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Sexualisierte Gewalt an Kindern und dessen Auswirkungen auf die Entwicklung

©2018 Hausarbeit 30 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt an Kindern und dessen Auswirkungen auf die Entwicklung. Außerdem werden die Punkte, welches Verhalten auf sexuellen Missbrauch hinweist, welche Menschen Täter sein können, welche Risikofaktoren sexuellen Missbrauch begünstigen und welche Schutzfaktoren den Missbrauch verhindern können, welche Hilfen und Beratungsstellen es gibt und mit welchen Folgen die Betroffenen zu kämpfen haben, behandelt.

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ bzw. sexueller Missbrauch hat seit Anfang 2010 die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit erlangt. Kinder, egal ob Mädchen oder Jungen, die sexuellen Missbrauch erleben mussten, brauchen besondere, fachgerechte Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer oft traumatisierenden Erfahrungen. Dabei wird zwischen drei unterschiedlichen Präventionshilfen unterschieden. In der Primärprävention geht es darum, dass Kinder vor sexualisierter Gewalt geschützt werden. Die Sekundärprävention beschäftigt sich mit der frühen Aufdeckung von sexuellem Missbrauch und ihrer Beendigung, während die Tertiärprävention die Bewältigung der traumatisierenden Erfahrungen abdeckt. Damit pädagogische Fachkräfte in allen drei Ebenen der Präventionsarbeit tätig werden können, müssen sie vorher dafür geschult werden. Während der Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft haben angehende Erzieher/innen allerdings kaum bis nur wenig Kontakt mit diesem Thema, was ich selbst in meiner Ausbildung erlebt habe.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung in das Thema

2. Definition: Sexueller Missbrauch

3. Zahlen dersexuell missbrauchten Kindern

4. Welche Menschen sind/werden Täter?
4.1. Täter unter Kindern
4.2. Täter unter Erwachsenen
4.2.1. Frauen als Täterinnen
4.2.2. Männer als Täter

5. Sexuellen Missbrauch an Kindern erkennen
5.1. Bei Übergriffen durch Kindern
5.2. Bei Übergriffen durch Erwachsenen

6. Risikofaktoren

7. Schutzfaktoren

8. Hilfen für Betroffene

9. Folgen sexuellen Missbrauchs
9.1. Missbrauchsfolgen des Kindes/Jugendlichen
9.1.1. Schädigung am Körper des Kindes/Jugendlichen
9.1.2. Schädigung an der Seele des Kindes/Jugendlichen
9.2. Auswirkungen auf die kindliche/jugendliche Entwicklung
9.3. Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter
9.4. Folgen für Täter - Rechtsgrundlage

10. Bezug zur Praxis und Prävention

11. Resümee/Schlussfolgerung

12. Quellenverzeichnis
12.1. Literaturverzeichnis
12.2. Onlineverzeichnis

1. Einleitung in das Thema

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ bzw. sexueller Missbrauch hat seit Anfang 2010 die Auf­merksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit erlangt. Kinder, egal ob Mädchen oder Jun­gen, die sexuellen Missbrauch erleben mussten, brauchen besondere, fachgerechte Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer oft traumatisierenden Erfahrungen. Dabei wird zwischen drei unterschiedlichen Präventionshilfen unterschieden. In der Primärprävention geht es darum, dass Kinder vor sexualisierter Gewalt geschützt werden. Die Sekundärprä­vention beschäftigt sich mit der frühen Aufdeckung von sexuellem Missbrauch und ihrer Be­endigung während die Tertiärprävention die Bewältigung der traumatisierenden Erfahrungen abdeckt.1 Damit pädagogische Fachkräfte in allen drei Ebenen der Präventionsarbeit tätig werden können, müssen sie vorher dafür geschult werden. Während der Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft haben angehende Erzieher/innen allerdings kaum bis nur wenig Kontakt mit diesem Thema, was ich selbst in meiner Ausbildung erlebt habe.

In einer qualitativen Erhebung mit insgesamt 18 Experten/Expertinnen-Interviews aus der Stadt und dem Landkreis Hildesheim, die mit Kindern zischen 3 und 14 Jahren arbeiten, geben befragte Erzieher/innen an, dass sie auf diesem Gebiet zwar ein Grundwissen be­sitzen, aber dennoch sehr unsicher sind und sich nicht ausreichend informiert und geschult fühlen, um kompetent mit dem Thema umgehen zu können.2 Die Erhebung wurde von Frau Prof. Dr. phil. Julia Gebrande und ihren Kollegen durchgeführt. Diese Unsicherheit der Erzieher/innen spüren auch die Kinder, auf die die Unsicherheit abfärbt. Was jedoch viel schlimmer ist: die Kinder, die sexualisierte Gewalterfahrungen machen mussten und sich nun hilfesuchend an ihre Erzieher/in wenden möchten, werden durch die Unsicherheit der Erzieher/in abgehalten oder ihre Signale werden von den Erzieher/innen nicht oder falsch gedeutet. Das Kind fühlt sich mit seinem Schicksal alleine gelassen und wird höchst wahr­scheinlich nicht noch eine Person aufsuchen, an die es sich wendet.Aber nicht nur die Schulung der Fachkräfte ist wichtig. Es müssen auch weitere Voraussetzungen gegeben sein, damit in einer Einrichtung mit dem Thema „sexualisierte Gewalt“ kompetent umge­gangen werden kann. Die strukturellen Rahmenbedingungen wie der Betreuungsschlüssel, die Zeit, die Bezahlung oder auch die Supervision müssen gegeben sein.Ebenso ist eine Verankerung des Themas in der Konzeption der Einrichtung sinnvoll, damit auch die Eltern für das Thema sensibilisiert werden und im Falle eines auftretenden Missbrauchs oder ei­nes Verdachts wissen, dass sie sich an die Einrichtung und die dort arbeitenden Erzieher/ innen wenden können.3

Sexueller Missbrauch kann jedes Kind treffen. Aber ganz besonders gefährdet sind Kinder, die aufgrund ihres physischen, psychischen, sozialen und/oder kognitiven Entwicklungs­stands über niedrige Widerstandsfähigkeiten verfügen.4 Kinder mit niedrigen Wider­standsfähigkeiten sind z.B. Kinder mit Behinderungen, psychisch vernachlässigte Kin­der, Kinder, die bereits körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht wurden und bei der Bewältigung ihrer Gewalterfahrungen keine Unterstützung und Hilfe hatten, Kinder, in deren Familien und Bildungseinrichtungen kaum über Sexualität gesprochen wird, aber auch Mädchen und Jungen aus autoritären und hierarchischen Familien und Kinder mit Migrations­hintergrund sind besonders von sexuellem Missbrauch gefährdet.5 6 Kinder mit Migrationshinter­grund decken seltener einen sexuellen Missbrauch auf, als Kinder ohne Migrationshintergrund, da ihnen zusätzlich die Sprachbarriere, soziale Isolation, die Erfahrungen mit Diskriminierung und dadurch auch ihr geringes Selbstwertgefühl im Weg stehen.Außerdem wissen die Be­troffenen oft nicht, an wen sie sich wenden können. Auch die Kultur der Kinder spielt bei der Hilfesuche und Aufdeckung eine wichtige Rolle. So denken Kinder aus kollektiv zentrierten Kulturen eher an das Wohl und den Zusammenhalt der Familie anstatt an ihr eigenes Wohl und haben Angst, dass die Familie bei einer Aufdeckung des Missbrauchs zerfallen könnte.

Auch die Zahlen schockieren: Man kann sagen, dass jedes 4. bis 5. Mädchen und jeder 9. bis 12. Junge mindestens einmal vor seinem 18. Lebensjahr eine sexuelle Gewalterfahrung macht, die der Gesetzgeber als sexuellen Missbrauch, exhibitionistische Handlung, Missbrauch von Schutzbefohlenen, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung unter strafrechtlich verfolgt. Dies heißt nicht, dass jedes 4. bis 5. Mädchen jahrelang von ihrem (Stief-)Vater, Opa, Onkel, oder anderen missbraucht wird. In vielen Fällen von sexuellem Missbrauch können sich die Opfer nach einmaligem Missbrauch mit Unterstützung Dritter vor weiteren Übergriffen schützen.7

Dieses Hintergrundwissen sollten pädagogische Fachkräfte meiner Meinung nach haben, wenn sie in einer sozialpädagogischen Einrichtung arbeiten. Erzieher/innen verbringen sehr viel Zeit mit den Kindern - oftmals mehr Stunden am Tag, als die Eltern selbst - und wirken erheblich bei der Entwicklung des Kindes mit. Außerdem stehen die Erzieher/innen in stän­digem Kontakt und Austausch mit den Eltern und begleiten das Kind und die Familie oftmals über mehrere Jahre hinweg. Dabei bauen sie zu den Kindern idealerweise eine vertrauens­und liebevolle Beziehung auf, die Kinder in ihrer Entwicklung und Entfaltung unterstützt und den Kindern Rückhalt bietet, um über Probleme, Sorgen oder Ängste zu sprechen.

Erzieher/innen müssen das Wohl das Kindes immer im Auge behalten und dem Kind signalisie­ren, dass es mit Problemen, Ängsten und Sorgen zur Fachkraft kommen kann. Wenn sich also ein von sexualisierter Gewalt betroffenes Kind an seine/n Erzieher/in wendet, weil es schlimme Dinge durchlebt hat, muss die Fachkraft dem Kind Sicherheit ausstrahlen und dem Kind zeigen, dass sie seine Probleme ernst nimmt und damit umgehen kann. Die Fachkraft muss ein Landeplatz für das Kind sein und dies auch ausstrahlen und signalisieren, denn die Kinder und Jugendlichen testen aus, wo sie „landen“ also sich anvertrauen können.8 Die eigene Sicherheit im Umgang mit Kin­dern, die sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht haben, wirkt sich positiv auf die Kinder aus.

Schon seit längerer Zeit kommen immer mehr Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Viele Kinder haben in ihrem Heimat­land Krieg und Terror erlebt und mussten alles zurück lassen. Während ihrer Flucht kommt es bei vielen Kindern zusätzlich noch zu Folterungen, Vergewaltigungen und Versklavung.9 Wenn ein Kind alleine ohne Familie oder Begleitung unterwegs ist, verdoppelt sich das Risiko sogar. Bei Flüchtlingskindern sind die Zahlen deutlich höher. Acht von zehn Kindern auf der zentralen Mittelmeerroute (von Libyen nach Italien) werden ausgebeutet oder miss- braucht. Dieses Ergebnis berichtet eine neue Studie, die den Titel „Harrowing Journeys“ („Erschütternde Reisen“) trägt. Bei Migrations- und Flüchtlingskindern wird also noch mehr Kompetenz und Aufmerksamkeit der Erzieher/innen abverlangt. Sie müssen es schaffen, das Kind gut in die Gruppe zu inkludieren, Sprachbarrieren abzubauen und eine gute Beziehung zum Kind aufzubauen, um dem Kind ein möglicher Ansprechpartner für seine Sorgen, Ängste und Probleme zu sein. Sind die Fachkräfte dafür nicht ausreichend geschult, kann dies schnell zu einer Überforderung der Fachkraft führen und sich negativ auf das Kind auswirken.

Daher ist es für pädagogische Fachkräfte wichtig zu wissen, welches Verhalten auf sexuellen Missbrauch hinweist, welche Menschen Täter sein können, welche Risikofaktoren sexuellen Missbrauch begünstigen und welche Schutzfaktoren den Missbrauch verhindern können, welche Hilfen und Beratungsstellen es gibt und mit welchen Folgen die Betroffenen zu kämpfen haben. Diesen Punkten werde ich auf den folgenden Seiten meiner Arbeit nach­gehen und den Bezug zur Praxis herstellen.

2. Definition: SexuellerMissbrauch

Immer häufiger werden Missbrauchsfälle aufgedeckt und in den Medien thematisiert. Wenn in den Medien allerdings von dieser Thematik die Rede ist, wird meist von sexuellem Miss­brauch gesprochen. Besser wäre allerdings der Begriff „sexualisierte Gewalt“, denn sexuali- sierte Gewalt ist der Begriff, der das Thema exakt beim Namen nennt und keinen Spielraum für ungenaue oder falsche Assoziationen lässt. Das Wort Missbrauch deutet an, dass es auch einen guten Gebrauch gibt, was im Fall von sexualisierter Gewalt nicht möglich ist. Bei Alkohol z.B. ist sowohl Missbrauch, als auch Gebrauch möglich. Kinder können aber nicht auf eine “gute” Art sexuell gebraucht werden. Auch beim Begriff „sexuelle Gewalt“ schwingt eine Doppeldeutigkeit mit. „Sexuell“ gehört zu dem Wort Sexualität, die in erster Linie etwas Schönes ist und auch etwas Schönes, Zärtliches und Liebevolles sein sollte. Sexualität hat aber nichts mit Gewalt zu tun. Daher ist der Begriff der „sexualisierten Gewalt“ am zutreffensten, da hier der Schwerpunkt auf dem Wort Gewalt liegt, die von dem Täter auf das Opfer ausge­übt wird. Die Gewalt kann auf unterschiedliche Art und Weise ausgeübt werden, nämlich als körperliche Gewalt, als psychische Gewalt aber auch als sexualisierte Gewalt.10 11

In meiner Arbeit werde ich verschiedene Begriffe aufgrund der Abwechslung in der Leseform verwenden, meine dabei aber immer den Hintergrund der „sexualisierten Gewalt“.

Zu sexualisierter Gewalt von Kindern gehört jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund seiner körperlichen, seelischen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann.12 Die Täter nutzen dabei ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um ihre eigenen Bedürfnis­se auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Die Kinder werden dabei zu Sexualobjekten herab­gewürdigt. Unter sexualisierte Gewalt fallen aber auch alle sexuellen Handlungen, denen die Kinder zustimmen, da die Kinder den Erwachsenen immer unterlegen sind und die Kinder die Tragweite ihrer Äußerung/Zustimmung nicht oder nur eingeschränkt einschätzen können.

Sexualisierte Gewalt kann grob in vier Stufen eingeteilt werden:

1) Sehr intensiver sexueller Missbrauch: Darunter versteht man Versuche oder Voll­endung von vaginalen, analen oder oralen Vergewaltigungen oder die orale oder anale Penetration des Täters durch das Kind. (Häufigkeit ca. 15%)
2) Intensiver sexueller Missbrauch: Dazu zählen Masturbation des Opfers vor dem Täter; Masturbation des Täters vor dem Opfer; Anfassen der Genitalien des Opfers durch den Täter und Anfassen der Genitalien des Täters durch das Opfer; das Zeigen der Genitalien des Opfers gegenüber dem Täter. (Häufigkeit ca. 35%)
3) Weniger intensiver sexueller Missbrauch: Hierzu gehört, dass der Täter versucht, die Genitalien des Opfers anzufassen oder der Täter an die Brust des Opfers fasst. Auch sexu- alisierte Küsse und Zungenküsse gehören zu dieser Stufe. (Häufigkeit ca. 35%)
4) sexueller Missbrauch ohne Körperkontakt: Exhibitionismus des Täters, Täter zwingt Opfer zum Anschauen von Pornos oder das Beobachten des Opfers beim Baden oder Duschen durch den Täter gehören zur Stufe 4. (Häufigkeit ca. 15%)

Die Handlungen, die unter sexuelle Gewalt fallen, sind breit gefächert. Bereits Übergriffe mittels verbaler sexueller Anspielungen zählen zu sexueller Gewalt. Aber auch Hilfestellungen, wie z.B. eines Sportlehrers, der die Gelegenheiten in der Sportstunde nutzt, um seinen Schüler/sei- ne Schülerin im Genitalbereich zu berühren, sind sexuelle Gewalt.13 14 Das zweite Beispiel zählt zu den sexuellen Handlungen mit „hands-on“. Dabei liegt ein direkter Körperkontakt von Täter zu Opfer vor. Der Täter berührt also den Körper seines Opfers. Dazu gehören Zungenküsse oder Manipulationen der Genitalien sowie schwere Formen sexueller Gewalt wie orale, vagina­le und anale Penetration. Ebenso gibt es Missbrauchsformen, bei denen der Täter das Opfer nicht direkt berührt oder anfasst. Unter diesem „hands-off“-Missbrauch fällt das Masturbieren vor einem Kind, das Exhibitionieren, dem Kind gezielt pornografische Darstellungen zeigen oder es aufzufordern, sexuelle Handlungen an sich (z.B. vor der Webcam) vorzunehmen.

Kinder sind von ihrer Geburt an sexuelle Wesen. Allerdings hat die kindliche Sexualität nichts mit der Erwachsenensexualität zu tun und muss daher strickt getrennt werden. Dennoch kann es auch zu sexuellen Übergriffen unter gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen kommen. Diese werden durch die digitalen Medien noch zusätzlich begünstigt z.B. durch Cybergroo­ming (Ansprechen von Personen/Kinder im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte) oder ungewollte Konfrontation mit Pornografie. Neben sexualisierter Gewalt oder sexuellem Missbrauch gibt es jedoch noch viele weitere Begrifflichkeiten wie z.B. sexuelle Ausbeutung, sexuelle Misshandlung, Inzest, Pädosexualität oder Seelenmord.15 Dies zeigt, dass sexualisierte Gewalt in sämtlichen Begrifflichkeiten möglich ist und eine Vielzahl von Formen und Arten an sexualisierter Gewalt von Kindern existieren.

3. Zahlen dersexuell missbrauchten Kinder

Am häufigsten findet sexualisierte Gewalt innerhalb des engeren Familienkreises (25%) sowie im näheren Sozialraum, also im weiteren Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis statt (ca. 50%).16 Beispiele für Täter in diesem Sozialraum sind Nachbarn oder auch Personen aus Einrichtungen oder Trainer aus Vereinen, die die Kinder gut kennen und oft mit ihnen in Kontakt stehen. Sexualisierte Gewalt kann natürlich auch durch Fremdtäter oder -täterinnen ausgeübt werden. Dies ist jedoch eher die Ausnahme und kommt nur in seltenen Fällen vor. Häufig ist sexualisierte Gewalt über das Internet (z.B. durch Cybergrooming) zu Anden. Die Täter/Täterinnen chatten oft über einen längeren Zeitraum mit den Kindern und Jugendlichen, wodurch der Eindruck bei den Kindern/Jugendlichen entsteht, man kenne sich ja schon und man sei keine Fremden mehr. Das alles führt dazu, dass bei den Kindern und Jugendlichen die Wahrnehmung für Gefahren und Risiken sinken und den Tätern die Kontaktaufnahme und die sexualisierte Gewalt durch die Anonymität des Internets erleichtert wird.

Die Ermittlung von genauen Zahlen des Ausmaßes an sexualisierter Gewalt von Jungen und Mädchen ist schwer, da viele Missbrauchsfälle nie aufgedeckt oder zur Anzeige gebracht werden. In Deutschland gibt es mittlerweile mehr als ein halbes Dutzend Dunkelfeldunter­suchungen zum sexuellen Missbrauch bzw. sexualisierter Gewalt an Jungen und Mädchen vor. Diese Untersuchungen ergeben bei den Mädchen eine Rate zwischen 16 und 29% und bei den Jungen bewegen sich die Zahlen zwischen 4 und 22%. Bei den Forschungsergeb­nissen gibt es jedoch methodische Probleme, da die Ergebnisse oft sehr stark variieren, weil ihnen unterschiedlich enge oder weitere Definitionen zugrunde liegen. So gibt es z.B. Untersuchungen, die sexualisierte Gewalt nur als solche werten, wenn ein Körperkontakt stattgefunden hat oder ein Altersunterschied von mindestens 5 Jahren vorlag und die Tat vor dem 15. Lebensjahr passiert ist. Dadurch wird natürlich eine wesentlich niedrigere Missbrauchsrate erzeugt, da Exhibitionismus, sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen, das Zeigen von Pornografie oder sexualisierte Gewalt, die Jungen und Mädchen mit 15 oder 16 Jahren erleben mussten, nicht berücksichtigt werden.

Kinder werden aber als Säuglinge, Kleinkinder, im Grundschulalter und auch als Jugendli­che sexuell missbraucht. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 10 und 12 Jahren und etwa ein Drittel der Übergriffe beginnt in dieser Altersphase. In etwa ein weiteres Drittel beginnt vor dem 10. Lebensjahr und etwa ein Drittel verteilt sich auf die Zeitspanne von 12 Jahren bis zur Pubertät.17 18 Die sexualisierte Gewalt und der Missbrauch von Säuglingen oder Klein­kindern ist besonders grauenvoll und für die meisten Menschen nur schwer vorstellbar. Eine schreckliche Tatsache ist aber, dass dies in der Praxis häufig vorkommt. Von den 1.761 Mädchen und 337 Jungen, die im Jahr 1990 in 248 Beratungsstellen und 78 Allge­meinen Sozialen Diensten gemeldet wurden, waren 4,2% jünger als 3 Jahre und 16,5% im Alter zwischen 4 und 6 Jahren.

Die Untersuchungen, von denen ich oben bereits gesprochen habe, sind mit sehr unter­schiedlichen Ergebnissen ausgegangen, weshalb man zudem noch Werte berechnet hat, bei denen extrem hohe und extrem niedrige Resultate weggelassen wurden, um einen exakteren Mittelwert zu bekommen. Dabei bewegen sich die Zahlen bei den Mädchen zwischen 10 und 20% und bei den Jungen zwischen 5 und 10%. Geht man nun von diesen Mittelwertzahlen ohne große „Ausbrecher“ aus, lässt sich sagen, dass jedes fünfte bis zehnte Mädchen und jeder zehnte bis zwanzigste Junge schon einmal sexualisierte Gewalt erleben musste.

Überträgt man diese Zahlen nun auf eine Kindergartengruppe von 25 Kindern, kann man davon ausgehen, dass 1-2 Jungen und 2-5 Mädchen in der Gruppe sind, die bereits sexualisierte Gewalterfahrungen machen mussten. Dies ist nur ein grober Orientierungswert, der die Häu­figkeit darstellen soll. Bei dieser Aufstellung werden aber nur Kindergartenkinder berücksichtigt, obwohl auch U3 Kinder oder Schulkinder missbraucht werden. Wie bereits schon erwähnt, ist die Dunkelziffer wesentlich höher, da viele Missbrauchsfälle nie oder zu spät aufgedeckt oder erst gar nicht zur Anzeige gebracht wurden. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden alle angezeigten Straftaten erfasst. Dort schwankt die Zahl der Opfer von sexualisierter Gewalt in den letzten zehn Jahren zwischen 15.098 (2008) und 19.719 (2000). Man sieht also, dass es eine leicht abnehmende Tendenz gibt. Den Rückgang der sexualisierter Gewaltfälle könnte man auf die Verbesserung der Präventionsmaßnahmen und Interventionen rückschließen. Au­ßerdem könnte die steigende Zahl der Gefängnisstrafen der verurteilten Täter und Täterinnen als Abschreckung für andere potenzielle Täter und Täterinnen dienen. Die Diskussion um den „Missbrauch mit dem Missbrauch“ könnte aber ebenfalls dazu geführt haben, dass sich viele Opfer nicht getraut haben, den Missbrauch anzuzeigen aus Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird oder sie vorschnell verurteilt werden und auch deshalb die Zahlen zurück gegangen sind.

Die hohen vorhandenen Zahlen werden indirekt durch die Befragung und Verhöre der Täter und Täterinnen bestätigt. In einer Studie von Gene Abel und Joanne Rouleau wurde fest­gestellt, dass 561 befragte Täter nach eigenen Angaben mehr als 17.000 Opfer hinterließen.

4. Welche Menschen sind/werden Täter?

Oftmals sind die Täter und Täterinnen, die Kinder sexuell missbrauchen selbst noch Jugend- liche. Jugendliche Täter und Täterinnen machen etwa 30% aus. Das Durchschnittsalter von Tätern und Täterinnen liegt also deutlich unter 30 Jahren, was durch die Befragung von Tätern bestätigt wurde. Dabei haben 30 bis 50% der untersuchten bereits erwachsenen Sexualstraftätern bereits in ihrem Jugendalter sexualisierte Gewalt ausgeübt.

Sexueller Missbrauch ist außerdem in allen gesellschaftlichen Schichten zu Anden und es handelt sich daher nicht - wie oft angenommen - um ein Problem der sozialen unteren Schicht. Die Täter planen ihre sexualisierten Gewalthandlungen zumeist sorgfältig und lang­fristig, damit sie nicht erwischt werden oder „auffliegen“. In der heutigen Gesellschaft ist den­noch das Bild der bösen, fremden Männer, die sich an kleinen Kinder vergreifen, verbreitet, obwohl die Zahlen das Gegenteil belegen, nämlich, dass nur die wenigsten sexualisierten Gewaltübergriffe auf Kinder von Fremden ausgehen. Die größte Bedrohung geht meist di­rekt von Vertrauenspersonen innerhalb der Familie, des Freundes- und Bekanntenkreises, der Nachbarschaft, des Kollegenkreises oder Erziehungsstätten und Vereinen aus. Ein großer Teil der Täter kommt dabei aus der direkten Familie wie z.B. der Vater bzw. Partner der Mutter, der Bruder, der Großvater, aber auch die Mutter, die Schwester oder die Großmutter.

4.1. TäterunterKindern

Auch Kinder sind von Geburt an sexuelle Wesen, können ihre Sexualität auf verschiedene Weise leben und ausdrücken und auch für Kinder ist Sexualität ein Grundbedürfnis, also der

Wunsch nach körperlich-seelischem Wohlbefinden und Zärtlichkeit. Dieser Ausdruck der Sexualität wird durch die persönliche Einstellung und durch kulturelle und religiöse Werte beein- flusst. Die kindliche Sexualität hat jedoch nichts mit der erwachsenen Sexualität zu tun, auch wenn diese Annahme weit verbreitet ist und man daher Kinder nicht mit Sexualität in Verbindung bringen will. Die kindliche Sexualität sollte aber in ihrer Eigenständigkeit und Unterschiedlichkeit begriffen werden, damit verstanden werden kann, dass die kindliche Sexualität grundsätzlich nichts bedrohendes ist. Die kindliche Sexualität wird egozentrisch gelebt und daher nur auf das Kind selbst bezogen. Dies zeigt sich in Unbefangenheit, Spontaneität, Entdeckungslust und Neugierde. Erst im Jugendalter entwickelt sich die kindliche Sexualität langsam in die Rich­tung der erwachsenen Sexualität und es kommen Lust- und Beziehungsaspekte hinzu.

Die wichtigste Voraussetzung für einen pädagogisch-fachlichen Umgang mit sexuellen Über­griffen unter Kindern ist zuerst einmal die genaue Abgrenzung und Einschätzung, wann es sich noch um kindliche sexuelle Aktivitäten handelt und wann um einen Übergriff. Dafür muss die pädagogische Fachkraft wissen, dass z.B. Doktorspiele in einem gewissen Alter ganz normal sind. Dennoch gibt es einige Anzeichen, die auf einen sexuellen Übergriff unter Gleichaltrigen hinweisen. So darf z.B. kein Machtgefälle oder eine Unfreiwilligkeit eines Kindes vorliegen, die sich in einer vermeintlichen Überlegenheit aufgrund von Alter, Geschlechtszugehörigkeit, kultu­reller Zugehörigkeit, körperlicher oder geistiger Schwächen oder äußerliche Merkmale des be­troffenen Kindes beziehen. Kinder müssen den Doktorspielen oder anderen kindlichen sexuel­len Handlungen also immer zustimmen bzw. damit einverstanden sein. Ob eine Unfreiwilligkeit gegeben ist, hängt häufig von der jeweiligen Situation, dem Zeitpunkt und dem persönlichen Verhältnis zwischen den beteiligten Kindern ab. So kann ein Kind in einer bestimmten Situation den Handlungen zustimmen, in einer anderen Situation z.B. mit einer anderen Konstellation der Kinder kann die Handlung auch unfreiwillig oder erzwungen gewesen sein. Grundsätzlich gilt für Doktorspiele, dass kein Kind einem anderen weh tun oder Dinge in Körperöffnungen (Po, Scheide, Mund, Nase, Ohr) stecken darf. Außerdem entscheidet das Kind selbst, mit wem und wie stark es Doktor spielen möchte. Dabei gilt, dass Hilfe holen kein Petzten ist. Das sollte den Kindern durch die Fachkraft vermittelt werden. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass die sexuellen Übergriffe unter Kindern einem sexuellen Missbrauch ähneln oder sogar entsprechen.

4.2. Täter unterErwachsenen

4.2.1. Frauen als Täterinnen

Die meisten sexualisierte Gewalterfahrungen müssen Mädchen und Jungen durch Männer über sich ergehen lassen. Dennoch gibt es auch weibliche Täter und hierbei ist der Frauenanteil unter den Tätern in fast allen Studien sehr beachtlich. Bei den weiblichen Opfern liegt der Täter­innenanteil bei bis zu 10%, bei den männlichen Opfern bei etwas 10 bis 20%. Man könnte meinen, die sexualisierten Gewalthandlungen, die von Frauen ausgehen, sind weitaus nicht so schlimm und eher sanfter als Verführung zu verstehen. Dies stimmt jedoch nicht. Oftmals reichen die sexuellen Handlungen, die von Frauen als Täterinnen begangen wurden bis hin zu extrem sadistischen Übergriffen an den Kindern und Jugendlichen. Die Frauen schrecken außerdem auch nicht davor zurück, den sexuellen Missbrauch mit körperlicher Gewalt durchzusetzten.

4.2.2. Männer ais Täter

Wie bei 3. schon angesprochen, findet sexualisierte Gewalt am häufigsten innerhalb des engeren Familienkreises (25%) sowie im näheren Sozialraum, also im weiteren Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis (ca. 50%) statt. Kinder, die von Männern aus der Familie sexuell missbraucht werden, erhalten weniger Unterstützung seitens ihrer Mutter, als Kinder, die außerfamiliär sexualisierte Gewalt erfahren haben oder die Mütter nicht mehr mit dem Täter verheiratet sind oder dieser bereits ausgezogen ist und keine Beziehung mehr zum Täter besteht. Dies bedeutet letztendlich für die Kinder: Je enger die Beziehung der Mutter zum Täter ist, desto weniger werden die missbrauchten Kinder von der Mutter unterstützt, wenn sich das Kind hilfesuchend an die Mutter wendet und ihr vom Missbrauch erzählt. Dies liegt vermutlich daran, dass Mütter, die sich vom Täter bereits getrennt haben, sich nicht mehr in einer Zwickmühle befinden, zu wem sie nun halten und wem sie glauben.

Es gibt aber auch andere Reaktionen von Müttern, bei denen die sexualisierte Gewalt ihrer Kinder auch deutliche Spuren in ihrem eigenen Leben hinterlässt. Bei sexualisierter Gewalt durch den Partner der Mutter fühlen sich die Frauen oft selbst verletzt, betrogen, getäuscht und vom Partner für seine Zwecke missbraucht. Als Folge der sexualisierten Gewalt an ihren Kindern verbinden viele Frauen ihre eigene Sexualität zu Männern eine Zeitlang mit Ekel und Ausnutzung und lehnen daher sexuelle Beziehungen zu Männern erst einmal ab. Viele dieser Frauen lehnen auch später Männer generell ab, da sie in ihnen nur noch potenzielle Gewalttä­ter sehen. Sie fokussieren sich auf ihr Kind und wollen ganz für das Kind da sein und es bei der Verarbeitung dieses sexualisierten Gewalterlebens bestmöglich unterstützen. Dadurch wird natürlich auch ihr eigenes Lebenskonzept auf den Kopf gestellt. Ein anderer Teil der Mütter erlebt die sexualisierte Gewalt an ihrem Kind ähnlich negativ, geben sich aber mehr oder we­niger selbst die Schuld, bei der Wahl des Partners einfach daneben gegriffen zu haben und wollen sich daher künftig mehr Zeit lassen, um einen besseren und geeigneteren Partner zu Anden. Geschieht die sexualisierte Gewalt innerfamiliär, ist eine Trennung des Partners bzw. Täters auf Dauer immer ratsam, da sexualisierte Gewalt in der Regel seit langem geplant ist und sich die Tat(en) fast immer wiederholen werden, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet. Ob zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Zusammenleben möglich ist, hängt davon ab, ob sich der Täter verändert hat, wie die Eltern-Kind-Beziehung aussieht und was das Kind dazu sagt. Außerdem ist zwingend notwendig, ein Sicherheitsnetz für das Kind zu entwickeln, um das Risiko vor einem erneuten Missbrauch zu reduzieren bzw. zu verhindern.

Täter aus dem engen sozialen Umfeld des Kindes Anden leichter Situationen, in denen sie sich dem Kind unauffällig nähern können. Oftmals werden solche Situationen auch bewusst herbeigeführt. Da die Kinder meistens in irgendeiner Art und Weiße eine emotionale Zu­wendung zum Täter haben, gelingt es den Tätern einfacher, dass die Kinder die sexuellen Handlungen und Übergriffe über sich ergehen lassen. Wenn sich das Kind doch einmal wehrt oder den Handlungen widersetzt, wird Gewalt angewendet oder der Täter versucht, den „wunden Punkt“ des Kindes zu Anden und das Kind damit zu erpressen oder unter Druck zu setzten. Dann ist offener Zwang oder weitere Gewalt nicht mehr nötig, um die vom Täter gewollten Handlungen durchzusetzten. Durch diese Strategie redet sich der Täter selbst und auch dem Kind ein, dass die sexuellen Handlungen und Freiwilligkeit ba­sieren und das Kind gerät in einen Teufelskreislauf. Hat der Täter es erst einmal geschafft, dem Kind einzureden, dass es an den sexuellen Handlungen freiwillig Teil nimmt und wo­möglich noch „Spaß“ dabei hat, wird der Täter dies benutzen, um weiter Druck auf das Kind auszuüben getreu dem Motto: „Du wolltest es doch auch.“ Durch Geschenke an das Opfer erzeugt der Täter zudem eine weitere Abhängigkeit des Opfers zum Täter und gleichzeitig auch zwiegespaltene Gefühle des Opfers gegenüber dem Täter.

5. Sexuellen Missbrauch an Kindern erkennen

5.1. BeiÜbergriffendurchKindern

Sexuelle Handlungen unter Kindern sind immer dann auch sexuelle Übergriffe, wenn ein Machtgefälle oder eine Unfreiwilligkeit eines Kindes vorliegt, die sich in einer vermeintlichen Überlegenheit aufgrund von Alter, Geschlechtszugehörigkeit, kultureller Zugehörigkeit, körperlicher oder geistiger Schwächen oder äußerliche Merkmale des betroffenen Kindes beziehen. Ob die Kinder unfreiwillig an der jeweiligen Handlung mitmachen müssen, hängt häufig von der jeweiligen Situation, dem Zeitpunkt und dem persönlichen Verhältnis zwi­schen den beteiligten Kindern ab. So kann ein Kind in einer bestimmten Situation den Handlungen zustimmen, in einer anderen Situation z.B. mit einer anderen Konstellation der Kinder kann die Handlung auch unfreiwillig oder erzwungen gewesen sein. Manchmal können Übergriffe unter Kindern auch so stark eskalieren, dass die Übergriffe mit sexuellem Missbrauch vergleichbar sind, denn auch hierbei erleben die Kinder Vertrauensverlust oder Ohnmachterleben, was mit Übergriffen eines erwachsenen Täters übereinstimmt. Wenn ein Kind dermaßen sexuelle Handlungen bzw. Übergriffe an einem anderen Kind verübt, wird von „sexuell aggressiven Kindern“, von „sexuellen Angriffen“ oder von „sexuell ag­gressiver Impulsivität“ gesprochen. Bei solchen schwerwiegenden Fällen sollte neben der Einschätzung einer pädagogischen Fachkraft auch juristische Maßnahmen erfolgen, um die übergriffige Situation einschätzen zu können. Um wegen „sexuellen Missbrauch“ als Straftatbestand vor Gericht beschuldigt zu werden, muss ein Maß an Eigenverantwortlich­keit des Täters gegeben sein, was bei übergriffigen Kindern aufgrund der fehlenden Eigen­verantwortlichkeit nicht gegeben ist und deshalb auch der Begriff „sexueller Missbrauch“ bei übergriffigen Kindern unter 14 Jahren nicht verwendet wird. Aus pädagogischer Sicht ist auch eine weitere Differenzierung in Unterbegriffe wie sexuelle Belästigung, Vergewal­tigung oder weitere Begrifflichkeiten bei Kindern nicht sinnvoll, aberfüreine angemessene rechtliche Beurteilung für jugendliche oder erwachsene Sexualstraftäter wichtig. Bei den sexuellen Übergriffen unter Kindern, die sowohl in einer sozialpädagogischen Einrichtung als auch unter Geschwistern oder im Freizeitbereich vorkommen, geht es nicht um die oben genannten Begrifflichkeiten, sondern viel mehr um praxistaugliche, anwendbare Grundla­gen für pädagogische Maßnahmen, die eventuell auch mit therapeutischen Maßnahmen unterstützt werden können. Solche Maßnahmen sollten nach sexuellen Übergriffen unter Kindern unbedingt aufgesucht und angewendet werden, da die betroffenen Kinder meist im pädagogischen Alltag, zusammen mit den übergriffigen Kindern bleiben und hier unbedingt eine Reaktion auf den sexuellen Übergriff geschehen muss.

Gründe für sexuelle Übergriffe unter Kindern können verschiedene Ursachen haben z.B. der sexuellen Erregung des übergriffigen Kindes dienen, die bei Formen der Penetration vorkom- men. Bei Übergriffen wie Beschimpfungen, „Eierkneifen“ oder das erzwungene Zeigenlassen der Genitalien, wollen die übergriffigen Kinder ihre Überlegenheit durch Demütigung des an­deren Kindes ausleben. Außerdem kommt es vor, dass Kinder die erwachsene Sexualität praktizieren, also alle Formen von vaginalem, oralem oder analem Geschlechtsverkehr. Diese Art der sexuellen Übergriffe durch Kinder kann eine Folge von selbsterlebtem sexuellen Miss­brauch sein.

Die pädagogische Fachkraft sollte nach einem sexuellen Übergriff unter Kindern unbedingt vermeiden, Gespräche unter sechs Augen (also mit beiden beteiligten Kindern) zu führen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist, denn das betroffene Kind kann selbst in einem sol­chen Gespräch weitere Unterlegenheit spüren. In der Praxis zeigt sich außerdem, dass die übergriffigen Kinder im Gespräch versuchen, den Vorfall bzw. Übergriff anders dazustellen oder die Verantwortung dem betroffenen Kind anzuhängen. Für die betroffenen Kinder können solche Gespräche unerträglich werden. Sie spüren, dass ihre Glaubwürdigkeit an­gezweifelt wird und nehmen daher oftmals ihre Aussagen wieder zurück.

Die pädagogische Fachkraft sollte den sexuellen Übergriff auf jeden Fall als Unrecht be­werten und diesen Standpunkt auch von sich aus deutlich machen, egal welches Motiv das übergriffige Kind hatte. Außerdem sollte die pädagogische Fachkraft eine situative Parteilichkeit zeigen. Die Parteilichkeit sollte sich also nur auf die Übergriffsituation be­ziehen und sonstige alltäglichen Verhaltensweisen der Kinder außen vor lassen. Ge­lingt dies der pädagogischen Fachkraft nicht, können schnell Denkweisen wie „Die ist sonst auch nicht ohne! Sonst teilt sie doch auch aus!“ verankert werden, die das Ver­halten des übergriffigen Kindes oder den Übergriff auf das betroffene Kind aber keines­falls rechtfertigen. Erzieher/innen oder auch Lehrer/innen sollten sich also nicht sofort auf die Seite des betroffenen Kindes stellen, sondern ihm viel mehr vermitteln, dass sie diese konkrete Situation als unrecht empfinden und dem Kind ihre ungeteilte Unterstüt­zung und Zuwendung entgegen bringen werden. Weitere Maßnahmen können z.B. sein, dass das übergriffige Kind vom betroffenen Kind ferngehalten wird. Hat der sexu­elle Übergriff in der Toilette statt gefunden, kann dafür gesorgt werden, dass das über­griffige Kind nur noch alleine auf die Toilette darf oder in Begleitung einer Erzieher/in/ Lehrer/in, sofern dies im pädagogischen Alltag möglich ist. Dabei soll das übergriffige Kind nicht nur bestraft werden, sondern es soll vielmehr über den Vorfall, seine Verantwortung, seine Motivation und über Möglichkeiten der Wiedergutmachung nachdenken. Einige Signale, die ich im nächsten Punkt aufführe, können auch bei Übergriffen unter Kindern auftreten.

5.2. Bei Übergriffen durch Erwachsenen

Wie bei 4. beschrieben, planen die Täter ihre sexualisierten Gewalthandlungen meistens sorgfältig und langfristig, damit sie nicht erwischt werden oder „auffliegen“. Nur in seltenen Fällen sind es die bösen, fremden Männer, die sich an den kleinen Kinder vergreifen und die

Kinder auf unterschiedlichste Art in ihre Wohnungen locken. Die meisten sexuellen Übergriffe gehen direkt von Vertrauenspersonen innerhalb der Familie, des Freundes- und Bekannten­kreises, der Nachbarschaft, des Kollegenkreises oder Erziehungsstätten und Vereinen aus.

[...]


1 vgl. Wittmann 2015, S. 11f

2 vgl. Gebrande o.J., 07.11.2019, online, abgerufen am 10.12.2021, Folie 13ff

3 vgl. Gebrande o.J., 07.11.2019, online, abgerufen am 10.12.2021, Folie 27f

4 vgl. Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs o.J., online, aufgerufen am 10.12.2021

5 vgl. Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, o. J., online, aufgerufen am 10.12.2021

6 vgl. Bange 2011, S. 49

7 vgl. Zartbitter e.V., o. J., online, abgerufen am 10.12.2021

8 vgl. Wittmann 2015, S. 31

9 vgl. Küstner 12.09.2017, online, abgerufen am 22.12.2017

10 vgl. Küstner 12.09.2017, online, abgerufen am 22.12.2017

11 vgl. Meyer o. J., online, abgerufen am 22.12.2017

12 vgl. Maywald 20152, S. 122

13 vgl. Deegener 1998, S. 32f

14 vgl. Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Oktober 2017, online, abgerufen am 22.12.2017

15 vgl. Gebrande 2014, S. 21

16 vgl. Bange 2011, S. 15

17 vgl. Bange 2011, S. 15

18 vgl. Bange 2011, S. 19

Details

Seiten
30
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783346556035
ISBN (Paperback)
9783346556042
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Dezember)
Note
1,0
Schlagworte
Sexueller Missbrauch sexuelle Gewalt Misshandlung Kinder Kindermissbrauch Entwicklung Trauma Schutzkonzept Kindergarten Schule Kita Kindertagesstätte Prävention

Autor

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Titel: Sexualisierte Gewalt an Kindern und dessen Auswirkungen auf die Entwicklung