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Eine historische Betrachtung der Großen Hungersnot 1846 - 1851 und ihres Einflusses auf die demografische Struktur Irlands

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 37 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1. Vorgehensweise

2. Besonderheiten der Great Famine

3. Die demografische Struktur Irlands heute

4. Die demografische Struktur Irlands vor der Großen Hungersnot, 1820 bis 1840

5. Die Große Hungersnot 1846 bis 1851
5.1. Ursachen
5.1.1. Versuch einer Erklärung nach dem Bevölkerungsgesetz von Malthus
5.2. Maßnahmen gegen den Hunger
5.2.1. Nahrungsimporte und –exporte
5.2.2. Gesetze und Gesetzesänderungen
5.2.3. Arbeitshäuser
5.2.4. Armenküchen
5.2.5. Spenden

6. Veränderungen der demografischen Struktur nach der Great Famine
6.1. Natürliche Bevölkerungsbewegung
6.2. Fertilität
6.3. Mortalität
6.3.1. Natürliche Mortalität
6.3.1.1. Erhöhte Mortalität aufgrund von Verhungern
6.3.1.2. Erhöhte Mortalität aufgrund von Seuchen
6.4. Zusammensetzunge der Bevölkerung
6.4.1. Alter
6.4.2. Geschlecht
6.5. Migration
6.5.1. International Emigration

7. Auswirkungen auf die Ökonomie

8. Fazit

Anhang

I. Abbildungsverzeichnis

II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Welche Auswirkungen Katastrophen auf Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft haben können sind kein Geheimnis. Erst vor kurzem konnte jeder am Bildschirm und in den Zeitungen verfolgen, wie eine Tsunami große Teile der Küstenregionen Südostasiens dem Erdboden gleichgemacht hat. 175.000 Menschen (Learn Line NRW 2005) fanden in den Fluten den Tod.

Die sozioökonomischen Auswirkungen einer solchen Katastrophe lassen sich schwer abschätzen, sind jedoch sicherlich gravierend, nicht nur für die Überlebenden, sondern auch für kommende Generationen. Ein Autor trieb es sogar so weit, von einem „event with something of the characteristic of a low-level nuclear attack“ (Clarkson et al 1999, 15) zu sprechen. Das Ziel dieser Seminararbeit ist es, aufgrund einer historischen Betrachtung der Großen Hungersnot in Irland von 1845 bis 1850[1] die Veränderungen in der demografischen Struktur der irischen Bevölkerung durch den Einfluss einer Katastrophe zu beschreiben die bis heute noch in den Gedanken der Einwohner des Landes und der Auswanderer festsitzt und die dazu geführt hat, dass sich eine Bevölkerung über den halben Globus verstreut hat. Die Great Famine wird in Irland auch heute noch immer wieder thematisiert. Sie ist, auch nach knapp 150 Jahren, ein Markstein der irischen sowie der Weltgeschichte. In den Gaeltacht-Gebieten in denen die irische Landessprache noch gesprochen wird, aber auch in der Literatur, spricht man auch häufig von An Gorta Mor, dem „Großen Hunger“ oder The Great Hunger (Wikiweb 2005a). Die Gründe für ihr Auftreten sind immer noch strittig, ihre Konsequenzen bedeutend, welches Land auch immer die daraufhin folgende irische Diaspora erreichte. Genauso wie es die Südostasische Tsunami für kommende Generationen sein wird.

1.1.Vorgehensweise

Zuerst möchte ich zeigen, warum die Great Famine anders war als Hungersnöte die man auf der ganzen Welt vorfindet. Dann folgt eine Beschreibung der gegenwärtigen demografischen und gesellschaftlichen Struktur Irlands einiger Besonderheiten durch die sich die sozioökonomische Struktur Irlands von der des übrigen Europa unterscheidet.

Nachdem ich diese herausgearbeitet habe, schlage ich einen Bogen zum Irland vor der Hungersnot zu Beginn des 19. Jahrhunderts und versuche die Gründe darzustellen, die dazu geführt haben, dass das Schicksal des Großteils einer Bevölkerung vom Ernteertrag einer einzigen Pflanzenart abhängig wurde. Das darauf folgende Kapitel beschreibt die Zeit der Great Famine, ihre Ursachen und wie die irische Bevölkerung und die englischen Besatzer versucht haben das Unglück zu verhindern. Im Anschluss beschreibe ich, wie sich die demografische Struktur durch die Hungersnot beeinflusst wurde und das letzte Kapitel soll einen Eindruck davon geben, wie Irland sich aufgrund eines dreiviertel Jahrzehnts des Hungers verändert hat.

2. Besonderheiten der Great Famine

Wenn man in der Weltgeschichte nach Hungersnöten sucht, hält sie einige parat. Gemeinsamkeiten haben sie alle: Sie kosten Menschenleben, entvölkern teilweise ganze Landstriche und unter den Opfern finden sich meist die Ärmsten und Schwächsten. Doch was macht die Great Famine so besonders? Klar ist, dass sie größer war als die meisten modernen Hungersnöte. In Äthiopien 1972 bis 1974 starben 200.000 Menschen, in der Sahel Zone 1973-1974 waren es 100.000 in einer Gegend in der 25 Millionen Menschen leben, im Sudan Mitte der 80er starben ungefähr 100.000 bei einer Einwohnerzahl von 20 Millionen. Hier gab es zwar überall zig Tausende von Toten, nur waren die Zahlen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung relativ gering. Um eine Hungersnot vom Ausmaß der irischen zu finden, muss man etwas weiter zurückgehen. Vergleichbar sind hier nur das Sowjetische Desaster 1918 bis 1922 mit ungefähr 5 Millionen Toten (IGFM 1998), die Hungersnot unter Stalin 1932 bis 1933 mit ungefähr 6 Millionen Toten (IGFM 1998) und die Hungersnot in Bengal 1943 bis 1944 mit ungefähr 3 Millionen Toten (Ziegel 1999). Die Hungersnot während des Chinesischen „Großen Sprungs nach vorn“ ab 1956 die 30 bis 43 Millionen Chinesen das Leben kostete (Begriffsportal 2005) spielt dabei in ihrer eigenen makaberen Liga.

Allerdings kann man sagen, lässt man die absoluten Zahlen außer Acht und sieht sich die Proportionen an, dann sucht die Great Famine ihresgleichen, da sie fast ein Achtel der irischen Bevölkerung vernichtete. Nimmt man hier z.b. die Great Finnish Famine zum Vergleich, so hat diese die Bevölkerung „nur“ um 5% auf 1,7 Millionen reduziert, im Gegensatz zur irischen mit 12,5, was knapp 1 Million Leben entspricht.

Eine zweite Besonderheit stellt die massive Migrationswelle dar, die während der Hungerjahre einsetzte. Alle größeren Hungersnöte bringen Migrationströme mit sich, doch diese sind normalerweise nur von kurzer Dauer, erstrecken sich über relativ kurze Strecken und die Flüchtlinge kehren wieder zurück, wenn die Gefahr vorbei ist. Die Auswanderung während der Famine war jedoch genau das Gegenteil. Sie war über eine hohe Distanz und meist dauerhaft. Irland war seit jeher ein Auswanderungsland doch Schätzungen sagen, dass von den 1,5 Millionen Menschen die zwischen 1845 und 1850 Ausgewandert sind mehr als die Hälfte aufgrund von Hunger das Land verließen. Natürlich gab es auch nationale Wanderungen, diese sind aber weniger auffällig als die internationale

„Landflucht“. Der Cork Examiner schrieb im März 1847: „[...]the emigrants of this year are not like those of former ones; they are now actually running away from fever and disease and hunger, with money scarcely sufficient to pay passage for and find food for the voyage” (Ó Gráda, C./ O’Rourke, K. H. 1996, 9). Auf die Migration komme ich nochmals in Kapitel 6.1.2. zurück.

Ein dritter Faktor, der erkennen lässt, dass das irische Desaster seinesgleichen sucht ist die Tatsache, dass die Hungersnot eine solch große und dauerhafte Auswirkung auf Irlands Wirtschaft und Bevölkerung hatte. Typischerweise erholt sich eine Bevölkerung wieder, wenn die Krise vorbei ist. Im irischen Fall war dies allerdings nicht so. Hier sank die Bevölkerungsgröße von 8,5 Millionen Einwohnern 1845 auf 4,2 Millionen 1926 (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3). Das statistische Jahrbuch weist erst ab 1936 eine Bevölkerungszunahme aus. Diese jedoch nur in Nordirland, in der Republic of Ireland war die Bevölkerungszahl noch bis 1966 rückläufig (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3).

Schließlich gibt es noch eine weitere Eigenheit der Great Famine: Der Ort und der Zeitpunkt. Während Hungersnöte heutzutage meist nur noch in unterentwickelten Ländern auftreten traf es damals die westliche Welt völlig unvorbereitet. Hungersnöte waren in England seit 1600 und in Schottland seit 1700 nicht mehr aufgetreten. Auf dem Kontinent war das letzte größere Aufflackern von Hunger 1816-1819 aufgrund von Missernten zu beobachten, die durch die Eruption des Vulkanes Tambora auf der südindonesischen Insel Sumbawa hervorgerufen wurden (Werdenberger & Obertoggenburger 2005). Doch dann schlug die Great Irish Famin e im „back garden of ‘the workshop of the world’” (Ó Gráda C. 1989, 9) zu. Während in London Pläne für die Great Exhibition im Crystal Palace, 1851, geschmiedet wurden starben in Irland immer noch Tausende an Krankheiten die mit dem Hunger in Zusammenhang standen. Doch Irland war zu diesem Zeitpunkt schon 50 Jahre vollwertiges Mitglied des Vereinigten Königreichs. Hier zeigt sich deutlich wie ungleichmäßig sich die industrielle Revolution in Europa ausgebreitet hatte.

Zuletzt kann man noch sagen, dass die Ursachen von Hungersnöten normalerweise entweder durch schlechte Ernten, schlechtes Wetter, Krieg oder politische Fehlentscheidungen entstehen. In Irland war der Auslöser jedoch ein ökologisches Desaster, die Kartoffelfäule, die im Jahr zuvor in Nordamerika gewütet hat. Verstärkt wurde dies dadurch, dass die irische Landbevölkerung in hohem Maße von der Kartoffel als Grundnahrungsmittel abhängig war.

3. Die demografische Struktur Irlands heute

Wie schon erwähnt, war die Zahl der Einwohner Gesamtirlands bis 1936 rückläufig, in der Republic of Ireland sogar bis 1966. Da es schwer ist Daten für die Gesamtbevölkerung der Insel zu bekommen, weil Nordirland immer als Teil Großbritanniens gesehen wir beziehen sich meine folgenden Ausführungen auf Eire[2] und die in diesem Landesteil zusammengefassten Provinzen Leinster, Munster, Connacht und den republikanischen Teil von Ulster. Das niedrigste Zensusergebnis an Einwohnern war 1961 mit 2.818.341 erfassten Personen erreicht, dann begann der Anstieg. 1966 waren es dann schon 2.884.002 Menschen, 1971 2.978.248 und am 28. April 2002[3] wurde die 3.9 Millionen Marke überschritten. Dieser stetige Rückgang lässt sich durch eine hohe Emigration und niedrige Heiratsraten erklären. Es gibt in Irland zwar sehr viele Großfamilien, 1961 waren noch in 18% aller Haushalte 7 oder mehr Kinder zu finden. 2003 waren es nur noch 2,4%.

Allerdings ist der Anteil von Familien mit 5 Kindern und mehr mit 17,5% (CSO 2003c) noch höher liegt als in Deutschland mit 4,21% (Destatis 2004a). Dem gegenüber steht jedoch eine niedrige Heiratsrate von 42,7% im Vergleich zu Deutschland mit 59,33%[4], gepaart mit einem relativ hohen durchschnittlichen Heiratsalter das in den 90ern bei 28,3 für Männer und 26.3 für Frauen lag. Obwohl Irland im Vergleich zu anderen EU-Ländern relativ klein ist hat es doch in einigen Aspekten den „großen Brüdern“ einiges voraus. Im Gegensatz zu Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die alle einen prozentualen jährlichen Bevölkerungszuwachs von unter 1 haben[5] steigt die irische Bevölkerung mit 1,16% (CIA 2004) jährlich an. Dies liegt unter anderem daran, dass im Zensuszeitraum 1996 bis 2002 die Zahl der Geburten mit durchschnittlich 54.000 noch deutlich über den durchschnittlichen Todesfällen von 31.000 jährlich (dies entspricht einer durchschnittlichen Sterberate von 7,94 pro 1000 Einwohner) liegt und eine positive Wanderungsbilanz von durchschnittlich 26.000 Einwanderern vorliegt. Durch diese hohe Geburtenrate von 1,89 Kindern pro Frau, die sogar noch Frankreich (mit 1,85) übertrifft, schwebt die irische Gesellschaft nicht in so großer Gefahr zu überaltern wie es z.B. in

Deutschland der Fall ist. Der prozentuale Bevölkerungsanteil der unter 15-jährigen lag zum Zeitpunkt der Erhebung 2004 bei 21,2%[6], die 15 bis 64-jährigen bei 67,5, was in etwa den anderen Ländern entspricht die zum Vergleich herangezogen wurden, und der Anteil der Einwohner über 65 bei 11,4%. Die Analphabetenrate liegt unter 1%. Zieht man hier einen Vergleich mit einem Aspiranten auf die EU-Mitgliedschaft dann zeichnen sich der Unterschied deutlich ab: In der Türkei können 13,5% der Bevölkerung nicht lesen oder schreiben. Ein weiterer Aspekt, der deutlich macht, dass Irland Wie man sieht ist Irland

also ein aufstrebendes Land, das nicht mit so großen demografischen Problemen zu kämpfen hat wie manch anderes Land in der EU. Doch das war nicht immer so. Das nächste Kapitel gibt einen Überblick über die demografischen Gegebenheiten in der Zeit vor der Great Famine.

4. Die demografische Struktur Irlands vor der großen Hungersnot, 1820 bis 1840

Wenn man sich die Bevölkerungsdaten Irlands so ansieht denkt man nicht, das ein Land, dass heute zu den am dünnsten besiedelten der EU gehört, früher extrem überbesiedelt war. Die Gesamtbevölkerung Irlands lag 1841 bei nahezu 8.175.124 Menschen (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3). Da damals die Republic noch nicht abgespalten war kann man nur annähernd errechnen wie viele Menschen in den Provinzen gelebt haben die diese heute bilden. Rechnet man Leinster, Munster, Connacht und einen Teil von Ulster (die Counties Cavan, Donegal, Monaghan) zusammen bekommt man 6.528.799 Bewohner (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 15 i.V.m. 10ff). Die restlichen 1.646.325 Einwohner lebten auf dem jetzigen Gebiet Nordirlands das sich aus den Counties Antrim, Armagh, Belfast, Down, Fermanagh, Londonderry und Tyrone der Provinz Ulster zusammensetzt. Doch wie kam es zu so einer Überbesiedlung? Die Tatsachen, dass damals wie heute der Katholizismus sehr ausgeprägt war (1861 waren 4.505.265 Einwohner oder 77,7% der Bevölkerung katholisch gegenüber 1.293.702 oder 21,3% Angehöriger anderer Glaubensrichtungen[7]) und deshalb Verhütung nicht sehr oft praktiziert und nicht gern gesehen wurde, gepaart mit Familienplanungsideen die aus der heutigen dritten Welt entliehen sein könnten führten zu einer rasanten Bevölkerungsentwicklung. Noch dazu beigetragen haben die Tatsachen, dass in Irland eine große Zahl der Einwohner in der Landwirtschaft tätig und die Urbanisation nicht sehr fortgeschritten war. 1841 lebten nur 13,89% der Bevölkerung in Städten über 2000 Einwohner (Fitzgerald/ Vaughan 1978, 27). Im Zensusjahrgang 1821 bis 1831 kam es zu einer Bevölkerungszunahme von 6,8 Millionen auf 7,8 Millionen. Dies entspricht einem Prozentsatz von 15%. 1841 wurde dann die 8 Millionen-Marke überschritten. Allerdings flaute hier das Wachstum auf eine prozentuale Zunahme von 5,3% ab. Diese Werte sind aber nach Aussage von Historikern eher zu tief geschätzt (Ó Gráda C. 1989, 12). Zeitgenössische Beobachter verglichen die irische Gesellschaft auch mit einem „rabbit warren“ (Ó Gráda C. 1989, 12). Auch der englische Kolonialismus trug seinen Teil zur hohen Fruchtbarkeit bei. Die Abgabenlast der Pächter führte dazu, dass der Kartoffelanbau für ihren Eigenbedarf zur Monokultur wurde, denn bei fortschreitender Erbteilung auf immer kleineren Parzellen konnte nur dank der anspruchslosen und ertragreichen Kartoffel die Subsistenz für eine Familie erwirtschaftet werden. Umgekehrt bildete jetzt ein kleiner Kartoffelacker die ausreichende Voraussetzung, eine Ehe einzugehen. Die Heiratsziffer stieg bei gleichzeitig sinkendem Heiratsalter. Drastische Auswirkungen auf die Geburtenziffer waren die Folge.

Diese Erklärung, erweist näherer Betrachtung jedoch als nicht 100% zutreffend. Zeitgenössische Beobachter schreiben zwar über die irischen Frauen: „[...]their propensity to generation causeth that they cannot endure. They are women at thirteen and old wives at thirty” (Ó Gráda C. 1989, 14). Forschungen in diese Richtung wiederlegten dies aber. Der Zensus von 1841 zeigte jedoch, dass das durchschnittliche Heiratsalter bei den Männern die um 1820 herum geboren waren bei knapp über 30 und bei Frauen bei 26 lag. Betrachtet man den Median des Heiratsalters der Heiratstafeln 1841 so liegt er bei 27,5 für Männer und bei 23,6 für Frauen. Was hier noch wichtig scheint zu erwähnen ist, dass es regionale Unterschiede gab. Das durchschnittliche Heiratsalter bei Frauen in Connacht lag mit 25 Jahren um 1,8 Jahre unter dem in Leinster. Ein Zeitabschnitt der groß genug ist um bei einer durchschnittlichen Familie in Connacht noch ein Kind draufzurechen. Auch ließen sich Klassenunterschiede feststellen. Das durchschnittliche Heiratsalter eines Farmers im Parish[8] Killashandra in Cavan lag 4 Jahre über dem eines Arbeiters (Ó Gráda C. 1989, 14). Ist man nun ein Anhänger des malthusianischen Bevölkerungsgesetzes muss man davon ausgehen, dass irgendwann eine Katastrophe wie die Great Famine eintritt, da bis zum Beginn der Hungersnot knapp 2 Millionen acres (0.8 Millionen Hektar)[9] für den Kartoffelanbau genutzt wurden und der sog. Irish lumper, eine Kartoffelart die 7 bis 9 Monate im Jahr angebaut werden konnte, ein Hauptnahrungsmittel des Großteils der Bevölkerung war. Sir William Petty, ein zeitgenössischer Beobachter, schrieb einmal nieder, dass: „[...] six out of eight of all the Irish [...] feed chiefly upon milk and potatoes“ und „[...]potatoes from august till may[...]“ (Ó Gráda C. 1989, 23).

5. Die große Hungersnot 1846 bis 1851

Doch warum kam es überhaupt dazu, dass sich eine Bevölkerung so auf eine Hauptnahrungsart spezialisierte?

5.1.Ursachen

Böse Zungen behaupten, dass die englische Regierung Schuld trägt und behaupteten dass sie den Erfolg der Kartoffel erst einmal ausprobieren wollte und sie deshalb in Irland einführte (Happe, H. U. 1987, 42). Doch dies stimmt nicht. Vor der Hungersnot waren die Iren Europas „potato people“par excellence (Ó Gráda C. 1999, 17). In den frühen 1840ern hatte der tägliche Verbrauch ungefähr 2,3 kg pro Kopf erreicht (Ó Gráda C. 1999, 17).

Zum Vergleich: In Frankreich waren es nur 165 Gramm. Doch warum? Die strukturellen Bedingungen der Great Famine waren langfristig im kolonialen Status Irlands angelegt. Seit dem misslungenen Versuch Heinrichs VIII., die Reformation auf Irland auszudehnen, hatte England die Kolonialisierung vorangetrieben. Die Begünstigung englischen Feudalbesitzes während der Diktatur Cromwells erhärtete die Machtverhältnisse. Die Grundbesitzer konnten dank einer immer repressiveren Gesetzgebung über die irischen Pächter fast nach Gutdünken verfügen.

Weil viele landlords nicht residents, sondern absentees waren, also nicht auf irischem Boden lebten, hatte sich nie ein fürsorglicher Paternalismus zugunsten der verarmten Landbevölkerung entwickelt. Stattdessen wurde der permanente Kapitalabfluss gefördert. Hinzu kam, dass, wie schon erwähnt, die Bevölkerung hauptsächlich aus ländlichen Gebieten kam und 2/3 der Arbeitskräfte sich durch Landwirtschaft ernährten. Da allerdings das Land meist unter den Söhnen aufgeteilt wurde kam es zu immer kleineren Parzellen.

Vor dem Great Famine umfassten 45% aller bäuerlichen Pachtbetriebe eine Anbaufläche von weniger als 1,25 Hektar. Im County Mayo gab es sogar den Fall, dass zwischen 110 Pächter 167 acres[10] aufgeteilt wurden was pro Bauer 0,62 Hektar oder 6151 m2 bedeutete Um davon eine Familie zu ernähren, lag es nahe Kartoffeln anzubauen. Moderne Ernährungsanalysen beweisen, dass die vorwiegende Ernährung der Iren durch Kartoffeln und Buttermilch alle Proteine, Kalorien und Mineralstoffe beinhaltete, die er brauchte (Ó Gráda C. 1989, 26). Doch auch das Einkommen spielte eine wichtige Rolle. Durch die

Britischen corn laws von 1815 waren Kartoffeln erheblich billiger als Getreide. Diese Gesetze wurden eingeführt im den „einheimischen“ englischen Markt vor Getreideimporten zu schützen indem hohe Einfuhrzölle zu zahlen waren. Dies führte dazu, dass die ortsansässigen Farmer zwar vor ausländischen Billigproduzenten geschützt wurden, die verarmte Bevölkerung sich jedoch kein oder nur wenig Getreide leisten konnte. Als Ersatz, der in Irlands feuchtem, gemäßigten Klima und seinem sauren Erdreich wunderbar gedieh, bot sich die Kartoffel nahezu an (Ó Gráda C. 1999, 18).Wie lässt sich nun die Hungersnot erklären wenn die Kartoffel all die Jahre ein vertrautes Hauptnahrungsmittel war. Tabelle 1 gibt Aufschluss über die Mengen die auf der Insel verarbeitet und verzehrt wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Jährlicher Kartoffelverbrauch (in Millionen Tonnen)

[...]


[1] Hier gehen die Angaben in der Literatur auseinander

[2] Name der Republic of Ireland in der Landessprache

[3] Die sog. Census Night

[4] Beide Zahlen sind inklusive geschiedener und verwitweter

[5] D: 0,04; F: 0,42; GB 0,30 (Welt in Zahlen 2005)

[6] D: 14,9; F: 18,6; GB: 18,3 (Welt in Zahlen 2005)

[7] Frühere Daten sind leider nicht vorhanden

[8] A parish, simply defined, is an administrative area. A parish can also be a governmental administrative unit, such as is used in Ireland and in the State of Louisiana in the U.S. Using Louisiana as our primary example, let it suffice to say that the parish there is comparable to a county in other states. (Parish Records 2005)

[9] entsprechen 8.093,6 km2 bei einer Landmasse von 84.421 km2

[10] Entsprechen 675825 m2 oder 67.6 Hektar

Details

Seiten
37
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640143788
ISBN (Buch)
9783640143818
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113510
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Professur für Bevölkerungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Eine Betrachtung Großen Hungersnot Einflusses Struktur Irlands Bevölkerungsanalyse

Autor

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