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Arbeits- und Organisationsbedingungen von Pflegenden im stationären Alltag

Quantitative Studie zur Erfassung von Burnout

Diplomarbeit 2008 118 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Vorwort

II Abstract

IV Abkürzungsverzeichnis

V Abbildungsverzeichnis

VI Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hinführungzum Thema
1.2 Zielsetzungder Untersuchung

2. Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Begriffsklärung
2.1.1 Das Phänomen Burnout
2.1.2 Begriffsexplikation des Konzeptes
2.2 Definitionen, Symptomatik und Verlauf von Burnout
2.2.1 Definitionen
2.2.2 Symptomatik und Verlauf
2.3 Erklärungsansätze von Burnout
2.3.1 Individuenzentrierte Ansätze
2.3.2 Interpersonelle Ansätze
2.3.3 Organisationale Ansätze
2.4 Modelle von Burnout
2.4.1 Existenzielles Modell von Pines
2.4.2 Modell nach Maslach und Jackson
2.4.3 Sequentielles Prozessmodell nach Leiter
2.4.4 Gemeinsamkeiten der theoretischen Modelle
2.5 Ursachen zur Entstehungvon Burnout
2.5.1 Persönlichkeitsmerkmale und Burnout
2.5.2 Arbeitsbedingungen und Burnout
2.6 Angrenzende Konzepte
2.6.1 Stress
2.6.2 Depression
2.7 TheoretischesRahmenmodell desBurnouts

3. Fragestellung und Hypothesen
3.1 Fragestellung
3.2 Hypothesen

4. MethodischesVorgehen
4.1 Forschungsansatz
4.2 Untersuchungsdesign
4.3 Datenerhebung
4.3.1 Beschreibung des Feldzuganges und der Stichprobe
4.3.2 Untersuchungsablauf
4.3.3 Ein- und Ausschlusskriterien
4.3.4 Ethische Überlegungen
4.3.5 Gütekriterien
4.4 Datenerhebungsinstrumente
4.4.1 Instrument zur Erfassung von Burnout (MBI-D ©)
4.4.2 Operationalisierung der Dimension zur Erfassung von Arbeitsbedingungen
4.4.3 Operationalisierung der Dimension zur Erfassung von gesellschaftlicher Anerkennung
4.4.4 Soziodemografische Daten
4.5 Pretest
4.6 Statistische Auswertungder Daten

5. Ergebnisdarstellung
5.1 Demografische Daten
5.2 Reliabilität der Instrumente
5.3 Deskriptive Beschreibungder Dimensionen
5.3.1 Burnout (MBI-D© )
5.3.2 Arbeitsbedingungen
5.3.3 Gesellschaftliche Anerkennung

6. Hypothesenüberprüfung
6.1 Hypothese 1
6.2 Hypothese 2
6.3 Hypothese 3
6.4 Hypothese 4
6.5 Hypothese 5

7. Diskussion
7.1 Fragestellung1
7.2 Fragestellung2
7.3 Fragestellung3
7.4 Fragestellung4
7.5 Fragestellung5
7.6 Grenzen der Studie
7.7 Ausblick

VII Literaturverzeichnis

VIII Anhang

1. Tabellen und Diagramme

2. Literaturrecherche

3. Datenmatrix

4. Projektskizze

5. MBI-D©

6. Fragebogen

7. Anschreiben Feldzugänge

8. Erklärung Anonymität

9. Memorandum

IV Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

V Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Diagramm Fragebögen (Teilnahme)

Abbildung 2: Häufigkeiten Geschlecht

Abbildung 3: Häufigkeiten Altersgruppe

Abbildung 4: Häufigkeiten Berufserfahrung (Gruppe) n=78

Abbildung 5: Häufigkeiten Familienstand (n = 78)

Abbildung 6: Häufigkeiten Stellenanteil

Abbildung 7: Diagramm Burnoutverteilung (Mittelwert)

Abbildung 8: Burnoutmuster (Häufigkeiten) n = 78

Abbildung 9: Boxplots zur Verteilung der Burnoutdimensionen (EE+DP) und Fachrichtungen

Abbildung 10: Gesellschaftliche Anerkennung (n= 78)

Abbildung 11: Histogramm Residuen (Regressionsanalyse)

Abbildung 12: Diagramm Skala Emotionale Erschöpfung (Fachrichtung)

VI Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Häufigkeiten Fachrichtungen

Tabelle 2: Deskriptive Statistik der Variable Lebensalter

Tabelle 3: Deskriptive Statistik Stationsangehörigkeit

Tabelle 4: Fachrichtungen Burnout (Mittelwert)

Tabelle 5: Deskriptive Statistik Skalen Arbeitsbedingungen

Tabelle 6: Deskriptive Statistik „Gesellschaftliche Anerkennung“ (Chirurgie) (Emotionale Erschöpfung)

Tabelle 8: ANOVA Regressionsanalyse (Emotionale Erschöpfung)

Tabelle 9: Regressionskoeffizienten (Emotionale Erschöpfung)

Tabelle 10: K-S- Anpassungstest (Emotionale Erschöpfung)

Tabelle 11: Modellzusammenfassung Regressionsanalyse (Depersonalisation)

Tabelle 12: ANOVA Regressionsanalyse (Depersonalisation)

Tabelle 13: Modellzusammenfassung Regressionsanalyse (Persönliche Erfüllung)

Tabelle 14: ANOVA Regressionsanalyse (Persönliche Erfüllung)

Tabelle 15: Korrelationen Burnout und Gesellschaftliche Anerkennung

Tabelle 16: Deskriptive Statistiken Skala Emotionale Erschöpfung (Fachrichtungen)

Tabelle 17: Levene-Statistik Skala Emotionale Erschöpfung (Fachrichtungen)

Tabelle 18: Tests der Zwischensubjekte Skala Emotionale Erschöpfung (Fachrichtungen)

Tabelle 19: Scheffé- Prozedur Skala Emotionale Erschöpfung (Fachrichtungen)

Tabelle 20: Deskriptive Statistiken Skala Depersonalisation (Fachrichtungen)

Tabelle 21: Levene-Test Skala Depersonalisation (Fachrichtungen)

Tabelle 22: Tests der Zwischensubjekteffekte Skala Depersonalisation (Fachrichtungen)

Tabelle 23: Deskriptive Statistiken Skala Persönliche Erfüllung (Fachrichtungen)

Tabelle 24: Levene-Test Skala Persönliche Erfüllung (Fachrichtungen)

Tabelle 25: Tests der Zwischensubjekteffekte Skala Persönliche Erfüllung (Fachrichtungen)

Tabelle 26: Korrelationen Burnout und Berufserfahrung

Tabelle 27: Deskriptive Statistiken Stellenanteil

Tabelle 28: Levene-Test Skala Emotionale Erschöpfung (Stellenanteil)

Tabelle 29: Tests der Zwischensubjekteffekte Skala Emotionale Erschöpfung (Stellenanteil)

Tabelle 30: Deskriptive Statistiken Skala Depersonalisation (Stellenanteil)

Tabelle 31: Levene-Test Skala Depersonalisation (Stellenanteil)

Tabelle 32: Tests der Zwischensubjekteffekte Skala Depersonalisation (Stellenanteil)

Tabelle 33: Deskriptive Statistiken Skala Persönliche Erfüllung (Stellenanteil)

Tabelle 34: Levene-Test Skala Persönliche Erfüllung (Stellenanteil)

Tabelle 35: Tests der Zwischensubjekteffekte Skala Persönliche Erfüllung (Stellenanteil)

Tabelle 36: Häufigkeiten Einrichtungen

Tabelle 37: Häufigkeiten Geschlecht

Tabelle 38: Häufigkeiten Altersgruppe

Tabelle 39: Häufigkeiten Berufserfahrung

Tabelle 40: Häufigkeiten Familienstand

Tabelle 41: Häufigkeiten Stellenanteil

Tabelle 42: Häufigkeiten Einzelitem „Gesellschaftliche Anerkennung“

Tabelle 43: Deskriptive Statistik Burnout

Tabelle 44: Häufigkeiten Burnoutmuster (EE)

Tabelle 45: Häufigkeiten Burnoutmuster (DP)

Tabelle 46: Häufigkeiten Burnoutmuster (PE)

Tabelle 47: Häufigkeiten Burnoutmuster (EE+DP)

Tabelle 48: Deskriptive Statistiken Burnout

Tabelle 49: Häufigkeiten Einzelitem „Gesellschaftliche Anerkennung“ (Innere Medizin)

Tabelle 50: Deskriptive Statistiken (Chirurgie)

Tabelle 51: Deskriptive Statistiken Arbeitsbedingungen (Innere Medizin)

Tabelle 52: Deskriptive Statistiken Arbeitsbedingungen (Intensivpflege)

Tabelle 53: Deskriptive Statistiken Innere Medizin/ Chirurgie)

I Vorwort

Während meiner Diplomarbeit ermöglichten mir mehrere Krankenhäuser, dass ich im Zeitraum zwischen Februar 2008 und April 2008 die Gelegenheit bekam, die für die Diplomarbeit notwendige Datenerhebung in Zusammenarbeit mit den MitarbeiterInnen der jeweiligen Stationen durchführen zu dürfen.

Ich möchte allen Beteiligten sehr herzlich – in besonderer Form aber den Pflegefach- kräften der einzelnen Stationen – für Ihre Unterstützung danken.

Des Weiteren möchte ich bei meinen betreuenden Professoren bedanken. Insbesondere bei Prof. Dr. Karin Rausch, die mich durch konstruktive Kritik immer wieder motivierte, diese Arbeit zu schreiben.

Osnabrück, im Mai 2008

Christian J. Pape

II Abstract

Hintergrund: Ziel dieser Untersuchung soll es sein, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion über Burnout in der stationären Gesundheits- und Krankenpflege zu leisten. In den letzten Jahren wurde über das Thema Burnout kaum noch in Fachzeitschriften publiziert, obwohl die Brisanz der Thematik zunimmt. Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit Arbeitsbedingungen in der stationären Pflege und deren Bedeutung für das Phänomen Burnout.

Forschungsfragen: Im Ergebnisteil wurden u.a. folgende Hypothesen überprüft:

- Belastende Arbeitsbedingungen korrelieren positiv mit Burnout. Es wird an- genommen, dass eseinen signifikanten Unterschied zwischen den einzelnen be- lastenden Arbeitsbedingungen gibt.
- Es wird angenommen, dass die subjektiv empfundene mangelnde gesell- schaftliche Anerkennung hoch mit dem Phänomen Burnout korreliert, insbesondere mit der Dimension der Depersonalisation.

Design: Zur Beantwortung der Hypothesen wurde ein quantitativer Ansatz gewählt. Diesbezüglich wurde sich für ein Querschnitts-Korrelations-Design entschieden.

Methode: Die Erfassung der Daten erfolgte durch einen Fragebogen. Die Auswertung erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS 11.0® und 15.0®. Diagramme wurden mit dem Datenauswertungs- programm Microsoft Excel 2007®erstellt.

Ergebnis: Die Hypothesen konnten nur zum Teil bestätigt bzw. widerlegt werden. U.a. konnte eine geringe negative Korrelation zwischen Gesellschaftliche Anerkennung und der Depersonalisation gemessen werden. Des Weiteren korrelierte lediglich ein Prädiktor (Arbeitsbedingungen) signifikant mit der emotionalen Erschöpfung.

Schlussfolgerungen: In der Untersuchung konnte bestätigt werden, dass ein Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Burnout. Darüber hinaus ist zu klären, inwieweit die empfundene gesellschaftliche Anerkennung eine Rolle im Burnoutprozess spielt. Diesbezüglich sind weitere Untersuchungen notwendig. Genauso ist die Frage zu stellen, ob Burnout durch quantitative Verfahren erfassbar ist. Dies wird zum einen dadurch begründet, dass kontroverse Meinungen in der Fachwelt darüber bestehen, ob Pflegekräfte mit Burnout überhaupt an Fragebogen-Aktionen teilnehmen. Zum anderen deuten die geringe Rücklaufquote und die vorliegende Untersuchungsergebnisse darauf hin.

Schlagwörter: Burnout, burn-out, Arbeitsbedingungen im Krankenhaus, Stress und Burnout, burnout nurse Background: The purpose of this investigation should be to perform a contribution to the scientific discussion about Burnout in the stationary medical and health care. During the last years the subject Burnout was hardly published in the professional journals, although the brisance of the topic increases. For this reason the present work is concerned with terms of employment in the stationary care and their meaning for the phenomenon Burnout.

Research questions: In the conclusion part the following hypotheses have been proved:

- Burdeningtermsof employment correlate positively with Burnout. It isbelieved that there isa significant difference between the single burdeningtermsof employment.
- It isbelieved that the subjectively felt lackingsocial recognition correlateshighly with the phenomenon Burnout, in particular with the dimension of the depersonalization.

Design: A quantitative beginning was chosen as answer to the hypotheses. Referring to this there hasbeen decided on a horizontal-correlation-design.

Method: The data capture was made by a questionnaire. The evaluation was made with the statistics program SPSS 11.0® and 15.0®. The diagrams were generated by the data evaluation program Microsoft Excel in 2007 ®.

Result: The hypotheses could be confirmed respectively disproved only partially. Among others a low negative correlation could be measured between social recognition and the depersonalization. Furthermore merely one predictor (terms of employment) correlated significantly with the emotional exhaustion.

Conclusion: In the investigation could be confirmed, that a connection between terms of employment and Burnout. In addition, is to be cleared, to what extent the felt social recognition plays a role in the burnout process. Referring to this other investigations are necessary. Just the same the question is to be put whether Burnout is detectable by quantitative procedures. This is explained, on the one hand, by the fact that controversial opinions insist among experts about whether nursing forces with burnout generally take part in questionnaire actions. On the other hand the low return rate and the present investigation results point to it.

1. Einleitung

1.1 Hinführung zum Thema

Im Rahmen des demografischen Wandels in Deutschland wird es in naher Zukunft eine steigende Anzahl pflegebedürftiger Menschen geben, die von professionellen Pflegenden[1] betreut werden müssen. Die stationäre Krankenhausversorgung ist zunehmend für Patienten vorbehalten, die eine Akutversorgung benötigen. In Anbetracht dieser Tatsache sind Pflegekräfte mit kürzeren Verweildauern von pflegebedürftigen Menschen und steigenden Fallzahlen sowie der vermehrten Behandlung von Schwerstkranken konfrontiert, was unweigerlich zu einer Intensivierung der pflegerischen Arbeit führt. Die stetig steigende Arbeitsbelastung hat wiederum zur Folge, dass Pflegekräfte verstärkt der Gefahr von Burnout ausgesetzt sind. Diese Mehrbelastung spiegelt sich in der Fluktuationsrate bei stationär Pflegenden wider. Die durchschnittliche berufliche Verweildauer von Gesundheits- und KrankenpflegerInnen liegt bei drei bis sieben Jahren. Neben der Rekrutierung von Pflegekräften ist die Förderung des Berufsverbleibs eine zentrale Strategie, um den steigenden Bedarf an professioneller Pflege zu gewährleisten (vgl. Hasselhorn et al. 2003). Der vorzeitige Ausstieg aus dem Beruf ist nicht nur als ein gesellschaftliches Problem zu betrachten, sondern vielmehr als ein zentrales Problem für die betroffenen Krankenhäuser. Die Fluktuation fü]hrt zu zusätzlichen Belastungen für das Pflegepersonal, durch die Einarbeitung von neuem Personal sowie den Verlust an „Fachwissen“, was sich wiederum negativ auf die Pflegequalität auswirkt (ebd.). Hierbei stellt sich heute die Frage, was Pflegekräfte mitbringen müssen, um im Gesundheitsmarkt bestehen zu können. Die in der Vergangenheit geforderten „soft skills“, wie Kommunikationskompetenz und Teamfähigkeit, werden von der Gesellschaft vorausgesetzt. Der erfolgreiche Umgang mit Stress und Belastungen ist zur eigentlichen Kernkompetenz der stationären Gesundheits- und Krankenpflege geworden.

1.2 Zielsetzung der Untersuchung

Ziel dieser Untersuchung soll es sein, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion über Burnout in der stationären Gesundheits- und Krankenpflege zu leisten. In den letzten Jahren wurde über das Thema Burnout kaum noch in Fachzeitschriften publiziert, obwohl die Brisanz der Thematik zunimmt. Die letzte größere Untersuchung zum Thema Burnout erschien 1999 von Kilmer (vgl. Kilmer 1999). Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit Arbeitsbedingungen in der stationären Pflege und deren Bedeutung für das Phänomen Burnout. Dabei treten zwei Hauptfragen in den Mittelpunkt der Untersuchung, erstens die Frage, inwieweit Pflegende ihre momentanen Arbeitsbedingungen in Bezug auf Burnout subjektiv einschätzen bzw. empfinden. D. h., es soll untersucht werden, ob ein Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Burnout messbar ist, und wenn ja, inwieweit diese Burnout beeinflussen. Zudem stellt sich die Frage, ob es Unterschiede in Bezug auf die verschiedenen Fachrichtungen gibt, wie z.B. zwischen internistischen Stationen und chirurgischen Stationen. Zum anderen soll untersucht werden, inwieweit die gesellschaftliche Anerkennung eine Rolle spielt beim Auftreten bzw. bei der Entstehung von Burnout. Diesbezüglich konnten keine Erkenntnisse in der Literatur gefunden werden. Des Weiteren soll der Frage nachgegangen werden, ob das Auftreten von Burnout durch steigende Berufserfahrung und Teil- und Vollzeitbeschäftigung beeinflusst wird. Diesbezüglich gibt es kontroverse Diskussionen in der Fachwelt.

2. Theoretischer Bezugsrahmen

2.1 Begriffsklärung

In den folgenden Punkten das Phänomen Burnout und die damit verbundenen Probleme in Bezug auf eine einheitliche Definition und Ursachen dargestellt und erläutert. Nach mehr als 30 Jahren Forschung besteht in der Fachwelt immer noch kein Konsens darüber, wie genau Burnout entsteht, was es beinhaltet und welche Faktoren es auslösen bzw. begünstigen.

2.1.1 Das Phänomen Burnout

Ursprünglich ist der Begriff „Burnout“ ein technischer Terminus (engl. burn out), der sich z. B. auf das Aus- bzw. Abbrennen von Brennstoffelementen bei Überhitzung oder das Ausbrennen eines Feuers bezieht. In der Medizin und Psychologie steht der Terminus für „sich erschöpft fühlen“, „ sich völlig verausgaben“ bzw. „sich kaputt machen“. Bei metaphorischer Betrachtung des Begriffs bezeichnet er „ausgebrannte“ Menschen, deren „inneres Feuer“ im Laufe der Zeit, auf Grund von zu wenig „Brennstoffzufuhr“ erloschen ist (vgl. Brockhaus 1996). Enzmann und Kleiber weisen daraufhin, dass schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts das Phänomen Burnout ein Thema war – namentlich im Profisport und in den darstellenden Künsten. Als psychologisches Phänomen, das in erster Linie bei Helfern zu finden ist, wurde es erstmalig bei Bradley 1969 erwähnt (vgl. Enzmann Kleiber 1990: 11).

Die erste große Diskussion erfolgte durch den Artikel von Herbert J. Freudenberger im „Journal of Social Issues“; er sorgte in der Fachwelt für Aufsehen. In diesem Artikel beschrieb er einen psychischen und physischen Endzustand bei ehrenamtlichen Mitarbeitern, die in alternativen Selbsthilfe- und Kriseninterventionseinrichtungen arbeiteten. Er beobachtete, dass zuvor hochmotivierte, pflichtbewusste und aufopferungsvolle Helferinnen zu leicht reizbaren und zynischen Mitarbeitern wurden, die Symptome von Erschöpfung aufwiesen (vgl. Freudenberger 1974: 159 ff.). In Verbindung mit Mitarbeitern aus helfenden Berufen wurde Burnout erstmalig von Freudenberger gebracht, am Ende der 1970er forschten und publizierten die Psychologinnen Maslach und Pines zu diesem Thema. Jahre später wurden auch andere Berufsgruppen in die Forschung miteinbezogen.

2.1.2 Begriffsexplikation des Konzeptes

Ein schwerwiegendes Hindernis für eine fundierte Erforschung des Burnouts liegt darin, dass es keine standardisierte Definition gibt. Zum einen unterteilen sich die Definitionen in Bezug auf Persönlichkeit des Helfers, die organisatorischen Bedingungen und gesellschaftliche Prozesse. Zum anderen lassen sich große Ähnlichkeiten zu anderen Konzepten feststellen, wie z.B. Depression und beruflichem Stress (vgl. Penn et al. 1988: 157 f.). In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Burnout zunächst als ein pragmatisches und soziales Problem und nicht als theoretisches Konstrukt entstanden ist. Das Durcheinander hinsichtlich eines einheitlichen Konzeptes bzw. einer einheitlichen Definition von Burnout wurde von der Tatsache gefördert, dass viele Definitionen auf Basis einer Zusammenstellung von beobachteten Symptomen entstanden sind, wobei das Symptombild von Burnout eine verwirrende Unterschiedlichkeit und ein hohes Maß an Widersprüchlichkeit aufweist (vgl. Demerouti 1999; vgl. Enzmann Kleiber 1989). Trotz dieser Diskrepanzen sind zwischen den einzelnen Definitionen Gemeinsamkeiten zu finden, die eine Vorstellung erlauben, was Burnout eigentlich beschreibt.

In der Fachwelt besteht Einigkeit darin, dass Burnout ein mehrdimensionales Konstrukt ist und nicht wie anfänglich von Maslach (1986) erst angenommen ein eindimensionales. Das Burnout beinhaltet eine große Auswahl an Symptomen, die unabhängig voneinander bestehen können. Dies lässt vermuten, dass die burnoutrelevanten Dimensionen unabhängig voneinander betrachtet werden müssen. Dies hat zur Folge, dass jede Person, je nach Situation und persönlichen Merkmalen, Burnout unterschiedlich bzw. gar nicht erlebt (vgl. Demerouti 1999; vgl. Enzmann Kleiber 1989; vgl. Burisch 2006). Eine weitere Übereinstimmung besteht darin, dass Burnout bei Personen auftritt, die Dienstleistungen für andere Menschen erbringen und somit verstärkt emotionalen Belastungen ausgesetzt sind. Von einigen Wissenschaftlern wird insbesondere die individuelle Qualität des Phänomens betont, wie z. B. die Tatsache, dass verstärkt hochmotivierte Personen betroffen sind (vgl. Cherniss 1999). Dies würde voraussetzen, dass Burnout durch persönliche Merkmale verursacht wird. Diese These wird in der Fachwelt sehr kontrovers diskutiert wird. In den letzten Jahren geht die Vermutung dahin, dass Burnout durch belastende Arbeitsbedingungen verursacht wird. Es wird angenommen, dass es zu einem Ungleichgewicht zwischen dem Individuum und seiner physischen und sozialen Umgebung kommt, also zu einer negativen Beanspruchung durch Arbeitsbedingungen. Durch die oftmals fehlende Unterstützung – keine Verbesserung der negativen Arbeitsbedingungen – ist die betroffene Person auf eigene Bewältigungsstrategien angewiesen, um ein Gleichgewicht zwischen individuellen Erwartungen und der realen Arbeitssituation zu schaffen. In diesem Zusammenhang wird von Pines der Desillusionierungsprozess angeführt. Die Desillusionierung ist die Folge von langfristigen Selbstevaluationen der betroffenen Person, die letztendlich zum Burnout führen (vgl. Pines 1993 in Schaufeli et al. 1993: 33 f.). Diesbezüglich wird vermutet, dass Burnout ein Prozess ist. Jedoch fehlen bis dato spezifische Ergebnisse darüber, welche Phasen in welcher Reihenfolge durchlaufen werden. Diese unzureichenden Forschungsergebnisse werden von Demerouti bemängelt. Sie sieht die Ursache darin, dass die Ergebnisse auf Querschnittsstudien und nicht auf Längsschnittstudien beruhen, die zu Klärung unabdingbar sind (vgl. Demerouti 1999: 8). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das negative Erleben und die damit zusammenhängende emotionale Ermüdung in allen Definitionsversuchen und Erklärungsansätzen eine entscheidende Rolle einnimmt. Diese Gemeinsamkeiten werden in den nächsten Punkten ausführlich beschrieben, um die Problematik der unzureichenden Definition und Operationalisierung zu betonen.

2.2 Definitionen, Symptomatik und Verlauf von Burnout

2.2.1 Definitionen

Aus der Vielfalt der beobachteten Symptome sind verschiedene Definitionen entstanden. Nach mehr als drei Jahrzehnten Forschung besteht immer noch keine einheitliche Definition des Phänomens Burnout. Im Rahmen dieser Arbeit werden einzelne Definitionen vorgestellt.

Emener beschreibt Burnout als Zustand physischer oder psychischer Erschöpfung, der die Auswirkung von langanhaltenden negativen Gefühlen ist und durch Arbeit und dem damit verbundenen Selbstbild entsteht (vgl. Emener 1972 in Fengler 1998).

Brill hat Burnout als einen erwartungs- und arbeitsbezogenen Zustand ohne schwere Psychopathologie definiert. Die betroffenen Personen haben in der Vergangenheit am selben Arbeitsplatz ausreichende Leistung erbracht und können die vorigen Leistungsstandards nun nicht ohne fremde Hilfe erreichen (vgl. Brill 1984: 12 ff.).

Pines et al. sehen Burnout als ein Resultat von chronischem Stress, der mit Erschöpfung, Frustration, Distanzierung zur Arbeit und veränderten Einstellungen und Verhaltensweisen einhergeht (vgl. Pines et al. 1993: 25).

Maslach und Jackson vertreten eine ähnliche Meinung. Demnach wird Burnout durch stresshafte Interaktionen hervorgerufen, sie unterscheiden das Phänomen Burnout in ihrem Erklärungsansatz in drei Dimensionen. Die emotionale Erschöpfung steht für Gefühle, die durch zwischenmenschliche Interaktionen entstehen und gemeinsam mit emotionaler Überanstrengung und Überforderung auftreten. Die Dimension der Depersonalisation bezieht sich auf zynisches und gefühlloses Verhalten gegenüber den Empfängern von Fürsorge. Die reduzierte Leistungsfähigkeit bezieht sich auf die Kompetenzminderung und mangelhafte Ausführung der Arbeit des Betroffenen (vgl. Maslach Jackson 1984: 132 in Enzmann Kleiber 1993: 32).

Edelwich und Brodsky verwenden den Begriff, um den Verlust von Idealismus und Energie zu beschreiben, welchen Pflegende durch ihre Arbeitsbedingungen erfahren. Sie vertreten die Meinung, dass diese Verluste durch stufenweise Enttäuschungen und somit eine Desillusionierung hervorgerufen werden (vgl. Edelwich Brodsky 1984: 11 f.).

Freudenberger sieht Burnout als Zustand von Desillusion, Erschöpfung und Frustration, der durch unrealistische Erwartungen an die Tätigkeit des Betroffenen verursacht wird. Er definiert Burnout als Erschöpfungszustand, der durch Überforderung verursacht wird. Dabei kann die Überforderung durch persönliche und gesellschaftliche Faktoren ausgelöst werden und der betroffenen Person Bewältigungsmechanismen und innere Kraft entziehen. Burnout wird begleitet durch dauerhaften Stress, der letztendlich die persönlichen Motivationen, Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflusst (vgl. Freudenberger North 1994: 27).

Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand „normaler“ Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (Distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlanpassung von Intentionen und Berufsrealität. Burnout erhält sich wegen ungünstiger Bewältigungsstrategien, die mit dem Syndrom zusammenhängen, oft selbst aufrecht (Schaufeli Enzmann 1998: 36).

Müller schreibt in seiner Publikation von 2003, dass in einer akuten Burnout-Krise die psychische Belastbarkeit bereits im mittleren Berufsalter abnimmt. Demnach führen arbeitsbedingte Überforderungen und Enttäuschungen zu emotionaler Erschöpfung und Resignation. Der Verlauf erfolgt in Phasen, der bis zur Entfremdung von sich selbst und zu völligem Rückzug von anderen Menschen führen kann. Diese Entwicklung endet oftmals in Depressionen und körperlichen Erkrankungen (vgl. Müller 2003: 18).

2.2.2 Symptomatik und Verlauf

In der Fachwelt besteht Einigkeit darüber, dass es sich bei Burnout um einen schleichend einsetzenden und langwierigen Prozess handelt, der in Phasen verläuft. Freudenberger war einer der ersten Wissenschaftler, der den Versuch unternahm, Symptome in ein Phasenmodell zu integrieren (vgl. Freudenberger 1974). Die Widersprüchlichkeit einiger aufgeführter Symptome in Bezug des Auftretens in den verschiedenen Phasenmodellen ist nach Ansicht von Burisch dadurch zu erklären, dass diese zu unterschiedlichen Zeitenpunkten im Phasenverlauf auftreten. Er betont, dass nicht unbedingt alle Symptome einer Kategorie auftreten müssen (vgl. Burisch 1994:28 ff.).

Nach Ansicht von Burisch ist das Symptombild der einzelnen Studien vielschichtig, aber wiederum einheitlich. Hierzu entwickelte er ein Symptom-Phasen-Modell, das in sieben Kategorien und zum Teil noch in Unterkategorien aufgeteilt ist. Er weist daraufhin, dass die Darstellung in Stadien nur zur Übersicht diene und nicht impliziert, dass die einzelnen Symptome vorkommen bzw. die Reihenfolge eingehalten werden müsse (vgl. Burisch 1994: 16ff.). Im Folgenden werden die einzelnen Phasen und deren Bedeutung näher erläutert.

Warnsymptome der Anfangsphase

In der Anfangsphase ist ein vermehrtes Überengagement der Helfer bemerkbar. Dieses gesteigerte Engagement ist bedingt durch Idealvorstellungen, die meist nach einem hohen Maß nach Kompetenz streben.

Schmidbauer schreibt, „[…] Idealisierungen zwingen uns, an einem starren Fehler Bild von Vollkommenheit festzuhalten und Fehler nicht für selbstverständlich, sondern für einen Makel, ein mehr oder weniger deutlich moralisierend an den Pranger gestelltes Versagen zu erleben.“ (Schmidbauer 2002: 35)

Die Unsicherheit bringt den Menschen dazu, Idealisierungen zu benutzen, um einen Halt zu bekommen. Diesen Halt bieten Idealvorstellungen, die in der Kindheit aufgebaut wurden und die sich an Elternpersonen orientieren. Schmidbauer führt weiter aus, dass oftmals sinnlose Aktivitäten praktiziert werden, wenn das Selbstgefühl der betreffenden Person überfordert ist oder droht zusammenzubrechen, um die „Ohnmacht“ zu verbergen. Doch diese Idealisierungen verheimlichen in vielen Fällen einen versteckten Größenwahn. Durch Demonstration von Vitalität, Macht und Überlegenheit gerät der „Helfer“ immer mehr unter Druck, da er kontinuierlich die gleiche Leistung erbringen muss. Dies führt unweigerlich in die Depression. Idealisierungen beruhen zum einen auf der persönlichen Natur des einzelnen Helfers, zum anderen spielt die heutige Leistungsgesellschaft auch eine entscheidende Rolle. Sie verlangt optimale Pflege verlangt und praktiziert gleichzeitig einen enormen Sparzwang. Beide Anforderungen bringen die Helfenden massiv an ihre psychischen und physischen Grenzen (vgl. Schmidbauer 2002: 40 ff.). Domnowski sieht die Ursache von Idealisierung in der Persönlichkeit des Helfenden. Die Idealisierung ist nur ein Vorwand für den versteckten innerlichen Zwang bzw. der Sucht nach Anerkennung. Der Helfende ist ständig auf der Suche nach neuer Anerkennung und gerät unweigerlich in einen Teufelskreis. Die eigenen Schwächen und die Hilfsbedürftigkeit werden verleugnet. Stattdessen lebt der Helfende hinter seiner starren Ich-Fassade (übersteigerten Idealen) und wird von seinem „Über-Ich“ kontrolliert. Das übersteigerte psychosoziale Engagement ist die Folge dieses Prozesses. Gerade dies wird zu seiner Persönlichkeitsstruktur, da er nur pflegt, um seine Gier nach Anerkennung zu stillen. Domnoski sieht hier einen direkten Zusammenhang zwischen Mutter-Kind- Beziehung und dem gestörten primären Narzissmus (vgl. Domnoski 1999: 32 ff.).

Reduziertes Engagement

Die Phase des reduzierten Engagements zeichnet sich durch Distanzierung der Betroffenen aus. Empathie geht verloren, abwertendes Verhalten gegenüber den Patienten wird sichtbar. Das Engagement verwandelt sich in Desinteresse und Überdruss. Diese Distanzierung zeigt sich in Zynismus, in Fehltagen und im Rückzug. Es kommt zu einer so genannten „inneren Kündigung“. Die Betroffenen suchen vermehrt private Bedürfnisbefriedigungen, zum Beispiel durch Aktivitäten in Sportvereinen oder sonstige Freizeitbeschäftigungen (vgl. Aronson et al. 1983: 27 ff.), da sie von ihrer Arbeit nichts mehr erwarten. Lauderdale bezeichnet diese Phase auch als „Chrysalis“. In der Biologie ist dies ein Begriff für die „Befreiung des Schmetterlings aus dem Kokon“. Wobei Lauderdale explizit darauf hinweist, dass dieses Verhalten meist bei Angestellten von Verwaltungen auftritt (vgl. Lauderdale 1982: 45 f.).

Emotionale Reaktionen

Im weiteren Verlauf folgen emotionale Reaktionen/ Schuldzuweisungen. Die oben beschriebene Desillusionierung stellt einen schmerzlichen Verlust da, eine Art von Trauer, die eine Trauerarbeit erfordert. Die benötigte Trauerarbeit wird bei den Betroffenen kaum bzw. gar nicht vollzogen. Burisch bezieht sich auf die Trauerphasen von Kübler- Ross. Nach dem Trauerphase-Konzept ist es notwendig, eine Phase von „Ärger“ und „Depression“ zu durchlaufen. Hierzu müsste eine Einsicht der betroffenen Person vorhanden sein, um Trauerarbeit leisten zu können, aber diese Einsicht ist in den meisten Fällen nicht gegeben (vgl. Burisch 1994: 27 f.). Sieht der Betroffene die Ursache bei sich selbst, so wird er höchstwahrscheinlich mit depressivem Verhalten reagieren. Es kommt zu einer Erniedrigung des Selbstwertgefühls. Ist der von Burnout betroffene auch noch ein hochmotivierter Idealist gewesen, der seinen Rückzug erkennt wie oben beschrieben, kommt es oftmals zu schwerwiegenden Schuldgefühlen. Gehört der Ausbrennende zur Gruppe von Personen, für die Arbeit ein Lebenszweck darstellt, dann verliert er für sich selbst die Existenzberechtigung (ebd.: 28). Diese gefährliche Kombination kann zur Folge haben, dass es zu einer Erschöpfungsdepression bzw. „reaktionären Depression“[2] kommt, die nicht selten in einem Suizid endet. Wobei darauf hingewiesen werden muss, dass Depression im klinischen Sinne ein umfassender Zustand ist, während Depression als Burnout-Symptom meistens berufsspezifisch ist. D. h., es kommt zu einem depressiven Syndrom, das mit einem suizidalen Ausgang enden kann. Auch hierzu fehlen die entsprechenden Studien, was zum Teil darauf beruht, dass viele Suizide nur lückenhaft statistisch erfasst sind.

Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit

In der „Abbauphase“ kommt es zum Verlust von kognitiver Leistungsfähigkeit. Die Betroffenen fallen immer häufiger auf, weil sie Flüchtigkeitsfehler begehen, wie z.B. vergessen von terminlichen Absprachen. Diese Fehler werden oftmals von Kollegen über eine längere Zeit gedeckt. Es wird „Dienst nach Vorschrift“ geschoben, der Abbau von Kreativität wird sichtbar und eine „Nicht-auffallen-Strategie“ wird praktiziert. Auch die Denkweisen werden bequemer. Die Psychologie spricht auch vom „Abbau der Entdifferenzierung“ (Alles, was kognitive Entlastung bringt, wird gerne in Anspruch genommen. Wie z. B. Gut-Böse-Dichotomisierungen, das Vorgehen in eingefahrenen Bahnen und Input-Output-Schemata (vgl. Burisch 1994: 25 f.). Maslach Jackson sprechen vom „kleinkarierten Bürokraten“, der gegen jede neue Idee mit Widerstand reagiert (vgl. Maslach Jackson 1978: 52-54).

Verflachung

Mit der Fortführung der Phase des Abbaus kann es zur Isolation der betroffenen Person kommen. Dies ist bedingt durch soziale, geistige und emotionale Verflachung. Das Interesse gegenüber der Umwelt sinkt und eine stetig wachsende Distanz zu sozialen Kontakten führt unweigerlich in einen Teufelskreis. Der Betroffene ist in einem Zwiespalt, da seine sozialen Kontakte sich durch sein Desinteresse abwenden und er gar keine Möglichkeit mehr sieht, sich diesem Kreis zu entziehen. Dies hat zur Folge, dass das Gefühl der Einsamkeit und Aussichtslosigkeit verstärkt wird (vgl. Burisch 1994: 25 f.).

Psychosomatische Reaktionen

In der folgenden Phase werden psychosomatische Reaktionen zusammengefasst. Burisch weißt daraufhin, dass diese Erkrankungen nicht zwingend für das Phänomen Burnout sind. Folgend werden die häufigsten psychosomatischen Symptome genannt:

- erhöhte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten
- Rückenleiden
- Magen-Darm-Erkrankungen (z. B: Durchfälle, Ulzera, Entzündungen)
- Kreislauferkrankungen
- diffuse Schmerzen
- Schlaflosigkeit
- Schwindel
- Panikattacken
- vermehrte Einnahme von Suchtstoffen (Koffein, Nikotin, Alkohol usw.).

Letzteres, der gesteigerte Konsum von Alkohol, Nikotin und anderen Drogen, fördert oftmals die Entstehung von koronarer Herzkrankheit und Ulzera im Magen-Darm-Trakt. Alle psychosomatischen Symptome können in jeder Phase auftreten, insbesondere auch schon in der Anfangsphase (vgl. Burisch 1994: 19 f.).

Verzweiflung

In der letzten Phase hat sich das temporäre Gefühl der Hilflosigkeit in ein chronisches Gefühl der Hoffnungslosigkeit entwickelt. Lauderdale spricht auch von der Phase des „Meltdown“ (vgl. Lauderdale 1982). Das Leben hat seinen Sinn verloren und intermittierende suizidale Gedanken können auftreten. Im metaphorischen Sinne kann dieses Stadium auch als Endstation einer langen Reise verstanden werden, die keine Hoffnung auf Weiterfahrt zulässt. Der Betroffene ist an dem Punkt angekommen, wo er für sich feststellt, dass es keine Aussicht auf Seelenfrieden mehr für ihn gibt. Die nicht vorhandenen Bewältigungsstrategien für Frustration, Kritik, Stress und Idealverlusten fordern nun ihren Tribut. Der Betroffene befindet sich in einer emotionalen, geistigen und körperlichen Erschöpfung, die nicht mehr aus eigener Kraft kompensiert werden kann (vgl. Burisch 1994: 19 ff.).

2.3 Erklärungsansätze von Burnout

In diesem Kapitel werden neben den beschriebenen Definitionen die entsprechenden Erklärungsansätze zum Phänomen „Burnout“ dargestellt. Auffallend ist, dass die meisten Definitionen und Modelle darin übereinstimmen, dass eine Erschöpfung und Depersonalisation des Helfenden stattfindet. während sie sich in Bezug auf deren Erklärung und Entstehung unterscheiden. Dazu merkt Burisch an, dass viele Ansätze zu global gefasst sind und das somit jeder unbefriedigende Umstand als Ursache in Frage kommen würde. Oder aber die Ansätze sind zu spezifisch, so dass sie nur auf bestimmte Berufsgruppen anwendbar sind und somit nur eine unzulängliche Erklärung darstellen (vgl. Burisch 1994: 32). Die verschiedenen Wissenschaftler haben sich auf die Vorgänge im Individuum konzentriert, um die Entstehung von Burnout zu erklären. Das Kuriose ist, dass sich die Ansätze, die sich auf die Arbeitsbedingungen beziehen, nicht mit den objektiven Belastungsbedingungen beschäftigt haben. Darüber hinausbesteht bei den auf das Individuum gerichteten Ansätzen die Gefahr, dass die beschriebenen intraindividuellen Prozesse durch individuelle Unterschiede beeinflusst werden. Diese Unterschiede des einzelnen Betroffenen werden in den einzelnen psychologischen Theorien unterschiedlich wahrgenommen, was eine objektive Erfassung nur schwer möglich macht. Die meisten Wissenschaftler sind sich auch darüber einig, dass „Burnout“ ein arbeitsbezogenes Problem ist, dessen Entstehung nicht alleinig von personellen Faktoren abhängig ist. Die verschiedenen Erklärungsversuche werden in der Literatur in drei Hauptkategorien systematisiert. Es wird in individuenzentrierte, interpersonelle und organisationale Ansätze unterschieden. In den folgenden Punkten werden die einzelnen Ansätze und dazugehörigen Modelle näher erläutert.

[...]


[1] Anmerkung: Aus sprachstilistischen Gründen sowie im Sinne eines besseren Verständnisses werden unter der Verwendung des Begriffs „ Pflegende“ und „Pflegekräfte“ examinierte Gesundheits- und KrankenpflegerInnen gefasst.

[2] vgl. de Guyter 1998: 253

Details

Seiten
118
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640132669
ISBN (Buch)
9783640135332
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113734
Institution / Hochschule
Hochschule Osnabrück – FH Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Arbeits- Organisationsbedingungen Pflegenden Alltag Diplomarbeit

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Titel: Arbeits- und Organisationsbedingungen von Pflegenden im stationären Alltag