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Einheit in den Köpfen? Die politische Kultur in Ost- und Westdeutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 28 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Nach 18 Jahren Einheit in den Köpfen?

2 Theoretischer Grundlage
2.1 Definition Politische Kultur
2.2 Sozialisationhypothese
2.3 Situationshypothese
2.4 V erbindun g von Sozialisations- und Situationshypothese

3 Die Aktivität der deutschen Bürger im Vergleich
3.1 Politisches Interesses
3.2 Politikwissen
3.2.1 Objektives Politikwissen
3.2.2 Subjektives Politikwissen
3.3 Politikbeurteilung
3.3.1 Bewertung der Systemperformanz
3.3.2 Bewertung des Systems im Allgemeinen
3.4 Beteiligungsbereitschaft
3.5 Aktives Handeln

4 Fazit

1 Nach 18 Jahren: „Einheit in den Köpfen“?

Der Fall der Mauer im November 1989 war der Startschuss einer rasanten Entwicklung die am 3. Oktober 1990 in der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands endete. Enden ist hierbei jedoch nicht der richtige Begriff, denn noch 18 Jahre nach diesen Ereignissen ist die Frage nach der „Einheit in den Köpfen“ allgegenwärtig.

Gibt es in Deutschland heute (noch immer) zwei unterschiedliche politische Kulturen? Diese Frage beschäftigt selbst 18 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zahlreiche Menschen. Um sie zu beantworten, muss man sich zunächst klar machen, was unter dem Begriff überhaupt zu verstehen ist, denn politische Kultur kann durchaus grundverschiedene Bedeutungen haben.

Da eine synoptische Erfassung „der“ politischen Kultur aufgrund der Komplexität des Begriffs nicht möglich scheint, ist es notwendig sich auf einzelne Teilbereiche, die als Indikatoren dienen, zu konzentrieren.1 In dieser Arbeit steht das bürgerliche Engagement als Grundpfeiler eines demokratischen Gesellschaftssystem im Blickpunkt. Es beeinhaltet politisches Interesse, Politikwissen, Beurteilung von real praktizierter Politik und des Systems im Allgemeinen, sowie die Handlungsbereitschaft und das aktive Handeln an sich.

Ziel ist es, neben der Darstellung von Differenzen, Ähnlichkeiten und Entwicklungen, vor allem deren Ursachen aufzuzeigen, um ein besseres Verständnis für die Unterschiede in der politischen Kultur zwischen West- und Ostdeutschland zu bekommen, denn Differenzen erklären sich selten aus sich selbst heraus.2

2 Theoretische Grundlage

2.1 Definition: Politische Kultur

Um sich mit den Unterschieden der politischen Kultur in Ost- und Westdeutschland zu beschäftigen ist es sinnvoll zunächst eine Definition des Begriffs vorzunehmen, da der Begriff der politischen Kultur keineswegs ein klare und eindeutige Bedeutung hat, wie man vielleicht vermuten mag. Um Missverständnissen vorzubeugen, muss deshalb zunächst geklärt werden in welchem Verständnis politische Kultur im Folgenden verwendet wird. „Wir haben für eine neue politische Kultur gekämpft und wir haben gewonnen“.3 So äußerte sich die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nach dem vermeintlichen Sieg bei den Landtagswahlen im Januar 2008. In eine ähnliche Bedeutungsrichtung geht der vor allem in Polit-Talk-Shows häufig zitierte Ausspruch

„es fehle an politischer Kultur“. Dies sind Beispiele für die Bedeutung des Begriffs politische Kultur im allgemeinen Sprachgebrauch, der einen besonders stilvollen und moralischen Umgang mit politischer Macht bezeichnet.4

Dies ist klar zu trennen vom wissenschaftlichen Begriff. Doch welche Bedeutung hat der wissenschaftliche Begriff der politischen Kultur? Hier beginnen bereits die Probleme der politischen Kulturforschung. Denn sie ist keineswegs eine einheitliche Forschungsrichtung mit einem klar vorgegebenem Konzept und einheitlicher Methodik.5 Eingeführt wurde der Begriff im Rahmen der Studie „The Civic Culture“ von Almond und Verba, die 1963 erschien. Sie definierten politische Kultur vor allem als Einstellungen der Individuen gegenüber politischen Objekten (zum Beispiel den staatlichen Institutionen). Von Bedeutung sind jedoch nicht die individuellen Orientierungsmuster des Einzelnen, sondern deren Verteilung innerhalb der Gesamtgesellschaft.6 Erfasst werden diese Einstellungen vor allem durch Umfrageforschung.

Im Laufe der Zeit wurden vermehrt kritische Stimmen laut, und es haben sich weitere wissenschaftliche Definitionen von politischer Kultur herausgebildet.

Hier wäre vor allem Karl Rohe zu nennen. Für Ihn geht die traditionelle Definition nicht weit genug. Er definiert politische Kultur als grundlegende Vorstellungen darüber was Politik ist, sein kann und sein soll. Hier wiederum besteht das Problem der traditionellen Methodik der Survey-Forschung, da Vorstellungen zu komplex sind, um in einer einfachen Umfrage erfasst zu werden. Den traditionellen Forschungsansatz der empirischen Sozialforschung sieht Rohe, trotz aller Kritik, nicht als vollkommen überflüssig an. Die gemessenen Einstellungen und Meinungen müssten aber behutsam interpretiert werden, um an den Kern der politischen Kultur, im Sinne von weiter gefassten „Weltbildern“ oder „ungeschriebenen Verfassungen“, heranzuführen.7

In dieser Arbeit, finden zwar hauptsächlich die traditionellen Survey-Methoden Verwendung, es soll jedoch, wie Eingangs erwähnt, nicht nur um die bloße Darstellung der Daten, sondern vor allem um deren Ursachen, Zusammenhänge und Bedeutungen gehen.

Warum ist die Politische-Kultur-Forschung für die Politikwissenschaft interessant? Die Antwort auf diese Frage ist der Zusammenhang von politischer Kultur und politischer Struktur, der eine zentrale These der Forschungsrichtung darstellt. Eine starke Kongruenz garantiert demnach ein hohes Maß an Systemstabilität.

Da politische Kultur kein starr feststehendes Phänomen ist und zudem die gemessenen Einstellungen und Meinungen zum Teil starken temporären Schwankungen unterliegen, sind vor allem Trends und langfristige Entwicklungen von Bedeutung. Deshalb ist es sinnvoll, nicht nur einen synchronen Vergleich der aktuellen Orientierungen vorzunehmen, sondern auch diachron vorzugehen, um Entwicklungen abzuzeichnen und möglicherweise Prognosen geben zu können. Besonders im hier untersuchten Fall des relativ jungen Prozesses der deutschen Wiedervereinigung ist dies sinnvoll, da er zwar auf struktureller Seite relativ schnell und konsequent vollzogen wurde, die kulturelle Vereinigung, wie sich im Folgenden zeigen wird, jedoch ein längerfristiger Prozess ist.

2.2. Sozialisationshypothese

Dass Unterschiede bezüglich der politischen Kultur in Ost- und Westdeutschland vorhanden sind ist den meisten bewusst. Von Interesse ist deshalb nicht ob sondern wo

und vor allem warum es diese Unterschiede noch immer gibt. Die Sozialisationshypothese ist ein häufig verwendeter theoretischer Ansatz zur Erklärung der unterschiedlichen politischen Kulturen in Ost- und Westdeutschland. Ihre Befürworter gehen davon aus, dass sich bestimmte Aspekte der politischen Kultur, selbst bei veränderten politischen Verhältnissen und Erfahrungen hartnäckig behaupten können.8 Als Beispiele werden hier entsprechende Untersuchungen in kommunistischen Ländern genannt. Die politische Kultur in Ostdeutschland wäre demnach weiterhin vor allem durch die Zeit der DDR, also durch das sozialistische System, geprägt (~sozialisiert).9 Die Unterschiede in der politischen Kultur stellen quasi ein Überbleibsel der Zeit vor der Wende dar. Sollte die Sozialisationshypothese zutreffend sein, müssten Unterschiede bereits zu Beginn der Wiedervereinigung zu finden sein und danach, aufgrund ihrer hartnäckigen Verankerung, relativ konstant bleiben.

2.1 Situationshyopthese

Vertreter der Situationshypothese stellen den Effekt der DDR-Sozialisation auf die politische Kultur in den Hintergrund. Für sie steht dagegen die aktuelle Situation mit dem neuen politischen System im Vordergrund. Es ist also die aktuelle Situation die entscheidend ist für die Ausprägung der politischen Kultur.10 Eine veränderte wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Situation kann folglich zu einer Veränderung der Einstellungen und Meinungen führen, und langfristig sogar die tiefgründigeren Vorstellungen, einer Gesellschaft verändern.

2.2 Verknüpfung von Sozialisations- und Situationshypothese

In vielen Fällen liegt die Wahrheit in der Mitte. So lassen sich beide Ansätze verknüpfen. Die politische Kultur der ostdeutschen Gesellschaft ist demnach zum einen weiterhin durch die DDR-Sozialisation geprägt. Dies schließt jedoch nicht aus, dass auch die aktuellen Entwicklungen Einfluss nehmen. So ist es durchaus möglich, dass Einstellungen und Vorstellungen durch die DDR-Sozialisation geprägt wurden und

weiter existieren, sich jedoch durch die aktuelle Situation (teilweise) ändern können .11 Der Vorteil der Verknüpfung beider Thesen liegt darin, dass es nur auf diese Weise möglich ist, anfängliche Unterschiede, die zusammen mit einer späteren Ausdifferenzierung oder Annäherung auftreten, zu erklären. Die Frage ist hier nicht entweder Sozialisation während der DDR, oder Situation heute, sondern zu welchen Teilen beide Faktoren zur aktuellen politischen Kultur beitragen.

3 Die „Aktivität“ der deutschen Bürger im Vergleich

Da der aktive Bürger als Voraussetzung für eine gut funktionierende Demokratie angesehen wird12, sollen im folgenden Abschnitt eventuelle Unterschiede in der politischen Kultur bezüglich der „Aktivität“ der Bürger untersucht werden. Hierzu gehören fünf Teilbereiche, die kausal zusammenhängen: Politisches Interesse, Politikwissen, Beurteilung politischer Sachverhalte, Handlungsbereitschaft und aktives Handeln. Zu Beginn steht das Politikinteresse, denn ohne ein Interesse eignet man sich in der Regel kein Politikwissen an. Dieses ist aber notwendig um Sachverhalte zu verstehen und zu beurteilen. Handlungsbereitschaft, als Voraussetzung für das Handeln, stellt sich wiederum erst ein, wenn man ein Thema als handelnswert beurteilt.

3.1 Politisches Interesse

Wie bereits erwähnt ist politisches Interesse der Grundstein aktiver Bürger, denn ohne politisches Interesse ist eine politische Beteiligung schlecht vorstellbar, und ohne politische Beteiligung gibt es keine demokratische Mitbestimmung der Bürger im politischen Prozess.13

Wie unterscheidet sich das politische Interesse in Ost- und Westdeutschland und wie hat es sich seit der Wiedervereinigung entwickelt? Diese Frage soll im Folgenden Abschnitt beantwortet werden. Hierzu werden die Umfragedaten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) genutzt, da sich diese aufgrund der regelmäßigen und frühzeitigen Erhebung gut zur Untersuchung eignen.

Als Messmethode wird hierbei die gängigste Operationalisierung verwendet: die direkte Frage nach dem poltischen Interesse.14 Indirekte Messmethoden, z.B. Mediennutzung, werden hier aus Gründen des begrenzten Umfangs und der oft schlechten empirischen Datenbasis nicht berücksichtigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: ALLBUS, Eigene Darstellung, Anteil der „sehr stark“ oder „stark“ Interessierten

Die obige Graphik spiegelt die Entwicklung des politischen Interesses der Bürger seit der Wiedervereinigung wieder. Zunächst fällt auf, dass es sowohl in Ost- wie auch in Westdeuschland relativ großen temporären Schwankungen unterworfen ist. Dies hängt damit zusammen, dass aktuelle Themen (Wahlkämpfe, Skandale, Affären, konkrete Ereignisse, etc.) starken Einfluss auf das persönliche Interesse für Politik ausüben können.15 So sind die hohen Werte in 2002 höchstwahrscheinlich das Ergebnis der stark polarisierenden Bundestagswahlen. Im Allgemeinen hat sich, zumindest nach heutigem Stand, das politische Interesse in beiden Landesteilen stark angenähert, so dass es in den neuen Bundesländern nur noch leicht niedriger ist. Lag die Differenz zu Beginn der deutschen Einheit noch bei 6,6%, beträgt sie heute gerade noch 2% (in 2004 waren es sogar nur circa 1%). Lediglich im Jahr 2000 gab es eine kurzfristige gegenläufige Tendenz (Zunahme im Westen, Abnahme im Osten), die eine erneute Ausdifferenzierung vermuten lassen konnte, besonders wenn man nur die Zahlen von 1994, 1998 und 2002 betrachtet.16 Ein möglicher Erklärungsversuch für diese kurzfristige und gegenläufige Entwicklung könnte die stärkere Enttäuschung der Ostdeutschen über die ausbleibende positiven Effekte des Regierungswechsels von 1998 sein, der das Interesse sinken ließ. Zudem war im Jahr 2002 in keinem der ostdeutschen Bundesländer eine Landtagswahl. Im Westen dagegen dürften die Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, das Politikinteresse der dort lebenden Bürger (zusammen immerhin mehr als 20 Millionen) positiv beeinflusst haben, denn, wie bereits erwähnt, können Wahlen dazu führen sich stärker für Politik zu interessieren.17

In Bezug auf die Ursachen für den Grad des politischen Interesses erweist sich die Verbindung von Sozialisations- und Situationshypothese als sinnvoll, wobei vor allem letztere größeren Erklärungsgrad besitzt, da es zu Beginn zwar Ost-West-Unterschiede gab, diese allerdings sehr schnell abgenommen haben. Dies erstaunt umso mehr, wenn man die Werte in anderen ehemaligen sozialistischen Gesellschaften betrachtet, die ein deutlich geringeres politisches Interesse aufweisen.18

3.2 Politikwissen

Beim politischen Wissen gilt es zunächst zwischen subjektivem und objektivem Politikwissen zu unterscheiden. Subjektives Wissen bedeutet, dass eine Person glaubt etwas zu wissen. Als objektives Wissen wird dagegen das „tatsächliche Wissen“ bezeichnet. Beide werden größtenteils durch Umfragen gemessen (zum Beispiel durch die Frage nach Kenntnissen über politische Sachverhalte wie das Wahlsystem oder Institutionen und ihre rechtlichen Kompetenzen) und können zum Teil übereinstimmen. Das objektive Wissen ist dabei Teil des subjektiven Wissens.19

[...]


1 Thumfart, Aleexander (2001): S.6

2 Patzelt, Werner (2007): S.8

3 ARD: Wahlsendung vom 27.1.2008

4 Martin und Sylvia Greiffenhagen: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik, www.bpb.de

5 Thumfahrt, Alexander (2001), S.7

6 Vgl. Almond/Verba (1963): S.14-15

7 Rohe, Karl (1994): S.3

8 Almond, Gabriel A. (1987): S.33

9 Neller, Katja (2006): S.27

10 Ebd.: S.28

11 Neller, Katja (2006): S.28/29

12 Gabriel, Oscar (2006): S. 107

13 Vgl. Niedermayer, Oskar (2001)

14 Maier, Jürgen (2000): S. 143

15 Gabriel, Oscar (2006): S. 121

16 Vgl. Gabriel, Oscar (2006): S. 115/116 / Patzelt, Werner (2007): S.16

17 Maier, Jürgen (2000): S. 146

18 Neller, Katja/ Van Deth, Jan W.: Politisches Engagement in Europa in APUZ 30-31/2006, S.30ff

19 Maier, Jürgen (2000): S.143

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640138555
ISBN (Buch)
9783640138739
Dateigröße
1022 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113301
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Einheit Köpfen Kultur Ost- Westdeutschland Theorien Konzepte

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