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Kindlicher Lauterwerb im Erstspracherwerb

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 31 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kindlicher Erstspracherwerb
2.1. Was ist Erstspracherwerb?

3. Phasen des kindlichen Lauterwerbs
3.1. Babbelphase
3.1.1. Phase des Gurrens
3.1.2. Phase des Lallens
a. Was bedeutet die Lallphase für Kinder?
b. Die Übergangsphase zwischen Lall– und Sprechphase
3.2. Sprechphase
3.2.1. Erwerb der ersten Wörter
a. Einwortäußerungen
b. Zwei-Wortäußerungen
c. Drei- und Mehrwortäußerungen

4. Erwerb der Lautsegmente bei Kindern
4.1. Vereinfachungsstrategien im Lautsegmenterwerb
4.2. Erster distinktiver Lautoppositionserwerb
4.2.1. Konsonantische und vokalische Spaltung
4.2.2. Implikation der Lautelemente
4.2.3. Weitere Entwicklung der Konsonanten und der Vokale

5. Silbenerwerb im L1- Erwerb
5.1. Allgemeine Silbenphonologie
5.1.1. Silbenkonstituenten und Sonoritätsprinzip
5.1.2. Die Markiertheit in der Silbenphonologie
5.1.3. Silbifizierung nach der Onset-Maximierung
5.2. Silbenerwerbreihenfolge in der Erstsprache
5.3. Phasen des Silbentypenerwerbs
5.3.1. Phase des CV- Silbentypenerwerbs
5.3.2. Phase des CVC- Silbentypenerwerbs
5.3.3. Phase des V und VC- Silbentypenerwerbs
5.3.4. Phase des Erwerbs aller anderen Silbentypen

6. Schlussbemerkung

7. Tabellenanhang

8. Bibliographie

1. Einleitung

Das Thema kindlicher Lauterwerb im Erstspracherwerb ist umfangreicher als man allein vom Titel her zunächst vermuten kann. Dieses Thema ist schon lange Forschungsgebiet vieler verschiedener WissenschaftlerInnen. Diese konkurrieren von Anfang an bei der Verwendung verschiedener Termini insbesondere bei der Beschreibung des Lauterwerbssystems und der Vorgänge, in denen das Kind zu seiner ersten Lautsprache kommt. Denn von Geburt an befindet sich ein Kind in einer Gemeinschaft, die hauptsächlich mit dem Mittel Sprache kommuniziert und die sich von Anfang an auch verbal an das Kind wendet. Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob ein Kind Lautsprache passiv durch Imitation oder aktiv durch das Verstehen seiner unmittelbaren Umgebung lernt. Die Antwort auf diese Frage soll die vorliegende Arbeit liefern.

In der folgenden Ausarbeitung sollen zunächst die wesentlichen Aspekte des kindlichen Erstsprach- und Lauterwerbs bzw. das Erlernen lautsprachlicher Strukturen vorgestellt werden. Dabei wird definiert, was man unter Erstspracherwerb versteht, um dem Leser einen groben Überblick über die Entstehung des Sprachlautsystems bei Kindern zu vermitteln.

Daran schließt sich die Darstellung der verschiedenen Lauterwerbsphasen an, wobei man hierzu gleich erwähnen muss, dass es unter Linguisten, die sich mit dem Thema „Lauterwerb bei Kindern“ beschäftigt haben, keine einheitlichen Einsichten über die Phasenunterteilung gibt. Viele SprachforscherInnen sind sich aber darüber einig, dass das Kind gezwungen ist, die Sprache zu erlernen, wenn es in der Sprachgemeinschaft bestehen möchte. So beginnt ein Kind, sich seine Welt durch Gurr- und Lalllaute, erste Wörter bis zur Drei- und Mehräußerungen anzueignen.

Im Abschnitt 4 soll das Ziel dieser Arbeit sein, grob zu skizzieren, wie Kinder Lautsegmente erwerben. Der Hauptvermerk wird hierzu auf den Vereinfachungsstrategien, die ein Kind beim Lautsegmenterwerb verwendet, sowie auf dem ersten distinktiven Lautoppositionserwerb liegen, wobei dieser ferner auch zu erläutern sein wird. Im Anschluss daran wird dann gezeigt, wie Kinder die Silben in der Erstsprache erwerben. Im Zentrum werden zunächst die allgemeine Silbenphonologie, dann die Silbenerwerb­reihen­folge und schließlich die Phasen des Silbenerwerbs stehen.

2. Kindlicher Erstspracherwerb

2.1. Was ist Erstspracherwerb?

Um den kindlichen Lauterwerb erläutern zu können, ist es zunächst wichtig einen allgemeinen Überblick über den kindlichen Spracherwerb zu geben. Unter Erstspracherwerb versteht man „das ungesteuerte erstmalige Erlernen der Muttersprache des Kindes, wobei das Kind keineswegs nur diese eine Sprache lernt, sondern sich auch eine Menge über Sprache aneignet“. Aus dieser Definition ist es ersichtlich, dass der Akzent stärker auf der eigenen produktiven Aneignung der natürlichen ersten Muttersprache liegt. Es geht also nicht um eine Zweit- oder Fremdsprache. Das Kind erwirbt nur eine Muttersprache, d.h. den sog . monolingualen L1- Erwerb, in einem ungesteuerten Zustand, wobei es phonologische, morphologische, syntaktische, semantische und pragmatische Regeln einer Sprache erwirbt (vgl. Wode, H., S. 29ff).

Beim Sprachenerwerb beginnt das Kind ganz allgemein mit der Produktion der Laute, der einsilbigen Wörter, der zwei oder mehr silbigen Wörter und dann schließlich der Syntaxen bis die Sprache mit seiner Komplexität vollständig erworben ist. Es handelt sich um einen Lernprozess, der in kognitive und sozial-affektive Entwicklungsprozesse des Kindes integriert ist. Zum einen bedeutet dies das Zusammenwirken motorischer, sensorischer und intellektueller Entwicklungsprozesse. Zum andern spielen die Zuwendung der Eltern bzw. der Bezugspersonen eine Rolle, wobei das Kind eine aktive, kommunikative Teilnahme an seiner Umwelt hat (vgl . Wode, H., S. 32). Im folgenden sollen die Phasen des kindlichen Lauterwerbs dargestellt und im Einzelnen erläutert werden.

3. Phasen des kindlichen Lauterwerbs

In diesem Abschnitt handelt es sich um drei Phasen, in denen sich das Kind das Lautsystem aneignet. Alle Kinder, die keine pathologische Auffälligkeit aufweisen, scheinen durch eine Serie von „Lauterwerbsphasen“ zu gehen, während sie die Erstsprache erlernen. Diesbezüglich beginnen kleine Kinder schon früh mit dem Nachahmen und Probieren der Laute von Erwachsenen, die sie zum grossen Teil bei den Mundbewegungen der Erwachsenen sehen und hören. Hierzu ist anzumerken, dass das Alter, in welchem Kinder die einzelnen Phasen erreichen, sehr stark variiert (vgl. Piske, T., S.3).

Die Sprachlautentwicklung lässt sich grob in zwei verschiedene Phasen unterscheiden. Diese können sich überlappen. Sie geben allerdings trotzdem einen Aufschluss über den ungefähren Lautenerwerbsfortschritt eines Kindes. Hierzu muss gesagt werden, dass es unter SprachwissenschaftlerInnen, die sich mit dem Thema Kindlicher Lauterwerb beschäftigt haben, keine einheitlichen Einsichten über die Phasenunterteilung gibt. In diesem Abschnitt konzentrieren wir uns auf die Lauterwerbsphasen nach der Geburt des Kindes bis zur Produktion konstanter Lautbedeutungsmuster. Demnach kann man grob folgende Phasen des Lauterwerbs nachvollziehen: Erstens gibt es die Babbelphase, die man wiederum in die Gurr-Phase, mit der man als Vorstufe der weiteren Lautenentwicklung bezeichnet (vgl. Butzkamm, W., S.54), und die Lallphase, in welcher sozusagen ein Fundament für künftiges Sprechen gelegt wird, unterteilt. Zweitens gibt es die Sprechphase, in der Kinder bestimmte Laute, die man sehr gut differenzieren und verstehen kann, und die ersten Wörter produzieren. Zwischen Lallphase und Sprechphase (siehe Jakobson, R., S.23) schiebt sich eine Phase des Verstummens des Kindes. Im folgenden Abschnitt werden einzelne Phasen vorgestellt.

3.1. Babbelphase

3.1.1. Phase des Gurrens

In diesem Abschnitt soll gezeigt werden, wie sich der Lauterwerb in der Frühphase, d.h. nach der Geburt des Kindes, vollzieht. Man geht davon, dass der Lauterwerb nicht erst mit dem Hervorbringen von ersten Wörtern beginnt, sondern er beginnt bereits mit dem Zeitpunkt, bei dem das Kind anfängt zu schreien, d.h. mit dem Geburtsschrei (vgl. Wode, H., S.122).

Schon kurze Zeit nach der Geburt produzieren Säuglinge unbeabsichtigt sehr unterschiedliche Lautketten, in dem sie zum Beispiel die Atmung mit der Zungenbewegung kombinieren. Sie geben vokalähnliche Laute von sich, die durch Stimmbandschwingungen erzeugt werden, wenn der Mund zum Beispiel geöffnet ist. Solche Laute unterscheiden sich allerdings von den Vokalen der Erwachsenen und gelten als neutrale Laute, welche die Kinder während der Ruhelage ihrer Zunge von sich geben (vgl. Jakobson, R., S.93).

Die oralen Laute können hier nicht deutlich produziert werden, da der Sprechapparat dazu noch nicht reif genug ist. Kinder artikulieren deshalb nur vordere und zentrale Vokale sowie hintere Konsonanten (vgl. Hilke, E., S.25), obwohl manche Forscher der Meinung sind, dass Kinder in dieser Phase nicht nur vokalähnliche Laute von sich geben, sondern man auch konsonantenähnliche Laute wie Plosive, Schnalzlaute, Vibranten, Nasale und Liquide beobachten kann (vgl. Piske, T., S.10). Es werden sogar teilweise kontrollierte Velare gebildet (vgl. Hilke, E., S. 26).

Es handelt sich also, so meint W. Butzkamm (vgl. Butzkamm, W., S.54-58), um akustische Unterscheidungen von Lautsignalen, die vor der weiteren Lautentwicklung bei Kindern zu beobachten sind. Solche Lautsignale sind z.B. Kontaktlaute, die ein Säugling von sich gibt, um mit Bezugspersonen wie etwa der Mutter Kontakt auf zu nehmen oder seine Emotionen auszudrücken, in dem er etwa im dritten Lebensmonat abwechselnd zu gurgeln, zu schnalzen, zu flüstern usw. beginnt und versucht seine Artikulationsorgane einzusetzen und sie zu erkunden.

Der Aspekt, dass Gurrlaute zum größten Teil als eine Art kommunikativer Austausch mit den Bezugspersonen bezeichnet werden, wird auch von vielen SprachwissenschaflerInnen unterstrichen. Denn durch diesen Lautaustausch werden die Beziehungen zu den Bezugspersonen aufgebaut. Dies wird dadurch begründet, dass Säuglinge nach Untersuchungen zufolge die Stimme der Mutter bzw. der Bezugsperson erkennen (vgl. Grimm, H./Engelkamp, J., S.125ff). Der Säugling baut dann seine Sprachvermögen weiter aus und versucht somit durch Laute mit den Teilnehmern einer Sprachgemeinschaft zu kommunizieren. Wie das geschieht, sehen wir in der Phase des Lallens.

3.1.2. Phase des Lallens

Der „ Gurrphase“ schließt sich zwischen dem siebten und achten Monat die „Lallphase“ an (vgl. Piske, T., S. 12). Sie ist eine Phase, in der das Kind alle denkbaren konsonanten- und vokalähnlichen Laute, die vorwiegend aus Vokalen bestehen, erzeugen kann, d.h. auch Laute, die über das lautliche Material der Muttersprache deutlich hinausgehen. Man kann diese Lallphase als ein phantasievolles, aber ungeordnetes Experimentieren des Kindes mit der eigenen Fähigkeit zur Lautproduktion betrachten, wobei das Kind die Kontrolle und die Koordination über die Artikulationsorgane, Atmung und Stimmgebung erreicht (Grimm, H./Engelkamp, J., S. 233). Sie wird dadurch charakterisiert, dass „parallel zur Phonation abwechselnd ein Öffnen und Schließen des Ansatzrohres stattfindet“ (Piske, T., S.12).

Jakobson vertritt die Meinung, dass Kinder typische Lautmuster, die sie in ihrem Umfeld bzw. in ihrer Umgebung hören, lallen. Diesbezüglich imitieren sie sämtliche Laute, die sie mit ihren Sprechorganen produzieren können. Dies erklärt, warum es in der Kindersprache Laute gibt, die in der Erwachsenensprache völlig fremd sind (vgl. Jakobson, R., S.20 ).

Hierzu muss hervorgehoben werden, dass Lallen sich vom Gurren dadurch unterscheidet, dass es eine sehr sprachähnliche Lautqualität aufweist. Die Laute, die von Kindern produziert werden, ähneln etwas den der Erwachsenen. In der Gurrphase dagegen ähneln die Laute noch nicht den der Erwachsenen. Denn bei der Lallphase produzieren Kinder deutlich und am häufigsten Plosive ([p], [b] , [d] , [t]), Nasale ([m], [n]) und Halb-Vokale ([j], [w], [h]). Die in dieser Phase bevorzugten Vokale sind die vorder-offenen, halb-offenen und halb- geschlossenen Vokale ([a], [α], [æ], [e]), sowie die zentralen Vokale ([ə] und [ ]. (vgl. Piske, T., S. 12ff).

Allerdings ist ein deutlicher Schritt in die Sprache erreicht, wenn der Säugling in der Lage ist, CV-Silben[1], d.h. aus einem Verschlusslaut und einem Vokal[2], zu produzieren, die er zum großen Teil redupliziert wie z.B. baba und mama (vgl. Butzkamm, W., S.57). Man beobachtet auch, dass lange Ketten einer CV-Silbe öfter vorkommen, z.B. [mamama..], [dadada…], oder aneinandergehängt werden, z.B. [dabidabi] (vgl. Hilke, E. S.25).

Die bevorzugten Silbenstrukturen werden während der Lallphase durch CV-Silbentypen deutlich dominiert. Jedoch kann man auch andere Silbentypen feststellen, z.B. VCV- und CVC-Silben. Aus einer Untersuchung[3] von Kindern, die sich in der Lallphase befinden, hat man feststellen können, dass eine gewisse Präferenz herrscht, wenn Kinder Konsonanten und Vokale in Verbindung setzen. Demnach produzieren Kinder in dieser Phase häufig zentrale Vokale in der Umgebung von labialen Konsonanten. Während die vorderen Vokale meistens zusammen mit den dentalen sowie alveolaren Konsonanten produziert werden, treten die hinteren Vokale mit den velaren Konsonanten auf (vgl. Piske, T., S. 13ff).

Wichtig erscheint, dass die in dieser Lallphase hervorgebrachten Laute sich im Wesentlichen voneinander differenzieren, jedoch keinen Bedeutungscharakter haben, wie es bei der Erwachsenensprache der Fall ist, sondern es kristallisieren sich konstante Laut-Bedeutungsmuster heraus, bei denen dieselbe Sache mit demselben Ausdruck besetzt wird (vgl. Grimm, H./Engelkamp, J., S. 126). Am Ende des ersten Lebensjahres sind bei vielen Kindern für die Zielsprache typische Prosodie und Intonation deutlich zu hören. Insgesamt scheint der Lauterwerbsprozess während der ganzen Babbelphase erstens von der Zielsprache und zweitens von der perzeptuellen Fähigkeit, d.h. die Sprachlautwahrnehmung der einzelnen Kinder, abhängig zu sein und einen sehr großen Einfluss auf die Lautentwicklungsprozesse zu üben (vgl. Piske, T., S. 16ff). Im nächsten Teilabschnitt wird dann die Frage, wie wichtig die Lallphase für Kinder ist, beantwortet.

a. Was bedeutet die Lallphase für Kinder?

Im Hinblick auf die Bedeutung des Lallens für Kinder gibt es zwei kontroverse Annahmen, welche die weitere Lautentwicklung zu erklären versuchen. Die erste Annahme, die von Lerntheoretikern vertreten wird, ist die „Kontinuitätshypothese “. Sie besagt, dass Kinder in der Lallphase die Möglichkeit haben, den Artikulationsapparat zu erkunden und sich mit ihm vertraut zu machen. Diese Phase stellt also, so meinen die Lerntheoretiker, die Übungsphase für den späteren Lauterwerb und damit auch für das künftige Sprechen dar (vgl. Wode, H., S.124).

Die zweite Annahme, die u.a. von Jakobson vertreten wird, ist die „Diskontinuitätshypothese“. Diese Hypothese besagt, dass Kinder in der Lallphase eine Vielfalt an Lauten produzieren, wobei manche Laute zum Teil Schwierigkeiten für die nächste Lautentwicklung bereiten. Die Kinder lassen dann solche schwierigen Laute beiseite und verwenden sie erst nach einer langen Zeit in den Wörtern. Ein Beispiel sind die verschiedenen Arten des /r/, die in der Regel später in den Wörter verwendet werden, obwohl sie schon in der Lallphase von den Kindern produziert worden sind (vgl. Wode, H., S.124).

Trotz dieser kontroversen Hypothesen stellt das Lallen eine sehr bedeutende Phase für die Kinder dar, in der sie ein grundlegendes Fundament für die zukünftige Lautproduktion erwerben. In dieser Phase versucht das Kind gezielt, Laute hervorzubringen, um Kontakte in der Sprachgemeinschaft zu knüpfen und zu sichern (vgl. Wode, H., S.124ff). Nach Jakobson verliert ein Kind das Lautvermögen, bevor es die ersten Wörter äußert. Jedoch wird diese Annahme von vielen SprachforscherInnen kritisiert und stattdessen als Übergangsphase zwischen Lallen und Sprechen bezeichnet. Dies soll im folgenden Teilabschnitt untersucht werden.

b. Die Übergangsphase zwischen Babbel– und Sprechphase

In diesem Abschnitt werden wir die Position Jakobsons und anderer Forscher diskutieren. Nach Jakobson verliert ein Kind fast sein ganzes Lautvermögen, d.h. nicht nur die Laute, die in der Umgebungssprache irrelevant sind, sondern auch die Laute, die der Umgebungssprache und dem Lallen gemein sind. Das Kind verstummt sozusagen und kann einige Laute nicht mehr hervorbringen. Bei diesem Verstummen geht eine Wandlung der motorischen Funktionen verloren. Allerdings lässt sich ein einschneidender motorischer Ausfall des Lautapparates hierzu nicht nachweisen . Denn das Kind ist durchaus immer noch in der Lage, die Laute, die es selber nicht mehr produziert, trotzdem im Hörverständnis zu differenzieren. Dies bedeutet, dass es also zu einer bedeutsamen Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Lautvermögen kommt. In diesem Zusammenhang spricht Jakobson von „Hörstummheit“ des Kindes (vgl. Jakobson, R., S.20-23).

Die Auswahl der Laute, das Verstummen und das Neuentwickeln der Sprache erklärt Jakobson mit der Tatsache des Übergangs selber. Demzufolge gewinnt die Sprache für das Kind nunmehr eine Funktion, die Struktur versucht, der gewünschten Funktion zu erfüllen. Der Umbruch des Verstummens und des Aufbaus der eigentlichen Sprachlaute gründet sich also auf ein erwachendes Sprachverständnis beim Kind. Denn etwas, was vorher monologisch- undifferenzierte Lautproduktion war, wandelt sich zu einer dialogisch- differenzierten Äußerung. Erstmalig treten also willkürliche und bedeutungsvolle Laute auf. Kinder entdecken gewissermaßen die sprachliche Bedeutsamkeit der von ihnen produzierten Sprachlaute (vgl. Jakobson, R., S.24-25).

Andere SprachwissenschaftlerInnen widersprechen Jakobson und meinen, dass der Verlust des Lautvermögens bei Kindern nicht existiere. Hingegen wird behauptet, dass die vorsprachlichen Phasen, d.h. Gurr- und Lallphase, und der Erwerb der ersten Wörter ineinander gleiten und voneinander untrennbar sind (vgl. Hilke, E. S.21). Die Kinder beginnen dann ohne Unterbrechung eine Phase, in der sie die ersten Wörter erwerben, die sogenannte „Phase der ersten 50 Wörter“. Sie unterscheidet sich von der vorsprachlichen Phase darin, dass ein Kind nun über Wörter verfügt, die sich mit Bedeutungen verbinden lassen (vgl. Piske, T., S.23). Im nächsten Abschnitt sollen diese Phase, der Erweb der Ein-Wortsatz, Zwei-Wortsätze und schließlich der Drei- und – Mehrwortsätze dargestellt und erläutert werden.

3.2. Sprechphase

3.2.1. Erwerb der ersten Wörter

Wie wir in den vorhergehenden Abschnitten gesehen haben, stellen Gurren und Lallen grob gesehen Übungsphasen für das künftige Sprechen eines Kindes dar. Die Wörter, die das Kind produziert, werden öfters als Protowörter[4] und onomatopische Formen, d.h. Lautimitation, bezeichnet und bestehen aus einen Morpheme. Deshalb spricht man auch von „der Phase der einfachen Morpheme (vgl. Piske, T., S.23)“.

Das Kind hat bisher einen großen Schritt im Lauterwerb getan und versucht nun, mit den Lautphänomenen eine Bedeutung zu verknüpfen. Die ersten Wörter und Babbeläußerungen sehen ähnlich aus. Man merkt jedoch, dass die Sprache des Kindes insgesamt gleichzeitig eine soziale Bedeutung gewinnt, da sich das Kind mitteilen und am Gespräch und an der sozialen Interaktion teilnehmen will und zwar dies durch einen Wort (vgl. Wode, H., S.124). Hierzu wird angenommen, dass sich die „ersten Wörter“ in ihren Bedeutungen genau auf das Handeln der Bezugspersonen in Bedürfnissituationen beziehen werden (vgl. Grimm, H.: Oerter/Montada, S.532).

[...]


[1] C steht für Konsonant (consonant); V steht für Vokal (vowel). Levelt et al, 2000, S. 239

[2] Hier handelt es sich um eine Zusammensetzung von Konsonanten meistens Plosive und Vokale.

[3] Hier handelt es sich um eine Untersuchung englischer Kinder (vgl. Piske, T., S. 13ff)

[4] hierzu sind Grundwörter gemeint

Details

Seiten
31
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640149223
ISBN (Buch)
9783640149711
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114026
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Deutsch als Fremdsprache
Note
1,5
Schlagworte
Kindlicher Lauterwerb Erstspracherwerb

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