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Fremdwahrnehmung der Kroaten aus deutscher Sicht - Inwiefern unterwandert Norbert Gstrein's Roman „Das Handwerk des Tötens“ eine Stereotypisierung?

Hausarbeit 2008 25 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Stereotype und Ethnizität

Inhalt und formale Besonderheiten des Romans

Welche Bilder erscheinen im Roman und wie werden diese unterwandert?

Wahrnehmung der Kroaten als Faschisten

Die Kroaten als Kriegsvolk?

Kritik an der medialen Darstellung des Krieges

Resümee

Bibliographie

Einleitung

In der allgemeinen westlichen Wahrnehmung steht der Begriff „Balkan“ als Synonym für eine Kulturgrenze, ethnischen Hass, nationale Zersplitterung, politische Instabilität, Rückständigkeit und die gewaltsame Austragung von Minderheitenkonflikten.[1] Der Kontrast zwischen dem „aufgeklärten, modernen Westen“ und dem „despotischen, rückständigen Balkan“, dessen Fremdheit eine unüberwindliche gedankliche Barriere zu bilden scheint, erzeugt Stereotype und Vorurteile, die durch den Krieg in den 1990er Jahren noch verstärkt wurden.[2] Der Krieg belebte die Bilder vom „Balkan als Krisenherd“ in der westlichen Wahrnehmung. Feindbilder wurden geschaffen und alte Vorurteile und Stereotypen „ausgegraben“.

Der Nationalismus, der nach dem Zerfall der SFRJ[3] Anfang der 1990er Jahre in den Teilrepubliken von den Machteliten proklamiert wurde, nutze die Frage nach der Ethnizität zur Mobilisierung der Bevölkerung und mit dem Ziel der Schaffung „ethnisch reiner“ Nationalstaaten. Infolge der nationalistischen Polemik der Machthaber und in der aufgeheizten Umbruchstimmung, die nach dem Tod des Präsidenten Jugoslawiens Josip Broz Tito in den Teilrepubliken der SFRJ herrschte, entspann sich ein „Bruderkrieg“ auf dem Balkan, der in Kroatien auch als „Vaterländischer Krieg“ bezeichnet wird. Vom Westen wurde Jugoslawien zu einem „mythischen Land [...], wo irgendwo im Nirgendwo ein wahnsinniger König herrscht.“[4] stilisiert, wodurch das Bild vom „Pulverfass Balkan“ in der Wahrnehmung des Auslands wieder an Bedeutung gewann, sich verfestigte und in den Medien verbreitet wurde. So formulierte DER SPIEGEL in der Ausgabe vom 01.07.1991 „Bürgerkrieg mitten in Europa, das Pulverfaß Balkan explodiert.“[5]

In seinem Roman „Das Handwerk des Tötens“ generiert Norbert Gstrein ein differenzierteres Bild vom Balkan und kritisiert die mediale Darstellung des Krieges. Die vorliegende Arbeit befasst sich einleitend damit, was unter dem Begriff Stereotyp zu verstehen ist und befasst sich anschließend mit der Frage, inwiefern in Norbert Gstreins Roman eine Unterwanderung ethnischer Stereotypisierung, speziell der ethnischen Stereotypisierung von Kroaten, stattfindet. Der abschließende Teil dieser Arbeit geht auf die Kritik des Autors an der Kriegsberichterstattung ein.

Stereotype und Ethnizität

Stereotype sind stark verallgemeinernde Vorstellungen von einem sozial oder ethnisch definierten Personenkreis. Sie sind ein Mittel zur Abgrenzung der eigenen ethnischen bzw. sozialen Identität. Diese „Bilder in unseren Köpfen“[6] erhalten sich über Generationen hinweg und sind weitestgehend resistent gegenüber neuen Einflüssen und Veränderungen. Sie werden kulturell vermittelt und gehen auf diese Weise in das kollektive Gedächtnis von Völkern ein. Ihr Anspruch auf Allgemeingültigkeit und die Einbindung in den Alltag, z.B. als Sprichwörter und idiomatische Wendungen, macht sie schwer nachprüfbar und das Revidieren oder gar Eliminieren derselben kaum möglich. Stereotype sind überwiegend Wissen, das man sich in der Kindheit unreflektiert angeeignet hat und beruhen selten auf persönlichen Erfahrungen. Zudem haben sie häufig eine emotionale, zumeist negative Konnotation und wirken dadurch direkt auf die „emotionale Definition des Selbst und des Anderen ein“.[7] Die Begriffe Ethnizität und Stereotyp sind nicht voneinander zu trennen, da sich die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, wie schon erwähnt, in der Regel über Abgrenzung definiert und dementsprechend stereotype Vorstellungen des „Fremden“ Anwendung finden.

Charakteristisch für die menschliche Wahrnehmung ist die Tendenz, „Differenz eher zu bemerken als Ähnlichkeit oder Gleichheit“[8]. Dies wiederum zieht die Bildung von vereinfachenden und die Fremdheit herausstellenden Stereotypen nach sich. Stereotypen dienen der Verarbeitung, Vereinfachung und Einordnung einer Vielzahl von neuen Eindrücken und Informationen, wobei sie der „Aufrechterhaltung des Selbst“[9] dienen und darüber hinaus sowohl realitäts- als auch identitätsstiftende Funktionen erfüllen.

Inhalt und formale Besonderheiten des Romans

Den realen Hintergrund von Norbert Gstreins Roman bilden zum einen der Tod des Stern-Reporters Gabriel Grüner, der im Jahr 1999 im Kosovo erschossen wurde und zum anderen der Krieg in den Nachfolgestaaten der SFRJ und dessen mediale Darstellung.

Die Romanhandlung dreht sich um den Kriegsberichterstatter Christian Allmayer, der im Juni 1999 im Kosovo ermordet wird. Paul, ein Journalist und Bekannter Allmayers will einen Roman über Leben und Sterben Allmayers schreiben. Begleitet und kommentiert wird Pauls Unterfangen von einem namenlosen Ich-Erzähler, der wie Paul aus Österreich stammt, aber in Hamburg lebt und dort als Journalist arbeitet. Weitere wichtige Protagonisten des Romans sind Helena, die Freundin Pauls und Slavko. Beide stammen aus Kroatien, allerdings lebt Helena seit ihrer Kindheit in Deutschland. Slavko ist ein kroatischer Soldat, den Allmayer kurz nach Beginn des Krieges 1991 an der slawonischen Front interviewt. Auf ihrer Recherchereise durch Kroatien treffen Paul, Helena und der Ich-Erzähler im Sommer 2000 ebenfalls auf ihn. Im Verlauf dieser Arbeit werde ich noch genauer auf die Personen und einzelne Begebenheiten eingehen.

Der Roman hat mehrere Zeitebenen, die ineinander übergehen, so gibt es zum einen die Gegenwart die zwischen 1999 und dem Jahr 2000 angesiedelt ist, zum anderen Rückblenden in die Vergangenheit, die bis in die Anfangszeit des Krieges 1991 reichen. Bemerkenswert ist der Schreibstil des Romans. Der dialogische Aufbau, die „mehrfach vermittelte Vermittlung von Wahrnehmungen“[10] und das verschachtelte Beziehungsgeflecht des Romans, liefern verschiedene Perspektiven auf gleiche Sachverhalte. Der beschriebene strukturelle Aufbau verhindert die Bildung von Stereotypen, da dies denselben Blickwinkel auf die Handelnden voraussetzen würde. Hinzu kommt, dass die Informationen ausschließlich über den Ich-Erzähler transportiert werden, dementsprechend mehrere Stationen der Übermittlung hinter sich haben und somit subjektiv eingefärbt sind. Diese mehrfach vermittelten und durch die subjektive Wahrnehmung des jeweiligen Übermittlers veränderten Informationen eigenen sich nicht zur Bildung von Stereotypen. Tief im kollektiven kulturellen Gedächtnis eines Volkes bzw. einer Gruppe verankert, werden Stereotype als feststehende Tatsachen akzeptiert. Folglich führt mehrfach vermitteltes und subjektiv verändertes Wissen nicht zu Stereotypisierung.

Die Distanz des Ich-Erzählers soll eine möglichst objektive Betrachtungsweise der Thematik sicherstellen. Auch die generell fehlende emotionale Nähe zu den Protagonisten ist auffällig und hat einen ähnlichen Effekt. Stereotype sind in den meisten Fällen emotional behaftet, somit beugt eine distanzierte Betrachtungsweise der Stereotypisierung vor.

Welche Bilder erscheinen im Roman und wie werden diese unterwandert?

Die Protagonisten österreichischer Herkunft haben überwiegend ein negativ geprägtes Bild von Jugoslawien und dessen Nachfolgestaaten. Sei es der Ich-Erzähler, der von der „anhaltenden Beklommenheit“[11] berichtet, die ihn als Student ergriffen hatte, als er vor dem Krieg der 1990er Jahre eine Reise durch Jugoslawien machte, sei es Allmayer, der geprägt durch seine Erlebnisse als Kriegsberichterstatter äußert, dass „sobald man die Leute dort nur einen Augenblick allein lässt“ sie sich „sofort wieder die Schädel einschlagen“[12], sei es Paul, der krampfhaft versucht Stoff für seinen Roman zu sammeln, sich im Zuge dessen nur halbherzig für die Realität interessiert und seine eigenen Wahrheiten konstruiert.

Vergleiche, die zwischen den männlichen Protagonisten gezogen werden, haben den Effekt, dass sich bestimmte individuelle Merkmale der Protagonisten in den anderen Charakteren widerspiegeln und dementsprechend eine Zuordnung dieser Eigenschaften auf eine ethnische Gruppe hinfällig wird. Beispielsweise spiegeln sich Merkmale des österreichischen Schriftstellers Waldner auch im ehemaligen kroatischen Frontkämpfer Slavko wider. So wird Slavko die „gleiche lauernde Haltung“ und „das Schillernde zwischen einem nicht ganz seriösen Geschäftsmann und einem ausgewachsenen Ganoven“[13] zugeschrieben. Die Antipathie des Ich-Erzählers gründet sich hier auf individuelle Merkmale und nicht auf ethnische Stereotype. Zudem gibt es Parallelen zwischen Slavko und Allmayer, formuliert doch Slavko, Allmayer sei „einer von uns“[14]. Eine weit aus bedeutsameres Ereignis, das den Österreicher Allmayer und den kroatischen Soldaten Slavko auf eine Ebene stellt, ist die Szene an der slawonischen Front, in der der Autor offen lässt, ob Allmayer einen serbischen Gefangenen erschossen hat. Es wird deutlich, dass die ethnische Zugehörigkeit im Zusammenhang mit kriegerischen Taten keinerlei Relevanz besitzt, sondern jeder zum Mörder werden kann.

Mittels der Überlagerung von Wahrnehmungen der kroatischen Gegenwart mit Erinnerungen Pauls aus seiner Kindheit in Österreich werden Parallelen zwischen der kroatischen und der österreichischen Gesellschaft erzeugt. Bei der Beisetzung der „sterblichen Überreste von [...] angeblich von Partisanen im Zweiten Weltkrieg ermordeten kroatischen Soldaten“[15] beobachtet Paul einen der Fahnenträger. Auftreten und Ausstrahlung dieses Ustaša[16] -Symbole auf der Kleidung und „[...] das gleichzeitig Stumpfe und Leuchtende eines Fanatikers“[17] in den Augen tragenden Mannes, wecken in Paul die Assoziation mit Männern „[...] am Sonntagnachmittag nach der Kirche zum Kartenspielen ins Gasthaus gegangen sind.“[18] und „[...] ihre Tiere besser behandelten als ihre Frauen und Kinder [...]“.[19] Die Beschreibung bezieht sich also erneut auf die Merkmale und Verhaltensweisen eines bestimmten Typ Mensch, der nicht ethnisch definiert ist, sondern eine soziale Schicht repräsentiert Darüber hinaus empfindet er „[...] das gleiche Wiedererkennen [...]“[20] beim Anblick eines Franziskanerkloster in Široki Brijeg, welches ihn an seine Internatszeit erinnert. Diese Parallelen rücken kulturelle Unterschiede in den Hintergrund und heben soziale bzw. gesellschaftliche Gemeinsamkeiten hervor, so beispielsweise die bäuerlich-katholische Prägung sowohl der österreichischen, als auch der kroatischen Gesellschaft.[21] Bedenkt man, dass die Bildung von Stereotypen Gegensätzlichkeit voraussetzt, verhindert die Feststellung von Gemeinsamkeiten die Manifestation stereotyper Meinungsbilder.

[...]


[1] Vgl. Gerhard Seewann. Minderheitenkonflikte im Balkanraum. (München: forost, 2002), http://www.forost.Imu.de/fo_library/forost_Arbeitspapier_08.pdf (Zugriff 04. März 2008)

[2] Ibid.

[3] SFRJ = Sozialistisch Föderative Republik Jugoslawien

[4] Brankica Becejac. Von einem Land vor unserer Zeit. Jugoslawien – Kommt es mit ins 21. Jahrhundert? in: Freitag, Nr. 24 vom 11.Juni 1999, http://www.freitag.de/1999/24/99241201.htm (Zugriff 06.03.2008).

[5] Wir bleiben nicht bei Mördern. in: DER SPIEGEL Nr. 27 vom 01.07.1991, S.118, http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html? did=13487435&aref=2006/05/12/cq-sp199102701180125.pdf&thumb=false (Zugriff 15.03.2008).

[6] Walter Lippmann, Public Opinion, New York, 1922, Nr. 1947, S.81. in: Europäischer Völkerspiegel. Imagologisch-ethnographische Studien zu den Völkertafeln des frühen 18. Jahrhunderts. Hrsg. Franz. K. Stanzel. (Heidelberg: Universitätsverlag C.Winter, 1997), S. 11.

[7] Vgl. Klaus Roth: „Bilder in den Köpfen. Stereotypen, Mythen, Identitäten aus ethnologischer Sicht .“ in: Das Bild vom Anderen. Identitäten, Mentalitäten, Mythen und Stereotype in multiethnischen europäischen Regionen. Hrsg. Valeria Heuberger et. al. (Frankfurt, Main et.al.:Lang, 1998), S. 28.

[8] Klaus Roth: „Bilder in den Köpfen. Stereotypen, Mythen, Identitäten aus ethnologischer Sicht .“ in: Das Bild vom Anderen. Identitäten, Mentalitäten, Mythen und Stereotype in multiethnischen europäischen Regionen. Hrsg. Valeria Heuberger et. al. (Frankfurt, Main et.al.:Lang, 1998), S.31.

[9] Ibid., S. 33.

[10] Ulrich Dronske. Kroaten in der Deutschen Literatur. in: Neohelicon ,Nr.32 aus dem Jahr 2005, S. 436.

[11] Norbert Gstrein. Das Handwerk des Tötens. (Frankfurt, Main: Suhrkamp, 2003), S. 33.

[12] Vgl. Norbert Gstrein. Das Handwerk des Tötens. (Frankfurt , Main: Suhrkamp, 2003), S. 241f.

[13] Ibid., S. 305.

[14] Ibid., S.306.

[15] Ibid., S.364.

[16] Ustaša hrvatska revolucionarna organizacija „Ustaša“ = Kroatische Revolutionäre Aufstandsorganisation
- 1929 von Ante Pavelić gegründete nationalistisch-faschistische Partei

- Ziele: Loslösung von Jugoslawien und Gründung eines unabhängigen (ethnisch reinen) kroatischen Nationalstaates (einschließlich Bosniens und der Herzegowina)

- 1941 übernahm die Ustaša die Regierung und proklamierte den „Unabhängigen Staat Kroatien“ (Nezavisna Država Hrvatska „NDH“) mit A.Pavelić als Führer (poglavnik). Strukturen und Methoden waren vergleichbar mit den faschistischen Staaten Italien und Deutschland, z.B. Ustaša-Miliz (vergleichbar mit dt. SS), Errichtung von Konzentrationslagern, Umsiedlungen, Deportationen, Ermordung von Juden, Serben, Kommunisten, u.a.

- Ustaša-Verbände kämpften ab 1941 gegen Truppen der serbischen-königstreuen Četniks und Truppen der kommunistischen Partisanen. Die Kämpfe dauerten bis zum Frühjahr 1945. Die überlebenden Ustaše wurden von den Aliierten an die Partisanen ausgeliefert und bis auf wenige erschossen. Einigen Ustaša-Führern (auch A.. Pavelić) gelang die Flucht nach Südamerika.

- Symbole, die gegenwärtig (und auch während des Krieges) von den Neo-Faschisten in Kroatien verwendet werden um so eine Verbindung zur alte Ustaša herzustellen sind schwarze Uniformen, Ustaša-Embleme und z.T. sogar Hakenkreuze.

[17] Norbert Gstrein. Das Handwerk des Tötens. (Frankfurt , Main: Suhrkamp, 2003), S.365.

[18] Ibid., S.366.

[19] Ibid., S. 367.

[20] Ibid.

[21] Ulrich Drohnske. Kroaten in der Deutschen Literatur. in: Neohelicon, Nr.32 aus dem Jahr 2005, S.440.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640171156
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115766
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
Fremdwahrnehmung Kroaten Sicht Inwiefern Norbert Gstrein Roman Handwerk Tötens“ Stereotypisierung

Autor

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