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Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft

Wie schlagen sich die Themen der Doppelmoral und der Hungersnot der 1940er in der Szene "Plato Único" des Theaterstückes "Terror y miseria en el primer franquismo" von José Sanchis Sinisterra nieder?

Seminararbeit 2008 14 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die dritte Szene: Plato Único
2.1 Der Spannungsbogen in Plato Único
2.2 Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft am Beispiel der Figur des Don Cosme
2.2.1 Historischer Kontext des Plato Único
2.2.2 Die Lüge des Plato Único und das Motiv des Hungers anhand der Figuren Jenaro und Benigna
2.2.3 Der Ehebruch eines ordentlichen Bürgers

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der populäre Dramatiker José Sanchis Sinisterra ist einer der meist prämierten Autoren des zeitgenössischen spanischen Theaters. 1940 geboren, hat der Theaterautor den Bürgerkrieg und auch die schweren Jahre der Nachkriegszeit nicht mehr bewusst miterlebt. Die Erinnerungen, die im Theaterstück Terror y miseria en el primer franquismo verarbeitet werden, hat er sich durch betreffende Literatur sowie durch Gespräche mit Verwandten und Freunden sozusagen angeeignet, die die schreckliche Zeit der Repression, Hungersnot und Armut durchmachen mussten. Mit dem Terminus primer franquismo ist vor allem die Zeit zwischen dem Triumph von Francos Militärputsch 1939 und dem 1953 geschlossenen Militärabkommen mit den USA gemeint. Verschiedene Faktoren standen zu jener Zeit im Fokus des Interesses: Von 1939 bis 1945 war ein von der Falange geprägter Staat, der sich wirtschaftlich selbst versorgte, das Hauptziel. In den Folgejahren lag das Hauptaugenmerk auf der politischen Isolation als größtes Problem Spaniens. Auch um die weltliche Akzeptanz musste Francos diktatorischer Staat lange kämpfen: erst ab 1948 wurde er international anerkannt.[1]

Genau in diesen Zeiträumen spielt das für meine Hausarbeit im Zentrum stehende Theaterstück Terror y miseria en el primer franquismo, genauer gesagt zwischen 1939 und 1949. Der Titel wie auch der spezielle Aufbau, das heißt die voneinander unabhängigen Szenen, sind in Anlehnung an Berthold Brechts Terror y miseria del Tercer Reich entstanden, das sich mit dem schwierigen Alltag im nationalsozialistischen Hitler-Deutschland auseinandersetzt.[2]

Terror y miseria en el primer franquismo besteht aus einer lockeren Folge von neun kurzen Schauspielen, die die Lebensbedingungen sowie die Überlebensstrategien verschiedener Menschentypen in den Jahren nach dem spanischen Bürgerkrieg, das heißt in der Anfangszeit der Franco-Ära, thematisieren. Den Schwerpunkt meiner Hausarbeit habe ich auf die Untersuchung der dritten Szene dieses Theaterstückes gelegt. Dabei beginne ich mit der Beschreibung des Spannungsbogens in der Szene Plato Único. Anschließend wird die im Stück dargestellte Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft am Beispiel der Figur des Don Cosme untersucht. Zunächst durchleuchte ich den historischen Kontext, in dem Plato Único spielt. Im Folgenden verdeutliche ich die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft mit Zusammenhang mit dem Thema der Hungersnot anhand den Figuren Benigna und Jenaro sowie anhand der Lüge des Don Cosme bezüglich des Plato Único. Im weiteren Verlauf wird die Doppelmoral durch ein weiteres Beispiel anhand der Figur des Don Cosme demonstriert, nämlich durch den Ehebruch dieses äußerlich rechtschaffenen Bürgers. Im abschließenden Fazit soll geklärt werden, inwiefern die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft durch die Themen des Hungers und des Ehebruchs in der Szene Plato Único in José Sanchis Sinisterras Theaterstück Terror y miseria en el primer franquismo verdeutlicht werden.

2. Die dritte Szene: Plato Único

2.1 Der Spannungsbogen in Plato Único

Die Szene Plato Único spielt an einem Dienstagabend in der Elektrikwerkstatt Cosmes. Neben Cosme gestalten zwei weitere Figuren das Geschehen: sein Lehrling Jenaro und dessen Mutter Benigna, die außerdem Cosmes Geliebte ist und erst gegen Ende der Szene auftritt. Typisch für das geschlossene Drama gliedern sich die Geschehnisse in drei Etappen: die Exposition, den Wende- beziehungsweise Höhepunkt und die Lösung.[3] Im Folgenden werden diese am Text festgemacht.

Begonnen wird das Drama durch einen einleitenden Nebentext, der kurz die Räumlichkeiten und die anwesenden Figuren beschreibt sowie Regieanweisungen gibt. Im Hinterraum des Geschäfts, wo sich die Handlung abspielt, sitzt Jenaro und bemalt das neue Ladenschild für seinen Meister. Zunächst unterhalten sich die beiden über das Schild; dann bittet der junge Mann seinen Chef um einen Vorschuss, woraufhin dieser ihn auf den Zahltag – Samstag – verweist. Ferner thematisiert er den Tag des Plato Único, der dienstags abgehalten und von ihm selbst auch eingehalten wird.

Überdies fällt das Gespräch auf Jenaros Mutter, die ebenfalls für Cosme und seine Frau arbeitet. Nach und nach baut sich durch die Gespräche des Lehrlings und seinem Meister sowie durch die prekären Thematiken der typische Spannungsbogen des geschlossenen Dramas auf. Als Benigna plötzlich in den Laden tritt, wird die Anspannung noch deutlicher. Um den Jungen aus dem Konflikt zwischen ihnen herauszuhalten und damit er nicht hinter das Geheimnis ihrer Affäre kommt, wird er zunächst in einen Laden geschickt, um Terpentin zu holen. Als er zurückkommt ist der Höhepunkt der Szenerie erreicht, da Benigna gerade angedeutet hatte, dass sie nicht schweigen würde, woraufhin Cosme mit den Worten İPues qué coño has hecho![4] förmlich in die Luft ging. Jenaro bekommt von alldem nichts mit und wird sofort wieder an die Arbeit geschickt. Benigna weist im Folgenden die Annäherungsversuche Cosmes zurück, da einerseits ihr Sohn in der Nähe ist und die Gefahr besteht, dass er die Untreue Cosmes aufdecken könnte, und sie andererseits auch ihre Forderungen an den Werkstattbesitzer durchsetzen möchte.

Letzen Endes stellt Benigna seine ganzen Lügen bloß, sagt ihm, dass sie sich nicht für dumm verkaufen lässt und dass Jenaro fortan als Messdiener arbeiten wird. Gemeinsam verlassen sie das Geschäft, was als Auflösen der Spannung des Dramas zu sehen ist.

2.2 Die Doppelmoral der franquistischen Gesellschaft am Beispiel der Figur des Don Cosme

2.2.1 Historischer Kontext des Plato Único

Historisch gesehen ist der Szenentitel Plato Único auf die Zeit der Repression unter Franciso Franco zurückzuführen. Ausgangspunkt seiner Diktatur war sein Putsch gegen die wenige Monate zuvor noch demokratisch gewählte, republikanische Regierung Spaniens. Von 1939 bis zu seinem Tod 1975 war er Staatschef von Spanien und regierte das Land nach dem Sieg der Aufständischen im Spanischen Bürgerkrieg 1939 bis zu seinem Tod in einer Diktatur. Nach dem Bürgerkrieg sah sich Franco mit zunehmenden politischen und sozialen Spannungen konfrontiert. Spanien war wirtschaftlich am Boden, verwüstet und bankrott. Es herrschte große Armut und Lebensmittelknappheit unter der Bevölkerung. Dadurch dass Spanien außenpolitisch relativ isoliert war, war von anderen Ländern keine Unterstützung zur Verbesserung des Lebensstandards beziehungsweise des Existenzniveaus zu erwarten. Dementsprechend wurden 1939 die Lebensmittel rationiert und Lebensmittelkarten eingeführt und mussten die nächsten dreizehn Jahre lang genutzt werden.[5] Francisco Gómez Hernández und Ana Vázquez Souto geben in ihrem Text ,,El franquismo doméstico” ein Beispiel zu der Menge einer typischen Ration an Lebensmitteln für eine Person: ein Deziliter Öl, 30 Gramm Kaffee, 100 Gramm Zucker, 50 Gramm Linsen sowie 75 Gramm Stockfisch. Das ist für eine erwachsene Person extrem wenig, zumal viele arbeiten gingen und man gerade bei körperlicher Anstrengung viele Kalorien verbrennt. Um nicht auf Dauer ausgehungert zu sein und letzten Endes an Unterernährung zu sterben, brauchten die Menschen mehr als diese Miniportion an “Nachschub“. Um mehr Nahrungsmittel beziehungsweise auch andere, die im Normalfall durch die Karten nicht zu bekommen waren, zu ergattern, konnte man sich zu dem gut laufenden Schwarzmarkt begeben, der aufgrund der hohen Preise jedoch vorrangig von den reicheren Leuten getragen wurde. Selbst unverzichtbare Erzeugnisse wurden nur zu weit höheren Preisen als den gewohnten angeboten. Dennoch war der Schwarzmarkt lebensrettend für seine Händler wie auch für den Rest der Bevölkerung. Eine andere Möglichkeit zur Nahrungsbeschaffung war der Schmuggel auf Reisen: Die Zugfahrer hatten dabei zusätzlichen Gewinn: vor den Bahnhöfen fuhren sie langsamer und die Leute, die ihn dafür bezahlt hatten, sprangen mit ihren Bündeln und Säcken voller Lebensmittel ab und rannten außer Sichtweite. So beschafften aber eher die Schwarzmarkthändler als Privatpersonen ihre Waren.[6]

[...]


[1] Vgl. Sánchez Jiménez, Santiago U. (2003): ,,Ideología del Primer Franquismo”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S. 11f.

[2] Vgl. Sanchis Sinisterra, José (2003): ,,Una propuesta del autor”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S.9.

[3] Vgl. Stenzel, Hartmut (2005): Einführung in die spanische Literaturwissenschaft. 2.Auflage, Stuttgart: V.B. Metzler Verlag, S.57-67.

[4] Sanchis Sinisterra, José (2003): Terror y miseria en el primer franquismo. Madrid: Cátedra, S.107.

[5] Vgl. Schmidt, Peer (2004): „Diktatur und Demokratie (1939-2004)“. In: Kleine Geschichte Spaniens, Stuttgart: Reclam, S. 455ff.

[6] Vgl. Gómez Hernández, Francisco/Vázquez Souto, Ana (2002): ,,El franquismo doméstico”. In: Teatro del Común (Hg.): Terror y miseria en el primer franquismo de José Sanchis Sinisterra. Cuaderno pedagógico. Madrid: Teatro del Común, S.23f.

Details

Seiten
14
Jahr
2008
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116313
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Romanistik
Note
9 Punkte
Schlagworte
Doppelmoral Gesellschaft Lesewerkstatt Sekundär-)Texte Gegenwartstheater

Autor

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