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Adam Smiths Moralphilosophie und der Utilitarismus

Seminararbeit 2008 17 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klassischer Utilitarismus

3. Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus und Smiths Moralphilosophie

4. Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen im Widerstreit

5. Die Bewirkung des größten Glücks der größten Zahl durch die natürlichen Gefühle

6. Ergebnisse

7. Literatur

1. Einleitung

Schon die ältere Forschung beschäftigte sich mit Adam Smiths Bedeutung für den Utilitarismus. So gab es eine Tradition, die Smith als Anhänger des Utilitarismus sah, weil er eine besondere Nähe zu den englischen Empiristen Hume und Hutcheson hatte, die als Vordenker des klassischen Utilitarismus gelten. Andere Forscher leiteten Smith Utilitarismus aus einer Vorläuferfunktion ab: Smith soll einige wichtige Positionen der klassischen Utilitaristen Bentham, Mill und Sidgwick begründet haben. Smiths Ruhm als Utilitarist war durch sein Spätwerk „der Wohlstand der Nationen“ bedingt. Denn dieses Werk begründet, wie eine Nation zu Reichtum gelangt. Es zeigt auf, welche Maßnahmen, wie zum Beispiel die Arbeitsteilung, in Hinsicht auf eine prosperierende Wirtschaft nützlich sind. Eben aus diesem Nützlichkeitsdenken folgerten die Forscher, dass Smith utilitaristisch geprägt sei.

Neben dieser Forschung, die Smith als Utilitaristen sieht, entwickelte sich ein weiterer Forschungszweig, der sich besonders mit seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (TMS) beschäftigte. Dieser Forschungszweig kam zu ganz anderen Ergebnissen, für diese Forscher – zu den auch Walter Eckstein gehörte – war Adam Smith kein eingefleischter Utilitarist. In der Einleitung seiner 1925 veröffentlichten

Übersetzung der TMS bemerkte er, dass sich Smith gegen einen zu weit ausufernden Utilitarismus wandte.1 Die folgende Arbeit möchte sich ebenfalls nur mit der TMS beschäftigen, um eine These zu erarbeiten, die sich an Eckstein Position anlehnt. Diese Arbeit wird zeigen, dass Smith innerhalb seiner TMS keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. An einigen Stellen seiner Arbeit werden verschiedene Prinzipien des Utilitarismus benutzt, um seine Argumentation verständlich zu machen, trotzdem kann daraus nicht gefolgert werden, dass Smith einen normativen Utilitarismus vertrat. Der Utilitarismus ist eben nicht die wesentliche Handlungsnorm innerhalb der TMS.

Um dieses Vorhaben durchzuführen, wird in folgender Weise vorgegangen werden: Zuerst soll ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus gegeben werden. Es sollen erst die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formulierungen dieser Ethik dargestellt werden. Danach werden einige ausgewählte Positionen – Bentham, Mill und Sidgwick – kurz dargestellt. Nach diesem einführenden Teil wird diskutiert, inwieweit Smith einen normativen Utilitarismus vertreten hat. Zunächst wird gezeigt, dass Smiths Moralphilosophie mit dem Utilitarismus nicht kompatibel ist. Dazu wird zunächst demonstriert, dass Smiths Sympathiekonzeption für den klassischen

Utilitarismus von belang ist. Daraufhin, werden Argumente vorgebracht, aus denen ersichtlich wird, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. So wird der Einfluss des Zufalls auf die Billigung von Handlung angesprochen. Außerdem wird auf die Probleme, die mit einem idealen Beobachte zusammen hängen, aufmerksam gemacht. Im nächsten Abschnitt der Arbeit werden die von Hume und Smith gemachten Gerechtigkeitsbegründungen diskutiert. Dabei wird auf die jeweilige Herleitung der Gerechtigkeit eingegangen. An Hand des Wachpostenbeispiels wird hervorgehoben, dass Smith einen explanatorischen Utilitarismus vertrat. Im letzten Teil der Arbeit wird dargestellt, dass Smith entgegen dem Utilitarismus eine Alternativbegründung formuliert hat, die die allgemeine Glückseligkeit aus den Handlungsmotiven (Selbsttäuschung und Streben nach Anerkennung) herleitet. Mit dieser Begründung wird die Auffassung der Utilitaristen, dass die Handlungsfolgen das größte Glück der größten Zahl bewirken können, zurückgewiesen.

2. Klassischer Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine Ethiktheorie, die sich mit den Beginn des 19. Jahrhunderts im angloamerikanischen Raum ausbreitete. Besonders im englischsprachigen Raum wurden verschiedene Fassungen des Utilitarismus diskutiert. In Kontinentaleuropa setzte sich der Utilitarismus zunehmend nach den zweiten Weltkrieg durch. Da es verschiedene Formulierungen des Utilitarismus gibt, folgt zunächst ein allgemeiner Überblick über den klassischen Utilitarismus. Neuere Konzeptionen, wie der Präferenzutilitarismus von Hare, der Regel- und Aktutilitarismus bleiben im Folgenden unerwähnt.2

(eine) hedonistische

Wertbasis, (einen) Gleichheitsgrundsatz,

(eine)

Maximierungsstruktur und (ein) Kalkülisierungsideal“.3 Durch seine

OTT führt fünf wesentliche Merkmale des Utilitarismus an, so zeichnet sich Utilitarismus durch Folgendes aus: er besitzt eine „konsequentialistische Orientierung, konsequentialistische Grundstruktur hängt die moralische Beurteilung einer Handlung stark von den Handlungsfolgen ab (konsequentialistische Orientierung). Damit steht der Utilitarismus im Gegensatz zu den deontologischen Ethiken, die den Wert einer Handlung vornehmlich aus den Handlungsmotiven ableitet. Wenn nun die moralische Beurteilung einer Handlung von ihren Handlungsfolgen abhängt, so muss es ein Verfahren geben, nach welchen die Konsequenzen einer Handlung beurteilt werden. Da der Mensch grundsätzlich das Vermögen hat Schmerz oder Freude zu empfinden4, braucht der Utilitarist nur den Schmerz oder das Leid der Betroffenen zu messen (hedonistische Wertbasis). Der Schmerz und das Leid der Betroffenen wird aufsummiert. Bei der Berechnung dieser Summe wird jeder Betroffene nur einmal berücksichtigt (Gleichheitsgrundsatz). Einige Utilitaristen gehen bei dieser Summierung davon aus, dass die unterschiedliche Qualität und Quantität des Leides und der Freude mit berücksichtigt werden soll.

Eine Handlung wird von den Utilitaristen besonders dann gebilligt, wenn sie besonders nützlich ist. Der Nutzen einer Handlung wird dabei als Summe von Glückszuständen verstanden. Diese Glückszustände wiederum sind die durch die Handlung bewirkten Freuden bei den Betroffenen.5 Bei der Beurteilung des Nutzens einer Handlung können je nach Spielart des Utilitarismus verschiedene Parameter berücksichtigt werden. So gibt es einige Ethiker, die es für zulässig halten, dass die bewirkten Freuden und die bewirkten Leiden gegeneinander aufgerechnet werden. Andere Moraltheoretiker fragen bei der Beurteilung nach dem Maximalnutzen oder den Durchschnittsnutzen, den die Betroffenen aus der Handlung erhalten (auch Ausdruck des Kalkülisierungsideals). Eine Handlung ist dann nützlich, wenn sie den meisten Nutzen für die Betroffenen bewirkt. Optimal ist das Verhältnis zwischen Handlung und Nutzen, wenn die Handlung möglichst wenig Leid und viel Freude verursacht (Maximierungsstruktur).

Nach diesem kurzen Überblick über die Gemeinsamkeiten des Utilitarismus sollen kurz die wichtigsten Positionen des klassischen Utilitarismus dargestellt werden. Bentham gilt als Erster, der das utilitaristische Prinzip formuliert hatte. Für ihn hatte der Utilitarismus eine sozialreformatorische Seite. So sollten die Gesetze in Großbritannien so beschaffen werden, dass sie dem größten Glück der dort lebenden Bürger dienlich waren. Neben einer umfassenden Reform der Gesetze sollte auch das Gefängniswesen nach dem Panopticon-Prinzip erneuert werden. Der Hintergrund dieser

Modernisierungen war, dass Bentham nicht das individuelle Wohl befördern wollte, sondern dass größte Glück der größten Zahl bewirken wollte.6

Mill gehörte zu denjenigen Utilitaristen, die sich intensiv mit der Qualität und der Quantität von Lust- und Unlustempfindungen befassten. Er modifizierte den Utilitarismus, sodass auch die Qualität der Empfindungen bei der Beurteilung des Handlungsnutzens mit berücksichtigt wurde. So ging er davon aus, dass von zwei Freuden, derjenigen Freude, Vorzug zu geben sei, die die Beliebteste der breiten Masse sei. Mill zufolge waren die Freuden der breiten Maße genau die Freuden, die dem Idealen des Bildungsbürgertums entsprachen. Vermutlich um sich gegen den Einwand zu schützen, dass er eine hedonistische Ethik, die stark von „animalischen Freuden“ der breiten Maße geprägt sei7, betreibe, orientierte er sich deshalb an den Idealen des Bürgertums.8 Einige Kritiker Mills folgerten daraus, dass Mill auch als Begründer der

„Ethik des Genussmenschen“9 gesehen werden kann. In einer solchen Ethik würde „ein Haufen glücklicher Schweine besser (da stehen) als ein unglücklicher Sokrates“.10

Sidgwick aktualisiert den Utilitarismus dahin gehend, dass er nicht mehr von Lusterhöhung und Unlustvermeidung spricht, sondern er führt dem Begriff der Präferenzen ein. Für ihn sind Präferenzen die hypothetischen Interessen der von Handlung betroffenen Personen. In Anlehnung an Benthams Prinzip der Beförderung des „größten Glücks der größten Zahl“ geht Sidgwick Pauer-Studer zufolge davon aus, dass eine bestmöglichste Erfüllung der Präferenzen aller Betroffener erstrebenswert sei.11 Sidgwick zufolge neigt der Mensch aus Intuition zur utilitaristischen Ethik.12

3. Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus und Smiths Moralphilosophie

Im Folgenden wird dargestellt, dass Smiths Ethik und der Utilitarismus nicht kompatibel sind. Zunächst wird kurz auf die Quellen der moralischen Billigung bei Smith und bei den Utilitaristen eingegangen. Dann wird gezeigt, dass für einen Utilitaristen das Sympathievermögen wichtig ist, da es zur „Wahrnehmung“ der Gefühle der Betroffenen dient. Hier scheinen sich die beide Ethiken zu ähneln. Auf den zweiten Blick kommt es zu Spannungen zwischen den beiden Ethiken, da Smiths unparteiischer Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Handlungsfolgen oder alle denkmöglichen Situationen wahrnehmen kann. Außerdem wird deutlich, dass der Zufall auf die Gefühle einen entscheidenden Einfluss hat, der es den Utilitaristen unmöglich macht, die konkreten Gefühle der Betroffenen zu deuten.

Für Smith hängt die moralische Billigung einer Handlung von den sympathetischen Gefühlen für diese Handlung ab. Für die moralische Billigung einer Handlung gibt es vier mögliche Wege. So können wir erstens mit den Beweggründen des Handelnden sympathisieren, zweitens können wir Mitgefühl mit den Betroffenen der Handlung haben (zum Beispiel: Dankbarkeit oder Teilnahme an Vergeltungsgefühle des Betroffenen), drittens empfinden wir „den Grad der Übereinstimmung beider Gefühle mit demjenigen, was in dieser Situation gemeinhin als Gefühl angemessen erscheint (Schicklichkeit)“ und viertens bewundern wir in diesem Handeln den Beitrag zur natürlichen harmonischen Ordnung der Gemeinschaft.13. Neben diesen vier Möglichkeiten werden keine weiteren Faktoren in der TMS genannt, wie Smith zufolge eine Handlung moralisch beurteilt werden kann. Diese Auffassung über die moralische Billigung von Handlungen steht der Position Benthams gegenüber. Für Bentham lässt sich die moralische Billigung einer Handlung nur durch die Nutzenkalkulation bestimmen.14

Auf den ersten Blick scheint es, dass Smiths Ethik überhaupt keinen Bezug zum Utilitarismus hat. Jedoch ist es gerade für die Abschätzung des Nutzens, dass heißt für die guten und schlechten Folgen einer Handlung, bedeutsam, wenn Rücksicht auf die Lust- bzw. Unlustgefühle der Betroffenen genommen wird. Somit ist es für den Utilitaristen ebenfalls sinnvoll Sympathie für die Betroffenen zu empfinden15, andernfalls wäre eine Wahrnehmung der Unlust- und Lustgefühle der Betroffenen unmöglich. Es scheint, dass der Utilitarismus zum Teil auf der Ethik Smiths aufbaut. Solch eine Ethik aber bräuchte einen Beurteilenden, der ein riesiges Einfühlungsvermögen und Wahrnehmungsvermögen hat, um sich in alle Betroffenen hineinzuversetzen. Außerdem müsste sich alle Handlungsfolgen eindeutig abschätzen lassen.

[...]


1 Eckstein X, LXVI

2 HÖFFE weist daraufhin, dass der Utilitarismus besonders in Deutschland wenig rezeptiert wurde. Vgl. HÖFFE: 1992, S. 8.

3 Vgl. OTT: 2001, S. 97.

4 Vgl. OTT: 2001, S. 98f. Vgl. HÖFFE: 1992, S. 16. Diese Ansicht wird dadurch begründet, dass der Mensch von Natur aus Leid vermeidet und nach Lust strebt. Diese anthropologische Grundhaltung entspricht auch den Gefühlen des Smithschen Zuschauers, wenn er mit sozialen Affekten eher sympathisiert als mit unsozialen Affekten.

5 Vgl. OTT: 2001, S. 101.

6 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 33.

7 Solche Affekte könnten hemmungslose sexuelle Lust (Ebenso „würde eine utilitaristisch geprägte Sexualmoral, die Aufforderung beinhalten, das Ausmaß der Geschlechtslust zu maximieren, (…) da Sexualität eine Quelle von >> pleasure <<“ sei. Vgl. OTT: 2001, S. 110.), aber auch riesigen Fressgelage sein. Smiths führt jedoch an, dass genau mit solchen Affekten kaum Sympathie möglich sei, da „wir körperliche Begierden anderer nicht nachfühlen können“7 (Vgl. ANDREE: 2003, S. 59.) Auch würden diese Affekte, wenn sie übermäßig sind, „Widerwillen, den wir gegen diese körperlichen Begierden empfinden“, auslösen (Vgl. TMS: 2004, S. 34.). Wenn die Zielstellung dieser hedonistisch geprägten Ethik auf wenig Sympathie durch den Zuschauer hoffen darf, so ist es auch verständlich dass Smith mit dieser Ethik des Genussmenschen nicht sympathisieren kann.

8 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 35.

9 Vgl. HÖFFE: 1992, S. 22.

10 Vgl. OTT: 2001, S. 103.

11 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 36.

12 Vgl. HÖFFE: 1992, S. 26 und PAUER-STUDER: 2003, S. 36.

13 Vgl. AßLÄNDER: 2007, S. 99; RAPHAEL: 1991, S. 50 und ANDREE: 2003, S. 185.

14 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 33?.

15 RAWLS weist daraufhin, dass „das Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen“ ein wichtiger Bestandteil der Utilitaristischen Ethik ist. Vgl. RAWLS: 1979, S. 45.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115059
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Adam Smiths Moralphilosophie Utilitarismus Smith Theorie Gefühle“

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