Lade Inhalt...

Rousseau Gesellschaftsvertrag: Durch Unterwerfung zur Freiheit?

Hausarbeit 2002 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen der neuen Gesellschaftsordnung

3. Eintritt in die neue Gesellschaftsordnung, der volonté générale

4. Der neue Mensch

5. Der Zwang zur Freiheit

6. Befreiung des Menschen?

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

"Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten."[1] So beginnt Rousseau das erste Kapitel seines Gesellschaftsvertrages. Er geht von einer natürlichen Freiheit des Menschen aus. Dieser ist von Geburt an frei. Freiheit ist untrennbar mit dem Menschsein verbunden. Durch die vorherrschende Gesellschaftsordnung liegt der Mensch jedoch überall in Ketten. Anliegen des Gesellschaftsvertrages ist es den Menschen aus diesen Ketten zu befreien. Der Mensch soll jedoch nicht in seinen Naturzustand zurückversetzt werden. Durch einen Urvertrag, den Gesellschaftsvertrag soll eine neue Gesellschaftsordnung gestiftet werden. Der Mensch veräußert sich selbst mit seinen gesamten Rechten, verliert seine natürliche Freiheit und gewinnt dadurch die bürgerliche Freiheit. Dadurch wird er erst "zu einem Menschen gemacht"[2].

In meiner Arbeit möchte ich zuerst auf die Grundlagen der neuen Gesellschaftsordnung eingehen. Dann betrachte ich das Zustandekommen des Gesellschaftsvertrages und seinen Inhalt.

Hier steht besonders der volonté générale im Vordergrund. Als dritten Punkt betrachte ich die Konsequenzen aus dem Gesellschaftsvertrag. Durch den Gesellschaftsvertrag entsteht ein Staatskörper, in dem das Individuum untrennbarer Teil des Souveräns ist. Das bedeutet er ist direkt an der Herrschaftsausübung beteiligt. Er wird sein eigener Gesetzgeber und erlangt Freiheit und Gleichheit. Dies alles zielt auf eine Umwandlung des Menschen. In der neuen Gesellschaftsordnung erlangt der Mensch bis dato ungekannte Möglichkeiten und geht vollkommen als Teil des Staates in diesem auf.

Was ist jedoch mit den Menschen die nicht bereit sind in die neue Gesellschaftsordnung einzutreten?

Hier antwortet Rousseau mit dem Zwang zur Freiheit. Er ist nicht bereit seinen Gesellschaftsentwurf am "freien Einspruch des Individuums scheitern zu lassen."[3] Rousseau hat mehrere Zwangsmittel im Auge. Sie sind teils physischer aber auch teils psychologischer Natur. Auf diese gehe ich im vierten Kapitel ein.

Abschließend möchte untersuchen wie es um die neu gewonnene Freiheit steht. Ist der Mensch freier oder gelangt er nur von einer Abhängigkeit in die nächste. Es steht nur der Gesellschaftsvertrag als einmaliger Urvertrag im Blickpunkt. Für diesen ist die absolute Unterwerfung des Menschen unter dem volonté générale und eine einmalige Einstimmigkeit aller notwendig. Gesetze entsprechen Akten des Gemeinwillens und dienen immer dem Gemeinwohl. Gelangt der Mensch in eine noch größere Abhängigkeit, in die absolute Abhängigkeit vom Gemeinwillen? Handelt es sich um eine Diktatur des Willens? Kann Zwang Freiheit erzeugen?

2. Grundlagen der neuen Gesellschaftsordnung

Um den Gesellschaftsvertrag zu verstehen, muss man Rousseaus Konstruktion des Naturzustandes betrachten. Aus diesem leitet er Grundsätze ab, die das eigentliche Menschsein ausmachen und sowohl Ursache als auch Zweck der Vertragsgründung sind. Durch die Gegenüberstellung von Naturzustand und gesellschaftlichen Zustand entsteht ein Spannungsverhältnis, welches zum Entstehen der neuen Gesellschaftsordnung führt.

Der Mensch lebt im Naturzustand ganz in einer natürlichen Ordnung eingebettet. Er ist weder ein soziales Wesen noch von Natur aus böse. Vielmehr lebt er als Einzelgänger, dessen Hauptanliegen die Erhaltung des eigenen Lebens ist. Diesen Antrieb bezeichnet Rousseau als Eigenliebe (amour de soi). Der Mensch besitzt zu wenig dauerhafte Beziehungen mit anderen Menschen um mit ihnen in Feindschaft zu leben. Aus dieser Unabhängigkeit ergeben sich die natürliche Freiheit und Gleichheit des Menschen. Die Menschen haben untereinander keine Verpflichtungen, keine moralischen Beziehungen. Sie kennen weder gut noch böse.

Die Menschen sind von Natur aus gleich und frei. Aus diesen zwei Annahmen ergeben sich gewichtige Folgerungen. Es gibt von Natur aus keine Herrscher unter den Menschen. Der Mensch kann seine Freiheit nicht veräußern. Da es keine Abhängigkeiten und keine legitimierte Herrschaft gibt existiert keine natürliche Gesellschaftsordnung. Im Naturzustand existiert noch kein Recht, diese entsteht erst in der politischen Gesellschaft. Eine Ausnahme macht Rousseau. Er bezeichnet die Familie als einzige natürliche Gesellschaft. In dieser ist der Vater der Herrscher und die Kinder sind das Volk. Die Bindung der Kinder an ihren Vater geht auf die anfängliche Unfähigkeit des Menschen für sich selber zu sorgen zurück. Kann der Mensch für sich selber sorgen, so löst sich die Bindung auf und er "wird sein eigener Herr"[4].

Da es im Naturzustand keine Gesellschaftsordnung gibt muss diese erst geschaffen werden. Sie ist ein künstliches Produkt. Rousseau bezeichnet sie als "heiliges Recht, als Grundlage für alle anderen Rechte"[5].

Warum ist eine neue Gesellschaftsordnung notwendig? Rousseau lehnt die zu seiner Zeit bestehende Gesellschaftsordnung ab. In dieser ist der Mensch ein Sklave. Er hat seine natürliche Freiheit und Gleichheit verloren, das bedeutet er hat seine unveräußerlichen Rechte verloren. In seinen ersten beiden Discours nennt er als Ursache für diese Entwicklung die Künste und Wissenschaften die die Menschen verdorben haben und die Schaffung des Eigentums, welches die natürliche Gleichheit aufgehoben hat.

Im Contract Social gibt Rousseau keine Begründung für diese Entwicklung an. Er geht von einer gesellschaftlichen Situation aus in der das Menschengeschlecht zu Grunde gehen würde, wenn es seine Lebensweise nicht änderte.

Aus der Freiheit und Gleichheit der Menschen ergibt sich, dass es keine Machtansprüche von Natur aus geben kann. Legitimierte Herrschaft muss also künstlich geschaffen werden Wichtig ist das diese Gleichheit nicht physischer Natur ist. Rousseau erkennt selbstverständlich die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen an.

Aus physischen Qualitäten lässt sich nach Rousseau kein recht auf Herrschaft ableiten. Der Stärkere kann den Schwächeren unterwerfen und ihn seiner Freiheit berauben. Der Mensch gehorcht nun dem Stärkeren. Dieser Zwang ergibt sich jedoch nicht aus einer moralischen Verpflichtung, sondern ist ein reiner "Akt der Notwendigkeit"[6]. Verliert der Stärkere seine Kraft, so muss man nicht mehr gehorchen. Dies steht im fundamentalen Widerspruch zum Wesen des Rechts, zu einer legitimierten Herrschaft. In einer legitimierten Herrschaft ist der Gehorsam eine moralische Verpflichtung.

Die Grundlage für die neue Gesellschaftsform kann also nur auf Vereinbarungen basieren. Diese müssen freiwillig sein. Die Menschen müssen einen Vertrag schließen. Die Herrschaft bedarf einer Legitimation. Da der Mensch seine Freiheit nicht veräußern kann stellt sich die Frage wie der Vertrag konzipiert sein soll. Ein Autorisierungsvertrag wie bei Hobbes wo der Mensch von seinen natürlichen Rechten zu Gunsten eines Dritten zurücktritt ist nicht möglich. Die Freiwilligkeit des Menschen, die Betonung des Willens als Grundlage für die neue Gesellschaftsordnung bzw. für den neuen Staat ist von überragender Bedeutung. Es soll ein Staat entstehen der nicht auf faktischer Macht, auf historischen Gegebenheiten oder religiöser Begründungen basiert, sondern nur den freien Willen aller sich zusammenschließenden Individuen als Grundlage hat. Bevor jedoch Herrschaft übertragen werden kann, bedarf es erst eine Volksabstimmung. Dazu muss man jedoch zuerst ein Volk gründen. Der Gesellschaftsvertrag soll sowohl die Gründung eines Volkes als auch eine legitimierte Herrschaftsausübung, ohne den Verlust der zum Menschen gehöriger Freiheit und Gleichheit, leisten.

[...]


[1] J.-J.Rousseau, Politische Schriften, S. 61

[2] J.-J.Rousseau, Politische Schriften, S. 79

[3] Hans Maier/Horst Denzer, Klassiker des politischen Denkens, S. 72

[4] J.-J.Rousseau, Politische Schriften, S. 63

[5] J.-J.Rousseau, Politische Schriften, S. 62

[6] J.-J.Rousseau, Politische Schriften, S. 65

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638175548
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11376
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
Note
1
Schlagworte
Rousseau Gesellschaftsvertrag Durch Unterwerfung Freiheit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Rousseau Gesellschaftsvertrag: Durch Unterwerfung zur Freiheit?