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Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast“ - Malende Sprache und sprechende Bilder

Magisterarbeit 2008 65 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit

2. Formale Aspekt
2.1 Der Autor
2.2 Das Werk
2.3 Zeitliche Einordnung des Werkes

3. Was ist ein Bild?
3.1 Das visuelle Bild
3.2 Das sprachliche Bild

4. Malende Sprache im „Welschen Gast“
4.1 Sprachlicher Bilder im „Welschen Gast“
4.2 Vorbilder – Prominente Figuren im „Welschen Gast“
4.3 Die Bedeutung malender Sprache

5. Die Zeichnungen im „Welschen Gast“
5.1 Bild und Text – Ergänzende Medien
5.2 Das Bild als autonome Erzählinstanz
5.3 Die wörtliche Illustrierung
5.4 Die Bedeutung der Illustrationen im „Welschen Gast“

6. Malende Sprache und sprechenden Bilder als didaktisches Mittel?

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der heutigen Zeit müssen Bilder mehr denn je als allein stehendes, autonomes Kommunikationsmittel verstanden werden, „denn in der globalen Informationsgesellschaft wird in immer stärkerem Maße auf Bilder, statt auf erklärenden Text zurückgegriffen.“[1] Betrachtet man die moderne europäische Medienlandschaft, so lassen sich diverse journalistische Erzeugnisse aus dem Bereich der Printmedien aufführen, in denen der Text als ursprüngliches Medium der Informationsvermittlung in den Hintergrund tritt. Seine im Ursprung der Zeitung meist Seiten füllende Position wird, zumindest im Bereich der so genannten Boulevard-Medien, nun durch farbige Bilder eingenommen. Die Schrift hingegen füllt nur noch kleine Textfelder und transportiert lediglich ein Minimum an Information, das notwendig ist, um den abgebildeten Sachverhalt verständlich zu machen.

Die Intention ist dabei klar: Das Bild ist Blickfang, bindet den Konsumenten und bringt ihn schließlich zum erklärenden Text. „Bilder gehören ohne Zweifel zu unserem Leben, sie begleiten uns in unserem komplexen Alltag, sie sind immer da, auch wenn wir sie zunächst nicht bewusst wahrnehmen.“[2]

Doch seit wann haben Bilder diese Bedeutung im Rahmen der Informationsvermittlung? Hat das Bild erst Ende des 20. Jahrhunderts seine zentrale Rolle auf dem Informationsmarkt eingenommen, als der Wirtschaftssektor „Information“ an Bedeutung zulegte, sich die Menschheit mit einen Anstieg von Möglichkeiten durch die Entwicklung von Datennetzen auseinandersetzen musste und 1994 die Europäische Union das „information society project office“ gründete, um die EU-weiten Aktivitäten zu koordinieren?

Oder hatte das Bild schon viel früher große Bedeutung im Rahmen der Informationsvermittlung?

Bereits im Mittelalter wurden Handschriften mit Bildern versehen – soviel steht fest. Doch welche Bedeutung hatten diese Bilder? Waren die Malereien am Rande der Texte lediglich schmückende Illustrationen des Geschriebenen und ausschließlich in Verbindung mit dem nebenstehenden Text zu verstehen? Oder wurde den kunstvollen Zeichnungen eine viel tiefere Bedeutung zugemessen? Galt das Bild vielleicht bereits im Mittelalter als Medium, das Informationen auch ohne sprachliche Erläuterung an den Rezipienten bringen konnte? „Sind die Miniaturen auf eine Doppelrezeption angelegt, die schon von der Poetik der Handschriften her auf eine unterschiedliche Perzeption durch literati und illiterati abzielt?“[3]

Kurz gefragt: Wurden Bilder den Texten für all die hinzugefügt, die den Inhalt des Geschriebenen nicht verstehen konnten oder wollten?

Im Rahmen der Arbeit soll dies anhand von Thomasin von Zerclaeres „Der welsche Gast“ untersucht werden. Dieses Werk wurde ausgewählt, da es über eine besonders hohe Zahl an Bildelementen verfügt. Dabei soll allerdings nicht nur ein Augenmerk auf Zeichnungen - also das visuelle Bild - gelegt werden. Vielmehr soll auch das Entstehen von Bildern mittels Sprache, sei es im Rahmen von Beispielen, Gleichnissen oder Ähnlichem untersucht werden, um schließlich zu zeigen, welche Intention der Autor hatte, als er dem Rezipienten Bilder anbot.

1.1 Aufbau der Arbeit

Zu Beginn dieser Arbeit soll ein kurzer Überblick über die formalen Aspekte von Thomasins „Der Welsche Gast“ gegeben werden. Ziel ist es, die Entstehungsgeschichte des „Welschen Gastes“, die das Werk betreffenden Fakten und seinen Autor Thomasin von Zerclaere zu beleuchten. Ziel der Untersuchung dieser Fakten ist es, Aufschlüsse über die Intention des Textes zu erhalten, die schließlich zur Klärung der Frage nach den Aufgaben von Sprache und Bild und dem Zusammenhang dieser beiden Informationsvermittlungswege beitragen sollen.

Im zweiten Abschnitt dieser Arbeit soll eine Definition des Begriffs „Bild“ gegeben werden, um das Spektrum der Untersuchungen zu präzisieren. Dies ist zwingend notwendig, da der Begriff „Bild“ einen zentralen Punkt in dieser Arbeit einnimmt und eine ungenaue Eingrenzung zu Missverständnissen beim Ergebnis der Untersuchung führen kann.

Im Hauptteil dieser Arbeit soll schließlich der Inhalt des Textes in Kombination mit den für die frühen Handschriften angefertigten Zeichnungen im Vordergrund stehen, um so auf der Basis der vorangegangen Untersuchungen die Bedeutung von Bildern in Thomasins Werk zu klären.

2. Formale Aspekte

2.1 Der Autor

Es gibt nur wenige Quellen, die Informationen über den Autor des „Welschen Gastes“ liefern. Einen großen Teil dieser Informationen liefert uns Thomasin von Zerclaere selbst in seinem Werk „Der Welsche Gast“. Einzelne Textstellen geben Auskunft über Herkunft und Alter des Autors. So nennt er beispielsweise „seinen Namen und sein Geburtsland Friaul und bezeichnet sich als durch und durch Italiener.“[4]

Nach derzeitigem Forschungsstand geht man davon aus, dass der Autor Thomasin um das Jahr 1186 geboren wurde. Zu dieser Annahme führt eine Rechnung, die die bekannte Faktoren „Entstehungsjahr des Textes“, „Alter des Autors“ und „Produktionszeitraum“ mit einbezieht: Der Autor gibt an, dass er den Text 28 Jahre nach der Einnahme Jerusalems durch Saladin[5] angefertigt habe. In Kombination mit der Tatsache, dass die Entstehung rund zehn Monate gedauert hat und der Angabe des Autors, dass er zum Zeitpunkt der Entstehung des Textes noch nicht drizec jar (v.2445) alt gewesen sei (die allgemeine Forschermeinung geht davon aus, dass diese Altersangabe als „fast dreißig“ zu deuten ist), lässt den Schluss zu, dass es sich um ein Geburtsjahr um 1186 handelt.

Über den Todeszeitpunkt Thomasins kann man hingegen keine Angabe machen. Zwar wird der Tod Thomasins im Nekrologium Aquileiense erwähnt, aber eine genaue Jahreszahl ist hier nicht zu finden. Lediglich der Todestag, ein 11. Mai, ist hier vermerkt.

„Das Werk weist seinen Verfasser als einen Mann aus, der über umfängliche Kenntnisse der biblischen wie auch der weltlichen Geschichte, des theologisch-philosophischen Gedankengutes und wohl auch des literarischen Marktes seiner Zeit verfügt, was auf eine gediegene Ausbildung an einer hohen Schule und auf Kontakte mit literarisch interessierten Kreisen, am ehesten also einem weltlichen oder geistlichen Adelssitz, schließen lässt.“[6] Ebenfalls sind Kenntnisse über die politischen Gegebenheiten seiner Zeit zu vermuten. Dies geht aus der Lektüre des Werkes hervor. Auch das lässt den Schluss zu, dass Thomasin sich am Hofe aufgehalten haben muss. Unterstützt wird diese These durch Thomasins Aussage, dass er sich nach Beendigung der Schreibarbeiten wieder der Beobachtungen von Turnier und Tanz widmete und den Umgang mit schönen Frauen pflegte.

Es gibt jedoch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, an welchem Ort der Autor seine Bildung erworben hat. Es lassen sich lediglich Vermutungen darüber anstellen, an welcher Schule Thomasin seine Ausbildung erfuhr und am welchem Hof er lebte. Betrachtet man die vom Autor selbst gegebenen, wie die erschlossenen biografischen Fakten, so ist anzunehmen, dass Thomasin zumindest eine enge Beziehungen zum Hof der Patriarchen von Alquileja Wolfger pflegte und am Fürstenhof als Kleriker tätig war.

Eva Willms weist jedoch auf ein Problem hin: „Auffallend und durchaus irritierend ist nämlich, dass das Werk keinerlei Widmung oder Huldigung enthält, wie man sie bei einem Kleriker am Hof des Patriarchen erwarten würde und sicher erwarten dürfte, wenn dieser gar der Auftraggeber oder Gönner gewesen wäre“[7]. Schließlich war dies durchaus üblich. Man muss also davon ausgehen, dass Thomasin zumindest ausreichend vermögend war, um die Kosten für ein solches Werk selbstständig zu tragen.

2.2 Das Werk

Beim 14.752 Versen umfassenden „Welschen Gast“ handelt es sich um das erste Lehrgedicht des Mittelalters in deutscher Sprache. Es ist eine höfische Tugendlehre in zehn Büchern. Als Besonderheit gilt die Tatsache, dass Thomasin die Verhaltenslehre in einer für den Italiener fremden Sprache verfasste. Analysen des verwendeten Wortschatzes lassen darauf schließen, dass bayerisch-österreichisches Mittelhochdeutsch verwendet wurde. Doch warum schrieb Thomasin in einer ihm fremden Sprache?

Die Antwort auf diese Frage gibt der Autor selbst:

„ich han einn andern sin enkorn:

daz ich mich des gern vlizen wil

und wil dar uf gedenken vil,

daz man mir verneme wol

dar nach ich immer ringen sol.“[8]

Im weiteren Verlauf bittet Thomasin darum, dass man ihm eventuelle sprachliche Makel nicht vorwerfen möge, da er die Sprache nicht perfekt beherrsche. Er sei ein Italiener, der „sich gern mit allem sinem sinne und sinem muot“[9] bemühe , so gut die deutsche Sprache zu verwenden, wie er es nur kann. Thomasin „will verstanden werden. Also bleibt er schlicht in seinen Darlegungen (…), keine verwickelten Gedankengänge, keine rhetorischen Kunststücke, keine Fremdwörter. Das Gewand der Tugendlehre soll ,einvar’ sein.“[10]

Derzeit sind 23 Abschriften des „Welschen Gastes“ bekannt. Acht dieser Textzeugen sind nur als Fragment, die 15 übrigen hingegen in großen Zügen vollständig auf Papier oder Pergament vorhanden. Es gibt Vermutungen darüber, dass es noch sechs weitere Handschriften gegeben hat. Sollten diese tatsächlich existent gewesen sein, so lassen sich von diesen heute dennoch keine Zeugnisse mehr finden. Diese Handschriften scheinen im Laufe der Jahre abhanden gekommen zu sein.

Die älteste Handschrift, bekannt als die Heidelberger Handschrift A oder Cpg 389, stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die jüngste Abschrift stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Bedingt durch die Tatsache, dass die Handschriften unabhängig voneinander entstanden sind, weisen alle Textzeugen Besonderheiten auf. Bei den späten Handschriften lassen sich sogar Zeugnisse finden, die darauf hindeuten, dass zwei oder mehr Handschriften als Vorlage zur Verfügung standen. „Eine solche Handschrift ist die Dresdener Handschrift D aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die zwar überwiegend mit der Fassung A übereinstimmt, aber gegen Ende auch Varianten der Handschriften der zweiten großen Redaktion teilt.“[11] Bislang ist es jedoch nicht gelungen, den Originaltext wieder herzustellen.

Eine Gemeinsamkeit aller Handschriften (mit Ausnahme der jungen Handschrift M) ist die Tatsache, dass das Bildprogramm in weitestgehend inhaltlicher Übereinstimmung, wenn auch Einzelfällen versehen mit Ergänzungen und/oder Auslassungen, übernommen wurde. Die Handschrift A enthält 116 kolorierte Federzeichnungen von drei Illustratoren, die Handschrift E hingegen nur 69 durch Zierborten umrahmte Miniaturen. Die Handschrift G weist 119 in Farbe gehaltene Federzeichnungen und die Stuttgarter Handschrift S 92 (laut Kries 93) grobkolorierte Bilder inklusive Beischriften auf.

„Alle Handschriften der illustrierten Überlieferung außer A weisen eine Einrichtung im Zwei-Spalten-Schema auf. Die Bilder sind in die Textspalten integriert, wobei die Bildmotive über die Spaltenbreite hinausgehen können.“[12] Es gibt keine Bilder, die beide Spalten einnehmen. Für größere Zeichnungen wurde eine andere Lösung gefunden: Manche Zeichnungen – egal ob in vertikaler oder horizontaler Form angelegt – wurden auf den Rand gesetzt, „in den ältesten Handschriften A und G ohne Rücksicht auf die ästhetische Qualität der Buchseite.“[13]

Leider gibt es in der zeitgenössischen Literatur des Mittelalters keine Aufklärung darüber, ob Thomasins Werk tatsächlich seine Adressaten erreichte. Die Tatsache, dass es derzeit 23 bekannte Abschriften vom „Welschen Gast“ gibt, deuten jedoch darauf hin, dass das Werk eine große Bedeutung hatte. Den gleichen Schluss lässt der Fund einer im 13. Jahrhundert entstandenen Übersetzung der Disticha Cantonis - einer spätantiken Sammlung von Lebensregeln – zu, die 51 Verse aus dem „Welschen Gast“ enthält.

2.3 Zeitliche Einordnung des Werkes

Die Biografie des Autors und die formalen Aspekte seines Werkes sind in den vorangegangenen Textabschnitten bereits erläutert worden. Für die fundierte Einordnung der äußerlichen Fakten und der aus der Textinterpretation gewonnen Erkenntnisse soll nun eine Betrachtung der historischen Begebenheiten erfolgen.

Ein besonderes Augenmerk möchte ich, begründet durch die Tatsache, dass Thomasin seinen Text als Lehrgedicht verfasste, auf die möglichen Rezeptionsformen zum Entstehungszeitpunkt des Textes legen, da auf diese Weise Erkenntnisse über die Intention des Autors im Bezug auf die Verwendung von Bildern gewonnen werden können.

Es gilt als sicher, dass Thomasin seinen Text um 1215 verfasste. Damit fällt der Entstehungszeitpunkt in eine Zeit, in der sich das Bevölkerungswachstum deutlich verstärkte. Besonders in den Städten stieg die Einwohnerzahl in der Zeit zwischen 1150 und 1200 um bis zu 100 Prozent an. Damit waren die Städte zwar die Orte mit der größten Bevölkerungsdichte, aber die Macht- und auch Kulturzentren waren weiterhin die Höfe. Im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert entwickelte sich die höfische Dichtkunst. Neben Kühnheit und Frömmigkeit wurde auch die literarische und historische Bildung zu einem zentralen Wert des höfischen Raums.

Doch während an den Höfen die literarische Bildung und mit ihr die Zahl der des Lesens mächtigen Personen zunahm, waren abseits der Höfe im ländlichen und städtischen Raum weiterhin vornehmlich illiterati zu finden.

„Der welsche Gast“ entsteht also in einer Zeit, in der er von einer kleinen, aber stetig wachsenden Gruppe am Hofe, sowie von Vertretern der Kirche gelesen werden konnte. Für die restliche Bevölkerung, sofern der Text an diese gerichtet ist, kann er nur als Vorlese- oder Vorzeigewerk gedacht gewesen sein, da die Zahl derer, die Thomasins Text in diesem Kulturraum hätten lesen können, nur gering gewesen ist. Diese Erkenntnis wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch einmal thematisiert werden und wird daher an dieser Stelle noch nicht weiter mit dem Text und dem Thema dieser Arbeit in Bezug gebracht.

3. Was ist ein Bild?

3.1 Das visuelle Bild

Da der Titel „Thomasin von Zerclaere: ,Der Welsche Gast’ - Malende Sprache und sprechende Bilder“ deutlich darauf hinweist, dass die im „Welschen Gast“ verwendeten Bilder – sowohl in Form von Zeichnungen, als auch in Form von sprachlichen Stilmitteln wie Symbolen o.ä. innerhalb des Textes – Hauptgegenstand dieser Arbeit sind, soll an dieser Stelle ein Definitionsversuch des Begriffes „Bild“ stehen.

Das Brockhaus-Verlag hält in seinen Lexika für den Begriff „Bild“ die Erklärung „Darstellung auf einer Fläche“, also beispielsweise eine „Zeichnung oder Fotografie“, bereit.[14]

Kurt Bauch stellt fest: „,Bild' hat als Wort mancherlei Bedeutung angenommen.“[15] Es gilt jedoch darauf hinzuweisen, dass die im Zeitalter von Fotografie und Film angenommene Definition keineswegs diejenige sein kann, die sich auf Thomasins Text anwenden lässt. Schließlich fließt heute in den Begriff „Bild“ beispielsweise der Akt der mechanischen Produzierbarkeit und der uneingeschränkten Reproduktion ein. Des Weiteren lässt sich eine Manipulation des Bildmaterials mittels digitaler Technik nicht mehr ausschließen.

Will man also die Frage „Was ist ein Bild?“ im Zusammenhang mit einem aus dem Mittelalter stammenden Text annähernd klären, so sind als Grundlage für eine Begriffsdefinition sämtliche Formen moderner, digitaler Bildproduktion auszuschließen.

„Im Niederländischen, das aus einer deutschen Mundart zur Selbstständigkeit erwachsen ist, hat ,beeld' noch die alte (im Hochdeutschen bis ins 17. Jahrhundert bestehende) Bedeutung: Bildwerk in stofflich greifbarer Gestalt, heute Plastik oder Skulptur.“[16] Hier findet eine deutlich Abgrenzung vom Wort „Gemälde“ statt, das einen Gegenstand in seiner Dreidimensionalität nur vortäuscht. Im Gegensatz hierzu imitiert ein Bild diese Dreidimensionalität nicht, da es eine greifbare Gestalt gleich dem Original hat. Geht man aber von der im Mittelalter herkömmlichen Begrifflichkeit „imago“ aus, so umfasst dieser Begriff jede Form von Darstellung – egal ob Bildwerk, Gemälde oder Zeichnung.

Der Ursprung des Begriffs „imago“ ist im Griechischen zu finden und bedeutet übersetzt „Zutreffendes“, „Entsprechendes“ oder „Gleichkommendes“. „Im alten Latein soll es mit einem ,imor' gleich sein (dazu ,imitor' nachahmen) und bedeutet jede Nachbildung, ohne Rücksicht auf Formen und Stoff,...“[17]

Bei einem Bild im zum Entstehungszeitpunkt des „Welschen Gastes“ üblichen Sprachgebrauch handelte es sich also um eine die Realität abbildende Darstellung, egal ob in geschriebener, gemeißelter oder gezeichneter Form, die jedoch im Mittelalter strengen Regeln unterliegt. Es ist auffällig, dass keine Bilder zu finden sind, auf denen beispielsweise die Natur im Mittelpunkt steht – ein in späteren Epochen der Kunstgeschichte und auch in der heutigen Zeit keineswegs seltenes Motiv. Zentraler Punkt eines jeden mittelalterlichen Kunstwerks ist der Mensch. Tiere, die Natur, Landschaften, Gebäude oder Fantasiewesen sind - sofern überhaupt vorhanden - nur am Rande als Attribut zur menschlichen Handlung zu finden.

Viele der im Mittelalter entstandenen Bilder weisen eine Verbindung mit einem religiösen Hintergrund auf. Kirchen sind in reichem Maße mit Bildern jedweder Form verziert. Besondere Bedeutung wird hierbei den Kirchenfenstern und den im kirchlichen Raum omnipräsenten Wandmalereien zugewiesen. Hier sind nicht selten Glaubensgeschichten abgebildet.

Bis in die heutige Zeit hält sich die Forschermeinung, dass diese Bilder dem nichtschriftkundigen Volk Episoden aus der Bibel verdeutlichen sollten. Hierzu passt die Feststellung von Hans-Georg Gadamer, der feststellt, dass die Bildkunst eine bedeutende Besonderheit vorweist: „Sie nimmt einen ein, sie reicht über die Zeiten und über die Völker hinweg, wie über die individuellen Künstler und ihre Biografie. Überall finden wir diese rätselhafte Präsenz, die wie ein unumstößliches Zeugnis ist: Das Kunstwerk der bildenden oder der sprachlichen Kunst.“[18]

[...]


[1] Martin Scholz / Ute Helmbold: „Bilder lesen lernen – Wie werden Bilder rezipiert?“ In: Klaus Sachs-Hombach / Klaus Rehkämper (Hrsg.): „Bildwissenschaft“, DUV-Verlag 2005, Seite 9

[2] Martin Scholz / Ute Helmbold: „Bilder lesen lernen – Wie werden Bilder rezipiert?“ In: Klaus Sachs-Hombach / Klaus Rehkämper (Hrsg.): „Bildwissenschaft“, DUV-Verlag 2005, Seite 7

[3] Horst Wenzel / Christina Lechtermann (Hrsg.): „Beweglichkeit der Bilder – Text und Imagination in den illustrierten Handschriften des „Welschen Gastes“ von Thomasin von Zerclaere“, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, 2002, Seite 1

[4] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast – Text (Auswahl), Übersetzung, Stellenkommentar“, herausgegeben von Eva Willms, de Gruyter Texte, 2005, Seite 1

[5] Saladin eroberte am 2. Oktober 1187 Jerusalem und setzte damit dem christlichen Königreich Jerusalem nach 88 Jahren ein Ende.

[6] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast – Text (Auswahl), Übersetzung, Stellenkommentar“, herausgegeben von Eva Willms, de Gruyter Texte, 2005, Seite 2

[7] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast – Text (Auswahl), Übersetzung, Stellenkommentar“, herausgegeben von Eva Willms, de Gruyter Texte, 2005, Seite 3

[8] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast“, Vers 50 ff

[9] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast“, Vers 100 f

[10] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast – Text (Auswahl), Übersetzung, Stellenkommentar“, herausgegeben von Eva Willms, de Gruyter Texte, 2005, Seite 6

[11] Thomasin von Zerclaere: „Der Welsche Gast“ – Seite 15f

[12] Karin Lerchner: „Narration im Bild. Szenische Elemente im Bildprogramm des ,Welschen Gastes’“ In: Horst Wenzel / Christina Lechtermann (Hrsg.): „Beweglichkeit der Bilder – Text und Imagination in den illustrierten Handschriften des „Welschen Gastes“ von Thomasin von Zerclaere“, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, 2002, Seite 69

[13] Karin Lerchner, Seite 69

[14] Vgl. Definition „Bild“ in Brockhaus Universallexikon von A-Z in 26 Bänden, Band 3, F.A. Brockhaus GmbH, 2003

[15] Kurt Bauch: „Imago“ in Gottfried Boehm (Hrsg.): „Was ist ein Bild?“, Wilhelm Fink Verlag, Seite 275

[16] Kurt Bauch: „Imago“ in Gottfried Boehm (Hrsg.): „Was ist ein Bild?“, Wilhelm Fink Verlag, Seite 275

[17] Kurt Bauch: „Imago“ in Gottfried Boehm (Hrsg.): „Was ist ein Bild?“, Wilhelm Fink Verlag, Seite 276

[18] Hans-Georg Gadamer: „Bildkunst und Wortkunst“ in Gottfried Boehm (Hrsg.): „Was ist ein Bild?“, Wilhelm Fink Verlag, Seite 91

Details

Seiten
65
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640143900
ISBN (Buch)
9783640144020
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113823
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
1,5
Schlagworte
Thomasin Zerclaere Welsche Gast“ Malende Sprache Bilder

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Titel: Thomasin von Zerclaere:  „Der Welsche Gast“ - Malende Sprache und sprechende Bilder