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George Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft Teil II

Hausarbeit 1990 17 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Behavioristische Sozialpsychologie
1.2. Die Frage
1.3. Die Methode

2. Die Geste
2.1. Die Geste als Ausgangspunkt
2.2. Zwei Grundfunktionen der Geste
2.2.1. Die "Reiz"-Funktion der Geste
2.2.2. Darwin
2.2.3. Die "Anpassungsfunktion" der Geste

3. Der Ursprung der Sprache
3.1. Wundts psycho-physischer Parallelismus
3.2. Nachahmung
3.2.1. Lernen ist assoziativ
3.2.2. Unmöglichkeit eines Nachahmungs-Mechanismus
3.3. Der grundlegende Fehler
3.4. Die vokale Geste
3.4.1. Die Defizienz der Geste
3.4.2. Die Bedeutung der vokalen Geste
3.4.3. Exklamatorische Töne, Zeichen und Schrift
3.5. Anthropologische Grundkategorie: Die "Rolle des Anderen"
3.6. Das signifikante Symbol

4. Sinn (meaning)
4.1. Sinn als Produkt einer dreiseitigen Beziehung
4.2. Merkmale
4.2.1. Objektivität auf der Grundlage einer "natürlichen" Teleologie
4.2.2. Die gesellschaftliche Handlung als Ursprung des Neuen
4.2.3. Immanenz

5. Universalität
5.1. Die Reaktion ist universal, der Reiz partikular (James)
5.2. Der Ursprung von Begriffen
5.2.1. Deweys "handelnde" Wahrnehmung
5.2.2. Begriffe sind gesellschaftlich vermittelt
5.2.2.1. Der "verallgemeinerte Andere"
5.2.2.2. Eine gemeinsame Welt als Produkt gemeinsamer Erfahrung

6. Reflexive Intelligenz/Denken
6.1. Intuitives Verhalten
6.2. Reflexives Verhalten
6.2.1. Reflexives Verhalten - ein Beispiel
6.2.2. Merkmale
6.2.2.1. Hinweisendes Verhalten
6.2.2.2. Willentliche Aufmerksamkeit
6.2.2.3. Sprache als "Material des Geistes"
6.2.3. Wahl, Spontaneität, Grundbedingung und Anpassung
6.2.3.1. Eine behavioristische Freiheitstheorie: Reflexive Wahl und Spontaneität
6.2.3.2. Der Ursprung der verzögerten Reaktion
6.2.3.3. Bester Anpassungsmechanismus?

7. Selbstkonditionierung und bedingter Reflex
7.1. Watson: Der bedingte Reflex
7.2. Defizienz
7.3. Bewusste Selbstkonditionierung

8. Das Verhältnis von Reaktion, Symbol, Geist und Umwelt
8.1. Reaktion und Umwelt
8.2. Geist, Symbol und Umwelt

1. Einleitung

1.1. Behavioristische Sozialpsychologie

Die Sozialpsychologie beschäftigt sich traditionellerweise mit der Untersuchung der gesellschaftlichen Erfahrung aus der Sicht der Individualpsychologie. Das gesell­schaftliche Ganze wird dabei von der Psychologie des Individuums aus gedeutet.

Mead* fragt nach der Rechtmässigkeit dieses Ansatzes und erkennt, dass die Psycho­logie des Individuums selbst Produkt gesellschaftlicher Prozesse ist. Sozialpsychologie kann folglich nicht beim Individuum, sondern muss vielmehr von gesellschaftlichen Prozessen ausgehen. Daher sieht Mead die Aufgabe der Sozialpsychologie darin, den Einfluss gesellschaftlicher Erfahrung auf Erfahrung und Verhalten des Einzelnen zu klären.

1.2. Die Frage

Die konkrete Frage des II. Teiles, den wir im folgenden behandeln, lautet daher, wie psychisches Wissen - d.h. Geist, Bewusstsein, Denken überhaupt - als gesellschaftli­che Phänomene begriffen werden kann.

Mead steht in der Tradition der Evolutionstheorie Darwins und untersucht die Ent­stehung des Psychischen, von Geist, anhand der Entwicklung gesellschaftlichen Ver­haltens im Laufe der Evolution. Mead versucht, ein entscheidendes Problem der Evolutionstheorie mit behavioristischen Mitteln zu lösen: er versuch die Kluft zwi­schen Impuls und Rationalität, zwischen Instinkt und Bewusstsein zu überbrücken und nachzuweisen, wie gewisse Organismen Geist, zweckgebundenes Verhalten und moralisches Engagement entwickeln. Kurz: er versucht zu klären, wie das vernunft­begabte Wesen "Mensch" entstand (vgl. S. 16, Einleitung von Morris).

1.3. Die Methode

Sein Ansatz ist behavioristisch in dem Sinn, als gesellschaftliches Verhalten, d. h. Kommunikation und Interaktion als das Erste und Wesentliche betrachtet wird, woraus alles Weitere, alles Psychische, das ganze Bewusstsein, erklärt wird.

2. Die Geste

2.1. Die Geste als Ausgangspunkt

Mead sieht im gestischen Verhalten die Grundlage jeglicher gesellschaftlicher Handlung, d.h. jeglicher Kommunikation und Interaktion; dies gilt für alle Lebewe­sen, die in gesellschaftlichen Kontakt zueinander treten. Die Geste ist für ihn der "grundlegende Mechanismus, durch den der gesellschaftliche Prozess angetrieben wird" (Anm. S. 52). Warum dies so ist, soll im folgenden gezeigt werden.

2.2. Zwei Grundfunktionen der Geste

2.2.1. Die "Reiz"-Funktion der Geste

Bei jedem gesellschaftlichen Handlungsprozess - egal ob unter Menschen oder Tieren - ist die Geste jener Teil des Handlungsprozesses, "der als Reiz auf andere, in die gleiche gesellschaftliche Handlung eingeschaltete Wesen wirkt" (S. 81). Mead illu­striert diesen Sachverhalt durch das Beispiel der kämpfenden Hunde, der Boxer und der Fechter.

Es begegnen sich zwei Hunde, der eine stellt den Schwanz und die Ohren, fletscht die Zähne, beginnt zu knurren. Alle diese Gesten wirken für den anderen als Reiz, um auf dieses Angriffsverhalten zu reagieren. Der zweite Hund ergreift die Flucht und löst durch diese Geste im ersten wiederum eine Reaktion aus, u.s.w.

Das gleiche Verhalten zeigt sich bei den Boxern oder Fechtern: Der eine täuscht einen Schlag vor, der andere reagiert darauf und die Reaktion wird selbst wieder zur Geste, worauf der erste wiederum reagiert, u.s.w.

Die Geste dient also als ein "Werkzeug [...]" (S. 83), ein Reiz, der die anderen Wesen zu einer Reaktion veranlasst. Die Frage, ob hier die Reaktion bewusst oder unbe­wusst geschieht, stellt sich hier noch nicht. Es geht Mead lediglich um einen für jeden Interaktions- und Kommunikationsprozess grundlegenden Mechanismus.

2.2.2. Darwin

Darwin führt in seinem Buch "Expressions of the Emotions in Man and Animals" aus, dass die massgebliche Funktion von Gesten im Ausdruck von Gefühlen liege.

Für den unbefangenen menschlichen Beobachter mag es sich in der Tat so darstellen, wenn der fliehende Hund mit eingezogenem Schwanz, hängenden Ohren und geduck­tem Kopf das Weite sucht, wie wenn diese Gesten das Gefühl der Angst ausdrück­ten. Mead hingegen hält diese Deutung für ganz falsch:

Man kann unmöglich annehmen, dass Tiere Gefühle auszudrücken versuchen... Man kann höchstens sagen, dass... [die Geste des Tieres] sozusagen als Ventil ein gewisses Gefühl freisetzt, eine emotionelle Haltung, von der sich das Tier irgendwie begreifen musste". (S. 55) Das Tier, ebenso der unbewusst, im Affekt agierende Fechter oder Boxer drückt kein Gefühl, keinen psychischen, geistigen Inhalt aus. Die Geste als Ausdruck von Gefühlen setzt vielmehr Bewusstsein bereits voraus. Gefühle drücken sich nicht per se in Gesten aus, wie Darwin meinte, und auf diesem Weg lässt sich nicht die Entstehung des Bewusstseins aufzeigen. Gefühle ausdrücken mittels Gesten kann nur, wer ein Bewusstsein hat und das auch weiss - also nur der Mensch.

Mead bringt das Beispiel des Schauspielers, dessen Aufgabe es ganz klar ist, durch Gesten bewusst Gefühle auszudrücken. (S. 55)

An diesem Beispiel zeigt sich ganz deutlich, dass die Geste zur Sprache, zur Körper­sprache des Schauspielers wird, und somit Bewusstsein voraussetzt.

Man kann also nicht sagen, Gesten drückten primär Gefühle aus und im Laufe der Zeit entwickelte sich auf der psychischen Ebene aus Gefühlen irgendwie Bewusstsein. Bewusstsein entwickelt sich vielmehr aufgrund des gesellschaftlichen Verhaltens.

2.2.3. Die "Anpassungsfunktion" der Geste

Im Rahmen der gesellschaftlichen Handlung bezeichnet die Geste ferner jene Phase der individuellen Handlung, der sich andere (an der gesellschaftlichen Handlung beteiligte Wesen) anpassen. Auch diese Funktion gilt, wie die erste, sowohl für vorsprachliches als auch für sprachliches Verhalten. Mit anderen Worten: Die unbewusste oder auch bewusste Geste weist auf ein anderes Objekt einer gesellschaftlichen Handlung hin. Es handelt sich dabei immer um ein Objekt von gemeinsamem Interesse. Die Geste dient nun sozusagen als "Werkzeug", um die Anpassung zwischen den Handelnden im Hinblick auf das Objekt zu ermöglichen, auf das die Gesamthandlung gerichtet ist. - An dieser Stelle des Textes (S. 85) weist Mead in knappster Form auf die Entstehung von Sprache qua signifikanter Geste hin. Ich möchte diese Problematik zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher darstellen und lasse sie an dieser Stelle weg. -

Mead bewertet die Anpassungsfunktion von sprachlicher und nichtsprachlicher Geste im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit, ihre Effektivität. Dabei stellt er fest, dass die sprachliche Geste eine weit bessere Möglichkeit für eine Anpassung an ein Objekt gewährt als die nicht-sprachliche. Denn, so Mead, die sprachliche Geste löst im Individuum, das sie setzt, dieselbe Idee aus wie in den anderen, ebenfalls an der Handlung beteiligten Individuen. Durch die allen bewusste Idee bzw. Bedeutung der Geste sind sprachliche Wesen daher schneller und exakter, somit effizienter in der Lage, ihr weiteres Verhalten auf diese Idee abzustimmen und sich dadurch dem Objekt der Handlung anzupassen.

3. Der Ursprung der Sprache

3.1. Wundts psycho-physischer Parallelismus

Nach Mead geht Wundt bei seinem Erklärungsversuch der Sprachentstehung davon aus, dass jeder physische Vorgang an einer Person, jeder physische Reiz im Zentralnervensystem (ZNS) immer einem psychischen Bewusstseinsinhalt entspricht und dass es eine Assoziation zwischen diesen gibt (S. 96):

Ein bestimmtes Bild, ein Geruch oder ein Geräusch erzeugt im ZNS einer Person einen bestimmten Reiz, und zugleich wird im Bewusstsein der betreffenden Person eine bestimmte Idee assoziiert (S. 96).

Die Sprachentstehung meint Wundt (nach Mead) folgendermassen erklären zu können: Indem eine Geste die gleiche Geste in einem anderen Individuum auslöst wie in demjenigen, das sie setzte, wird diesem Individuum, in dem dieselbe Geste ausgelöst wird, gemäss dem Mechanismus des psycho-physischen Parallelismus auch derselbe psychische Bewusstseinsinhalt erscheinen.

Nun ist es aber in der Tat so, dass wir auf eine Geste von jemandem nur sehr selten mit derselben Geste reagieren. Uns bleiben vielmehr unendlich viele Möglichkeiten, ganz anders zu reagieren als mit der gleichen Geste.

3.2. Nachahmung

Man glaubte früher, so Mead, Wundts Problem durch den Begriff der Nachahmung aus der Welt schaffen zu können (S. 90).

So scheinen beispielsweise Kinder die Erwachsenen nachzuahmen, und man glaubte, dass sie auf diese Weise das Sprechen lernten.

Auch Vögel scheinen einander nachzuahmen: Der Spatz den Kanarienvogel, der Papagei die menschliche Stimme.

Mead zufolge gibt es keinen allgemeinen Nachahmungstrieb, auf den die Entstehung von Bewusstsein zurückgeführt werden könnte. Die Funktion der Nachahmung sollte diesen Theorien gemäss, die die Entstehung von Bewusstsein auf einen allgemeinen Nachahmungstrieb zurückführen wollten, in der Erklärung des Lernverhaltens von Lebewesen liegen. Der Nachahmungstrieb sollte der Schlüssel zum Verstehen der "Entwicklung der jungen Vertreter einer Gattung" (S. 91) sein.

Mead widerlegt die These der Existenz eines allgemeinen Nachahmungstriebs vor allem durch zwei Einwände: Er zeigt erstens, dass Lernen nicht durch Nachahmung, sondern nur durch Assoziation erklärbar ist, und zweitens, dass die Konstruktion eines Mechanismus der unmittelbaren Nachahmung unmöglich ist.

[...]


* Wir beziehen uns im folgenden auf die von Ch. Morris posthum herausgegebenen Vorlesungsnachschriften G.H. Meads, die 1934 unter dem Titel Mind, Self and Society. From the standpoint of a social behaviorist erschienen. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die deutsche Übersetzung G.H. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft [Frankfurt a. M. (1973): Suhrkamp], aus welcher auch die Zitate stammen.

Details

Seiten
17
Jahr
1990
ISBN (eBook)
9783640177684
ISBN (Buch)
9783656456766
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116230
Institution / Hochschule
Universität Basel – Philosophisches Seminar
Schlagworte
George Herbert Mead Geist Identität Gesellschaft Teil Kommunikation Interaktion Theorien Handelns Searle

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