnten förderlichen Voraussetzungen von Resilienz widmet sich der nächste Abschnitt. Die förderlichen Voraussetzungen werden von unterschiedlichen Autoren wie etwa Laucht u.a. (1997) oder Werner (1990) in zwei Gruppen gegliedert, in äußere, in der Umgebung des Kindes liegende, und in innere, in der Persönlichkeit des Kindes liegende. Zu den äußeren Voraussetzungen von Resilienz zählt etwa die sichere emotionale Bindung zu mindestens einer verlässlichen Bezugsperson, zu den inneren Voraussetzungen zählen das Erleben von Selbstwirksamkeit und ein positives Selbstwertgefühl (vgl. ebd.). Diese Bedingungen stellen zwar ebenso Teile dessen, was Resilienz bzw. resiliente Menschen kennzeichnet, dar, doch dieser Aspekt erscheint in Hinblick auf die Forschungsannahme weniger relevant und wird deshalb lediglich kurz genannt, jedoch nicht vertieft. In allen weiteren Ausführungen dieser Diplomarbeit, welche die genannten Faktoren betreffen, wird jene Sichtweise, die als erstes genannt wurde, vertreten, dass Faktoren wie das Erleben von Selbstwirksamkeit und ein positives Selbstkonzept förderliche Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz von Kindern darstellen (vgl. Zimmer 2002, 4f). Es soll gezeigt werden, dass sich förderliche Voraussetzungen von Resilienz zum überwiegenden Teil im Einflussbereich der familiären Umgebung befinden und deshalb auch am ehesten dort geschaffen werden können.

Nachdem im zweiten Kapitel äußere und innere förderliche Bedingungen für die Ausbildung von Resilienz genau vorgestellt werden, setzt sich das dritte Kapitel insbesondere mit dem Einfluss innerfamiliärer Erfahrungen auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung auseinander. Der bereits angedeutete mögliche Zusammenhang zwischen dem Zustandekommen der beschriebenen förderlichen Voraussetzungen von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen, welcher als Hinführung zur Bekräftigung der Forschungsannahme gesehen werden kann, wird damit konkretisiert.

Im Zentrum des dritten Kapitels steht die Darstellung der Bedeutung innerfamiliärer Erfahrungen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung. Die kindliche Persönlichkeitsentwicklung ist deshalb von grundlegender Bedeutung für die vorliegende Diplomarbeit, da aufgezeigt werden soll, dass bestimmte innerfamiliäre Erfahrungen zu bestimmten Persönlichkeitseigenschaften führen, welche als Voraussetzungen für die Ausbildung von Resilienz vermutet werden.

Zunächst wird jedoch jenes dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Verständnis von Familie dargelegt. Zu diesem Zweck wird eine Definition von Büttner u.a. (2000, 12) herangezogen, welche den Begriff Familie nicht auf eine bestimmte äußere Form des Zusammenlebens beschränkt, sondern vielmehr innere Merkmale beschreibt, welche eine Familie charakterisieren.

Diese Definition wird schließlich von Udo Rauchfleisch konkretisiert, indem der Autor auf die zentrale Bedeutung zweier Aspekte für eine positive kindliche Entwicklung verweist: die Verfügbarkeit einer konstanten, primären Bezugsperson, welche dem Kind ein fundamentales Gefühl von Sicherheit und Selbstvertrauen vermittelt, und die Beziehung des Kindes zu einem „dritten Objekt“ (2000, 94f).

Diese beiden Aspekte werden für die Gliederung der im Zentrum dieses Kapitels stehenden innerfamiliären Erfahrungen herangezogen. Es wird zwischen der Bedeutung von innerfamiliären Beziehungserfahrungen mit der primären Bezugsperson und der Bedeutung von innerfamiliären Beziehungserfahrungen mit einem „dritten Objekt“, welche insbesondere durch strukturelle Merkmale einer Familie bestimmt werden, unterschieden.

Anhand dieser Zweiteilung folgt anschießend zuerst die Schilderung ausgewählter Textpassagen namhafter Autoren, nämlich Erik Erikson, René Spitz und John Bowlby, welche sich mit dem ersten von Rauchfleisch beschriebenen Aspekt, dem Einfluss der primären Bezugsperson auf die kindliche Entwicklung, beschäftigen. Diese Darstellung soll zeigen, dass sich in diversen Schriften dieser Autoren, welche sich nicht mit dem Thema Resilienz beschäftigten, trotzdem Anknüpfungspunkte für jene im Kapitel 2.4 angeführten förderlichen Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz finden lassen. Weiters soll versucht werden, mögliche Hinweise auf die Annahme zu finden, dass bestimmte innerfamiliäre Erfahrungen die Entwicklung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften mitbestimmen, welche für die Ausbildung von Resilienz relevant bzw. für Resilienz charakteristisch sind. Die ausgewählten Texte stammen aus Eriksons Beschreibung der Phasen der gesunden Persönlichkeitsentwicklung, Spitzs Ausführungen bezüglich der Mutter-Kind-Beziehung sowie aus Aspekten von Bowlbys Bindungstheorie. Bestimmten Teilen der Publikationen dieser drei Autoren lassen sich sehr bedeutsame Aspekte für diese Diplomarbeit entnehmen. Die vorgestellten Textpassagen sind nämlich in Bezug auf den Einfluss der unmittelbaren sozialen Umgebung, das heißt vor allem vom Elternhaus, auf die psychische Entwicklung des Kindes von wesentlicher Bedeutung. Der von ihnen beschriebene Einfluss innerfamiliärer Beziehungserfahrungen mit der primären Bezugsperson auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung könnte im Wesentlichen das Zustandekommen förderlicher Voraussetzungen von Resilienz betreffen. Somit weisen die Autoren in den ausgewählten Texten indirekt auf einen Zusammenhang zwischen innerfamiliären Erfahrungen und der Entwicklung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften hin, welche für die Ausbildung von Resilienz wichtig erscheinen bzw. Resilienz charakterisieren. Aus diesem Grund ist die Schilderung bestimmter Textpassagen dieser drei Autoren auch für die Zielsetzung dieser Arbeit sehr wichtig.

An diese Darstellung anschließend werden übereinstimmende Ansichten der drei Autoren bezüglich der Bedeutung innerfamiliärer Beziehungserfahrungen mit der primären Bezugsperson für die kindliche Entwicklung allgemein und in weiterer Folge für das Zustandekommen förderlicher Voraussetzungen für die Ausbildung von Resilienz hervorgehoben. Insbesondere wird dabei auf die Wirksamkeit der Beziehung zur primären Bezugsperson in der frühen Kindheit eingegangen. Sie ist vor allem am Beginn der kindlichen Entwicklung, also in den ersten beiden Lebensjahren des Kindes, vordergründig und zählt zu jenen innerfamiliären Erfahrungen, welche - so die Annahme der Verfasserin dieser Diplomarbeit - für das Zustandekommen förderlicher Voraussetzungen und im weiteren Verlauf für die Ausbildung von Resilienz von maßgeblicher Bedeutung sind.

Darauf folgend wird insbesondere der Einfluss des Vorhandenseins zusätzlicher Bezugspersonen auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung vorgestellt. Es soll anhand von Texten verschiedener Autoren, wie z.B. Jerome Kagan und Hartmut Kasten, aufgezeigt werden, dass strukturelle Merkmale der Familie innerfamiliäre Beziehungserfahrungen von Kindern, insbesondere Beziehungserfahrungen mit einem „dritten Objekt“, maßgeblich beeinflussen. Damit könnten strukturelle Merkmale der Familie über ihren Einfluss auf innerfamiliäre Beziehungserfahrungen von Kindern eine große Rolle für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung sowie in weiterer Folge auch für die Ausbildung von Persönlichkeitseigenschaften spielen, welche für die Ausbildung von Resilienz wichtig sein sollen bzw. Resilienz charakterisieren. Zu diesen bedeutsamen strukturellen Merkmalen der Familie zählen die Familiengröße und die Anwesenheit von Geschwistern.

Die vorgenommene theoretische Darstellung bezüglich der Wirkung bestimmter innerfamiliärer Erfahrungen auf die Entwicklung bestimmter, für die Ausbildung von Resilienz bedeutsamer bzw. Resilienz charakterisierender Persönlichkeitseigenschaften bildet die Basis für die im weiteren Verlauf der Arbeit präsentierten Forschungsergebnisse. Da die bisher genannten Zusammenhänge nur Vermutungen der Verfasserin dieser Diplomarbeit darstellen, werden im nachfolgenden vierten Kapitel wissenschaftlich fundierte Ergebnisse aus renommierten Untersuchungen zu dieser Thematik präsentiert.

Das vierte Kapitel setzt sich im Speziellen mit dem Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern auseinander. Anhand von Forschungsergebnissen der Risiko- und Resilienzforschung werden die vorausgegangenen, nicht wissenschaftlich belegten Verknüpfungen konkret auf die Thematik Resilienz bezogen. Ausgewählte Ergebnisse dreier Längsschnittstudien aus dem Bereich der Risiko- und Resilienzforschung sollen dazu herangezogen werden, die maßgebliche Bedeutung innerfamiliärer Erfahrungen für die Entwicklung von Resilienz nachzuweisen.

Bei diesen drei Untersuchungen werden jeweils die Methode aufgezeigt und die Ergebnisse präsentiert, möglichst präzise in Hinblick auf das Ziel der Diplomarbeit, einen Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern darzulegen. Aus diesem Grund wird versucht, solche Forschungsresultate zu finden und wiederzugeben, welche die im dritten Kapitel formulierte Bedeutung von innerfamiliären Beziehungserfahrungen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung betreffen. Solche Ergebnisse könnten die im dritten Kapitel gefundenen Hinweise auf den Zusammenhang zwischen bestimmten innerfamiliären Erfahrungen und der Entwicklung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften, welche für die Ausbildung von Resilienz relevant bzw. für Resilienz charakteristisch sind, bestätigen.

Bei den ersten beiden vorgestellten Studien, deren Ergebnisse der Bestätigung der Forschungsannahme dienen sollen, handelt es sich um prospektive Längsschnittstudien, die Kauai-Studie von Emmy Werner und die Mannheimer Risikokinderstudie von Manfred Laucht u.a. Die dritte Studie, die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie, wurde von Friedrich Lösel u.a. retrospektiv, also die Entwicklung der Probanden rückblickend betrachtend, durchgeführt.

Die Ergebnisse aller drei Studien werden im Kapitel 4.3 miteinander verglichen und jene Gemeinsamkeiten hervorgehoben, welche als übereinstimmende Belege für einen Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern herangezogen werden können.

Lässt sich die Geltung der Forschungsannahme mithilfe der Untersuchungsergebnisse tatsächlich wissenschaftlich belegen, folgt im fünften Kapitel eine zusammenfassende Darstellung des Zusammenhanges zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern, indem Art und Ausmaß der Einflussnahme näher beschrieben werden. Im Anschluss daran wird der zeitliche Verlauf der beiden Einflussfaktoren förderlicher Voraussetzungen und innerfamiliärer Erfahrungen diskutiert. Es geht darum, zu erörtern, ob innerfamiliäre Erfahrungen und förderliche Voraussetzungen gleichzeitig, dass heißt nebeneinander, wirksam werden, oder ob eine bestimmte zeitliche Abfolge sinnvoll erstellt werden kann. Auf der Grundlage dieser Diskussion wird eine graphische Darstellung erstellt. Kann der vermutete zeitliche Verlauf nicht aufgezeigt werden, soll das erstellte Modell das Zusammenwirken der innerfamiliären Erfahrungen und der Ausbildung von Resilienz verdeutlichen. Lässt sich tatsächlich eine zeitliche Abfolge sinnvoll erstellen, bilden die innerfamiliären Erfahrungen den Anfangspunkt und die Ausbildung von Resilienz sowie das damit verbundene Vorhandensein geeigneter Problemlösungsstrategien den Endpunkt des Prozesses . Das Modell soll - ob nun nebeneinander ablaufend oder aufeinander folgend - der Veranschaulichung der Resultate der Diplomarbeit dienen und einen Bogen von den im zweiten Kapitel genannten förderlichen Voraussetzungen zu den am Beginn des fünften Kapitels präsentierten gemeinsamen Ergebnissen aus den drei Längsschnittstudien schlagen. Damit soll außerdem die Bekräftigung der Forschungsannahme, dass die Ausbildung von Resilienz mit innerfamiliären Erfahrungen von Kindern in Zusammenhang steht, übersichtlich präsentiert werden. Das Modell soll somit sowohl die Zusammenfassung als auch das Ergebnis der Diplomarbeit deutlich machen.

Im sechsten Kapitel wird schließlich der Versuch unternommen, die pädagogische Relevanz der erbrachten Resultate der vorliegenden Diplomarbeit hervorzuheben.

Ausgehend von einer möglichen pädagogischen Relevanz, sollen Ansatzpunkte für eine Vertiefung der Ergebnisse der Schrift in Richtung pädagogische Beratung skizziert werden. Die Ansatzpunkte ergeben sich aus dem Nachweis bzw. Nichtnachweis des Zusammenhangs zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern, aus den Ergebnissen und gewonnenen Einsichten der vorliegenden Schrift.

Mit diesen weiterführenden Überlegungen schließt die Diplomarbeit ab.

2. Resilienz

„Maria kam zu früh auf die Welt und musste eine Reihe von medizinischen Untersuchungen in ihrem ersten Lebensjahr über sich ergehen lassen. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr wurde ihre Mutter aufgrund von Depressionen viermal in eine Psychiatrie eingewiesen. Ihr Vater war so starker Alkoholiker, dass häufig nicht einmal genug Geld vorhanden war, um den für eine Familie notwendigen Lebensunterhalt garantieren zu können. In diesen schwierigen Familienverhältnissen übernahm Maria als ältestes von vier Kindern die Rolle eines Elternteils für ihre vier jüngeren Geschwister – eines davon geistig behindert. Es wäre ein leichtes für Maria gewesen, sich in ihrer persönlichen Entwicklung von dieser Situation entmutigen zu lassen. Doch dies geschah nicht. Mit der Hilfe verständnisvoller und engagierter Lehrer gelang es Maria, persönliche Ziele zu erreichen und ihre Familie zu unterstützen ...“ (Joseph 1994; zit. nach Ladwig, Gisbert, Wörz 2001, 43).

Maria verkörpert ein Beispiel dafür, was unter einem „resilienten“ Kind verstanden werden kann. Sie war dazu gezwungen, Ereignisse zu erleben, welche ihr das Leben schwer machten, trotzdem gab sie nicht auf. Im Gegenteil: Maria entwickelte sich wider aller Hindernisse zu einem seelisch gesunden und erfolgreichen Menschen. Genau um dieses Phänomen geht es bei Resilienz. Es geht um Kinder, welche sich trotz negativer Erfahrungen und Entbehrungen positiv entwickeln.

In diesem Kapitel wird eingangs die Resilienzforschung vorgestellt, um den Leser in die Thematik einzuführen und den Werdegang dieses Forschungsbereichs darzulegen.

2.1 Resilienzforschung

Die Forschung im Bereich Resilienz entwickelte sich erst zu Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts als Zweig der Entwicklungspsychopathologie. Die Untersuchungen im Bereich der Entwicklungspsychopathologie lieferten Erkenntnisse, welche für die Entstehung der Resilienzforschung grundlegend waren. Durch die Beobachtung von bestimmten Risikogruppen mittels prospektiver Längsschnittstudien, wie etwa der 1955 von Emmy Werner initiierten Kauai-Studie, wurde das Forschungsinteresse schließlich ausgelöst. Es wurde entdeckt, dass nicht alle in belastenden Verhältnissen aufwachsenden Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind und nicht alle später, als Erwachsene, zwangsläufig mit den Folgen ihrer schlimmen Kindheitsereignisse zu kämpfen haben. Es wurde sichtbar, dass es immer wieder Menschen gibt, welche sich widrigen Lebensereignissen zum Trotz positiv entwickeln.

1978 beschrieb James Anthony in einem Beitrag zum Buch „Vulnerable Children“ die Aufgaben dieses neuen Forschungsfeldes. Anthony zufolge sollte sich die Resilienzforschung speziell mit dem Aufwachsen von Kindern, welche durch Risikofaktoren wie elterliche Trennung, familiäre Aggressionen oder Vernachlässigung in ihrer Entwicklung gefährdet sind, beschäftigen. Er beschrieb die Resilienzforschung folgendermaßen: „Es ginge darum, ... das Wachstum und die Entwicklung dieser Kinder vor dem Auftauchen von Störungen zu erforschen, um zu entdecken, auf welche Art und in welchem Ausmaß ihr Leben geformt wurde, von den Risiken, denen sie begegneten, von den Verwundbarkeiten und Abwehrkräften, die sie in Situationen mitbrachten, und von den Abwehrformen, Kompetenzen und Bewältigungsfähigkeiten, die sie für sich selbst im Dienste des psychologischen Überlebens entwickelt haben“ (Anthony 1978; zit. nach Göppel 1997, 19).

In der Resilienzforschung wurde die traditionelle, pathogenetische[1] Perspektive der Entwicklungspsychopathologie umgekehrt.

Die Resilienzforschung fragt in salutogenetischer[2] Perspektive nach den Persönlichkeitsmerkmalen und Lebensumständen jener Kinder, die sich trotz vorliegender gravierender Risikokonstellationen erstaunlich gut und gesund entwickeln.

Als Beispiel für die salutogenetische Sichtweise ist eine Untersuchung hervorzuheben, welche die Aufmerksamkeit in spezifischer Weise auf die Ausnahmefälle jener Kinder und Jugendlichen gerichtet hat, die sich trotz hoher Risikobelastung erstaunlich positiv entwickelt haben, die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie (vgl. Göppel 2000, 80ff). Diese Studie wird ebenfalls im vierten Kapitel noch näher beschrieben, da sie sich im Besonderen mit dem für diese Arbeit relevanten Themenbereich Resilienz auseinandersetzt.

Um der Forschungsfrage, inwiefern sich ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern ausmachen lässt, nachgehen zu können, ist eine eindeutige Begriffdefinition von Resilienz nötig, welche die Grundlage zum Verständnis der Ausführungen der nachfolgenden Kapitel bildet. Daher wird im nächsten Abschnitt der Begriff Resilienz eingehend dargelegt.

2.2 Begriffsdefinition

Bei dem Begriff „Resilienz“ handelt es sich um die Eindeutschung des englischen Begriffs „resilience“, welcher heute meistens mit „psychischer Widerstandskraft“ übersetzt wird. In der Literatur taucht manchmal auch der Begriff „invulnerability“ oder „Unverwundbarkeit“ auf, welcher aber irreführend ist, da alle Kinder ihre Belastungsgrenzen haben. Jedes Kind ist für eine gesunde Entwicklung auf ein Mindestmaß an individueller Zuwendung, Achtung, Anregung und Unterstützung sowie auf Verlässlichkeit und Strukturiertheit des Lebensrahmens angewiesen. Wenn die soziale Umgebung des Kindes gravierende Defizite in diesen Bereichen aufweist, reagiert das Kind darauf mit mehr oder weniger ausgeprägten Entwicklungsstörungen. Die meisten Autoren haben daher den Begriff „Unverwundbarkeit“ aufgegeben und durch den Begriff „Resilienz“ ersetzt: „Wir haben aufgehört, den Terminus ‚Unverwundbarkeit’ zu verwenden, da er mehr versprochen hat, als er halten konnte ... Es wäre nun am besten, diese Konzepte durch die prosaischere aber akkuratere Beschreibung dieser Kinder als ‚resilient’ zu ersetzen ...“ (Garmezy/Tellegen 1984; zit. nach Göppel 1997, 278).

Resilienz stellt außerdem keinen dermaßen absoluten Begriff wie „Unverwundbarkeit“ dar, bei dem keine graduellen Abstufungen zugelassen sind. Resilienz kann mehr oder weniger ausgeprägt sein, jedoch ist Resilienz bei keinem Kind absolut, dass heißt kein Kind ist in so hohem Maße resilient, dass es jede noch so schwerwiegende Belastung ohne seelische Schäden übersteht.

Göppel (1997, 297) zufolge ist mit der Bezeichnung Resilienz „... vielmehr gemeint, dass Kinder und Erwachsene sich von belastenden Umständen und Krisen nicht entmutigen lassen, sondern negative Ereignisse als Herausforderungen bzw. Hindernisse sehen, welche bewältigt werden können“.

Resilienz wird dieser Auffassung von Göppel folgend von Scheiterhauer und Petermann (1999, 9) „... als Kapazität verstanden, welche sich über die Zeit im Kontext der Mensch- Umwelt-Interaktion entwickelt und nicht bereits vom Zeitpunkt der Geburt an vorliegt“.

Diese angeführten Auffassungen von Göppel, Scheiterhauer und Petermann dienen als Grundlage für jenes dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Verständnis von Resilienz. Zwei Gründe sprechen für die Wahl dieses Verständnisses von Resilienz. Erstens wird davon ausgegangen, dass bei jedem Kind gewisse Grundbedingungen, wie zum Beispiel individuelle Zuwendung und Unterstützung, vorhanden sein müssen, um belastende Lebensumstände ohne gravierende Schäden zu bewältigen. Zweitens ist die Annahme, dass sich Resilienz erst im Umgang zwischen dem Individuum und seiner Umgebung entwickeln kann, wesentlich für diese Arbeit. Diesem Begriffverständnis nach kann nicht erwartet werden, dass man Kinder im Vertrauen auf eine angeborene psychische Widerstandskraft sich selbst überlassen kann, dass sich ein Kind ohne jegliche Unterstützung und ohne jegliche Fürsorge seiner Umwelt positiv entwickelt (vgl. Zimmer 2002, 5).

Nachdem nun der Begriff Resilienz vom Terminus der Unverwundbarkeit abgegrenzt und das dieser Diplomarbeit zugrunde liegende inhaltliche Verständnis von Resilienz formuliert worden ist, folgt nun die angekündigte Darstellung einer eindeutigen Definition von Resilienz. Zu diesem Zweck werden Definitionen und Erklärungen verschiedenster Autoren zum Begriff Resilienz präsentiert, aus denen schließlich eine dem Verständnis dieser Arbeit folgende Definition resultiert.

Göppel (2000, 80) zufolge ist Resilienz ein „... Konstrukt, das stets auf eine bestimmte Erwartungshaltung - nämlich die, dass problematische Entwicklungsbedingungen in der Regel zu entsprechend problematischen Entwicklungsverläufen führen - bezogen ist. Demnach kann ein bestimmtes positives Entwicklungsbild bei einem Kind, wie etwa Selbstvertrauen, noch nicht per se als Ausdruck von Resilienz gewertet werden, sondern wird zu diesem erst durch den Umstand, dass die Kenntnis der Entwicklungshintergründe ein anderes Entwicklungsbild hätte erwarten lassen“.

In dieser Arbeit wird Resilienz jedoch - über Göppels Ansicht hinausgehend - nicht nur durch die Abwesenheit eines negativen Entwicklungsverlaufs definiert, sondern in Anlehnung an Ursula Nubers (vgl. 1999, 2) Auffassung in gleichem Maße als positives Merkmal von Kompetenz, die Lösung schwieriger Aufgaben oder Hindernisse mit Selbstbewusstsein und Zuversicht in Angriff zu nehmen, gesehen. Resilienz bezeichnet demzufolge nicht allein das Vermögen, sich unter schwierigen Lebensumständen positiv und kompetent zu entwickeln, sondern auch die eigenständige Überwindung eines Störungszustandes.

Göppels und Nubers Ansichten zusammenfassend bezeichnet Resilienz ein komplexes Wechselspiel zwischen äußeren, in der Umgebung des Kindes liegenden, und inneren, in der Persönlichkeit des Kindes liegenden Bedingungen, welches die Art und Weise, wie ein Individuum sich mit Hindernissen und Schwierigkeiten auseinandersetzt, darstellt.

Resilienz wird daraus folgend nicht als fixe Eigenschaft einer Person verstanden, sondern vielmehr als Beziehungskonstrukt, als Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen Individuum und Umwelt (vgl. Ladwig, Gisbert, Wörz 2001, 44). Diese Sichtweise bekräftigt die Forschungsannahme dieser Arbeit, dass Bezugspersonen wie zum Beispiel die Eltern eines Kindes, die Ausbildung von Resilienz unterstützen bzw. die Vorraussetzungen dazu schaffen könnten.

Da es in der vorliegenden Diplomarbeit um möglicherweise pädagogisch bedeutsame Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz geht, wird also eine Definition herangezogen, welche Resilienz, wie schon erwähnt, nicht durch das Fehlen von Verhaltensschwierigkeiten oder als angeborene und stabile Eigenschaft einer Person versteht, sondern als positive Fähigkeit bzw. Kompetenz, welche eine Unterstützung der Entwicklung von Resilienz gestattet.

Die nachfolgende Definition, welche für die weitere Schrift den Grundstein bildet und von der Verfasserin der vorliegenden Diplomarbeit formuliert wurde, fasst alle genannten für diese Arbeit relevanten Auffassungen von Resilienz zusammen:

Mit Resilienz wird die psychische und physische Stärke bezeichnet, welche im Verlauf der Entwicklung durch das Wechselspiel zwischen Individuum und Umwelt erworben wird und es dem Menschen ermöglicht, sich trotz oft extremer Belastungen[3] zu einem psychisch gesunden Menschen zu entwickeln, sich nach schweren Lebenskrisen ohne sichtbar bleibenden Schaden schnell zu erholen bzw. insgesamt im Umgang mit Schwierigkeiten kompetent und selbstsicher zu agieren.

Diese Definition soll anhand eines Beispiels von Nuber (1999, 77) veranschaulicht werden:

„Der Vater hatte die Familie verlassen, als Madeleine sechs Jahre alt war; die Mutter war heroinabhängig. Madeleine, völlig verlassen, vernachlässigt und auf sich allein gestellt, hatte alle Voraussetzungen, um abzugleiten. Doch sie konnte sich dem elenden Milieu ihrer Kindheit entziehen: Sie ist weder drogensüchtig, noch kriminell geworden. Sie will Bürokauffrau werden, hat einen festen Freund und denkt daran, später zu heiraten und Kinder zu bekommen“.

Dieses Beispiel zeigt zwar, dass es möglich ist, sich trotz widrigster Lebensumstände gesund zu entwickeln, doch es erklärt noch nicht, wie sich dieser erfolgreiche Umgang mit Schwierigkeiten in konkreten belastenden Situationen zeigt.

Um dies beantworten zu können, werden nachfolgend Problemlösungsstrategien vorgestellt, die von resilienten Menschen im Umgang mit Belastungen angewendet werden.

2.3 Strategien der Problemlösung resilienter Menschen

Wenn Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz zustande gekommen sind und Resilienz ausgebildet wurde, verfügt der resiliente Mensch über angemessene Problemlösungsstrategien, welche für Resilienz charakteristisch sind. Der erfolgreiche Umgang mit belastenden Situationen steht somit in direktem Zusammenhang mit der erfolgreichen Ausbildung von Resilienz, welche - laut der Forschungsannahme dieser Diplomarbeit - wiederum mit innerfamiliären Erfahrungen verknüpft ist. Aus diesem Grund bilden die nachfolgend dargelegten Problemlösungsstrategien das bestmögliche Ergebnis einer erfolgreichen Ausbildung von Resilienz und den Endpunkt jener graphischen Darstellung, welche am Ende dieser Arbeit den Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern veranschaulichen soll.

In den Veröffentlichungen verschiedenster Autoren, wie zum Beispiel Arndt Ladwig u.a. (2001), Renate Zimmer (2002) sowie Norman Wright (1997), die sich mit dem Thema Resilienz befasst haben, finden sich Übereinstimmungen bezüglich der Methoden resilienter Menschen in der Herangehensweise an Probleme.

Ladwig u.a. (2001, 43f) zufolge bemühen sich resiliente Menschen, die angemessene Wege der Problemlösung zur Verfügung haben, aktiv darum, Schwierigkeiten und Misserfolge zu überwinden. Beim Auftreten von Schwierigkeiten bleibt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und eine grundlegend optimistische Zuversicht erhalten. Bei Zimmer (2002, 2f) finden sich ähnliche Strategien: Resiliente Menschen reagieren auf Probleme aktiv und flexibel, wobei ein positives Selbstkonzept hilfreich ist. Das positive Selbstkonzept ermöglicht ihnen, selbstbewusst zu sein und zu erkennen, dass sie in Stresssituationen nicht hilflos sind.

Der amerikanische Familientherapeut Wright (1997; zit. nach Nuber 1999, 2) „... vergleicht einen resilienten Menschen mit einem Boxer, der im Ring zu Boden geht, ausgezählt wird, aufsteht und danach seine Taktik grundlegend ändert“. Auf einen resilienten Menschen übertragen, ist die Situation im Boxring gleichsam ein Krisenfall. Der resiliente Mensch lässt sich durch eine belastende Situation zwar vielleicht kurzfristig niederschlagen, er bleibt jedoch nicht in diesem Zustand völliger Hilflosigkeit. Er versucht Lösungsmöglichkeiten zu finden, um die Krise zu überwinden.

„Wir können zwar nicht beeinflussen, was mit uns geschieht, aber wir können entscheiden, welche Folgen das Geschehene für uns hat“ (Wright 1997; zit. nach Nuber 1999, 3).

Dieses Zitat verdeutlicht sehr präzise die Grundhaltung resilienter Menschen gegenüber krisenhaften Situationen. Wie die anderen zuvor genannten Autoren beschreibt auch Wright die Grundhaltung resilienter Menschen gegenüber Schwierigkeiten als aktiv und optimistisch. Wie sich diese Grundhaltung auf das Verhalten resilienter Menschen auswirkt, wird im folgenden Abschnitt aufgezeigt. Zu diesem Zweck wird ein Text von Nuber herangezogen, da sie die von den bereits erwähnten Autoren genannten Charakteristika resilienter Menschen im Umgang mit Problemen übersichtlich zusammenfasst.

Nuber präsentiert in ihrer Publikation „Das Konzept ‚Resilienz’: Wie Sie Krisen meistern können“ (1999, 3ff) sieben Verhaltensweisen, welche resiliente Menschen anwenden, um schwierige Lebensumstände zu überwinden. Ihre Überlegungen werden mittels zweier Tatsachen abgestützt. Erstens verwendet sie als Grundlage ihrer Ausführungen Ergebnisse der bisher vorliegenden Forschung im Bereich der Resilienz, zum Beispiel der Kauai- Studie, und zweitens stimmen die von ihr vorgestellten Methoden der Problemlösung resilienter Menschen auch mit den Ansichten der vorab genannten Autoren überein. Die wissenschaftliche Fundierung und die Übereinstimmung mit anderen Autoren scheinen die nachfolgende Darstellung der sieben Problemlösungsstrategien resilienter Menschen, welche sich bei Nuber (1999, 3ff) findet, nach Meinung der Verfasserin dieser Diplomarbeit zu rechtfertigen.

1. „Resiliente Menschen akzeptieren die Krise und die damit verbundenen Gefühle“ (Nuber 1999, 3).

Zu Beginn einer akuten Krise, wenn zum Beispiel ein plötzlicher Schicksalsschlag wie der unerwartete Tod einer liebevollen Bezugsperson eintritt, ist der Schmerz und die Wut meistens so groß, dass man versucht, die Situation zu leugnen und die Augen vor der Realität verschließt. Resiliente Menschen können zwar in dem Moment wie jeder andere, der in eine solche Situation gerät, keinen klaren Gedanken fassen, doch sind sie sich bewusst, dass sich dieser Zustand im Laufe der Zeit bessern wird. Sie verdrängen das Geschehene nicht, denn sie wissen, dass weglaufen nicht hilft. Sie lassen sich und ihren Gefühlen Zeit, sie reißen sich nicht zusammen und versuchen ebenso wenig, ihre Emotionen einzufrieren. Resiliente Menschen schämen sich nicht ihrer Tränen, ihrer Wut oder ihrer Ängste, sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf.

2. „Resiliente Menschen suchen nach Lösungen“ ( ebd.).

Auf die Wahrnehmung der Krise folgt die Reaktion darauf. Eine Möglichkeit darauf zu reagieren, wäre, zu klagen und zu jammern. Doch resiliente Menschen wählen eine andere Variante der Reaktion. Sie suchen sogar im tiefsten Schmerz nach Lösungsmöglichkeiten. Sie schätzen zwar die Situation als schwierig und schmerzhaft ein, doch sie fragen nach Wegen, sie erfolgreich zu meistern.

3. „Resiliente Menschen lösen ihre Probleme nicht alleine“ (Nuber 1999, 3).

Es ist für resiliente Menschen charakteristisch, dass sie bei der Suche nach Lösungen bereit sind, mit anderen über ihre Sorgen zu sprechen. Sie versuchen erst gar nicht, ihre Schwierigkeiten im Alleingang zu lösen. Jemand, der in eine Familie eingebunden ist oder ein festes soziales Netz von Freunden besitzt, wird mit Schicksalsschlägen besser fertig.

Resiliente Menschen achten darauf, dass sie sich in ihrer Notlage an die „richtigen“ Personen wenden. Sie suchen sich Menschen, die einfühlend und unterstützend sind, ihnen Mut machen und sie an ihre Stärken erinnern.

Nuber (1999, 3) hebt in diesem Beispiel die Bedeutung eines stützenden familiären Umfelds für den erfolgreichen Umgang mit belastenden Situationen deutlich hervor. Damit wird das im Kapitel 2.2 formulierte Verständnis von Resilienz, welches dieser Diplomarbeit zugrunde liegt, dass Resilienz keine stabile Eigenschaft einer Person bezeichnet, sondern als veränderliches Wechselspiel zwischen Individuum und Umwelt zu verstehen ist, untermauert. Resilienz kann nur durch das beständige Vorhandensein bestimmter förderlicher Voraussetzungen wie etwa emotionaler Unterstützung und Zuwendung bestehen bleiben - so wie es eben in diesem Beispiel beschrieben wird.

4. „Resiliente Menschen fühlen sich nicht als Opfer“ (ebd., 4).

Menschen, die mitten in einer Krise stecken, verschlimmern ihre Situation häufig noch durch eine negative Einstellung. Sie verlieren jede Hoffnung auf Veränderung und betrachten sich als Opfer der Situation. Resiliente Menschen sind zwar auch nicht gegen dieses Opfergefühl gefeit, doch sie lassen nicht zu, dass dieses Gefühl überhand nimmt. Es gelingt ihnen nach einer gewissen Zeit, anders über ihren Zustand nachzudenken. Sie schöpfen Mut und versuchen, wieder Kontrolle über sich und das Geschehene zu bekommen.

5. „Resiliente Menschen geben nicht ausschließlich sich selbst die Schuld“ (Nuber 1999, 4).

Wenn eine Krise eintritt, sind - neben den Opfergefühlen - Schuldgefühle meist unvermeidlich. Die Betroffenen quälen sich mit Selbstvorwürfen, wie: „Wenn ich nur brav gewesen wäre, dann würden Mama und Papa sich nicht streiten“ (ebd.). Resiliente Menschen unterscheiden sich von anderen Betroffenen dadurch, dass sie diese Selbstanklagen ziemlich bald beenden und ihren eigenen Anteil an der krisenhaften Situation realistisch einschätzen. Sie erklären das Geschehene nicht mehr ausschließlich internal, dass heißt, sie machen nicht mehr nur sich selbst für die Lage verantwortlich, sondern erkennen auch, was andere Personen oder die Umstände zum Problem beigetragen haben. Je mehr es gelingt, externe Faktoren verantwortlich zu machen, desto geschätzter bleibt das eigene Selbstwertgefühl, desto größer ist die Chance, über einen Schicksalsschlag hinwegzukommen, ohne psychische Schäden davonzutragen.

6. „Resiliente Menschen planen voraus“ (ebd.).

Eine weitere Verhaltensweise, welche resiliente Menschen auszeichnet, besteht in der Tatsache, dass sie nichts für selbstverständlich halten. Das bedeutet, dass sie mit den Wechselfällen des Lebens rechnen und sich damit gedanklich beschäftigen. Die Was - Wäre - Wenn - Frage ist typisch für diese Verhaltensweise. Sie stellen sie sich auch in Zeiten, in denen noch kein Anlass zur Sorge besteht. Aufgrund dieser gedanklichen Auseinadersetzungen sind sie auf vorhersehbare Veränderungen im Leben vorbereitet, zu denen zum Beispiel Tod der eigenen Eltern, Scheidung oder Geburt eines Geschwisters gehören. Resiliente Menschen werden von diesen Wendepunkten des Lebens und den damit verbundenen Konflikten nicht völlig überrascht, weil sie sich in Gedanken damit auseinander gesetzt haben.

Norman Wright (1997; zit. nach Nuber 1999, 5) teilt diesen Standpunkt Nubers und ist überzeugt davon, „dass vorausplanendes Krisenmanagement die Resilienz stärkt ... Auch Paare, die sich ein Kind wünschen, können durch Vorausplanung vielen Krisen der Elternschaft die Schärfe nehmen“. In Hinblick auf den Einfluss innerfamiliärer Erfahrungen auf die Ausbildung von Resilienz erscheint dieser Aspekt bedeutsam. Schließlich liegt die Vermutung nahe, dass Kinder, die auf Veränderungen im familiären Umfeld vorbereitet werden, mit einer fremden Situation, wie etwa der Geburt eines Geschwisters, besser umgehen können.

7. „Resiliente Menschen bleiben optimistisch“ (ebd., 6).

Die wohl bedeutsamste Eigenschaft resilienter Menschen ist ihre optimistische Lebenseinstellung. Ohne die feste Überzeugung, dass irgendwann, früher oder später, sich die Dinge wieder zum Positiven wenden werden, ist Resilienz nicht möglich. Beim gesunden Optimismus wird weder die Realität verleugnet noch negative Ereignisse schöngeredet. Optimistisches Denken ist nämlich kein Wunschdenken, es erkennt die Realität an, geht aber davon aus, dass negative Ereignisse ein zeitlich befristeter Zustand sind, dem bessere Zeiten folgen.

Ein weiterer Verhaltensmodus resilienter Menschen, der mit einer optimistischen Lebenseinstellung zusammenhängt, besteht darin, dass ein negatives Ereignis nicht verallgemeinert, sondern als Einzelfall angesehen wird. Ein Beispiel für diese nichtverallgemeinernde Sichtweise lautet folgendermaßen: Diesmal hatte ich keinen Erfolg, das nächste Mal wird es wieder klappen. Solch eine Einstellung zu negativen Ereignissen hilft dabei, eine schwierige Situation schneller und einfacher zu überwinden.

Aus den oben nach Nuber beschriebenen Problemlösungsstrategien resilienter Menschen lassen sich jene Persönlichkeitsmerkmale ableiten, welche für den erfolgreichen Umgang mit belastenden Lebensereignissen bedeutsam sind:

- ein positives Selbstwertgefühl,
- Selbstständigkeit und
- ein aktiver Umgang mit Problemen (vgl. Zimmer 1999, 4).

Diese Charaktereigenschaften sind Teil der Persönlichkeit resilienter Menschen und für die Ausbildung von Resilienz unabdingbar. Sie stellen förderliche Bedingungen zur Ausbildung von Resilienz dar. Da diese Diplomarbeit aufzeigen will, dass innerfamiliäre Erfahrungen das Zustandekommen förderlicher Voraussetzungen und damit die Ausbildung von Resilienz maßgeblich beeinflussen, werden im nächsten Kapitel äußere und innere förderliche Voraussetzungen vorgestellt. Die in diesem Teil genannten Bedingungen finden sich in den nachfolgenden Ausführungen wieder – nur mit dem Unterschied, dass im weiteren Verlauf gemäß der Zielsetzung der Arbeit versucht wird, die maßgebliche Bedeutung innerfamiliärer Erfahrungen für das Zustandekommen förderlicher Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz hervorzuheben.

2.4 Förderliche Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz

Die Ausformung von Resilienz wird durch äußere und innere Gegebenheiten beeinflusst, welche als förderliche Voraussetzungen bezeichnet werden. Bender und Lösel (1992; zit. nach Egle, Hoffmann, Joraschky 1997, 74) „... fassen unter dem Terminus Resilienz jene förderlichen Voraussetzungen und Vorgänge zusammen, welche trotz risikohafter Bedingungen eine gesunde Entwicklung gewährleisten“. Doch was wird nun im Speziellen unter förderlichen Voraussetzungen verstanden?

Förderliche Voraussetzungen können als Kehrseite der diversen Risikofaktoren der kindlichen Entwicklung betrachtet werden. Doch scheint es unangemessen, allein das Fehlen eines Faktors wie „Geburtskomplikationen“ oder „Alkoholproblem des Vaters“ schon im positiven Sinn als förderlichen Faktor zu bezeichnen. Vielmehr geht es bei den förderlichen Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz um jene Gegebenheiten aufn der Umwelt des Kindes und aufn des Kindes selbst, welche bei risikobelasteten Kindern eine positive Entwicklung begünstigen (vgl. Göppel 1997, 281f). Das bedeutet, dass förderliche Bedingungen die Wirkung risikoerhöhender Faktoren wie Armut oder Trennung der Eltern abschwächen. Sie tragen dazu bei, dass das Individuum besser mit diesen Risiken umgeht und eigene Abwehrkräfte mobilisieren kann. Förderliche Voraussetzungen begünstigen eine erfolgreiche Bewältigung von risikoreichen Lebensumständen und erhöhen damit auch die Wahrscheinlichkeit eines positiven Entwicklungsverlaufs (vgl. ebd.).

Die unterschiedlichen Bedingungen für die Ausbildung von Resilienz können - wie schon in der Einleitung erwähnt - in zwei Gruppen eingeteilt werden: erstens in äußere Voraussetzungen, welche das soziale Umfeld des Kindes betreffen, und zweitens in innere Voraussetzungen, welche in der Persönlichkeit des Kindes liegen (vgl. Schrader 1993, 23). Da es sich bei inneren Voraussetzungen größtenteils nicht um angeborene Persönlichkeitsmerkmale handelt, sondern um Eigenschaften und Verhaltenmerkmale, welche in der frühen Kindheit erworben werden, können sie auch durch die Umgebung und deren Einfluss unterstützt und gestärkt werden (vgl. Zimmer 2002, 4).

Die zentrale Annahme dieser Forschungsarbeit besteht demnach darin, dass manche äußere Voraussetzungen die Bedingung zur Ausbildung innerer Voraussetzungen bilden und innere Voraussetzungen wiederum zur Ausbildung von Resilienz und in weiterer Folge zur Ausbildung von resilienten Problemlösungsstrategien beitragen. Aus diesem Grund werden im folgenden Abschnitt zuerst äußere Voraussetzungen vorgestellt.

2.4.1 Äußere Voraussetzungen - Förderliche Vorraussetzungen in der Umgebung des Kindes

Aus unterschiedlichsten Studien und Untersuchungen zu Resilienz wie etwa die von Rutter (1985) oder Garmezy (1993) kristallisierten sich typische Merkmale in der Entwicklungsgeschichte als hervorstechende Gemeinsamkeiten von resilienten Kinder und Jugendlichen heraus.

Für die Ausprägung von Resilienz wird von unterschiedlichen Autoren wie zum Beispiel Göppel als „conditio sine qua non“ immer wieder auf die zentrale Bedeutung frühkindlicher Bindungserfahrung verwiesen. „Es besteht mehr oder weniger quer durch alle Studien (siehe oben und Kapitel 4, Anm.d.V.) ein Konsens darüber, dass Kinder, um so etwas wie Resilienz entwickeln zu können, ein Mindestmaß an Zuwendung und Zärtlichkeit erfahren haben müssen“ (Göppel 2000, 88). Dadurch wird von diesem Autor die überragende Bedeutung einer intensiven Bindung und vertrauensvollen Beziehung sehr deutlich hervorgehoben, welche jene für die Ausbildung von Resilienz unbedingt notwendige Zuwendung und Zärtlichkeit gewährleisten kann.

Resiliente Kinder konnten trotz ungünstiger Umstände in ihrer frühen Kindheit durch das Vorhandensein einer stabilen Bindung ein fundamentales Vertrauen in ihre Umgebung entwickeln. Werner (1990; zit. nach Göppel 2000, 88) belegt diese Feststellung mit dem Hinweis auf die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen: „Die resilienten Kinder von Alkoholikern in Kauai, die resilienten Kleinkinder von vernachlässigenden Müttern in Minnesota und die resilienten Babys von psychotischen Eltern in Chicago, Rochester und St. Louis, sie alle hatten genügend gute Versorgung, um sichere Bindungsbeziehungen auszubilden und um ein Gefühl von Urvertrauen zu entwickeln“.

In obigem Zitat zeigt sich, dass selbst Kinder einer vernachlässigenden Mutter Resilienz ausbilden können. Wenn die Mutter versagt und nicht in der Lage dazu ist, eine liebevolle Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, kann möglicherweise die Bindung zu Großeltern, Onkeln, Tanten, Erziehern oder auch zu älteren Geschwistern als Ersatz dienen. Wichtig ist die stabile, emotionale Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson in der Kindheit, deren Vertrauen und Zuneigung verhindert, dass die Kinder ins Bodenlose stürzen (vgl. Schrader 1993, 23). Das Kind muss zumindest eine Person verfügbar haben, an die es sich bei Kummer und in Notsituationen wenden kann, um Trost oder Unterstützung zu erfahren. Koupernik (1974; zit. nach Göppel 1997, 284) formuliert diese herausragende Bedeutung einer vertrauensvollen Bindung sehr präzise: „Es ist ... überraschend, wie sehr eine einzige gute Beziehung in einer ansonsten disorganisierten Familie einem Kind helfen kann, ernsthafte Schwierigkeiten zu überwinden“.

Das Vorhandensein weiterer Erwachsener im Haushalt, wie etwa Großeltern, Tanten oder aber auch älterer Geschwister, welche sich um das betreffende Kind kümmern und zu denen eine vertrauensvolle Beziehung besteht, spielt den genannten Autoren zufolge in Bezug auf die Möglichkeit, eine stabile Bindungsbeziehung aufzubauen, eine wichtige Rolle. Solche vertrauensvollen Bezugspersonen stehen für diese Kindern zudem als soziale Modelle zur Verfügung und können vom Kind als positives Beispiel herangezogen werden (vgl. Nuber 1999, 27). Das Kind nützt diese Rollenmodelle als Quelle von Orientierung und Unterstützung. Die Personen stellen Vorbilder für aktives und konstruktives Bewältigungsverhalten dar, sie können dem Kind zeigen, wie Probleme erfolgreich gelöst werden können, sie können es sozial unterstützen und ihnen helfen, eine positive Lebensperspektive zu entwickeln (vgl. Lösel 1998, 1).

Nuber (1999, 78) zufolge, welche Ergebnisse verschiedenster Studien wie etwa der Bielefelder Invulnerabilitätsstudie untersuchte, reicht aber die Anwesenheit einer fürsorglichen Umgebung für die Ausbildung von Resilienz noch nicht aus. Sie weist darauf hin, dass es für Kinder, vor allem für solche, welche in zerrütteten Verhältnissen aufwachsen müssen, wichtig ist, dass schon früh angemessene Leistungsanforderungen an sie gestellt werden. Eine Zuweisung von Zuständigkeit ermöglicht es diesen Kindern, ein Gefühl von Verantwortung und Selbstständigkeit zu entwickeln. Wenn ein Kind zum Beispiel für kleinere Geschwister sorgt oder ein Amt in der Schule übernimmt, lernt es, selbstständig und verantwortungsbewusst zu sein(ebd.). Demzufolge stellt ein offenes Erziehungsklima , welches das Kind bei der Entwicklung von Verantwortungsgefühl und Selbstständigkeit unterstützt, eine weitere äußere Voraussetzung zur Ausbildung von Resilienz dar.

Die drei genannten Voraussetzungen, eine stabile, emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson in der Kindheit , das Vorhandensein sozialer Modelle und ein offenes, unterstützendes Erziehungsklima sollen nun anhand von Beispielen resilienter Kinder veranschaulicht werden.

Die Bedeutung einer stabilen und liebevollen Beziehung wird in der Geschichte Christy Browns, eines mit cerebraler Kinderlähmung zu Welt gekommenen Jungen, sehr deutlich beschrieben: „Mutter wusste, dass ich unter Entwicklungsstörungen litt und dass ich die Rolle, die mir im Leben zugewiesen war, schmerzlicher empfand, je älter ich wurde, und sie trachtete danach, diese Wirklichkeit ein wenig zu mildern, etwas von ihrer eigenen Stärke und Geisteskraft auf mich zu übertragen, sei es auch nur, indem sie mir zeigte, dass ich nicht allein war, dass sie Bescheid wusste. Sie war mehr als eine Mutter für mich; sie war ein Waffenbruder“ (Brown 1993; zit. nach Göppel 1997, 385).

Das Vorhandensein sozialer Modelle und das offene, unterstützende Erziehungsklima lassen sich auch in dem bereits am Beginn des zweiten Kapitels genannten Beispiel von Maria wieder finden. Marias Vater war Alkoholiker und ihre Mutter psychisch krank. Maria konnte also in ihrem Zuhause keine sozialen Modelle finden, welche ihr Orientierung und Unterstützung boten, ihr zeigten, wie man Schwierigkeiten aktiv und konstruktiv überwindet. Doch glücklicherweise gab es für Maria adäquate Rollenmodelle in ihrer Umgebung, welche ihr als notwendige Stützen und Vorbilder dienten. „Mit der Hilfe verständnisvoller und engagierter Lehrer gelang es Maria, persönliche Ziele zu erreichen und ihre Familie zu unterstützen. In diesen schwierigen Familienverhältnissen übernahm Maria als ältestes von vier Kindern die Rolle eines Elternteils für ihre vier jüngeren Geschwistern - eines davon geistig behindert“ (Joseph 1994; zit. nach Ladwig, Gisbert, Wörz 2001, 43).

Die Anforderungen und das Maß an Verantwortung, welche an Maria gestellt wurden, sind enorm und in Bezug auf das Zustandekommen von Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz auch nicht als Richtwerte anzusehen. Doch verdeutlicht ihr Beispiel, wie Kinder belastende Lebensumstände erfolgreich bewältigen können, wenn förderliche Bedingungen vorhanden sind, die es ihnen ermöglichen, ein so hohes Maß an Resilienz auszubilden.

Das Überwinden von Hindernissen, die Bewältigung von gestellten Anforderungen und die Übernahme von Verantwortung führen bereits zu inneren Voraussetzungen, da die positive Gestaltung dieser Voraussetzungen durch erfolgreiches Handeln geprägt wird. Der folgende Abschnitt befasst sich deshalb mit inneren Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz, welche einen wandelbaren Teil der Persönlichkeit des Kindes bilden.

2.4.2 Innere Voraussetzungen - Förderliche Voraussetzungen in der Persönlichkeit des Kindes

Wenn ein Kind früh in der Lage ist, Anforderungen erfolgreich zu erfüllen, entstehen Grundgefühle von Selbstachtung und Selbstwirksamkeit, welche sich schließlich in der Persönlichkeit des Kindes verankern und seinen späteren Umgang mit Konflikten maßgeblich beeinflussen (vgl. Göppel 1997, 285). Diese Persönlichkeitsmerkmale, Selbstachtung und Selbstwirksamkeit, bezeichnen jene inneren Voraussetzungen, welche zu einem positiven Selbstkonzept beitragen, und deren Ausprägung, wie bereits erwähnt, von den äußeren Voraussetzungen abhängig ist.

Es ist demzufolge wichtig, dass Kinder Herausforderungen siegreich meistern können, um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Es gibt viele verschiedene Aufgaben und Hindernisse, deren Bewältigung für das Individuum bedeutsam ist. Es kann sich dabei um die Überwindung körperlicher Einschränkungen durch zähes Üben, um den Erwerb von neuen Fertigkeiten wie Schwimmen, um schulische Leistungen, um mühsam errungene soziale Anerkennung und ähnliches mehr handeln (vgl. ebd.). Erlebnisse, welche dem Kind das Gefühl vermitteln, etwas geschafft zu haben, ermöglichen das Erleben von Selbstwirksamkeit und die Entwicklung von Selbstachtung, jener inneren Voraussetzungen, welche der wohl wichtigsten förderlichen Bedingung zur Ausbildung von Resilienz, dem positiven Selbstkonzept, zugrunde liegen.

Das folgende Modell soll diese Verkettung veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus dieser schematischen Darstellung ist abzulesen, weshalb dem Erleben von Selbstwirksamkeit soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Erstens stellt das Erleben von Selbstwirksamkeit eine entscheidende Voraussetzung zur Entwicklung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl und damit eines positiven Selbstkonzepts dar. Zimmer (2002, 6) bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt: „Selbstwirksamkeitsüberzeugungen stellen die Grundlage des Selbstkonzepts dar“. Das positive Selbstkonzept wiederum ist für die Ausbildung von Resilienz unbedingt notwendig, da Kinder nur mittels eines positiven Selbstkonzepts auch auf schwerwiegende Probleme aktiv und flexibel reagieren können (vgl. Schrader 1993, 20). Zweitens kann insbesondere das Gefühl von Selbstwirksamkeit im Laufe der Entwicklung aufgebaut und gefördert werden, indem der selbstständige und aktive Umgang mit Problemen durch Erziehung unterstützt und gestärkt wird (vgl. Zimmer 2002, 5). Diese Tatsache ist in Bezug auf die Zielsetzung dieser Diplomarbeit sehr bedeutsam.

Da das Erleben von Selbstwirksamkeit einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Entwicklung von Resilienz bildet und eine Förderung des Erlebens der Selbstwirksamkeit möglich erscheint, wird diese innere Voraussetzung genauer erläutert.

Das Gefühl von Selbstwirksamkeit beinhaltet die subjektive Überzeugung, selbst etwas bewirken und verändern zu können. Die Annahme, selbst Kontrolle über die jeweilige Situation zu haben, mit seinen eigenen Handlungen die Umwelt beeinflussen zu können, und die Zuversicht, in stressreichen Situationen nicht hilflos zu sein, gehören ebenso dazu wie das Gefühl, kompetent im Umgang mit Schwierigkeiten zu sein. Das tiefverwurzelte Gefühl, etwas zu taugen und zu können, ist ein wichtiger Persönlichkeitszug resilienter Kinder. „Ein Gefühl von Kompetenz und eine Überzeugung, durch das eigenen Tun etwas bewirken zu können, scheint das allgemeine Kennzeichen dieser Kinder zu sein“ (Werner 1990; zit. nach Göppel 1999, 27). Kinder, welche darauf vertrauen, dass sie eine Aufgabe selbst bewältigen können, werden sich auch eher die Lösung größerer Schwierigkeiten zutrauen. Sie suchen Situationen, welche ihnen kontrollierbar und bewältigbar erscheinen, erneut auf. Ihre Erwartung, kompetent zu sein, steigert wiederum das eigene Selbstwertgefühl und in weiterer Folge das positive Selbstkonzept (vgl. Zimmer 2002, 6).

Ein Ereignis aus der Lebensgeschichte Christy Browns, der bereits im vorherigen Kapitel als Beispiel herangezogen wurde, verdeutlicht diese besondere Bedeutung des Erlebens von Selbstwirksamkeit . „Die Symptomatik seiner Behinderung macht ... die Kommunikation zwischen ihm und seiner Umwelt fast unmöglich: Ich konnte nicht sprechen oder auch nur murmeln, ich konnte nicht ohne Unterstützung aus eigener Kraft aufrecht sitzen oder allein Schritte machen. Der einzige Körperteil, den er einigermaßen kontrolliert bewegen kann, ist sein linker Fuß. Im Alter von fünf Jahren entwendet er mit seinem linken Fuß seiner Schwester ein Stück farbige Kreide und beginnt damit auf der Schiefertafel zu kritzeln. Als die Familie darauf aufmerksam wird, hält alles den Atem an, und es gelingt ihm schließlich unter größter Anstrengung, den Buchstaben A, den ihm seine Mutter auf dem Boden vorzeichnet, nachzuzeichnen. Damit ist ... ein Tor für die weitere geistige Entwicklung und für differenziertere Kommunikation aufgestoßen: Ich hatte es geschafft! Dies war der Anfang, er sollte es meinem Geist ermöglichen, sich Ausdruck zu verleihen“ (Göppel 1997, 381).

Christy Brown schaffte es, eine Kommunikationsmöglichkeit aufzubauen, und diese erfolgreiche Leistung ermöglichte ihm, sich als selbstwirksam zu erleben. Wie schon deutlich gemacht wurde, ist die Überzeugung, selbst etwas bewirken und verändern zu können und dem eigenen Schicksal nicht hilflos ausgeliefert zu sein, für die Ausbildung von Resilienz sehr bedeutsam.

Dieses Fallbeispiel verdeutlicht jedoch nicht nur die Bedeutung des Erlebens von Selbstwirksamkeit für die Ausbildung von Resilienz, sondern auch die Kraft, welche in diesem Prozess des Erlebens von Selbstwirksamkeit von der Familie ausgeht. Die Aufmerksamkeit und die Unterstützung der Familie, vor allem der Mutter, eröffnet Christy Brown die Möglichkeit, sich als selbstwirksam wahrzunehmen. Erst als die Familie auf seine Kritzelei aufmerksam wird und die Mutter ihm eine bewältigbare Aufgabe - das Nachzeichnen des Buchstaben A - stellt, strengt er sich besonders an. Das Lösen dieser Anforderung, welche von seiner Familie an ihn gestellt wurde, verhilft ihm dazu, sich als Verursacher zu erleben, das Handlungsergebnis mit den eigenen Anstrengungen zu verbinden. Christy Brown kann aufgrund der fortwährenden Unterstützung seiner Familie Selbstwirksamkeit erleben.

Diese Schlussfolgerung der Verfasserin der vorliegenden Diplomarbeit erscheint in Bezug auf die Forschungsannahme bedeutsam, da sie darauf hindeutet, dass ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern bestehen könnte. Das positive Selbstkonzept, welches durch das Erleben von Selbstwirksamkeit aufgebaut werden kann, stellt den vorangegangenen Ausführungen zufolge eine Voraussetzung für die Entwicklung von Resilienz dar. Das familiäre Umfeld kann durch ein offenes, unterstützendes Erziehungsklima maßgeblich zum Erleben von Selbstwirksamkeit beitragen, indem es dem Kind lösbare Anforderungen stellt, ihm zum Beispiel die Verantwortung für ein Geschwister überträgt.

Mit dem Beispiel lässt sich demnach ein erster konkreter, jedoch noch nicht wissenschaftlich belegter Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und den in der Familie gemachten Erfahrungen herstellen.

Diese erste Verknüpfung der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen wird im vierten Kapitel wieder aufgegriffen und versucht mittels Untersuchungsergebnissen aus drei Längsschnittstudien wissenschaftlich zu fundieren. Bei der Auswertung der Ergebnisse dieser Längsschnittstudien werden äußere und innere Voraussetzungen aufgrund ihrer maßgeblichen Bedeutung für die Ausbildung von Resilienz und ihrer Beeinflussung durch innerfamiliäre Erfahrungen besonders beachtet. Aus diesem Grund bildet die Darstellung der in diesem Kapitel genannten förderlichen Voraussetzungen mithilfe einer Tabelle den Abschluss dieses Abschnitts, und fasst die vorangegangenen Ausführungen, welche für den späteren Verlauf der Arbeit wichtig sind, übersichtlich zusammen.

Äußere Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz

- Stabile, emotionale Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson
- Vorhandensein sozialer Modelle positiven Bewältigungsverhaltens
- Offenes, unterstützendes Erziehungsklima

Innere Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz

- Erleben von Selbstwirksamkeit
- Selbstachtung und Selbstwertgefühl
- Positives Selbstkonzept

Nach dieser Veranschaulichung förderlicher Voraussetzungen folgt im nächsten Kapitel die Erläuterung der Bedeutung innerfamiliärer Erfahrungen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung. Aus einer zu Beginn allgemeinen Darstellung des Einflusses der familiären Umgebung sollen gemäß der Forschungsannahme der Diplomarbeit jene Familiencharakteristika hervorgehoben werden, welche für das Zustandekommen förderlicher Voraussetzungen und in weiterer Folge für die Ausbildung von Resilienz möglicherweise bedeutsam sind.

3. Innerfamiliäre Erfahrungen von Kindern - Die Bedeutung von innerfamiliären Beziehungserfahrungen mit der primären Bezugsperson und mit einem „dritten Objekt“

In diesem Kapitel wird zunächst jenes dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Verständnis von Familie und anschließend die Bedeutung der Familie für die kindliche Entwicklung erläutert. Diese Vorgehensweise ist für die Bekräftigung der Forschungsannahme dieser Diplomarbeit, welche von einem Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern ausgeht, aus folgenden Gründen notwendig. Es soll gezeigt werden, dass bestimmte innerfamiliäre Erfahrungen, welche anschließend näher definiert werden, die Entwicklung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen, welche für die Ausbildung von Resilienz als relevant gelten (vgl. 2.4.2, 27ff) bzw. für Resilienz charakteristisch sind (vgl. 2.3, 18ff). Des weiteren soll der Versuch unternommen werden, aufzuzeigen, dass bestimmte innerfamiliäre Erfahrungen das Zustandekommen jener im Kapitel 2.4.1 (24ff) genannten äußeren förderlichen Voraussetzungen zur Ausbildung von Resilienz unterstützen können. Hinweise auf diese beiden Annahmen könnten als Anhaltspunkte für einen Nachweis der Geltung des angenommenen Zusammenhanges zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern herangezogen werden.

Bei der nachfolgenden Darstellung und Erläuterung jenes Verständnisses von Familie, welches als Ausgangspunkt für die Forschungsannahme herangezogen wird, soll vorderhand aufgezeigt werden, dass eine hinreichende Definition von Familie über die Vollzähligkeit von Vater, Mutter und Kind hinausgehen muss.

Der Begriff Familie umfasst neben einer solchen vollständigen Vater-Mutter-Kind-Familie auch andere Formen familiären Zusammenlebens wie etwa „Einelternfamilie“ oder „Netzwerkfamilie“. Die Vorstellung, dass eine glückliche Kindheit durch ein stabiles, zumindest eineinhalb Jahrzehnte langes Zusammenleben von Kindern mit ihren beiden leiblichen Eltern gekennzeichnet ist, kann allein aufgrund der Vielgestaltigkeit möglicher Familienformen nicht als ausreichend gelten. Weiters genügt die Betrachtung des alltäglichen Familiengeschehens, um festzustellen, dass eine vollständige Vater-Mutter- Kind-Familie keine Garantie für das kindliche Erleben förderlicher familiärer Beziehungen ist (vgl. Büttner u.a. 2000, 7). Die Bezeichnung Familie sollte sich aus diesen beiden Gründen nicht an der Vollständigkeit der Familie orientieren, sondern vielmehr an dem, was die unterschiedlichen Familienformen für die Pflege und Erziehung von Kindern leisten (vgl. ebd., 10).

Aus diesem Grund wird für diese Diplomarbeit eine Definition von Familie gewählt, welche die vorangegangenen Aspekte berücksichtigt. Die gewählte Definition beschränkt sich nicht auf bestimmte Formen familiären Zusammenlebens, sondern beschreibt, was eine Familie im Inneren charakterisiert.

Eine Familie ist eine „auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft eines oder mehrerer fürsorglicher und erziehender Erwachsener mit einem oder mehreren Kindern“ (Büttner u.a. 2000, 12).

Die bloße äußere Familienform ist laut dieser Definition weniger bedeutsam für die kindliche Entwicklung als die Qualität innerfamiliärer Erfahrungen, welche dem Kind geboten werden. So übt zum Beispiel nach einer Scheidung die Vollständigkeit oder Unvollständigkeit der Familie weniger Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes aus, als die Möglichkeit beide Eltern triangulierend[4] lieben zu können (vgl. ebd., 16). Für ein Kind ist es nicht so wichtig, ob seine engsten Bezugspersonen verheiratet sind oder nicht. Für ein Kind spielt vielmehr die Art und Weise des Umgangs mit seiner Person eine Rolle, „wie verlässlich versorgend, wie liebevoll zugewandt, wie robust sich im Ertragen seines wütenden Geschreis diese Objekte von Liebe und Hass als dauerhaft und zuverlässig erweisen“ (ebd., 17). Büttner (vgl. ebd.) vertritt die Meinung, dass ein familiäres Umfeld, welches das Kind als verlässlich und schützend erlebt, eine positive Entwicklung ermöglichen kann.

Die Ansicht, dass die Familienkonstellation weniger Einfluss auf die kindliche Entwicklung besitzt als innerfamiliäre Erfahrungen von Kindern, wird von einem weiteren Autor bekräftigt. Rauchfleisch (2000, 94f) kommt auf der Grundlage seiner Ausführungen im Artikel „Familien mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Probleme und Chancen“ zu dem Ergebnis, „dass nicht die leibliche Präsenz der Mutter oder des Vaters oder beider Elternteile im Familienverband notwendig ist, damit die Kinder eine ungestörte Entwicklung durchlaufen“.

Er verweist vielmehr auf die zentrale Bedeutung zweier Aspekte für eine positive kindliche Entwicklung: erstens die Verfügbarkeit einer konstanten, primären Bezugsperson, welche dem Kind ein fundamentales Gefühl von Sicherheit und Selbstvertrauen vermittelt, und zweitens die Beziehung des Kindes zu einem „dritten Objekt“ (vgl. ebd.).

Das „dritte Objekt“ lockert seiner Meinung nach die symbiotische Dyade zwischen Kind und primärer Bezugsperson und eröffnet den für die kindliche Entwicklung wichtigen Prozess der Triangulierung (vgl. ebd.).

[...]


[1] Der pathogenetische Ansatz versucht, zu erklären, warum Menschen erkranken und untersucht welche Risiken in welchem Maß und auf welche Art und Weise mit welchen Entwicklungsbeeinträchtigungen verknüpft sind.

[2] Der salutogenetische Ansatz versucht, zu erklären, warum Menschen gesund und aktiv bleiben (vgl. Antonovsky 1987; zit. nach Margalit 1999, 210).

[3] Belastungen wie elterliche Trennung oder Scheidung, familiäre Aggressionen und Konflikte, Vernachlässigung und Ablehnung des Kindes, Alkoholmissbrauch der Eltern, Arbeitslosigkeit, Klinik- und Heimaufenthalte, ... (vgl. Lösel 1998, 1).

[4] „Triangulierung meint die schon früh gegebenen Möglichkeiten des Kindes beiderlei Geschlechts, sich in sehr flexiblen Beziehungsbewegungen von seinen Wutgefühlen zu entlasten, indem es zwischen dem mütterlichen und dem väterlichen Liebesobjekt je nach seiner Gefühlsgestimmtheit gleichsam emotional pendeln kann“ (Büttner u.a. 2000, 15).

Details

Seiten
147
Jahr
2003
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113129
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2
Schlagworte
Zusammenhang Ausbildung Resilienz Erfahrungen Kindern

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Titel: Der Zusammenhang zwischen der Ausbildung von Resilienz und innerfamiliären Erfahrungen von Kindern