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Das Bürgerliche Trauerspiel. Die Frauenfiguren in Lessings "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti".

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Frauenfiguren in Miss Sara Sampson
2.1 Die Figur der Sara Sampson
2.2 Die Figur der Marwood

3. Frauenfiguren in Emilia Galotti
3.1 Die Figur der Emilia Galotti
3.2 Die Figur der Claudia Galotti
3.3 Die Figur der Gräfin Orsina

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Diese Seminararbeit wird die Darstellung der Frauenfiguren in Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichen Trauerspielen Miss Sara Sampson und Emilia Galotti untersuchen. Die wichtigeren weiblichen Figuren werden bezüglich ihres Verhaltens, ihrer Vorstellungen vom Leben und ihrer Beziehungen zu anderen Figuren analysiert. Die Nebenfiguren, wie beispielsweise die Kammermädchen oder auch Arabella, die junge Tochter Marwoods, werden außer Sicht gelassen.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den zwei Protagonistinnen, die zugleich Titelheldinnen sind, Sara Sampson und Emilia Galotti, aber auch ihre Antagonistinnen, Marwood und Orsina, sollen näher betrachtet werden. Die Figur der Claudia Galotti, der Mutter der Protagonistin Emilia, wird auch untersucht.

Am Ende werden die weiblichen Figuren aus diesen zwei Trauerspielen miteinander verglichen, um Parallelen bzw. Unterschiede aufzuweisen.

2. Die Frauenfiguren in Miss Sara Sampson

Miss Sara Sampson, das erste bedeutsame bürgerliche Trauerspiel[1], befasst sich im Grunde mit einer Dreiecksbeziehung, in welcher zwei Frauen, Sara Sampson und Marwood, einen Mann, Mellefont, begehren und ihn und seine Liebe ausschließlich für sich beanspruchen. Hierbei handelt sich um ein empfindsames bürgerliches Trauerspiel, das den Leser bzw. Zuschauer rühren und belehren soll, wobei die Erweckung des Mitleids vordergründig ist. Nach G. E. Lessing kann nur das Unglück einer menschlichen Figur, „deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, [...] natürlicher Weise am tiefsten in unsere Seele dringen;“[2] Inwieweit diese Mitleid erregende Komponente die Darstellung der zwei Frauenfiguren des Stückes beeinflusst, soll auch in den folgenden Kapiteln untersucht werden.

2.1 Die Figur der Sara Sampson

Sara Sampson ist die Tochter des Sir William Sampson. Über die Mutter wird anfänglich nicht viel gesagt. Es scheint, dass sie früh verstorben ist, sogar wahrscheinlich nach Saras Geburt. Diese Annahme folgt aus Waitwells Bemerkung, dass er sich seit Saras Geburt um sie gekümmert hat:

Ach Sarchen! Sarchen! Ich habe dich aufwachen sehen; hundertmal habe ich dich als ein Kind auf diesen meinen Armen gehabt; auf diesen meinen Armen habe ich dein Lächeln, dein Lallen bewundert. (Lessing, Sara, 5)[3]

Erst im vierten Aufzug erfährt der Leser bzw. Zuschauer die Wahrheit über Saras Mutter, da Sara erwähnt, dass sie sich als „Muttermörderin“ (Lessing, Sara, 64) sieht, weil die Mutter im Kindbett gestorben ist. Sie bedauert auch, dass sie ohne mütterliche Liebe und Fürsorge aufwachsen musste. Sara sieht die Abwesenheit der mütterlichen Führung als Ursache ihrer Unerfahrenheit. So sagt sie, dass ihr Entschluss, Mellefont zu folgen und aus dem Vaterhaus zu flüchten, gar nicht stattgefunden hätte, „wenn eine zärtliche Mutter die Führerin meiner Jugend gewesen wäre!“ (Lessing, Sara, 65) Sie fügt sogar zu: „eine Mutter würde mich vielleicht mit lauter Liebe tyrannisiert haben, und ich würde Mellefonts nicht sein.“ (Lessing, Sara, 65) Hier wird angedeutet, dass die Abwesenheit der Mutter Saras Erziehung geprägt hat. In der folgenden Ausführung soll nun gezeigt werden, wie die Figur der Sara Sampson eingeführt und dargestellt wird.

Schon im ersten Auftritt des ersten Aufzugs wird die Figur der Sara Sampson durch ihren Vater und Waitwell indirekt eingeführt. Sie wird als „[d]as beste, schönste, unschuldigste Kind, das unter der Sonne gelebt hat“ (Lessing, Sara, 5) vorgestellt. Mit diesen Superlativen wird die Güte und Tugendhaftigkeit wie auch äußerliche Schönheit Saras als etwas Unveränderliches und Beständiges dargestellt, das durch Verführung von außen zu einem Ausrutscher Saras geführt hat.

Am Anfang des Dramas wird man mit der Trauer und den Sorgen des Vaters konfrontiert. Er kann es nicht verstehen, wie Sara ihre Tugendhaftigkeit so leicht abgeworfen hat und gibt die Schuld ausschließlich dem „verfluchten Verführer“ Mellefont. (Lessing, Sara, 6) Aber man darf eine Sache nicht übersehen, auch wenn die Liebe des Vaters zu seiner einzigen Tochter nicht zu bestreiten ist, und zwar ist es die Tatsache, dass Sir William in Sara „die Stütze [s]eines Alters“ sieht (Lessing, Sara, 6) und die Vorstellung hat, dass seine Tochter bei ihm bleiben sollte. So fragt er: „und wenn sie nicht den traurigen Rest meines Lebens versüßen hilft, wer soll es denn tun?“ (Lessing, Sara, 6) Aus dieser verzweifelten Frage wird einerseits Sir Williams Nähe zu Sara, als einzige Verwandte, verdeutlicht und andererseits auch sein egoistisches Verlangen gezeigt, dass Sara ihr Liebesleben bzw. Heirat verschieben oder aufgeben sollte, um sich um ihn zu kümmern. Aus dieser Szene werden also die Liebe zu Sara wie auch die Angst vor der Einsamkeit als Gründe genannt, warum Sir William seine Tochter so stur sucht. Wolfgang Kuttenkeuler erkennt auch die Dualität, die in der Figur des Vaters erkennbar ist. So schreibt er:

In diese von Reue diktierten, liebevoll schützenden und bergenden Bemühungen mischen sich aber doch wohl unterschwellig Eigennutz und Selbstmitleid.[4]

Sir William ist auch bereit, ihr alles zu verzeihen, ganz gleich ob sie zur Flucht verführt wurde oder aus eigener Überzeugung so gehandelt hat. „Ich würde doch lieber von einer lasterhaften Tochter, als von keiner, geliebt sein wollen.“ (Lessing, Sara, 6) Sir Williams Worte am Ende des ersten Auftritts zeugen von einer Liebe und Verbundenheit zu seiner Tochter, die nichts zerstören kann.

Die Figur der Sara erhält durch das Gespräch, das zwischen ihrem Vater und Waitwell stattfindet, eine erste vage Silhouette. Der Leser bzw. Zuschauer erfährt so einiges über sie, ohne sie gesehen bzw. ihre Worte wahrgenommen zu haben. Die Darstellung der Sara durch andere Figuren führt dazu, dass man sich ein Bild von ihr macht, bevor sie überhaupt auftritt. So weiß man schon am Anfang, dass sie eine junge Frau ist, die eine starke Beziehung zu ihrem Vater hat und die sich liebevoll und tugendhaft zeigt, bis sie einen Fehler macht, der sie aus dem väterlichen Haus treibt. Sie hat sich in Mellefont verliebt, dem sie folgt, ohne sich vom Vater zu verabschieden, der sie nach neun Wochen in einem Wirtshaus auffindet. Auch die Bemerkung des Wirtes über Sara lässt den Leser erahnen, wie es ihr gehen muss. Er beschreibt die junge Frau so: „sie bleibt den ganzen Tag in ihrer Stube eingeschlossen und weint.“ (Lessing, Sara, 7) Ihr Zustand zeugt von Reue und tiefer Trauer über ihre Situation. Diese Darstellung soll Mitleid und Mitgefühl für Saras Lage wecken, die sich, wie es scheint, nicht glücklich fühlt. Das Weinen und der Rückzug Saras kann als Reue aber auch als Unzufriedenheit mit ihrer momentanen Lebenssituation verstanden werden.

Die Figur Saras wird als eine zerbrechliche, von Albträumen geplagte junge Frau vorgestellt, die sich damit tröstet, dass ihr Vater so wütend wegen ihrer Flucht ist, dass er sie vergessen hat. Ihre Liebe zu Mellefont überschattet ihre Gefühle und Gewissensbisse ihrem Vater gegenüber. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ihr Vater bereit ist, ihr alles zu verzeihen. Erst der Brief, den Sir William seiner Tochter schreibt, um all die negativen und peinlichen Details im Voraus anzusprechen und somit aus dem Weg zu räumen, damit ein persönliches Treffen mit seiner Tochter von möglichen Störfaktoren und unaussprechlichen Themen entlastet wird, bringt noch mehr Verwirrung in Saras Innenleben. Sie erfährt, dass Sir William sogar bereit ist, Mellefont als Schwiegersohn zu akzeptieren und beiden verzeihen will, da er sich auch schuldig fühlt, weil er Mellefont ins Haus eingeladen hat. Außerdem erkennt Sir William, dass die strenge Erziehung seiner Tochter auch eine große Rolle bei ihrer Flucht gespielt hat; Sir William zeigt hier ein Verhalten, dass seiner Zeit voraus zu sein scheint. Seine Toleranz und sein Verständnis gegenüber den Taten seiner Tochter und die Einsicht, dass seine übertriebene Strenge, Sara praktisch zu der Flucht getrieben hat, zeugen von Werten und Vorstellungen, die sich erst durch die Emanzipation der Frau gebildet haben. Er ist sogar bereit, Sara die „völlige Freiheit über [ihr] Herz und [ihre] Hand“ (Lessing, Sara, 48) einzugestehen.

Das Treffen Saras mit Waitwell, der den zuvor erwähnten Brief überbringt, ist herzlich und Saras Gefühle für ihren Vater werden auch durch Superlative geäußert: „der vortrefflichste Mann, der beste Vater!“ (Lessing, Sara, 46) Nun muss Sara erkennen, dass ihre Flucht keine Wut und keine Hassgefühle bei ihrem Vater ausgelöst hat, sondern ein noch stärkeres Verlangen, die Tochter in seine Arme zu schließen. Die Vorstellung Saras, dass ihr Vater sie hasst bzw. ihr gegenüber gleichgültig ist, zeugt einerseits von ihrer großen Liebe zu ihrem Vater, die sie durch solche Gedanken verdrängt und betäubt und andererseits erleichtert sie sich ihre gegenwärtige Situation, wenn sie weiß, dass ihr Vater nicht leidet. Sie wünscht sich, „dass es ihm nicht hart fällt, ohne [sie] zu leben; dass es ihm leicht geworden ist, eine Tochter aufzugeben, die ihre Tugend so leicht aufgeben [konnte];“ (Lessing, Sara, 46) Vielleicht sucht sie auch den Weg, wie sie sich von den Schuldgefühlen befreien kann, was von eigennützigem und egoistischen Verhalten Saras zeugen würde.

Als Waitwell sie vom Gegenteil überzeugt und ihr sogar sagt, dass Sir William „noch immer der zärtliche Vater“ ist (Lessing, Sara, 47), wird Sara beunruhigt. Die Gefühle, die sie verdrängt hat, steigen in ihr empor. Sie erkennt, dass sie ihren Vater durch ihre Flucht verletzt hat und die Tatsache, dass er bereit ist, ihr alles zu verzeihen, verunsichert sie, weil sie eher mit einer Bestrafung gerechtet hat, die sie auch als gerechtfertigt sieht, weil sie sich selbst als eine Sünderin bezeichnet, die „eine unglückliche Leidenschaft verleitet“ hat.(Lessing, Sara, 48) Was Sara, ihrer Meinung nach, verdient sind Zorn, Wut, Verachtung und Bitterkeit, denn

[w]en man aber verachtet, um den bekümmert man sich nicht mehr. Mein Vater wäre wieder ruhig, und ich dürfte mir nicht vorwerfen, ihn auf immer unglücklich gemacht zu haben. (Lessing, Sara, 48)

Mit der unendlichen Liebe des Vaters kann sie nicht umgehen. Sie zweifelt an der Toleranz des Vaters, weil sie glaubt, dass „[s]ein sehnliches Verlangen nach [...] [ihr] [ihn dazu verführt] zu allem ja zu sagen.“ (Lessing, Sara, 49) Sie glaubt, dass er sie immer mit anderen Augen sehen würde und sie befürchtet, dass sie durch ihre Taten nie die tugendhafte, tadellose Sara sein kann, wie sie ihr Vater zuvor am liebsten gesehen hat. Ihre Ablehnung des Briefes mit positivem Inhalt begründet sie mit der Sorge, dass ihr Vater sich ihr zuliebe verstellt aber tief im Inneren leidet und „dass er [sie] mit Entsagung seiner eigenen Glückseligkeit glücklich“ machen will. (Lessing, Sara, 49) Waitwell muss sie dann sogar anlügen, dass der Brief doch aus tiefster Wut und Enttäuschung des Vaters stammt, was Sara sofort glaubt. Als sie den Brief liest, wundert sie sich über die Güte ihres Vaters, der ihr sogar Worte der Dankbarkeit ausrichtet, weil er durch ihre „Abwesenheit [...] den ganzen Umfang der väterlichen Liebe kennen [gelernt hat]“ (Lessing, Sara, 53-54) In dieser zentralen Szene des Dramas wird eine Wiedervereinigung und Versöhnung zwischen dem Vater und der Tochter vorbereitet. Vater und Tochter sehen ihre Fehler ein und sind bereit, sie zu gestehen und um Verzeihung zu bitten, was von einer guten christlichen Erziehung zeugt. Vaters Freude über Saras baldige Rückkehr äußert sich wieder einmal in dem zuvor erklärten Verlangen, dass sie „in der letzten Stunden nur um [ihn] besorgt sein [wird]“ (Lessing, Sara, 61), was von der egoistischen aber nachvollziehbaren Angst vor der Einsamkeit zeugt.

Genau diese Annährung zwischen Vater und Tochter, die eine glückliche Zukunft verspricht, bildet den Kontrast zu dem tragischen Ausgang des Trauerspiels. Das persönliche Treffen der zwei Familienmitgliedern findet erst nach der Vergiftung Saras statt. Das erste Treffen der beiden ist zugleich auch ein Abschied, was für den rührenden tragischen Abschluss des Dramas sorgt. Es findet eine kurze Aussprache der beiden statt, in welcher Sara ihren Vater um Vergebung bittet und ihren letzten Wunsch äußert, dass er Mellefont und auch Arabella als seine Kinder annimmt, was dieser sofort akzeptiert. Mit dem Ausruf „-mein Vater-“ (Lessing, Sara, 104) stirbt Sara und ihr Vater nimmt sich Arabellas an, nachdem Mellefont aus Verzweifelung Selbstmord begeht.

Diese letzte Tat, die auch das Drama beendet, zeugt von Sir Williams Güte, da er in Arabella nicht nur die Tochter der Mörderin Saras sieht, sondern auch einen Menschen, der es verdient hat, als Kind Gottes angesehen zu werden und ein Recht auf eine vorurteilsfreie Zukunft zu haben. Außerdem wird hier eine Zweckgemeinschaft gebildet, die eine Art Ersatzfamilie zu sein scheint: Arabella verliert ihre Eltern, und Sir William seine einzige Tochter. Zusammen können sie doch eine Familie bilden, die als eine gewisse Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung fungieren könnte.

Nun soll Saras Beziehung zu Mellefont untersucht werden. Sara hat keine Erfahrungen mit Männern, als sie Mellefont kennen lernt, der freien Zutritt zum Hause Sampson hat. Sie verfällt ihm sofort und scheint eine leichte Eroberung des Frauenhelden Mellefont zu sein, der zahlreiche Affären vor ihr gehabt hat. Mellefont selbst denkt, dass er nicht gut genug für die tugendhafte Sara sei. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil Sara ihm, „einem Nichtswürdigen“, folgt. (Lessing, Sara, 10)

Über seine Vergangenheit erfährt man aus den Gesprächen mit seinem Diener Norton, sowie aus seinen Monologen. So sagt er über sich selbst:

Ich besuchte lasterhafte Weibsbilder; [...] Ich ward öfter verführt, als ich verführte; [...] –Aber- ich hatte noch keine verwahrlosete Tugend auf meiner Seele. Ich hatte noch keine Unschuld in ein unabsehliches Unglück gestürzt. (Lessing, Sara, 10)

Sara liebt ihn, ohne zu merken, dass er Zweifel hat, die später noch erläutert werden. Saras Liebe äußert sich in ihrem Wunsch, Mellefont sofort nach einem Albtraum zu sehen, weil nur er sie beruhigen kann. Wie Betty es ausdrückt: „[Mellefont] allein [kann] sie trösten.“ (Lessing, Sara, 10) Mellefont fühlt sich dieser Rolle des Trösters und Beschützers nicht gewachsen. Saras erster Auftritt zeigt sie durch den Albtraum gepeinigt und auf der Suche nach Mellefont.

Ihre Ruhe hängt von ihm ab, was in ihrem Wunsch gesehen werden kann, ihn so schnell es geht heiraten zu wollen. Saras Einstellung zur Ehe ist sehr interessant und anders, als es in der Zeit üblich war, weil sie die Ehe als göttlichen Segen sieht und diese „Einwilligung des Himmels“ (Lessing, Sara, 13) für sie wichtiger ist als die Akzeptanz ihrer Umwelt. Sie kümmert sich nicht ums Gerede der Leute, ihr geht es um eine Wiederherstellung der Ordnung zwischen ihr und Gott, die nun gestört ist. So sagt sie:

Ich will mit Ihnen, nicht um der Welt willen, ich will mit Ihnen um meiner selbst willen verbunden sein. Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf mich nehmen, als ob ich es nicht wäre. Sie sollen mich, wenn Sie nicht wollen, für Ihre Gattin nicht erklären dürfen; Sie sollen mich erklären können, für was Sie wollen. Ich will Ihren Namen nicht führen; Sie sollen unsere Verbindung so geheim halten, als Sie es für gut empfinden; (Lessing, Sara, 15)

Sie sieht also die Ehe vordergründig als „Beruhigung [ihres] Gewissens“. (Lessing, Sara, 15) Saras Forderungen zeigen deutlich, dass sie weiß, was sie will und dass ihre religiöse Verwurzelung ihre Entscheidungen im Leben bestimmt. Diese Selbstbestimmung Saras äußert sich in dieser Forderung einer Ehe, die sie immer wieder klar anspricht, und aber auch in der Flucht aus dem Elternhaus, dass ihre Entscheidung für Liebe und Selbständigkeit betont. Beate Struges sieht in Sara „eine entschlossenere weibliche Gestalt“[5], die sich nicht schämt, ihre Wünsche auszusprechen. Struges deutet die Figur der Sara so:

Sara ist die erste Heldin Lessings, die sich von einem Mann verführen lässt, mit ihm ’in Sünde’ lebt und tapfer genug ist, sich über die öffentliche Meinung hinwegzusetzen. [...] Nun gibt sie sich aber nicht leidend mit ihrem Schicksal zufrieden, so wie es ihre Vorgängerinnen getan haben, sondern sie rebelliert und verlangt die Vollziehung der versprochenen Ehe.[6]

Man darf die knappe Andeutung Saras nicht ignorieren, die darauf hinweist, dass sie mit Mellefont schon vor der Flucht einen Liebesakt vollzogen hat. Sie sagt nämlich, dass sie Mellefont schon zuvor etwas vergeben musste, was soviel heißt, dass er sie entweder unter Druck gesetzt oder sie verführt hat. Wie auch immer, es ist klar, dass die Initiierung der sexuellen Vereinigung von Mellefont ausging. Das ist auch an seinen Schuldgefühlen zu sehen. Die tugendhafte Sara nimmt diesen Liebesbeweis sehr ernst, was ihm große Gewissensbisse bereitet, weil er sich nun gezwungen sieht, Sara zu heiraten. Am Anfang des Dramas erklärt er sein Zögern mit einer Erbangelegenheit, die er noch klären muss, bevor die Ehe mit Sara eingehen kann. Er muss sein Erbe mit Marwood, seiner früheren Geliebte, teilen, um sich von ihr freikaufen zu können.

Wenn Mellefont erfährt, dass Sir William nichts gegen die Ehe zwischen ihm und Sara einzuwenden hat, verspürt er keine Freude, die er aber im ersten Auftritt des vierten Aufzugs vor Sara spielt. Seine Zufriedenheit mit dem Verlauf der Situation ist nur Resultat seiner Verstellung, da er schon im folgenden Auftritt, in seinem Monolog, die Zweifel offenbart. „Was für ein Rätsel bin ich mir selbst!“ (Lessing, Sara, 66) Er glaubt, Sara zu lieben, aber er weiß nicht, ob er sich selbst dazu zwingen will oder das Gefühl wirklich da ist. In seinem Monolog kann man seine Unfähigkeit erkennen, seinen Wankelmut und Unsicherheit zu kontrollieren. Er ist sich selbst, d. h. seiner Natur, ausgeliefert. „Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen.“ (Lessing, Sara, 66) Tief drinnen merkt er aber, dass er sein Verhalten nicht zu ändern vermag, was die von ihm geschätzte Sara sehr verletzen würde. Er hat Angst vor der Ehe, weil er den Verlust seiner Freiheit darin sieht. Er gibt zu, die Ehe mit großer Freude verzögert zu haben, fühlt sich nun durch die Einmischung des Vaters gezwungen, bald zu heiraten. Die Vorstellung von der Ehe bringt in ihm den „melancholische[n] Gedanke[n] [hervor], auf zeitlebens gefesselt zu sein.“ (Lessing, Sara, 66) Er sieht sich auch als Saras Gefangenen und das Leben mit ihr entsprechend als Gefängnis. Trotz dieser Bedenken zwingt er sich dazu, all seine Zweifel als „Einbildungen“ zu sehen. (Lessing, Sara, 67) Er zwingt sich förmlich dazu, sein Schicksal zu akzeptieren. Er sagt sogar: „Vermaledeite Einbildungen, die mir durch ein zügelloses Leben so natürlich geworden! Ich will ihrer loswerden, oder nicht leben.“ (Lessing, Sara, 67)

[...]


[1] Vgl. Karl S. Guthke: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. Stuttgart ³1980, S. 25-26.

[2] Vgl. Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie, 14. Stück. In: Schriften IX. New York 1979, S 239.

[3] Alle Zitate des Trauerspiels Miss Sara Sampson beziehen sich auf die folgende Ausgabe: Gotthold Ephraim Lessing: Miss Sara Sampson. Stuttgart 2003. Die Zitate werden so abgekürzt: (Lessing, Sara, Seitenzahl).

[4] Kuttenkeuler, Wolfgang: Miß Sara Sampson.“...nichts als ‚Fermenta cognitionis’“. In: Lessings Dramen. Stuttgart 2001, S.18.

[5] Sturges, Beate: Lessing als Wegbegleiter der Emanzipation der Frau. New York 1989. S. 133.

[6] Sturges, ebd. S. 133-4.

Details

Seiten
29
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640177578
ISBN (Buch)
9783640177639
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116137
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Germanistik
Note
1
Schlagworte
Frauenfiguren Gotthold Ephraim Lessings Trauerspielen Miss Sara Sampson Emilia Galotti Hauptseminar Bürgerliches Trauerspiel

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Titel: Das Bürgerliche Trauerspiel. Die Frauenfiguren in Lessings "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti".