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Geschlechtskonstruktionen im imaginären Raum

Zur medialen Präsentation von Weiblichkeit im nationalsozialistischen Rundfunk

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Radio im Nationalsozialismus
2.1 Radioaneignung im Nationalsozialismus: Rundfunk, Raum und Zeit
2.2 Das Radio als nationalsozialistisches Propagandainstrument

3. Weiblichkeit und nationalsozialistischer Rundfunk
3.1 Weiblichkeitskonstrukte im nationalsozialistischen Rundfunk
3.2 Das weibliche Geschlecht als primäre Zielgruppe des nationalsozialistischen Rundfunks

4. Propagierung von Weiblichkeitsidealen im nationalsozialistischen Rundfunkprogramm
4.1 Frauenfunk: Ideologische Zuweisungen an Weiblichkeit
4.2 Unterhaltungssendungen
4.2.1 Der frohe Samstagnachmittag: Durch Abwesenheit gekennzeichnete Weiblichkeit
4.2.1 Wunschkonzerte: Konstruktion der Familie

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. Einführung

Die Geschlechterpolitik war zentraler Angelpunkt des Nationalsozialismus.[1] Ausgangspunkt war hierbei ein Modell der Geschlechterdifferenz: So hatten Mann und Frau in eigenen Wirkungsbereichen zu funktionieren, um vereint das gemeinsame Ziel der Expansion der Herrenrasse zu verwirklichen.[2] Den deutschen Frauen und Männer sollten Verhaltensmuster gemäß der nationalsozialistischen Geschlechterpolitik diktiert werden. Dies geschah durch die offizielle Propaganda und auf subtilere Weise durch Literatur, Film und Rundfunk sowie andere kulturelle Bereiche. Der Rundfunk, der unter nationalsozialistischer Führung zum Leitmedium avancierte, übernahm in der Klaviatur der nationalsozialistischen Propaganda eine besondere Rolle.

Diese Arbeit untersucht die Konstruktion von Weiblichkeit im nationalsozialistischen Rundfunk aus medien- und kulturgeschichtlicher Perspektive. Ausgehend von den zeit- und medienspezifischen Dimensionen, die mit dem Ausbreitungsprozess des Rundfunks die Radioaneignung der Rezipienten bestimmten, soll erläutert werden, welche propagandistischen Möglichkeiten das Radio den Nationalsozialisten bei ihrer Übernahme der Staatsgewalt bot. Zu skizzieren ist, wie sich das Radio unter dem NS-Regime zu einem effektiven Propagandaapparat entwickelte und welchem strategischen Wandel es in der Programmstruktur unterlag. Bezüglich der Vermittlung patriarchaler Geschlechterkonstrukten lässt sich konstatieren, dass je nach politischer Notwendigkeit maßgeblich drei verschiedene Weiblichkeitsideale propagiert wurden: Die mythisch dargestellte Weiblichkeit, die sorgende Mütterlichkeit und die aktiv unterstützende Frau in Kriegszeiten. Mit welchen Mitteln diese Weiblichkeitstypen im Rundfunk proklamiert wurden, ist im dritten Kapitel aufzuzeigen. Ferner wird in diesem Kapitel die Bedeutung der Frau als Zielgruppe für den NS-Rundfunk dargelegt. Im vierten Kapitel werden schließlich die unterschiedlichen Weiblichkeitskonstrukte anhand authentischen Materials untersucht. Als exemplarischer Analysegegenstand dienen der Frauenfunk sowie die Unterhaltungsformate „Froher Samstagnachmittag“ und die Wunschkonzerte. Erwähnenswert erscheint mir das Faktum, dass die Analyse der Medieninhalte nur in vager und eindimensionaler Form erfolgen kann, können die historischen Rezeptionsprozesse doch nicht mehr nachvollzogen sondern lediglich nachkonstruiert werden. Es ist daher Prämisse, zu beachten, dass jeweils nur mit einer Leseart gearbeitet wird, die jedoch durch eine schlüssige Argumentation an Berechtigung gewinnen soll.

2. Radio im Nationalsozialismus

2.1 Radioaneignung im Nationalsozialismus: Rundfunk, Raum und Zeit

Bei der Übernahme der Staatsmacht erlangten die Nationalsozialisten zugleich die Herrschaftsgewalt über den Rundfunk, einem Kommunikationssystem, das unter nationalsozialistischer Führung zu einem Massenmedium und Massenbeeinflussungsinstrument avancieren sollte. Mit dem Ausbreitungsprozess des Radios zum Leitmedium im dritten Reich vollzog sich ein Wandel der Lebenswelt und des Alltags der Rezipienten.[3] Im Folgenden sollen die zeit- und medienspezifischen Dimensionen, die dem Aneignungsprozess des Rundfunks inne lagen, benannt werden.

Wie ferner Telefon, Auto und Flugzeug trug das Radio zu einer bisher nicht gekannten Überwindung der Entfernung bei.[4] Mittels der neuartigen Beschleunigungsprozesse wurden Rezipienten aus ihren raumzeitlichen Gebundenheiten gelöst. Das Radio veränderte die situations- und zeitgebundenen Bedingungen des sozialen Raums:[5] Rundfunkhörer konnten durch Live-Übertragungen zeitgleich und in ihrer eigenen Wohnung medial an öffentlichen Ereignissen teilnehmen.[6] Die sich auf diese Weise vollziehende Verwischung der Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit entsprach der Intention der Nationalsozialisten, den Privatraum zu kontrollieren und in den kulturellen Herrschaftskontext einzubinden. Auch wenn ein öffentlich kontrollierter Raum nie geschaffen werden konnte – schließlich vermochten Hörer diesem Zugriff durch Abschalten und Weghören zu entgehen –, so gelang es den Nationalsozialisten doch, die Rezipienten durch die Kreation virtueller Realität maßgeblich zu beeinflussen: Sie vermochten die Wahrnehmung der Hörer zu lenken, indem sie sich die radiospezifische Entschränkung von Raum und Zeit zunutze machten, die zu einer Verwischung der Unterscheidung zwischen medial Erlebten und Ereignis führte.[7]

Als Medium, das simultan jeder einzelnen Tätigkeit und jedem Ambiente beigeordnet werden konnte, griff das Radio formativ in den Alltag der Hörer ein und wurde zum stetigen akustischen Begleiter.[8] Mit dem Rundfunk veränderten sich folglich die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt sowie Raum und Zeit. Auf welche Weise die Nationalsozialisten das Radio zum Übermittler und Propagandaapparat ihres ideologischen Weltverständnisses machten, soll im folgenden Unterpunkt eruiert werden.

2.2 Das Radio als nationalsozialistisches Propagandainstrument

Die Nationalsozialisten erkannten früh, dass sich der Rundfunk für die Herrschaftsgewinnung und -stabilisierung einsetzen ließ, wenn man gemäß der Logik des neuen Mediums agierte.[9] Welche Funktion die politische Führung dem Rundfunk zuschrieb, wird in einer Rede von Goebbels nach dem enttäuschenden Ergebnis der Wahlen vom 5.3.1933 vor den Intendanten deutlich: „Der Rundfunk muß der Regierung die fehlenden 48 Prozent zusammentrommeln, und haben wir sie dann, muß der Rundfunk die 100 Prozent halten, muß sie verteidigen, muß sie so innerlich durchtränken mit den geistigen Inhalten unserer Zeit, daß niemand mehr ausbrechen kann.“[10] Der Rundfunk wurde als wichtigstes Massenbeeinflussungsinstrument begriffen und war als solches Element im Kanon der staatlichen Propaganda.[11] Wenig verwunderlich ist daher auch, dass die Nationalsozialisten den Rundfunk offen reklamierten und das Radiohören zur Volksache erklärten:[12] Laut des Völkischen Beobachter bildete das Radio „eine staatspolitische Pflicht für jeden am Aufbau des neuen Reichs tätigen Deutschen“[13].

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten fungierte das Radio alleinig als Vermittler von politischen und ideologischen Inhalten durch direkte Propaganda.[14] Reichssendeleiter der Reichsrundfunkgesellschaft Eugen Hadamovsky beabsichtigte den Rundfunk zu „einem geistigen Willensträger der politischen Führung sowie zum Sprachrohr des Führers“[15] zu formen. Der Versuch, den Rundfunk ausschließlich zum Sprachrohr direkter nationalsozialistischer Propaganda zu machen, musste bereits 1934 als gescheitert betrachtet werden.[16] Um ein massenwirksames Radioprogramm zu kreieren, welches Rezipienten fängt und bindet, musste das Medium die Erwartungen und Bedürfnisse der Hörer aufnehmen.[17] Schließlich war es für das nationalsozialistische Regime von großer propagandistischer Bedeutung, die Mehrheit des deutschen Volkes an das Medium zu binden und somit die Möglichkeit zu erhalten, politische oder ideologische Inhalte direkt oder indirekt zu vermitteln.[18] Zugespitzt zeigt sich dieser Aspekt in einer Selbstdarstellung des Reichssender Köln: „Hauptaufgabe des deutschen Rundfunks ist es ja, den deutschen Menschen in Empfangsbereitschaft zu halten für die Stunden, da der Führer vor das Volk hintritt, um zu ihm zu sprechen. Diese millionenfache unsichtbare Telefonverbindung zum Herzen des Volkes betriebstüchtig und leistungsfähig zu halten, damit im Ernstfall auch wirklich alle den Führer hören, - das ist unsere größte Sorge. Um diese Aufgabe zu erfüllen, brauchen wir ein Programm, das auch wirklich alle Volksgenossen anspricht und in Spannung hält.[19] Das Rundfunkprogramm musste sich ergo weitestgehend an den Lebenswelten der Nutzer orientieren und ihre Bedürfnisse antizipieren.[20] Mittels eines attraktiven Rundfunkprogramms in Form von Unterhaltungssendungen sollten die Hörer für politische Botschaften empfänglich gemacht und an die Sender gebunden werden, so dass ein Abhören von ausländischen Sendern erst nicht in Betracht gezogen werde.[21] Mit der Zeit traten weitreichendere Überlegungen in den Vordergrund: Man erkannte, dass Rundfunkunterhaltung ein zufriedenes Volk schaffe und auf diese Weise die Hörer indirekt an das Regime binde. Mit dem Konzept des „heiteren Menschen“ bezweckten die Nationalsozialisten, durch die Propagierung von Heiterkeit im Rundfunk den Arbeitswille und die Leistungsbereitschaft der Konsumenten zu erhöhen.[22] Gleichsam sollte diese ausgeklügelte Methode den Bruch, den die Machtergreifung von 1933 bedeutete, verschleiern und mittels Ablenkung und Ausblendung den Ausgrenzungen und Terrormaßnahmen des neuen Regimes entgegenwirken. Nicht zuletzt dienten die bunten Unterhaltungssendungen dem Zweck, die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zu inszenieren, um die Loyalität der Bevölkerung gegenüber dem Regime zu erzeugen beziehungsweise zu erhöhen.[23]

Besonders bedeutend war ein Rundfunkprogramm gemäß des Mottos „Unterhaltung und Entspannung“ in den Kriegsjahren, wurde der Widerstandswille der deutschen Bevölkerung doch durch ermutigende und erheiternde Programme zu erhalten gesucht.[24] Das nationalsozialistische Rundfunkprogramm war folglich Ausdruck der jeweiligen Propagandastrategie.[25] Auch wenn sich das Programm in Friedens- und Kriegszeiten unterschied, so blieb die Zielsetzung stets bestehen:[26] Der Rundfunk sollte zu jeder Zeit den „Wille[n] zum nationalsozialistischen Staat auf nationalsozialistischer Grundlage“[27] in der deutschen Bevölkerung verankern. Seine Aufgabe war es zu unterhalten sowie gleichsam zu erziehen und zu mobilisieren. Mit seiner milieunivellierenden Kraft war das Medium – das selbst in Organisations- und Programmstruktur sowie auf personeller Ebene gleichgeschaltet wurde – auch Element in der Strategie zur Gleichschaltung der deutschen Bevölkerung.[28] So bestand für Goebbels der Idealtypus des Radios in der technischen Verschaltung der Rezipienten als Volk.[29] Analog zum Rundfunk sollten die deutschen Bürger selbst als einlinige Kette verschalteter Empfänger unter der nationalsozialistischen Führung fungieren.

[...]


[1] Kuhn 1994 S. 8

[2] Wagner 1996 S. 42/43

[3] Schmidt 1998 S.257

[4] Marßolek & von Saldern 1998 S.32

[5] Schmidt 1998 S.261

[6] Marßolek & von Saldern 1998 S.32f.

[7] Marßolek & von Saldern 1999 S.12

[8] Schmidt 1998 S.305-307

[9] Marßolek & von Saldern 1998 S.24

[10] Diller 1980 S.144

[11] Münkel 1998 S.45

[12] Schmidt 1998 S.258

[13] Völkischer Beobachter 1934 o.S. n. z.: Koch 2006 S.92

[14] Münkel 1998 S.99

[15] Hadamovsky 1934 S.58f. zit. n.: Koch 2006 S.29

[16] Marßolek & von Saldern 1998 S.25

[17] Marßolek & von Saldern 1999 S.14

[18] Münkel 1998 S.100

[19] Reichs-Rundfunk S.72 zit. n.: Riedel 1983 S.56

[20] Marßolek & von Saldern 1998 S.24

[21] König 2004 S.30

[22] Marßolek & von Saldern 1998 S.25

[23] Von Saldern 2004 S.236

[24] Riedel 1983 S.73

[25] Münkel 1998 S.47

[26] Ebd. S.98

[27] Fischer 1933 S.397 zit. n.: Münkel 1998 S.98

[28] Koch 2006 S.30

[29] Hagen 2005 S. 127

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640142927
ISBN (Buch)
9783640143412
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113978
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Germanistik/Neuere Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Geschlechtskonstruktionen Raum Radio Rundfunk Theorie Geschichte Praxis Gender Geschlecht Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Geschlechtskonstruktionen im imaginären Raum