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Bürgerschaftliches Engagement in einer gemeinnützigen Organisation. Praktikumsbericht aus der Freiwilligenagentur Halle-Saalkreis e.V.

Praktikumsbericht / -arbeit 2007 41 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Verlauf der Freiwilligenarbeit in Deutschland

3. Differenzierung und Kriterien der Freiwilligenarbeit
3.1. Traditionelles ehrenamtliches Engagement
3.2. Freiwillig soziales Engagement
3.3. Bürgerschaftliches Engagement

4. Gegenwärtige Entwicklungen der Freiwilligenarbeit
4.1. Modernisierung der Freiwilligenarbeit
4.2. Eingrenzung des bürgerschaftlichen Engagements
4.3. Gesellschaftlicher Wandel vom traditionellen zum modernen Ehrenamt
4.4. Statistische Auswertung zur Freiwilligenarbeit in Deutschland

5. Nichtregierungsorganisationen (NGO’s)

6. Ehrenamtlichkeit und Hauptamtlichkeit

7. Freiwilligenagenturen
7.1. Entwicklungshintergrund von Freiwilligenagenturen
7.2. Freiwilligenagenturen als Nonprofit-Organisationen
7.3. Freiwilligenagenturen in Sachsen-Anhalt

8. Freiwilligenagentur Halle-Saalkreis e.V
8.1. Organisationsstruktur
8.2. Aufgaben und Ziele
8.2.1. Freiwilligen-Beratung, Vermittlungsarbeit und Evaluation
8.2.2. Organisationsberatung
8.2.3. Projektarbeit und –entwicklung
8.2.4. Anerkennungsmöglichkeiten und Fortbildungsmaßnahmen
8.2.5. Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit
8.3. Statistische Auswertung der Freiwilligenagentur Halle-Saalkreis e.V

9. Kritische Auseinandersetzung

10. Fazit

III. Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Determinanten der ehrenamtlichen Arbeit 11

Abb. 2: „Nur“ Aktive und freiwillig Engagierte in den alten und den neuen

Bundesländern 1999 und 2004

Abb. 3: Übersicht: Gemeinschaftsaktivität, freiwilliges Engagement und

Stellung in der Gesellschaft

Abb. 4: Freiwilliges Engagement in 14 Bundesländern (2004/1999)

Abb. 5: Geschlechtsspezifischer Anteil an Freiwilligen 2002-

Abb. 6: Freiwillig Engagierte nach Geschlecht und Alter –

Abb. 7: Zielgruppen des freiwilligen Engagements in der BRD und in

Sachsen-Anhalt 2004

Abb. 8: Kohorten weiblicher Freiwilliger 2002-

Abb. 9: Kohorten männlicher Freiwilliger 2002-2006

Abb. 10: Freiwillig Engagierte nach Erwerbsstatus in Sachsen-Anhalt

1999-2004

Abb. 11: Erwerbsstatus im Vergleich 2002-

II.Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Anteil freiwillig Engagierter nach Geschlecht, Landesteil und Alter

Tab. 2: Anteil freiwillig Engagierter nach Geschlecht, Landesteil und

Erwerbsstatus

Tab. 3: Beschäftigte und Ehrenamtliche im Nonprofit-Sektor im Jahr 1995

1. Einleitung

Die vielfältigen Formen des bürgerschaftlichen Engagements haben in Deutschland eine lange Tradition und sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen von großer Bedeutung. In den letzten Jahren stieg das Interesse von Politik und Öffentlichkeit an der Freiwilligenarbeit. Dies beweisen die zahlreichen Untersuchungen und Initiativen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Der unentgeltliche Einsatz von Bürgern am öffentlichen Gemeinwohl ist in einer Gesellschaft mit ökonomischen, kulturellen und sozialen Veränderungen von unverzichtbarer Bedeutung. Innerhalb dieser Entwicklungen, welche sich mit den Begriffen ‚Individualisierung’ oder ‚Globalisierung’ beschreiben lassen, soll Freiwilligenarbeit Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Eigenverantwortung und Teilhabe am Gemeinwohl aktivieren bzw. aufrechterhalten. Die Beteiligung und Mitarbeit von Bürgern ist ein notwendiger Bestandteil eines sozialen und starken Staates. In einem Dokument der Bundesregierung heißt es: „Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe sind unverzichtbare Voraussetzung für gelebte Demokratie und humanes Miteinander. In Zeiten globaler Veränderungen wird der gesellschaftliche Zusammenhalt in hohem Maße von der oft wenig sichtbaren und unspektakulären Arbeit bestimmt, die Menschen freiwillig täglich erbringen“ (Enquete-Kommission 2001: 16). Die Engagementbereitschaft erfasst alle Altersgruppen unabhängig von Status oder Rasse. Junge und alte Menschen, Erwerbstätige und Arbeitslose, Frauen und Männer, Fachleute und Laien sind motiviert, sich freiwillig und unentgeltlich für andere in Vereinen, Verbänden, Selbsthilfegruppen oder Institutionen zu engagieren.

Jedoch benötigen viele der Freiwilligen eine qualifizierte Beratung über die Möglichkeiten des Engagements, die Tätigkeiten und die Einsatzfelder. Diese Beratung erhalten sie in den über 200 Freiwilligenagenturen in Deutschland. Freiwilligenagenturen sind Vermittlungsorganisationen, welche die Bürger über die Möglichkeiten der Freiwilligenarbeit informiert und berät und in individuell passende Tätigkeitsfelder vermittelt.

Dieser Bericht bietet nicht nur einen Einblick in Entwicklung der Freiwilligenarbeit, sondern zeigt vor allem die Entstehung und Bedeutung der Freiwilligenagenturen, ihren Leistungen und Strukturen.

2. Historischer Verlauf der Freiwilligenarbeit in Deutschland

Freiwilligenarbeit gilt in der modernen Gesellschaft[01] als Ausdruck für gesellschaftliche[02] Werte wie Solidarität, Altruismus und Nächstenliebe, da sie ohne finanzielle Gegenleistung im Dienste anderer erbracht wird. Jedoch ist Freiwilligenarbeit kein Phänomen der heutigen Zeit.

Seit Jahrhunderten scheint die Motivation für Freiwilligenarbeit die Verwirklichung der Humanität und religiös motivierter Nächstenliebe zu sein. Nächstenliebe ist eine Basis des Sozialen, als Grundlage der Selbstverständlichkeit oder auch der Zwang zum Helfen[03]. Einerseits löst Helfen ein inneres, subjektiv befriedigendes Gefühl aus, andererseits besteht eine Art sittliche Verpflichtung. Demnach stellt sich die Frage, ob unter diesem Aspekt die Hilfeleistung noch als freiwillig bezeichnet werden darf, da die Motivation nur bedingt intrinsisch ist.

Davon ausgehend ist Nächstenliebe und gegenseitige Hilfe ein entscheidendes Kriterium sozialer Kultur[04] (Knöpfel 1998: 12). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte aufgrund der Industrialisierung im Zusammenhang mit der Entstehung des Sozialstaates ein Aufschwung von Fürsorgeeinrichtungen. In den Städten wurden ehrenamtlichen Armenpflegern die Aufgaben der persönlichen Hilfe für die Armen eines Bezirkes übertragen. Frauen erlaubte man nicht, sich an kommunalen Aufgaben wie der Armen- und Waisenpflege zu beteiligen. Durch die Frauenbewegung kam es zur Gründung von Vereinen und zur Erbauung von Einrichtungen zum Schutz von Kindern und Frauen. Dadurch versuchten sie in kirchlichen und politischen Kreisen auf die sozialen Nöte aufmerksam zu machen (Bock 2000: 91). Es entstand eine Verbindung von öffentlichen und privaten Institutionen, deren Aufgabe darin bestand, die Solidarität zu organisieren und praktisch umzusetzen. Die Entstehung der Freiwilligenarbeit basiert somit auf der Bildung des Sozial- und Gesundheitswesens. Bis zur Weimarer Republik hatten die Bürger in ihren Kommunen Verantwortung für die alten und schwachen Menschen übernommen, bis die Armenfürsorge von den großen Wohlfahrtsverbänden übernommen wurde[05].

Die organisierte Solidarität gewann im letzten Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Vor allem die großen Wohlfahrtsverbände, die in enger Verbindung mit dem Staat standen, regulierten die Initiativen der Bürger. Das heißt, Freiwilligenarbeit wurde in diesem paternalistischen und hierarchischen System primär durch den Staat gestaltet und nicht von einer politisch aktiven Bürgerschaft. Dieser Verlauf hat bis in die Gegenwart nachhaltig Einfluss hinterlassen. Viele engagierte ältere Menschen beteiligen sich häufig nur innerhalb von Verbänden[06].

Erst in den 1970er Jahren entwickelten sich neben Wohlfahrtsverbänden auch organisierte Freiwilligengruppen. Sie dienten als Ergänzung zu den professionalisierten und bürokratisierten Verbänden, welche die wichtigsten Vermittler von Freiwilligenarbeit waren. Allmählich bildete sich ein Engagement heraus, das eigene Ziele, beispielsweise im politischen oder Umweltbereich, verfolgte und sich gegen staatliche Strukturen stellte. Immer stärker ergab sich eine Arbeitsteilung innerhalb des Bereiches der Freiwilligenarbeit[07].

Seitdem vor einigen Jahren in der deutschen Politik die Debatten über den Wert engagierter Bürger entfachten, prägen zahlreiche Begriffe das breite Feld der Freiwilligenarbeit.

3. Terminologische Differenzierung und Kriterien von Freiwilligenarbeit

Die Pluralität von Engagementformen entspricht der Vielfalt verwendeter Begrifflichkeiten. Während der Begriff des ‚traditionellen Ehrenamtes’ kaum noch verwendet wird, bildeten sich neue Terminologien wie ‚freiwilliges Engagement’ und ‚bürgerschaftliches Engagement’. Diese werden im folgenden Abschnitt näher bestimmt.

3.1. Traditionelles ehrenamtliches Engagement

Der Begriff des traditionellen Ehrenamtes entstammt dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, in dem die Kassen des preußischen Staates leer waren. Im Zuge der preußischen Verwaltungsreform wurde die gemeindliche Selbstverwaltung eingeführt. [08] Im Rahmen dieser Verwaltungsreform wurden kostengünstige Möglichkeiten zur Effektivitäts- und Effizienzsteigerung gesucht. Zahlreiche Aufgaben der Verwaltungstätigkeit wurden unentgeltlich an Ehrenmänner bzw. ausgewählten Honoratioren übertragen. Diese Übernahme einer öffentlichen Staatsaufgabe bzw. eines Amtes war etwas Ehrenhaftes[09].

Durch den deutschen Bundestag wurde die ehrenamtliche Tätigkeit 1996 folgendermaßen definiert: „Grundsätzlich wird unter ehrenamtlicher Tätigkeit jede freiwillig erbrachte, nicht auf Entgelt ausgerichtete außerberufliche Tätigkeit verstanden, die am Gemeinwohl orientiert ist, auch wenn sie für einen einzelnen erbracht wird. Kostenerstattungen oder Aufwandsentschädigungen stehen der Ehrenamtlichkeit grundsätzlich nicht entgegen“ (Stecker 2002: 44f). Diese Bedingungen wurden durch die Bindung der ehrenamtlichen Tätigkeit an einen institutionellen Rahmen erweitert, einer Organisation außerhalb des Haushalts. Demnach sind helfende Tätigkeiten für Nachbarn und Verwandte aus dem Begriff der ehrenamtlichen Tätigkeit[010] ausgeschlossen. Der Begriff des ehrenamtlichen Engagements wird demnach meist im Zusammenhang mit Aktivitäten in traditionellen Arbeitsfeldern von Verbänden und Organisationen verwendet. In der Regel wird die

Fremdhilfe unentgeltlich, freiwillig und nach den Kriterien der Mindestdauer und Verbindlichkeit geleistet. „Unentgeltlichkeit bedeutet, dass ehrenamtliche Tätigkeiten nicht analog zu Erwerbsarbeit zeit- oder leistungsäquivalent bezahlt w[011] erden, dass das Engagement zumindest nicht in erster Linie um eines Entgelts willen stattfindet“ (Otto u.a. 2003: 24). Freiwilligkeit bedeutet, die Tätigkeit ohne äußeren Zwang auszuüben[012]. Neuere Formen der Bürgerarbeit widersprechen diesem Kriterium, weil der Sozialhilfebezug sie an diese Aktivität bindet. Ebenso kritisiert man die Formen der Freiwilligendienste wie das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) und das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), welche den Jugendlichen teilweise als alternative Möglichkeiten zum Wehr- oder Zivildienst geboten werden. Ehrenamtlich Tätige verfügen in Abgrenzung zu fachlich kompetenten und professionellen Mitarbeitern über Laienkompetenz. Diese basiert auf Kenntnissen und Erfahrungen aus der Ausbildung oder aus beruflichen und familiären Tätigkeiten. Das heißt, die Handlungen resultieren aus den „Ressourcen alltäglicher Erfahrungen und nicht aus routinisierten, auf formaler Qualifikation (Ausbildung) basierenden Berufsvollzügen“ (Rauschenbach u.a. 1992: 234).

3.2. Freiwilliges soziales Engagement

Das freiwillige soziale Engagement bezieht sich auf neue Formen von Engagement, welche in Initiativen, Projekten [013] und kleinen Vereinen zum Ausdruck kommen. Dieser Begriff ist teilweise abgeleitet vom angelsächsischen Begriff Volunteering und steht für die grundlegenden Veränderungen des Engagements und lässt sich am besten mit den internationalen sprachlichen Kennzeichnungen in Einklang bringen. Jedoch wirkt in diesem Zusammenhang der Terminus Freiwilligkeit „als Synonym für jede ‚moderne’ Form von Engagement“ (Evers/Wohlfahrt/Riedel 2000: 13) eher traditional und verpflichtend.

3.3. Bürgerschaftliches Engagement

Die Begriffe Bürgerengagement oder bürgerschaftliches Engagement bezeichnen die gesellschaftliche oder sozialpolitische Ebene der Tätigkeiten, die am Gemeinwohl orientiert sind. Bürgerschaftliches Engagement hat sich als ein neues Schlagwort etabliert und ergänzt die klassischen Begriffe Ehrenamt und Freiwilligenarbeit. In diesem Sinne wird diese Form des Engagements definiert als „ganzheitliches Handeln oder auch die Handlungsbereitschaft von Bürgern im Eigeninteresse mit anderen gemeinsam zugunsten aller gemeinsam“ (Keupp 2001: 69). Der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements basiert in enger Verbindung mit den Beiträgen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages der ersten Legislaturperiode der Rot-Grünen Koalition unter Altkanzler Gerhard Schröder. Durch diesen zusammengesetzten Begriff[014] aus Engagement, Bürgerschaft und Bürgersinn versuchten sich die Mitglieder der Kommission von einer Tradition abzugrenzen, die den Einsatz für das Gemeinwohl primär mit dem Begriff der ‚Ehre’ verbindet. Bürger werden als Mitglieder eines politischen Gemeinwesens und ihre ausgeübten, am Gemeinwohl orientierten Handlungen als bürgerschaftliches Engagement verstanden. Der Gebrauch des Adjektivs bürgerschaftlich kennzeichnet keine spezielle Form von Engagement und Beteiligung, sondern bestimmte Motive und Wirkungen wie die Übernahme von Verantwortung für andere Personen oder das Lernen von Gemeinschaftsfähigkeit. Diese Form des Engagements „sollte freiwillig sein und nicht aus der unmittelbaren Notwendigkeit des Erwerbs oder des Lebensunterhalts motiviert sein. Dann sollte das Engagement auch keinen reinen Erlebnis- bzw. Erholungscharakter haben, sondern eine Beziehung zur Öffentlichkeit, zum Gemeinwohl bzw. zum mitmenschlich-humanen Nutzen“ (Gensicke 2001: 288).

Der Oberbegriff des bürgerschaftlichen Engagements vereint sowohl das Honoratiorenehrenamt als auch das unentgeltlichte traditionelle Ehrenamt aus religiöser und humanitärer Verantwortung, darüber hinaus das freiwillige Engagement in Initiativen und Verbänden sowie die Mitarbeit in Selbsthilfegruppen und Organisationen. Es ist ein durch Mehrdeutigkeit und -dimensionalität geprägter Begriff. Bürgerschaftliches Engagement kann dauerhaft, kontinuierlich oder kurzfristig sowie spontan sein. Es kann berufsbegleitend zwischen den Ausbildungsabschnitten oder zur Vorbereitung auf den Widereinstieg in das Berufsleben stattfinden. Die gesammelten Erfahrungen gewinnen[015] nicht nur zunehmend an Bedeutung für die berufliche Laufbahn, sondern auch für den Ausstieg aus dem Berufsleben. Bürgerschaftliches Engagement umfasst eine stark differenzierte Vielfalt an Motiven, wodurch der Begriff als solches nur als Variable in der Definition jedes Engagierten zu begreifen ist[016].

4. Entwicklungen der Freiwilligenarbeit

4.1. Modernisierung der Freiwilligenarbeit

Den Begriff bürgerschaftliches Engagement einzugrenzen, bedeutet gleichermaßen das breite Ausmaß der Debatten und die unterschiedlichen Ergebnisse der Statistiken zur Bürgerbeteiligung zusammenzufassen. So flexibel wie sich die Definition von Bürgerengagement erweist, sind auch die Statistiken. Bevor das Interesse am bürgerschaftlichen Engagement vor allem auf der politischen und sozialwissenschaftlichen Ebene zunahm, war die offizielle Beteiligungsquote im europäischen und transatlantischen Vergleich mit 16 Prozent sehr niedrig. Im Jahre 1996 waren gerade einmal 12 Millionen Deutsche ehrenamtlich aktiv (Bundesdrucksache 13/5674 vom 1.10.1996). Diese Zurückhaltung der Deutschen kritisierte und thematisierte der Bundestag. Auf der politischen Ebene verdeutlichte sich dies durch die Einsetzung der Enquete-Kommission zur Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements, der Beauftragung von repräsentativen Bevölkerungsumfragen zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Freiwilligensurveys 1999; 2004) sowie in der Bekanntgabe des Jahres 2001 zum „Internationalen Jahr der Freiwilligen“. Diese politischen Aktionen beweisen eine enge Wechselbeziehung zwischen Staat und bürgerschaftlichem Engagement. Bereits im ersten Freiwilligensurvey von 1999 stieg die Beteiligung engagierter Bürger von 16 auf 34 Prozent. „Somit engagieren sich in der Bundesrepublik Deutschland rund 22 Millionen Menschen bürgerschaftlich“ (Enquete-Kommission 2001: 63). Im Zuge der Untersuchungen des zweiten Freiwilligensurveys beteiligten sich bereits 36 Prozent. Dieser enorme Beteiligungsanstieg kam zustande, weil sich die alten Befragungen auf die klassische Definition des Ehrenamts stützten, während die neuen Befragungen die Definition des bürgerschaftlichen Engagements erweiterten.

4.2. Eingrenzung des bürgerschaftlichen Engagements

Aufgrund der Erweiterung des bürgerschaftlichen Engagements werden nicht nur neue, sondern auch alte Engagementformen integriert. Die Vielfalt der Tätigkeitsfelder beginnt bei der politischen Beteiligung in Verbänden und Bürgerinitiativen, welche die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation armer Bevölkerungsschichten fördern oder in sozialen Bewegungen, die sich für den Natur- bzw. Umweltschutz einsetzen. Des Weiteren steht bürgerschaftliches Engagement für die Übernahme öffentlicher Funktionen wie Wahlhelfer, Elternbeirat oder freiwillige Feuerwehr sowie der freiwilligen Beteiligung in Wohlfahrtsverbänden, Hospizgruppen oder Asylen. Darüber hinaus kommt bürgerschaftliches Engagement in der gemeinschaftsorientierten Eigenarbeit zum Einsatz. Dies erstreckt sich z. B. von Nachbarschaftshilfe für Pflegebedürftige bzw. pflegende Familienangehörige oder Genossenschaften bis zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe in Selbsthilfegruppen für behinderte Menschen, in Kinder- und Jugendeinrichtungen oder in Sportvereinen (vgl. Roth 2002: 30). Voraussetzung für alle freiwilligen Aktivitäten sind der Öffentlichkeits- und Gemeinschaftsbezug. Jedoch ist fraglich, welchen gesellschaftlichen Bezug Nachbarschaftshilfe oder inwiefern die Beteiligung an Selbsthilfegruppen Auswirkungen auf die Gesellschaft hat? Demnach sind Abgrenzungen zu diesem Thema auch unter Experten höchst umstritten. Bürgerengagement bietet im Vergleich zum Ehrenamt ein riesiges Sammelsurium an Definitionsmöglichkeiten, bei denen kein Unterschied zwischen Geldspenden und Zeitspenden gemacht wird. Dieser Begriff integriert sowohl die Beteiligung der Menschen, welche einmal im Jahr 20 Euro spenden als auch diejenigen, die sich 15 Stunden die Woche ehrenamtlich engagieren.

4.3. Gesellschaftlicher Wandel vom traditionellen zum modernen Ehrenamt

Der bedeutendste Wandel in der Ausübung und Vorstellung von Freiwilligenarbeit hat sich in Deutschland Ende der 1960er Jahre angebahnt. Durch die Skepsis der 68er Bewegung an staatlichen Strukturen entstanden neue Zusammenschlüsse außerhalb der traditionellen Strukturen[017]. Vor allem in den Nicht-Regierungsorganisationen des Dritten Sektors, wie den Umweltverbänden Greenpeace oder WWF, finden jüngere Menschen interessantere Engagements als in den traditionellen Tätigkeiten in Vereinen oder großen Wohlfahrtsverbänden. Aufgrund veränderter und unterschiedlicher Motivationen werden die Entwicklungen oft als Wandel vom ‚traditionellen’ bzw. ‚alten’ zum ‚modernen’ bzw. ‚neuen’ Ehrenamt beschrieben. Auch die Definition des ehrenamtlichen Engagements ist heutzutage nicht endgültig, weil „im Verlaufe der historischen Entwicklung die Motivation, gesellschaftliche Legitimation und konkrete Organisationsformen ehrenamtlicher Tätigkeiten weitgreifenden Veränderungen unterlegen sind“ (Olk 2001: 21). Die Freiwilligenarbeit wird durch eine Vielzahl an Faktoren beeinflusst. Die folgende Darstellung gibt einen Überblick über die verschiedenen Determinanten.

Abbildung 1: Determinanten der ehrenamtlichen Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hollerweger 2006: 3.

In den 1980er Jahren kam es zu weiteren strukturellen Veränderungen des traditionellen Ehrenamtes. Während die traditionellen ehrenamtlichen Tätigkeiten meist innerhalb einer formal organisierten Einrichtung oder Institution wie Kirchengemeinde, organisierte Nachbarschaftshilfe oder öffentlichen Sozialdienst geleistet wurden, betätigen sich engagierte Menschen heute in neuen sozialen Feldern. Das traditionelle Ehrenamt wurde meist von Menschen mit materieller Absicherung ausgeübt, die eine interessante Beschäftigung in einem sozialen Einsatzfeld in den sozialen Diensten der freien Wohlfahrtspflege suchten. Die neuen Ehrenämter werden dagegen aus besonderen biographischen Lebensumständen durchgeführt. Es „zeichnet sich aus durch Selbstorganisation, ein höheres Ausmaß an Flexibilität, Interesse an der Bewältigung eigener Problemsituationen und politischen Veränderungswillen. Es ist befristet, thematisch abgrenzbar und überschaubar und findet in Projekten mit großen Gestaltungsspielräumen statt“ (Moschner 2002: 2). Vor allem Jugendliche wenden sich den neuen Formen der Ehrenamtlichkeit zu. Die Engagierten wollen sich in sozialen Bereichen selbst verwirklichen. Sie suchen durch die Tätigkeiten für ihre eigene Lebenssituation eine haltgebende Orientierung und soziale Kontakte, um sich den anonymen Lebensbedingungen der Großstadt zu entziehen. Des Weiteren bieten die temporär überschaubaren und nicht auf dauerhafte Verpflichtungen angelegten Aktivitäten die Möglichkeit, sich jederzeit wieder zurückziehen zu können.

Mit den neuen ehrenamtlichen Tätigkeiten werden gesellschaftlich hervorgerufene Risiken wie Arbeitslosigkeit kompensiert und die gestiegenen freien Zeitbudgets aufgrund des sozialstaatlich unterstützten Wohlstandes wie auch der arbeitsmarktpolitisch geregelten Arbeitsmarktverkürzungen bzw. rentenpolitisch geregelten Berufsausstiege von älteren Erwerbstätigen ausgefüllt. Außerdem beziehen sich die Motive zum Engagement häufig auf die Qualifizierungsmaßnahmen durch Weiterbildungsangebote für die Ehrenamtlichen, welche in erster Linie der Verbesserung des eigenen beruflichen Handelns und der höheren Wahrscheinlichkeit des beruflichen Widereinstiegs dienen. Demnach dient das moderne soziale Engagement der Bearbeitung eigener Probleme und vermittelt in den Lebensabschnitten eigener Krisen oder Neuorientierungen biographische Kontinuität.

Das alte Ehrenamt existiert noch, jedoch die Tendenz, sich dauerhaft in Vereinen zu engagieren, nimmt ab.

4.4. Statistische Auswertung zur Freiwilligenarbeit in Deutschland

Der Wandel der Freiwilligenarbeit wird in diesem Abschnitt mit statistischen Fakten belegt. Obwohl die Ausprägungen des Engagements von Bürgern nicht eindeutig definiert werden konnten, sind deutliche Tendenzen erkennbar.

In der statistischen Auswertung wird auf die aktuellste Umfrage Bezug genommen. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) führte TNS[018] Infratest Sozialforschung unter Leitung von Thomas Gensicke in den Jahren 1999 und 2004 eine große Telefonumfrage mit 15000 Bürgern zum Thema „Freiwilliges Engagement in Deutschland“ (Freiwilligensurvey) durch. Die Veränderung und Verteilung des Engagements weist nicht nur regionale, sondern auch soziale Unterschiede auf. Das Engagement hat in vielen Bundesländern zugenommen, jedoch ist noch immer ein deutliches Ost-West Gefälle zu erkennen.

[...]


[01] Literaturangaben!

[02] Wiederholung

[03] Literaturangabe?

[04] Literatur?

[05] Literatur?

[06] Literatur?

[07] Literatur

[08] Literaturangaben

[09] Literatur

[010] Einzahl

[011] Zitat prüfen à Einzahl/Mehrzahl = werden

[012] Literatur?

[013] ist sehr kurz gehalten à 1 oder 2 Sätze mehr möglich?!

[014], zusammengesetzt aus… ? oder wie?

[015] Wiederholung

[016] Literatur?

[017] Wiederholung

[018] Abkürzungen beim ersten Mal ausschreiben

Details

Seiten
41
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640185962
ISBN (Buch)
9783668123984
Dateigröße
977 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116142
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
Praktikumsbericht Freiwilligenagentur Halle-Saalkreis Soziologie Freiwilligenarbeit Freiwilligen Beratung Halle Saale Praktikum

Autor

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Titel: Bürgerschaftliches Engagement in einer gemeinnützigen Organisation. Praktikumsbericht aus der Freiwilligenagentur Halle-Saalkreis e.V.