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Nationale Identität in Deutschland im Zeitvergleich

Das Ausmaß an Nationaler Identifikation, Fremdgruppenabwertung, Nationalismus und Patriotismus im Jahr 1995 und 2003

von Nurcan Adigüzel (Autor) Andrea Hopf (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 51 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1. Problemstellung und Übersicht
1. 1 Gegenstand der Untersuchung
1. 2 Fragestellung bzw. Thesen
1. 3 Beschreibung der Vergleichsebenen
1. 4 Selektion und Dokumentation der Datenbasis
1. 4. 1 ISSP-Studie „National Identity 1995“
1. 4. 2 ISSP-Studie ,,National Identity 2003“

2. Theoretischer Hintergrund
2. 1 Selektion der Originaltexte (Stützpunkte unserer Arbeit)
2. 1. 1 Die Theorie der Sozialen Identität
2. 1. 2 Das theoretische Model von Blank und Schmidt (1993, 2003)
2. 2 Konzeptbildung: Nationale Identität, Nationalismus, konstruktiver Patriotismus und Fremdgruppenabwertung
2. 2. 1 Nationale Identität
2. 2. 2 Nationalismus
2. 2. 3 Konstruktiver Patriotismus
2. 2. 4 Fremdgruppenabwertung
2. 3 Pfaddiagramm des theoretischen Modells
2. 4. Explikation der Hypothesen
2. 5 Operationalisierung – Auswahl der Items in den Datensätzen
2. 5. 1 Nationale Identität
2. 5. 2 Nationalismus
2. 5. 3 Konstruktiver Patriotismus
2. 5. 4 Fremdgruppenabwertung
2. 5. 5 Alter
2. 5. 6 Geschlecht
2. 5. 7 Religiosität
2. 6 Tabellarische Zuordnung der Items und Skalen
2. 7 Gütekriterien der Messung
2. 7. 1 Objektivität
2. 7. 2 Reliabilität
2. 7. 3 Validität

3. Statistische Auswertung
3. 1 Faktorenanalyse
3. 2 Reliabilitätstest mit Cronbachs Alpha
3. 3 Deskriptive Auswertung
3. 3. 1 Häufigkeiten
3. 3. 2 Korrelationen
3. 3. 3 Mittelwerte und Standardabweichungen
3. 3. 4 Mittelwertvergleich (T-Test)
3. 4 Lineare bzw. multiple Regression

4. Ergebnisse (Hypothesenüberprüfung)

Schluss

Literaturverzeichnis:

EINLEITUNG

Wenn jemand in Deutschland sagt, er fühle sich als Patriot oder er sei gar stolz auf seine Nationalität, so wird er vermutlich heftige Kritik ernten. Dies ist in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Diese Tatsache ist vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht überraschend. Interessant ist aber, dass trotz des rasanten Prozesses des zusammenwachsenden Europas und einer medialen wie wirtschaftlichen Globalisierung die eigene Nation an Bedeutung gewinnt.

Wer sich mit einer politischen Gemeinschaft z.B. mit Deutschland identifiziert, dürfte auch daran interessiert sein, dass diese Gemeinschaft seinen Vorstellungen entspricht, d.h. nicht durch fremdenfeindliche Gewalt gekennzeichnet ist. Er bzw. sie sollte daher motiviert sein, sich politisch im Sinne einer Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb der Gemeinschaft zu engagieren. Es erscheint somit sinnvoll anzunehmen, dass es Formen von nationaler Identifikation – oder Patriotismus – geben kann, die aus einer demokratischen Perspektive positive, politisch erwünschte Auswirkungen haben können.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation war in den Jahren vor der Wiedervereinigung eher ein “Nicht-Verhältnis“. Die Frage, ob die eine gemeinsame Nation aus Bundesrepublik Deutschland und DDR noch bestehe, ließ einen sehr großen Teil sowohl der westdeutschen als auch der ostdeutschen Bevölkerung kalt. Sie war ein „Nicht- Thema“ für die meisten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.

Unsere Arbeit beschäftigt sich mit Nationaler Identität in Deutschland in einem Zeitvergleich. Unterdessen werten wir das Ausmaß an Nationalismus, konstruktivem Patriotismus und an der Fremdgruppenabwertung im Jahr 1995 und 2003 aus.

Unser Ziel war es ein tragbares Model zu diesem Thema zu finden, um mit seiner Hilfe bestimmte Fragen beantworten zu können.

Im ersten Kapitel beschäftigen wir uns mit der eigentlichen Problemstellung unserer Arbeit. In diesem Kapitel beschreiben wir auch kurz die ISSP – Studie „National Identity 1995“ und die ISSP – Studie „National Identity 2003“. Das zweite Kapitel heißt: Theoretischer Hintergrund. Wie schon der Titel verrät, geht es in diesem Kapitel unter anderem um die Selektion der Originaltexte und vor allem um die Konzeptbildung unserer Arbeit. Dieses Kapitel enthält auch die Vorstellung der von uns ausgewählten Hypothesen und die Beschreibung einiger von uns verwendeten Variablen. In dem dritten Kapitel, das statistische Auswertung heißt, geht es um die statistische Überprüfung unserer Hypothesen mithilfe der Faktorenanalyse, der deskriptiven Auswertung und mithilfe der Regression. Das vierte Kapitel beinhaltet die Ergebnisse, also die Überprüfung unserer Hypothesen. In unserem Schluss versuchen wir noch einige zusammenfassende Wörter zu unserer Arbeit zu finden.

1. Problemstellung und Übersicht

1. 1 Gegenstand der Untersuchung

Vor dem geschilderten Hintergrund können nun die Fragestellungen dieser Arbeit genauer formuliert werden: Es geht um die Frage, wie sich die Einstellungen der Deutschen zwischen den Jahren 1995 und 2003 geändert haben. Die Einstellungen messen wir anhand 4 Konstrukten (Nationale Identität, Nationalismus, konstruktiver Patriotismus und Fremdgruppenabwertung). Die nationale Identifikation ist förderlich für politisch-gesellschaftliches Engagement.

Durch die Vereinigung Deutschlands ist die Frage nach der nationalen Identität der Deutschen in den Mittelpunkt gerückt. Gerade die Vereinigung bedeutete für die Ostdeutschen einen Verlust an Kategorisierungen, die für ihre nationale Identität relevant waren. Die Ostdeutschen befinden sich in einem Spannungsfeld, das aus zwei konkurrierenden Identitätsangeboten besteht. Aufgrund der neu erworbenen Mitgliedschaft geht es für die Ostdeutschen nicht nur darum, neue Identifikationen zu entwickeln, sondern auch darum, ihre Stellung im Vergleich zu anderen Gruppen neu zu bewerten. Die Gegensätze zwischen Ost und West, die sich im Zwang der Aufgabe der Ostidentität und einer fast zwingenden Annahme der Westidentität ausdrücken lassen erwarten, dass sich die Formen nationaler Identität zwischen Ost- und Westdeutschen deutlich unterscheiden.[1]

Die Beantwortung dieser Fragen setzt zunächst einige begriffliche Klärungen voraus. Daher werden in Abschnitt 2 die Konzepte Nationale Identität, Nationalismus, konstruktiver Patriotismus und Fremdgruppenabwertung vorgestellt. Im Abschnitt 3 werden wir konkret auf die statistischen Auswertungen unserer Arbeit eingehen.

1. 2 Fragestellung bzw. Thesen

Anhand zwei Datensätzen ISSP 1995 und ISSP 2003 wollen wir unter anderem auf diese Fragen Antworten finden: a.) Welche Unterschiede gibt es in Deutschland zwischen den Jahren 1995 und 2003 hinsichtlich der emotionalen Bindung und der emotionalen Bewertung der Eigengruppe (Nationale Identität), des Nationalismus, des konstruktiven Patriotismus und der Fremdgruppenabwertung? b.) Welche sozialen Kategorisierungen zur Definition der Eigengruppe und zur Abgrenzung von Fremdgruppen werden vorgenommen (Fremdgruppenabwertung)? c.) Inwieweit werden ethnische Aspekte zur Eigengruppenbestimmung in Deutschland verwendet (Nationalismus)? Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Vergleich zwischen den zwei verschiedenen Erhebungsjahren 1995 und 2003.

Zusammengefasst postulieren wir an dieser Stelle folgende Thesen:

- H1: Die nationale Identität im Jahr 2003 ist im Vergleich zu 1995 gesunken.
- H2: Der Nationalismus im Jahr 2003 ist im Vergleich zu 1995 gestiegen.
- H3: Der konstruktive Patriotismus im Jahr 2003 ist im Vergleich zu 1995 gesunken.
- H4: Die Fremdgruppenabwertung im Jahr 2003 ist im Vergleich zu 1995 gestiegen.

1. 3 Beschreibung der Vergleichsebenen

In unserer Arbeit haben wir uns für den Zeitvergleich entschieden. Die Zeitspanne beträgt ca. acht Jahre und wir sind der Meinung, dass es in dieser Zeit durchaus zu Veränderungen kommen könnte. Uns interessiert, welche Veränderungen hinsichtlich der vier Konstrukte fanden in Deutschland im Vergleich zwischen den Jahren 1995 und 2003 statt.

1. 4 Selektion und Dokumentation der Datenbasis

Die hier[2] verwendeten Daten stammen aus zwei internationalen Umfragen (ISSP 1995 und ISSP2003). Bevor wir näher auf die einzelne Umfrageprogramme eingehen, möchten wir im Kurzen erläutern, was überhaupt das ISSP ist.

Das International Social Survey Programme (ISSP) ist ein internationales Umfrageprogramm, das seit 1985 existiert. Das ISSP erhebt jährlich in den beteiligten Ländern Befragungen zu sozialwissenschaftlich relevanten Themen, wie z.B. Rolle der Regierung oder nationale Identität. Da die einzelnen Themen in Abständen wiederholt werden, entsteht neben der Möglichkeit, international vergleichende Analysen durchzuführen, auch eine Zeitreihenkomponente für die Datenauswertung. Zwischen 1985 und 2006 ist das ISSP von 6 auf 42 Mitgliedinstitutionen angewachsen. Als General Social Survey werden ISSP nach der Erhebung und Dokumentation weltweit für Forscher frei zugänglich gemacht. Die internationalen Datensätze der einzelnen Jahrgänge und das jeweils zugehörige Codebuch werden im Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung Köln (ZA) aufbereitet und verwaltet.

1. 4. 1 ISSP-Studie „National Identity 1995“

Die Datenerhebung für die ISSP- Länderstudie zum Thema ,,National Identity 1995“ fand in Deutschland im Zeitraum vom 02. März bis Ende Mai 1995 statt. Die Daten wurden vom Feldforschungsinstitut Infratest, München und Infratest Burke, Berlin erhoben. Es wurden Personen ausgewählt, die schon an einer ALLBUS/ISSP Studie 1994 teilgenommen haben, zusätzlich wurden noch 132 18-Jährige Personen hinzugezogen. Die Personenauswahl im Jahr 1994 erfolgte durch eine zweistufige Zufallsauswahl. Jede ausgewählte Person bekam per Post einen Fragebogen, den sie selbständig ausfüllen musste und einen Rückumschlag, um den Fragebogen an das Institut zurückzusenden. Von den 3582 angeschriebenen Personen haben 1894 (W=1282; O=612)[3] an der Umfrage teilgenommen. Aufgrund einer Überpräsentation von Personen aus Ostdeutschland werden die Daten von Deutschland gewichtet.[4]

1. 4. 2 ISSP-Studie ,,National Identity 2003“

Die Datenerhebung für die ISSP-Länderstudie zum Thema ,,National Identity 2003“ in Deutschland fand im Zeitraum vom 02. 03. bis 12. 07. 2003 statt. Die Daten wurden vom Feldforschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung erhoben. Die Personenauswahl für die Studie erfolgte durch eine zweistufige Zufallauswahl. Grundlage waren, die von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellte Adressen und Namen von registrierten Personen, Einwohnern ab 18 Jahren, die in privaten Haushalten leben. Die ausgewählten Personen mussten in Anwesenheit eines Interviewers einen Fragebogen selbstständig ausfüllen. Demographische Daten wurden „face-to-face“ erfasst. Insgesamt haben von den 3189 ausgewählten Personen 1287 (W=850; O= 437) an der Umfrage teilgenommen. Aufgrund einer Überpräsentation von Personen aus Ostdeutschland werden die Daten von Deutschland gewichtet.[5]

2. Theoretischer Hintergrund

2. 1 Selektion der Originaltexte (Stützpunkte unserer Arbeit)

Ein Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Theorie der sozialen Identität von Tajfel (1978, 1979, 1986). Mit ihr lässt sich begründen, dass und warum die Identifikation mit dem Land zu Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit führen kann. Des Weiteren beziehen wir uns auch auf das Model von Blank und Schmidt (1993, 2003).

2. 1. 1 Die Theorie der Sozialen Identität

Die Theorie der Sozialen Identität nimmt an, dass das Selbstkonzept des Menschen zu wesentlichen Teilen auf der Zugehörigkeit zu sozialen Kategorien basiert und dass Menschen nach einem positiven Selbstwert streben und daher motiviert sind, positiv bewerteten sozialen Kategorien anzugehören.[6]

Die Bezeichnung Theorie der Sozialen Identität kann in einem weiten oder einem engeren Begriffsverständnis verwendet werden. Im weiteren Sinne bezeichnet sie den Social Identity Approach.

Zwar weist die Theorie der sozialen Identität (Tajfel, 1978) darauf hin, dass wir schnell dazu neigen andere Gruppen abzuwerten, um unsere eigene Gruppe ins rechte Licht zu rücken. Und zwar umso stärker, je mehr wir uns mit der eigenen Gruppe identifizieren.

Im Folgenden werden die Grundannahmen der Theorie der Sozialen Identität dargestellt. Insbesondere wird auf das Motiv nach positiver sozialer Identität und auf die verschiedenen Strategien zur Herstellung positiver sozialer Identität eingegangen. Die Darstellung erhebt auf Grund des hohen Grades an Differenziertheit der Theorie keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einen Überblick über die Theorie der Sozialen Identität inklusive ihrer Weiterentwicklungen sowie konzeptuellen und empirischen Probleme geben u. a. R. Brown (2000) und Ellemers, Spears und Doosje (1999b).

Die Theorie der Sozialen Identität geht auf ein klassisches Experiment von Tajfel, Billig, Bundy und Flament (1971) zurück. Die Autoren teilten ihre Versuchspersonen nach einem bedeutungslosen Kriterium, nämlich der Präferenz für einen bestimmten Künstler, in verschiedene Gruppen ein. Die Personen sollten dann Geldbeträge zwischen anderen Versuchspersonen aufteilen, wobei nur die Gruppenzugehörigkeiten der Zielpersonen bekannt waren. In dieser Studie und in weiteren so genannten Minimal Group-Experimenten wiesen die Versuchspersonen Personen, die der eigenen Gruppe angehörten, höhere Beträge zu als Personen, die einer anderen Gruppe angehörten, sogar wenn die Gruppenzuordnung für die Versuchspersonen erkennbar per Zufall erfolgte. Allein die Kategorisierung in zwei eigentlich belanglose Gruppen reichte also aus, um Differenzierungsprozesse zwischen Gruppen hervorzurufen. Das Experiment von Tajfel et al. (1971) hat eine enorme Menge an Forschung ausgelöst und zum Ausbau der Theorie der Sozialen Identität geführt.

Die Entstehung sozialer Identität ist nach Tajfel zentral mit dem Prozess des bewertenden Vergleichs von Eigengruppen und Fremdgruppen verbunden. Dieser Vergleich wird über soziale Kategorisierungen vollzogen.

Tajfel erweitert Festingers Theorie der relativen Vergleichprozesse, die besagt, dass soziale Vergleiche auch auf Intergruppenprozesse bezogen werden und somit indirekt zu einem positiven Selbstkonzept beitragen. Personen neigen deshalb auch zu Verzerrungen und Übersteigerungen solcher Vergleiche, denn die Herstellung von maximalen Unterschieden begünstigt ein positives Selbstkonzept.[7]

Die Theorie der Sozialen Identität ist nicht direkt relevant für die vorliegende Fragestellung, da sie sich auf Verhalten zwischen Gruppen bezieht. In dieser Arbeit geht es aber um das Verhalten innerhalb einer Gruppe, nämlich der Gruppe der Deutschen. Dennoch sind die Annahmen der Theorie, dass Menschen sich zu weiten Teilen über die Zugehörigkeit zu sozialen Kategorien definieren und dass sie nach positiver sozialer Identität – möglicherweise als Weg zur Reduktion von Ungewissheit – streben, sehr wichtig. Die Studien zum Konzept der sozialen Identität bzw. Identifikation aus einer teilweise differenziell-psychologischen Perspektive zeigen, dass hier Differenzierungsbedarf besteht.

Bedrohungen der sozialen Identität sind nicht auf Bedrohungen durch andere Gruppen beschränkt, sondern können auch aus der eigenen Gruppe erwachsen. Im vorliegenden Kontext heißt das: Fremdenfeindlichkeit als unerwünschte Tendenz stellt die positive Identität der Deutschen in Frage.

2. 1. 2 Das theoretische Model von Blank und Schmidt (1993, 2003)

Ein großer Teil unserer Arbeit stützt sich unter anderem auch an das theoretische Model von Blank und Schmidt (1993, 2003). Das Model geht davon aus, dass Nationalismus und Patriotismus 2 Dimensionen darstellen, die durch den Stolz auf unterschiedlichste Arten von Kollektivgütern definiert werden können. Nationalisten sind z.B. stolz auf sportliche und wirtschaftliche Erfolge sowie auf die Geschichte, Patrioten sind dagegen stolz auf das demokratische politische System und soziale Errungenschaften. Die Autoren fanden dass die Nationalismus-Items mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus korrelierten, die Patriotismus-Items aber nicht. In der Formel Nationalismus minus Fremdenfeindlichkeit und Inhumanität gilt Patriotismus als Tugend, Nationalismus zusammen mit extremer Fremdenfeindlichkeit als Katastrophe.

Immer wieder stützt sich unsere Arbeit auf dieses Model, vor allem bei der Beschreibung des Konstruktes „Nationalismus“.

Eine Frage dieser Arbeit richtet sich darauf, ob Patriotismus im Sinne einer positiven Gefühlsbindung an die Nation von einem ethnozentrisch übersteigerten, staatsgläubigen Nationalismus empirisch unterschieden werden kann. Die Analyse befasst sich jedoch nicht nur damit, ob sich Patriotismus und Nationalismus als unterschiedliche und unabhängige Einstellungsdimensionen feststellen lassen, sondern auch, ob sie mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Einstellungen verknüpft sind. Ist eine positive emotionale Bindung an die Nation ohne ethnischen Unterbau, d.h. ohne Feindbilder, Xenophobie und Selbstüberhöhung möglich? Und lässt sich ein Patriotismus feststellen, der sich an universalen Werten orientiert, wie an Bürgerrechten und demokratischen Prinzipien, denen auch Priorität über dem Wert Nation zugestanden wird?

Begriffe wie nationale Identität, Nationalismus, konstruktiver Patriotismus und Fremdenfeindlichkeit etc. werden in der Literatur oft in überschneidenden Bedeutungen verwendet oder vermischt. Eine genauere Darstellung der Begriffe, wie sie in unserer Arbeit verwendet werden, und ihre Operationalisierungen finden sich im Kapitel 2. 2 Konzeptbildung und im Kapitel 2.5 Operationalisierung.

2. 2 Konzeptbildung: Nationale Identität, Nationalismus, konstruktiver Patriotismus und Fremdgruppenabwertung

In der Politischen Psychologie und in anderen Bereichen der Wissenschaft finden sich Arbeiten, die aus einem differenziell-psychologischen Blickwinkel Orientierungen gegenüber der Nation oder dem Land untersuchen. Diese Arbeiten verwenden eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe, etwa Patriotismus, Nationalismus, nationale Identifikation, Nationalgefühle, nationales Commitment und nationale Involviertheit, mit teilweise unterschiedlichen Bedeutungen. Hier wird nicht der Versuch gemacht, die Begriffe einheitlich zu definieren, sondern wir wollen versuchen dadurch einen theoretischen Einstieg in unsere Arbeit zu schaffen.

2. 2. 1 Nationale Identität

Wenn man sich mit der Frage nach der nationalen Identität auseinandersetzt, stellt man schnell fest, dass der Begriff selbst nicht einfach zu fassen ist. Was genau ist nationale Identität? Welche Elemente fließen ein? Wie bildet sie sich heraus? Es sind verschiedene Interpretationen des Begriffs möglich. Allen gemeinsam ist zunächst, dass ein Bezug zu den Teilbegriffen des Nationalen und der Identität gegeben sein muss. Damit fangen aber bereits die Probleme an. Mit dem Begriff des Nationalen kann man die staatliche Dimension assoziieren, insbesondere wenn Staat und Nation gleichgesetzt werden. Neben territorialen, staatlichen Grenzen kann aber auch eine andere Form von Nation gemeint sein, also etwa eine ethnische Gemeinschaft. Keine geringeren Probleme stellen sich beim Begriff der Identität. Identität kann aus sich selbst heraus, aber auch in Abgrenzung zu anderen definiert sein.

In der soziologischen Tradition zum Begriff „Identität“ tauchen erstaunlicherweise viele Bestimmungen im Zusammenhang mit einer kollektiven Identität nur am Rande auf. Identitätsfragen beziehen sich in der Regel auf Probleme der individuellen Identität. Es geht zumeist um die Frage, wie sich das moderne Individuum überhaupt noch als besonderes in einer Massengesellschaft wahrnehmen kann. Eine Person stellt Identität über sich her, indem sie ihr Wissen, ihre Erfahrungen über sich selbst verarbeitet.[8]

Gewiss ist die Konstruktion nationaler Identitäten ein modernes Phänomen. Sie beginnt im Europa des späten 18. Jahrhunderts und gewinnt im Laufe zweier Jahrhunderte weltweite soziale und politische Bedeutung.[9] Identität im politischen Sinn wird vor allem an dem Begriff der politischen Legitimation festgemacht und fragt nach dem Grad der Zustimmung des einzelnen zur Regierung und zum Regierungssystem.[10]

Nationale Identität ist in den Massendemokratien von heute kaum noch primär an politischen Rechten und Pflichten des Bürgers, an Partizipation und Mitverantwortung ausgerichtet. Rituale der Massenkultur und Massenkonsum haben schon längst die Funktion der Legitimationssicherung des politischen Systems übernommen und steuern die Stimmung der Massen. In der unübersichtlich gewordenen Moderne vermitteln die Institutionen des Rechstaates kaum noch ein Zusammengehörigkeits- und Wir-Gefühl, das zwischen der Privatsphäre und der „offenen“ Gesellschaft eine Brücke zu schlagen vermag.[11] Kollektivgefühle seien aber notwendig, um moderne, anonyme Gebilde, wie Nationen sie darstellen, dem einzelnen vertraut zu machen, um soziale Räume, die nicht heimatlich sind, mit Sicherheits- und Vertrauensgefühlen zu belegen.

Die Institutionen des Bürgertums, also politische Öffentlichkeit und demokratische Partizipationsrechte, sind heute Teil der modernen nationalen Identität, die sich in Europa herausgebildet hat. Diese bürgerlichen Institutionen bilden die Grundlagen des Vertrauens in die gemeinsame Nation, das sie Freiheit von politischer Willkür sowie soziale Rechte garantieren.

Nationale Identität gilt als eine spezifische form der kollektiven Identität, die dadurch charakterisiert wird, dass trotz der Anonymität und Flüchtigkeit sozialer Interaktionen in der modernen Gesellschaft ein gemeinsames Gefühl von Bindung besteht. Diese Bindung wird hauptsächlich über die Sprache als das primäre Medium der Kommunikation hergestellt. Das Sprechen derselben Sprache verweist auf gemeinsame kulturelle Elemente und Gemeinsamkeiten des Lebensstils, was wohl ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sich nationalistische Gefühle besonders stark auf die Sprachgleichheit richten. Durch gemeinsame Bräuche und Sitten, durch geteilte historische Erinnerungen kann die an sich kalte, unpersönliche moderne Gesellschaft mit Gefühlen belegt werden, so dass man sich mit den im Grunde fremden Anderen als gefühlsverbunden erlebt. Der Stolz auf nationale Errungenschaften, kulturelle Leistungen oder politische Eigenschaften des Systems bringt diese Gefühle zum Ausdruck.

Nationale Identität ist die Selbstinterpretation einer Ingroup. Historisch gewachsen ist sie ein Produkt früherer und gegenwärtiger Selbstdefinitionen. Als Teil der Alltagsselbstverständlichkeit, d.h. der nicht weiter hinterfragten Gegebenheiten des Lebens, treten Gefühle national-kollektiver Zugehörigkeit und ein gemeinsames nationales Selbstbild bestenfalls bei besonderen Anlässen ins Bewusstsein. Entsprechend schwierig ist es, dieses Bewusstsein im Fragebogen zu evozieren und von einem solchen abgehobenen Blickpunkt aus seine Dimensionen zu identifizieren. Bedeutungen, Merkmale und Besonderheiten des kollektiv geteilten Selbstbildes stellen zwar ein gemeinsames Vokabular dar, dennoch sind diese in Regionen, sozialen Schichten und Alterskohorten unterschiedlich gefärbt.[12]

Müller und Opp (2006) liefern in ihrem Buch über die Dynamik der regionalen und überregionalen Identifikation eine treffende Definition der regionalen Identität. Dies lässt sich aber auch sehr gut für die Nation verwenden. Sie beschreiben es folgendermaßen: Die Identifikation ist eine Beziehung zwischen einer Person und einer Gruppe oder Kategorie anderer Personen (z.B. eine Nation). Eine relativ starke Identifikation mit einer Nation, bedeutet eine relativ stark positive Bewertung der Nation. „Anstatt von Bewertung kann man auch sagen, dass sich eine Person mehr oder weniger stark mit einer Kategorie von Personen (oder mit einer Nation) verbunden fühlt oder dass eine Person eine mehr oder weniger starke affektive oder emotionale Beziehung bzw. Bindung hat.“[13]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nationale Identität den Zusammenhang zwischen subjektiver Identifikation mit der Nation und der emotionalen Bewertung der Nation als Ganzes bzw. bestimmter zentraler Merkmale und Kollektivgüter von Nationen umfasst.[14]

Dennoch lässt sich zusammenfassend erwarten, dass fremdenfeindliche Gewalt durch rechtsextreme Deutsche als unangemessen und bedrohlich für die nationale Identität angesehen werden kann, da Gewalt sicherlich allgemein anerkannten gesellschaftlichen Normen widerspricht. Besonders bei starker nationaler Identifikation könnte sich daraus eine Motivation ergeben, sich gegen Fremdenfeindlichkeit zu wenden und rechtsextreme Deutsche besonders abzuwerten.

2. 2. 2 Nationalismus

Der Vielzahl an Definitionen von Nationalismus entspricht eine ebenso große Zahl heterogener Operationalisierungen, die oft auch keinen erkennbaren Zusammenhang zu einem theoretischen Konzept aufweisen. Trotz einer kaum noch überblickbaren Literatur zu diesem Themenkreis ist Nationalismus ein empirisch nur schwach erforschter Bereich geblieben. In den empirischen Studien sind die Grenzen zu nahen Phänomenen unscharf; dieselben Indikatoren repräsentieren einmal Nationalismus, ein anderes Mal nationale Identität oder nationales Bewusstsein. Die am häufigsten verwendeten Indikatoren für Nationalismus sind Fragen nach der Minderbewertung anderer Nationen im Vergleich zur eigenen, überlegenen. Ebenso häufig findet man den Nationalstolz als Indikator von Nationalismus. In der Untersuchung zur nationalen Identität der Deutschen von Blank und Schmidt (1996) ist dagegen Stolz auf bestimmte Leistungen (Sozialstaat, Demokratie…) Indikator für einen positiven Patriotismus, während unter nationaler Identität eine hohe Bindung (gemessen als Liebe zum Vaterland, innere Gefühlsbindung an Deutschland…) verstanden wird. Als Nationalismus gelten hier die Fragen nach dem „Stolz auf die Geschichte“ des Landes, „Stolz auf Sporterfolge“, „Stolz, die Nr.1 in Europa zu sein. In anderen Untersuchungen wieder wird Nationalismus mit Einstellungen erhoben, die dem Ethnozentrismus-Konzept (nach Adorno et all. 1950) sehr nahe kommen. Zu Nationalismus zählen Aussagen, die nationalen Egoismus und nationale Überlegenheit gegenüber anderen Nationen oder Gruppen propagieren und unbedingte Ergebenheit und Verehrung der Nation oder der Gruppe verlangen.

[...]


[1] vgl. Blank, Thomas/Schmidt, Peter (1994): Nationale Identität, S. 202

[2] Quelle: http://www.gesis.org

[3] W= Westdeutsche; O= Ostdeutsche

[4] Gewichtungsfaktor ISSP 1995: Westdeutschland = 1.19520; Ostdeutschland= 0.591093

[5] Gewichtungsfaktor ISSP 2003: Westdeutschland=1,232524; Ostdeutschland=0,547722

[6] vgl. Tajfel, 1978; Tajfel & Turner, 1979, 1986

[7] vgl. Feshbach, Seymour/Kostermann, Rick (1989): „Toward a Measure of Patriotic and Nationalistic Attitudes“, S. 257 - 274

[8] vgl. Richter, Dirk (1996): Nation als Form, S. 142

[9] vgl. Eisenstadt, S.N.(1992): Die Konstruktion nationaler Identitäten in vergleichender Perspektive, S. 21

[10] vgl. Weidinger, Dorothea (Hrsg.) (2002): Nation – Nationalismus – Nationale Identität, S.87

[11] vgl. Weiss, Hilde/Reinprecht, Christoph (1998): Demokratischer Patriotismus oder ethnischer Nationalismus in Ost-Mitteleuropa?, S. 47

[12] vgl. Weiss, Hilde/Reinprecht, Christoph (1998): Demokratischer Patriotismus oder ethnischer Nationalismus in Ost-Mitteleuropa?, S. 95

[13] vgl. Kurt Mühler/Karl-Dieter Opp (2006): Region – Nation – Europa. Die Dynamik regionaler und überregionaler Identifikation, S. 18

[14] vgl. Schmidt, Peter (1998): Nationale Identität, Nationalismus und Patriotismus in einer Panelstudie 1993, 1995 und 1996, in: Meulemann, Heiner (Hrsg.): Werte und Nationale Identität im vereinten Deutschland, S. 270

Details

Seiten
51
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640167999
ISBN (Buch)
9783640173372
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114700
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Politikwissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Nationale Identität Deutschland Zeitvergleich Empirische Sozialforschung

Autoren

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