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Angst und Angstkontrolle von Kindern beim Klettern

Examensarbeit 2008 110 Seiten

Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in die Angstthematik
2.1 Definition und Konzeption von Angst
2.2 Angst als Konstrukt
2.3 Arten der Angst
2.3.1 Furcht
2.3.2 Phobie
2.3.3 Panik
2.4 Angstsymptome
2.4.1 Körperliche Kennzeichen
2.4.2 Kognitive Kennzeichen
2.4.3 Behaviorale und motorische Kennzeichen
2.4.4 Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit
2.4.5 Funktion der Angst

3 Theorien zur Entstehung von Angst
3.1 Psychoanalytischer Ansatz
3.2 Behavioristischer Ansatz
3.3 Kognitiver Ansatz
3.4 Eigenschafts- Zustands-Angstmodell
3.5 Fazit

4 Trendsportart Klettern
4.1 Begriffsbestimmung
4.2 Entwicklung des Kletterns
4.3 Leistungsfaktoren beim Klettern
4.4 Unterschiedliche Formen des Klettersports
4.4.1 Bouldern
4.4.2 Sportklettern
4.4.3 Alpines Sportklettern
4.4.4 Free-Solo-Klettern
4.5 Klettern mit Kindern
4.5.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
4.5.2 Bedeutung des Kletterns für die kindliche Entwicklung

5 Angst beim Klettern
5.1 Bedeutung der Angst beim Klettern
5.2 Ausdrücke der Angst beim Klettern
5.3 Angst als leistungslimitierender Faktor beim Klettern
5.4 Angst als Schutz beim Klettern

6 Methoden zur Angstkontrolle beim Klettern
6.1 Wissenschaftliche Verfahren
6.1.1 Entspannungstechniken
6.1.2 Kognitive Techniken
6.1.3 Systematische Desensibilisierung
6.2 Naive Techniken
6.2.1 Strategie der kleinen Schritte
6.2.2 Konfrontationsmethode
6.2.3 Beobachten einer Vorbildperson
6.2.4 Aufmerksamkeitsregulation
6.2.5 Akzeptieren und Verbalisieren
6.2.6 Versagen erlauben
6.2.7 Positive Rückmeldung
6.2.8 Transparenz schaffen
6.2.9 Fazit

7 Untersuchung zum Thema „Angst von Kindern beim Klettern“
7.1 Untersuchungsmethode
7.2 Kinder-Angst-Test-II
7.2.1 Testaufbau und allgemeine Merkmale der Tests
7.2.2 Auswertung der Tests
7.3 Charakteristik der Interviews
7.4 Durchführung der Untersuchung
7.5 Auswertung der Untersuchung
7.5.1 Analyse der Ergebnisse
7.5.2 Differenzen zwischen P-Form und R-Form
7.5.3 Vorkenntnisse und Kletterleistung
7.5.4 Merkmale des Klettersports
7.5.5 Angstursachen
7.5.6 Symptome der Angst
7.5.7 Möglichkeiten zur Angstbewältigung
7.6 Fazit

8 Zusammenfassung

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang

1 Einleitung

Klettern liegt im Trend! Immer mehr Menschen aller Alterstufen wagen sich in schwindelerregende Höhen und begeistern sich für den Sport in der Vertikalen. Klettern ist Inhalt von Erlebnisreisen, Attraktion bei Stadtfesten und kann heute als eine der beliebtesten Sportarten bei Kindern und Jugendlichen gesehen werden. Doch Klettern boomt nicht nur in der Freizeitsportpraxis. Auch Pädagogen und Therapeuten, Sporttrainer und Psychologen schenken dieser Sportart in jüngster Zeit vermehrt Aufmerksamkeit, was besonders an dem hohen Erlebniswert des Kletterns liegt.

Dass Klettern aber auch Risiken mit sich bringt, lässt sich nicht bezweifeln. Schon der Blick die Kletterwand hoch macht deutlich, dass Klettern in Bereichen stattfindet, die sich außerhalb des alltäglichen Rahmens befinden, was auf einige Menschen sicherlich abschreckend wirkt und Ängste hervorrufen kann, die dazu führen, dass sich von dieser Sportart ferngehalten wird.

Die Intention dieser Arbeit ist es, das Phänomen der Angst sowie seine besondere Bedeutung für die Sportart Klettern herauszustellen und in diesem Sinne Vorschläge für einen optimierten Kletterunterricht zu erbringen. Für diese Zielsetzung gliedert sich die Arbeit in zwei thematische Blö>

- Wie lässt sich Angst von Kindern beim Klettern erkennen?
- Welche Ursachen können Ängste haben?
- Welche Methoden sind geeignet, die Ängste der Kinder zu reduzieren?

Methodisch wird in dieser Arbeit hauptsächlich literaturwissenschaftlich vorgegangen. Die Darstellung der Angst, sowie spezieller Techniken zur Angstbewältigung, wird anhand von psychologischer, sportwissenschaftlicher und didaktischer Fachliteratur vorgenommen. Die Ergebnisse werden zum Abschluss (vgl. Kap. 7) von einer Untersuchung zum Thema der Arbeit ergänzt. Anhand dieser Erhebung kann ein Vergleich der Verhaltensweisen von hoch- und niedrigängstlichen Kindern vorgenommen werden, der Rückschlüsse für eine Verbesserung des Kletterunterrichts erlaubt.

Inhaltlich gliedert sich die Arbeit in sechs Themenblöcke, die im Folgenden kurz erläutert werden sollen:

Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet die Einführung in die Angstthematik. In Kapitel 2 wird zunächst eine Definition des Angstbegriffes geliefert, um das Phänomen wissenschaftlich zu bestimmen. Anschließend erfolgt eine differenzierende Darstellung der Angst, indem auf ähnliche Begriffe wie Furcht, Panik und Phobie eingegangen wird. Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine Darstellung der verschiedenen Symptome der Angst.

Nach der Klärung der verschiedenen Erscheinungsformen von Angst, beschäftigt sich das 3. Kapitel mit verschiedenen Ansätzen der Angstentstehung. Dabei werden einige der vorherrschenden Ansätze dargestellt und zur besseren Veranschaulichung werden die Theorien durch Beispiele aus dem Klettersport ergänzt.

In Kapitel 4 wird die Trendsportart Klettern genauer vorgestellt. Nach einer kurzen Begriffsbestimmung und einer Darstellung der historischen Entwicklung, werden die verschiedenen Erscheinungsformen der Sportart betrachtet. Dabei soll der Fokus immer auf der pädagogischen Arbeit mit Kindern liegen, die im Rahmen dieses Kapitels überprüft werden soll.

Im Anschluss daran erfolg eine Rückkehr zu dem Phänomen der Angst. Es soll nun unter dem spezifischen Aspekt der Angst beim Klettern betrachtet werden. Hier ist nach der Bedeutung und der Funktion der Angst zu fragen, bevor deren kletterspezifische Erscheinungsformen dargestellt werden.

Das 6. Kapitel liefert eine Übersicht der wichtigsten Methoden, mit Hilfe derer psychische Fähigkeiten verbessert werden können. Generell werden diese psychoregulativen Techniken nach wissenschaftlichen Verfahren aus der klinischen Psychologie und naiven, nicht-wissenschaftlichen Verfahren differenziert. Diese Techniken sollen gleichzeitig auf ihre Anwendbarkeit und praktische Durchführung beim Klettern mit Kindern überprüft werden.

Das Kapitel 7 bringt die erarbeiteten Erkenntnisse anhand einer empirischen Untersuchung mit der sportlichen Praxis in Verbindung. Dazu werden zunächst Aufbau, Methodik und Zielsetzung der Umfrage vorgestellt, bevor im Anschluss daran deren Auswertung vorgenommen wird. Die Ergebnisse der Untersuchung werden dann mit den Inhalten der vorherigen Kapitel abgeglichen, um herauszufinden, ob die Untersuchung neue Ergebnisse liefert, die in der Literatur bisher noch keine Beachtung gefunden haben.

Mit einer bilanzierenden Zusammenfassung hinsichtlich des aktuellen Stellenwertes des Phänomens der Angst beim Klettern schließt die vorliegende Arbeit im 8. Kapitel ab.

Der Einfachheit halber wird im Rahmen dieser Arbeit auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet, selbstverständlich ist aber im gesamten Text mit der männlichen Bezeichnung die weibliche immer impliziert.

2 Einführung in die Angstthematik

In der Alltagssprache kennt jeder das Wort Angst, denn es bezeichnet ein Phänomen, das uns überall begegnet. Möchte man jedoch eine wissenschaftliche Definition geben, stößt man auf erhebliche Schwierigkeiten. Zum einen werden in der Fachliteratur keinesfalls einheitliche Definitionen verwendet, zum anderen existiert eine ganze Reihe ähnlicher Begriffe, die ebenfalls zur Verwirrung beitragen. Im Folgenden soll versucht werden, die spezifischen Besonderheiten der Angst darzustellen und sie gegenüber anderen Begriffen wie Furcht, Panik oder Phobie abzugrenzen.

2.1 Definition und Konzeption von Angst

Der Begriff der Angst leitet sich von dem lateinischen Wort angustus ab, was so viel wie eng, beengend oder bedrückend bedeutet (vgl. Dorsch, 2004, 44). Der Wortursprung bringt Angst also mit dem Gefühl der Beengtheit und Bedrängung in Verbindung. Im Pschyrembel (2002), Klinisches Wörterbuch, wird Angst definiert als

„unangenehm empfundener, eine Bedrohung od. Gefahr signalisierender, emotionaler Gefühlszustand; erhält u. U. Krankheitswert, wenn sie ohne erkennbaren Grund bzw. inf. inadäquater Reize ausgelöst u. empfunden wird. Angst kann in unterschiedlichen Schweregraden auftreten und ist in der Regel begleitet von psychischen und physischen Symptomen“ (Pschyrembel, 2002, 79).

Angst wird hier als unangenehmer Zustand beschrieben. Es existiert eine große Anzahl von ähnlichen Definitionen der Angst. Eine besonders vollständige und praktische Definition liefern Hackfort & Schwenkmezger (1985, 19). Die Autoren definieren Angst als

„eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahren- oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen […]. Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestieren und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann“ (Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 19).

Angst ist also eine Emotion, die vom Gefühl her mit starker Beunruhigung, mit Beengtheit, Nervosität, einem flauen Magen, Unsicherheit und Anspannung einhergeht, was als sehr unangenehm empfunden wird (vgl. Schwarzer, 1981, 80). Die Gedanken sind dabei beherrscht von der Ungewissheit über das weitere Geschehen und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten. Von zentraler Bedeutung ist das Erleben des eigenen Kontrollverlustes (vgl. Nolting & Paulus, 2004, 104).

Generell lässt sich festhalten, dass Angst ein Gefahrensignal ist (vgl. Flöttmann, 1993, 15). Sie kann sowohl in Situationen auftreten, in denen eine reale Gefahr droht oder aber lediglich in unserer Phantasie entstehen. Angst ist somit nicht nur von situativen Faktoren abhängig, sondern auch von den Eigenschaften der Person. Die Angstemotion tritt normalerweise als Ergebnis von kognitiven Prozessen auf, was bedeutet, dass nicht nur die Stresssituation an sich die Angst auslöst, sondern erst deren subjektive Bewertung zu einem erhöhten Angstzustand führt (vgl. Stöhr, 1996, 10). Die Bedrohung kann durch Objekte, Ideen oder Werte entstehen und sich sowohl auf die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit als auch auf die Verletzung des Selbstwertes beziehen. Diese kognitiven Prozesse laufen oftmals unbewusst ab, allerdings entsteht im Laufe der Zeit ein verfestigtes Selbstmodell für eine Reihe von Anforderungssituationen, das als persönliche Disposition gespeichert wurde und bei wiederkehrenden Situationen automatisch abgerufen wird (vgl. Schwarzer, 1981, 80).

2.2 Angst als Konstrukt

Mit den oben gegebenen Beschreibungen kann versucht werden, sich der Empfindung der Angst sprachlich zu nähern. Allerdings bleibt Angst ein „hypothetisches Konstrukt“ (Sörensen, 1993, 3), eine Abstraktion, die zur Erklärung eines Phänomens dienen soll. Angst kann nur wahrgenommen und beschrieben werden, nicht aber unmittelbar beobachtet oder gemessen werden. Mess- und beobachtbar sind lediglich die Auswirkungen von Angst, nicht aber die Angst selbst. Registrieren kann man bestimmte Phänomene, beispielsweise dass jemand, sobald er in die Höhe klettert, anfängt zu zittern und zu schwitzen. Die Diagnose von Angst ist damit begrenzt auf den „bewusst erlebten Zustand, so wie er subjektiv interpretiert wird“ (Schwarzer, 1981, 82) und mit Hilfe von Fragebögen erfragt werden kann. Durch solche Fragen können Rückschlüsse auf die Angst ermöglicht werden, die allerdings keine generelle Validität besitzen, da sie nur über subjektive Interpretationen von Gefühlszuständen ermittelt werden können (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 13; Schwarzer, 1981, 82).

2.3 Arten der Angst

Angst ist eine Emotion und muss daher als komplexes Reaktionsmuster auf mehreren Ebenen verstanden werden (vgl. Hoyer & Margraf, 2003, 4), denn aus ihr resultieren sowohl kognitive, emotionale als auch körperliche Reaktionen (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1982, 370). Aufgrund der zahlreichen Überschneidungen mit angstähnlichen Zuständen ist es wichtig, das Phänomen der Angst von anderen damit eng zusammenhängenden Emotionen (Furcht, Phobie und Panik) abzugrenzen (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 14).

2.3.1 Furcht

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Angst und Furcht oft synonym verwendet. In der wissenschaftlichen Diskussion hingegen liegt eine Abgrenzung der Begriffe voneinander vor, die auf den Überlegungen des dänischen Philosophen Kierkegaard (1813-1855) beruht (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 7). Für ihn war Furcht immer auf etwas Konkretes bezogen, während Angst für ihn ungerichtet war (vgl. Kierkegaard, 1984, 42). Die Unterscheidung der beiden Begriffe wird darauf aufbauend nach dem Auslöser vorgenommen. „Angst vor einer bestimmten Gefahr wird als Furcht bezeichnet, während Angst als solche keinem Gefahrenmoment zuzuordnen ist“ (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 14). Furcht ist also eine gegenwartsbezogene, emotionale Reaktion, die sich durch starke Fluchttendenzen und eine Aktivierung des gesamten Nervensystems auszeichnet. Formen von Furcht sind zumeist nur von kurzlebiger Natur und ziehen keine intensiven oder anhaltenden Reaktionen nach sich (vgl. Essau, 2003, 17).

Hackfort & Schwenkmezger (1985) machen darauf aufmerksam, dass die Unterscheidung der Begriffe wegen ihrer mangelnden Praxisrelevanz umstritten ist, da bei der Messung physiologischer Angstreaktionen keine Zuordnung zu einem der beiden Phänomene vorgenommen werden kann. Außerdem erscheint eine Unterscheidung auch beim Klettern weder möglich noch hilfreich, da die beiden Emotionen meist kombiniert auftreten. Stattdessen ist es laut Boisen (1975) für die Praxis eher hilfreich, zu unterscheiden, ob es sich bei der Angst um einen situationsspezifischen oder um einen dauerhaften Zustand handelt.

Aus diesen Gründen erscheint eine Unterscheidung zwischen Angst und Furcht nicht relevant für das Thema der vorliegenden Arbeit und die beiden Begriffe werden folglich im weiteren Verlauf synonym verwendet.

2.3.2 Phobie

Während Furcht als normale Angstemotion verstanden wird, gibt es allerdings auch pathologische Erscheinungsformen, die sich aus Angst und Furcht entwickeln können.

Eine Phobie zeichnet sich durch den intensiven Wunsch aus, die gefürchtete Situation zu vermeiden und ruft bei Konfrontation mit der Situation große Angst hervor (vgl. Essau, 2003, 17). Eine Phobie unterscheidet sich in verschiedenen Punkten von einer Angst. Menschen, die unter einer Phobie leiden, können ihr Handeln nicht kontrollieren oder erklären und versuchen die gefürchtete Situation unter Aufbringung großer Kräfte zu vermeiden. Die Reaktion steht somit in keinem Verhältnis zu der real existierenden Gefahr, so dass diese für Außenstehende oft unverständlich oder lächerlich wirken (vgl. Dieterich & Rietz, 1996, 328). Eine Phobie ist zeitstabil und bleibt über einen längeren Zeitraum erhalten (vgl. Essau, 2003, 17). Ein bekanntes Beispiel für eine Phobie ist etwa die Höhenangst, die auch als „Akrophobie“ (Dorsch, 2004, 708) bezeichnet wird und beim Klettern von Bedeutung sein kann (vgl. Kap. 7.5.4).

2.3.3 Panik

Mit Panik oder Panikattacke bezeichnet man eine plötzliche, überwältigende Periode intensiver Angst, die vom Bewusstsein nicht mehr kontrolliert werden kann und zusammen mit den typischen Angstsymptomen auftritt (vgl. Dorsch, 2004, 680). Während bei der Phobie die Angstursache noch benannt werden kann, ist dies bei einer Panikattacke unmöglich, denn eine Panikattacke kann „aus heiterem Himmel“ (Margraf & Schneider, 1989, 10) auftreten. Häufig entwickelt sich eine Erwartungsangst vor der nächsten Attacke, eine „Angst vor der Angst“ (Brockhaus, 2001, 420), die als besonders belastend empfunden wird. Die Dauer einer Panikattacke schwankt von zwei oder drei Minuten bis zu einigen Stunden, in den meisten Fällen hält sie aber zehn bis dreißig Minuten an (vgl. Margraf & Schneider, 1989, 10).

2.4 Angstsymptome

Ängste äußern sich bei jedem Menschen und in jeder Situation unterschiedlich. Es gibt allerdings einige typische Anzeichen, die im Folgenden dargestellt werden sollen.

2.4.1 Körperliche Kennzeichen

Eine Person, die Angst empfindet, erlebt eine meist als unangenehm empfundene Erregung, verbunden mit Bewertungen und auf die eigene Person bezogenen Gedanken. Diese Aktivierung erfolgt ursprünglich mit dem Ziel, den gesamten Körper auf Kampf- oder Fluchtaktivitäten vorzubereiten (vgl. Essau, 2003, 14). Die Herzfrequenz steigt an, wodurch der Blutkreislauf beschleunigt wird. Durch die daraus resultierende, erhöhte Abgabe von Sauerstoff an das Gewebe wird der Körper in Aktionsbereitschaft versetzt. Die Atmung wird flacher und schneller, was Gefühle von Atemnot, Erstickungsgefühle oder Schmerzen in der Brust hervorrufen kann (vgl. Flöttmann, 1993, 5). Die Blutzufuhr zum Kopf kann abnehmen, dadurch können Schwindelgefühle, Sehstörungen und Erröten entstehen. Es kommt zu verstärktem Schwitzen, wodurch der Körper gekühlt wird. Die Pupillen weiten sich, um mehr Licht einzulassen, was zu getrübter Sicht oder zur Wahrnehmung kleiner Punkte vor den Augen führen kann. Der Speichelfluss nimmt ab, daher kann Mundtrockenheit auftreten. Eine Verringerung der Aktivität des Verdauungssystems kann zu Übelkeit führen, aber auch Harndrang und Durchfall können auftreten. Die Muskeln spannen sich an, was daran liegt, dass sich der Körper zum Kampf oder zur Flucht vorbereitet und was sich in Gefühlen von Anspannung, Schmerzen und Zittern äußern kann (vgl. Rethorst, 2006, 148).

2.4.2 Kognitive Kennzeichen

Die kognitiven Symptome sind von der Suche nach einer potenziellen Gefahr gekennzeichnet. Die Aufmerksamkeit zur Lösung der Aufgabe nimmt ab, es entsteht Unsicherheit darüber, wie mit bestimmten Situationen umzugehen ist, sowie Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft. Dazu gehören auch allgemeine Sorgen und die Angst, mit bestimmten Umständen nicht fertig zu werden (vgl. Essau, 2003, 16). Angst führt zu einer unterschiedlichen Informationsverarbeitung. Während leichte Angstgefühle eine optimale Aktivierung aller Systeme ermöglichen, führen intensive Ängste dazu, dass die Gedanken sich nicht mehr auf die Lösung der gestellten Aufgabe beziehen (vgl. Huggler & Zuber, 1995, 19). So haben Kinder mit Angststörungen[1] oftmals Schwierigkeiten, sich auf alltägliche Aufgaben zu konzentrieren, denn ihre Aufmerksamkeit ist auf die ständige Suche nach einer Bedrohung oder Gefahr gerichtet. Wird das kognitive System durch Angst aktiviert, führt das häufig zu Nervosität, Konzentrationsschwierigkeiten und Panik (vgl. Essau, 2003, 16).

2.4.3 Behaviorale und motorische Kennzeichen

Das Verhalten in angstbesetzten Situationen ist gekennzeichnet durch Flucht- und Schutzsuche. Bei Kindern kann sich das Vermeidungsverhalten in Form von Weinen,

Schreien oder Sich-Verstecken äußern, wie auch durch Anklammern und die Bitte an die Eltern, dem Kind zu helfen, um der gefürchteten Situation zu entkommen. Weitere Formen von Vermeidungsverhalten sind Ablenkung und Distanzierung. Dazu gehören beispielsweise Fingernägelkauen oder nervöses Rumspielen mit einem Gegenstand, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sowie die innerliche Distanzierung, bei der es zu Vor-Sich-Hin-Starren und innerlicher Isolation von der Umwelt kommen kann (vgl. Essau, 2003, 16). Typisches Vermeidungsverhalten im Sport ist das Vortäuschen einer Verletzung oder das Anbieten, Hilfestellung zu geben, um so aus der angstbesetzten Situation zu entkommen (vgl. Vormbrock, 1982, 382). Motorische Symptome sind dazu Verkrampfungen und unkoordinierte Bewegungen, sowie Störungen des Bewegungsrhythmus und Bewegungsflusses (vgl. Baumann, 1998, 236).

2.4.4 Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit

Auf Leistungen kann Angst unterschiedlich wirken. Mittlere Angst oder Spannung gilt als optimal aktivierend. Ist also die Angst wenig intensiv und werden die Anforderungen als schaffbar und beherrschbar eingeschätzt, wirkt Angst oft leistungssteigernd. Zu geringe oder zu hohe Angst, welche störende Kognitionen hervorruft, kann die Leistung aber mindern (vgl. Nolting & Paulus, 2004, 104).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammenhang zwischen Aktivierungsniveau und

Leistung (vgl. Schädle-Schardt, 2002, 44).

Allgemein kann festgestellt werden, dass hochängstliche Personen weniger leisten als Niedrigängstliche (vgl. Mandler & Sarason, 1952 in Schwarzer, 1981, 87). Dies scheint vor allem an der interferierenden Wirkung der Aufmerksamkeit zu liegen. Die ängstliche Person richtet den Großteil ihrer Aufmerksamkeit auf sich selber, anstatt auf die zu lösende Aufgabe, was durch die Teilung der Aufmerksamkeit zu einer verminderten Leistungsfähigkeit führen kann (vgl. Schwarzer, 1981, 87).

2.4.5 Funktion der Angst

Angst ist eine Emotion, der im Allgemeinen eine sehr negative Qualität zugeschrieben wird. Diese Sichtweise ist allerdings nur bedingt berechtigt. Angst kann im Sinne einer Leistungsbeeinträchtigung negativ sein, wenn eine allzu große Erregung kognitive und koordinative Vorgänge behindert. Angst hat andererseits auch eine wichtige Sicherungs- und Aktivierungsfunktion, indem sie uns in gefährlichen Situationen zu schnellen Reaktionen befähigt oder verhindert, dass wir uns Situationen aussetzen, die unseren Könnensstand übersteigen (vgl. Rethorst, 2006, 148). Außerdem muss Angst gerade beim Sport als ein „notwendiger Bestandteil beim Zustandekommen einer psycho-physiologischen Mobilisationsstufe betrachtet werden“ (Steiner, 1976 in Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 4), was zu gesteigerter Aufmerksamkeit führt und ungeahnte Kräfte freisetzen kann.

Aufgrund dieser engen Verbindung zwischen Angst und sportlichem Handeln kann es also nicht darum gehen, den Sport angstfrei zu gestalten, sondern es ist Aufgabe von Trainern, Lehrern und Übungsleitern, für ein erträgliches Maß an Angst zu sorgen, so dass die Schüler, Athleten u.a. lernen können, mit dieser Angst umzugehen, sie zu überwinden und überwältigen lernen (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 5). In Kap. 6 soll daher aufgezeigt werden, wie es möglich sein kann, die Angst durch entsprechende Maßnahmen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, so dass die positiven Funktionen dieser Emotion im Vordergrund stehen können.

3 Theorien zur Entstehung von Angst

Angsttheorien, Erklärungs- und Deutungsansätze reichen von Philosophen über Psychoanalytiker und Pädagogen bis zu spezialisierten Angst- und Stressforschern. Ebenso wie es keine allgemein gültige Definition oder Abgrenzung des Begriffs gibt, existiert auch keine einheitliche Theorie der Angst und Angstentstehung. Der wissenschaftliche Diskurs wird je nach Menschenbild von psychoanalytischen, behavioristischen und kognitiven Denkweisen gespeist. Im Folgenden sollen einige Theorieansätze erläutert werden, die allesamt für das Klettern von besonderer Bedeutung sind.

3.1 Psychoanalytischer Ansatz

Der wohl bekannteste und lange Zeit einflussreichste Theoretiker zu Angstphänomenen ist Sigmund Freud (1856-1939). Der Begründer der Psychoanalyse stellte zwei Angsttheorien auf, die viele Anregungen für weitere Forschungen gaben (vgl. Hoyer & Margraf, 2003, 7).

Freuds Auffassung über die Entstehung der Angst hat sich im Laufe seiner Arbeit verändert. In seiner ersten Angsttheorie 1894 ging er noch davon aus, dass Angst eine physiologische Reaktion auf die Unfähigkeit des Individuums sei, bei sexuellen Beziehungen zum Orgasmus zu gelangen (vgl. Krohne, 1996, 156). Er begreift, in seiner eher neurophysiologisch als psychologisch ausgerichteten Theorie, sexuelle Erregung als Ursache von Angst, wenn diese nicht entladen werden kann und dementsprechend verdrängt werden muss (vgl. Lazarus-Mainka, 2000, 19).

In seiner zweiten Theorie, die Freud 1926 veröffentlichte, wurde die Konzentration auf Triebe als Determinanten des Verhaltens aufgegeben, denn Angst ist hier nicht länger als ein Nebenprodukt des Aufstauens von sexueller Energie zu sehen (vgl. Krohne, 1996, 157). Der Angst wird jetzt eine „Signalfunktion zugeschrieben“ (Boisen, 1975, 9), die Abwehrmechanismen in Gang setzt und damit dieser Theorie den Namen Signaltheorie der Angst verleiht (vgl. Sörensen, 1993, 11). Bereits erlebte, traumatische Erfahrungen, so genannte Primärängste, wie beispielsweise das traumatisierende Erlebnis der Geburt, werden in einer Gefahrensituation in Erinnerung gerufen, wodurch sekundäre Ängste ausgelöst werden. Dadurch wird die Abwehroperation in Gang gesetzt, die vor der erneuten Auslieferung in die Gefahrensituation bewahren soll. Freud unterscheidet zwischen drei verschiedenen Arten von Sekundärängsten (vgl. Sörensen, 1993,13):

1. Realangst (Angst vor äußeren Gefahren)
2. Neurotische Angst (Angst vor triebbedingten Impulsen)
3. Moralische Angst (Gewissensangst, die als Schuldgefühl erlebt wird).

Um die Angst zu reduzieren und der Gefahr zu entgehen, entwickelt das Individuum Abwehrmechanismen, wie Verdrängung, Regression oder Leugnen (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 95). Diese Prozesse können einerseits zur konstruktiven Lösung von Gefahrensituationen beitragen, aber andererseits auch selbst zur Grundlage krankhafter Symptome werden (vgl. Boisen, 1975, 10).

Im Rahmen dieser Arbeit scheint die Theorie von Freud nicht weiter relevant zu sein. Es gibt allerdings Autoren (z.B. Aufmuth, 1988, 155), die die Ansicht vertreten, dass die unbefriedigten sexuellen Bedürfnisse unter anderem das unbewusste Motiv zur Ausübung des Klettersports darstellen. Aufmuth (1988) sieht im Klettersport eine Möglichkeit, sexuelle Lust auszuleben, da das Gefühl, das der Kletterer nach der erfolgreichen Durchsteigung einer Route empfindet, seiner Meinung nach einem sexuellen Höhepunkt nicht unähnlich ist (vgl. Aufmuth, 1988, 154). Darauf soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden.

3.2 Behavioristischer Ansatz

Nach Vorstellung der Behavioristen ist Angst eng an den Prozess des Lernens gekoppelt. Diese Ansicht gründet auf der von John Watson (1878-1958) entwickelten Theorie der klassischen Konditionierung. Watson gelangte als Erster zu der Erkenntnis, dass Angst erlernt wird und dass es sich dabei um einen Konditionierungsprozess handelt (vgl. Boisen, 1975, 13). Der Begriff der Konditionierung geht auf die Lehre Pawlows[2] von den konditionierten Reaktionen zurück und bezeichnet einen Lernprozess, bei dem diese dadurch entstehen, dass ursprünglich neutrale Reize in engem zeitlichen Zusammenhang mit natürlichen, unkonditionierten Reizen dargeboten werden. Der ehemals neutrale Reiz löst dabei nach einer gewissen Zeit dieselbe Reaktion aus, wie der natürliche Reiz (vgl. Krohne, 1996, 184).

Watson belegte seine Theorie durch Versuche, bei denen von Testpersonen ursprünglich positiv assoziierte Reize durch einen Lernprozess zu negativen Reizen wurden, was sich dann im Angstempfinden der Testpersonen äußerte. So versuchte er, einem elf Monate alten Kind Angst vor einer Ratte zu induzieren. Zu Beginn des Tests war das Kind Ratten und allen anderen Tieren gegenüber sehr positiv eingestellt und es ließen sich keinerlei Angstsymptome feststellen (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 150). Watson aber ließ nun jedes Mal, wenn sich das kleine Kind der Ratte näherte, ein schrilles Signal ertönen, das Schmerzen im Ohr und damit verbundenes Schreien und Weinen des Kindes hervorrief. Bei wiederholter Darbietung der Kombination Ratte - schriller Ton reagierte das Kind schon beim bloßen Anblick des Tieres mit Weinen und Schreien, d.h. mit Angst (vgl. Boisen, 1975, 13). Ebenso generalisierte das Kind diese Angst sofort auf alle ähnlichen Gegenstände, denn nach wenigen Tagen scheute es nicht nur ähnliche Objekte wie einen Hund und ein Kaninchen, sonder mied auch Pelzmäntel und andere Pelzgegenstände (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 151; Krohne, 1996, 184). So wurde deutlich, dass es sich bei dem beobachteten Phänomen nicht nur um eine Konditionierung handelt, sondern auch um eine Generalisierung, bei der die Angst auf alle ähnlichen Reize übertragen wurde (vgl. Krohne, 1996, 184). Nach Watsons Theorie beschränken sich angeborene Ängste nur auf Reize wie laute Geräusche und körperliche Schmerzen, alle anderen angstauslösenden Reize erhalten diese Eigenschaft erst als Ergebnis einer Konditionierung und Generalisierung (vgl. Boisen, 1975, 13).

Mowrer (1960 in Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 97) stellte ebenfalls anhand der behavioristischen Grundannahmen von Watson seine Theorie für die Konditionierung der Angst auf. Er versuchte in seiner Zwei-Phasen-Theorie den Prozess der Entstehung und den Prozess der Verstärkung von Angstreaktionen durch das Zusammenspiel zweier aufeinander folgender Lernprozesse zu erklären. Nach dieser Theorie ist Angst „eine innere Reaktion, die durch klassische Konditionierung gelernt wird“ (Sörensen, 1993, 17). Dieser Prozess des Lernens lässt sich in zwei Phasen gliedern. Nach dem Mechanismus des klassischen Konditionierens wird in der ersten Phase ein ursprünglich neutraler, konditionierter Reiz mit einem aversiven, unkonditionierten Reiz verknüpft und führt zur konditionierten Reaktion Angst (vgl. Rethorst, 2006, 149).

In der zweiten Phase kommt es dann zu einer Angststabilisierung durch instrumentelles Konditionieren. Die Vermeidung der angstauslösenden Situation wird belohnt, da durch dieses Verhalten die Angst reduziert wird. Daher wird das Vermeidungsverhalten beibehalten, wenn nicht sogar verstärkt. „Die Angst wird aufrechterhalten, weil ihr aus dem Weg gegangen wird – was wiederum mit Wohlbefinden belohnt wird“ (Sörensen, 1993, 31).

Mowrers Modell lässt sich sehr gut auf das Klettern übertragen und kann dort der Erklärung von Angstreaktionen dienen. Nach diesem Ansatz entsteht bei einem Kletterer dann Angst, wenn er in einer für ihn neutralen Situation eine belastende Erfahrung macht. Stürzt ein Kletterer beispielsweise beim Klettern ins Seil und empfindet dies als sehr unangenehm, dann trifft also in unmittelbarer Nähe ein neutraler Reiz (Klettern) auf einen aversiven Reiz (Schmerz nach Sturz). Im Sinne der klassischen Konditionierung bildet sich eine konditionierte Angstreaktion. In Zukunft wird der Kletterer natürlich versuchen, diese negativen Erfahrungen zu vermeiden, weshalb er vielleicht nur noch ohne Seilsicherung an einer sehr niedrigen Wand klettern mag. Es kann aber auch möglich sein, dass es zu einer Generalisierung des negativen Reizes auf die gesamte Sportart Klettern kommt, die daher in Zukunft immer zu meiden versucht wird. Das Ergebnis dieses Meidungsverhaltens wird als sehr angenehm empfunden, da es die Angst reduziert und dadurch positiv verstärkt wird.

3.3 Kognitiver Ansatz

Kognitionspsychologische Modelle betrachten Angst als eine Emotion, welche Informationsverarbeitungsprozesse begleitet. Zentrale These ist, dass jede emotionale Reaktion das Resultat einer Bewertung, Einschätzung und Gewichtung von Informationen ist (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 116). Das Individuum ist hier nicht passiv seiner Umgebung ausgeliefert, sondern setzt sich aktiv mit dieser auseinander. Als Beispiel für den kognitiven Ansatz soll die Theorie von Lazarus (1966 in Hackfort, 1986, 66) dienen.

Für Lazarus (1966) ist Angst ein Resultat der Bewertung einer Situation, in die die Biographie der Person, die Fähigkeiten der Person sowie die Gegebenheiten der aktuellen Situation mit einfließen (vgl. Hackfort, 1986, 67). Hierbei wird die „Subjektivität von Angsterleben“ (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 26) besonders betont, denn nicht die physikalische Beschaffenheit einer Situation steht im Vordergrund, sondern vielmehr die Art der Wahrnehmung und der Verarbeitung des Reizes durch das Individuum. Die Person entscheidet, anhand bereits gemachter Erfahrungen, ob eine aktuelle Situation als bedrohlich oder herausfordernd zu bewerten ist. Dieser Ansatz betont die Aktivität des Individuums, die darauf ausgerichtet ist, die Situation zu bewältigen und sie damit in ihrer Bedeutung zu verändern (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 230).

Dieser Bewertungsprozess kann symbolische, antizipatorische und ungewisse Elemente enthalten. Symbolische Elemente enthält er, wenn sich das Gefühl der Bedrohung auf kein konkretes Ereignis oder Objekt bezieht, sondern allein schon deren Vorstellung Angst auslöst. Die Bedrohung kann sich auf Wertesysteme, Ideen, Vorstellungen und Konzepte der Person beziehen. Ein Kletterer kann somit schon bei der bloßen Vorstellung einer schwierigen Kletterstelle Angst erleben. Als antizipatorisches Element innerhalb des Bewertungsprozesses bezeichnet man die gedankliche Vorwegnahme einer Gefahr. Unter dem Element der Ungewissheit ist eine Unsicherheit in einer bestimmten Situation zu verstehen. Ist eine Situation so ausgerichtet, dass ihr Verlauf oder Ausgang nur schwer abzuschätzen ist, kann Angst entstehen. Diese Angst kann zur Folge haben, dass sich die betroffene Person verunsichert fühlt und eine geeignete Reaktion auf die bedrohliche Situation nur schwierig oder gar nicht mehr möglich ist (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 130f). Beim Klettern kann also dort Angst entstehen, wo jemand eine Route nicht kennt und damit seine eigenen Erfolgsaussichten nicht oder nur schwer abschätzen kann.

Nach der Bewertung einer Situation als bedrohlich setzt der Bewältigungsprozess, das sog. Coping ein. Lazarus (1966) verwendet diesen Begriff für den gesamten Prozess der oben beschriebenen Angstbewältigung und unterscheidet vier verschiedene Coping -Arten: „Informationssuche, direkte Aktion, Aktionshemmung und intrapsychische Prozesse“ (Lazarus & Launier, 1980, 252 in Sörensen, 1993, 28). Unter intrapsychischen Prozessen sind dabei all die kognitiven Prozesse gemeint, die zu einer Verbesserung des Wohlbefindens der betroffenen Person führen können. Dieses kann beispielsweise dadurch geschehen, dass die Person sich durch Selbstgespräche zu beruhigen versucht oder indem sie ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenkt und damit weg von der angstauslösenden Situation (vgl. Sörensen, 1993, 29).

Diese intrapsychischen Prozesse, die zwischen der Situationswahrnehmung und der Reaktion des Individuums ablaufen, werden von Lazarus (1966) als appraisal (Bewertung, Einschätzung) bezeichnet. Der Autor unterscheidet drei Schritte bei der kognitiven Bewertung einer Situation: eine primäre und eine sekundäre, sowie die Neubewertung[3] (vgl. Krohne, 1996, 247).

Die primäre Bewertung betrifft das subjektive Wohlbefinden einer Person. Die Person versucht einzuschätzen, ob eine Situation eine persönliche Bedrohung darstellt. Eine Situation kann dabei als günstig für das Wohlbefinden, als neutral oder als stressauslösend bezeichnet werden (vgl. Lazarus & Folkman, 1984 in Sörensen, 1993, 27). Wird sie als stressvoll interpretiert, so kann sie wiederum als Herausforderung, als Bedrohung oder auch als Verlust oder Schädigung interpretiert werden (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 231).

In einer sekundären Bewertung versucht das Individuum dann, Möglichkeiten zur Bewältigung der angstauslösenden Situation durchzuspielen. Die Person muss dabei entscheiden, wie sie sich verhalten will und welche Handlungen sie durchführen möchte, um die Situation zu bewältigen. Die Bewältigungsstrategien können sowohl „angepasstes Verhalten (Situation meistern) als auch unangepasstes Verhalten beinhalten (Vermeiden der Situation oder hilflos in ihr ausharren)“(Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 232). Entscheidend ist die Einschätzung der Situation durch das Individuum. Bewertet es seinen Handlungsspielraum in der bedrohlichen Situation als nicht erfolgversprechend, dann entsteht Angst.

Die dritte Phase, die Neubewertung, bezeichnet eine spezielle, aktualisierte Bewertung der Gefahrensituation aufgrund von Umweltveränderungen und eigenen Bewältigungs-versuchen (vgl. Sörensen, 1993, 28). Der Prozess der Angstauslösung kann entweder erneut einsetzen oder er endet, wenn das ehemals bedrohliche Ereignis beim wiederholten primären Bewertungsprozess von der Person als irrelevant für das eigene Wohlbefinden bewertet wird (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 233).

Dieser Prozess lässt sich sehr gut auf das Klettern übertragen. So wird der Anblick einer hohen Felswand zunächst, als primäre Bewertung, von vielen unerfahrenen Kletterern als unangenehm empfunden und ist mit einem mulmigen Gefühl im Bauch verbunden. In einer sekundären Bewertung wird dann allerdings versucht, die Möglichkeiten zur Bewältigung der Situation herauszufinden. So werden die einzelnen Haken genau begutachtet, Griffe und Tritte ausgekundschaftet und die Kletterroute Stück für Stück in Angriff genommen. Findet der Kletterer eine Lösung und erlebt ein Erfolgserlebnis, dann kann eine Neubewertung erfolgen und damit eine positive Befindlichkeit hergestellt werden (vgl. Huggler & Zuber, 1995, 13). In zukünftigen Situationen wird sich der Angstzustand weniger stark einstellen, denn aufgrund der erlebten Erfahrungen wird sicherlich eine andere Bewertung vorgenommen werden.

Jeder der drei Bewertungsvorgänge wird von person- und situationsspezifischen Variablen beeinflusst. Während Situationsvariablen alle Besonderheiten der aktuellen Umweltsituation umfassen, spielen auch Persönlichkeitsvariablen, wie beispielsweise bestimmte Eigenschaften und Einstellungen der Person eine wichtige Rolle (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1982, 374).

3.4 Eigenschafts- Zustands-Angstmodell

Das Eigenschafts-Zustands-Angstmodell beruht auf den Arbeiten von Spielberger (1966 in Hackfort & Schwenkmezger, 1985, 16), welcher als einer der ersten zwischen Angst als Stimmung und Angst als Wesenszug unterschieden hat. Spielberger (1966) hat sich weiter mit diesen Begriffen beschäftigt und machte die Unterscheidung zwischen Zustandsangst und Eigenschaftsangst[4] unwiderruflich zu einem Grundgedanken bei experimentellen Untersuchungen der Angst.

Zustandsangst definiert er als subjektiven, bewusst wahrgenommenen, vorübergehenden, emotionalen Zustand, der durch erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins und Bedrohtwerdens sowie verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist (vgl. Krohne, 1996, 5).

Die Eigenschaftsangst dagegen meint die erlernte, intraindividuell stabile Neigung einer Person, häufig Situationen und Reize aus der Umgebung als bedrohlich zu erleben und je nach ihrem Ausprägungsgrad mit einem unterschiedlichen Maß an Zustandsangst zu reagieren (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1982, 372). So beurteilen Personen mit hoher Eigenschaftsangst Situationen häufiger als bedrohlich, im Vergleich zu anderen, weniger ängstlichen Personen (vgl. Schack, 1997, 6). Diese Aussage beschränkt sich jedoch auf Situationen, in denen eine psychische Bedrohung, beispielsweise des Selbstwertgefühls, vorherrscht, während bei Bedrohungen physischer Art kein Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigängstlichen besteht (vgl. Schwarzer, 1981, 85).

Für das Klettern bedeutet dies, dass eine Situation von psychischer Bedrohung, wie Klettern vor vielen Zuschauern, von Hochängstlichen als viel bedrohlicher empfunden wird, als von Niedrigängstlichen. Der Hochängstliche reagiert in dieser Situation mit erhöhter Zustandsangst und ist dementsprechend übermäßig erregt und angespannt. Im Falle einer physischen Bedrohung wie bei Sturz- oder Verletzungsgefahr zeigen Hoch- und Niedrigängstliche jedoch kein unterschiedliches Verhalten.

Spielberger (1972 in Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, 302) fasst die wesentlichen Ergebnisse zu Angst und Ängstlichkeit in der Trait-State-Anxiety Theorie folgendermaßen zusammen:

1. Ein Angstzustand wird ausgelöst, wenn das Individuum eine Situation als bedrohlich einschätzt. Aufgrund sensorischer und kognitiver Rückmeldungen des Organismus wird dieser Zustand als unangenehm erlebt.
2. Je bedrohlicher die Situation eingeschätzt wird, desto stärker wird die Angstreaktion.
3. Die zeitliche Dauer des Angstzustandes ist gleich der Dauer der wahrgenommenen Bedrohung.
4. Personen mit hoher Ängstlichkeit nehmen selbstwertrelevante Situationen als bedrohlicher wahr als Personen mit niedriger Ängstlichkeit. Situationen, die eine physische Gefährdung anzeigen, werden von beiden Personengruppen ähnlich stark bedrohlich erlebt.
5. Die Auslösung von Angstreaktionen kann sich direkt im offenen Verhalten ausdrücken oder zu innerpsychischen Abwehrvorgängen führen.
6. Häufig auftretende Stresssituationen können ein Individuum dazu veranlassen, spezielle Vermeidungs- oder Abwehrmechanismen zu entwickeln, mit denen sich der Angstzustand reduzieren lässt.

Die Unterteilung der Angst als Wesenszug und als Zustand ist sehr sinnvoll und soll für die weitere Arbeit beibehalten werden. Während Angstzustände eine wichtige Schutzfunktion erfüllen können und sie biologisch verankert sind, ist die Ängstlichkeit relativ situationsunabhängig und dispositionell. Dank dieser Unterscheidung lässt sich beispielsweise erklären, wieso bei zwei Anfängern die ersten Klettererfahrungen ganz unterschiedliche Angstreaktionen hervorrufen.

3.5 Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in der Psychoanalyse Freuds Angst als Folge traumatischer Erlebnisse definiert wird, während die behavioristischen Lerntheorien davon ausgehen, dass Angst ein gelernter Trieb sei, der durch Methoden der klassischen Konditionierung erlernt wurde. Die moderneren, kognitiven Angsttheorien verstehen Angst als Sequenz „aufeinanderfolgender Phasen kognitiver Verarbeitungsprozesse von Bedrohungserlebnissen“ (Dieterich & Rietz, 1996, 30). Einen weiteren wichtigen Impuls für die Angstforschung gab die Differenzierung der Angst in eine Eigenschafts- und eine Zustandskomponente, die auch für die Untersuchung in Kap.7 erneut von Bedeutung sein wird.

Die Tatsache, dass Angsttheorien zunächst sehr allgemein formuliert wurden, ihre experimentelle und empirische Überprüfung jedoch nur an relativ eng umschriebenen Erscheinungen erfolgte und Anwendungsaspekte zunächst unberücksichtigt blieben, lässt ihren Wert für die Analyse von Ängsten beim Klettern zunächst sehr gering erscheinen. Diese Sichtweise muss allerdings relativiert werden. Die Kenntnis angsttheoretischer Ansätze hat zunächst den Vorteil, die vielfältigen Bedingungen für das Zustandekommen und die Bewältigung von Angstreaktionen zu erkennen und in ihrer Bedeutung bewerten zu können (vgl. Hackfort & Schwenkmezger, 1982, 376).

Darüber hinaus haben Theorien auch den Zweck, die wissenschaftliche Forschung anzuregen und Grundlage für neue Hypothesen zu bilden (vgl. Bortz & Döring, 2006, 15). Je nach Ausmaß der Übereinstimmung zwischen den in der Realität vorgefundenen Tatsachen und den in der Theorie gemachten Aussagen, erhält die Theorie einen höheren oder niedrigeren Bewährungsgrad. Es wurde daher versucht, die einzelnen Theorien immer in einen Zusammenhang mit der Sportart Klettern zu bringen, um ihre Relevanz für die Praxis deutlich zu machen.

Nicht berücksichtigt wurden an dieser Stelle Theorien, die die Sozialisation eines Kindes in den Mittelpunkt der Angstentstehung rücken. Obwohl gerade beim Klettern die vorherrschenden Wertvorstellungen der Erziehungsberechtigten, sowohl im Elternhaus als auch in der Schule, einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben, kann dieser Aspekt hier nur spekulativ am Rande erwähnt werden. Eine eingehendere Untersuchung der Sozialisationseinflüsse könnte hier sicherlich sehr interessante Ergebnisse liefern.

Nach einer kurzen Darstellung der Sportart Klettern soll der Fokus nun im Folgenden auf die spezifische Angst beim Klettern gerichtet werden.

4 Trendsportart Klettern

Innovative Bewegungs- und Spielformen, wie Snowboarding, Surfen oder Mountainbiking finden heute verstärkt Eingang in die kindliche und jugendliche Bewegungswelt. Im Zuge dieser Entwicklung erfährt auch das Sportklettern eine wachsende Bedeutung und wird heute zu den so genannten Trendsportarten gezählt (vgl. Winter, 2004, 18).

In diesem Kapitel soll nach einer kurzen Begriffsbestimmung die Entwicklung der Sportart Klettern von ihren Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute dargestellt werden. Wegen der Relevanz für die Angst beim Klettern sollen darüber hinaus die unterschiedlichen Begehungsstile und dazugehörigen Sicherheitsaspekte erläutert werden. Den Abschluss dieses Kapitels bildet die Darstellung der pädagogischen Möglichkeiten des Kletterns, die gerade für die Arbeit mit Kindern von großer Bedeutung sind.

4.1 Begriffsbestimmung

Klettern gehört mit seinen Bewegungselementen Halten, Stützen, Greifen, Ziehen und Treten zu den Grundformen menschlicher Bewegung und ist bereits bei Kleinkindern in vielfältiger Form beobachtbar (vgl. Paschel & Scheel, 1992, 91). Ziel des Kletterns ist es, sich vom Erdboden weg in verschiedene Bewegungsrichtungen, meist in die Vertikale zu bewegen und, unter Beanspruchung koordinativer und konditioneller Kräfte, gegen die Einwirkung der Schwerkraft, seinen Körper in einem Gleichgewichtszustand zu halten (vgl. Witzel, 1998, 133).

[...]


[1] Mit dem Oberbegriff Angststörung bezeichnet man das unangemessene und unbegründete, heftige Auftreten von Angst bezeichnet, was die Betroffenen erheblich in ihrer Lebensqualität einschränken kann und in jedem Fall behandelt werden sollte (vgl. Brockhaus Psychologie, 2001, 38).

[2] Iwan P. Pawlow (1849-1936) und seine Mitarbeiter konnten im Labor beobachten, dass bereits der Anblick von Futter (unkonditionierter, natürlicher Reiz) bei einem Hund zur Sekretion von Speichel (unkonditionierte, natürliche Reaktion) führte, nicht aber ein Ton, der durch das Anschlagen einer Stimmgabel erzeugt wurde (neutraler Reiz). Nach wiederholter Darbietung des Stimmgabeltons unmittelbar vor der Futterdarbietung vermochte aber der Stimmgabelton auch den Speichelfluss auszulösen (vgl. Hasselhorn & Gold, 2006, 39).

[3] Die Bewertungsprozesse werden von Lazarus (1966 in Krohne, 1996, 247) als primary appraisal, secondary appraisal und reappraisal bezeichnet.

[4] Eigenschaftsangst wird in Spielbergers Theorie als trait anxiety von Zustandsangst als state anxiety unterschieden (vgl. Hoyer & Margraf, 2003, 5).

Details

Seiten
110
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640160013
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115116
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
Angst Angstkontrolle Kindern Klettern

Autor

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Titel: Angst und Angstkontrolle von Kindern beim Klettern