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Zur gesundheitlichen Situation unserer Kinder und Jugendlichen

Seminararbeit 2008 23 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. KiGGS-Studie

2. Forderung des Deutschen Ärztetages

3. Kritik an Gesellschaft und Gesundheitssystem

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

-eine kleine Geschichte zur Gesundheit-

„Der Traum vom optimalen Menschen ist freilich so alt wie die Menschheit selbst […].“[1] Diese Aussage bedeutet vor allem, dass das Bestreben nach einem vollständigen Körper und den damit verbundenen seelischen und sozialen Wohlbefinden einen recht hohen Stellenwert in den menschlichen Gesellschaften haben. Die erste große Konzeption zum Verständnis der Lebenserscheinungen entsteht im 1. vorchristlichen Jahrtausend. Auf die Medizin bezogen fokussiert sie in der Erkenntnis von Krankheit als natürliche Erscheinung. Bevor es jedoch zu einer solchen Auffassung kommt, muss man sich die Auseinandersetzung des Homo sapiens mit den Einflüssen der Umwelt als instinktivgebunden vorstellen.

linär dazu die- nen, empirische Daten über den Aufbau des Menschen zu bekommen, der letztlich dazu helfen soll, ihn in seiner Ge-

sundheit zu unterstützen. Diese Methode

Aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus versucht der Mensch äußerlich sichtbare aber auch innere Krankheiten zu verhindern oder gar zu überwinden. Da eine Krankheit nur aus ihrer Empirie heraus verstanden werden kann, genügen natürliche Erklärungsansätze nicht und daher treten im Paläolithikum[2] als auch im Mesolithikum[3] magisch-religiöse Vorstellungen in den Vordergrund. Die Krankheit erhält in diesem Kontext den Charakter des Fremden und Unheimlichen und diese Anschauung hat sich vereinzelt bis heute in den Unterbewusstsein der Menschen verankert. Krankheiten, Unfälle und Gebrechen gehören somit zweifellos von Anfang an zum Menschsein und enden häufig im Tod. Jedoch hat der ur- und frühgeschichtliche Mensch die Krankheiten nicht einfach nur hingenommen und sich seinem Schicksal gefügt, sondern sein Wissen stetig verbessert.[4] Der chirurgische Eingriff (Abb. 1, 2) am Schädel, um nur ein Fallbeispiel zu nennen, soll interdiszip-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2

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Abb.1

wird bereits im frühen Neolithikum praktiziert und tritt in Zentraleuropa am frühsten in der La-Hoguette-Kultur[5] auf. Diese Trepanationen werden intravital, postmortal oder gar als symbolische Trepanationen durchgeführt. Als Techniken für das Öffnen des Schädeldachbereiches, um gegebenenfalls die Dura mata zu durchdringen, gibt es verschiedene Methoden (Abb.3) [6]:

- Schabemethode (mit Feuerstein - klinge)
- Bohrmethode
- Scheidemethode
- Kreuzschnittmethode

Dieser operative Eingriff wird durchaus auch bei Kindern vorgenommen und die prozentuale Heilungs- oder Überlebendchance beträgt bereits 80%.

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Abb.3: Trepanationsmethoden.

1 Kreuzschnittmethode;
2 Schneidemethode;
3 Schabemethode;
4 Ringlochbohrmethode

so werden Rezepte gegen Husten und Schupfen, gegen Falten im Gesicht und gegen Haarausfall nicht unbeachtet gelassen. Betrachten wir die Entwicklung und Vermehrung verschiedener Krankheiten und vergleichen sie mit der Gewaltzunahme bzw. Akkumulation von Konflikten in der Steinzeit, so wird uns eines deutlich: Krankheiten als auch Gewalt entstehen oder fangen an sich mit dem Sesshaft-

In den darauffolgenden Hochkulturen beziehen sich Gesundheit und Krankheit auf Natur und Kultur und daher erhält die Heilkunde in allen Hochkulturen eine eminent soziale Funktion. Der gesunde menschliche Körper wird zunächst als ein System von Gefäßen betrachtet, die im Herzen entspringen und alle Gliederungen verbinden und organisch versorgen. Im Großen und Ganzen sind es die Religion, Magie und Medizin, welche die drei Standbeine der alten ägyptischen Heilkunde bilden. Der Papyrus (Abb.4) beschreibt 45 Themenbereiche, vor allem Augen- und Bauchkrankheiten sowie Gynäkologie. Aber auch Alltägliches hat seinen Platz und

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Abb.4: Papyrus als Beschreibstoff lässt sich in Ägypten für den Beginn des 3. Jahr-

tausends v.Chr. nachweisen.

werden der Menschen zu vermehren. Vor allem mit dem Beginn der Viehzucht nehmen die Infektionskrankheiten und der Parasitenbefall zu. Ebenso charakteristisch für diese „neue“ Zeitepoche der Zivilisation, mit der sie begleitenden Kultur, ist die Haltung von Haustieren, mit denen die Menschen nun eng zusammenleben und welche somit zusätzliche Krankheitsgaranten sind. Außerdem potenziert sich in den frühen Städten das Abfallproblem und so erfindet man bereits schon vor 4 500 Jahren am Indus die Kanalisation. Auch in den Parallelkulturen wie Mesopotamien oder Griechenland lebt zumindest die Oberschicht in hygienischen Verhältnissen. Wovon die Menschen im Mittelalter und sogar in der Neuzeit träumen ist im antiken Rom zu einem gewissen Standard avanciert und so besitzt die Elite bereits Badewannen, Duschen und Spülklosetts. Explizite Hygieneerscheinungen aus antiker Zeit begegnen und noch heute in Rom[7] (Abb.5) als auch in Köln, die beide zu einer Art touristischer Attraktion deklariert werden.

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Abb.5: Die Cloaca Maxima (lat. cluere = reinigen, Cloaca Maxima wörtlich größter Abwasserkanal, daraus abgeleitet auch der deutsche Begriff „Kloake“) ist Teil eines antiken Kanalsystems in Rom.

Gibt es in der Vor- und Frühgeschichte ein Wissen und ein gewissen Anspruch an Hygiene, so schwindet dieses Bewusstsein nach dem Ende des antiken Roms für 1 000 Jahre gänzlich.

Über die Krankheiten im Mittelalter als auch deren Probleme erspare ich mir einen Disput und möchte daher auf die Neuzeit zusteuern.

Eine der weltgeschichtlichen Tatsachen des 19. Jahrhunderts ist der gewaltige Aufstieg der Wissenschaft zu einer im Leben subherrschenden Großmacht, an der die Deutschen einen spezifischen Anteil haben. Ist Deutschland um 1800 auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Medizin ein zurückgebliebenes Land, so kommt es im darauffolgenden Jahrhundert zu einer regelrechten Revolution der Erfindungen. Die Entwicklung der medizinischen Wissenschaften in Deutschland überlagert nun für die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte. Gegenstand dieser neuen naturwissenschaftlichen Medizin ist die Isolierung der einzelnen Krankheit vom Ganzen des kranken Menschen, d.h. die alten Wirklichkeiten wie das Leben, die Seele, der Geist (und Gott) sollen zur Geltung gebracht werden. Diese Ansicht über die Medizin unterstreicht sehr deutlich, dass in ihr Teile der romantischen Weltauffassung überlebt haben. Eine Errungenschaft der neuen Medizin ist die Begründung der Pathologie durch Rudolf Virchow (1859). In ihr verankert er, dass nicht Blut oder Nerven, sondern die Zellen die eigentlichen Lebens- und Krankheitsträger sind – die Zelle als Objekt der Wissenschaft. Die zweite medizinische Revolution nach der Begründung der Zellpathologie ist die Entwicklung von Serologie[8] und Bakteriologie[9], wodurch Entdeckungen über das Kindbettfieber bis hin zur Infektion gemacht werden. Jedoch erst Ende der 1860er Jahre – bis dahin sterben ⅓ an Beinamputationen oder Hospitalbrand – setzen sich nach dem Vorgang des englischen Arztes Joseph Lister Antisepsis und Desinfektion endgültig durch. Weitere medizinische Errungenschaften sind:

- Beobachtung und Messung der Krankheitsprozesse
- das Mikroskop am Krankenbett
- die chemische Analyse
- die Kontrolle durch Pathologen
- der Kehlkopfspiegel

Zusätzlich spezialisieren sich die klassischen Fächer auf Kinder-, Augen-, Hals/Nasen/Ohren- und Zahnheilkunde. Diese Innovationen machen sich auch im Bevölkerungswachstum bemerkbar: beträgt die Bevölkerungszahl des Alten Reiches um 1800 etwa 30 Millionen Menschen, so steigt diese bis 1865 auf über 52 Millionen an. Diese Expansion hat zum Teil ihre Ursache in der Veränderung der Sterblichkeit, für die man Immunisierung, Klima, größere Widerstandsfähigkeit bei besserer Ernährung, Fortschritte der persönlichen Hygiene, die Pockenimpfung, das Ausbleiben der großen Seuchen – die letzte große Pest tritt 1709/11 auf – und den Rückgang der Kriegsverheerungen verantwortlich macht. Ein anderweitig wichtiger Indikator ist die geringe Sterblichkeit der Kinder – ⅓ bis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten stirbt 1800 noch vor der Mündigkeit, die in Symbiose zur Expansion der deutschen Bevölkerung steht.[10] Krankheiten verlieren an Lebensbedrohlichkeit und werden desöfteren geheilt. Zusätzlich steigt das Vertrauen in die Medizin und den Ärzten deutlich, was seine Ursachen in der Zunahme der allgemeinen Bildung hat. Der ärztliche Beruf wird nach und nach attraktiver und sogar die Unterschicht merkt diese medizinische Verbesserung durch die Armenhilfe, die ihnen gewisse Lösungen bietet. Dieses veränderte Bewusstsein „weg von der Laienmedizin, hin zur Wissenschaft“ und die Gründung von neuen Krankenkassen erhöhen und ermöglichen die Nachfrage ärztlicher Leistungen und so verdoppelt sich die Zahl der Ärzte zwischen 1876 und 1913 von knapp 14 000 auf 34 000.[11]

Man kann also daraus entnehmen, dass sich die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen, um die es hier primär gehen soll, in einem Industriestaat wie Deutschland gravierend verändert hat: Die Säuglingssterblichkeit geht von durchschnittlich 210 pro 1 000 Lebendgeborenen auf weniger als 5 pro 1 000 zurück, also um einen Faktor von mehr als 40. Die Sterblichkeit von Kindern im Alter zwischen eins und 15 Jahren vermindert sich um den Faktor 65. Vor 100 Jahren sterben mehr als 50-mal so viele Mütter im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft wie im Jahr 2000.[12]

Wir können also sagen, dass aufgrund dieser stetigen medizinischen Entwicklung im 18/19. Jahrhundert es den heutigen Kindern besser geht als wie zu jener Zeit, was sich vor allem im Wachstum als Lebensqualitätsindikator ablesen lässt: im frühen Schulalter sind Kinder gleichen Alters und Geschlechts heute um etwa 20 cm größer als vor 100 Jahren. Dennoch dürfen wir uns über solche physischen Errungenschaften nicht hinwegtäuschen lassen. Auch in unserer heutigen postmodernen Gesellschaft gibt es weiterhin gesundheitliche Probleme! Laut einer aktuellen Umfrage geben 23,7% der Eltern an ein chronisch krankes Kind zu haben. Natürlich sind die heutigen Bedingungen besser als vor 100 Jahren, um solche Krankheiten zu behandeln, dennoch muss ergänzt werden, dass durch industrielle und staatliche Einsparungen unser hart erarbeitetes Gesundheitssystem droht marode zu werden. Zusätzlich gibt es neue Faktoren, die Einfluss auf die Jugend, die Menschen und deren familiäre Konstellationen haben. „Arbeitslosigkeit und Armut lassen Menschen früher altern, rascher krank werden, sie rauben Initiative zur eigenen Gesundheitsförderung, zerstören die Motivation zur Prävention, mindern gesundheitliche Potenziale und verbreiten gesundheitsbelastende Verhaltensweisen. Arbeitslosigkeit macht arm und Armut und Arbeitslosigkeit machen krank, und zwar beides bis hinein in die folgende Generation.“[13]

2005 beträgt die Armutsquote einer Familie mit einem Kind 14,3%, während die Armutsquote bei einer Familie mit vier Kindern 59,7% beträgt. Der soziale Status hat somit zusätzlich starken Einfluss auf die Kinder und Jugendlichen, was sich somit auch in den schulischen Leistungen widerspiegelt (wie die PISA-Studie zeigt). Zusätzlich wird durch diverse Studien evaluiert, dass Kinder aus sozial schwachen Familien ein erhöhtes Risiko einer ungünstigen Gesundheitsbiografie tragen. Um ein genaueres Bild über den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen zu erhalten, hat das Robert-Koch-Institut eine umfassende bundesweite Erhebung gestartet. Dieser bundesweite Kinder und Jugendsurvey erforscht die 0-17-Jährigen mit dem Ziel, „bestehende Informationslücken zu schließen, Redundanzen in der Erhebung zu vermeiden, kompatibel zu sein mit anderen Datenquellen und auch eine internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten.“[14]

Im ersten Teil unserer Arbeit fassen wir die Ergebnisse der KiGGS-Studie zusammen und erläutern in welchen Kategorien die Erhebungen erfolgen. Der zweite Teil befasst sich mit den öffentlichen Reaktionen bezüglich der KiGGS-Ergebnisse. Genauer gesagt wird hier erläutert, was der 110. Deutsche Ärztetag von 2007 als Lösungen für die Problemlagen anzubieten hat. Um die Arbeit abzurunden findet im letzten Teil eine persönliche Beurteilung statt, die Anstoß zum Denken und zur Kritikfähigkeit geben soll und muss.

[...]


[1] Schipperges, Heinrich: Gesundheit und Gesellschaft, Berlin-Heidelberg 2003, S.99.

[2] Die Altsteinzeit beginnt mit den ersten absichtlich hergestellten Steinwerkzeugen des Homo habilis und Homo ergaster vor über 2,4 Millionen Jahren in Afrika. Sie endet mit der Entwicklung von Bodenbau und Tierhaltung um etwa 8 000 v. Chr, (http://de.wikipedia.org/wiki/Altsteinzeit, 28.05.08, 11:26.)

[3] Als Mittelsteinzeit (Mesolithikum) bezeichnet man die Epoche der nacheiszeitlichen Jäger und Sammler vom Ende der Altsteinzeit (Paläolithikum) bis zum Beginn einer produzierenden Wirtschaftsweise in der Jungsteinzeit (Neolithikum).( http://de.wikipedia.org/wiki/Mesolithikum, 28.05.08, 11:28.)

[4] Vgl. Alt, Kurt; Jeunesse, Christian: Blutiges Ritual oder medizinische Indikation?, in: Frühe Spuren der Gewalt, (Hrsg.) Jürgen Piek und Thomas Terberger, Rostock 2006, S.51-60.

[5] Etwa 5500 bis 4900 v. Chr.

[6] Vgl. Ullrich, Herbert: Prähistorische Trepanationen-Definitionen und Begriffsbestimmungen, in: Frühe Spuren der Gewalt, (Hrsg.) Jürgen Piek und Thomas Terberger, Rostock 2006, S.23-28.

[7] Vgl. Benz, Marion; Maise, Christian: Archäologie, Stuttgart 2006.

[8] Als Seriologie bezeichnet man die Wissenschaft und Lehre von den Antigen-Antikörper-Reaktionen, soweit sie in vitro (außerhalb des lebenden Organismus´) ablaufen. Sie ist demnach ein Teilgebiet der Immunologie. (http://de.wikipedia.org/wiki/Serologie, 28.05.08, 15:00.)

[9] Die Bakteriologie ist die Wissenschaft, deren Gegenstand der Bau, die Lebensweise, das System und die Identifizierung von Bakterien ist. Sie ist ein Teilgebiet der Mikrobiologie. Unter vielem anderen befasst sie sich auch mit pathogenen Bakterien und liefert wichtige Ergebnisse für die Medizin und damit zur Krankheitsbekämpfung.( http://de.wikipedia.org/wiki/Bakteriologie, 28.05.08, 15:04.)

[10] Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866, München 1983.

[11] Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918, München 1990.

[12] Vgl. www.bundesaerztekammer.de/downloads/110HenkeReferat.pdf, 28.05.08, 00:31.

[13] www.bundesaerztekammer.de/downloads/110HenkeReferat.pdf, 28.05.08, 00:31.

[14] www.bundesaerztekammer.de/downloads/110HenkeReferat.pdf, 28.05.08, 00:31.

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640186068
ISBN (Buch)
9783640188031
DOI
10.3239/9783640186068
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Bildungswissenschaften
Erscheinungsdatum
2008 (Oktober)
Note
1,6
Schlagworte
Situation Kinder Jugendlichen Kinderprobleme Problemkinder
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Titel: Zur gesundheitlichen Situation unserer Kinder und Jugendlichen