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Utopien und Industrielle Revolution

Frühe Sozialisten in Frankreich: Claude-Henri de Saint-Simon (1760-1825)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 32 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Claude-Henri de Saint-Simon: sein Leben und seine Zeit aufgeführt anhand einzelner Stationen
2. 1 Abstammung und Jugend
2.2 Saint-Simon als Offizier in Amerika
2.3 Kanalbauprojekte in Mexiko und Spanien
2.4 Die Französische Revolution
2.5 Studien und Eheschließung
2.6 Die Zeit nach der Jahrhundertwende: vom Clochard zum erfolgreichen Publizisten
2.7 „L’Industrie“ und andere von Saint-Simon herausgegebene Serien in den Jahren 1816 bis 1820
2.8 Die letzten Lebensjahre

3. Einführung in sein Werk und dessen Intentionen am Beispiel der „Briefe eines Genfer Einwohners an seine Zeitgenossen“

4. Schlußbetrachtung

5. Chronologische Übersicht

6. Die wichtigsten Schriften Saint-Simons (in Auswahl)

7. Bibliographie

1. Hinführung

„Was kann schöner, des Menschen würdiger sein, als daß er seine Leidenschaft auf das Ziel der Mehrung seiner Erkenntnisse richtet. Glückliche Augenblicke sind nur jene, in denen der Ehrgeiz Größe und Ruhm allein im Erwerb neuer Erkenntnisse erblickt und von unreinen Quellen, aus denen er seinen Durst zu löschen pflegte, abläßt.“[1]

Diese Worte stammen von Claude-Henri de Rouvroy, Comte de Saint-Simon (17. Oktober 1760 bis 19. Mai 1825). Als utopischer Sozialist widmet Saint-Simon sein Leben der Planung einer neuen und besseren Gesellschaftsordnung. Not und Elend zu Anfang des 19. Jahrhunderts veranlassen utopische Sozialisten wie die Franzosen Saint-Simon und Charles Fourier oder den Engländer Robert Owen dazu, Mißstände aufzudecken und zu verurteilen.[2]

„Saint-Simon gehört zu jenen Autoren, die viel zitiert und wenig gelesen werden“, schreibt Rolf Peter Fehlbaum.[3] Probleme in der Forschung sind daher unvermeidlich. Die Unübersichtlichkeit seines Gesamtwerkes macht eindeutige Zuordnungen fast unmöglich. Ideologen aller Richtungen verwenden seine Aussagen für ihre Vorhaben. In den Augen der Zeitgenossen gelten Saint-Simon und die nach ihm gegründete sektiererische Verbindung der Saint-Simonisten als Außenseiter und finden entsprechend wenig Beachtung. Es scheint schwierig, sich dem Leben eines Mannes zu nähern, dessen Biographie, Werk und Sektengeschichte sich nicht immer klar voneinander abgrenzen lassen.

Aufgabe dieser Seminararbeit soll es sein, einen Weg zu finden durch den „Dschungel von Vergötzung und Diffamierung“.[4] Auf diese Weise wird versucht, dem Leben und den Intentionen dieses für den Sozialismus so prägenden Mannes gerecht zu werden. Überwiegend galt das Interesse der Forschung bisher mehr der Theorie seiner Arbeiten als den praktischen Erfahrungen seines Lebens. Desto interessanter wird es nun sein, diesen bedeutenden Mann in der Gestaltung seines Lebens kennenzulernen. Anhand einzelner Stationen können immer wieder Rückschlüsse auf sein Werk gezogen werden. Besonderes Gewicht wird hierbei den „Briefen eines Genfer Einwohners an seine Zeitgenossen“ (1803) zukommen: „Man könnte sagen, daß wir in dieser ersten größeren Publikation fast alle seine Grundgedanken schon in nuce finden. Diese Briefe sind ein `Programm´“, lautet das Urteil von Martinus Emge.[5]

Die bereits erwähnte „Sektengeschichte“ um die Anhängerschaft der Saint-Simonisten wird in dieser Arbeit eine weniger große Rolle spielen. „Sektenchef“ ist Saint-Simon niemals gewesen. Die Geschichte der Saint-Simonisten beginnt erst mit seinem Sterben.[6] Ihr oft übertrieben erscheinender Überschwang und ihre Extravaganzen verlockten lange Zeit zu der Schlußfolgerung: wie die Jünger, so ihr „Meister“. Daß die Saint-Simonistische Schule bereits im Jahr 1832 mit der Inhaftierung ihres Führers Barthélémy-Prosper Enfantin ein Ende fand, wurde dabei wenig beachtet. Heute ist die Forschung so weit, mit Recht einen scharfen Trennungsstrich zwischen Saint-Simon und den schwärmerischen Lehren seiner Anhänger zu ziehen.[7]

Die Literaturlage kann dabei als einigermaßen gut gelten. Ein Sammelsurium aus fragmentarischen Arbeiten und Textfetzen, Prospekten und Korrespondenzen haben den Wissenschaftlern den Zugang zu seinem Werk nicht leicht gemacht. Einen guten Überblick über das Leben und Werk von Claude-Henri de Saint-Simon bietet die Biographie von Martinus Emge. Einfühlsam geht er auch auf das menschliche Werden dieser Persönlichkeit ein. Als weitere wichtige Autoren im Zusammenhang mit dem Frühsozialismus sind Frits Kool und Werner Krause zu nennen, die bereits in den frühen siebziger Jahren ein einschlägiges Werk mit Quellenbeispielen zu dem Thema verfaßt haben.

Inwieweit sich Leben und Werk Saint-Simons gegenseitig beeinflußt haben und wie er seine Thesen entwickelt hat, soll in der folgenden Arbeit genauer besprochen werden.

2. Claude-Henri de Saint-Simon: sein Leben und seine Zeit aufgeführt anhand einzelner Stationen

2.1 Abstammung und Jugend

Ist man zu Anfang mit der Biographie Claude-Henri de Saint-Simons, „einem der bedeutendsten Vorläufern des Sozialismus“[8], konfrontiert, ergeben sich vielfältige Schwierigkeiten. Nicht immer sind die mehrfach nacherzählten Anekdoten mühelos von der Realität zu unterscheiden. Die Lebenswege vieler Personen, die ihn maßgeblich beeinflußt haben, verlaufen im Sande. Selbst seine autobiographischen Skizzen können keinen näheren Aufschluß geben. Oft geht der Autor hier allzu leicht über die Realität hinweg und macht dafür desto mehr von seiner Phantasie Gebrauch. Selbst sein Geburtsort Paris kann nicht mit zuverlässiger Sicherheit bestätigt werden. Ebenso besteht die Möglichkeit, daß Schloß Berny im Arrondissement Péronne, ein Landsitz der Familie, sein Geburtsort ist. Auch die von Saint-Simon und seiner Familie stets gepflegte Genealogie kann einer gewissenhaften Überprüfung nicht standhalten. Die Aussage, er stamme von Karl dem Großen ab, muß sich als Mythos erweisen. Lediglich zu Louis de Rouvroy, Duc de Saint-Simon läßt sich eine entfernte Verwandtschaft feststellen.[9]

Fest steht, daß er dem Sandricourt-Zweig der Familie Saint-Simon entstammt und eine standesgemäße Erziehung erhält.[10] In der Biographie von Mathurin Dondo ist nachzulesen, daß der junge Claude-Henri sich geradezu erdrückt fühle von seinen Lehrern.[11] Erst später öffnet sich sein Geist für die Gabe, über das Gelernte selbständig nachzudenken. Er schreibt, seine Erziehung sei von dem berühmten Philosophen, Mathematiker und Mitherausgeber der „Encyclopédie“, Jean de Rond D’Alembert, geleitet worden. Einige seiner Biographen zogen hieraus den Schluß, daß dieser bedeutende Mann tatsächlich als sein Hauslehrer angestellt war. Dies ist zu bezweifeln. Viel eher ist es wahrscheinlich, daß Saint-Simon mit dieser „Erziehung“ auf seine geistige Beeinflussung anspielt. Dementsprechend ist die „Encyclopédie“, deren erster Band am 28. Juli 1751 erscheint, mehr als ein „Alphabet des Wissens“.[12] Erst eine vollständige Kenntnis der Dinge, so Mathias Greffrath in seinem Artikel über die „Encyclopédie“, mache das Glück der Gesellschaft möglich.[13] Dieses Motto könnte auch über dem späteren Werk Saint-Simons stehen. Bereits in seiner Jugend ist das Interesse für Naturwissenschaften geweckt worden. Ihnen wird er sich später mit Begeisterung und Ausdauer widmen. Thilo Ramm dokumentiert den früh erwachten Arbeitswillen des jungen Grafen folgendermaßen: „’Stehen Sie auf, Herr Graf, denn Sie haben große Dinge zu vollbringen’ - diese Worte, mit denen sich der siebzehnjährige [...] Graf von Saint-Simon-Sandricourt wecken ließ, verraten das ungewöhnliche Selbstgefühl eines Menschen, der sich zu Großem berufen fühlte.“[14]

Zunächst haben weniger die geistigen als die militärischen Pflichten im Leben Claude-Henri de Saint-Simons Priorität. Wie in seiner Familie üblich, ist Henri für den Militärdienst bestimmt, was durchaus seinen Wünschen entspricht. Es ist allerdings ebenso möglich, daß er damit nur der „väterlichen Fuchtel“ zu entkommen sucht.[15] Er nimmt das Adelsprivileg in Anspruch und erhält ohne vorherigen Militärdienst als Sechzehnjähriger das Offizierspatent.

2.2 Saint-Simon als Offizier in Amerika

Immer stärker tragen die Spannungen zwischen den amerikanischen Kolonien und dem Mutterland zu der gegenseitigen Entfremdung bei. Vor allem in Fragen westlicher Siedlungsabsichten der Amerikaner und britischer Finanzzölle kann keine Einigung mehr gefunden werden. Der Konflikt führt zur bewaffneten Auseinandersetzung. Schließlich wird die von dem Advokaten Thomas Jefferson entworfene Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika am 4. Juli 1776 vom Kongreß gebilligt.[16] Knapp zwei Jahre später erkennt auch Frankreich den jungen Staat an. Ein Freundschafts- und Handelsvertrag wird abgeschlossen, worin sich die beiden Staaten als gegenseitige Verbündete bezeichnen. Kein Vertragspartner soll ohne Zustimmung des anderen den Krieg mit Großbritannien beenden dürfen.[17]

In diesem Zusammenhang greifen französische Truppen in das Kriegsgeschehen auf dem neuen Kontinent ein. Auch Henri de Saint-Simon ist als Offizier mit von der Partie. Auf dem Flaggschiff „La Couronne“ wird das Regiment mit Saint-Simon 1779 nach Übersee verfrachtet. Erst nach dem Friedensschluß von Versailles im September 1783 wird Saint-Simon wieder nach Europa zurückkehren. Bis auf wenige Wochen im direkten Kampfeinsatz verbringt er die Kriegsjahre in Amerika auf den französischen Antilleninseln. Gemäß der Weisung der französischen Regierung stehen der Schutz und die Erweiterung des eigenen Kolonialbesitzes an erster Stelle. Dennoch stilisiert er im nachhinein die wenigen Wochen im Kampfeinsatz als bedeutende Mithilfe im amerikanischen Freiheitskampf. Martinus Emge schreibt dazu: „[...] es ist mit Lebenserinnerungen wie mit anderen Erinnerungen: Die Zeit verändert sie, und wir brauchen deshalb nicht gleich den moralischen Zeigefinger zu erheben. Man erinnert sich an das, an was man sich erinnern will [...]“.[18] Zweifelsohne hat Saint-Simon Gesellschaftsstrukturen in den USA kennengelernt, die im Gegensatz zum Ancien Régime demokratische Züge enthalten. Dieses Vorbild eines idealen Staates wird sich in seinen späteren Schriften wiederfinden.

2.3 Kanalbauprojekte in Mexiko und Spanien

Im Spätjahr 1783 kehrt Claude-Henri de Saint-Simon in sein Heimatland Frankreich zurück. Dort stellt er sich zunächst am Hof Ludwig XVI. vor. Einige Monate später wird er zum Oberstleutnant befördert. Als stellvertretender Quartiermeister geht er nach Mézières, der Hauptstadt der Ardennenprovinz. Es ist möglich, daß er in seiner freien Zeit Kurse an der dortigen Militär-Ingenieurschule besucht hat. Diese Schule besitzt einen sehr guten wissenschaftlichen Ruf. Angesichts seiner späteren naturwissenschaftlichen Neigungen scheint ein Besuch der Ingenieurschule sehr wahrscheinlich. In seinen Schriften wird die Wissenschaft eine tragende Säule seiner neuen Gesellschaftsordnung sein.

[...]


[1] Claude-Henri de Saint-Simon: Briefe eines Genfer Einwohners an seine Zeitgenossen. In: Ausgewählte Schriften, hrsg. von Lola Zahn, Berlin 1977, S. 1-35, S. 4.

[2] Theoretisches Organ der KPD (Hrsg.): Die Welt begreifen und verändern. Entwicklung des Kapitalismus in England. Maschinenstürmer und Chartistenbewegung. Die utopischen Sozialisten, Stuttgart 1996, S. 51.

[3] Rolf Peter Fehlbaum: Saint-Simon und die Saint-Simonisten. Vom Laissez-Faire zur Wirtschaftsplanung, Tübingen 1970, S. 2.

[4] Martinus Emge: Saint-Simon. Einführung in ein Leben und Werk, eine Schule, Sekte und Wirkungsgeschichte, München 1987, S. 1.

[5] Ebenda, S. 100.

[6] Ebenda, S. 1.

[7] Die Saint-Simonistische Schule fand bereits im Jahre 1832 mit der Inhaftierung ihres Führers Enfantin ein Ende.

[8] Frits Kool und Werner Krause (Hrsg.): Die frühen Sozialisten, München 1972, S. 141.

[9] Louis de Saint-Simon zählt zu den prominentesten Memoirenschreibern der Weltliteratur, der den Hof Ludwigs XIV. und seine Zeitgenossen in einer über vierzig Bände umfassenden Darstellung schildert.

[10] Ebenda, S. 141.

[11] Mathurin Dondo: The French Faust Henri de Saint-Simon, New York 1955, S. 13.

[12] Mathias Greffrath: Welt, Geist, Glück. Das Lexikon als Handbuch der Befreiung: Vor 250 Jahren erschien in Paris der erste Band der Encyclopédie, in: Die Zeit 27 (28. Juni 2001), S. 84.

[13] Ebenda, S. 84.

[14] Thilo Ramm: Einleitung. In: Der Frühsozialismus. Ausgewählte Quellentexte, hrsg. von Thilo Ramm, Stuttgart [ohne Jahr], S. 22.

[15] Martinus Emge, S. 35.

[16] Günter Moltmann: USA Ploetz, Freiburg 1993, S. 63.

[17] Martinus Emge, S. 37.

[18] Martinus Emge, S. 42.

Details

Seiten
32
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640168002
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114702
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Utopien Industrielle Revolution Technik Gesellschaft Industriellen Thema Industrielle Revolution

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