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Die geplante Organisation

Begriff und Konzept der »Planung« in Niklas Luhmanns funktional-struktureller Organisationstheorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 36 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

I. Die geplante Organisation – Zur Einführung

II. Kausalität, Kontingenz und das Problem der Planung

III. (System-)Theoretische Arbeitsgrundlagen
III.1. Allgemeine Systemtheorie
III.1.1. Komplexität als (Ur-)Problem
III.1.2. Systeme als Lösungen zum Komplexitätsproblem
III.1.3. Typologie (sozialer) Systeme
III.2. Soziale Systeme
III.2.1. Kommunikation als Element und Ereignis
III.2.2. Autopoiesis und Selbstreferenz
III.2.3. Offenheit und Geschlossenheit
III.3. Organisationen
III.3.1. Unsicherheitsabsorption durch Entscheidung
III.3.2. Struktur und Prozess
III.3.3. Mitgliedschaft in Organisationen
III.4. (System-)Theoretische Arbeitsgrundlagen – Fazit

IV. Planung als Entscheiden über Entscheidungen
IV.1. Planung als Entscheidungsorientierung
IV.2. Entscheidungsprämissen und Organisationsstrukturen
IV.3. Programme, Organisation und Personal
IV.3.1. Konditionalund Zweckprogramme
IV.3.2. Die Organisation der Organisation
IV.3.3. Personalstruktur und Persönlichkeit
IV.4. Planung als Entscheidung über Entscheidungen – Fazit

V. Warum Planung?
V.1. Planung und Autopoiesis
V.1.1. Rekursivität als basale Selbstreferenz
V.1.2. Anschlussfähigkeit durch Planung
V.1.3. Autopoiesis der Organisation
V.2. Planung und Geschlossenheit
V.2.1. Reflexivität als prozessuale Selbstreferenz
V.2.2. Selbststrukturierung durch Planung
V.2.3. Schließung der Organisation
V.3. Planung und Offenheit
V.3.1. Reflexion und System-Umwelt-Differenz
V.3.2. Irritierbarkeit durch Planung und Programmierung
V.3.3. Öffnung der Organisation
V.4. Warum Planung? – Fazit

VI. Die geplante Organisation – Conclusio

VII. Bibliographie

I. Die geplante Organisation – Zur Einführung

»Das Verführerische der kausalen Betrachtungsweise ist, dass sie einen dazu führt, zu sagen: ›Natürlich, – so musste es geschehen.‹ Während man denken sollte: so und auf viele andere Weise, kann es geschehen sein« (Wittgenstein (1984) 501).

Scheinbar beiläufig stellt Ludwig Wittgenstein die Frage, ob die eigentlich so wohlvertraute Perspektive der Ursache/Wirkungs-Beziehungen angesichts eines grundsätzlichen Auchanders-möglich-sein-Könnens (vgl. SoSy 47) überhaupt jene Geltungskraft beanspruchen kann, die man ihr gemeinhin zugesteht. Auf eine prägnante Formel gebracht könnte man das Eingangszitat daher auch wie folgt reformulieren: Kontingenz statt Kausalität ?! Aber warum diese Frage? Handelt es sich dabei nicht um ein philosophisch-abstraktes Problem, das im Kontext organisationstheoretischer Überlegungen wenig Relevanz besitzt? Auf den ersten Blick scheint dies so zu sein, doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass der Wittgensteinsche Zweifel auch ganz konkrete Implikationen hat – dort nämlich, wo Ursache/Wirkungs-Relationen nach üblicher Meinung quasi axiomatisch vorausgesetzt werden müssen, um überhaupt tätig werden zu können: bei der Planung von Organisationen.

Besinnt man sich nämlich der zentralen Bausteine der klassischen Organisationstheorie, findet man bspw. im Bürokratiemodell Max Webers, mit welchem dieser gewissermaßen den Idealtypus einer modernen, rationalen Organisationen skizziert hat, neben zahlreichen anderen konstitutiven Merkmalen auch: Berechenbarkeit (vgl. Weber (1921/1972) 128). Damit ist gemeint, dass Organisationen gleichsam als Instrumente (vgl. PolP 93) nach dem Vorbild von Apparaten (vgl. Weber (1921/1972) 128) oder Maschinen (vgl. Weber (1919/1992) 59) aufgebaut sein und auf erklärbaren, nachvollziehbaren Ursache/Wirkungs-Beziehungen beruhen sollen. Nur dann nämlich, wenn man das dementsprechende Konstruktionsprinzip der Trivialmaschine (vgl. Foerster (1993) 247) voraussetzen kann, hat es Sinn, Organisationen zu planen, also wissentlich und willentlich zielrespektive zweckorientiert auszugestalten.

Akzeptiert man stattdessen die Aussagen des Eingangszitates, kommt man nicht umhin,

»Kausalzusammenhänge für äußerst komplex und für prinzipiell undurchsichtig zu halten« (ÖK 28) – und wenn man diese allgemeine Feststellung sodann auf den speziellen Fall der organisationalen Planung bezieht, stellt sich die Frage, »ob Planung diejenigen Probleme löst, für die sie eingerichtet« (SozA3 425) wurde. Wenn man also – anstelle der traditionellen Idee – von prinzipieller Kontingenz ausgeht, scheint der Planungsbegriff obsolet – denn weshalb sollte man unter der Bedingung des Auch-anders-möglich-sein-Könnens Organisationsplanung (vgl. OuE 16) praktizieren?

Planung scheint, logisch gesehen, nur als Implikation »invariante[r] Beziehung zwischen einer Ursache und einer Wirkung« (SozA1 21) möglich, wohingegen eine entsprechende Skepsis, »Ursachen und Wirkungen als [...] Seinszustände zu denken« (ebd.) eigentlich eine Negation von Planungsvorstellungen bedingen sollte. Dessen ungeachtet zeigt sich jedoch, dass die funktional-strukturelle Systemtheorie, wie sie Niklas Luhmann entwickelt und auf Organisationen bezieht, sowohl den Kontingenzbegriff aufgreift (vgl. bspw. SoSy 47, 83 f.; OuE 170 f.; On 170), als auch eine eigene Vorstellung von Planung in Bezug auf Organisationen bemüht (vgl. bspw. SozA3 425; PolP 66 ff.; OuE 230 ff.; WrdG 96 f.). Vor dem Hintergrund der oben formulierten These, dass ein Bezweifeln der objektiven Geltungskraft von Kausalrelationen (vgl. OuE 457) eigentlich eine Ablehnung von Planungsvorstellungen zur

Folge haben müsste, lässt sich an die Luhmannsche Systemund Organisationstheorie daher die für den vorliegenden Text zentrale Frage formulieren: »Warum Planung?«.[1]

Die Beantwortung dieser Frage ist insofern die Aufgabe dieses Textes; und wie das in Graphik 1 skizzierte Untersuchungsprogramm verdeutlicht, soll diese Beantwortung in vier Schritten erfolgen: Zunächst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten wird das oben nur skizzierte Problem genauer bezeichnet und präziser formuliert (Kapitel II.). Im Anschluss daran wird in drei Schritten der theoretische Bezugsrahmen vorgestellt. Mit der Darstellung der relevanten Bausteine der allgemeinen Systemtheorie, der

Theorie sozialer Systeme und der funktional-strukturellen Organisationstheorie wird dabei gewissermaßen das theoretische Fundament der anschließenden Untersuchung bereitgestellt (Kapitel III.). Auf dieser Grundlage wird sodann Niklas Luhmanns Planungsbegriff spezifiziert (Kapitel IV.), um letztlich explizieren zu können, dass und warum auch eine Organisations-»Theorie selbstreferentieller Systeme« (PdG 109) nicht ohne ein Konzept von Planung auskommt (Kapitel V.). In einem abschließenden Fazit werden die entsprechenden Erkenntnisse schließlich zusammenfassend dargestellt (Kapitel VI.).

II. Kausalität, Kontingenz und das Problem der Planung

»Organisationen dienen keinem höheren Zweck, sie sind nicht Konzentrationspunkte gesellschaftlicher Rationalität« (OuE 400).

Das Bild, das man gemeinhin von Organisationen hat, ist in nicht unbedeutendem Maße von »Max Weber, Frederic Taylor und [den] anderen Helden der klassischen Organisationstheorie« (Baecker (1999) 18) geprägt: Moderne Organisationen – in Weberscher Semantik: Bürokratien – gelten als wesentlicher Träger gesellschaftlicher Rationalisierung. Modern bedeutet dabei zugleich »entzaubert« (vgl. Weber (1904/1988) 94) und das heißt: erklärbar. Für Weber ist also das modern und rational, was (aufgrund bestimmter Ursachen) erklärt werden kann;[2] und gerade Organisationen lassen sich aus einer solchen Perspektive »mit Hilfe des Begriffs der Kausalität [...] [sowie durch Koordination (Anm. d. Verf.)] der Unterscheidung von Ursache und Wirkung mit anderen Unterscheidungen, zum Beispiel von Mittel und Zweck oder von Weisung und Gehorsam« (OuE 16), erfassen, sodass Alfred Kieser bilanziert: »Die [...] Bürokratie beruht also zunächst auf [...] Maschinenartigkeit « (Kieser (1999) 50).

Derartigen Beobachtungsweisen, welche Organisationen aufgrund von Ursache/Wirkungs-, Input/Outputoder Zweck/Mittel-Schemata betrachten, liegt ein spezifisches Organisationsmodell zugrunde: Solch »klassische Organisationen« haben nämlich, so Heinz von Foerster, »den Charme der trivialen Maschine« (Foerster (1993) 245). Mit »Trivialmaschine«, wie sie in Graphik 2 skizziert ist, ist ein System gemeint, das im Input/Output-Modus operiert und daher bestens geeignet ist, dem Kausalmodell Rechnung zu tragen. Das Bild, das man von Organisationen demnach hat, ist das folgende: Organisationen erhalten Inputs und produzieren – da sie entsprechend eingerichtet sind – erwartete Outputs.[3] Wenn der jeweilige Input folglich gegeben wird, dann kann mit dem Output gerechnet werden, denn »das auszeichnende Merkmal der trivialen Maschine ist Gehorsam« (ebd. 247). Interessant daran ist, dass es scheinbar nur darauf ankommt, wie man eine Organisation einrichtet, damit sie bei spezifischem Input einen bestimmten Output bewirkt (vgl. Graphik 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Legt man insofern das oben skizzierte Modell zugrunde, so hat sich die Aufmerksamkeit auf die Funktion f zu richten, also darauf, wie der Input einer solchen »Organisation geordneter Rationalität [...], die [...] zum Grundbestand [...] der modernen Gesellschaft zählt« (Baecker (1999) 10), behandelt wird. Die Konfiguration derartiger Trivialmaschinen aber,[4] also die Ausgestaltung der Funktion f, bezeichnet man klassisch als Planung.

Eine elementare Definition von Planung im traditionellen Sinne gibt Carl Böhret bspw. folgendermaßen: »Planung ist gedankliche, zukunftsund ziel/mittelorientierte Tätigkeit, durch die [...] Entscheidungen vorbereitet, expliziert und in der Form von Vollzugsanweisungen zur Realisierung ausgewählter Alternativen durchgesetzt werden sollen« (Böhret; in: Gebauer (1997) 378).[5] Dass man hierfür aber »Kausalität und entsprechende Gesetze und Wahrscheinlichkeiten als [...] Gegebenheiten« (PdG 109) voraussetzen muss, ist evident – schließ- lich erscheint die zukunftsorientierte Ausgestaltung von Organisationen nur dann sinnvoll, wenn man auf die im Eingangszitat zur Einführung zitierte Idee des »so musste es geschehen« vertrauen kann.

Niklas Luhmann entgegnet auf dieses Konzept allerdings: »Es gibt zahlreiche Einwände gegen dieses europäische, wenn nicht ›preussische‹ [...] Modell« (OuE 17) – und einer dieser Einwände ist, wie in der Einführung angesprochen, dass »Kausalität konstruiert wird« (ebd. 178) und allenfalls »eine Kontrollillusion [darstellt (Anm. d. Verf.)] [...], die vorspiegelt, dass man über eine Riesenmenge kausaler Faktoren in der Verteilung auf Ursachen und Wirkungen tatsächlich [...] disponieren könne« (OuE 456).[6]

Derart simplifizierende Vorstellungen von Ursache-Wirkungs-Relationen – ebenso, wie die Interpretation von Organisationen als triviale Maschinen – sind nämlich, folgt man Luhmann, kontrafaktisch: »Solch determinierte Systeme gibt es [...] im Bereich des sozialen Lebens nicht« (SozA1 15). Stattdessen ist in der allgemeinen soziologischen Beobachtung, wie auch bei der Befassung mit Organisationen im speziellen, die in der Einführung besprochene Idee des »so und auf viele andere Weise«, respektive des »auch anders möglich«

(SoSy 47), zugrunde zu legen.[7]

In dem Moment aber, in dem Kontingenz – präziser definiert als »Negation von Notwendigkeit und Unmöglichkeit« (Krause (2001) 166)[8]

– akzeptiert wird, müssen die obigen Annahmen bezüglich des Aufbaus und der Funktionsweise von Organisationen überdacht werden. Wenn eine Organisation nämlich aus einer Perspektive der Kontingenz betrachtet wird, dann kann solch »ein System bisweilen auch das extrem Unerwartete realisieren« (Kneer (1993) 118). »Dass diese Form nicht annähernd jene Stabilität und Effektsicherheit garantiert, wie bürokratische Einrichtungen, liegt auf der Hand« (PolP 83). Anders formuliert: »Eine strikte Kopplung von Ursachen und Effekten« (OuE 346) erscheint aus Luhmannscher Perspektive allenfalls als Konstruktion; faktisch betrachtet haben derartige Kausalbeziehungen hingegen keine Geltungskraft.

Wenn die funktional-strukturelle Theorie nun jedoch einen derart großen Wert auf das Kontingenzprinzip legt, müsste der Begriff Planung, der – wie expliziert – vor allem im Hinblick auf klassische, bürokratietheoretische oder auf das Modell der Trivialmaschine bezogene Überlegungen bedeutsam ist, eigentlich abgelehnt werden. Dies allerdings ist, so wurde bereits in der Einführung festgestellt, nicht der Fall: Die funktional-strukturelle Theorie lehnt die, wenn man so möchte, materielle Planungsvorstellung – verstanden als vorgreifende Zukunftsgestaltung (vgl. Kapitel IV.) – zwar ab; doch allein der oberflächliche Blick auf die systemtheoretische Semantik zeigt, dass der Begriff »Planung« hier ebenfalls bedeutsam ist. Deshalb stellt sich die Aufgabe, auf den folgenden Seiten das, was Niklas Luhmann mit Planung meint, im Kontext seiner theoretischen Grundannahmen eingehend zu betrachten, um letztlich im Hinblick auf den vermuteten Widerspruch zwischen Kontingenz und Planung aus systemtheoretischer Perspektive eine plausible Antwort auf die zentrale Frage – »Warum Planung?« – formulieren zu können.

III. (System-)Theoretische Arbeitsgrundlagen

»Luhmann[s] [...] Größe äußert sich in der Konsequenz, mit der er ein wissenschaftliches Leben lang ein einziges Projekt verfolgt hat, nämlich moderne Gesellschaft theoretisch zu denken« (Kaufmann (1999) 9).

Ausgehend von der Feststellung, dass »die Theorie selbstreferentieller Systeme [...] [das] Kausalmodell [unterläuft]« (SoSy 26), wurde an die Systemtheorie die Frage formuliert, weshalb sie überhaupt von Planung spricht. Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst verdeutlicht werden, auf welchen Fundamenten Luhmanns Theorie beruht. Hierzu werden in den folgenden drei Schritten zunächst die allgemeinen systemtheoretischen Bausteine (Kapitel III.1.), die Aussagen zu sozialen Systemen (Kapitel III.2.) und die organisationstheoretischen Überlegungen (Kapitel III.3.) skizziert.

III.1. Allgemeine Systemtheorie

Niklas Luhmanns wissenschaftliche Arbeit gründet auf elementare Weise auf zwei wissenschaftlichen Programmen (vgl. WsdG 406): der funktionalen Methode und der System theorie. Ersteres, die »Methode der funktionalen Analyse« (SoSy 83), setzt an die Stelle des gewohnten ursächlichen Erklärens die Differenz von Problem und Problemlösung (vgl. Krause (2001)

173).[9] Sie stellt insofern nicht Ursachen, sondern »Bezugsproblem[e]« (ebd. 105) in den Mittelpunkt, die im Hinblick auf Lösungen betrachtet werden.[10] Komplementär zu diesem methodischen Zugang stellt das systemtheoretische Programm die entsprechende Begrifflichkeit, bestimmte Definitionen und Aussagen zur Verfügung, mithilfe derer wissenschaftlich beobachtet und beschrieben werden kann.[11]

III.1.1. Komplexität als (Ur-)Problem

Bedient man sich bei einer ersten Betrachtung des systemtheoretischen Programms der theorieimmanenten Methodik, muss die Theorie ihren Ausgangspunkt nicht bei einer Ur-Sache, sondern bei einem Ur-Problem (vgl. Krieger (1996) 8) haben, das nach Helmut Willke, in der Welt (vgl. Willke (2000) 14) – verstanden als »Gesamtheit aller möglichen Ereignisse und Zustände« (Kneer (1993) 40) – besteht. Dort nämlich ist ursprünglich »alles gleich. Es gibt keine Unterschiede[, sondern] [...] Chaos oder Entropie, [...] [das heißt] absolute Komplexität « (Krieger (1996) 11 ff.). Die Welt in also zunächst »übermäßig komplex, unüberblickbar und unkontrollierbar« (LdV 41) – und diese problematische Komplexität[12] bedarf einer Lösung.

III.1.2. Systeme als Lösungen zum Komplexitätsproblem

Den Lösungsansatz zu diesem Urproblem findet Luhmann in George Spencer Browns Aufforderung: »draw a distinction« (Spencer Brown (1979) 3): Damit nämlich in der überkomplexen Welt überhaupt irgendetwas möglich ist, müssen bestimmte Elemente von anderen unterschieden und bezeichnet[13] und auf diese Weise »Entropie [...] negiert [werden]. Dies heißt Negentropie und bedeutet die Reduktion von Komplexität « (Krieger (1996) 14). Die Lösung zum Urproblem heißt folglich Reduktion von Komplexität, und sie besteht in der Auswahl und Zusammenstellung von bestimmten Elementen (vgl. Willke (2000) 51).

Blick man auf den griechischen Begriff für Zusammenstellung – he systasis (h sustasiV) (vgl. Seiffert (1985) 95) –, dann wird das Grundmuster der Systemtheorie einsichtig: »Komplexität ist weder eine Ursache, noch eine Wirkung [...], sondern ein Problem« (Krieger (1996) 18); und Systeme, definiert »als eine Anzahl von in Wechselwirkung stehenden Elementen«

(Bertalanaffy (1951) 115), sind die Lösungen dazu. »Als Leistung gesehen, kann daher Systembildung [...] begriffen werden als Reduktion von Komplexität « (TdV 65).[14]

III.1.3. Typologie (sozialer) Systeme

Die Welt präsentiert sich nun in organischer, physischer, psychischer und sozialer Hinsicht als hochkomplex – und in allen Dimensionen muss Komplexität durch Systembildung reduziert werden. Demzufolge finden sich vier Systemkategorien: einerseits die Trivialsysteme Organismen und Maschinen, andererseits nicht-triviale psychische und soziale Systeme (vgl. SoSy 16), die in Form kontingent-selektiver Operationen Sinn[15] verarbeiten. Diese Sozialsysteme sind nun für die soziologische Betrachtung von besonderem Interesse, da »jeder soziale Kontakt [...] als System begriffen« (ebd. 33) wird. Derartige Systeme zeichnen sich durch besondere Operationen – namentlich: Kommunikationen (vgl. Kapitel III.2.1.) – aus, mit welchen sie soziale Komplexität (vgl. SozA1 183) reduzieren. Als Sozialsysteme bestimmt Luhmann die Gesellschaft,[16] Interaktionssysteme[17] und Organisationen, die »in der modernen Gesellschaft eine nicht wegdenkbare Bedeutung« (SoSy 268) haben.[18]

III.2. Soziale Systeme

Vor diesem Hintergrund kann nun der Blick »schärfer« gestellt und auf die sozialen Systeme gerichtet werden, die, wie bereits angedeutet, als nicht-triviale Systeme Sinn verarbeiten. Zu explizieren ist jedoch, wie sie dies durch Kommunikationen tun (Kapitel III.2.1.), wie sie entund fortbestehen (Kapitel III.2.2.) und wie sie dabei – als »geschlossene und offene System[e] zugleich« (ÖK 91) – operieren (Kapitel III.2.3.).

III.2.1. Kommunikation als Element und Ereignis

Soziale Komplexität wird durch Kommunikation reduziert; und da Systeme in Kapitel III.1.2. als Zusammenstellung von Elementen definiert wurden, muss es sich dabei also um die (Letzt-)Elemente sozialer Systeme handeln. Damit negiert die Systemtheorie die klassische

Vorstellung, bei sozialen Elementen handele es sich um das wissentliche und willentliche Hervorrufen von Ereignissen durch Personen (vgl. Höffe (1977) 110) – also um Handlungen.[19] Luhmann definiert stattdessen: »Der basale Prozess sozialer Systeme kann nur Kommunikation sein« (SoSy 193), denn man »kann [...] sich Handlungen als eine [...] sozial resonanzlose Operation vorstellen, während man das bei Kommunikation nicht kann« (ES 79).[20]

Kommunikationen sind einerseits – gewissermaßen sachlich – als Sinnverarbeitungsoperationen zu begreifen und präsentieren sich andererseits – in zeitlicher Hinsicht – zugleich als Ereignisse. Im erstgenannten Sinne stellen Kommunikationen die Operationsweise dar, mit welcher soziale Komplexität sinnhaft reduziert wird. Dies geschieht in Gestalt »eine[r] Syn- these von drei verschiedenen Selektionen – nämlich Selektion einer Information,[21] Selektion der Mitteilung dieser Information und selektives Verstehen oder Missverstehen dieser Mitteilung und ihrer Information« (SC 45).[22] Komplementär hierzu hat Kommunikation als »basale Einheit eines [...] Systems [...] die Zeitform eines Ereignisses« (OuE 45),[23] das »eine Diskontinuität, also eine Differenz von Vorher und Nachher [markiert]« (On 169).[24]

[...]


[1] Präziser formuliert: Es wird im folgenden danach gefragt, warum und in welchem Sinne Luhmann den Planungsbegriff beansprucht und eventuell sogar beanspruchen muss, obwohl er doch Kausalität als reine Konstruktion betrachtet (vgl. OuE 278).

[2] Ursächliches Erklären zählt für Weber zum wissenschaftlichen Grundanliegen der Soziologie als Kulturwissenschaft – jedoch stets in Verbindung mit dem »Konzept des ›Verstehens‹« (Kaesler (1998) 223): »Soziologie«, so definiert Weber, »soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will« (Weber (1921/1972) 1).

[3] Organisationen sind also »Maschinen [...], die einen ›Input‹ in einen ›Output‹ transformieren« (OuE 260).

[4] Eine derartige Organisation ist maschine ngleich dergestalt, dass man sie eben nur möglichst fehlerfrei einrichten muss, um sich ihrer in optimaler Weise bedienen zu können.

[5] Nicht nur die semantischen Parallelen zu Ingenieurswissenschaften und Maschinenbau, sondern auch die in obiger Definition implizierte Vorstellung, man können per ziel/mittelorientierter Vorgabe von jeweils zu wählenden Alternativen Organisationen in die Zukunft hinein berechenbar ausgestalten, macht deutlich, in welch hohem Maße diese klassische Perspektive auf die Geltungskraft des Kausalschemas vertraut.

[6] Das bedeutet, und damit lässt sich die zu Beginn der Einführung zitierte Wittgensteinsche Bemerkung aktualisieren: Es ist nicht ausgeschlossen, dass die jeweils vorgebrachten ursächlichen Erklärungen zutreffend sind – es könnte sich jedoch immer auch anders ereignet haben.

[7] Andernorts verweist Luhmann auf eine Betrachtungsweise, die davon ausgeht, dass »Zusammenhänge [...] an sich unwahrscheinlich [...], dennoch [aber] möglich« (AuR 77), nicht jedoch notwendig sind.

[8] Die vollständige Definition des Kontingenzbegriffes lautet: »Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist, noch unmöglich ist, was also so, wie es ist, [...] sein kann, aber auch anders möglich ist« (SoSy 152).

[9] Auch hier verliert also »die ontologische Auslegung der Kausalität ihren Sinn« (SozA1 21).

[10] Die methodische Fragestellung lautet entsprechend nicht »Was ist die Ursache dieses Phänomens?«, sondern »Welches Problem löst dieses Phänomen?« respektive »Welche Funktion erfüllt es?«.

[11] Während die funktionale Methode auf Probleme, Lösungen und funktionale Äquivalente (vgl. TdV 103) verweist, definiert die System theorie »eine Reihe von Begriffen auf eigenwillige Weise« (ÖK 266).

[12] »Ein System [ist] komplex [...], wenn es [...] so viele Elemente einschließt, dass nicht mehr jedes Element mit jedem anderen verknüpft werden kann, sondern Relationierungen selektiv erfolgen müssen« (SozA3 394).

[13] Die Handhabung von Unterscheidungen im angegebenen Sinne – unterscheiden und bezeichnen – wird terminologisch als Beobachtung begriffen (vgl. GdG 537 ff.; Reese-Schäfer (1999) 62ff).

[14] Insofern sind Systeme nicht als »feststehende Objekt[e, deren] Eigenschaften zu erkennen sind« (OuE 47), zu begreifen, sondern funktional, als Lösungen zum Problem der Komplexität (vgl. FuF 402).

[15] Die »unüberschaubare Fülle an Möglichkeiten« (Martens (1997) 270) der komplexen Welt wird demnach vermittels der Unterscheidung von Aktualität und Possibilität (vgl. Krause (2001) 199) sinnhaft zugänglich derart gemacht, dass aus der »Gesamtheit der Sinnverweisungen« (Baraldi (1997) 172), jeweils etwas momentan aktuelles ausgewählt wird, das zugleich Anschlussoptionen zur Aktualisierung von anderem bietet.

[16] »Gesellschaft [ist] [...] dasjenige [..] System [...], das alle sinnhaften Kommunikationen einschließt« (ÖK 267).

[17] Interaktion bezeichnet ein »›einfaches‹ Sozialsystem [...], [das auf der] kontingent-selektiven, körpergebundenen räumlichen Anwesenheit mindestens zweier psychischer Systeme« (Krause (2001) 146) beruht.

[18] Funktionssysteme sind als Sozialsysteme »Schema[ta] der Beobachtung« (Tacke (2001)141) von Gesellschaft aus funktionsspezifischen Perspektiven, da »funktionale Differenzierung die Institutionalisierung von Perspektiven [meint], unter denen die ›Realität« behandelt wird« (Türk (1995) 171).

[19] »Handeln soll«, so Max Weber, »ein menschliches Verhalten [...] heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden« (Weber (1921/1972) 1).

[20] Im Gegensatz zur vertrauten Argumentation Webers, wo »Soziologie [dort] beginnt [...], wo individuelle Kulturleistungen aufeinander bezogen werden und [...] als soziale Handlungen [...] geschehen« (Kneer (1993) 27), definiert Luhmann also: »Soziale Systeme bestehen aus Kommunikationen« (OuE 59).

[21] Im Anschluss an Gregory Bateson versteht Luhmann unter »Information [...] ein[en] Unterschied, der einen Unterschied ausmacht « (Bateson (1981) 582) – und der insofern auf reduzierte Komplexität verweist.

[22] Kommunikation meint also das kontingente Auswählen von Informationen, Mitteilungsformen und Verständnisoptionen, mithilfe dessen aus dem Möglichkeitshorizont der komplexen Welt ein gegenwärtig relevanter Sachverhalt ausgewählt und als Bezugspunkt weiterer Kommunikationen bezeichnet wird. »Information ist [dabei] [...] eine Selektion aus einem [...] Repertoire von Möglichkeiten. [...] Ferner muss jemand ein Verhalten wählen, dass diese Information mitteilt [...] [und] diese [muss] [...] verstanden [...] werden« (SoSy 195f.).

[23] »Kommunikationen [...] sind keine dauerhaften Zustände sondern [...] ohne Dauer« (Corsi (1997a) 42).

[24] Armin Nassehi verweist auf die » operative Theorieanlage[, die] [...] die Einzelereignisse sozialer Systeme [...] in einen relationalen Zusammenhang [setzt]« (Nassehi (2004) 162).

Details

Seiten
36
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640144266
ISBN (Buch)
9783640145683
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113535
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Organisation Gesellschaft Planung Entscheidung Systemtheorie Organisationssoziologie

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