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Beschreibt das amerikanische Konzept des "Melting Pot" eine echte Interkulturalität oder beschränkt sich dieses auf ein Beispiel für eine multikulturelle Gesellschaft?

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Multikulturalität
2.2 Interkulturalität

3. Das Konzept des „Melting Pot“
3.1 Der Begriff des „Melting Pot“
3.2 Historische Entwicklung
3.3 Die gegenwärtige Situation – „Beyond the Melting Pot“

4. Der „Melting Pot“ als eine echte Interkultur?

5. Kann das Konzept des Melting Pot auf andere Gesellschaften übertragen werden?

6. Zusammenfassung

7. Anhang
7.1 Einwanderungszahlen des 19. und 20.Jahrhunderts
7.2 Bevölkerungsverteilung nach Abstammung am Beispiel New York

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die USA sind ein klassisches Einwandererland, in dem Angehörige verschiedener Kulturen und Religionen miteinander leben. Als eine multikulturelle Gesellschaft liefern sie ein Vorbild für andere moderne Gesellschaften, so z.B. Deutschland. Ein Begriff, der dieses Zusammenleben charakterisiert ist die Metapher des Melting Pot, die das Verschmelzen verschiedener Kulturen zu einer neuen symbolisiert. Diese entstandene Interkultur gilt als erstrebenswerte Gesellschaftsordnung und stellt einen Idealtyp multikulturellen Zusammenlebens dar.

Ob es sich bei dem Melting Pot-Konzept jedoch um eine „echte“ Interkultur handelt, und ob ein Verschmelzen der Kulturen wirklich stattgefunden hat, soll in dieser Hausarbeit untersucht werden.

Dabei werden zunächst die Begriffe Multikulturalität und Interkulturalität geklärt, bevor anschließend das Melting Pot-Konzept dargestellt und als Interkultur diskutiert wird. Abschließend soll die Frage betrachtet werden, ob dieses Konzept ohne weiteres auf andere moderne Gesellschaften übertragbar ist.

2. Begriffsklärungen

Zunächst sollen die Begriffe Multikulturalität und Interkulturalität geklärt werden.

2.1 Multikulturalität

Multikulturalität beschreibt in erster Linie eine soziale Organisationsstruktur, die sich durch das Zusammenleben mehrerer verschiedener Kulturen in einer Lebenswelt auszeichnet1. Wie sich das Zusammenleben innerhalb dieser Gruppe gestaltet, d.h. ob es bei einem

Nebeneinander der Kulturen bleibt oder deren Mitglieder miteinander agieren, hängt von der Bereitschaft zur Interaktion der einzelnen Beteiligten ab.

Bolten unterscheidet dabei drei Formen der Multikulturalität, die sich aufgrund verschieden stark ausgeprägter Interaktion der Gruppen ergeben.2 Multikulturalität I ist dabei von einem starken „Integrationszwang“ bestimmt, d.h. kulturelle Unterschiede werden nicht zugelassen. Multikulturalität existiert in diesem Fall nur bevölkerungsstatistisch und sie ist „unecht“.

Multikulturalität II kennzeichnet eine „echte“ Multikulturalität. Ethnische Gruppen agieren miteinander, behalten sich aber ihre kulturelle Identität, mit anderen Worten, es handelt sich um „friedliche Koexistenz“.

Idealtypischen Charakter besitzt indes die Multikulturalität III, bei der Interaktion zwischen den Kulturen stattfindet. Identitätsstiftende Räume werden allmählich aufgegeben. Interkulturelle Prozesse laufen ab, bei denen neue Gedanken, Pläne und Handlungen erzeugt werden. Der Übergang vom Neben- zum Miteinander wird vollzogen.

2.2 Interkulturalität

Bolten definiert Interkulturalität als „den Prozess und die Dynamik des Zusammenlebens“3 innerhalb einer Multikultur. Interkulturalität findet dann statt, wenn Angehörige verschiedener Lebenswelten aufeinander treffen und miteinander agieren. Eine Interkultur ist das entstehende Produkt dieses Aushandlungsprozesses, also eine Zwischenwelt, die von Merkmalen beider Kulturen bestimmt ist und keiner der beiden beteiligten vollkommen entspricht. Der Ablauf solcher Prozesse und das Resultat sind nicht vorhersehbar und ereignen sich immer wieder neu, abhängig von den beteiligten Personen. Es bilden sich Synergien, die ohne deren Interaktion nicht entstanden wären.4

In diesem Kapitel werden Grundüberlegungen zum Melting Pot-Konzept dargelegt. Zunächst wird der Begriff des Melting Pot definiert, anschließend werden historische Entwicklungen und gegenwärtige Tendenzen der amerikanischen Immigrationsdebatte skizziert.

3.1 Der Begriff des „Melting Pot“

Zunächst soll der Begriff des Melting Pot geklärt werden, bevor die historische Entwicklung näher betrachtet wird.

Der Begriff des Melting Pot hat in Großbritannien als Metapher für „any process involving basic change“5, also Prozesse mit grundlegenden Wandel, eine lange Tradition. Das Oxford English Dictionary definiert den Begriff in diesem Zusammenhang als „often fig. with reference to thorough remodelling of institutions, etc.”6.

Als Symbol für das Vermischen verschiedener Kulturen wird der Begriff seit dem 20. Jahrhundert und in den USA fast ausschließlich in Verbindung mit „racial and ethnic mixture“7 verwendet.

Vorgänger für die symbolische Benutzung ist der französisch-stämmige amerikanische Schriftsteller Michel-Guillaume Jean de Crèvecoeur (J. Hector St. John de Crèvecoeur), der in dem dritten der Letters from an American Farmer (1782) die amerikanische Nation als eine Verschmelzung einzelner Völker zu einer neuen sieht: „Here individuals of all nations are melted into a new race of men, whose labours and posterity will one day cause great changes in the world.“8. Schon damals besteht die amerikanische Bevölkerung aus verschiedenen, damals noch hauptsächlich europäischen Kulturen:

[…] What, then, is the American, this new man? He is neither an European, nor the descendant of an European; hence that strange mixture of blood, which you will find in no other country. I could point out to you a family whose grandfather was an Englishman, whose wife was Dutch, whose son married a French woman, and whose present four sons have now four wives of different nations. He is an American, who, leaving behind all his ancient prejudices and manners, receives new ones from the new mode of life he has embraced, the new government he obeys, and the new rank he holds. He becomes an American by being received in the broad lap of our great Alma Mater. […]9

Ralph Waldo Emerson fasste das von Crèvecoeur verwendete Verb melt 1845 auf, um die neue Gesellschaft als “smelting pot” zu bezeichnen, die als „asylum of all nations, the energy of Irish, Germans, Swedes, Poles, & Cossacks, & all the European tribes, - of the Africans, &of the Polynesians, will construct a new race, a new religion, a new State, […]”10

Doch erst durch Israel Zangwills 1908 uraufgeführtes gleichnamiges Theaterstück wurde der Begriff des Melting Pot als Symbol für eine aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen bestehende Nation populär. Die Hauptfigur David Quixano preist in der Schlussszene die Stadt New York: „It is the fires of God round His Crucible. […] There she lies, the great Melting Pot […] Here shall they all unite to build the Republic of Man and the Kingdom of God.”11. Hier steht der Melting Pot für den Ort, „where Old World nationality drops away and various elements fuse into a new nationality“12.

Jedoch zeigt sich bereits früh Kritik an dem Begriff und eine Reihe alternativer Wendungen wird vorgeschlagen. Diese zeigen sich schon bei Zangwill, der auch das Synonym „crucible“ (Schmelztiegel) verwendet. Weitere alternative Metaphern sind z.B. salad bowl, orchestra, mosaic, stew13, welche die Assimilationsprozesse der amerikanischen Gesellschaft ver- sinnbildlichen sollen. Gleason argumentiert dennoch, dass „melting pot“ das Verschmelzen der Kulturen im Sinne einer homogenen Gesellschaft am besten beschreibt14.

3.2 Historische Entwicklung

Der Begriff des Melting Pot ist unmittelbar mit der Einwanderungsgeschichte der USA verbunden. Bereits nach der Entdeckung durch Kolumbus 1492 besiedelten die ersten europäischen Immigranten das neue Land. Ihre Motive und Ideale trugen entscheidend zum Entstehen des Melting Pot Symbols bei. Deshalb soll in diesem Kapitel die Immigrationsgeschichte der USA skizziert werden.

Die Einwanderungsströme in die USA lassen sich in drei Phasen unterteilen. Zunächst in die Zeit von der Entdeckung des Kontinents 1492 bis in das frühe

19. Jahrhundert; der zweite Abschnitt berücksichtigt die Zeit zwischen 1820 und 1920, der letzte zeigt die Entwicklungen seit 1920 bis in die Gegenwart auf.15

Obwohl der Kontinent bereits vor mehr als einem Jahrhundert entdeckt worden war, gelang den Engländern erst 1607 der erste erfolgreiche Siedlungsversuch durch eine Gruppe Männer, die sich in Jamestown niederließen.16 Eine bedeutende Rolle kommt den Pilgrim Fathers (Pilgerväter) zu, die 1620 mit ihrem Schiff Mayflower in Cape Cod landeten. Sie gelten als die Begründer der neuen Nation. Zusammen mit den Quäkern, die sich unter William Penn 1682 im heutigen Pennsylvania niederließen,

repräsentieren sie die Motive, welche für das amerikanische Selbstbild prägend sind. Sie alle waren streng religiös, zumeist Protestanten, die sich gegen die Church of England wandten. Ihre Bestrebungen in der neuen Welt bestanden im Aufbau einer neuen Gesellschaft, die „free of the bad elements of the old, while preserving those which seemed to them good“17 sein sollte. Dabei bestärkte sie ihr puritanischer Glaube, hart und gewissenhaft zu arbeiten, um sich eine neue Freiheit losgelöst von den Traditionen und Gesellschaftsordnungen ihrer alten Heimat zu errichten.18

Zunächst wurde die Ostküste besiedelt. In Virginia begann man bereits mit dem Sklavenhandel mit Sklaven aus Afrika, um genügend Arbeitskräfte für die Plantagen zu besitzen.

[...]


1 Vgl. Jürgen Bolten, Interkulturelle Kompetenz (Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2001) 66.

2 Siehe dazu und zu den nachfolgenden Ausführungen: Bolten, 66-69.

3 Bolten, 66.

4 Siehe Bolten, 18.

3 Das Konz ept des „ Melting Pot“

5 Vgl. Philip Gleason, Speaking of Diversity: Language and Ethnicity in Twentieth-Century America (Baltimore: Johns Hopkins University Press, 1992) 35.

6 “melting”, Oxford English Dictionary Band 9 (Oxford: Claendon Press, ²1989) 590.

7 John J. Miller, The Unmaking of Americans: How Multiculturalism Has Undermined the Assimilation Ethic (New York [u.a.]: Free Press, 1998) 61.

8 Peter Freese (Hg), From Melting Pot to Multiculturalism: E Pluribus Unum? (München: Langenscheidt-Longman, 1994) 5.

9 Freese, 5.

10 Freese, 5.

11 Israel Zangwill, The Melting Pot. In: Freese, 7.

12 Gleason, 8.

13 Gleason, 13-14.

14 Vgl. Gleason, 25.

15 Einteilung übernommen aus: Peter Bromhead, Life in Modern America (Harlow: Longman, 1990) 15.

16 Bis zu dieser Zeit konzentrierten sich Spanier und Portugiesen auf die Erkundung des Südens der heutigen USA und Mexiko. Bis in das 17. Jahrhundert baute Spanien eine straffe Verwaltung auf und erweiterte seine Kolonien. Siehe dazu: Bromhead, 15.

17 Bromhead, 18.

18 Vgl. Bromhead, 16-18.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640169603
ISBN (Buch)
9783640172283
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115384
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Fachgebiet Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Note
1,0
Schlagworte
Konzept Interkulturalität Gesellschaft Theorie Interkultureller Wirtschaftskommunikation melting pot usa

Autor

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