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Die Straubinger Kultur

Exzerpt 1996 28 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Vorwort

Die Bronzezeit vor mehr als 2000 bis 800 v. Chr. gilt als die erste und längere der Metallzeiten in Europa. In dieser Zeit wurden Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus Bronze hergestellt. In einigen Gebieten hatte die Bronzezeit eine andere Zeitdauer. So begann sie in Süddeutschland schon vor etwa 2300 v. Chr. und endete um 800 v. Chr. In Norddeutschland dagegen währte sie von etwa 1600 bis 500 v. Chr.

Zu den in Deutschland verbreiteten Kulturen der Bronzezeit gehört die Straubinger Kultur vor etwa 2300 bis 1600 v. Chr. Sie war in Südbayern (Niederbayern, Oberbayern sowie teilweise in der Oberpfalz und Schwaben) verbreitet. Ausläufer behaupteten sich auch in Oberösterreich, im Land Salzburg und im Raum Kufstein in Nordtirol.

Die Straubinger Kultur gilt als die älteste Kultur der Frühbronzezeit im östlichen Süddeutschland. Ihre Metallhandwerker haben in der frühen Stufe noch Erzeugnisse aus unlegiertem Kupfer und erst in der späten Stufe aus Bronze hergestellt.

Der Text über die Straubinger Kultur stammt aus dem vergriffenen Buch

»Deutschland in der Bronzezeit« (1996) des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung und entspricht dem damaligen Wissensstand. Weitere Kulturen der Bronzezeit aus Deutschland werden ebenfalls in Einzelpublikationen vorgestellt.

»Heiliges Geld« für die Götter

Die Straubinger Kultur vor etwa 2300 bis 1600 v. Chr.

Von etwa 2300 bis 1600 v. Chr. war in Südbayern (Niederbayern, Oberbayern sowie teilweise in der Oberpfalz und Schwaben) die Straubinger Kultur verbreitet. Ausläufer behaupteten sich auch in Oberösterreich, im Land Salzburg und im Raum Kufstein in Nordtirol. Ihre Metallhandwerker haben in der frühen Stufe noch Erzeugnisse aus unlegiertem Kupfer und erst in der späten Stufe aus Bronze hergestellt. Die Straubinger Kultur gilt als die älteste Kultur der Frühbronzezeit im östlichen Süddeutschland.

Der Begriff »Straubinger Kultur« wurde 1902 durch den damals am Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Mainz, arbeitenden Prähistoriker Paul Reinecke (1872–1958) geprägt, der ab 1908 als Konservator am Generalkonservatorium der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns in München wirkte. Der Ausdruck bezieht sich auf mehrere Gräberfelder im Raum Straubing, von denen das in der Ziegelei Ortler am frühesten entdeckt wurde.

Der etwa von 1800 bis 1600 v. Chr. währende späte Abschnitt der Straubinger Kultur wird auch Langquaid-Stufe genannt. Diese Bezeichnung geht ebenfalls auf Paul Reinecke zurück. Er hatte 1924 den an drei Fundorte erinnernden Namen »Stufe von Trassem-Langquaid-Tinsdahl« erfunden. Heute spricht man nur noch von der Langquaid-Stufe nach dem Depotfund von Langquaid (Kreis Kelheim) in Niederbayern.

Wie die Funde aus den Gräbern zu belegen scheinen, waren die Männer der Straubinger Kultur nicht sehr kriegerisch. Zu dieser Erkenntnis gelangte der Marburger Prähistoriker Friedrich Holste (1908–1942). Den Reichtum in den Frauengräbern wertete er als Anzeichen dafür, daß die Frauen völlig gleichberechtigt gewesen seien.

Untersuchungen der Skelettreste aus den Gräbern von München- Englschalking und Poing (Kreis Ebersberg) durch den Münchener Anthropologen Peter Schröter ergaben für die Männer eine Körperhöhe bis zu 1,69 Metern und für die Frauen bis zu 1,59 Metern. Ein Mann aus Anzing (Kreis Ebersberg) erreichte 1,73 Meter. Die Schädel waren meistens rundlich und kurz. An den Gebissen stellte Schröter stark abgekaute Zähne, Karies und Zahnstein fest. Außerdem waren manchmal Weisheitsoder Schneidezähne nicht angelegt. Ein Mann aus München-Englschalking und eine Frau aus Poing litten unter einem Wurzelspitzenprozeß. Einem etwa neun Jahre alten Kind in Poing war im Unterkiefer der rechte erste Milchbackenzahn ausgefallen, im Oberkiefer fehlten beide seitlichen Schneidezähne.

Siebartige Porositäten des Augenhöhlendachs (Cribra orbitalia) bei zwei Frauen in Poing und einer Frau in München-Englschalking deuten auf Eisenmangel in der Nahrung hin. Bei einem Mann von Poing waren zwei Halswirbelkörper verwachsen. Ein anderer Mann in Poing hatte an beiden Schienbeinen eine »Hockerfacette«, die durch häufiges Hocken auf der Ferse entstand.

In Mangolding (Kreis Regensburg) wurde ein Schädel mit einer verheilten Schlagverletzung geborgen. Als Folge eines Schlages wird auch das leicht deformierte Nasenbein eines Mannes aus Poing gedeutet. Im Wochenbett ist vermutlich eine in Langenpreising (Kreis Erding) zusammen mit einem Säugling bestattete Frau gestorben. Ein Männerschädel aus Königsbrunn (Kreis Augsburg) weist Spuren einer Schädeloperation (Trepanation) auf.

Fragmente feinen Leinengewebes – einmal mit Resten eines eingewebten Wollstreifens – verraten, aus welchen Materialien die Kleidung angefertigt wurde. Viele tönerne, spitzkegelige Webgewichte aus Siedlungen spiegeln die hochentwickelte Webkunst wider. Nadeln hielten die Gewänder von Männern und Frauen zusammen. Damit sie nicht herausrutschten, zog man mitunter einen Faden durch den ringförmigen Nadelkopf und wickelte ihn um die Nadelspitze, die aus dem Stoff ragte.

Als Kopfbedeckung trugen die Frauen eine Haube aus schwerem Stoff oder Leder. Lederreste, die auf der Rückseite eines Blechbandes hafteten, wurden in einem Grab am Alburger Hochweg in Straubing entdeckt. Das Blechband war vermutlich auf ein Band oder eine Haube genäht. Hauben sind damals im Donauraum weit verbreitet gewesen.

Die Straubinger Leute wohnten meistens in einzelnen Gehöften oder in aus wenigen Hütten bestehenden Weilern. An Ufern von Flüssen waren ihre Siedlungen manchmal fast wie an einer Perlenkette aufgereiht. In Kelheim fand man Hinweise auf in Gruben eingetiefte Hütten.

Hüttenlehm mit Abdrücken von Hölzern und Rutengeflechten sind aus Straubing (Ziegelei Jungmeier) und Geltofing (Kreis Straubing-Bogen) bekannt. Das Bauholz war manchmal bis zu 20 Zentimeter dick. Dem Lehm mengte man Getreidespelzen und -körner bei, damit er beim Trocknen nicht riß. Weißliche und mehlig-graue Farbspuren an Hüttenlehm aus Straubing (Ziegelei Jungmeier) stammten wohl vom Anstrich.

In der Übergangszeit zwischen jüngerer Frühbronzezeit und älterer Mittelbronzezeit existierte eine fünf Häuser umfassende Siedlung an einem alten Donauzulauf südlich von Zuchering bei Ingolstadt in Bayern. Dort waren die Behausungen etwa 20 bis 25 Meter lang und sechs bis zehn Meter breit. In den Fußboden hatte man tönerne Vorratsgefäße eingelassen. Der für den Verputz der Wände benötigte Lehm wurde aus Gruben in der Umgebung der Häuser entnommen. Weitere Flachlandsiedlungen aus der Frühbronzezeit kennt man aus Gaimersheim (Kreis Eichstätt), Sengkofen (Kreis Regensburg) und möglicherweise auch aus Malching (Kreis Passau).

Außer Siedlungen im Flachland wurden gegen Ende der Frühbronzezeit auch Siedlungen in Höhenlage errichtet. Unbefestigte Höhensiedlungen sind auf dem Schloßberg von Kallmünz (Kreis Regensburg) und auf der Reisensburg bei Günzburg (Kreis Günzburg) errichtet worden.

Höhensiedlungen, die durch hohe Wälle geschützt waren, vermutete man früher auf dem Margarethenberg bei Burgkirchen an der Alz, auf dem Einsiedelbuckel bei Passau, auf dem Bogenberg bei Straubing und auf dem Frauenberg bei Weltenburg. Doch neuerdings wird die Existenz von solchen »Burgen« zumindest auf dem Bogenberg und dem Frauenberg bezweifelt, weil man dort bei neuen Grabungen keine diesbezüglichen Beweise fand.

Daß die Straubinger Leute möglicherweise auch auf Inseln in Seen siedelten, belegen die Funde von der Roseninsel im Starnberger See. Au-

ßerdem hat man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angeblich im Alpsee bei Immenstadt, im Ammersee und im Chiemsee Reste von

»Pfahlbauten« entdeckt, doch diese alten Funde sind verschollen und nicht überprüfbar.

In vielen Höhlen Südbayerns zeugen Keramikreste aus der späten Frühbronzezeit von Aufenthalten damaliger Menschen. Das war in der Höhle bei Arnsberg, dem Silberloch im Essinger Forst, der Maihöhle im Hienheimer Forst, der Nische am Heidenstein von Neuessing und im Schulerloch bei Neuessing (alle im Kreis Kelheim) sowie in der Höhle Altes Haus und der Höhle im Lohberg von Geroldsee-Krumpenwinn (beide im Kreis Regensburg) und der Buchschlaghöhle bei Rohrbach (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) der Fall.

Getreidespelzen im Hüttenlehm und in tönernen Webgewichten sowie Abdrücke von Getreidekörnern in Scherben von Tongefäßen lieferten Hinweise auf den Ackerbau. Fundort all dieser Relikte war Straubing (Ziegelei Jungmeier), wo auch ein Mahlstein geborgen wurde. In Zuchering-Süd fand man neben Resten der Getreidearten Gerste (Hordeum vulgare), Emmer (Triticum dicoccon) und Einkorn (Tritic]um monococcum) sowie vermutlich Dinkel (Triticum spelta) den gezähnten steinernen Einsatz einer Sichel für die Ernte.

Tierknochen und -zähne aus Siedlungen und Gräbern sind Indizien für die Haltung von Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen, Hunden und Pferden als Haustiere. Backenzähne und Unterkieferhälften von Rindern kamen in Gräbern und anderen Stellen von Raisting am Ammersee (Kreis Weilheim-Schongau) zum Vorschein. Aus dem Mittelhandknochen einer erwachsenen Kuh von Zuchering-Süd ließ sich eine Widerristhöhe von 1,11 Metern errechnen, aus dem Fersenbein eines Schafes von dort eine Widerristhöhe von mindestens 64 Zentimetern. Skelettreste eines Schafes fand man in der Kiesgrube Dendl in Straubing. In Alteglofsheim (Kreis Regensburg) wurde ein Hundeskelett geborgen, in Zuchering- Süd ein Hundeknochen mit Abhäutungsspuren.

Hirschgeweihstücke in Siedlungsgruben und Eberzähne in Gräbern dokumentieren vermutlich die gelegentliche Jagd auf Rotwild (Cervus elaphus) und Wildschweine (Sus scrofa). Bei den Schalen der Fluß- muscheln in Straubinger Abfallgruben könnte es sich um Speisereste handeln.

Zum tönernen Eßgeschirr gehörten Schüsseln und Schalen und zu den Trinkgefäßen Becher, Krüge und einhenkelige Töpfe. Nahrungsmittel bewahrte man in großen Vorratsgefäßen auf. Die Außenwandung der Grobkeramik war meistens mit Schlick beworfen, die Gefäßschulter fast immer mit einer oder zwei Tupfenleisten verziert. Werkstoff der Feinkeramik ist ein sehr feinkörniger Ton. In Ornamentrillen der Feinkeramik hafteten manchmal noch Reste weißer Kalkpaste. Als typische Tongefäße der Langquaid-Stufe gelten große Vorratsgefäße (Pithoi), Henkelkannen und Schalen. Die Pithoi haben ein mit Schlick beworfenes, rauhes Unterteil, ein glattes Oberteil und als Verzierung eine Kerbleiste, die häufig doppelhalbmondförmige Eindrücke aufweist. Die Henkelkannen sind oft mit horizontalen Linien oder punktgefüllten Dreiecken verschönert. Die Schalen hat man mit abgesetzten, breiten Randlippen und Henkeln versehen.

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Details

Seiten
28
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783640137923
ISBN (Buch)
9783640138005
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113962
Note
Schlagworte
Straubinger Kultur Archäologie Bronzezeit Frühbronzezeit

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Titel: Die Straubinger Kultur