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Wolfgang Isers Fiktionalitätstheorie. Der Versuch einer Anwendung bei Julio Cortázar.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Fiktionalitätstheorie Wolfgang Isers
2.1 Fiktion und Wirklichkeit
2.2 Die Triade
2.3 Akte des Fingierens
2.3.1 Selektion
2.3.2 Kombination
2.3.3 Selbstanzeige
2.4 phantastische Literatur

3. Versuch einer Anwendung bei Julio Cortázar
3.1 Fin de etapa
3.2 Pesadillas

4. Schluss

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die Dispute über Dichtung und Fiktion haben schon in der Antike ihren Anfang genommen. Jedoch gehen die Meinungen oft auseinander. So hat beispielweise Platon einen negativen Begriff von Mimesis. Für ihn geht es nicht um eine Nachahmung oder Abbildung, sondern um die Darstellung, wobei die Ideenwelt verfehlt wird. Es erfolgt eine Abwertung, da für Platon ein Konflikt zwischen der Philosophie, die die Wahrheit sucht und der Poesie, die nur auf Affekten, Simulation und Verschleierung beruht, besteht. Platon begrenzt sich auf den Wahrheitsgehalt, d.h. wichtig ist nur, ob etwas wahr oder falsch ist. Fiktion enthält keine Wahrheit und kein Wissen. Die Dichter ahmen nur das Scheinhafte nach. Sie sind keine Spezialisten auf allen Gebieten, über die sie schreiben und haben demnach auch kein Wissen darüber. Es besteht also ein Gegensatz von Fiktion und Episteme.[1]

Bei Aristoteles erfolgt nun eine Aufwertung des Begriffs. Es geht nicht mehr um die genaue Abbildung der Wirklichkeit, sondern um die Wahrscheinlichkeit. Die Opposition wahr/falsch ist aufgehoben, denn dies ist bei der Fiktion nicht mehr wichtig bzw. nicht relevant. Dies führt zu einer Verfremdung durch die bessere oder schlechtere Darstellung der Textwelt als der wirklichen Welt. Für Aristoteles muss es ein Wirklichkeitsmodell geben, das den Menschen in irgendeiner Weise beeinflusst. Die Wirkungsästhetik rückt in den Mittelpunkt.[2]

Erst mit der Unterscheidung von Geschichtsschreibung, Philosophie etc. wird die Fiktion als solche angesehen. Die Entdeckung der Fiktion ist demnach eine Konsequenz der Schrift.[3]

Die traditionell zweistellige Beziehung von Fiktion und Wirklichkeit, wie sie z.B. bei Searle und Genette Anwendung findet[4] wird nun bei Wolfgang Iser zu einer dreistelligen ausgebaut. Seine Triade berücksichtigt nicht nur das Fiktive und das Reale, sonden auch das Imaginäre[5]. Das macht nun die interessante Besonderheit Isers aus.

Demnach werde ich im Folgenden zunächst Isers Fiktionalitätstheorie veranschaulichen. Der Zugang dazu wird über die Triade geschehen. Wichtig hierbei ist auch, auf die Akte des Fingierens einzugehen, die sich hinsichtlich ihrer Funktion unterscheiden. Nach einem kurzen Kommentar zu phantastischer Literatur möchte ich mich an den Versuch der Anwendung wagen. Hierfür habe ich die beiden Erzählungen „Fin de etappa“ und „Pesadillas“[6] von dem südamerikanischen Autor Julio Cortázar (1914-1984) ausgewählt, in denen das Phantastische einem offenkundig entgegenschlägt. Cortázar ist ein Vertreter des magischen Realismus. Die magische Wirklichkeitsauffassung vermischt die Grenzen von Realität und Phantasie.[7]

2. Die Fiktionalitätstheorie Wolfgang Isers

2.1 Fiktion und Wirklichkeit

Einer weit verbreiteten Ansicht zufolge können literarische Texte als fiktional bestimmt werden und werden der Fiktion zugeordnet. Fehlt dieses Merkmal, gehören die Texte der Wirklichkeit an. „Die Opposition von Wirklichkeit und Fiktion gehört zu den Elementarbeständen unseres 'stummen Wissens'“[8]. Iser hinterfragt nun aber die Richtigkeit einer solchen Opposition. Er erkennt in fiktionalen Texten ein Mischungsverhältnis von Realem und Fiktivem, bei dem eine Beziehung zwischen Gegebenem und Hinzugedachtem existiert[9]. Da daher eine Opposition unzureichend ist, ersetzt Iser die zweistellige Beziehung von Fiktion und Wirklichkeit durch eine dreistellige.

Enthält der fiktionale Text Reales, ohne sich in dessen Beschreibung zu erschöpfen, so hat seine fiktive Komponente wiederum keinen Selbstzweckcharakter, sondern ist als fingierte die Zurüstung eines Imaginären[10],

d.h. sie ist die Vorbereitung oder Voraussetzung des Imaginären. Erst dadurch kann man das Fiktive wirklich betrachten, denn bei der binären Opposition von Fiktion und Wirklichkeit wird vorausgesetzt, dass durch das 'stumme Wissen' schon klar bestimmt ist, was Fiktion und Wirklichkeit ist, wobei die Bestimmung von Fiktion durch die Negativierung die der Wirklichkeit zugesprochenen Merkmale geschieht. Man kann nur einen Begriff von Fiktion haben, wenn man einen Begriff von Realität hat und umgekehrt. Dies ist also nur mit einem Gegenbegriff möglich, denn Begriffe ohne Abgrenzung sind keine Begriffe. Problematisch ist hier auch ein Punkt zu berücksichtigen, mit dem sich schon die Erkenntnistheorie der frühen Neuzeit beschäftigt hat: „wieso es denn etwas geben könne, das – obwohl vorhanden – nicht den Charakter der Wirklichkeit besitze“[11]. Eine Lösung für dieses Problem wurde nicht gefunden.

2.2 Die Triade

Iser ersetzt nun also, wie schon erwähnt, das zweistellige Oppositionsverhältnis durch eine dreistellige Beziehung, d.h. er nimmt eine Ausweitung vor. Diese Triade besteht aus dem Realen, dem Fiktiven und dem Imaginären[12]. Unter dem Realen versteht Iser die außertextuelle Welt. Sinnsysteme, soziale Systeme, Weltbilder oder auch andere Texte stellen die Bezugsfelder des Textes dar. Das Reale ist die Wirklichkeit. Eine eindeutige Definition ist auch heute noch ein Streitpunkt in der Philosophie. So versteht z.B. der philosophische Realismus unter der Realität „die vom Subjekt unabhängig existierende Außenwelt“, die kantsche Transzendentalphilosophie jedoch „die vom Subjekt mitkonstituierte Erfahrungswelt, das anschaulich Gegebene“[13]. Das Fiktive ist ein intentionaler Akt und Oppositionsbegriff. Es unterliegt also der Intention. Der Akt des Fingierens, auf den ich später zurückkommen werde, spielt hierbei eine Rolle. Mit dem Imaginären möchte Iser einen eher neutralen Begriff einführen, der mit keiner Tradition verbunden wird und auf ein Programm und nicht auf eine Bestimmung hindeuten soll. Eine genauere Bestimmung der Begriffe wird vorerst nicht gemacht. Allgemein verbinden wir mit dem Begriff des Imaginären etwas Mentales, das normalerweise nicht Gegenstand einer Mitteilung ist; eine Realität, die nur in der Vorstellung existiert und nicht wirklich vorhanden ist, also ein Bild oder das Rohprodukt der menschlichen Einbildung.[14] In der Fiktion sind auch reale Elemente enthalten, d.h. Reales und Fiktion vermischt sich zu einem Dritten, dem Imaginären. Durch die Triade lässt sich nun das Fiktive im fiktionalen Text besser untersuchen. Die Fiktion kann man als kommunizierbare Variante des Imaginären verstehen. Sie konkretisiert sich im Text. Es erfolgt eine Entontologisierung von Fiktion. Sie ist relativ und nur Produkt einer Zuschreibung. Deshalb benötigt sie die Rezeption des Lesers, da es sonst keine Existenz von Fiktion geben kann. Auch im fiktionalen Text gibt es Reales, welches nicht nur auf die soziale Wirklichkeit, also identifizierbare Wirklichkeit bezogen ist, sondern auch auf Gefühle und Empfindungen und demnach keine Fiktion darstellt. Dies bedingt die Kommunikation. Der Leser investiert beim Lesen Gefühle und Empfindungen, er produziert sie real durch das Lesen. Durch die Rezeption des Textes entsteht eine Wirklichkeit, wobei auch das Erfahrungswissen die Beurteilung, ob es sich nun um eine Erfindung oder ein Fiktionssignal handelt oder nicht, beeinflusst. Auch das Imaginäre ist ein Bestandteil der Rezeption. Der Mensch hat die Imagination und speist diese in die Fiktion ein. Somit wird die Interaktion ermöglicht. Die Wirklichkeiten erfahren aber auch keine Wiederholung im fiktionalen Text um ihrer selbst willen.

Bezieht sich also der fiktionale Text auf Wirklichkeit, ohne sich in deren Bezeichnung zu erschöpfen, so ist die Wiederholung ein Akt des Fingierens, durch den Zwecke zum Vorschein kommen, die der wiederholten Wirklichkeit nicht eignen. Ist Fingieren aus der wiederholten Wirklichkeit nicht ableitbar, dann bringt sich in ihm ein Imaginäres zur Geltung, das mit der im Text wiederkehrenden Realität zusammengeschlossen wird.[15]

Die Basis des fiktionalen Textes ist also die Triade aus Realem, Fiktivem und Imaginärem, die im literarischen Text zusammenspielen und Wechselbeziehungen aufweisen, d.h. alle drei Seiten definieren sich gegenseitig, haben also ein wechselseitiges Bedingungs- oder Konditionierungsverhältnis[16].

2.3 Akte des Fingierens

In Wörterbüchern und Nachschlagewerken findet man unter dem Begriff des Fingierens meist die Bedeutung erdichten oder vortäuschen[17]. Dies kann zum einen lügen bedeuten, zum anderen Herstellen eines literarischen Kunstwerks.[18] Fingieren heißt Fiktion schaffen. Durch den Akt des Fingierens wiederholt sich die Realität der wirkliche Welt im Text. Es erfolgt eine Grenzüberschreitung, da die Bestimmtheit der wiederholten Wirklichkeit überschritten wird[19]: „das Überschreiten desses, was ist“[20], was sich zum einen auf einen wahren Sachverhalt beziehen kann, zum anderen auf die wiederkehrende Welt. Die Grenzüberschreitung stellt die Grundbedeutung des Fingierens dar. Das Fingieren ist aber nicht das Imaginäre, sondern die Bedingung dafür, „Imaginäres in eine bestimmte Gestalt zu überführen, welche sich von den Phantasmen, Projektionen und Tagträumen unterscheidet, durch die das Imaginäre direkt in unsere Erfahrung tritt.“[21] Das Reale überschreitet die Grenze zur Fiktion und auch das Imaginäre wird von außen nach innen gebracht. Das Reale wird im Text zum Irrealen. Für Iser ist die Bestimmtheit eine Minimaldefinition von Realem. Durch diese Grenzüberschreitung erhält also das Imaginäre ein Realitätsmerkmal, das ihm an und für sich nicht zukommt. Auch im menschlichen Leben gibt es viele unwißbare Realitäten, wie z. B. der Anfang und das Ende eines Lebens. Die Notwendigkeit des Fingierens ensteht eben aus diesen unwißbaren Realitäten, zu welchen Möglichkeiten hinzugedacht werden. Denn was gewusst werden kann, muss nicht fingiert werden. Daher können wir etwas über uns Verborgenes, Unverfügbares oder Entzogenes erfahren Fingieren ist also die „Signatur der geschichtlichen Wandelbarkeit menschlichen Begehrens“[22]. Es gibt zwei Arten der Grenzüberschreitung des Fingierens: zum einen die „Überführung wiederholter lebensweltlicher Realität zum Zeichen für etwas anderes“, d.h. das Reale wird zeichenhaft abgebildet, die Wirklichkeit wird als Wirklichkeit wiederholt, zum anderen die „Überführung des Imaginären als eines Diffusen in bestimmte Vorstellungen“, d.h. eine künstlerische Ebene kommt hinzu[23]. Bei ersterer erfolgt durch die Grenzüberschreitung eine Irrealisierung, bei letzterer ein Realwerden des Imaginären. Vorstellungen und Konnotationen sind diffus, es kommt zu einer Konkretisierung und Herstellung von Bildern, die dann gelesen werden können. Beide Arten der Grenzüberschreitung begegnen sich im Text. Es wird bestimmt, inwieweit die Grenzüberschreitungen

1. die Bedingung für die Umformulierung formulierter Welt abgeben, 2. die Verstehbarkeit einer umformulierten Welt ermöglichen und 3. die Erfahrbarkeit eines solchen Ereignisses eröffnen[24].

Fingieren wird als Ermöglichkeitsbedingung verstanden; durch das Fingieren der Literatur kann man etwas über die menschliche Fiktionsbedürftigkeit erfahren[25]. Das Merkmal literarischen Fingierens ist, wie oben erwähnt, die Grenzüberschreitung, durch die zwei voneinander unterschiedene Welten ineinandergeblendet werden, um deren Differenz auszuspielen. Fingieren bewirkt dadurch die „Gleichzeitigkeit dessen, was sich wechselseitig ausschließt“[26].

[...]


[1] vgl. Petersen, Jürgen H. Mimesis - Imitatio – Nachahmung: eine Geschichte der europäischen Poetik. Fink, München: 2000, S.19-52.

[2] vgl. ebd.

[3] vgl. Rösler, Wolfgang. „Die Entdeckung der Fiktionalität in der Antike.“ in: Poetica 12 (1980), S. 283-319

[4] vgl. Searle, John R. „Der logische Staus fiktionaler Rede“, in: Reicher, Maria E.: Fiktion, Wahrheit, Wirklichkeit. Philosophische Grundlagen der Literaturtheorie, mentis, Paderborn: 2007, S. 21-36/

Genette, Gérard. Fiktion und Diktion. Fink, München: 1992, S.41-94.

[5] vgl. Iser, Wolfgang. Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main: 1991 (im Folgenden: Iser: F&I).

[6] Cortázar, Julio. Deshoras. Ediciones Alfaguara, Madrid: 1983.

[7] http://lexikon.meyers.de/meyers/Magischer_Realismus

[8] Iser, F&I, S. 18.

[9] ebd., S.18.

[10] ebd., S.18.

[11] ebds., S.19.

[12] ebds., S.19.

[13] Der große Brockhaus. Art.„Realität“, F.A. Brockhaus, Leipzig (2005): S.833.

[14] vgl. Der große Brockhaus. Art.„imaginär“, F.A. Brockhaus, Leipzig (2005): S.468.

[15] Iser, F&I, S.20.

[16] Iser, F&I, S.22.

[17] Neues Deutsches Wörterbuch. Art. „fingieren“, Naumann & Göbel, Köln: S.313/Der große Brockhaus. Art. „fingieren“, F.A. Brockhaus, Leipzig (2005): S.331.

[18] Iser, Wolfgang. Fingieren als anthropologische Dimension der Literatur. Universitäts-Verlag, Konstanz: 1990, S.5. (im Folgenden: Iser, FaaD.)

[19] Iser, F&I, S.21.

[20] Iser, FaaD, S.5.

[21] Iser, F&I, S.21/22.

[22] Iser, FaaD, S.26.

[23] Iser, F&I, S.22.

[24] Iser, F&I, S.23.

[25] Iser, FaaD, S.7.

[26] Iser, FaaD, S.10.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (Buch)
9783640181674
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115952
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Wolfgang Isers Fiktionalitätstheorie Versuch Anwendung Julio Cortázar Hauptseminar Fiktionalität

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Titel: Wolfgang Isers Fiktionalitätstheorie.  Der Versuch einer Anwendung bei Julio Cortázar.