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Ist die sportliche Leistungsfähigkeit antrainiert oder geerbt?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 29 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

01. Einleitung

02. Die sportliche Leistungsfähigkeit und deren S. 04. Einflussfaktoren

03. Die gegenseitige Beeinflussung von Erbe und Umwelt

04. Genetische Grundlagen

05. Verschiedene Methoden der Vererbungsforschung und ihre Ergebnisse
05.1. Aufdecken von Koinzidenzen
05.1. Die Stammbaumforschung
05.1. Die Zwillingsforschung

06. Untersuchung von VO² max. und Genotyp

07. Low- und High-Responder

08. Rolle des ACE-Gens

09. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Außergewöhnliches wurde immer nur von Menschen geleistet, die zu glauben wagten, dass irgend etwas in ihrem Inneren den Umständen gewachsen sei.“[1]

(Bruce Barton, 1886-1967)

„Bedeutende Leistungen werden nur von besonderen Menschen erzielt; und bedeutend ist jemand nur dann, wenn er fest entschlossen ist, es zu sein.“[2]

(Charles de Gaulle, 1890-1970)

Die körperliche Leistungsfähigkeit hat in der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen eine große Rolle gespielt. Sie entschied über Leben und Tod und hat somit in hervorragendem Maße mitgeholfen, den Menschen selektiv zu formen.[3] Die Rolle der körperlichen Leistungsfähigkeit hat sich jedoch im Laufe der Zeit drastisch verändert. Während es bei den „Jägern und Sammlern“ primär um das eigene Ernähren und Überleben ging, steht die körperliche Leistungsfähigkeit in unserem Zeitalter quasi als ein Statussymbol für Gesundheit, Schönheit und Erfolg. Doch auch oder gerade deshalb, weil wir in einer kommerzialisierten und medialisierten Gesellschaft leben, steht die körperliche Leistungsfähigkeit vor allem für sportlichen Erfolg.

„Ist die sportliche Leistungsfähigkeit antrainiert oder geerbt?“ ist eine Fragestellung, die die Talentsucher im Sport seit jeher interessierte. Da die körperliche bzw. sportliche Leistungsfähigkeit jedoch von vielen Faktoren beeinflussbar ist, wird deutlich, dass es sich hier um ein sehr komplexes Gebilde handelt. Inwieweit diese Faktoren genetischen oder umweltbedingten Ursprungs sind, welcher Einfluss bedeutender ist, oder ob einmal erworbene Fähigkeiten direkt an die Nachfahren vererbt werden können, soll genauso geklärt werden wie die Problematik, dass bestimmte Rekordhöhen, -weiten und -zeiten von manchen Sportlern erbracht wurden, während andere jedoch selbst bei maximalen Trainingsumfängen und optimaler Trainingssteuerung sowie optimalen Umweltbedingungen dies nicht erreichen konnten. Dieser Kontroverse von Anlage und Umwelt kommt vor allem im Kontext spitzensportlicher Höchstleistungen besondere Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang ergeben sich weitere interessante Fragestellungen, die auch für die Talentsucher und die Sportwissenschaft große Bedeutung haben. Dabei soll z.B. herausgefunden werden, inwieweit der Mensch durch seine Gene limitiert ist, wie viel durch Training überhaupt erreicht werden kann, oder ob es bestimmte Faktoren gibt, die zu trainieren es besonders lohnen würde, weil sie vielleicht besonders leicht zu verändern sind.

Anhand dieser Arbeit soll an verschiedenen Untersuchungen und ihren Ergebnissen dargestellt werden, inwieweit der genetische Faktor für die körperliche Leistungsfähigkeit entscheidend ist. Ich möchte mich dabei vor allem auf die Zwillingsforschung, die Stammbaumforschung, das Aufdecken von Koinzidenzen sowie auf neueste Erkenntnisse aus der genetischen Forschung beziehen.

2. Die sportliche Leistungsfähigkeit und deren Einflussfaktoren

Wie komplex die sportliche Leistungsfähigkeit ist und wie viele verschiedene Faktoren sie beeinflussen, soll anhand der folgenden Schaubilder verdeutlicht werden. Zum ersten die „Bedingungen sportlicher Leistung“ nach M artin/ C arl/ L ehnertz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bedingungen sportlicher Leistung[4]

Wie aus dem Schaubild zu erkennen, kann man zwei Hauptfaktoren unterscheiden: die „personalen Bedingungen“ und die „apersonalen Bedingungen“.

Die personalen Bedingungen sind die durch Veranlagung und Umwelt geprägten Bedingungen, sie sind zum Teil durch Training beeinflussbar. Einzelne Bedingungsvariablen sind jedoch in ihrer Weiterentwicklung auch durch genetische Voraussetzungen vorherbestimmt oder fixiert. Daraus lässt sich z.B. auch die Trainierbarkeit einzelner Merkmale ableiten. Für Leistungs- und Talentprognosen ist es jedoch sicher nicht sinnvoll, nur die indirekt beobachtbaren personalen Bedingungen, speziell die vier Körpersysteme zu betrachten, da eben dadurch, dass die körperliche Leistungsfähigkeit ein derart komplexes Gebilde ist, man alle Faktoren in Betracht ziehen muss, die ein potentielles Talent zu einem Weltklasseathleten machen könnten. Auch die apersonalen Bedingungen, die das Umfeld des Sportlers kennzeichnen müssen daher Beachtung finden. Diese Faktoren sind durch Training nicht veränderbar, können und müssen jedoch bewusst ausgenutzt und eingesetzt werden, z.B. durch unterschiedliche Geräte um damit einen bestimmten Trainingseffekt zu erreichen.[5]

Das Schaubild von J ÖRGENSEN/ R IEDER zeigt ebenfalls die wichtigsten Faktoren, die auf die sportliche Leistung Einfluss nehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Faktorenspektrum sportlicher Leistung[6]

Es gibt hier eine ganze Anzahl an verschiedenen vererbten Anlagen, die nicht nur im körperlichen, sondern auch im psychischen Bereich liegen, insgesamt bilden sie die genetische Basis. Damit die sportliche Leistungsfähigkeit sich voll ausprägen kann, müssen aber Umweltfaktoren, übungen und Trainingsmöglichkeiten usw. hinzukommen. J ÖRGENSEN nennt dies Entfaltungs- und Entwicklungsrealisatoren.[7]

An diesem Punkt stellt sich nun die Frage, inwieweit diese Umweltfaktoren Einfluss auf die genetische Basis haben können, andererseits wäre es interessant zu erfahren, inwieweit die genetische Basis stabil gegenüber Umwelteinflüssen ist.

3. Die gegenseitige Beeinflussung von Erbe und Umwelt

Die gegenseitige Beeinflussung von Erbe und Umwelt ist ein Thema mit dem sich die Wissenschaft schon länger auseinandersetzt.

Bereits 1959 argumentierten S CHENK/ D ANZINGER: „ Motorische Merkmale bzw. deren Entwicklung sind weitgehend – wenn auch in unterschiedlicher Stärke – genetisch determiniert. Es sind polygene Merkmale, d.h. eine jeweils größere Anzahl verschiedener Gene bestimmt gleichsam durch einen additiven Effekt den Ausprägungsgrad des entsprechenden Merkmals. Die Analyse motorischer Merkmale hinsichtlich ihrer Festlegung durch die Vererbung wird dadurch beeinträchtigt, dass die Aspekte motorischer Aktivität im allgemeinen nur schwer eindeutig voneinander abzugrenzen sind (...) . Dennoch ist der genetische Faktor die unbedingte und bis jetzt unveränderliche Grundlage für die Entwicklung und Funktion des menschlichen Organismus und damit auch der motorischen Entwicklung. Er wird lediglich überlagert und modifiziert von weitern biologischen und sozialen Faktoren.“[8]

K RÄMER meinte 1977 sogar, dass Begabung und Talent unabhängig von Umwelteinflüssen sind. Er bezeichnete sie als „natürliche Anlage“ bzw. als ein Vermögen das allein erbbestimmt ist.[9]

H ARSANYI/ M ARTIN haben das Problem folgendermaßen beschrieben: „Erfahrungen von Sportlehrern und Trainern zeigen, dass von Sportlern etwa gleichen Trainings- und Lebensalters, die vom selben Lehrer oder Trainer unter Anwendung annährend identischer Trainingsprinzipien, -mittel, oder –methoden geschult wurden, nur sehr selten gleiche Leistungen erbracht werden.“[10]

Ähnlich kommen auch J ÖRGENSEN/ R IEDER zu dem Schluss, „ dass die individuelle körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen – und damit auch die verschiedenen Fähigkeiten zu sportlichen Leistungen – eine breite genetische Basis besitzen.“[11]

N ADORI berichtet, dass die Bedingungen des Trainings bei erwachsenen Hochleistungssportlern annährend identisch seien, jedoch die sportlichen Leistungen erhebliche Abweichungen zeigten.[12] „Die Antwort kann nur lauten, dass die Leistungsdifferenzen vom abweichenden Niveau der vererbten Eigenschaften verursacht werden[13].“

Dass die Entwicklung von sportlichen Höchstleistungen eben nicht nur optimale Umwelt- und Trainingsbedingungen, sondern auch stets spezifische Anlagen, verstanden als genetisch bedingte Hochbegabung im Sinne von Anomalien, erfordern, veröffentlichte auch D AUGS. Dabei definierte er den Talentbegriff wie folgt: „Unter einem spitzensportlichen Talent ist eine Person (in der Regel ein Kind oder ein Jugendlicher) zu verstehen, die aufgrund anatomischer, physiologischer und psychologischer Merkmale mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarten lässt, dass bei optimalen Trainings- und Umweltbedingungen sportliche Spitzenleistungen erbracht werden können.“[14]

W OLANSKI stellt die These auf, dass dem Training zwar eine große Bedeutung zukomme, dass aber zudem die Fähigkeit zur Belastungsadaption genetisch bestimmt sei. Die Empfänglichkeit des Organismus für Umweltfaktoren sei genetisch determiniert.[15]

Die Schwierigkeit der Merkmalsbestimmung von motorischen Fähigkeiten liegt darin, dass es sich um polygene Merkmale handelt.[16] C ARL meint, dass auch hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Erbanlage oder Umwelteinflüssen und Erscheinungsbild eines Menschen, speziell der Entwicklung einzelner Fähigkeiten, es noch erhebliche Kenntnislücken geben würde.[17]

Seit der Entschlüsselung des genetischen Codes des Menschen, steht auch fest, dass wir weitaus weniger Gene besitzen als bisher angenommen. Erste Schätzungen, die sich bisher auf 100 000 Gene bezogen, wurden jetzt mit „nur“ 30 000 Genen weit unterboten. Wissenschaftler schliessen daraus, dass Umwelteinflüsse eine weitaus größere Relevanz für das menschliche Verhalten haben.[18]

Aus diesen vielen bisher dargestellten Möglichkeiten und Kombinationen der leistungsbestimmenden Einzelfaktoren ist nun jedoch sehr schwierig, den Vererbungsgrad von einzelnen leistungsbestimmenden Faktoren zu bestimmen. Doch nicht nur die unterschiedlichen Einzelfaktoren machen es für die Vererbungsforschung schwierig, Rückschlüsse auf die Erblichkeit von sportlichen Leistungsfähigkeiten zu ziehen, sondern auch die Anzahl der Gene, die ein bestimmtes Merkmal, oder ein bestimmtes Organ prägen. In dem Schaubild von B OUCHARD/ M ALINA/ P ERUSSE wird dies ausführlich dargestellt. So sind z.B. insgesamt 3195 Gene bekannt, die das Gehirn prägen, 1195 die das Herz prägen und immerhin noch 735 Gene, die einen Skelettmuskel zu dem machen, was er ist.[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Verteilung der Gene beim Menschen nach B OUCHARD/ M ALINA/ P ERUSSE[20]

Laut C ARL gibt es grundsätzlich zwei Vorgehensweisen zur Eignungsüberprüfung eines Merkmals als Kriterium der Talentprognose. Zum einem die Vererbungsforschung, die den Einfluss der Erbanlagen auf das Erscheinungsbild bzw. auf die Merkmalsentwicklung untersucht, und zum anderen die Stabilitätsuntersuchungen, die sich mit der Stabilität einer individuellen Merkmalsposition innerhalb einer Gruppe zwischen zwei Messzeiten beschäftigten.[21]

[...]


[1] www.zitate.de

[2] vgl. www.history.com/france

[3] Vgl. Jörgensen/ Rieder 1972, S. 304.

[4] Martin/ Carl/ Lehnertz 1993, S.25.

[5] vgl. Martin/ Carl/ Lehnertz 1993, S. 24-26.

[6] Jörgensen/ Rieder 1972, S. 306.

[7] vgl. Jörgensen/ Rieder 1972, S.305-306.

[8] Joch 1997, S. 137.

[9] vgl. Niemitz 1987, S.318.

[10] Harsanyi/ Martin 1986, S.9.

[11] Jörgensen/ Rieder 1972, S.305-306.

[12] Harsanyi/ Martin 1986, S. 9.

[13] vgl. Harsanyi/ Martin 1986, S. 9.

[14] vgl. Niemitz 1987, S. 318.

[15] vgl. Joch 1997, S.137.

[16] vgl. Carl 1988, S. 7.

[17] vgl. Carl 1988, S.25.

[18] www.human-genom-project.com

[19] vgl. Bouchard/ Malina/ Perusse 1997, S. 31

[20] Bouchard/ Malina/ Perusse 1997, S. 31

[21] vgl. Carl 1988, S.25.

Details

Seiten
29
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638175487
ISBN (Buch)
9783640325214
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11369
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Sportwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Leistungsfähigkeit Sportmedizin

Autor

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