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Der Wandel privater Lebensformen als Ausdruck von Individualisierungsprozessen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individualisierung als ein moderner Prozess
2.1. Historische Betrachtung des Individualisierungsprozesses im Hinblick auf die Lebensformen
2.2. Der Mensch ist zur Individualisierung verdammt
2.2.1. Homo Optionis: Chance für die eigenen Entscheidungen
2.2.2. Entroutinisierung des Alltags
2.3. Individualisierung als westliches Phänomen
2.4. Auslöser der Individualisierung
2.4.1. Die Krise der sozialen Strukturen und Institutionen
2.4.2. Modernisierungsprozesse auf der sozialen, ökonomischen und technologischen Ebene

3. Pluralisierung der Lebensformen als Folge der Individualisierung
3.1. Familie im Umbruch
3.2. Was kommt nach der Familie?
3.3. Lebensform als legitimer Begriff

4. Suche nach neuen gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Schutzmechanismen
4.1. Sicherheit und Selbstschutzstrategien
4.2. Moderne Helfer oder Modelle des „richtigen Lebens“
4.3. Wie wichtig ist das eigene Netzwerk für das Individuum?

5. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Im Rahmen unseres Hauptseminars haben wir uns mit verschiedenen Aspekten des heutzutage heiß diskutierten Themas Individualisierung beschäftigt. Durch Individualisierungsprozesse, die derzeit im Zentrum der Modernisierungsdiskussion stehen, wird das soziale Leben der Menschen beeinflusst. Das Individuum wird selbst zum Gestalter sozialer Realität. Diese Veränderungen zeigen sich am Übergang von der Eintönigkeit zur Vielfalt von Lebensformen. Der Anteil an herkömmlichen Modellen von Lebensformen ist stark rückläufig, wobei die Anzahl diejenigen steigt, die nichttraditionale Lebens- und Beziehungsformen praktizieren.

Innerhalb dieser Seminararbeit kann man nicht alle Aspekte des Individualisierungsprozesses behandeln. Deshalb werde ich mich auf die hervortretenden Neugestaltungen auf der privaten Mikroebene und ihren Folgen auf das Individuum beschränken.

Eine weit verbreitete Auffassung besagt, dass Individualisierung gleich mit Egoismus zu setzen ist. Die durch diese Individualisierung entstandenen verschiedenartigen Lebensformen werden weniger auf der Basis der Gemeinschaftlichkeit begründet, sie führen viel mehr zur Isolation und Vereinsamung des Individuums. Das Ziel meiner Seminararbeit ist demnach festzustellen, ob der Verlust traditioneller Lebenskontexte als Ausdruck von Individualisierungsprozessen zu einer Isolation des modernen Individuums führt.

So soll im ersten Teil das Phänomen der Individualisierung behandelt werden. Die Erläuterungen zum historischen Kontext führen uns in die Materie ein. Die theoretischen Grundlagen von Beck klären den Begriff der Individualisierung und seine Anwendungen. Weiter beschäftige ich mich mit den Effekten der Individualisierung auf das Individuum als homo optionis, und zwar mit Entroutinisierung des Alltags. Die Frage, ob die Individualisierungstheorie flächendeckend anzuwenden ist, beantworte ich als nächstes. In dem letzten Punkt des ersten Kapitels widme ich mich den Auslösern der Individualisierungsprozesse, wie dem Wandel der sozialen Strukturen und der Institutionen und den Modernisierungsprozessen in sozialen, kulturellen, ökonomischen und technologischen Bereichen.

Das zweite Kapitel versucht die Frage aufzuschlüsseln, weshalb es zur Pluralisierung der Lebensformen kommt. Bevor ich zu dem Begriff der Lebensform und zu Lebensformen an sich komme, werde ich mich mit der Familie beschäftigen. Als Ausdruck von Individualisierungsprozessen verliert die Familie ihre Hauptposition und uns wird das Gefühl vermittelt, dass sie allmählich verschwindet und nicht mehr gewollt wird. Ob diese Vermutung stimmt, wird sich im zweiten Punkt dieses Kapitels herausstellen.

Das dritte Kapitel behandelt die Auswirkungen der Ambivalenz der Individualisierungsprozesse auf das Individuum. Das Individuum versucht sich vor den Folgen der Individualisierungsprozesse zu schützen, gerät dabei aber in ein Zwiespalt der eigenen Bedürfnisse. Einerseits ist das Individuum schon abgegrenzt und isoliert, andererseits sehnt es sich nicht nur nach allgemein akzeptierten Stützpunkten und Festigkeiten, die ihm seine Entscheidungen in dem Projekt „Eigenes Leben“ erleichtern, sondern auch nach Nähe und Sicherheit im menschlichen Miteinander. Dazu werde ich auf die sozialen Netzwerke und ihre Bedeutung für das Individuum hinweisen.

Die Grundlage meiner Seminararbeit bildet Literatur von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, aber auch von anderen Autoren, wie Johannes Huinink, Rüdiger Peuckert, Dieter Hoffmeister und Robert Hettlage.

2. Individualisierung als ein moderner Prozess

2.1. Historische Betrachtung des Individualisierungsprozesses im Hinblick auf die Lebensformen

Vor Beginn der Industrialisierung gab es eine große Vielfalt von familialen Lebensformen, die sich nach Region und sozialem Stand erheblich unterschieden. Die ökonomischen Interessen und Erfordernisse der Haushaltsproduktion waren für die Zusammensetzung der Familien bestimmend, weil es in erster Linie um das ökonomische Überleben des Familienhaushalts ging. Wegen der hohen Sterblichkeit der Menschen war die Entwicklung von Familienhaushalten sehr dynamisch (vgl. Huinink 1998: 93).

Den Zeitraum vom Beginn des Industrialisierungsprozesses bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kann man als die erste Phase der Individualisierung bezeichnen. Die sozialen Beziehungen waren nicht mehr ausschließlich durch die ökonomischen Interessen ihrer Mitglieder geprägt. In der Vormoderne war es die Macht des Lehnherren, an die man gebunden war, wobei es in dieser Phase Beziehungen sind, die durch eine enge persönliche Bindung und damit einhergehende starke soziale Kontrolle bestimmt sind. Die Bedeutung traditioneller Kultur und ständischer Differenzierung wurde stark verringert und normative Bindungen an kulturell festgelegte Großgruppenzugehörigkeiten wurden damit abgebaut (vgl. Huinink 1998: 94).

Mit der Industrialisierung ist ein Übergangsprozess zu beobachten, bei dem die Vielfalt der vormodernen Familienformen in eine Dominanz der bürgerlichen Kleinfamilie übergeht. Erst in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde mithilfe des gestiegenen Einkommens- und Wohlstandsniveaus das bürgerliche Familienmodell des verheirateten Elternpaares mit Kindern und der nichterwerbstätigen Mutter durch die Mehrheit der Bevölkerung angenommen. Dadurch kam es zu einer Homogenisierung der Lebensformen, die man an der zunehmenden Konzentration auf den Familienstand verheiratet, erkennen kann (vgl. Huinink 1998: 103).

Darauf setzte sich seit den 70er Jahren Individualisierung und familialer Wandel verstärkt fort. Die Heterogenität der Lebensformen hat sich vergrößert. Pluralisierend wirkt da die Abnahme des Anteils der Verheirateten, die Zunahme bei den Verwitweten, die auf Kriegseinflüsse und Altersstruktureffekte zurückzuführen ist, sowie der Anstieg des Anteils der Geschiedenen in den 80er Jahren (vgl. Huinink 1998: 103).

Persönliche Bindung im Privaten hat in der Vormoderne kaum bestanden. In der ersten Phase der Individualisierung trug sie entscheidend zur Stabilität sozialer Ordnung bei und heute wird sie zum Problem.

2.2. Der Mensch ist zur Individualisierung verdammt

Welche gesellschaftlich-historischen Phänomene haben den Wandel privater Lebensformen und die Deinstitutionalisierung des bürgerlichen Ehe- und Familienmusters verursacht? Peuckert zufolge liegt ein überzeugender, empirisch abgesicherter Erklärungsansatz bis heute nicht vor (vgl. Peuckert 2005: 361). Nichtsdestotrotz ist die Individualisierungstheorie laut Hoffmeister noch attraktiv genug für die Beschreibung und Erklärung des familialen Wandels (vgl. Hoffmeister 2001: 126).

2.2.1. Homo Optionis: Chance für die eigenen Entscheidungen

Ulrich Beck zufolge hat sich in der Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg in allen reichen westlichen Industrieländern ein gesellschaftlicher Individualisierungsschub vollzogen. Mit dem Begriff Individualisierung werden gemäß Beck drei zusammenhängende Prozesse innerhalb der Gegenwartsgesellschaft bezeichnet. Zum einen ist es die Freisetzungsdimension, in der sich die vorgegebenen traditionalen Sozialformen und Bindungen auflösen. Mittels der Freisetzung aus sozialen Klassenbindungen und aus Geschlechtslagen von Männern und Frauen gewinnt das Individuum an Handlungspielräumen. Die Modernität macht dem Individuum vorher unbekannte Wahlmöglichkeiten und Freiheiten der Mobilität zugänglich. Alte Abhängigkeiten und Zwänge verlieren an Kraft (vgl. Beck 1986: 116, 206 und vgl. Peuckert 2005: 366f).

Mit der Freisetzung aus traditionalen Sozialformen gehen auch traditionale Sicherheiten, in Form von Handlungswissen und leitenden sozialen Normen verloren. Dieser zweite Prozess nennt Beck die Entzauberungsdimension. Der Einzelne kann sich immer weniger an kollektiv verbindlichen Leitbildern und Handlungsmustern, wie beispielsweise an einer zentrierten Normalbiographie orientieren. Er muss seinen Lebenslauf selbst entwerfen, was ein hohes Maß an Entscheidungszumutungen bedeutet. Als Folge wachsender Spielräume tauchen Schwierigkeiten der Entscheidungsselektion und Identitätsgewinnung (-findung) auf (vgl. Beck 1986: 116, 206 und vgl. Peuckert 2005: 366f).

Drittens erfasst dieser Begriff eine neue Art der sozialen Einbindung, die Beck als Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension bezeichnet. „An die Stelle traditionaler Bindungen und Sozialformen (soziale Klasse, Kleinfamilie) treten sekundäre Instanzen und Institutionen, die den Lebenslauf des einzelnen prägen und ihn gegenläufig zu der individuellen Verfügung, die sich als Bewußtseinsform durchsetzt, zum Spielball von Moden, Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten machen“ (Beck 1986: 211). Somit wird der Einzelne in ein System von institutionellen Anforderungen, Kontrollen und Zwängen eingebunden. Die freigesetzten Individuen werden sowohl arbeitsmarktabhängig und dadurch bildungsabhängig sowie konsumabhängig, als auch abhängig von sozialrechtlichen Regelungen und Versorgungen (vgl. Peuckert 2005: 366f).

Sozialer Zustand der Individualisierung wird nicht durch die freie Entscheidung von Individuen erreicht. Laut Jean-Paul Sartre ist der Mensch zur Individualisierung verdammt.

Individualisierung bedeutet für das Individuum neu gewonnene Entscheidungsfreiheiten und -zwänge zugleich, ein Zwang zur Selbstgestaltung der eigenen Biographie und ihrer Einbindungen. Dies passiert im Wechsel der Präferenzen und Lebensphasen und unter dauernder Abstimmung mit anderen und den Vorgaben von Arbeitsmarkt, Bildungssystem und dem Wohlfahrtsstaat (vgl. Beck 2002: 4).

Was sich im Laufe dieser Entwicklung eigentlich andeutet, ist das Ende der festgelegten Menschenbilder. Der Mensch wird im Sinne Sartres zur Wahl seiner Möglichkeiten, zum homo optionis. Leben, Tod, Geschlecht, Körperlichkeit, Identität, Religion, Ehe, Elternschaft, soziale Bindungen – alles wird entscheidbar. Daher kann man nicht nur unter mehr Optionen wählen, man muss es auch (vgl. Beck 1994: 16).

Am klarsten hat diese Lage Gottfried Benn erfasst: „Denn meiner Meinung nach fängt die Geschichte des Menschen heute erst an, seine Gefährdung, seine Tragödie. Bisher standen noch die Altäre der Heiligen und die Flügel der Erzengel hinter ihm, aus Kelchen und Taufbecken rann es über seine Schwächen und Wunden. Jetzt beginnt die Serie der großen unlösbaren Verhängnisse seiner selbst“ (Beck 1994: 17).

2.2.2. Entroutinisierung des Alltags

Soziales Handeln vollzieht sich eingebettet in Routinen. Es lässt sich sogar behaupten, dass das, was wir kaum zur Kenntnis nehmen, unser Denken und Handeln am tiefsten formt. Auf die verinnerlichten Routinen kann man nur sehr schwierig verzichten, weil die Lebensführung und Identitätsfindung der Menschen mit ihnen erst möglich wird. Es erleichtert uns die zeitliche Ordnung des Tuns, weil man damit Begriffe, wie das Normale, das Reguläre, das Überraschungsfreie, verbindet. Der Alltag ist damit eine Welt der reduzierten Aufmerksamkeit und des routinisierten Tuns. Es geht um das, was bei uns im familialen Zusammenleben, im Dorfe, in der Region jeder tut, das alltäglich Übliche und Vertraute (vgl. Beck 1994: 17).

Durch die Freisetzungsdimension wird das routinisierte Tun in der Modernität in Frage gestellt. Das Alltägliche und die Routinen brechen in eine Fülle von Möglichkeiten auf. Auswirkungen auf das Individuum lassen sich nicht vermeiden. Die Routinisierung wird nur zeitweise möglich, und das auch in sehr fragilem Zustand (vgl. Beck 1994: 17f).

2.3. Individualisierung als westliches Phänomen

Zwischen städtischen und ländlichen Regionen finden sich deutliche Unterschiede. Was in einer Stadt bereits selbstverständlich ist, ist in einem Dorf auffallend und irritierend. Lebensformen und Lebensorientierungen der Stadt breiten sich jedoch auch auf dem Land aus. Die Leitbilder der Welt kommen bis ins Dorf über Bildungsexpansion, über Fremdverkehr, über Massenmedien und Massenkonsum. (vgl. Beck 2002 : 5). Dennoch kann man nicht behaupten, dass die Entwicklung flächendeckend und unterschiedslos die gesamte Bevölkerung erfasst hat. Vielmehr ist das Stichwort Individualisierung als Trendaussage zu verstehen.

In den fortgeschrittenen Gesellschaften des Westens hat die materielle Existenzsicherung und soziale Sicherheiten ein hohes Niveau erreicht, so dass der alltägliche Kampf gegen eine existenzielle Lebensnot nicht mehr erste Priorität besitzt. Die Menschen waren aus traditionellen Klassenbedingungen und Versorgungsbezügen der Familie herausgelöst und verstärkt auf sich und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal verwiesen. Die Folge davon ist ein zunehmender Zerfall kollektiver Formen der solidarischen, gegenseitigen Unterstützung (vgl. Beck 1986: 116).

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Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640150922
ISBN (Buch)
9783640151011
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113838
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Wandel Lebensformen Ausdruck Individualisierungsprozessen Individualisierung

Autor

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