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Wie kommt der Sinn in die Welt?

Über den Sinnbegriff in Edmund Husserls "Ideen"

Seminararbeit 2000 31 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Sinn und Bedeutung

3. Sinn und Noese

4. Sinn und Noema

5. Sinn und Sein

6. Schlussbemerkung

7. Literatur

1. Einleitung

Von Emmanuel Levinas ist ein Anekdote überliefert, die Edmund Husserl ihm selbst bei einem Aufenthalt in Straßburg erzählt haben soll[1]. Dieser Geschichte zufolge bekam Husserl als Kind einmal ein Taschenmesser geschenkt. Da ihm die Klinge dieses Messers jedoch nicht scharf genug erschien, schliff er sie immer wieder. Ausschließlich darauf bedacht die Klinge zu schärfen, merkte der junge Husserl nicht, wie diese immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Husserl maß dieser Erinnerung eine symbolische Bedeutung bei, die ihn beim Erzählen derselben traurig gestimmt haben soll. Er muß gespürt haben, wie seine Tendenz, seine philosophische Methode stets zu vervollkommnen, ihn immer wieder um eine endgültige systematische Formulierung gebracht hat. Immer wieder sind seine Entwürfe einer Gesamtdarstellung gescheitert. Sei es, daß sie inhaltlich noch nicht abgerundet waren, wie bei seinen „Logischen Untersuchungen“[2], sei es, daß wichtige Teile nicht mitveröffentlicht wurden, wie bei den „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“[3], oder sei es, daß er bei der Überarbeitung eines bereits zum Druck eingesandten und wieder zurückverlangten Manuskriptes erkrankte und starb, wie es sich bei seinem letzten Werk, der „Krisis-Schrift“ ereignete.

Husserl unterzog seine Arbeitsergebnisse immer wieder neuen Korrekturen. Bis an sein Lebensende gab er sich mit dem, was er bisher erarbeitet hatte, nicht zufrieden, sodaß er schließlich nie zu einem vollendeten abgeschlossenen Lebenswerk gelangen konnte. Daß dieses unermüdliche Weiterkommen- und Vervollkommnen-wollen zuweilen zu der Einsicht geführt hat, dem Ziel wohl auf ewig fern bleiben zu müssen und daß dies wiederum Husserls Stimmung gelegentlich verdunkelt hat, ist leicht einzusehen. Wieviel Kraft mag es gekostet haben, immer wieder aufs Neue eine Einleitung in eine neuzugründende Philosophie zu schreiben und doch nie über diese Einleitung hinaus zu kommen. Müssen doch Husserls große Werke allesamt als Einleitungen zu einer Philosophie verstanden werden, deren Eigenart es mitunter war, nicht zu einem Ende gebracht werden zu können. Die „Phänomenologie“ muß als ein neuerschlossener Nährboden für ein neues Denken gesehen werden, der vielen späteren Denkern die Möglichkeit gegeben hat, neue Erträge einzufahren. Mag es Husserl auch bewußt gewesen sein, daß er mit seiner Arbeit ein Forschungsfeld betreten hatte, daß er selbst nie ganz würde erschließen können, und mag ihn das auf der einen Seite auch mit Stolz erfüllt haben, so wird ihn diese Aussicht auf der anderen Seite auch immer wieder in Momente des Selbstzweifels und der Unzufriedenheit gerissen haben. Davon zeugt die Anekdote über das Taschenmesser, aber auch der umfangreiche Nachlaß seines Briefwechsels beinhaltet immer wieder Passagen, in denen er klagt, nicht zur Zufriedenheit in der Arbeit weitergekommen zu sein.

In den Ideen I gibt es einzelne Stellen, in denen Husserl darauf aufmerksam macht, daß mit einer abgeschlossenen Bearbeitung eines bestimmten Aspektes nicht zu rechnen sei. Es gehe nicht darum, ausführende Theorien zu einzelnen Themen zu formulieren, sondern schlicht darum, allgemeine Gedanken zu einer „neuen Wissenschaft“, der Phänomenologie zur Einsicht zu bringen. Es muß also berücksichtigt werden, daß eine gewisse Unvollkommenheit zum Programm der Phänomenologie gerechnet werden muß.

Indem sich diese Arbeit insbesondere mit den Ideen I beschäftigt, steht sie vor der Aufgabe, die Phänomenologie Husserls als eine Einführung gelten zu lassen, die weder in diesem einen Werk, noch als Gesamtwerk endgültige, letzte Auskünfte enthält. Gleichzeitig muß aber versucht werden allgemeine Erkenntnisse aus dieser Vorlage zu gewinnen, die über ihren Charakter der Vorläufigkeit Bestand und Gültigkeit haben. Als Arbeitsthema ist der Begriff „Sinn“ gewählt, der vor dem Hintergrund einer neu vorgeschlagenen Philosophie, die auch eine neue Arbeitsmethode ist, freigestellt und analysiert werden soll. Dazu ist es notwendig, vorab die Vorarbeit, die in den LU geleistet wurde, mitzuberücksichtigen. Werden auch gelegentlich andere Werke Husserls, wie auch die anderer Autoren erwähnt, so gilt doch das Hauptaugenmerk den Gedanken, die die Ideen I bezüglich diese Begriffes zur Verfügung stellen.

Die Eigenart dieses Begriffes und auch seine Positionierung in den Ideen I verbietet es, ihn isoliert zu betrachten und zu bestimmen. Er muß im Umfeld anderer Begriffe aufgespürt und identifiziert werden. Es geht also um die Untersuchung seines begriffsgesellschaftlichen Verhaltens: In welchen Zusammenhängen tritt er auf, mit welchen Begriffen steht er in Verbindung etc.? Erst nach einer generellen Bestimmung seiner Stellung im besprochenen Werk kann der Versuch unternommen werden, einige allgemeine Aussagen über ihn zu machen. Dabei wurden einige Werke aus der Husserl-Forschung zu Rate gezogen, die sich besonders mit dieser Thematik beschäftigen.

2. Sinn und Bedeutung

Beschäftigt man sich mit dem englischen Wort „meaning“ und hat man dabei auch zunächst kein philosophisches Ansinnen, so wird man bald merken, daß die deutsche Sprache für die Übersetzung dieses Wortes zwei Alternativen offenhält. Man kann wählen, es entweder mit „Sinn“ oder mit „Bedeutung“ zu übersetzen, ohne dabei einer Übersetzungsgewohnheit zu ent- oder widersprechen. Der alltägliche Gebrauch kennt die in der Philosophie gelegentlich auftretenden Nuancen ebensowenig und verwendet Sinn und Bedeutung zumeist gleichbedeutend.

Verweilt man noch einen Moment länger bei diesem Wort und übersetzt seine verbalisierte Form, so stößt man auf eine weitere Variante im Bedeutungsumfeld dieses Ausdrucks. Mit „Meinen“ oder „Meinung“ tritt ein dritter wichtiger Begriff in Erscheinung, der zwar nicht unbedingt zur Übersetzung des Substantivs dient und auch im Alltag selten Anlaß zu äquivalenter Verwendung bietet. Für die Philosophie ist es aber von gewissem Wert, bei der Rede von Sinn und Bedeutung diesen Ausdruck mitzuberücksichtigen.

In Husserls Arbeiten stößt man auf alle drei Ausdrücke im Zusammenhang seiner phänomenologischen Erörterungen. Wirft man einen Blick ins Sachregister der LU und der Ideen I [4], so wird man verschiedener allgemeiner Tendenzen gewahr, was die Verwendung der einzelnen Termini anbelangt.

Beim Durchgehen der einzelnen Begriffe und den für sie angegebenen Textstellen stellt man fest, daß in den LU zunächst noch sehr häufig und kontinuierlich durch das gesamte Werk verlaufend von „Bedeutung“ die Rede ist. Der Ausdruck „Sinn“ dagegen taucht nur einige Male in der ersten LU auf. Daraufhin findet er sich nur noch sehr sporadisch in der fünften und sechsten LU. In der ersten LU, die den Titel „Ausdruck und Bedeutung“ trägt, steht der „Sinn“ anfangs noch Seite an Seite mit der „Bedeutung“. Nachdem sich Husserl aber dazu entschieden hat „ Bedeutung (...) ferner gleichbedeutend mit Sinn[5] zu gebrauchen, streicht er das Wort „Sinn“ für die folgenden Untersuchungen förmlich aus seinem Vokabular und konzentriert sich fortan auf die „Bedeutung“.

Man ist geneigt, dies auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, die Husserl zuvor im § 14 der ersten LU noch damit hat „Sinn“ und „Bedeutung“ nebeneinander zu verwenden.[6] Dort ist einmal vom „erfüllenden bzw. durch den Ausdruck ausgedrückten Sinn“ die Rede, der dem Akt der „Bedeutungserfüllung“ entspricht. Der Gegenstand ist darin in derselben Weise gegeben, wie er in der Bedeutung gemeint ist. Diese Übereinstimmung von Gemeintem und Gegebenem nennt Husserl wenig später aber auch die „erfüllende Bedeutung“. Will es dem Leser zunächst so erscheinen, als ergebe sich im intensiven Textstudium eine feine Unterscheidung der beiden Begriffe, so wird diese Annahme durch das Auftauchen des einen in der Bedeutung des anderen wieder zunichte gemacht. Es bleibt lediglich der Eindruck, daß Husserl den Ausdruck „Bedeutung“ mit dem Meinen eines aussagenden Aktes verknüpft, wohingegen „Sinn“ eher ein idealer Erfüllungsgegenstand in einem den Gegenstand konstituierenden Akt ist.

Wie sich aber schon in früheren Paragraphen der LU angedeutet hat, trifft die aus der alltäglichen Rede bekannte Äquivalenz der Termini auch auf Husserls sprachlich-logische Untersuchen zu[7]. Husserl begrüßt es, daß ihm die Möglichkeit gegeben ist, sich bei der Wahl der Termini abzuwechseln und er dadurch gar die Thematik der vorliegenden Untersuchung elegant auszudrücken vermag. Schließlich ginge es gerade darum, den „Sinn des Terminus Bedeutung[8] zu erforschen. Er macht von dieser Wahlmöglichkeit im Folgenden jedoch nur in geringem Maße Gebrauch und bedient sich stattdessen fast ausschließlich des Ausdruckes „Bedeutung“.

In den Ideen I bleiben „Sinn“ und „Bedeutung“ weiterhin in der Bedeutung ungeschieden. Auch hier gilt, daß „Sinn“ ein Wort ist, „das doch im allgemeinen gleichwertig mit „Bedeutung“ gebraucht wird“[9]. Allerdings schlagen Husserls Präferenzen nun um. Er verwendet in umgekehrter Häufigkeit „Sinn“ als den zentralen Begriff, wohingegen die „Bedeutung“ weit weniger Aufmerksamkeit bekommt. Zumeist ist von „Bedeutung“ im Zusammenhang mit formal-logischen Kategorisierungen und angewandt auf „sprachliche Akte“ die Rede. Husserl löst sich aber in den Ideen I von der rein sprachlichen Sphäre, auf die er sich in den LU noch konzentriert hat. Wegen der wichtigen Erkenntnisse, die er seit den LU gemacht hat, hält er es für unvermeidlich, die sprachliche Sphäre zu verlassen und in das Gebiet aller „intentionaler Erlebnisse“ vorzudringen. Dabei macht er sich den äquivalenten Charakter der Termini zunutze, um diesen Schritt in der Erkenntnis auch terminologisch zu markieren:

„Der Deutlichkeit halber wollen wir das Wort Bedeutung für den alten Begriff bevorzugen und insbesondere in der komplexen Rede „logische“ oder „ausdrückende“ Bedeutung. Das Wort Sinn gebrauchen wir nach wie vor in der umfassenden Weite.“[10]

Husserl trennt an dieser Stelle das, was in den LU, gemäß dem Englischen „meaning“, noch als eins zusammengefaßt ist, und ordnet „Bedeutung“ den Erkenntnissen dieses Werkes zu. „Sinn“ dagegen reserviert er für die Expansion auf alle intentionalen Erlebnisse, die er in den Ideen I auf die LU aufbauend vornimmt.

Selten taucht im Vergleich dazu der Ausdruck „Meinung“ bzw. „Meinen“ auf. Durch das gesamte Werk begleitet er „Sinn“ und „Bedeutung“ in deren begrifflichen Erörterungen gleichsam in die verschiedenen Kostüme der verschwisterten Ausdrücke gehüllt. Stets etwas im Hintergrund, doch nicht bedeutungslos erscheint er als das „ Ge meinte“[11], fusioniert zu „bedeutsamem Meinen“[12] oder dient als „ Ver meintes“[13] zur Bestimmung des „gegenständlichen Sinnes“. Der Grund für die in den LU geringe und in den Ideen I fast ganz verschwundene Aufmerksamkeit für diesen Begriff hängt ebenso mit der Modifikation der zu untersuchenden Sphäre zusammen. Da sich Husserl in den Ideen I dem intentionalen Erlebnis im weitesten Umfang seiner Wesensgattung widmen will, ist auch das sprachlich-logische Terrain der „Meinung“ nicht mehr weitläufig genug:

„Die Rede vom „Meinen“ aber beschränkt sich normalerweise auf engere Sphären, die aber zugleich als Unterschichten der Phänomene der weiteren fungieren. Als Terminus wird das Wort […] darum nur für diese engeren Sphären in Betracht kommen können.“[14]

Husserl entscheidet sich also in den Ideen I gemäß seiner stets mit sich und seinen Arbeitsergebnissen unzufriedenen Art, der an Allgemeinheit gewinnenden Erkenntnisarbeit neue Termini an die Seite zu stellen. Sie müssen dem Fortschreiten gerecht werden, ohne dabei den bereits durch etliche Äquivokationen kontaminierten Begriffen und begrifflichen Zusammenhänge weiteren Schaden zuzufügen. Mit Verweis auf bereits gescheiterte Versuche „Sinn“, „Bedeutung“ und „Meinung“ terminologisch zu sondern[15], mahnt er äußerste Vorsicht in Beziehung auf diese Begriffe an.

So erfährt der Leser der Ideen I die Allgemeinheitsprogression in den Betrachtungen durch die Konzentrierung auf den „Sinn“ und gleichzeitig durch die Einführung neuer Termini. Husserl führt in den Ideen I erstmals die „Noese“ und das „Noema“ ein. Mit der Einführung dieser neuen Terminologie kommt es zur Ausbildung einer neuen „noetisch-noematischen Sphäre“, von deren Begriffen sich Husserl verspricht, daß sie bessere Dienste für die Allgemeinheiten leisten mögen, als die durch vielfältigen philosophischen Gebrauch geschundenen alten Begriffe der „engeren Sphären“.

3. Sinn und Noese

Um dem Sinnbegriff in Husserls Ideen I näher zu kommen, bietet sich einmal die Möglichkeit, systematisch die Vielzahl an Äquivokationen und Bezügen aufzulisten, die mit diesem Begriff in Zusammenhang stehen. Unter der Annahme, im Gesamtüberblick über das, was Husserl an Anhaltspunkten zu diesem Begriff liefert, erhalte man letztlich einige wenige sich kristallisierende Momente, könnte man sich sogleich eifrig ans Werk machen. Es sind derer nicht gerade wenige, doch die Aufgabe läge nicht im Bereich des Unmöglichen.

Einer solchen archivierenden Arbeit lastet immer etwas unerfreuliches an, da die Welt in den seltensten Fällen ein mühelos abrufbarer Bestand an Daten für eine systematische Archivierung ist. Husserls Texte erweisen sich aber darüber hinaus als denkbar ungeeignet für die Suche nach eindeutigen Antworten. Das hat sich am Zusammenspiel von Sinn und Bedeutung bereits angedeutet. Für den Ausdruck Sinn gilt es in besonderem Maße, sich von der Vorstellung zu verabschieden, es lasse sich mit etwas Beharrlichkeit ein eindeutiger und identischer Begriff aufspüren. Husserls beiläufige Bemerkung, daß von „verschiedenen Begriffen von Sinn“[16] die Rede sein muß, mag als Warnung gelten, sich diesbezüglich keinen Illusionen hinzugeben. Doch ist es wohl nicht allein Husserls kompliziertem Werk anzulasten, daß der Sinnbegriff kein guter Umgang für jemand ist, der Mühe und Akribie scheut. „Der Sinnbegriff hat es nun einmal an sich, daß er […] eine bedenkliche Dehnbarkeit behält.“[17]

Husserls Ideen I zeugen von dieser „Dehnbarkeit“. Die Ansätze, die sich hier wie auch in späteren Werken finden, werden in der Diskussion zur Phänomenologie schließlich auch in den unterschiedlichsten Zusammenhängen aufgegriffen und interpretiert. Die Aufarbeitung allein dieser Diskussion würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und eine gesonderte Untersuchung fordern. Das philosophische Interesse des Autors liegt aber ohnehin weniger in der archivierenden Arbeit, als in dem bescheidenen Versuch einige wenige Zusammenhänge zu beleuchten und zu klären.

Die Phänomenologie als eine Wissenschaft von Phänomenen behandelt mit einer erhöhten Aufmerksamkeit das Bewußtsein als einen Ort der Begegnung von Dingen oder Gegenständen außer uns mit uns. Husserl geht dabei von einer allgemeinen Grundeinstellung aus, in der wir für gewöhnlich der Welt gegenüberstehen, in der wir die Welt erleben. Mit dieser „natürlichen Einstellung“ beginnt alles Bewußtsein, auch das des wissenschaftlichen Denkens. Wissen und Leben stehen für die Phänomenologie gleichursprünglich nebeneinander, da Bewußtsein und Erlebnis in sich deckendem Sinn verstanden werden können.[18] Der Phänomenologe beginnt seine Arbeit also nicht mit Hilfe einiger weniger Axiome, aus denen er seine Erkenntnismomente abzuleiten trachtet, sondern in einer natürlich-naiven Einstellung, in der er seine Aufmerksamkeit auf die Sphäre des Bewußtseins richtet. Sein Interesse gilt dem Aufweis einer neuen Eidetik, was aber die systematische „Ausklammerung“ oder „Ausschaltung“ der natürlichen Welt zugunsten reiner Wesenheiten erfordert. Die „natürliche Einstellung“ wird umgewandelt in eine „phänomenologische“; die Phänomenologie versteht sich also als eine Änderung der Einstellung zur Welt.

Dem Bewußtsein kommt bei dieser Einstellungsänderung eine besondere Stellung zu. Wenn jedem Erlebnis oder jedem Akt, wie es in den LU noch heißt, zu Grunde liegt, daß es Bewußtsein ist, so muß Bewußtsein als ein konstanter Bestandteil allen Erlebens gesehen werden. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß sich das Bewußtsein der phänomenologischen Ausschaltung widersetzt:

„Somit bleibt es [das Bewußtsein] als „phänomenologisches Residuum“ zurück, als eine prinzipiell eigenartige Seinsregion, die in der Tat das Feld einer neuen Wissenschaft werden kann – der Phänomenologie.“[19]

In einem Brief an Martin Heidegger betont Husserl, daß der Sinn der Phänomenologie als „Wesensanalyse des reinen Bewußtseins“ auf der Hand liege[20], wobei das „reine“ Bewußtsein jenes von jeder Individualität „gereinigte“ Residuum ist, das nach aller phänomenologischer Ausklammerung den Nährboden für die Darstellung von Wesensanschauungen bietet. Auf dem Boden des reinen Bewußtseins und durch Rückgang auf die Quellen der Intuition muß sich die Phänomenologie der Erlebnisse bemächtigen. Sie darf sie jedoch nicht nehmen wie „beliebige tote Sachen, wie „Inhaltskomplexe“, die bloß sind aber nichts bedeuten, nichts meinen“[21], sondern muß sie in ihrer prinzipiell eigenartigen Problematik auffassen, die sie als Erlebnisse rein durch ihr Wesen darbieten. So kann sie uns allgemein über Wesen und Wesensverhältnisse von Begriffen wie Erkenntnis, Evidenz, Wahrheit, Sein aufklären.

Das reine Bewußtsein steht den Dingen der erfahrbaren Wirklichkeit „in strenger Entgegensetzung“ gegenüber, darf aber nicht als unabhängig von ihnen verstanden werden. Es besteht notwendig ein Korrelationsverhältnis zwischen Bewußtsein und erfahrbarer Wirklichkeit dergestalt, daß das Bewußtsein, in welchem Grad der Reinheit bzw. Entferntheit auch immer, stets seinen Ausgang in der empirischen Welt findet.[22] In der natürlichen Einstellung des alltäglichen Erlebens ist das individuelle Bewußtsein unmittelbar mit seiner Umwelt, der natürlichen Welt verflochten und bildet ein „verbundenes Ganzes“. Es steht in einem ständigen Fluß von Erlebnissen, dem „Erlebnisstrom“, in dem es sich jedoch nach dem Übergang in die phänomenologische Anschauung jedem einzeln zuwenden kann.

[...]


[1] vgl. Husserl, Edmund: Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Hrsg. von S. Strasser. In: Husserliana Bd. 1, Den Haag 1950, Einleitung XXIX.

[2] Wenn im Zusammenhang dieser Arbeit von Edmund Husserls „Logischen Untersuchungen“ die Rede ist, so bezieht sie sich gemeinhin auf den 1901 veröffentlichte II. Band dieses Werkes. Ich verwende im Folgenden die Abkürzung ‚LU‘.

[3] Ich verwende im Folgenden die Abkürzung ‚ Ideen I ‘.

[4] Die für diese Untersuchung verwendete achtbändige Ausgabe der „Gesammelten Schriften“ Husserls von 1992, bietet ein gemeinsames Sachregister für alle in dieser Ausgabe veröffentlichten Schriften. Dies sind nur diejenigen Schriften, die Husserl selbst publiziert hat, was die beiden Bände der LU und das erste Buch der Ideen I von 1913 beinhaltet. Das gemeinsame Register bietet einen guten Überblick und läßt die angesprochene Tendenz der begrifflichen Verwendung ebenso deutlich erkennen.

[5] Husserl, Edmund: Gesammelte Schriften / Edmund Husserl. Hrsg. von Elisabeth Ströcker. Bd. 3. Logische Untersuchungen. - Bd. 2 Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. - Teil 1. nach Husserliana XIX/1. Hamburg 1992, S. 58.

[6] Daß darüberhinaus zwischen Husserls Arbeit an diesen Begriffen und der Gottlob Freges ein Zusammenhang besteht, geht u.a. aus Husserl Verweis auf Frege und dessen begrifflicher Differenzierung hervor, von der er sich bewußt distanziert. Vgl. dazu Husserl, Logische Untersuchungen a.a.O. S. 58. Wie sehr Frege Husserls Terminologie beeinflußt hat muß an dieser Stelle jedoch Spekulation bleiben. Vgl. dazu auch Føllesdal, Dagfinn: Noema and Meaning in Husserl. In: Philosophy and Phenomenological Research. Vol. 50 (Supplement), Brown University 1990, S. 265 und 268.

[7] vgl. Husserl, Logische Untersuchungen a.a.O. S. 38 bzw. 43.

[8] Husserl ebd. S. 58.

[9] Husserl, Edmund: Gesammelte Schriften / Edmund Husserl. Hrsg. von Elisabeth Ströcker. Bd. 5. Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. - Buch 1. - Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie: Nachwort (1930); Text nach Husserliana III/1 und V. Hamburg 1992, S. 285.

[10] Husserl, Ideen I a.a.O. S. 285.

[11] vgl. Husserl, Logische Untersuchungen a.a.O. S. 612.

[12] vgl. Husserl ebd. 55.

[13] vgl. Husserl, Ideen I a.a.O. S. 300 ff.

[14] Husserl ebd. S. 222.

[15] vgl. Husserl, Logische Untersuchungen a.a.O. S. 58f. und Husserl, Ideen I a.a.O. S. 222.

[16] Husserl, Ideen I a.a.O. S. 211.

[17] Asemissen, Hermann Ulrich: Strukturanalytische Probleme der Wahrnehmung in der Phänomenologie Husserls. In: Heidemann, Ingeborg (Hrsg.): Kantstudien Ergänzungshefte. Bd. 73. Köln 1957, S. 69.

[18] vgl. Husserl, Ideen I a.a.O. S. 67: In einem weitesten Sinne befaßt der Ausdruck Bewußtsein […] alle Erlebnisse mit. vgl. hierzu auch Husserl ebd. S. 80: […] da wir hier Bewußtsein in jedem noch so weitem, sich schließlich mit dem Begriff des Erlebnisses deckenden Sinn verstehen können […].

[19] Husserl ebd. S. 68.

[20] vgl. Husserl an Heidegger, 10.IX.1918. In: Briefwechsel / Edmund Husserl in Verb. m. Elisabeth Schuhmann herausgeg. v. Karl Schuhmann, Bd. IV: Die Freiburger Schüler. Dordrecht 1994, S. 134.

[21] Husserl, Ideen I a.a.O. S. 198.

[22] vgl. Natorp, Paul: Husserls ‚Ideen zu einer reinen Phänomenologie‘ (1917/18). In: Noack, Hermann (Hrsg.): Husserl. Darmstadt 1973, 45.

Details

Seiten
31
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640158447
ISBN (Buch)
9783640159543
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114296
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Sinn Welt Edmund Husserl Phänomenologie Idee Noema Noesis Krisis Bedeutung Noese Logische Untersuchungen Husserl

Autor

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Titel: Wie kommt der Sinn in die Welt?