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Die industrielle Prägung des Geschmacks

Seminararbeit 1999 19 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die industrielle Nahrungsrevolution –Voraussetzungen und Konsequenzen
2.2 Veränderungen im Warenangebot – vom Weizenbrei zum Pausensnack
2.3 Verbraucherverhalten – Methoden der Industrie zur Absatzsteigerung
2.4 Food-Engineering – das neue „Zauberwort“ der Industrie und seine Auswirkungen auf die Lebensmittelproduktion

3. Schlußbetrachtung

4. Bibliographie

1. Einleitung

Merkwürdig: Die Menschen mögen offenbar das Essen, das vom Fließband kommt, immer lieber. Und sie wollen sich immer seltener selbst an den Herd stellen. [...] Das Wichtigste, Überlebensnotwendige, tagtäglich Unausweichliche, die Zubereitung ihres Essens, überlassen sie lieber Ingenieuren, Technikern und Chemikern.[1] Mit diesem Zitat, welches einen Einblick in die Ernährungssituation heutiger Konsumgesellschaften zu vermitteln sucht, wird auf provokative Art und Weise deutlich, welche Auswirkungen die industrielle Lebensmittelherstellung auf das Verhältnis zur Nahrung haben kann.

Wie jedoch konnte es dazu kommen, daß sich die Bedürfnisse des Menschen in Bezug auf ihre Nahrung derart verändert haben? Oder hat erst das Endprodukt zu der veränderten Ernährungslage beigetragen? Hier gilt es, Interdependenzen zwischen Artefakt und Konsumverhalten genauer zu betrachten, um daraus Rückschlüsse auf das Verbraucherverhalten ableiten zu können. Anhand ausgesuchter Beispiele soll im Rahmen dieser Seminararbeit ein Bedeutungswandel skizziert werden, der allerdings nicht die Produktion des Lebensmittels selbst, sondern dessen Veränderung im Sinne einer industriellen Nahrungsrevolution in den Mittelpunkt stellen wird.

Das Brot, anhand dessen industrieller Entwicklung die oben beschriebenen Veränderungen dargestellt werden, eignet sich auf zweifache Weise zum Anschauungsobjekt: durch Jahrhunderte hinweg hat es als Grundnahrungsmittel schlechthin die Versorgung der Menschen in Europa sichergestellt und ist dabei als solches auch heute noch existent, gleichwohl aber sind darüber hinaus eine Vielzahl an Neuerungen, in Bezug auf Konsistenz wie auch auf Geschmack, entstanden. Desweiteren geht ein gesondertes Kapitel genauer auf die Methoden des „Food-Engineering“ ein, anhand dessen versucht wird, den Umfang des

„Nahrungsmißbrauchs“ zumindest ansatzweise zu verdeutlichen. Da in der Beschäftigung mit Lebensmitteln als Artefakt einerseits und darüber hinaus als Konsumartikel andererseits die „übliche horizontale Abgrenzung“, wie es Barbara Orland in Bezug auf ihre Geschichte der Haushaltstechnisierung ausdrückte, nicht mehr genügt, nimmt ebenfalls der „vertikale Zugriff“ auf die verschiedenen Felder eine wichtige Stellung ein.[2] Aus diesem Zusammenhang heraus erklärt sich auch die durchgehend kritische Betrachtungsweise der industriellen Lebensmittelproduktion. Allerdings läßt auch hier der begrenzte Umfang der Arbeit eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Thema bei weitem nicht zu.

Die Literaturlage kann dabei als gut gelten. Vor allem die Werke Siegfried Giedions[3], Annelies Furtmayr-Schuhs[4] und Hans-Ulrich Grimms konnten als Arbeitsbücher Einblick in Verfahrenstechniken und ferner in die Entstehungsgeschichte der heutigen Nahrungsmittelindustrie vermitteln. Besonders der kritische Aspekt der beiden letztgenannten Werke vermochte eine völlig neue Dimension der ansonsten so „heilen Welt“ unserer alltäglichen Nahrung aufzuzeigen.

2. Hauptteil

2.1 Die industrielle Nahrungsrevolution – Voraussetzungen und Konsequenzen

„Nahrung bedeutet den unmittelbarsten Kontakt des Menschen mit der Natur. [...] Die Mechanisierung greift hier unmittelbar in den Organismus des Menschen ein.“[5] Mit diesem Zitat von Siegfried Giedion wird deutlich, in welcher Dimension die industriell gefertigten Lebensmittel, hier in unserem Beispiel das Brot, zu betrachten sind. Einer Gradwanderung gleich kommt der Versuch, das industriell gefertigte Produkt mit der Aufnahmefähigkeit des Organismus zu kombinieren, damit der hiermit vollzogene industrielle Eingriff in den Körper keine schädlichen Konsequenzen nach sich zieht.

Mit der Industrialisierung der Lebensmittelherstellung, so Reinhard Klopfleisch, ging auch die Revolutionierung unseres Essens einher. Bereits im Jahr 1989 wurden mehr als 60 Prozent aller Lebensmittel aus der Industrie bezogen.[6] Die lange Entwicklung, die zu diesem vorläufigen Höhepunkt führte, darf dabei aber keineswegs nur unter dem Aspekt der Vereinfachung und einer höheren Effizienz in der Herstellung gesehen werden, sondern es spielten darüber hinaus auch immer geschmackliche Verbesserungen des Endproduktes eine Rolle. So wurde in Amerika der Schritt zur Vollmechanisierung mit der Einführung der schnellaufenden Knetmaschine 1925 vollzogen, und bald entwickelte sich diese zu einem „Eckpfeiler der Vollmechanisierung“ in der Backwarenindustrie.[7] Der Erfolg dieser Maschine, so ein Zeitgenosse, sei indes nicht allein durch die raschere Produktion zu erklären, sondern vielmehr durch die energischere Mischung des Teiges, welche ein noch weißeres Brot zur Folge habe.[8] Was allerdings damals wie auch heute oftmals zu wenig Beachtung findet, ist die Tatsache, daß mit der industriellen Massenproduktion auch ein Vitamin- und Nährstoffverlust einhergeht. Obwohl das heutzutage aufkommende Gesundheitsbewußtsein immer größere Kreise zieht, ist die industrielle Fertigung natürlich keineswegs stehengeblieben, und von vielen Produkten, die sich täglich auf dem Speiseplan befinden mögen, können wir längst nicht mehr nachvollziehen, wie deren Herstellung vor sich geht und aus welchen Zutaten diese bestehen.[9] Der Extruder beispielsweise, welcher erstmals 1797 zum Pressen von Bleirohren eingesetzt wurde, wird heutzutage als problemlos funktionierende Allround-Maschine in der Lebensmittelindustrie genutzt. Da sie so gut wie alles „schluckt“, um es anschließend energiesparend durch ihre Schneckengänge zu drehen und in fast nahezu jeder Form wieder „auszuspucken“, ist sie das ideale Werkzeug, um billige Rohstoffe in teuer verkaufte Fertignahrung umzuformen.[10] Seit Anfang der achtziger Jahre kann auch Knäckebrot mit Erfolg durch die Maschine gedreht werden, wobei vor allem die nachträgliche Veredelung durch „Abrundung der Aromatisierung“[11] und Hinzufügen von Süßungs- und Bindemitteln eine Möglichkeit zur Erweiterung der Produktpalette gibt, und darüber hinaus das Produkt dem Konsumenten erst richtig schmackhaft zu machen vermag. Der Extruder, auch als „Wunderkind of modern food processing“ bezeichnet, hat insofern erstens den Vorteil, moderne Lebensmittel kostengünstig herzustellen. Zweitens kann er unterschiedliche Rohstoffe ohne Einschränkungen kombinieren, die anschließend entweder als gepreßter Riegel, Müsli oder Keksimitat verkauft werden können.[12] Abgerundet mit Geruchs- und Farbstoffen entsteht für den Konsumenten ein scheinbar verlockendes Lebensmittel. Der ernährungsphysiologische Wert tritt dabei in den Hintergrund, denn verkauft wird, was dem Kunden schmeckt, auch wenn dieser Geschmack nicht unbedingt mit Qualität zu tun hat.

[...]


[1] Hans-Ulrich Grimm, Die Suppe lügt. Die schöne neue Welt des Essens, Stuttgart 1997, S. 16.

[2] Barbara Orland, Haushalt, Konsum und Alltagsleben in der Technikgeschichte, in: Technikgeschichte 4 (1998), S. 273 – 295, S. 279f.

[3] Sigfried Giedion, Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschichte, Frankfurt a. M. 1982.

[4] Annelies Furtmayr-Schuh, Postmoderne Ernährung. Food-Design statt Eßkultur. Die moderne Nahrungsmittelproduktion und ihre verhängnisvollen Folgen, Stuttgart 1993.

[5] Sigfried Giedion, S. 197.

[6] Reinhard Klopfleisch und Armin Maywald, Es ist angerichtet! Wie die Lebensmittelindustrie uns künstlich ernähren will und wie wir uns gegen synthetische Kost wehren können, Hamburg 1989, S. 8.

[7] Sigfried Giedion, S. 200.

[8] Derselbe, S. 200.

[9] Vgl. hierzu auch Kapitel 2.4.

[10] Reinhard Klopfleisch und Armin Maywald, S. 16.

[11] Dieselben, S. 19.

[12] Beispiele für die hier verwendeten Rohstoffe sind Milchpulver, Geliermittel, Getreideerzeugnisse, aber auch Zucker, Nüsse und Honig.

Details

Seiten
19
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783640152896
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114464
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Prägung Geschmacks Technikgeschichte Alltags

Autor

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