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Spuren aus den Lehrjahren eines Helden vergangener Tage

Eine Entwicklungsstudie über den Verfall und Wiederaufstieg der Figur des Erec im Artusroman Hartmanns von Aue 'Erec'

©2008 Hausarbeit 33 Seiten

Zusammenfassung

„Wer ist eigentlich ein Abenteurer?“1 fragt Heinrich Pleticha in seinem
grundlegenden Werk 'Abenteuer Lexikon' und räumt gleichzeitig ein, dass es eine
hinreichende Antwort auf diese Frage nicht zu geben scheint. Zu vielseitig und
individuell sind die Helden aus zeitgenössischen Abenteuerromanen und
Abenteuerfilmen. Während Harry Potter beispielsweise noch ein Jugendlicher ist und zaubern kann, hat James Bond das Jugendalter bereits deutlich überschritten und bleibt bei seinen Abenteuern auf das Benutzen von Waffen und bloßen Körpereinsatz beschränkt. Dass beider Leben selten harmlos verläuft und sich zwischen den Extremen „Ruhm auf der einen Seite und Untergang auf der anderen[.]“2 bewegt, mag zwar eine Parallele sein, kann aber noch keineswegs für eine allgemein befriedigende Definition ausreichen. Was aber ist mit den Helden aus alten Zeiten?

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Artusroman
2.1. Entstehungsabriss
2.2. Quellen und Bearbeitung des Artusromans durch von Aue im 'Erec'

3. Das Motiv der âventiure
3.1. Begriffsbedeutung und Wortetymologie
3.2. Die âventiure als strukturelles Element

4. Textanalyse
4.1. Die erste âventiure-Episode: Stationen eines gekränkten Egos
4.2. Die zweite âventiure-Episode: auf dem Pfad der Vollkommenheit
4.2.1 Die ersten âventiure Stationen (3106-5287)
4.2.2 Die letzten âventiure Stationen (5288-9858)

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

„Wer ist eigentlich ein Abenteurer?“[1] fragt Heinrich Pleticha in seinem grundlegenden Werk 'Abenteuer Lexikon' und räumt gleichzeitig ein, dass es eine hinreichende Antwort auf diese Frage nicht zu geben scheint. Zu vielseitig und individuell sind die Helden aus zeitgenössischen Abenteuerromanen und Abenteuerfilmen. Während Harry Potter beispielsweise noch ein Jugendlicher ist und zaubern kann, hat James Bond das Jugendalter bereits deutlich überschritten und bleibt bei seinen Abenteuern auf das Benutzen von Waffen und bloßen Körpereinsatz beschränkt. Dass beider Leben selten harmlos verläuft und sich zwischen den Extremen „Ruhm auf der einen Seite und Untergang auf der anderen[.]“[2] bewegt, mag zwar eine Parallele sein, kann aber noch keineswegs für eine allgemein befriedigende Definition ausreichen. Was aber ist mit den Helden aus alten Zeiten?

Diese Arbeit widmet sich einem Helden aus dem 12. Jahrhundert, dem Erec des Hartmann von Aue[3], dessen Werk zu den drei großen Epen des Mittelalters zählt. Die Frage nach dem Wesen des Abenteurers spielt dabei aber eher eine untergeordnete Rolle. Als Gegenstand der Untersuchung dient folgende leitende Fragestellung: Welche Entwicklung durchläuft der Held in den einzelnen âventiure -Episoden und welche Bedeutung kommt dabei dem Motiv der minne zu?

Im ersten Schritt der Arbeit wird zunächst einmal die Tradition des Artusromans in groben Zügen erläutert und die Bearbeitungspraxis Hartmanns von Aue wird dabei beleuchtet. Der dritte Teil der Arbeit steht ganz im Zeichen des Abenteuers (mhd. aventiure). Nachdem die Wortetymologie und die Begriffsbedeutung des Motivs untersucht wurde, wird darauf folgend aufgezeigt, dass es sich bei dem Motiv der âventiure auch um ein handlungsstrukturierendes Element handelt. Der vierte Teil der Arbeit widmet sich der Textanalyse. Im Vordergrund steht hier die Entwicklung des Helden durch die einzelnen Abenteuerepisoden. Die Paarbeziehung ebenso die Schuldfrage und die Rolle Enitens werden nur dann erwähnt, wenn sie hinsichtlich der Entwicklung des Helden eine tragende Rolle spielen. Andernfalls finden diese Aspekte keinen Eingang in die Arbeit. Die Textanalyse erfolgt in zwei Schritten. Der erste Teil widmet sich den Versen 1-3105, der zweite Teil den Versen 3106-9858. Im finalen Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Textanalyse noch einmal zusammengetragen und bewertet.

2. Der Artusroman:

2.1. Entstehungsabriss:

Die Dichter des Mittelalters schöpfen ihre Stoffe aus zahlreichen Sagenkreisen. Zu den beliebtesten Erzählungen zählen die über den britischen König Arthur/Artus und seinen Rittern der Tafelrunde, „in denen sich Geschichte und Sage unlösbar verbunden haben.“[4] Im 13. Jahrhundert kommen die Artus-Erzählungen über England nach Frankreich und Deutschland und werden dort von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue neu gestaltet. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Stoff allerdings schon zahlreich bearbeitet und weiterentwickelt. Ziel dieses einleitenden Kapitels ist, den Kern-Stoff der Artussage und deren Weiterentwicklung zu skizzieren, um einen Einblick in die Tradition zu gewinnen, in der Erec steht.

Bis in das 9. Jahrhundert reichen die ältesten Überlieferungen über Artus zurück, dessen Name allerdings römischen Ursprungs (gens Artoria) ist. Die 'Historia Britonum' stellt Artus als einen erfolgreichen Heerführer dar, der sich unter britischer Flagge den eindringenden Sachsen in zwölf Schlachten entgegenstellt. Ähnliche Darstellungen finden sich nur wenig später (9./10. Jahrhundert) in den 'Annales Cambriae' sowie in Zufallsnachrichten.[5] Daher lässt sich vorläufig bereits festhalten, dass die Figur des Artus im Kern eine historische Person ist,

„die in der mündlichen Tradition fortlebt und als heroische Figur kollektiven Geschichtsbewußtseins an die lateinische Historiographie vermittelt wird, die zugleich aber in Erzähltraditionen um lokale Denkwürdigkeiten und Heilige hineingezogen werden kann.“[6]

Die Kontraktion der historischen Figur mit volkstümlichen mündlichen Überlieferungen tritt in der 'Gesta regum Anglorum' (1125) von Wilhelm von Malmesbury deutlich hervor. Darüber hinaus weist diese Bearbeitung Erzählmotive der keltischen Mythologie auf, die der Erzählung märchenhafte Züge verleihen (Beispiel: Bericht der Wiederkehr Artus von Avalon). Zahlreiche der Namen, die auch zukünftig mit Artus verbunden bleiben werden (Walwen/Gauvain, Gawein – Cei/Kei, Keye), gehören sowohl zum ältesten als auch zum historischen Stoffbestand.[7]

Ein weiterer Meilenstein in der Bearbeitung des Artus-Stoffes ist die 'Historia regum Britanniae' (etwa 1130/36) von Geoffrey von Monmouth. Der Form nach handelt es sich dabei um eine Chronik, in welcher Geschichte in einem Maß konstruiert wird, das weit über das historisch belegbare hinausgeht und in der sich übernommene literarische Muster mit zeitgenössischer Pragmatik verbinden.[8] Artus tritt in dieser Bearbeitung als eine von „typischer Tragik betroffene heroische Königsgestalt“[9] auf, dessen Hof durch Festlichkeiten „als Maßstab kultivierten Lebens für ritterlichen Adel [wirkt].“[10] Offensichtlich besteht die Intention Geoffreys darin „in einer labilen Situation des Herrscherhauses nach dem Tod Heinrichs I. eine 'nationale Identität' des Königtums zu befestigen, die alten britischen Traditionen und neuen anglo-normannischen Herren gleichermaßen gerecht werden konnte.“[11]

Wace rückt die Artussage mit seinem 'Roman de Brut' (1155) - einer freien Bearbeitung von Geoffreys 'Historia regum Britanniae' - in das Bild der „sich formierenden neuen höfischen Kultur.“[12] Auftraggeber des Versromans war Heinrich II. Wace führt als neues Motiv die Tafelrunde ein, an der ehrenvolle Ritter ohne Rangabstufung Platz nehmen. Er zeichnet Artus als gerechten Feudalherrn, für den Ehre und Freigebigkeit oberste Priorität besitzen, dessen Hof in kultureller Blüte steht und seine Helden ritterliche Tugenden verkörpern.[13]

Zum Abschluss des Entwicklungsabrisses lässt sich der Gedanke festhalten, dass mündliche Erzählungen dazu beigetragen haben, dass sich die schriftlichen Erzählungen über Artus stufenweise vom Kern-Stoff entfernt haben und dabei Artus in ein individuelles Licht gerückt haben. Folglich kann angenommen werden, dass sich „Stoffanlagerung und Veränderung des Artusbildes [...] gegenseitig zu bedingen [scheinen.]“.[14]

2.2 Quellen und Bearbeitung des Artusromans durch von Aue im Erec:

Der Handlungsaufbau erfolgt stereotyp: Den Rahmen bildet der Artus-Hof als Bereich sittlicher und ästhetischer Vollkommenheit. Einer der zwölf Artus-Ritter gerät in einen Konflikt, dadurch wird seine ritterliche Vollkommenheit in Frage gestellt. Ein weiterer Verbleib am Artushof ist damit ausgeschlossen. Der Held verlässt den Hof und gelangt so in die anti-höfische Welt. Dort durchläuft er verschiedene Bewährungsstationen (âventiuren). Das Bestehen dieser Proben macht den Ritter erneut „artuswürdig“, er kehrt zurück zum Artus-Hof. Der Sinn liegt „in der zunehmenden bewussteren Verwirklichung eines höfischen Wertekanons durch den Helden.“[15] Die Topographie ist dabei nicht „irdisch-geographisch“ sondern „moralisch-idealistisch“.[16] Alle folgenden Romane des französischen und deutschen Sprachraums beziehen sich auf diese Vorlage.

Hartmann von Aue führt den Artusroman in die deutsche Literatur ein und nutzt dabei ebenfalls Chrétiens Roman als Vorlage. Ob er sich außerdem auf weitere Quellen stützt, ist in der Textgeschichte nicht eindeutig zu klären. Im Vergleich mit der französischen Vorlage lässt sich zweifelsfrei feststellen, dass Hartmann neue Motive etabliert und Akzente eigener Bearbeitung setzt.[17] Hartmanns Erec ist deutlich länger als seine Vorlage, trotzdem „wird klar, dass es [...] nicht um eine schlichte Ausdehnung der Handlung ging, denn neben Verlängerungen enthält seine Version auch Kürzungen und Streichungen.“[18] Während Chrétien sich eher um eine objektivere szenische Darstellung bemüht und sich hauptsächlich der direkten Rede bedient, bevorzugt Hartmann den „schillernden Bericht“ mit deutlich hervortretendem Erzähler als „Kommentator und Vermittler“[19]. Um zu klären, ob eine „veränderte Erzählintention“[20] hinter Hartmanns ethischer Konzeption steht, soll neben der Beachtung der Unterschiede zwischen beiden Werken insbesondere die Funktion und Bedeutung der âventiure -Episoden[21] für die Entwicklung des Helden untersucht werden.

3. Das Motiv der âventiure:

3.1. Begriffsbedeutung und Wortetymologie:

Was ist eigentlich ein Abenteuer? Im 21. Jahrhundert wird dieser Begriff häufig mit Hollywood-Action-Filmen assoziiert, in denen der Held der Geschichte einen Kampf zwischen Gut und Böse austrägt, dabei mit zahlreichen lebensbedrohlichen Begebenheiten konfrontiert wird, um am Ende die Welt vor der Zerstörung zu bewahren. Nicht selten lernt der männliche Held bei seiner Mission eine hübsche Frau kennen, die seinem Charme und Mut nicht widerstehen kann und sich letztendlich in ihn verliebt. Verbergen sich hinter diesen fiktiven, teilweise auch klischeehaften Szenen möglicherweise doch noch Ursprünge des Abenteuer-Begriffes? Im folgenden Abschnitt wird zum einen die Geschichte des Begriffs näher beleuchtet; zum anderen wird der Versuch unternommen, Licht auf die Bedeutungserweiterung des Begriffes zu werfen, um eine Erklärung für sein reiches Bedeutungsspektrum zu liefern. Gleichzeitig steckt dieser Abschnitt auch den theoretischen Rahmen für die bevorstehende Textanalyse ab.

Ursprünglich bezeichnet der Begriff 'Abenteuer' (mhd. âventiure) eine 'wunderbare oder gefährliche Begebenheit'[22] beziehungsweise ein 'prickelndes Erlebnis, ein gewagtes Unternehmen'.[23] Folglich entfernen sich Hollywood Produktionen nicht allzu weit von der ursprünglichen Begriffsbedeutung. Im 12. Jahrhundert wird der mittelhochdeutsche Begriff âventiure aus afrz. aventure 'Zufall, Geschick, Begebenheit' entlehnt. Dieser Begriff wurzelt im vlat. * adventura 'das, was auf einen zukommt; was geschehen soll', das zu lat. advenire 'herankommen, sich ereignen' gehört. Der erste schriftliche Beleg findet sich im Graf Rudolf (von aventure er genas, Gb 34), wo der Begriff ein 'wunderbares Ereignis' beschreibt.[24]

Neben der bereits genannten Bedeutung entwickelt sich der Begriff im Laufe der Jahre zusätzlich auch „zur Bezeichnung einer Erzählung von âventiuren.“[25] In der höfischen Dichtung benennt die âventiure nicht nur die 'Vorlage' und die 'Quelle', sondern „auch die danach gestaltete Adaption als Erzählganzes einschließlich seiner Teile.“[26] Die älteste Berufung auf solch eine Quelle wird in Hartmanns von Aue Erec überliefert (als uns diu âventiure zalt, 743).[27] Überhaupt spielt die Person Hartmanns von Aue eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des âventiure -Begriffs und hat entscheidenden Anteil an dessen Bedeutungserweiterung. Die Person Hartmanns ist als Wegbereiter der ritterlich-höfischen Semantik des Begriffs einzustufen.[28] Dies lässt sich an folgendem Beispiel verdeutlichen: zu Beginn der Erzählung des Erec erfreut sich Königin Ginover sîner (Erecs) âventiure (1528). Es scheint plausibel, dass sich die Königin nicht nur an seiner 'Ankunft', sondern auch an seiner 'ritterlichen Bewährung' erfreut, da der junge Held bereits êre im Kampf erworben hat.[29] Ohne Zweifel hingegen lassen sich die Worte des Königs Guivrez auslegen, der Erec als einen Mann bezeichnet, der âventiure suochet (4340); sprich einen Mann, der sich den Herausforderungen der Welt stellt und die offene Konfrontation mit Gefahren sucht.

Im Iwein entwirft von Aue einen Katalog an Merkmalen, die sich fortan mit dem Motiv der âventiure verbinden ( Iwein 531-537): Dazu zählen 'Waffen', 'Suche' und 'Kampf' auf der einen Seite; auf der anderen hingegen 'Ruhm' und 'gesellschaftliches Ansehen'.[30] Die eine Seite zirkuliert also um den Überbegriff 'Bewährung', die andre hingegen um das Ergebnis der Bewährung, quasi die 'Belohnung'. Aus diesem Grund scheint es auch nicht verwunderlich, dass das Duden Herkunftswörterbuch (DUDEN 7, 2007:16) Schlagwörter wie etwa 'Risiko', 'Betrug', 'Trick' sowie 'Preis' und 'Trophäe' als zusätzliche Bedeutungen des âventiure -Begriffs liefert. All diese Begriffe oszillieren um die oben genannten Pole und heben noch einmal die ritterlich-höfische Semantik des Begriffs hervor.

Eben diese Dominanz hebt Otfrid Ehrismann (Ehrismann, 1995:23) am Beispiel des Parzival von Wolfram von Eschenbach noch einmal besonders hervor.[31] Ehrismann zeigt, dass das Festmahl (mhd. hochgezît) erst dann beginnen kann, wenn der König eine âventiure erlebt hat. Diese Tradition lässt sich bis ins späte Mittelalter verfolgen. Ehrismann schlussfolgert, dass die„[â]ventiure zum Sinnbild ritterlich-höfischer Verhaltensweise schlechthin [wurde],[wobei] der Grad der ethischen Vertiefung jedoch recht unterschiedlich [war], und gerade in späten Texten das Wort relativ wahllos eingesetzt [wurde].“[32]

Als vorläufiges Zwischenergebnis lässt sich festhalten, dass der Begriff der âventiure ein reiches Bedeutungsspektrum abdeckt. Vor allem durch die Person des Hartmann von Aue erfährt der Begriff eine Bedeutungsveränderung und wird in einen ritterlich-höfischen Kontext transformiert.

3.2. Die âventiure als strukturelles Element:

Im vorangegangenen Abschnitt der Arbeit wurde das reiche Bedeutungsspektrum des âventiure -Begriffs erörtert und sein allmählicher Bedeutungswandel skizziert. Der nun folgende Teil der Arbeit wird aufzeigen, dass die âventiure auch ein Leitmotiv ist, welches die Handlung vorantreibt, sie strukturiert und sinnstiftend zusammenfügt.

Walter Haug formuliert die These, dass es bei einem Artusroman, der in der Tradition Chrétiens steht, vordergründig um die Interaktion

„von ritterlicher Tat und höfischer Liebe [geht], und dies nicht nur in der Weise, daß die âventiure zur minne und die minne wiederum die âventiure anstößt, sondern auch insofern, als âventiure und minne sich wechselseitig problematisieren.“[33]

Der Held steht damit vor der Aufgabe, der ritterlichen Herausforderung und der Beziehung zu seiner Frau, gleichsam gerecht zu werden und diese in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander zu halten.[34] Dieser Aufgabe ist der Protagonist zunächst nicht gewachsen. Minne und âventiure geraten aus dem Gleichgewicht, da einem der beiden Motive zu viel Bedeutung beigemessen wird. Der Held und seine Dame stürzen in eine Krisensituation, die nur gemeinsam durchgestanden und bewältigt werden kann.

Daraus resultiert, dass âventiure keinesfalls nur die ritterliche Tat definiert, „sondern eine Tat, die unter ganz bestimmten Bedingungen unternommen und durchgestanden werden muß.“[35] Um im Bilde zu bleiben, gilt für die minne, dass sie weitaus mehr als die sexuelle Bindung zwischen Partner und Partnerin ist, „sondern eine Du-Beziehung, die ganz bestimmten Positionen auf dem Weg des Helden zugewiesen ist.“[36] Als vorläufiges Zwischenergebnis lässt sich an dieser Stelle bereits festhalten, dass beide Motive in ein Handlungsgefüge eingebunden sind, aufgrund dessen sie ihre spezifische Bedeutung erlangen und folglich auch aus dieser Perspektive betrachtet und gedeutet werden müssen.[37]

Damit scheint die Bedeutung aus leitmotivischer Perspektive ausreichend erörtert worden zu sein. Hinsichtlich der Tatsache, dass die âventiure aber auch als strukturelles Element gesehen werden kann, erscheint eine weitere, differenzierte Analyse als notwendig.

Die âventiure unterliegt primär dem Prinzip des Zufalls[38], d. h., dass die einzelnen âventiure -Episoden „dem Helden gewissermaßen zudiktiert [werden].[39] Handlungsauslöser ist der Auszug aus dem Artushof in die 'antihöfische Welt', sprich in die 'Welt der âventiure '.[40] Motiviert wird dieser Schritt durch eine Verletzung der êre bzw. durch ein Ereignis, welches „die Fest- vröude des Hofes in Frage stellt[.]“[41] Was dabei auf den Helden zukommt, bleibt zunächst ebenso ungewiss wie der Ort, wohin es ihn verschlägt. Es kommt zu einer linearen Aneinanderreihung von âventiure -Stationen. Den Verlauf der Handlung bedingt keine kausale Motivation, sondern allein die Richtung auf ein Endziel.[42]

In der kettenförmigen Anordnung spielt die minne eine bedeutende Rolle: sie definiert sowohl den Wende- als auch den neuen Zielpunkt der Handlung. Die Frau, die nach bestandener Herausforderung gewonnen wird, stellt die im Kampf erlangte Position des Helden in Frage. Daher besitzt „[d]ie Liebe, eine Erfahrung, die in der Gegenwelt gemacht wird,[...] auch ein archaisches, zerstörerisches Moment.“[43] Um die beiden Motive wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander zu bringen, schreibt Haug den Protagonisten folgende Aufgabe zu:

„Erst wenn die negativen Aspekte in der Gegenwelt ganz durchschritten sind, erst wenn man in der ritterlichen Tat dem Tod begegnet ist und erst wenn man in der Liebe den Absolutheitsanspruch des Eros erfahren hat, erst dann verwandelt sich die âventiure in ein Tun, das sinnerfüllt ist, bzw. die minne in eine Liebe, die nicht fordert, sondern schenkt.“[44]

Folglich kommt es zwar zwangsläufig aber auch notwendigerweise zu einer zweiten âventiure -Episode, die korrespondierende Züge in Bezug auf Steigerung, Wiederholung und Spiegelung aufweist.[45] Darüber hinaus wird an dieser zweiten âventiure -Episode die innere Entwicklung des Helden deutlich gemacht.[46] Graphisch dargestellt, bildet sich ein „doppelte[r] Kursus“ (Kuhn) ab: Handlungsauslöser der ersten âventiure -Episode ist dabei der Geiselschlag des Zwergen; Wendepunkt der Handlung ist die verligen -Szene in Karnant, die gleichzeitig Anstoß zur zweiten âventiure -Episode gibt. Diese zweite Episode lässt sich in zahlreiche Teilepisoden untergliedern, deren Höhepunkt der finale Kampf gegen Mabonagrin bildet.

Ein differenziertes Bild der âventiure zeichnet Gertraud Steiner[47], die den Roman im Hinblick auf 'das Märchenhafte' untersucht. Für sie besteht der Weg des Helden

„im wesentlichen aus der Verknüpfung zweier Ebenen. Der Ritter setzt sich dabei zwar einer mythisch besetzten, magischen Welt aus, setzt aber deren Gesetzmäßigkeiten durch seine höfische Bewußtseinshaltung außer Kraft. Das Märchen wird funktional, reduziert auf einen provokativen Gegenentwurf von 'Wirklichkeit' der durch das Befreiungsschema ritterliche Aktion unterlaufen wird. Es gerät zur Inszenierung mythischer Vergangenheit, an der man sich als Überwinder bewährt.“[48]

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Motiv der âventiure nicht ohne das der minne denkbar ist. Beide Motive stehen in der Spannung des Aufeinander-Angewiesenseins und werden damit zu einem dynamischen Prinzip.

[...]


[1] Heinrich Pleticha (1978): Abenteuer Lexikon. Alles über Motive, Inhalte und Autoren alter und neuer Abenteuerbücher. Würzburg: Arena Verlag.

[2] Ebd. S. 8.

[3] Hartmann von Aue: Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung von Thomas Cramer (2005). 26. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer.

[4] Pleticha, H.: Abenteuer Lexikon. S. 20.

[5] Vgl. ebd. S. 164.

[6] Ebd.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd. S. 165.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Ebd. S. 166.

[15] Walther Killy (1990): Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache Band 5. S. 38.

[16] Vgl. Thomas Cramer (2005): Nachwort, In: Hartmann von Aue: Erec. S. 446.

[17] Vgl. Otfrid Ehrismann (1995): Ehre und Mut, Âventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. S. 167. München: C.H. Beck.

[18] Ebd. S. 171.

[19] Vgl. ebd.

[20] Ebd. S. 168.

[21] Siehe hier Punkt 4.1 und 4.2 dieser Arbeit.

[22] Siehe Pleticha, H.: Abenteuer Lexikon. S. 20.

[23] Siehe Dudenredaktion (2007): Duden 7-Das Herkunftswörterbuch. Eytmologie der deutschen Sprache. 4., neu bearbeitete Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag. S. 16.

[24] Vgl. Ehrismann, O.: Ehre und Mut, Âventiure und Minne. S. 22.

[25] Ebd. S. 25.

[26] Ebd.

[27] Vgl. ebd.

[28] Vgl. ebd. S. 22.

[29] Vgl. ebd. S. 22.

[30] Vgl. Ehrismann, O.: Ehre und Mut, Âventiure und Minne. S.23.

[31] Vgl. Wolfram von Eschenbach: Parzival. 309/ 3-9.

[32] Ehrismann, O.: Ehre und Mut, Âventiure und Minne. S. 23.

[33] Walter Haug : Von Aventiure und Minne zu Intrige und Treue. Die Subjektivierung des hochhöfischen Aventürenromans im 'Reinfried von Braunschweig'. In: Liebe und Aventiure im Artusroman des Mittelalters. Hg. v. Paola Schulze-Belli und Michael Dallapiazza. Göppingen: Kümmler 1990. S. 7.

[34] Für dieses ausgewogene Verhältnis steht der Begriff der mâze.

[35] Haug, W.: Von Aventiure und Minne zu Intrige und Treue. S. 8.

[36] Ebd.

[37] Vgl. ebd.

[38] Ehrismann weist darauf hin, dass dieser Umstand als schicksalshaft bzw. als von Gott gesteuert, gesehen werden konnte. Vgl. Ehrismann, O.: Ehre und Mut Âventiure und Minne. S. 23.

[39] Haug, W.: Von Aventiure und Minne zu Intrige und Treue. S. 8.

[40] Cormeau hebt deutlich hervor, dass sich alle genannten Schauplätze auf diese zwei Welten reduzieren lassen. Vgl. Cormeau, C.; Strömer, W.: Hartmann von Aue. Epoche-Werk-Wirkung. S. 176f.

[41] Haug, W.: Von Aventiure und Minne zu Intrige und Treue. S. 8.

[42] Vgl. Cormeau, C.; Strömer, W.: Hartmann von Aue. Epoche-Werk-Wirkung. S. 177.

[43] Haug, W.: Von Aventiure und Minne zu Intrige und Treue. S. 9.

[44] Ebd. S. 9.

[45] Vgl. Cormeau, C.; Strömer, W.: Hartmann von Aue. Epoche-Werk-Wirkung. S. 177.

[46] Siehe dazu Teil 4 dieser Arbeit.

[47] Gertraud Steiner (1983): Das Abenteuer der Regression. Eine Untersuchung zur phantasmorgischen Wiederkehr der 'verlorenen Zeit' im Erec Hartmanns von Aue. Göppingen: Kümmerle Verlag.

[48] Ebd. S. 11.

Details

Seiten
33
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640153022
DOI
10.3239/9783640153022
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Erscheinungsdatum
2008 (September)
Note
1,0
Schlagworte
Spuren Lehrjahren Helden Tage

Autor

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Titel: Spuren aus den Lehrjahren eines Helden vergangener Tage