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Medialisierung von Armut am Beispiel der Fernsehsendung "Frauentausch"

©2016 Hausarbeit 35 Seiten

Zusammenfassung

"Die Doku Soap 'Frauentausch' ist ein Reality-Format, für das es keine Drehbücher und keine vorgegebenen Dialoge gibt. Hier agieren keine Darsteller oder Schauspieler, sondern reale Personen, die bei ihren Erlebnissen begleitet werden", so nahm nach der Online-Ausgabe des Focus der Fernsehsender RTL2 Stellung zu der Sendung "Frauentausch". Im Rahmen des Projekts "Prekäre Lebenswelten: Historische und aktuelle Zugänge zur Arbeit" soll in dieser Ausarbeitung untersucht werden, wie ein Bild von Armut in den Medien konstruiert und wie dieses durch die mediale Aufbereitung vermittelt wird. Hierzu wurde exemplarisch die Fernsehsendung "Frauentausch" ausgewählt, welche von der Constantin Entertainment GmbH für die RTL Group produziert wurde und auf dem Fernsehsender RTL2 ausgestrahlt wird. Es handelt sich hierbei um eine deutsche Adaption des britischen Originals "Wife Swap" und ist seit 2003 im deutschen Fernsehen zu sehen. Grundlage dieser Untersuchung bildet eine Medienanalyse, welche auf Ute Bechdolfs "Kulturwissenschaftliche Medienforschung: Film und Fernsehen" und ihre darin beschriebene methodische Vorgehensweise beruht.

Ziel dieses Projektes ist es, zu veranschaulichen, ob und inwieweit Klischees und Stereotypen bezüglich Armut erzeugt bzw. genutzt werden, um auf diese Weise die Wahrnehmung von Armut in Deutschland zu prägen. Außerdem soll auch näher beleuchtet werden, ob Armut eher direkt oder indirekt dargestellt wird und inwiefern andere Eigenschaften mit Armut assoziiert werden wie z.B. fehlende Bildung, Eigenverantwortung oder auch Selbstverschuldung. Schwerpunkt dieser Ausarbeitung ist es, darzustellen mit welchen Mitteln die Produzenten von "Frauentausch" negative Emotionen generieren, um Armut zu skandalisieren.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorgehensweise

3 Versuch einer Definition

4 Analyse
4.1 Die narrative Ebene
4.2 Die darstellerische Ebene
4.3 Die visuelle Ebene
4.4 Die auditive Ebene
4.5 Kategorisierung
4.5.1 Berufsbezeichnung
4.5.2 Familie und Familienstand
4.5.3 Wohnsituation
4.5.4 Finanzielle Situation
4.5.5 Sonstiges
4.5.5.1 Soziales und Kulturelles Leben
4.5.5.2 Ernährung und Esskultur
4.5.5.3 Aufgaben als Tauschmutter
4.5.5.4 Hygiene
4.6 Zusammenfassung

5 Die Ausstellung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Tabelle 1
8.2 Tabelle 2
8.3 Tabelle 3
8.4 Tabelle 4
8.5 Tabelle 5
8.6 Tabelle 6
8.7 Tabelle 7
8.8 Tabelle 8

9 Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

„Die Doku Soap ‚Frauentausch‘ ist ein Reality-Format, für das es keine Drehbücher und keine vorgegebenen Dialoge gibt. Hier agieren keine Darsteller oder Schauspieler, sondern reale Personen, die bei ihren Erlebnissen begleitet werden“1, so nahm nach der Online-Ausgabe des Focus der Fernsehsender RTL2 Stellung zu der Sendung „Frauentausch“. Im Rahmen des Projekts „Prekäre Lebenswelten: Historische und aktuelle Zugänge zur Arbeit“ soll in dieser Ausarbeitung untersucht werden, wie ein Bild von Armut in den Medien konstruiert und wie dieses durch die mediale Aufbereitung vermittelt wird. Hierzu wurde exemplarisch die Fernsehsendung „Frauentausch“ ausgewählt, welche von der Constantin Entertainment GmbH für die RTL Group produziert wurde und auf dem Fernsehsender RTL2 ausgestrahlt wird. Es handelt sich hierbei um eine deutsche Adaption des britischen Originals „Wife Swap“ und ist seit 2003 im deutschen Fernsehen zu sehen. Grundlage dieser Untersuchung bildet eine Medienanalyse, welche auf Ute Bechdolfs „Kulturwissenschaftliche Medienforschung: Film und Fernsehen“ und ihre darin beschriebene methodische Vorgehensweise beruht.

Ziel dieses Projektes ist es, zu veranschaulichen, ob und inwieweit Klischees und Stereotypen bezüglich Armut erzeugt bzw. genutzt werden, um auf diese Weise die Wahrnehmung von Armut in Deutschland zu prägen. Außerdem soll auch näher beleuchtet werden, ob Armut eher direkt oder indirekt dargestellt wird und inwiefern andere Eigenschaften mit Armut assoziiert werden wie z.B. fehlende Bildung, Eigenverantwortung oder auch Selbstverschuldung. Schwerpunkt dieser Ausarbeitung ist es, darzustellen mit welchen Mitteln die Produzenten von „Frauentausch“ negative Emotionen generieren, um Armut zu skandalisieren.

2 Vorgehensweise

Zunächst wurde der Zugang über das Medium Fernsehen ausgewählt und damit die verschiedenen Verbreitungswege über das Internet, z.B. RTL2-Mediathek, Streaming-Dienste und Youtube-Clips, ausgeschlossen. Um eine möglichst aussagekräftige Stichprobe zu erhalten, erstreckte sich die Datensammlung auf Wiederholungen, welche im Vormittagsprogramm auf dem Fernsehsender RTL2 gesendet werden, da diese, anders als die neuen Episoden, nicht in chronologischer Reihenfolge ausgestrahlt werden. Der Stichprobenumfang erstreckt sich auf neun Episoden zu je zwei Stunden Laufzeit inkl. Werbeunterbrechung. Diese neun Episoden umfassen einen Zeitrahmen von ca. neun Jahren2 und repräsentieren beispielhaft das gleichbleibende Konzept „Frauentauschs“. Da es die Episoden nicht auf Bild- und Tonträgern käuflich zu erwerben gibt, mit Ausnahme einiger für diese Analyse ungeeigneten Sondereditionen3, wurde das Material mit Hilfe eines Festplattenrecorders aufgezeichnet und auf DVDs gebrannt. Diese Episoden werden methodisch nach Kategorien analysiert, wobei vier Ebenen zu unterscheiden sind:

1. Die narrative Ebene
2. Die darstellerische Ebene
3. Die visuelle Ebene
4. Die auditive Ebene4

3 Versuch einer Definition

„Reality-TV ist eine mediatisierte Form der Alltagserzählung und hat sowohl formal wie inhaltlich seinen Unterboden in oraler Vis-à-vis-Erzählung. […] Eine Grundunterscheidung besteht darin, ob Formate Realität darstellen oder Realität erzeugen – manche greifen auf Realgeschehnisse zurück, andere dagegen inszenieren Szenarien, in denen sich Akteure ,wie in der Realität´ verhalten müssen.“5

Diese Definition zeigt den Schwachpunkt der Fernsehsendung „Frauentausch“: Weder der Fernsehsender noch die Produzenten äußern sich explizit über den Realitätsgehalt des Formats. Stattdessen bezeichnen sie selbst „Frauentausch“ als „Doku-Soap“6 und als „Format mit Dokumentationscharakter“7. Dem kritischen Zuschauer wird jedoch schnell deutlich, dass diese Einschätzung zu oberflächlich ist.

Das Film-Lexikon der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel definiert Doku-Soaps als

„dokumentarische Mehrteiler, die sich strukturell und dramaturgisch an der Soap Opera orientieren. Meist erzählen sie von Gruppen von Protagonisten, deren Geschichten parallel vorgestellt werden. Die oft ironischen Docu-Soaps wurden euphorisch angenommen, erzielten sensationelle Einschaltquoten.“8

Bei der Sichtung des Materials wird deutlich, dass zwar mit Ironie gearbeitet wird, aber lediglich durch vereinzelte Kommentare aus dem Off, nicht durch die Protagonisten selbst. Nicht erst seit Jan Böhmermann einen falschen Kandidaten bei „Schwiegertochter gesucht“ einschleuste, ist dem kritischen Zuschauer bewusst, dass es der RTL Group nicht darum geht Realität abzubilden, sondern die für ihre Zwecke angepasste und optimierte Version der Wirklichkeit.

Am ehesten kann man dieses Format noch dem Skripted-Reality-TV zuschreiben, welches

„wegen ihrer Vermischung von fiktiven und realen Elementen sowie den in diesen Sendungen behandelten Themen und dargestellten klischeehaften Rollenbildern und stereotypen Verhaltensmustern Fragen [...] [aufwirft]. Durch den Einsatz journalistischer Gestaltungsmittel werden vermeintlich realistische Geschehnisse und Konflikte in einer sehr authentischen Weise dargestellt. Von echten dokumentarischen Formaten sind sie kaum noch zu unterscheiden. Dabei werden nicht selten zwischenmenschliche Verhaltensweisen und Konflikte sozialer Milieus dargestellt, die häufig nicht der Realität entsprechen, aber das Meinungsbild der Zuschauer gegenüber bestimmten sozialen Gruppen beeinflusst.“9

Es gibt keine einheitliche Definition, welche auf das Format „Frauentausch“ exakt zu übertragen ist. Vielmehr entspricht „ Frauentausch“ einer Mischung aus Skripted-Reality-TV und Swap-Dokus. Bei Swap-Dokus handelt es sich um

„Formate, in denen die Protagonisten ihr alltägliches Lebensumfeld für eine bestimmte Dauer gegen das Leben in einer für sie ungewohnten Umgebung tauschen und sich dabei von Kameras beobachten lassen. Dabei werden soziales Experiment und filmische Dokumentation mit melodramatischen Strukturen verknüpft (vgl. Hill 2004). Die Grundidee ist dabei die Konfrontation kontrastierender Lebensentwürfe und gegensätzlicher Milieus, die mit einer deutlichen Auf- bzw. Abwertung der Teilnehmerinnen verbunden [ist], die durch den Kommentar unter strichen [syn.] wird.“10

4 Analyse

Im Vorfeld wird die These aufgestellt, dass es der RTL Group nicht darum geht, wertfreie Realität abzubilden, sondern stattdessen „geskriptete Wirklichkeit“. Das Hauptaugenmerk der RTL Group liegt auf Einschaltquoten und den dadurch erzielten Werbeeinnahmen. Anders als bei anderen Formaten ist es nicht das Ziel, Empathie bei den Zuschauern zu erzeugen, sondern viel eher um Skandalisierung der dargestellten Personen bzw. Stereotypisierung, um auf diese Weise, ein Überlegenheitsgefühl der Zuschauer zu kreieren. Einer der zentralen Punkte, welcher zur Skandalisierung und Stereotypisierung genutzt wird, soll hier analysiert werden: Armut.

Armut wird in diesem Zusammenhang nicht nur als Abgrenzung von der Mittel- und Oberschicht dargestellt, sondern auch noch mit sozialer Ausgrenzung und fehlender Teilhabe in Verbindung gebracht. Diese wird verknüpft mit negativen Eigenschaften, welche nachfolgend näher erläutert werden.

Man kann vier Ebenen unterscheiden, auf welchen die Botschaft der Fernsehsendung im Ganzen sowie der Episoden im Einzelnen transportiert wird. Diese Ebenen gehen manchmal ineinander über, so dass es schwierig ist, sie scharf voneinander abzugrenzen.

4.1 Die narrative Ebene

Die Fernsehsendung „Frauentausch“ verläuft immer nach dem gleichen Schema, wahrscheinlich um den Wiedererkennungswert zu steigern und es den Zuschauern einfacher zu machen der Handlung zu folgen. Zunächst werden beide Tauschfamilien vorgestellt, wobei zuerst die gesamte „Familie 1“ als geschlossene Gruppe aller mitspielender Familienmitglieder gezeigt wird, danach „Familie 2“ nach gleichem Modell. In einigen Folgen zeigt man noch kurze Ausschnitte der Bewerbungsvideos, doch ist dies nicht zwingend der Fall. Nach der Vorstellung hat jede Tauschmutter die Gelegenheit die Wohnung ihrer Tauschpartnerin11 zu besichtigen, wobei sie natürlich von einem Kamerateam begleitet wird, und diese einzuschätzen. Danach lernen die Tauschmütter ihre Tauschfamilien kennen, was direkt danach schon von beiden Parteien kommentiert wird. Nach einigen Tagen bekommt jede Tauschmutter von der anderen eine Videobotschaft, in welcher Anweisungen und Tipps gegeben werden, welche sie sich kommentierend ansieht. Gegen Mitte des Frauentausches erhalten sie auch noch Videobotschaften ihrer eigenen Familien, um sie über den Stand der Dinge zu informieren. Auch hierzu werden Kommentare abgegeben. Danach erfolgt die Regeländerung, bei der die Tauschmutter ihrer Tauschfamilie Regeln aufstellen soll und diese sie befolgen muss. Der eigentliche Frauentausch endet mit der Aussprache beider Tauschmütter, bei welcher sie sich über das Erlebte unterhalten. Abgeschlossen wird jede Episode mit der Wiedervereinigung der Tauschmütter mit ihren eigenen Familien. Manchmal wird dies um eine Schlussbemerkung ergänzt, was eine oder auch beide Tauschmütter durch den Frauentausch mitgenommen oder gelernt haben und wie sie ihr Leben danach verändern werden.

4.2 Die darstellerische Ebene

Da nicht zu unterscheiden ist, was eine wahrhaftige Äußerung oder ein wahrhaftiges Benehmen ist und das ganze Material bereits nachbearbeitet und für das Fernsehen aufbereitet wurde, gilt es die ganze Darstellung auch als solche zu erfassen. Die RTL2-Redaktion verfolgt eine Intention, welche sie mit Hilfe von Inszenierungen ihren Zuschauern vermitteln möchte. Dies führt dazu, dass bestimmte Aspekte überbetont und andere weggelassen wurden. Es geht hier nicht darum eine reale Person zu visualisieren, sondern darum die Idee dieser Person für die Zuschauer zu versinnbildlichen.

4.3 Die visuelle Ebene

Neben Einzeldarstellungen jeder Familie wird auch in unregelmäßigen Abständen zwischen „Familie 1“ und „Familie 2“ hin- und hergeblendet, um einen Vergleich zu ermöglichen. Abgesehen von den Familien als solchen wird auch das Umfeld filmisch erfasst. Auf diese Weise werden mittels Kameratechnik Details hervorgehoben oder aber verschwinden im Hintergrund. Dies kann wohlwollend erscheinen, indem man ästhetisch ansprechende Gegenden zeigt, oder aber auch herabsetzend, dadurch, dass die Kamera möglichst lange auf Unvollkommenheiten verharrt. Abgesehen von Kameraeinstellungen verwendet RTL2 auch Einblendungen, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Dies kann von eingeblendeten Pfeilen über Wörter bis hin zu Gegenständen führen. Beispielhaft in Folge 39312 werden alle drei Einblendungen verwendet. Als Tauschmutter Kathleen ihre kleine Wohnung vorstellt, werden ihre Ausführungen durch Einblendungen ironisiert. Auf diese Weise wird eine Couch zur „Firstclasslounge“ und Tauschmutter Kathleen wird stark herabgewürdigt, indem die Redaktion ihr eine Stewardessenmütze auf den Kopf blendet.

4.4 Die auditive Ebene

Durch Kommentare aus dem Off, Einspielung von Schlagermusik und Geräuschen werden Aussagen ironisiert und ins Lächerliche gezogen. Hinzukommen natürlich noch die eigentlichen Aussagen der Protagonisten, welche vorher geskriptet und hinterher geschnitten wurden und somit keine spontanen Äußerungen darstellen. Untermalt wird das ganze durch die Erkennungsmelodie „Mamma Mia“13 und Kommentaren aus dem Off.

4.5 Kategorisierung

„In jeder Folge der Doku-Soap „Frauentausch“ ziehen zwei Frauen aus komplett unterschiedlichen Umfeldern für zehn Tage zu der jeweils anderen, ganz unbekannten Familie. Wie lebt man in einer Großfamilie, wenn man selber nur ein Kind hat? Was erwartet eine Großstadtbewohnerin, wenn sie sich für zehn Tage in einem kleinen Dorf beweisen muss? Herausforderungen wie diesen und noch einigen mehr stellen sich die Tauschmütter.“14

So unterschiedlich die gezeigten Personen auch dargestellt werden, so wird doch deutlich, dass bestimmte Motive wiederkehren und in nahezu jeder Folge zu sehen sind. Um den Überblick nicht zu verlieren, wird die in einer Episode zuerst gezeigte Familie als „Familie 1“ bezeichnet und die nachfolgende als „Familie 2“. Zu Beginn der Fernsehsendung wird dem Zuschauer schon eine Beurteilung der Familien vorgegeben, indem die Familien stark wertend in Szene gesetzt werden. Auf diese Weise wird eine Familie favorisiert und die andere herabgesetzt.

4.5.1 Berufsbezeichnung

In den ersten Minuten der Fernsehsendung stellen sich die Einzelpersonen vor, währenddessen wird in einigen Episoden der Name der sprechenden Person und als Untertitel die Berufsbezeichnung eingeblendet. Bei Kindern und Jugendlichen wird die Berufsbezeichnung weggelassen und stattdessen durch die Begriffe „Schüler“ bzw. „Schülerin“ oder durch die Stellung in ihrer Familie z.B. „das Nesthäkchen“ ersetzt. Schnell wird deutlich, dass es sich bei den Teilnehmern überdurchschnittlich häufig um Nicht-Berufstätige15 handelt. Die Einkommenshöhe der einzelnen Personen wird nicht thematisiert, auffällig ist jedoch, dass bei den Nicht-Berufstätigen keine oder selten die Einblendung des erlernten oder vorher ausgeübten Berufs erscheint. Stattdessen erhalten sie zumeist den stigmatisierenden Status „Arbeitsloser“, „Arbeitssuchender“ oder auch „Hartz-IV-Empfänger“.

Da der Beruf einen Großteil der Lebenszeit jedes Einzelnen ausmacht, trägt er auch einen Großteil zur gesellschaftlichen Anerkennung und Identität bei. Und genau diese gesellschaftliche Identität wird den dargestellten Personen entzogen, indem man ihnen ihre Berufsbezeichnung bzw. ihren beruflichen Status nimmt. Lediglich bei nicht-berufstätigen Hausfrauen und Müttern, welche den Schwerpunkt des Fernsehformats „Frauentausch“ ausmachen, wird der negative Status des nicht-berufstätigen Daseins durch Ergänzungen aufgewertet, welche sich auf ihren Status als Mutter beziehen und sie häufig auch auf diesen reduzieren.

4.5.2 Familie und Familienstand

Es ist auffallend, dass sich die Familienverhältnisse im hohen Maße nicht mit den Statistiken des statistischen Bundesamtes decken. Die klassische deutsche Kleinfamilie, bei welcher Vater und Mutter miteinander in erster Ehe verheiratet sind, der Vater arbeiten geht und sich die Mutter um Haushalt und Kinder kümmert, wird nicht in Szene gesetzt. Stattdessen werden des Öfteren sehr junge Frauen gezeigt, welche mit ihren Partnern unverheiratet zusammenleben.

In Anlehnung an die Berichtszusammenfassung des statistischen Bundesamtes waren 2014 69,3% der Eltern mit Kindern miteinander verheiratet und lebten zusammen. Des Weiteren bekam jede Frau ihr erstes Kind durchschnittlich mit 29,5 Jahren16 und hatte insgesamt 1,47 Kinder.

Anstelle dessen werden häufig Extreme gezeigt. Zu diesen gehören neben anderen auch kinderreiche, Patchwork- und junge Familien. Auch Geschiedene oder Alleinstehende mit Kindern werden außergewöhnlich häufig dargestellt. Diese Konstellationen gelten in Deutschland allgemein als Armutsrisiko.

4.5.3 Wohnsituation

Ein in jeder Episode auftauchendes Thema ist die Wohnsituation. Diese wird in drei Phasen unterteilt. Als erstes zeigt man die Familie in ihrem gewohnten Umfeld, wobei die Wohnung, das Haus, der Bauernhof oder welche andere Wohnsituation17 auf sie zutrifft als Hintergrund dient. Danach betritt die Tauschmutter die Wohnung ihrer Tauschfamilie, besichtigt diese und vergleicht sie mit ihrer eigenen, wobei die fremde Wohnung in der Regel nicht wohlwollend kommentiert wird. Als letzte Phase zeigt man die Tauschmutter in Interaktion mit ihrer Tauschfamilie in deren Wohnung. Mit dem wieder in der eigenen Wohnung Eintreffen der Tauschmütter enden die Episoden bzw. ist es nur im Abspann zusehen, aus diesem Grunde wird dies nicht als weitere Phase gezählt.

Durch den Kommentator aus dem Off werden besonders die Größe der Wohnung, wobei häufig explizit die Quadratmeterzahl genannt wird, und die Lage betont. Auch hier werden wieder Klischees verwendet, um die eine Familie auf- und die andere abzuwerten. Beschreibungen wie „idyllisch“ und „ländlich“ führen zu einem positiven Bild, während negativ konnotierte Begriffe wie „Plattenbauten“18 das Gegenteil bewirken und die Familie mit Armut in Verbindung bringen. Darüber hinaus wird noch der Zustand der Wohnung analysiert. Neben Sauberkeit, welche im Kapitel „4.1.8 Hygiene“ behandelt werden wird, wird auch der eigentliche Zustand bewertet und in den Vordergrund gerückt. Sowohl Beschädigungen als auch Dekorationen werden beurteilt und entweder von den Kommentatoren oder von den dargestellten Personen selbst meist nicht wohlwollend kommentiert. Charakteristisch ist, dass Beschädigungen wie z.B. abgerissene Tapete sofort als Makel beurteilt werden. Alternativ könnte man dies auch als Anzeichen für geplante Renovierungsmaßnahmen ansehen Auf diese Weise werden die dargestellten Personen über ihre Wohnsituation definiert und abgewertet. Billige oder alte Einrichtung sowie spärliche, einfache und auch selbstgemachte Dekoration werden in der Regel als Zeichen für finanzielle Not ausgelegt und meist noch mit Selbstverschulden verknüpft.

4.5.4 Finanzielle Situation

Auffällig ist, dass in keiner der analysierten Folgen das monatliche Einkommen der Protagonisten explizit genannt wird. Stattdessen wird durch bestimmte Schlüsselbegriffe eine Meinung erzeugt, so dass der Zuschauer bereits etablierte Klischees wiederfindet und die Protagonisten einordnen kann. Wie bereits in Kapitel „4.1.1 Berufsbezeichnung“ ausgeführt, ist die häufigste berufliche Tätigkeit die Nicht-Erwerbstätigkeit. Durch Schlüsselbegriffe wie „Arbeit suchend“, „Hartz IV“ und „Frührentner“ wird ein niedriges Einkommen suggeriert, ohne dass das tatsächlich zur Verfügung stehende Budget diskutiert oder näher erläutert wird. Durch diese Verfahrensweise werden die Begriffe negativ aufgeladen und die damit in Verbindung gebrachten Assoziationen auch negativ konnotiert. Die persönlichen Gründe, die zu Arbeitslosigkeit geführt haben, werden ebenfalls nicht genannt. Es ist nicht im Interesse des Fernsehsenders aufzuzeigen, ob die Protagonisten sich gerade in einer Übergangsphase befinden, stattdessen wird das Klischee des Langzeitarbeitslosen bemüht. An Stelle von persönlichen Schicksalsschlägen, welche Empathie beim Zuschauer erzeugen könnten, wird zu diesem Zweck auf Allgemeinplätze zurückgegriffen. Der Zuschauer erfährt nicht, aus welchen Gründen eine Person keine eigene Wohnung zur Verfügung hat oder nicht mehr bei den Eltern lebt oder auch leben kann, stattdessen bezichtigt man ihn „auf Kosten seiner Freundin“19 zu leben oder „seiner Schwester auf der Tasche zu liegen“20. Mit Hilfe dieser Technik wird das persönliche Schicksal einer Person von dieser getrennt, so dass der Zuschauer kein Mitleid oder auch nur Verständnis empfinden kann. Durch dieses Nicht-Mitleiden fällt es den Produzenten leichter, den dargestellten Personen die Schuld für ihre eigene vermeintlich minderwertige finanzielle Situation zuzuschreiben.

4.5.5 Sonstiges

4.5.5.1 Soziales und Kulturelles Leben

Der Frauentausch soll sich laut Aussage der Homepage und der einzelnen Episoden auf zehn Tage erstrecken. An diesen zehn Tagen soll beispielhaft ein Einblick in das Leben der beiden Tauschfamilien gegeben werden. Zu prüfen, ob sich dieser Zeitraum wirklich auf zehn Tage erstreckt, ist nicht Teil dieser Analyse, viel mehr geht es darum, den dargestellten Zeitraum zu analysieren. Auffällig ist, dass sich die nicht-favorisierte Familie meist durch fehlende soziale oder kulturelle Teilhabe auszeichnet. Armut und soziale Ausgrenzung werden beinahe synonym verwendet, da beide Begriffe in enger Beziehung miteinander stehen. Während Armut häufig dem Mangel an materiellen Ressourcen gleichgesetzt wird, geht soziale Ausgrenzung wesentlich weiter:

„Soziale Ausgrenzung wird definiert als Ausschluss von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten: als Marginalisierung am Arbeitsmarkt verbunden mit gesellschaftlicher Isolation oder allgemeiner als Vorgang eines kumulativen Ausschlusses von Personen aus einer Mehrzahl unterschiedlicher, für die Lebensführung relevanter Funktionsbereiche der Gesellschaft.“21

Die meisten sozialen Kontakte finden innerhalb der eigenen Familie und der eigenen Wohnung statt. Auch Computer bzw. Computerspiele werden bemüht, um das Bild des „vor der Glotze hockenden Arbeitslosen“22 zu zeichnen.

4.5.5.2 Ernährung und Esskultur

Ein weniger wichtiger Punkt ist das Thema Ernährung und die damit zusammenhängende Esskultur. Auch wenn es sich hierbei nicht um einen Schwerpunkt handelt, so ist es doch notwendig diesen anzusprechen. Mindestens einmal in jeder Episode wird das Thema Ernährung erwähnt. Dies geschieht immer durch eine Tauschmutter, entweder positiv in ihrer eigenen oder negativ in der Küche der Tauschfamilie. Äußerungen über die Wichtigkeit gesunder Ernährung werden dazu verwendet, die Familie, welche diese Einstellung vertritt, über die andere, welche vermeintlich eine andere Auffassung hat, zu erheben. Des Weiteren wird bei der Besichtigung der Wohnung immer auch ein Blick in den Kühlschrank geworfen und der Inhalt dieses auch in Nahaufnahme gefilmt. Das Angebot und die Qualität der Lebensmittel wird kommentiert, wobei es meist zu abfälligen Bemerkungen durch die Tauschmutter und die Kommentatoren kommt.

Einen nachrangigen Platz belegen auch die Essrituale. In einigen Episoden wird Wert daraufgelegt zu zeigen, wie Familien essen, ob sie gemeinsam zusammen kochen und essen oder jeder für sich. Auch hier ist stark eine Wertung zu erkennen und grundsätzlich wird die Familie, die zumindest gemeinsam isst, präferiert.

4.5.5.3 Aufgaben als Tauschmutter

Zu dem üblichen Schema des Fernsehformats „Frauentausch“ gehört es auch, dass die Tauschmutter ihrer Tauschpartnerin bestimmte Aufgaben stellt. Dies tut sie entweder durch farbige Karten, welche sie beschriftet und in der Nähe der zu erledigenden Aufgabe anklebt, z.B. die Karte „Abwasch“ klebt auf der Spüle, oder aber über die Videobotschaft. Das Stellen der Aufgabe ist ein Mittel, welches von RTL2 zum Meinungsmachen verwendet wird. Die präferierte Tauschmutter, bei welcher es sich nicht um die finanziell schwächer gestellte handelt, wälzt keine lästigen Aufgaben, zu denen sie selbst keine Lust hat, auf ihre Tauschpartnerin ab. Außerdem wird noch in den Fokus gerückt, wie die Tauschmütter die Aufgaben erledigen, ob sie dies erfolgreich und ohne zu klagen schaffen oder ob sie versuchen sich zu drücken und/oder nachlässig arbeiten. Auf diese Weise werden Eigenschaften mit einander verknüpft, Armut und Faulheit bzw. Wohlstand und Fleiß, so dass vermeintliche Kausalitätsketten entstehen: Armut resultiert aus Faulheit und Wohlstand aus Fleiß. Führt man diesen Gedanken zu Ende, kommt man zu dem Schluss, dass jeder Mensch selbst für seine Lage verantwortlich ist.

4.5.5.4 Hygiene

Ein in jeder Episode in den Vordergrund gerücktes Thema ist die Hygiene, wobei es sich nicht nur um die persönliche Hygiene der Personen handelt, sondern im verstärkten Maße auch um den Zustand der Wohnung. Diese Angelegenheit scheint für die Zuschauer bzw. für RTL2 von enormer Bedeutung zu sein, da man ihr eine so starke Aufmerksamkeit widmet. Auch hier wird wieder eine Familie als einwandfrei und die andere als fragwürdig beurteilt. Die Familie, welche als fragwürdig gekennzeichnet wurde, wurde dies nicht nur aufgrund ihrer Hygiene bzw. ihres Mangels an Hygiene, sondern vielmehr wird hier wieder eine Gleichung erzeugt:

Anstatt: Die Wohnung befindet sich in einem schlechten Zustand, weil die Personen arm sind.

Wird hier Armut negativ assoziiert und mit Unfähigkeit gleichgesetzt:

Weil die Personen unfähig sind, befindet sich die Wohnung in einem schlechten Zustand.

Welche Möglichkeiten den Protagonisten zur Verfügung stehen, spielt keine Rolle.

[...]


1 http://www.focus.de/kultur/kino_tv/was-ist-echt-im-deutschen-tv-frauentausch-im-fake-check_id_5590209.html (06.09.2016)

2 Siehe http://www.wunschliste.de/episode/274877/frauentausch-sabine-und-andrea und http://www.wunschliste.de/episode/800969/frauentausch-sigrid-und-claudia (11.09.2016)

3 Siehe „Frauentausch Vol. 1 – Das Achenputtel-Experiment“ und „Frauentausch Vol. 2 – Das Promi-Special“ 2008 sowie „Frauentausch-Box“ 2010.

4 Siehe Bechdolf 2007 S. 301.

5 http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=6355 (24.05.2016)

6 http://www.rtl2.de/sendung/frauentausch/inhalt (10.07.2016)

7 http://www.focus.de/kultur/kino_tv/schwere-vorwuerfe-gegen-frauentausch-mutter-klagt-an-die-besorgten-meinem-sohn-drogen_id_4357054.html (16.07.2016)

8 http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=1758 (24.05.2016)

9 http://www.die-medienanstalten.de/themen/programm/scripted-reality.html (24.05.2016)

10 https://www.lfm-nrw.de/fileadmin/lfm-nrw/Forschung/LfM-Band-65.pdf (24.05.2016)

11 Die Begriffe „Tauschmutter“ und „Tauschpartnerin“ werden unabhängig vom tatsächlichen Geschlecht der tauschenden Personen verwendet, da es sich bei diesen ganz überwiegend um Frauen handelt und die Beteiligten auch nur die weiblichen Formen verwenden.

12 Siehe Anhang S. 35 und http://www.rtl2.de/sendung/frauentausch/folge/folge-393-kathleen-und-lena (11.09.2016) gesendet am 23.03.2016 9:00 - 11:00 Uhr.

13 Es handelt sich hierbei nicht um die Originalversion von ABBA, sondern um das Remake der Popgruppe A*Teens.

14 http://www.rtl2.de/sendung/frauentausch/inhalt (12.07.2016)

15 Der Begriff „Nicht-Berufstätige“ wird hier als Bezeichnung für eine volljährige Person, welche keiner entgeltlichen Lohnarbeit nachgeht, verwendet. Hierzu zählen neben Arbeitslosen auch Hausfrauen und Rentner.

16 Siehe https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Geburten/Geburten.html (15.07.2016)

17 Nachfolgend wird der Begriff „Wohnung“ verwendet, um die Beschreibung übersichtlicher zu halten. Gemeint sind jedoch weiterhin die verschiedensten Wohnkonstellationen.

18 http://www.rtl2.de/sendung/frauentausch/folge/folge-393-kathleen-und-lena (11.09.2016) gesendet am 23.03.2016 9:00 – 11:00 Uhr.

19 http://www.rtl2.de/sendung/frauentausch/folge/folge-400-0 (11.09.2016) gesendet am 05.04.2016 9:00 – 11:00 Uhr.

20 http://www.rtl2.de/sendung/frauentausch/folge/folge-0159-0 (11.09.2016) gesendet am 06.05.16 9:00 - 11:00 Uhr.

21 http://www.bpb.de/apuz/26813/armut-und-soziale-ausgrenzung-im-europaeischen-kontext?p=all#fr-footnodeid9 (02.09.2016)

22 http://www.focus.de/politik/deutschland/landwirtschaft-lieber-vor-der-glotze_aid_175043.html (06.09.2016)

Details

Seiten
35
Jahr
2016
ISBN (PDF)
9783346554901
ISBN (Paperback)
9783346554918
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde
Erscheinungsdatum
2021 (Dezember)
Note
1,7
Schlagworte
Frauentausch Doku Soap Skripted Reality

Autor

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Titel: Medialisierung von Armut am Beispiel der Fernsehsendung "Frauentausch"