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Schillers Briefe "Über die Ästhetische Erziehung des Menschen"

Seminararbeit 1986 9 Seiten

Ethik

Leseprobe

Ziel dieser Arbeit ist es, Schillers Ausführungen "Über die Ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen" zu referieren. Schiller hat seine insgesamt 27 Briefe 1795 in der von ihm im gleichen Jahre gegründeten Zeitschrift "Die Horen" erstmalig veröffentlicht: zunächst die Briefe 1-9, dann 1o - 16, schließlich 17 - 27. In seinen ziemlich umfangreichen Ausführungen bedient sich Schiller zweier Argumentations-ebenen: zum einen begründet er die Idee einer "Ästhetischen Erziehung" auf empirisch - induktivem Wege, indem er sie als ein Korrektiv zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verfallserscheinungen des Zeitalters versteht (Briefe 1 - 1o), zum anderen versucht er auf deduktivem Wege (dem "transzendentale(n) Weg", S.167) für den für die "Ästhetische Erziehung" zentralen Begriff der "Schönheit" einen "reinen Vernunftbegriff" zu entwickeln. Mit Hilfe verschiedener Begriffsdichotomien wie Sinnlichkeit-Vernunft, Neigung-Pflicht, Natur-Freiheit, Naturstaat-Vernunftstaat, Leiden-Tätigkeit, Beschränkung-Unendlichkeit, Erscheinungen-Idee, Mannigfaltigkeit-Einheit, Anschauung-Abstraktion, Leben-Würde, Realität-Formalität, Verwilderung-Erschlaffung, physischer Zustand-moralischer Zustand, Stofftrieb-Formtrieb versucht Schiller, im Spannungsverhältnis dieser Extremwerte einen "reinen Begriff der Menschheit" (S.167) zu lokalisieren. Eine Analogisierung der Begriffspaare Sinnlichkeit-Vernunft und Neigung-Pflicht verweist auf die Relevanz der Ästhetik für die Ethik. Die "reinen Vernunftbegriffe" der "Schönheit" (ästhetischer Bereich) und der "Menschheit" (ethischer Bereich) sind aufeinander bezogen. Schiller schreibt: "Die Schönheit müßte sich als eine notwendige Bedingung der Menschheit aufzeigen lassen" (S.167).

Diese Arbeit versucht, die vielfältigen Argumentationsstränge Schillers transparenter zu machen und gleichzeitig viel weniger umfangreich als seine Ausführungen zu sein. Zunächst werden die ersten zehn Briefe vorgestellt. Hier wird nicht "chronologisch" am Text entlang nacherzählt, sondern unter systematischen Gesichtspunkten versucht, die Hauptlinien der Schillerschen Argumentation herauszukristallisieren. Anschließend wird die schon in sich abgeschlossene Darstellung präzisiert, indem die Briefe 11 - 27 in gleicher Weise referiert werden.

Die Briefe 1 - 1o

Schiller leitet seine Untersuchungen mit einer rhetorischen Frage ein: "Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, sich nach einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein soviel näheres Interesse darbieten und der philosophische Untersuchungsgeist durch die Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit dem vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäftigen?" (S.14o). Schiller konstatiert ein Defizit an politischer Freiheit. Einerseits hat der Staat dieses Übel veranlaßt, andererseits kann von den einzelnen Individuen zur Zeit keine geeignete Initiative ausgehen, "den Staat der Not mit dem Staat der Freiheit zu vertauschen" (S.148). Das hat folgende Ursache: Daß die Menschen immer noch "Barbaren" (S.159) sind, liegt nicht an einem Mangel an philosophischen Erkenntnissen, welche für die Angelegenheiten einer moralischen Welt bedeutsam sind. "Das Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt, die Kenntnisse sind gefunden und öffentlich preisgegeben" (S.159). Die Vernunft hat also alles geleistet, was sie leisten kann. Es kommt vielmehr darauf an, diese Ergebnisse zu rezipieren und in die Tat umzusetzen. Schiller erwähnt den Wahlspruch der Aufklärung "sapere aude" ("Habe Mut, weise zu sein") (S.159) und fügt hinzu, daß nicht allein der "Wille" zum Mut die Bedingung der Möglichkeit ausmacht, "weise" zu sein, sondern daß es ebenso auf die "Energie" des Muts ankommt, die jedoch bei vielen Menschen nicht vorhanden ist: "Der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den Kampf mit der Not viel zu sehr ermüdet und abgespannt, als daß er sich zu einem neuen und härteren Kampf mit dem Irrtum aufraffen sollte“ (S.159). In diesem Zusammenhang verweist Schiller auf die Funktion der "Triebe", welche "die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt" (S.158) sind. Wenn er schreibt, daß die "Ausbildung des Empfindungsvermögens ... das dringendere Bedürfnis der Zeit" (S.16o) ist, stellt er die Forderung auf, Bedingungen herzustellen, unter welchen der Aufklärungsspruch "sapere aude" erst realisiert werden kann: der "Wille" des Muts, der die Leistungen der Vernunft zu "vollstrecken" hat, bedarf der "Energie" des Muts. Welche Bedingungen müssen hergestellt werden für den "Bau einer wahren politischen Freiheit?" Schiller erkennt folgenden Zirkel: einerseits sollen politische Veränderungen von einer veränderten Einstellung der einzelnen Individuen des Staates ausgehen, andererseits scheint die Wandlung der Individuen wiederum von den politischen Bedingungen abhängig zu sein: "Wie kann sich unter den Einflüssen einer barbarischen Staatsverfassung der Charakter veredeln?" (S.16o). Schiller meint, diesen Zirkel durchbrechen zu können, indem er die "schöne Kunst" in seine Überlegungen einbezieht. Die Kunst ist immun gegenüber der Willkür der Menschen. Der politische Gesetzgeber kann zwar versuchen, "ihr Gebiet [zu] sperren, aber darin herrschen kann er nicht" (S.16o): die Kunst ist autonom. Schiller ist überzeugt, "daß man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muß, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert" (S.142). Die Aufgabe eines mündig gewordenen Volks ist es, seinen Not- oder Naturstaat in einen sittlichen oder Vernunftstaat zu verwandeln: das bedeutet politische Freiheit. Der Vernunftstaat jedoch bezeichnet ein Ideal von Staat, er wird nur annähernd realisiert werden können. Schiller vergleicht den Staat mit einem Uhrwerk, welches ausgebessert werden muß, indem es weiterschlägt. Während der Naturstaat "in der Zeit keinen Augenblick aufhören darf" zu existieren, muß der Vernunftstaat sich "in der Idee" (S.144) bilden. "Man muß also für die Fortdauer der Gesellschaft eine Stütze aufsuchen, die sie von dem Naturstaate, den man auflösen will, unabhängig macht" (S.144). Die "schöne Kunst" übernimmt die Funktion einer solchen Stütze. Durch die "Schönheit" erlangt der Mensch mit der Zeit die politische Freiheit. Politische Freiheit erfordert eine Staatsverfassung, die sich an dem Ideal des Vernunftstaates orientiert. Jedes einzelne Individuum muß sich mit der Konstitution einer solchen Staatsverfassung identifizieren können. Schiller beschreibt hier das Verhältnis zwischen Staat und Individuum. Er analogisiert zunächst das Verhältnis Naturstaat-Vernunftstaat: "Jeder individuelle Mensch... trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich..." (S.145). Der Mensch "in dar Zeit" muß sich zum Menschen "in der Idee" "veredeln" (S.146). Das bedeutet eine Koinzidenz von Individuum und Staat "in der Idee": "Dieser reine Mensch... wird repräsentiert durch den Staat"; der Staat kann sich in den Individuen dadurch "behaupten" (S.146), "daß das Individuum Staat wird" (S.146).

Zusammenfassend läßt sich sagen: Die Verwirklichung der politischen Freiheit ist von drei Faktoren abhängig:

1. Die "Ausbildung des Empfindungsvermögens" im Medium der "schönen Kunst", 2. alle Individuen müssen sich daran beteiligen, 3. das dauert seine Zeit.

Details

Seiten
9
Jahr
1986
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113566
Institution / Hochschule
Folkwang Universität der Künste
Note
2,0
Schlagworte
Schillers Briefe Erziehung Menschen Verhältnis Kunst Herrschaft

Autor

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Titel: Schillers Briefe "Über die Ästhetische Erziehung des Menschen"