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Die Geburt der Sozialen Marktwirtschaft

Welche Umstände beeinflussten Ludwig Erhard bei der Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft

Seminararbeit 2006 23 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Geschichtliche Einordnung
2.1.1 Nachkriegszeit
2.1.2 Zentralverwaltungswirtschaft
2.1.3 Wirtschafts- und Währungsreform 1948
2.2 Elemente der Sozialen Marktwirtschaft
2.2.1 Wirtschaftliche Grundfreiheit und Wettbewerbsfreiheit
2.2.2 Verteilungspolitik
2.2.3 Subsidiarität und Solidarität
2.2.4 Sozialversicherungen
2.2.5 Ludwig Erhards Auffassung von Sozialpolitik
2.3 Geistige Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft
2.3.1 Klassischer Liberalismus
2.3.2 Freiburger Schule und Ordo-Liberalismus
2.3.3 Christliche Soziallehre und die „Bekennende Kirche“
2.4 Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft
2.4.1 Ludwig Erhards politisches Engagement
2.4.2 Alfred Müller-Armacks Begriffdefinition
2.4.3 Ludwig Erhard setzt sich durch

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

5. Plagiatserklärung

1. Einleitung

„Soziale Marktwirtschaft – der historisch geglückte Versuch, die Freiheit auf dem Markt mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs zu vereinbaren.“ (Müller-Armack: 1989: 10) In den letzten Jahren wurden zunehmend Stimmen laut, die unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung – die Soziale Marktwirtschaft – als nicht länger zeitgemäß erachten. Besonders die Probleme mit dem deutschen Gesundheits- und Rentensystem, als Konzepte der Sozialen Marktwirtschaft, müssen erneut überarbeitet werden. Eine Gesundheitsreform ist auf dem Weg. Der berühmte Ausspruch Konrad Adenauers (1876-1967) im Jahre 1957 „Kinder bekommen die Menschen immer“ hat sich als fatal falsche Annahme entpuppt und somit besonders unser deutsches Gesundheits- und Rentensystem in Frage gestellt. Auch die finanzielle Unterstützung der 5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland wird zunehmend ein heikles Thema, das unsere Gesellschaft zu spalten droht. Denn Fakt ist, dass die Bevölkerungszahl sowie die Erwerbsquote in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten rückläufig ist und deshalb schwerwiegende Probleme in der Finanzierung unserer Sozialsysteme aufgetreten sind. (Illing: 2003: 170ff.)

Bei dieser Problematik drängen sich sensible Fragen auf: Welches Ziel haben die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft bei ihrer Einführung verfolgt? Waren die heutigen Probleme der Sozialen Marktwirtschaft nicht absehbar? Was unterscheidet dieses Konzept von anderen Wirtschaftsordnungen und warum hat man sich in den fünfziger Jahren – als die Soziale Marktwirtschaft konzeptionell erarbeitet und eingeführt wurde – für diese unkonventionelle Form entschieden, die man so in keinem anderen Land der Erde findet? War die Einführung dieser Wirtschaftsordnung der alleinige Verdienst Ludwig Erhards (1897-1977) oder welche Mitstreiter konnte er auf seiner Seite verbuchen? Welche politischen, religiösen und gesellschaftlichen Einflüsse brachten Ludwig Erhard zu seiner Überzeugung, dass nur die Soziale Marktwirtschaft die richtige Wirtschafts- und Gesellschaftsform für Deutschland sein könnte? Wie setzte er sich letztendlich gegen alle seine Widersacher durch?

Diese Seminararbeit liefert einen Überblick über das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, über ihre charakteristischen Elemente, geistige Grundlagen und ihre Gründerväter, kurz – über die Geburt der Sozialen Marktwirtschaft. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Person Ludwig Erhards gelegt, der als der geistige Konzeptionist und Umsetzer der Sozialen Marktwirtschaft gilt, und auf die Frage, welche Umstände und Gedanken ihn dazu brachten, das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zu entwickeln.

2. Hauptteil

2.1 Geschichtliche Einordnung

Um das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft verstehen zu können, müssen zunächst die geschichtlichen und politischen Umstände der vierziger und fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland erläutert werden.

2.1.1 Nachkriegszeit

Die Idee der Sozialen Marktwirtschaft manifestierte sich bereits während Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 hatte Deutschland seine „größte politische, militärische, wirtschaftliche und soziale Katastrophe erlebt.“ (Randak: 2003: 9) Unter anderem waren ca. 40 % der Deutschen unmittelbare Kriegsopfer geworden und 60 % der Bevölkerung waren unterernährt. Die Vorkriegskapazität der deutschen Wirtschaft war auf die Hälfte geschrumpft. (Randak: 2003: 9)

In den Nachkriegsjahren verlor das Geld fast vollständig an Kaufkraft und die Inflation stieg stetig an. Nur in Verbindung mit so genannten Lebensmittelkarten und Warenbezugsscheinen war das Geld noch etwas wert. Da niemand Lebensmittel und knappe Güter mehr gegen Bargeld eintauschen wollte, musste ein anderes Zahlungsmittel gefunden werden. Dies offenbarte sich in Form von amerikanischen und englischen Zigaretten, die nicht nur beliebig aufteilbar sondern auch wertbeständig waren. (Randak: 2003: 10)

Insbesondere, weil sich die Sowjetunion auf der einen Seite und die Alliierten auf der anderen Seite nicht über eine geeignete Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für Deutschland einig werden konnten, wurde zunächst die Zentralverwaltungswirtschaft des National- sozialismus beibehalten.

2.1.2 Zentralverwaltungswirtschaft

Die Zentralverwaltungswirtschaft, auch Planwirtschaft genannt, bestand bis 1948 in Deutschland und lässt sich durch verschiedene Merkmale charakterisieren.

Zunächst einmal bedeutet Planwirtschaft, dass der Markt, also Preis und Menge, nicht durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird, wie bei der Marktwirtschaft, sondern durch Vorschriften des Staates gelenkt wird. Dieser erarbeitet jährlich einen Zentralplan für die Wirtschaft. Den Unternehmen werden Produktionsvorschriften gemacht, indem sie nur in Kombination mit Bezugsscheinen Rohstoffe oder Ersatzteile erwerben können. Gleichzeitig werden Preise und Löhne durch den Staat festgelegt, wodurch die Einkommensverteilung durch den Staat stattfindet. Darüber hinaus erstellt der Staat eine gesamtwirtschaftliche Konsumplanung in Form von Rationierung sowohl von Nahrungsmitteln als auch von Verbrauchsgütern. Diese können nur durch Lebensmittelkarten und Warenbezugsscheine zusammen mit Bargeld erworben werden. (Randak: 2003: 18) Des Weiteren gehen mit der Planwirtschaft unsoziale Nebeneffekte einher:

„Die zentrale Verwaltungswirtschaft schafft ferner den Boden für ausgedehnte Korruption. Schließlich beseitigt sie nicht nur die Rechtssicherheit, sondern bewirkt einen Verfall der Rechtsidee überhaupt; denn ihre unzähligen Vorschriften können gar nicht restlos erfüllt werden.“ (von Bismarck: 1992: 68)

2.1.3 Wirtschaft- und Währungsreform

Im Mai 1947 wurde für die amerikanische und englische Besatzungszone ein „Vereinigtes Wirtschaftsgebiet“ geschaffen. Auch deutsche Politiker wurden nun von den Alliierten wieder an wirtschaftlichen und sozialen Fragen beteiligt. (Randak: 2003: 11) Im Juni 1948 wurde schließlich über den staatlichen Wiederaufbau in den drei westlichen Besatzungszonen entschieden und Mitbestimmungs- rechte wurden an deutsche Instanzen, besonders an den Wirtschaftsrat des „Vereinigten Wirtschaftsgebietes“, übertragen. Dessen Direktor wurde im März 1948 Ludwig Erhard. Das „Vereinigte Wirtschaftsgebiet“ umfasste nun die drei westlichen Besatzungszonen. (Randak: 2003: 11)

Wie bereits erwähnt war im Gegensatz zu Waren das Geld in Deutschland im Überfluss vorhanden. Die Nationalsozialisten hatten die Aufrüstungen und den Krieg mit dem Druck von zusätzlichen Banknoten finanziert. „Dadurch war das Geldvolumen von 56,4 Mrd. Reichsmark im Jahre 1938 auf 298 Mrd. Reichsmark im Jahre 1945 gestiegen.“ (Randak: 2003: 12) Da das Geld nun nichts mehr wert war, musste für eine Neuordnung der Wirtschaft eine Währungsreform im Westen durchgesetzt werden. Diese trat am 20. Juni 1948 in Kraft. (Randak: 2003: 13) Jeder Bundesbürger erhielt als „Kopfquote“ 40 Deutsche Mark in bar, weitere zwei Monate später nochmals 20 DM. Übriges Geld musste auf Bankkonten eingezahlt werden und wurde im Verhältnis 10:1 gutgeschrieben. (Randak: 2003: 14)

Durch diese Währungsreform wurde eine „wertbeständige, kaufkräftige Währung geschaffen. Die bildete eine wesentliche Voraussetzung für die Wiedergewinnung des Vertrauens der Bevölkerung in Markt und Wirtschaft.“ (Randak: 2003: 14) Die anschließende Aufhebung der staatlichen Bewirtschaftung und die Freigabe der Preise in Westdeutschland – beides durch Ludwig Erhard entscheidend beeinflusst – lieferten ihren Beitrag zum Vertrauen der Bürger in die Kaufkraft des neuen Geldes. (Kohl: 1996: XI) Im Zuge der Währungsreform wurden die Lager wieder gefüllt und die Produktion der Betriebe lief wieder an. Die Menschen gingen zur Arbeit,] da man wieder etwas für seinen Lohn konsumieren konnte. Die Voraussetzungen für die Abschaffung der Planwirtschaft waren geschaffen worden.

Die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft, allen voran Ludwig Erhard, planten „der Zentralverwaltungswirtschaft national- sozialistischen oder kommunistischen Typs ein marktwirtschaftliches Leitbild entgegenzusetzen.“ (Grosser: 1993: 9) Dieses war in den Nachkriegsjahren dringend erforderlich, da auch der Kapitalismus in den Augen der Bevölkerung kläglich versagt hatte. Zu frisch waren noch die Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 und die Unterstützung des Nationalsozialismus durch einige Unternehmer in den Köpfen der Deutschen. Den Gründervätern blieb „gar nichts anderes übrig, als sich vom Kapitalismus oder Wirtschaftsliberalismus viel deutlicher abzugrenzen, als es von der Sache her zutreffend gewesen wäre. Der von Erhards Staatssekretär Müller-Armack (1901- 78) geprägte Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ erwies sich als geradezu genial; denn damit konnte die Distanzierung vom Kapitalismus publikumswirksam gelingen.“ (Grosser: 1993: 10)

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Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640168897
ISBN (Buch)
9783640171859
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v114785
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – VWL Lehrstuhl
Note
2,0
Schlagworte
Geburt Sozialen Marktwirtschaft Economic History Europe Industrial Revolution

Autor

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