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Die Entstehung der Weltwirtschaftskrise von 1929

Wie lässt sich die Entstehung und Entwicklung der Weltwirtschaftskrise akteurtheoretisch nach Schimank erklären?

Bachelorarbeit 2008 39 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Die Akteurtheorie nach Schimank
2.1 Akteurmodelle
2.2 Akteurkonstellationen
2.3 Entscheidungsmodi
2.4 Strukturdynamiken
2.5 Steuerung
2.6 Zusammenfassung

III Anwendung: Die akteurtheoretische Erklärung der Weltwirtschaftskrise
3.1 Die Entwicklung der Krise
3.2 Die Krise
3.3 Der Weg aus der Krise
3.4 Zusammenfassung

IV Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

I Einleitung

„Am 24. Oktober, dem ‚schwarzen Donnerstag’, kam es zur Panik.“ (Kindleberger 1973: 121). Eine Erklärung dafür lieferte Kindleberger nicht. Auch kein anderer Wirtschafts­historiker sieht und erläutert die akteurtheoretischen Hintergründe solcher sozialen Phänomene, die durchaus auch Einfluss auf den Gang der Wirtschaft und der Politik haben. Vor allem stehen bei einer wirtschaftlichen Krise natürlich die volkswirtschaftlichen und vor allem die makroökonomischen Theorien im Vordergrund. Doch können sie auch soziale Phänomene wie eine Panik erklären? Können volkswirtschaftliche Theorien die Handlungswahlen von Politikern begreifbar machen?

Nach einigen Semestern des Studiums der Wirtschafts- und Sozialgeschichte kollidierten diese Erklärungen oftmals mit der Lehre der Soziologie. Wie die Hintergründe zu betrachten waren, fand leider keinen Eingang in die Erklärung historischer Tatbestände. Soziales Handeln wurde nie thematisiert. Um so trauriger, wo doch die Soziologie Lösungsansätze anbietet und den Blickwinkel auf Tatbestände richtet, die für die Ex-Post- Darstellung eines Sachverhalts bedeutsam sein können, die in der Volkswirtschaftslehre jedoch vollkommen vernachlässigt werden.

Die vorliegende Arbeit stellt also den Versuch dar, eine Brücke zwischen den beiden Wissenschaften zu schlagen und versucht die Erklärung der Wirtschaftsgeschichte durch einen akteurtheoretischen Blickwinkel verständlicher zu machen. Der historisch zu erklärende Tatbestand ist die Weltwirtschaftskrise von 1929, die sich bis in die Zeit der NS-Diktatur zieht und auch wesentlich zum Aufstieg der selbigen beigetragen hat.

Die Weltwirtschaftskrise wird von vielen Historikern als die Zäsur des 20. Jahrhunderts gehandelt. Die Folgen für die Weltgeschichte, aber vor allem für die deutsche Geschichtsschreibung, sind überaus bedeutsam. Wurde die Weltwirtschaftskrise in Deutschland erst etwas später als in anderen Ländern so verheerend wahrgenommen, so waren die Folgen umso fataler. Darüber hinaus besitzt eine Arbeit über die Weltwirtschaftskrise in ihren Anfängen und Ausprägungen einen enormen aktuellen Bezug. In den täglichen Nachrichten über die Wirtschaft vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über sinkende Aktienkurse berichtet wird. Die Börsen verzeichnen Kurseinbrüche, der Ölpreis schlägt sich in dem Konsumverhalten der Bevölkerung nieder, Ökonome warnen vor Inflation und Anleger haben Angst vor einer Stagflation. Der Leitzins wurde von der EZB erhöht, um die Inflation zu bremsen.

Für die soziologische Erklärung dieses historischen Tatbestandes, habe ich mich für die Akteurtheorie als Lösungsansatz entschieden. Vor allem auf die Ausführungen von Uwe Schimank und den von ihm zur Verfügung gestellten Werkzeugkasten werde ich in der vorliegenden Arbeit zurückgreifen. Diese Arbeit stellt schlussendlich den Versuch dar, die Lücken in der wirtschaftshistorischen Erklärung der Weltwirtschaftskrise mit Hilfe des Werkzeugkastens zu schließen.

Die Arbeit ist in zwei wesentliche Abschnitte gegliedert. Im zweiten Kapitel möchte ich den Werkzeugkasten umreißen, der später dann bei der Erklärung der Entstehung der Weltwirtschaftskrise helfen soll. Dieser Werkzeugkasten umfasst fünf wesentliche Teile, die Akteurmodelle, die Akteurkonstellationen, die Entscheidungsmodi, die Strukturmodelle und die Steuerung. Nach einer Darstellung dieser wesentlichen Bestandteile der Akteurtheorie werde ich eine Zusammenfassung anhand eines Schaubildes geben.

Die Theorie soll im dritten Kapitel Anwendung auf den historischen Sachverhalt finden. Diese Arbeit soll nicht den Anspruch haben, den Verlauf der Weltwirtschaftskrise von 1929 vollständig wiederzugeben und auch nicht den Anspruch haben auf aktuelle Diskussionen zwischen Wirtschaftshistorikern einzugehen. Vielmehr habe ich versucht die Weltwirtschaftskrise kurz darzulegen und nach jedem behandelten Teilabschnitt die Akteurtheorie anzuwenden.

Die Weltwirtschaftskrise habe ich in drei wesentliche Aspekte unterteilt. Die chronologische Abfolge gliedert sich in die Entstehung der Krise, die eigentliche Krise und den Weg aus der Krise. Zunächst beschäftige ich mich vor allem mit den Umständen, die überhaupt eine so lang anhaltende Depression ermöglicht haben. Es soll geklärt werden, welche Anzeichen übersehen wurden und welche Kriterien zusammen wirkten und endlich sich in der Weltwirtschaftskrise entluden. Anschließend stellt sich die Frage, wie die Akteure auf die Panik reagierten und wie die Panik und der Börsencrash überhaupt entstehen konnten und welche Auswirkungen die Krise auf die Bevölkerung hatte.

In 3.3 „Der Weg aus der Krise“ stellt die verschiedenen Versuche der führenden Politiker einiger betroffener Länder zur Bekämpfung der Krise dar.

Das Fazit fasst die wesentlichen Punkte noch einmal zusammen und zeigt, was Erklärungen von historischen Sachverhalten für die Gegenwart und Zukunft leisten können.

II Die Akteurtheorie nach Schimank

Um eine akteurtheoretische Erklärung der Weltwirtschaftskrise zu geben, soll zunächst der Erklärungsrahmen der Akteurtheorie erläutert werden, mit welcher die Erklärung schließlich stattfinden soll. Dieses Kapitel des Werkzeugkastens soll nicht die kompletten Werkzeuge darstellen, die Schimank und andere Akteurtheoretiker ausgearbeitet haben, sondern nur die für diese Arbeit wichtigsten Parameter aufarbeiten.

2.1 Akteurmodelle

Der Homo Sociologicus wird maßgeblich charakterisiert durch den Zwang, soziale Normen auszuüben. Durkheim sieht diesen Zwang als „soziologischen Tatbestand“, eine Art des Handelns, die die Fähigkeit besäße, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben (vgl. Durkheim 1984:114).

Der Homo Oeconomicus, „der Verbraucher, der vor jedem Einkauf Nutzen und Kosten sorgsam abwägt und Hunderte von Preisen vergleicht, bevor er seine Entscheidung trifft“ (Dahrendorf 1977: 15). Er versucht seine Ziele mit möglichst geringem Einsatz, dafür aber mit möglichst großem erwarteten Nutzen, zu maximieren. Dadurch, dass menschliches Handeln nicht instinktprogrammiert ist, kann jeder Akteur sich selbst Handlungsziele setzen. Die Handlungsziele werden solange verfolgt, bis der Nutzen maximiert ist. Der Homo Oeconomicus handelt ganz nach der Weber’schen Definition von zweckrationalem Handeln. Die Kosten und Nutzen und auch die Nebenfolgen werden berücksichtigt und gegeneinander abgewägt (vgl. Weber 1922: 33).

Das Akteurmodell des „emotional man“ ist vor allem darauf gestützt, dass Akteure auch häufig aus emotionalen Gesichtspunkten auf eine Situation reagieren. So sei z.B. Neid eine Reaktion auf soziale Verteilungsstrukturen, die von Schlechtergestellten als ungerecht empfunden werden (vgl. Schimank 2005a: 31). Ein unqualifiziertes Gegenüber, dessen Handlungen für mich von Bedeutung sind, kann einen spontanen Wutausbruch in mir hervorrufen. Doch auch diese spontanen Reaktionen sind „stark sozial geformt“ (Schimank 2007a: 108). Die „drei Modi der Weltaneignung“, Instinkte, Kognitionen und Emotionen, werden benötigt, um ein Zurechtkommen in der Welt zu gewährleisten (vgl. Gerhards 1988: 72). Emotionen färben Beziehungen in der Hinsicht, dass Sympathie oder Antipathie und Verlust oder Gewinn ein Kontinuum aufspannen, das vier Gruppen von Beziehungsdimensionen entstehen lässt (Schimank 2007a: 111). Mitgefühl, Schaden­freude, Neid und Mitfreuen werden durch die vier Ausprägungen gebildet (vgl. Schimank 2007a: 111). Der „emotional man“ ist sehr durch Normkonformität und rationale Nutzenverfolgung geprägt, aber er kann entscheidende „Weichenstellungen“ (Schimank 2007a: 119) für die Erklärungsmodelle des Homo Sociologicus und Homo Oeconomicus bieten.

Beim Identitätsbehaupter steht die Identität im Vordergrund, die das Bild eines Individuums von sich selbst darstellt. In dieses Bild gehen normative und evaluative Selbstansprüche, sowie die kognitive Selbsteinschätzung ein. Die normativen Selbstansprüche sind das Gewissen einer Person, die auf internalisierte soziale Normen zurückgehen. Die evaluativen Selbstansprüche sind konkrete Utopien der Personen über sich selbst. „Jemand ist, wer er sein will“ (Schimank 2007a: 123). Die kognitiven Selbsteinschätzungen sind die Fähigkeiten ihren normativen und evaluativen Selbstansprüchen gerecht zu werden. Es wird ein ständiger Vergleich zwischen dem „So- Sein“ und dem „So- Sein- Wollen“ bzw. dem „So- Sein- Sollen“ angestellt und jede Diskrepanz wird schlecht bewertet und als Fehler angesehen (vgl. Schimank 2007a: 125).

Die Akteurmodelle unterliegen einer analytischen Priorität des Homo Sociologicus. Allein weil er empirisch einfacher festzustellen ist, sollte man zunächst den Homo Sociologicus als Handlungserklärung heranziehen und wenn dieser nicht die Erklärung liefert, auf andere Akteurmodelle zurückgreifen.

2.2 Akteurkonstellationen

Akteurkonstellationen entstehen aus dem handelnden Zusammenwirken zweier Akteure, die auf Anpassung durch Beobachtung, Beeinflussung oder Verhandlungen hinauslaufen. „In ihnen konstituiert sich Sozialität für die beteiligten Akteure ganz unmittelbar durch Gewahrwerden der Tatsache, dass sie eigene Intentionen nicht isoliert verfolgen können, sondern auf die Kooperation - und sei es in Form einer Nichteinmischung - anderer Akteure angewiesen sind“ (Schimank 1995: 27). Konstellationen wechselseitiger Beobachtungen sind die wohl am häufigsten vorkommende Akteurkonstellation.

Innerhalb von Konstellationen kommt es zu Dynamiken der Abweichungsdämpfung und -verstärkung (vgl. Schimank 2007a: 221). Durch Gestaltungsintentionen können diese Dynamiken beeinflusst werden. Es gilt: „Je mehr Akteure entsprechend auftreten, desto stärker wird die Dynamik der Abweichungsdämpfung oder -verstärkung gewissermaßen auf Linie gebracht“ (Schimank 2007a: 231).

Die Konstellation wechselseitiger Beeinflussung basiert auf der Konstellation wechselseitiger Beobachtung, „geht aber darüber hinaus“ (Schimank 2005a: 33). Einfluss definiert sich über die Einschränkung der Handlungsalternativen, z.B. durch Machtausübung. Akteure verfügen über soziale Einflusspotentiale wie Macht, Geld, Wissen, Moral oder Gewalt- „also alles, womit sie das Handeln anderer in bestimmte Richtungen zu lenken vermögen“ (Schimank 2007: 191). Dominante Akteure können in stark asymmetrischen Beziehungen eine bewusste Gestaltung vornehmen, bspw. in der Form, dass politische Akteure staatliche Gesetzgebung initiieren und damit normative Gestaltungsstrukturen schaffen (vgl. Schimank 2007a: 275).

Die Konstellationen wechselseitiger Verhandlung sind immer auch gleichzeitig Konstellationen der Beobachtung und Beeinflussung (vgl. Schimank 2005a: 33). Die Verhandlungen gliedern sich zwischen den Beobachtungs- und den Beeinflussungs­konstellationen ein. Verhandlungsakteure können mehr Situationskontrolle ausüben, als ein Akteur in einer Beobachtungskonstellation, allerdings weniger als ein Akteur in einer Beeinflussungskonstellation. Verhandlungskonstellationen haben als Ziel bindende Abmachungen, an die sich jeder partizipierende Akteur zu halten hat (vgl. Schimank 2007a: 285).

2.3 Entscheidungsmodi

Im Bezug auf die Entscheidungsmodi werden nur begrenzt rationale Entscheidungen zur Erklärung herangezogen, da kognitive Grenzen der Informationsaufnahme und ­-ver­arbeitung verhindern, dass rationale Entscheidungen getroffen werden können. Der Inkrementalismus, die Wissenschaft des „Sich- Durch- wursteln[s]“[1] geht auf Lindblom (1969) zurück und ist ein Entscheidungsmodus der begrenzten Rationalität, der sich auch seiner Komponenten bedient. So werden Entscheidungen bis zu einem Punkt aufgeschoben, bis sie nicht mehr zu umgehen sind und auch der Hang zur Ver­nach­lässigung der langfristigen Probleme sind stark begrenzt rational (Schimank 2005b: 243).

Mehr als Inkrementalismus ist eine Entscheidungsstrategie, die über das Rationalitätsniveau des Inkrementalismus hinausgeht. Mehr als Inkrementalismus ist Planung. Es ist eine zeitlich, sachlich und sozial ambitionierte Art von Entscheidung und ist langfristiger angelegt. Wenn nur wenige Kom­ponenten von Planung umgesetzt werden können, greift auch diese Art von Entscheidungsstrategie auf den Inkrementalismus zurück (vgl. Schimank 2005b: 310- 312).

Weniger als Inkrementalismus bedeutet für den Akteur „im Spiel“ zu bleiben. Situationen sehr hoher Komplexität sind undurchschaubar. Die Entscheider müssen davon ausgehen, dass ihr Entscheiden nur marginal auf das ablaufende Geschehen einwirkt. In dieser Hinsicht kann sich der Akteur dem Handeln der anderen nur anpassen, denn über mehr als eine flüchtige Beobachtung verfügt er nicht. Die Zeitdimension ist von sehr hoher Zeitknappheit geprägt, sodass Planung hier völlig undenkbar erscheint. Nicht einmal In­kre­mentalismus ließe sich realisieren. Es stellt sich die Frage, ob rationales Entscheiden auf solch einem sub-inkrementalistischem Niveau überhaupt möglich ist (vgl. Schimank 2005b: 372-390).

2.4 Strukturdynamiken

Soziale Strukturen sind die Resultate aus dem handelnden Zusammenwirken zweier oder mehrerer Akteure, also aus Akteurkonstellationen, welche aus „Gewahrwerden und Abarbeiten von Intentionsinterferenzen“ (Schimank 2007a: 175) bestehen. Aus dem Bemühen diese Intentionsinterferenzen zu bewältigen, entstehen soziale Strukturen. Erwart­ungs­strukturen sind rechtliche Regelungen, Sitten und Umgangsformen etc. Sie können als formale Verhaltenserwartungen, wie Gesetze, auftreten, aber auch informeller Natur sein, wie Sitten oder Moral (vgl. Schimank 2005a: 40). Deutungsstrukturen sind „um kulturelle Leitideen gruppiert“ (Schimank 2005a: 40), bspw. binäre Codes innerhalb eines Teilsystems (vgl. Schimank 2007a: 177). Konstellationsstrukturen verfestigen sich in den Handlungsweisen der beteiligten Akteure dahin gehend, dass kein Akteur diese Kon­stel­lationsstruktur ohne weiteres ändern kann (vgl. Schimank 2007a: 177). Die Er­wart­ungs­strukturen beziehen sich auf das „Sollen“ der Akteure, während die Deutungs­strukturen durch das „Wollen“ geprägt sind. Die Konstellationsstrukturen schließlich sind das „Können“ der Akteure (vgl. Schimank o. J. b: 8). Durch das handelnde Zusammenwirken der Akteure können die sozialen Strukturen aufgebaut, erhalten und verändert werden (vgl. Schimank 2007a: 189).

Strukturdynamiken sind nicht in jedem Fall theoriefähig. Offene Strukturdynamiken ergeben sich vielfach durch Zufälle und sind nicht von den handelnden Akteuren so geplant. Sie können nicht akteurtheoretisch erklärt, sondern allenfalls historisch nacherzählt werden. Geschlossene Strukturdynamiken dagegen zeigen eine konkrete Regel­mäßigkeit auf und sind für die Akteure zu erkennen. Die Strukturen können miteinander verwoben werden, sodass bspw. offene in geschlossene Strukturdynamiken übergehen und umgekehrt (Schimank 2007a: 200-203).

Oftmals wirken sich diese Strukturen darin aus, dass die Intentionen, die die beteiligten Akteure im Sinn hatten, transintentional wirken- also so, wie sie im eigentlichen Sinne nicht geplant waren. Intentional ist handelndes Zusammenwirken nur dann, wenn seine Struktureffekte sowohl so wie gewollt, als auch so wie vorhergesehen ausfallen. Es gibt drei analytische Typen von Transintentionalität: unvorhergesehene und ungewollte, ungewollte aber vorhergesehene und unvorhergesehene aber gewollte Struktureffekte (Schimank 2007a: 186).

2.5 Steuerung

In der akteurtheoretischen Betrachtung stellt Steuerung ein zielorientiertes Handeln dar. Akteure haben verschiedene Möglichkeiten ihre Ziele zu erreichen, bspw. in dem sie die Zielzustände durch eigenes Handeln herbeiführen oder auch andere Akteure überreden dies zu tun (vgl. Schimank 1992: 166). Auch politische Gesellschaftssteuerung ist im hohen Maße intentional. Oftmals wirkt sie sich jedoch transintentional aus. Dörner (2002) hat dies mit der „Logik des Misslingens“ deutlich gemacht. Dennoch ist die Politik immer dann gefragt, wenn Strukturprobleme auftreten, die von den Akteuren des entsprechenden Teilsystems nicht gelöst werden können (vgl. Schimank 2005b: 94). Die Politik ist der Modus, in dem die Gesellschaft bewusst und gezielt auf sich selbst einwirkt. Die Gesellschaft muss auf die „visible hand“ intentionaler Gestaltungsbemühungen durch das politische System setzen (vgl. Schimank 2006: 13). Das politische Steuerungswissen ist eklatant wichtig für die effektive Erreichung der Steuerungsziele. „Das Ausmaß an Informationsdefiziten stellt eine kaum überwindbare Restriktion für politische Steuerungs­versuche dar“ (Schimank 2006: 141). Politisches Handeln sollte immer den Zweck verfolgen das Gemeinwohl zu steigern (vgl. Schimank/Glagow 1984: 6). Die politischen Akteure verfolgen mit ihrem Handeln bestimmte Eigeninteressen. Bei politischer Gesellschaftssteuerung geht es meist um Macht, bzw. den Erhalt der bereits erlangten Macht und folgt damit dem binären Code des politischen Systems. Staatliches Handeln benötigt finanzielle Ressourcen um tätig zu sein. Dadurch besteht eine enge Ab­hängigkeit zwischen Politik und Wirtschaft (vgl. Schimank 2006: 164). Neben der Politik wirkt auch das Rechtssystem durch formelle Entscheidungen regulierend, steuernd und koordinierend in alle anderen Teilsysteme hinein.

2.6 Zusammenfassung

Die Abbildung 1, siehe Anhang, verdeutlicht einige wesentliche Merkmale des Werkzeugkastens und zeigt, wie die einzelnen Teile ineinandergreifen. Die Akteurmodelle erklären die Hand­lungswahlen der Akteure, also warum jemand so und nicht anders gehandelt hat. Dies wirkt sich weiter auf das handelnde Zusammenwirken aus, auf die Akteur­kon­stel­lationen. Akteure können einander beobachten, beeinflussen oder miteinander ver­han­deln.

Durch das „Hin und Her“ zwischen den Akteuren entstehen soziale Strukturen, die ver­schiedenartig ausgeprägt sein können und schließlich in Strukturdynamiken übergehen. Die sozialen Strukturen bilden Deutungsstrukturen, Erwartungsstrukturen oder Konstellationsstrukturen aus, die dann wiederum auf das Handeln wirken. Die Politik, die ein neues Gesetz verabschiedet, gestaltet damit eine neue normative Erwartungsstruktur, die von den Akteuren aufgegriffen wird und so in ihre Handlungswahl mit einfließt.

Aus einer intentionalen Handlung eines Akteurs kann es in einem handelnden Zusammen­wirken zu Transintentionalität kommen. „Intentionales Handeln geht, früher oder später, in transintentionales handelndes Zusammenwirken und in entsprechende Dynamiken des Auf­baus, der Erhaltung oder der Veränderung sozialer Strukturen über.“ (Schimank o. J. b: 3).

Ergänzend dazu wurden die Entscheidungsmodi der begrenzten Rationalität und die politische Steuerung erläutert.

III Anwendung: Die akteurtheoretische Erklärung der Weltwirtschaftskrise

In diesem Kapitel soll nun die Theorie auf die Weltwirtschaftskrise angewandt werden. Zunächst soll die Entwicklung, also die Rahmenbedingungen in Politik und Wirtschaft vor der Krise, akteurtheoretisch betrachtet werden. Anschließend versuche ich sowohl die Krise, als auch den Weg aus der Krise mit Hilfe der Akteurtheorie zu erklären.

3.1 Die Entwicklung der Krise

In den 1920er Jahren war ganz Amerika von der „ewigen Konjunktur“ überzeugt. Das Wirtschaftswachstum der USA war tatsächlich immens, nicht verwunderlich unter der Prämisse, dass der erste Weltkrieg sich nicht auf eigenem Territorium abgespielt hatte und man trotzdem von dem Aufschwung durch die Kriegswirtschaft und den Dawes- Plan profitieren konnte (vgl. Kindleberger 1973: 30). Auch der Fordismus[2], also die Automatisierung der Produktion, maßgeblich durch Ford und seine bis dahin neue Maßstäbe setzende Produktionsstätte ‚River Rouge’ repräsentiert, trugen zum Wachstum dieser Volkswirtschaft bei (vgl. Hughes 1989). Nach Schumpeter waren diese neuen Innovationen, wie das Automobil und das Radio, Basisinnovationen, die durch ihren breiten Absatz in der Bevölkerung die Konjunktur beschleunigte. Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft in regelmäßigen längerfristigen Wellen, die gesetzmäßig aufeinander folgen (Borchardt 1982: 104).

In Deutschland waren jedoch schon in den Anfängen des Wachstums Schwierigkeiten zu verzeichnen, die sich später in der Weltwirtschaftskrise entluden. So sind die Zyklen nicht einer Regelmäßigkeit zuzuschreiben und verlaufen durch die gegebenen Umstände, Krieg, Inflation, Missernten, Streikwellen etc. eher zufällig (Borchardt 1980: 222). Diese Umstände sind jeder für sich natürlich auch akteurtheoretisch erklärbar - was hier nicht im Rahmen des Möglichen liegt- doch die zufällige Konstellation all dieser Unregelmäßigkeiten ist eine offene soziale Strukturdynamik, womit die Erklärung durch die Akteurtheorie hier an ihre Grenzen stößt. Zeitpunkt und Ablauf der Krise waren daher durch das Zusammenwirken dieser Faktoren nicht exakt vorhersehbar und sind im Nachhinein „in ihrer Verkettung von Ursachen und Wirkungen [zu] erzählen“ (Schimank 2007a: 198). Diese Verkettung ist ein klassischer „Cournot-Effekt“, denn das komplexe Zusammenwirken dieser Geschehnisse ist zwar wahrscheinlich, aber definitiv nicht vorhersehbar und entscheidend durch den Zufall geprägt (vgl. Winkler 2006: 329).

Die Schwierigkeiten und deren Lösungsansätze, vorgeschlagen von der Regierung der Weimarer Republik, sind geprägt von politischer Steuerung und inkrementalistischen Entscheidungen. Die Durchsetzung der Forderung nach höheren Löhnen stellen z.B. einen Eingriff in die Wirtschaft dar und auch die Reparationszahlungen waren Hemmnisse, auf die mit falschen Mitteln der politischen Steuerung reagiert wurden (Kindleberger 1973: 30). Die Forderung nach höheren Löhnen an die Politik durch die Gewerkschaften, ist die Handlungswahl des Homo Oeconomicus, da der korporative Akteur danach strebt seinen Nutzen- sprich die Löhne- zu maximieren. Durch eine Konstellation wechselseitiger Verhandlung, also durch ein handelndes Zusammenwirken, wurde versucht die Intentionsinterferenzen zu bewältigen, woraus eine neue normative Erwartungsstruktur entstand- nämlich neue Lohntarife. Diese Intention war für den Einzelnen innerhalb der Gewerkschaft ein durchaus löbliches Vorhaben, allerdings wird diese Forderung auf den Rücken der bereits Arbeitslosen ausgetragen. Unternehmer müssen diese weiteren Kosten an anderer Stelle einsparen und verringern damit ihre Produktivität. Wahrscheinlich ist, dass in Folge der Lohnerhöhungen sogar Arbeitsplätze freigesetzt wurden, womit sich die Intention der Gewerkschaften, die Lage der Arbeiter zu verbessern, letztendlich transintentional auswirkte.

[...]


[1] Siehe dazu Lindblom (1969: 154- 165)

[2] Nähere Informationen dazu in Hughes (1989).

Details

Seiten
39
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640140282
ISBN (Buch)
9783640140527
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113473
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Schlagworte
Entstehung Weltwirtschaftskrise Akteurtheorie Schimank Homo Oeconomicus Homo Sociologicus Emotional Man Identitätsbehaupter Steuerung Entscheidungsmodi Strukturdynamiken

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Titel: Die Entstehung der Weltwirtschaftskrise von 1929