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T-Shirt-Text: Wie und Was man heute mittels Kleidung kommuniziert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 64 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die allgemeine Ortung des Phänomens
2.1 Zielsetzung
2.2 Die Beziehung von Platz und Masse oder: Warum man sprachliche Zeichen auf T-Shirts unterbringen kann
2.3 Oberfläche als Spielwiese und damit verbundene Zeichenhaftigkeit

3. Warum Text eine einführende Betrachtung

4. Auf den Spuren einer Textsorte
4.1. Einführung
4.2 T-Shirt als Medium
4.3 kommunikativ-pragmatisches Textmodell – Suche nach dem Zweck
4.4 Transporteure des Mitzuverstehenden - propositionale Aspekte und der Unterschied zwischen Meinen und Verstehen
4.5 sprachliche Merkmale als Spediteure des Mitzuverstehenden
4.5.1 Hyperbel
4.5.1.1 Transporteure der Übertreibung - graphostilistische Mittel
4.5.2 Ellipse
4.5.3 Polysemie
4.5.5 Intertextualität
4.6 Der situative Aspekt als Übermittler des Mitzuverstehenden
4.6.1 Der Zweck der Funshirt-Kommunikation
4.6.2 systemtheoretische Annäherung
4.7 Die Textsorte

5. Auf Lustig sein folgt Lachen - Perlokutive Betrachtung
5.1 Auf Lachen folgt ? - eine weitere perlokutive Betrachtung

6. Zusammenfassung und Schluss

7. Bibliographie

8. Anhang
Anhang Teil 1 - Bildschirmfotos
Anhang Teil 2 - Korpus
Anhang Teil 3 - Tabellen und Auswertungen

1. Einleitung

Das Phänomen, dass sich der Autor der vorliegenden Arbeit zur Aufgabe gemacht hat, zu untersuchen heißt: Text-auf-T-Shirt. Marketingexperten haben zumindest für einen Teil dieses Phänomens den kürzeren und einprägsameren Begriff Funshirt gefunden. Gemeint sind damit T-Shirts mit irgendwie lustigen Aussagen, um die es in der vorliegenden Arbeit im Wesentlichen gehen soll.

Dabei beschränkt sich das Phänomen nicht auf die Deutsche oder die Europäische Gesellschaft, sondern kursiert weltweit. Kluge Geschäftleute müssen also einer wirtschaftsanalytischen Betrachtung folgend einen Bedarf erkannt und beliefert haben, den es immer noch zu beliefern gilt, denn die große öffentliche Verbreitung betexteter T-Shirts ist so unbestreit- wie wahrnehmbar. Anlass genug, das T-Shirt auch zum Gegenstand einer linguistischen Untersuchung zu machen, was mit der vorliegenden Arbeit geleistet werden soll.

Zuerst soll dabei die allgemeine aber unvermeidliche Frage beantwortet werden, warum der Mensch ein Kleidungsstück auswählt, um Text, dessen Aussagekraft erfahrungsgemäß weit über die Vermittlung ästhetischer Informationen hinausgeht, darauf zu applizieren. Wie kommt man dazu oder besser: Was verleitet dazu? Was bietet das T-Shirt, das andere Kleidungstücke nicht haben? Daraus ergeben sich weitere Fragen: Was will der Mensch mit seinem T-Shirt aussagen? Was ist das überhaupt; ein Mensch mit einem Text auf dem T-Shirt? Wen will er erreichen (wenn er jemanden erreichen will)? Was ist das für eine Art von Text auf dem T-Shirt, handelt es sich dabei um eine Textsorte? Gibt es gemeinsame Merkmale aller dieser Texte?

Nachdem sie nun gestellt worden sind, so soll es im Folgenden dazu kommen auf all diese Fragen entsprechende Antworten zu finden. Schon jetzt sei auf den dieser Arbeit anhängenden, stichprobenartig gewonnenen Korpus hingewiesen, der einerseits einen Überblick über die Variabilität des Gegenstandes Funshirt geben soll, anderseits dient er der Merkmalsanalyse, und wird damit auch Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse sein.

2. Die allgemeine Ortung des Phänomens

2.1 Zielsetzung

Heute findet man zwar auf vielen Kleidungssorten Text in den unterschiedlichsten Formen, jedoch steht dem T-Shirt in diesem Reigen die Sonderrolle zu. Fragt man sich, was ein T-Shirt bietet, dass viele andere Kleidungsstücke nicht haben, so drängen sich spontan zwei Begriffe in den Vordergrund: Platz und Masse.

Platz steht für die freie Oberfläche, die der T-Shirt Stoff, der sich über Brust und Rücken spannt, bietet. Dabei handelt es sich um die zwei größten sichtbaren Flächen des menschlichen Körpers und die bieten viel Raum für Text. Masse steht für Verbreitung. Kaum ein Kleidungsstück ist so zahlreich in den internationalen Kleiderschränken zu finden. Zwangsfolge enormer Verbreitung ist auch ein großes gestalterisches Potential. Damit aber wäre die Frage nur unzureichend beantwortet. Auch im Interesse einer linguistischen Fragestellung sollte zuerst das Verhältnis von Platz und Masse – Oberfläche und Verbreitung - genauere Betrachtung finden, das dem zu betrachtenden Phänomen erst seine Basis verschafft. Warum muss der Mensch also auf den Gedanken kommen sprachliche Zeichen auf T-Shirts zu applizieren?

2.2 Die Beziehung von Platz und Masse oder: Warum man sprachliche Zeichen auf T-Shirts unterbringen kann

In diesem Zusammenhang seien die Ausführungen des Kunsthistorikers Beat Wyss genannt. Er sagte: „Jede Epoche hat ein Produkt, in dem die herrschende Mentalität in Warenform zu sich kommt. Leitmotiv kulturellen Verhaltens heute ist das T-Shirt.“ (Wyss 1997, 9) In Folge seiner Ausführungen stilisiert Wyss das T-Shirt als Stellvertreter für einen Wechsel vom Hylämorphismus zur Ästhetik der Anwenderfreundlichkeit. „Die Form entwickelt sich nicht mehr aus den Funktionsabläufen, aus dem Innern der Maschine, sondern wird dieser von außen her angelegt nach Maßgabe der Ergonomie, die den Zugriff des Benutzers erleichtert.“ (Wyss 1997, 13) Wohingegen in der klassischen Designtheorie „Jedes technische Produkt ein Resultat des Zwecks und der Materie.“ (Wyss 1997, 10) war, heißt es nunmehr: „Die Ästhetik der >Anwenderfreundlichkeit< ist ausgebrochen. Jedes Gerät wird tendenziell zum bequemen Kleidungsstück, nicht mehr Vehikel, sondern Software, die meine Bedürfnisse per Knopfdruck befriedigt.“ (Wyss 1997, 13) So wie die Schreibmaschine auch Ausdruck ihrer Funktion war, indem sie zeigt, was man mit ihr konnte, so verflüchtigt sich dieses Verhältnis im Zuge unseres digitalen Zeitalters mehr und mehr. Mikrochips sind von Gehäusen umgeben, die in keinem Verhältnis mehr stehen zum Zwecke des Gerätes.[1]Am digitalen Gerät hat sich ein neues Herrschaftswissen instauriert. Es verbirgt sich hinter unscheinbaren Kunststoffgehäusen, die keinerlei funktionale Geheimnisse preisgeben.“[2] (Wyss 1997, 15)

Übertragen auf die Thematik Kleidung im Allgemeinen bedeutet dies: So wie die Freizeitbekleidung heute oftmals aus einem T-Shirt nebst Beinkleidern besteht, so eröffnet sich dagegen ein sehr viel breiteres Sortiment an Freizeitkleidern, blickt man in der Zeit zurück. „Der Leibrock oder die Redingote – wie man dieses Kleidungsstück zunächst nannte – war neben dem Frack mehr und mehr zum Tagesanzug des gesetzten Bürgers geworden.“ (Thiel 1990, 312) Auch beruhte das Tragen angemessener Kleidungsformen auf weitaus differenzierteren Prinzipien: „So durfte der Adel bei den mecklenburgischen Landtagen rote Röcke tragen, die den bürgerlichen Landtagsabgeordneten verboten waren.“ (Thiel 1990, 312) Soziale Umstände und daraus resultierende Konventionen prägten die Kleidung. Informationen wie Status, Reichtum, Geschlecht, Beruf, gerade ausgeübte Tätigkeit, Alter, geografische Herkunft, ja sogar die Tageszeit ließen und lassen sich mit der Kleidung vermitteln. (vgl.: Thiel 1990, Geschichte des Kostüms) Damals oblag unterschiedlichen Kleidungsstücken die Aufgabe der Informationsübermittlung in weit größerem Maße, als dies heute der Fall ist. Die grenzenlose Verbreitung des T-Shirts heute ist eine Reaktion auf seine Anwenderfreundlichkeit, die es uns erlaubt, den Tag ohne reibende Nähte und zwickende Knicke zu überstehen.[3]Nichts soll einengen.“ (Wyss 1997, 13) Doch seiner Ubiquität entspringt auch sein Verstummen, geht es um die Preisgabe „funktioneller“ Geheimnisse. Man stelle sich diesbezüglich den mecklenburgischen Landtagsabgeordneten, den gesetzten Bürger und den Landsknecht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor, entkleide sie und bekleide sie mit einem T-Shirt und einer Hose. Leicht lässt es sich zugeben, dass erhebliche Informationen über diese Menschen fehlen und eine Unterscheidung, wie sie zuvor alltäglich war, nun so gut wie unmöglich geworden ist.

Der großen Anwenderfreundlichkeit des T-Shirts steht eine mangelnde Aussage darüber gegenüber, was es nun eigentlich verbirgt. Das aufgebrochene zeichenhafte Verhältnis von Form und Inhalt macht es weniger möglich von der einen auf den anderen zu schließen, so wie die Menschen dies infolge des traditionellen Hylämorphismus vor längerer Zeit gewohnt waren. „Man sollte den Zusammenbruch des Hylämorphismus nicht unterschätzen. Die Vorstellung, dass Stoff und Form sich organisch ergänzen, war ein Leitmotiv moderner Sinnstiftung, das den Menschen Vertrauen in die Anschaulichkeit von Problemlösungen einflößte. Eine schöne Maschine! Das war das Urphänomen menschlicher Kreativität, die das Metall durchgeistigend, der Kraft der Natur den sichtbaren Adel nützlicher Arbeit verlieh.“[4] (Wyss 1997, 15) Wo von der Gestalt nicht mehr auf den Inhalt zu schließen ist, da bleibt nur die Gestalt: Das unscheinbare Kunststoffgehäuse/das T-Shirt lässt, zur bloßen Ergonomie/Bequemlichkeit verkommen, der Form keinen Spielraum. Es verharrt in der Formstabilität seiner Anwenderfreundlichkeit, bietet aber Oberfläche (zum Spielen) an. Diese Oberfläche ist eine der Voraussetzungen für das hier zu behandelnde Phänomen des T-Shirt-Textes.

2.3 Oberfläche als Spielwiese und damit verbundene Zeichenhaftigkeit

Ein Beispiel dafür, wie die freie Oberfläche zu gestalterischen Spielwiese wird stellt der Computers dar. Der PC, der seiner Form nach so gut wie keine Rückschlüsse zu ziehen erlaubt auf seinen inneren Gehalt und damit auf den Zweck seiner Existenz, ist ein symmetrischer Brocken modernen Materials. In dieser wenig- bis nichts-sagenden Oberfläche findet sich seine Verwandtschaft mit dem T-Shirt.

In den vergangenen Jahren hat sich ein Hobby etabliert, das sich Case Modding nennt. „Case-Modding (von engl. case = Gehäuse, engl. modification = Veränderung) ist primär das Verändern der äußeren Erscheinungsform des PCs zur optischen Aufwertung.[5] Den Gestaltungsmöglichkeiten scheinen dabei keine Grenzen gesetzt zu sein. Was mit dem Verändern der Farbe und dem Bekleben mit Aufklebern beginnt, endet noch nicht einmal im Holzvertäfeln, sondern führt über die Transparentierung des gesamten Gehäuses mittels Glas oder Plexiglas bis hin zur Unterbringung des Computers in Bierkästen oder Mikrowellengehäusen. Damit bietet Case-Modding einen kaum abstreitbaren Beleg für jenen Ausbruch aus dem Hylämorphismus. Gleichzeitig belegt es aber auch eine damit verbundene Folge: Das hylämorphistisch befreite Design, in Form des Computers bietet seine Oberfläche dar, und macht es möglich, dass sich ein persönlicher Gestaltungswunsch realisieren lässt. Die vielen Variationsmöglichen der Gestaltung beim heimischen Computer spiegeln persönliche Präferenzen der Eigentümer, damit also auch Individualität, wider. Der PC-Gamer bemalt seinen Computer mit den Ikonen seiner Spielewelt und gibt ihm ein diese Welt widerspiegelndes Antlitz. Folge dieser Entwicklung war die Eröffnung eines neuen Marktes für PC-Gehäuse, die in ihrer Gestaltung von dem bloßen Kasten abweichen. Ein kaufender Kunde sagt nun zweierlei, zum Ersten, wie bisher: „Ich brauche einen neuen Computer.“, und zum Zweiten: „Dieses Design spricht mich an!“ Dies soll den Brückenschlag zum Funshirt markieren. Als Form-Sklave seine Bequemlichkeit ist das betextete T-Shirt also ein Resultat seiner erstarrten Form. Damit bietet es seine Oberfläche einerseits zur Gestaltung feil und andererseits zur Kommunikation.

Gestaltung in Form von Texten fällt in die sprachwissenschaftlichen Bereiche der Text- und Soziolinguistik. Um die Ansiedlung und Untersuchung des T-Shirt-Text- Phänomens in genau diesen Bereichen wird sich die vorliegende Arbeit kümmern.

3. Warum Text eine einführende Betrachtung

Da Möglichkeiten der Deutung durch den Empfänger bei sprachlichen Zeichen sehr begrenzt sind, lässt sich intuitiv annehmen, dass man mit ihnen weitaus mehr weitaus besser übermitteln kann, als beispielsweise mit einem Zeichen wie der Farbgebung, dessen Interpretationsvolumen enorm ist. Ist jemand, der ein buntes Shirt trägt, ein Hippie; jemand der ein rotes Hemd trägt, verliebt?[6] Diese abgeleiteten Aussagen wären sehr vage und schlussendlich lassen sich solche Fragen erst im Gespräch beantworten, abgesehen davon, dass sie sehr verwirrend auf den Angesprochenen wirken. Das Gespräch wiederum verweist auf den Text.[7] Die Textbotschaft auf einem T-Shirt kann kraft ihres Wesens eindeutiger informieren, als Kleidung dies aus seiner traditionellen Zeichenhaftigkeit heraus tut. Das unterscheidet die Textbotschaft auch von Bildern, die auf T-Shirts schon seit Längerem zu finden sind. Bilder stehen zwar auch stellvertretend für etwas, und auch lassen sich mit ihnen Aussagen treffen, doch bleibt der Interpretationsraum groß. Erst im Text und damit im Wort beschränken sich die Möglichkeiten des Deutens für den Rezipienten auf ein eindeutigeres Maß.

Dabei ist die Vielfalt des Objektes Text-auf-T-Shirt von enormer Formenvariabilität, womit sich auch die Klassifikation als Text durchaus problematisch erweist. T-Shirt-Texte, bestehend aus nur einem Wort, stehen gegenüber Wortgruppen, Wortreihen, einfachen und komplexen Sätzen sowie mehreren Sätzen, wobei jede der Varianten auch in Verbindung mit ikonischen Zeichen[8] auftreten kann. Die vorliegende Arbeit begreift auch die aus einem Wort bestehenden Botschaften sowie jene in Verbindung mit Ikonen auftretenden als Text, obwohl letztere eher weniger Gegenstand der folgenden konkreteren Untersuchungen sein sollen. Diese Einordnung deckt sich mit bestehenden linguistischen Untersuchungen widerspricht sich jedoch gleichzeitig mit anderen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass der Begriff des Textes in der Textlinguistik ähnlich umstritten ist, wie der des Satzes in der Syntax. Das Klügste, was dazu zu sagen wäre ist: „Die Kategorie >Text< entzieht sich einer eindeutigen, auf alle potentiellen Textexemplare zutreffenden Auflistung von Merkmalen.“ (Gansel/Jürgens 2007, 33) Damit ist dem Begriff der nötige Freiraum gegeben, denn der folgenden Untersuchung wären Tür und Tor verschlossen begrenzte man T-Shirt-Texte auf Rein-Texte, die aus mehreren Wörtern bestehen. Viel zu eng ist diesbezüglich die Verzahnung von sprachlichen und ikonischen Zeichen sowie situativen Aspekten, die offensichtlich im Falle des T-Shirts erst in ihrem Zusammenspiel die Textualität realisieren.

4. Auf den Spuren einer Textsorte

4.1. Einführung

Das Herausfinden der Textsorte gilt als ein linguistisches Grundproblem. Große Verschiedenartigkeit von Theorien hat zu großer Uneinigkeit geführt. Doch das soll diese Untersuchung nicht in der Lage sein aufzuhalten. Stattdessen soll die Vielfalt der Erkenntnisse positiv genutzt werden, schließlich offenbart sie zwar einerseits Uneinigkeit, andererseits ermöglicht sie auch ein sehr differenziertes Herangehen an die Thematik von unterschiedlichen Standpunkten aus. In dieser Manier sollen nun die verschiedenen Aspekte des Phänomens Text-auf-T-Shirt anhand unterschiedlicher linguistischer Ansätze untersucht werden.

4.2 T-Shirt als Medium

Um sich einer Erkenntnis betreffs der Textsorte anzunähern empfiehlt es sich, das Text tragende T-Shirt zuerst einmal als das anzusehen, was es ist: Als Medium, wobei dieser Begriff ganz pragmatisch den Urzustand seiner Bedeutung bezeichnen soll: „>Medium< bedeutet >Mitte<, >Mittel<, >Vermittlung<.“ (Wyss 1997, 23) Das T-Shirt trägt den Text und überträgt diesen im Falle einer Rezeption in erster Instanz auch. Der Begriff Medium soll der Einstieg in den Versuch einer Textsortenklassifikation für das T-Shirt sein, indem er auf das textexterne Merkmal[9] der Medialität verweisend einen ersten Anhaltspunkt liefert. Das T-Shirt ist ein Medium der Schriftlichkeit im Sinne der Realisierung eines grafischen Zeichencodes. Mit der Medialität existiert auch ein bestimmtes Potential bezüglich der Variabilität des Textes bzw. verschiedener Textsorten.[10]

Die Realisierungen von Text auf T-Shirt sind vielfältig: Funshirts zeigen lustige oder provokante Texte, Abi-T-Shirts zeigen die Namen der Abiturienten eines Jahrganges, auch gibt es Vereins-T-Shirts und vor allem Werbe-T-Shirts.[11] Diesen differenzierten Anlässen der Betextung entspringen auch die Motive des Tragens. Das Tragen eines T-Shirts dient in erster Linie Kleidungszwecken, jedoch in Verbindung mit einer Aussage, die einen Anlass wiedergibt, auch einem Kommunikationszweck, der über die übliche Zeichenhaftigkeit von Kleidung weit hinausgeht. Diese Beziehung zwischen Betextung und Tragen verweist auf den primär zugrundeliegenden Zusammenhang zwischen dem T-Shirt als Medium und seinem Träger und ist das wesentlichste Charakteristikum des Text-T-Shirts. Zum einen enthielte das T-Shirt ohne seinen Träger einen unkommunikativen, nicht wahrnehmbaren Text, denn erst durch das Tragen gewinnt das Medium T-Shirt seine Medialität, vorher ist es lediglich bedruckt. In - oder besser an - ihm realisiert sich das Aussenden der Botschaft in die Öffentlichkeit. Er wird auf eigentümliche Weise zu einem Nicht-Sprechenden-Sprecher, während das T-Shirt selbst nur „Vermittlungsmittel“ ist. Während sein Mund verschlossen bleibt, oder andere Dinge kommuniziert, realisiert sich durch sein T-Shirt eine ganz andere Art von Text, die womöglich in einer anderen Art von Kontext zu lesen ist. Das führt zum zweiten Aspekt dieses Verhältnisses, dass nicht technischer sondern semantischer Natur ist und dargestellt wird durch die Verbindung zwischen Emittenten/Sprecher und Gesagtem und dem mit dem Tragen verbundenen Anlass, der, wie gezeigt worden ist, ganz verschiedener Natur sein kann.

Zusammengefasst: Es besteht ein Anlass, diesbezüglich der Träger Emittent einer entsprechenden grafischen Nachricht ist, wodurch sich das Phänomen als kommunikativer Akt modellieren lässt, der kraft seiner Eigenschaft auch auf eine Intention verweist, die wiederum den T-Shirt-Text als „Ausdruck der Relation zwischen Zeichen und Zeichenbenutzer“ (Gansel/Jürgens 2007, 49) erscheinen lässt. Das ermöglicht die Betrachtung des Textes auf dem T-Shirt im Sinne eines kommunikativ-pragmatischen Textmodells.

4.3 kommunikativ-pragmatisches Textmodell – eine Suche nach dem Zweck

Die von K. Brinker postulierten Grundfunktionen von Texten, die auf den Annahmen der Sprechakttheorie[12] basieren heißen:

1. Informationsfunktion
2. Appellfunktion
3. Obligationsfunktion
4. Kontaktfunktion
5. Deklarationsfunktion
6. (Ästhetische Funktion)[13]

Die bisher allgemein gehaltenen Ausführungen über das Erkenntnisobjekt T-Shirt-Text sind spätestens jetzt in ihrer Allgemeinheit nicht mehr fortsetzbar. Mit unterschiedlichen Anlässen nämlich müssen auch unterschiedliche Intentionen des Textgebrauchs verbunden sein. Darum bietet es sich an, die Untersuchung auf die größte Gruppe, die Kategorie der Funshirts[14] zu beschränken. Das Wort Funshirt ist ein alltagssprachlich bereits geläufiges sprachliches Zeichen und bezeichnet ein T-Shirt, dessen Text lustige, provokante, anspielende sprachliche und ikonische Zeichen enthält. Hier sei auf den dieser Arbeit anhängenden Korpus verwiesen, der einen genaueren Überblick über die Variabilität zu verschaffen sucht.[15] Zieht man die Brinkerschen Grundfunktionen zu Rate, lassen sich auf den ersten Blick für unterschiedliche T-Shirt-Texte zwar auch unterschiedliche Funktionen zuordnen,

[16]

[17]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

jedoch ist diese Zuordnung auf keinen Fall zufriedenstellend, da sie offensichtlich bestimmte Aspekte unberücksichtigt lässt. Die Einteilung resigniert sozusagen am fun, denn aufgrund von Zweideutigkeit und Provokation sind die Absichten aus den Wörtern und den Strukturen selbst nicht mehr erkennbar. Zu vermuten ist, dass dieses Phänomen situativen Aspekten entspringt, wodurch die Texte nicht als das zu verstehen sind, was sie aussagen. Berücksichtigt man die Zweideutigkeit und die Situativität ließen sich die Funshirt-Texte am ehesten noch unter der Kontaktfunktion zusammenfassen.[18] Aber auch diese Einteilung stößt an ihre Grenzen, da sie in ihrer Genauigkeit nicht die Gesamtheit des Objektes zu erfassen vermag. Sich abwendend von den Grundfunktionen soll aber trotzdem auf Brinker verwiesen werden: „Die kommunikationsorientierte Textlinguistik fragt also nach den Zwecken, zu denen Texte in Kommunikationssituationen eingesetzt werden können und auch tatsächlich eingesetzt werden.[19] (Gansel/Jürgens 2007, 50, zitiert nach: Brinker 1992, 15) Welchen Zweck die Texte auf Funshirts besitzen ist rein intuitiv einfach zu klären: Sie sollen den Rezipienten zum Lachen bringen, sie sollen irgendwie lustig sein. Die Darstellung etwas widersprüchlich, provokant Lustigen freilich als Grundfunktion herauszustellen, ist für gewagt zu halten, abgesehen davon, dass ein Zweck des Belustigens eines größeren, bisher unbekannten Rahmens bedarf.

4.4 Transporteure des Mitzuverstehenden - propositionale Aspekte und der Unterschied zwischen Meinen und Verstehen

Die Erkenntnis der Unanwendbarkeit der Grundfunktionen Brinkers infolge der lexikalischen Aspekte vieler T-Shirt-Texte, soll den Blickpunkt vorerst verlagern auf den Fun und damit von der eher intentionalen Argumentation zur propositionalen wechseln. Folgender Definitionsversuch von Gansel und Jürgens ist zu beachten. „Ein Text ist eine in sich kohärente Einheit der sprachlichen Kommunikation mit einer erkennbaren kommunikativen Funktion und einer in spezifischerweise organisierten Struktur.“ (Gansel/Jürgens 2007, 51) Dieser Ansatz sucht eine Brücke zwischen kommunikativ-pragmatischer und propositionaler Auffassung zu bauen. Der Frage nach dem Zweck/Funktion des Funshirts soll sich also im Folgenden auch unter Berücksichtigung propositionaler Aspekte angenähert werden, indem gefragt wird, was der Funshirt-Text aussagt, wie er es aussagt und in welchem Verhältnis der Träger dazu steht.

Peter von Polenz äußert sich in seinem Werk Deutsche Satzsemantik so: „Es ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem, was Wörter und andere Ausdrucksformen bedeuten (lexikalische/usuelle Bedeutung), und dem, was jemand bei ihrer Verwendung im Sprachverkehr mit ihnen MEINT (aktuelle/okkasionelle Bedeutung).“ (Polenz 1988, 299) In ganz entscheidendem Maße scheint diese Feststellung im Falle der meisten Funshirts zuzutreffen. Wieso sollte man jemandem, der ein T-Shirt mit dem Text

ba VS Ich war Atheist bevor ich erkannte, das ich Gott bin.[20]

trägt, glauben, dass er Wahres sagt, im Sinne einer Information oder Deklaration? Marfurt (1977) meint in seiner Darstellung der Textsorte Witz: „Die wichtigste Differenzierung ist diejenige zwischen zentraler (zunächst gelernter, allgemein gebräuchlicher, relativ kontextunabhängiger, lexikalisch-normierter) und marginaler (nach Kontext und Situation etc. modifizierter) Bedeutung. Hier ist zu beachten, dass die zentrale (lexikalische oder grammatische) Bedeutung grundsätzlich unscharf abgegrenzt ist. Sie kann, je nach syntaktischem, semantischem und behavioralem Kontext von der marginalen Bedeutung vollständig überlagert werden.)“ (Marfurt 1977, 30) Er thematisiert den Gegensatz zwischen Gesagtem und Gemeintem und trennt diesbezüglich zentrale und marginale Bedeutung voneinander. Letztere fungiert durch ihren syntaktischen, semantischen sowie situativen Gehalt, als Submedium für den Transport der Informationen, die darüber berichten, wie Gesagtes zu verstehen sei. Marfurt betreibt seine - unserer Thematik zugegebenermaßen in bestimmten Punkten verwandte - Untersuchung durch die Segmentierung des Witzes in seine Bestandteile, die er durch Tagmemanalyse[21] gewinnt. Auf letztere sei hier verzichtet, da in unserem Fall schon die Natur des Funshirts eine Teilung geradezu provoziert, die sich zwischen den sprachlichen Realisationen und der Umgebungssituation abspielt.[22] Diese Sichtweise sei nur zu Zwecken der Untersuchung angenommen, nicht jedoch soll sie dazu verleiten, anzunehmen, dass nur eines der beiden (Gesagtes oder Gemeintes) für sich irgendeine Aussagekraft über das Ganze hätte.[23] Das folgende Kapitel widmet sich den sprachlich-stilistischen Aspekten (semantisch-syntaktische).

[...]


[1] Was man mit dem Computer machen kann ist so variabel, wie seine Gestalt nichtssagend ist. Am Ende kommt es auf die Software an, von der man bekanntlich gar nichts sieht.

[2] [Unterstreichungen nicht im Original]

[3] Diese Anwenderfreundlichkeit ist es, die Wyss als stellvertretend für das Wesen der Gegenwart empfindet.

[4] [Unterstreichungen nicht im Original]

[5] Artikel Case Modding. In: Wikipedia, Abruf: 22.10.2007, 16:24 UTC

[6] In diesem Zusammenhang sei nochmals die Zeichenhaftigkeit von Kleidung betont. (vgl.: Thiel 1990, 6)

[7] Und das auch ganz unabhängig von der wissenschaftlichen Streitfrage, ob Gespräche Texte sind.

[8] Die Einteilung, die Zeichen nach der Art ihrer Beziehung zu dem durch sie vertretenen Inhalt erklärt, stammt von Peirce. „Als Typen von Zeichen unterscheidet C. S. Pierce Index, Ikon und Symbol. Das indexikalische Zeichen lässt auf etwas schließen. Rauch ist ein Anzeichen für Feuer (…). Onomatopoetika sind typische ikonische Zeichen. Sie beruhen auf Ähnlichkeitsbeziehungen zum abgebildeten Gegenstand. Diese Ähnlichkeiten könne auch optischer Natur sein, beispielsweise sind die meisten Piktogramme ikonische Zeichen. Unter Symbolen versteht C. S. Peirce vor allem sprachliche Zeichen.“ (Gansel/Jürgens 2007, 21 Fußnote 2)

[9]Primär textsortenklassifizierend und maßgebend für die Existenz und das Wesen einer Textsorte sind also die textexternen Merkmale.“ (Gansel Jürgens 2007, 91)

[10] „Mit der Dimension ‚Medien’ wird betont, dass Medien eigene Textsorten hervorbringen (vgl. beispielsweise das Medium Zeitung.“ (Gansel/Jürgens 2007, 90)

[11] Eine tabellarische Übersicht unter der Bedingung des Anlasses findet sich im Anhang, Teil 3, X

[12] vgl.: Searle 1969

[13] vgl.: Brinker 1997, 105

[14] Die Google-Suche für Funshirt ergab: auf deutschsprachigen Seiten 105.000 Ergebnisse und auf internationalen Seiten 134.000 Ergebnisse. „Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 105.000 Seiten auf Deutsch für funshirt. (0,09 Sekunden)“ und „Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 134.000 für funshirt. (0,06 Sekunden)“ ( www.google.de, 25.10.2007, 12.13 MEZ)

[15] Anhang Teil 2, E

[16] Vorderseite – Brustseite, wird im Folgenden mit VS abgekürzt

[17] Rückseite – Rückenseite; wird im Folgenden immer mit RS abgekürzt

[18]Der Emittent gibt dem Rezipienten zu verstehen, dass es ihm um die personale Beziehung zum Rezipienten geht (insbesondere um die Herstellung und Erhaltung des persönlichen Kontakts). Textsorten: Ansichtskarte, Trauerbrief, Liebesbrief“(Brinker, 1997, S. 119)

[19] [Unterstreichungen nicht im Original]

[20] [sic]

[21]Wir werden diese Fragen im Folgenden zwei Hauptgebieten der Untersuchung zuweisen. Zunächst werden wir den Distributionsmodus des Witzes untersuchen, d.h. wir beschreiben das Utterem Witz als Hypertagmem, welches in ein übergeordnetes Hyperbehaviorem (bzw. Interaktionsmuster) Witzeerzählen eingebettet ist.“ (Marfurt 1977, 35)

[22] Auch bei Marfurt läuft die Untersuchung darum schlussendlich darauf hinaus: “Indessen müssen wir, um unser Ziel einer Darstellung der Textsorte Witz zu erreichen, den Witztext als sprachlichen Bestandteil eines Kommunikationsmusters möglichst genau auf die Korrelation von Interaktionsform und Textstruktur hin untersuchen.“ (Marfurt 1977, 22)

[23] Das postuliert auch Marfurt: „Wenn wir im Laufe der Untersuchung einzelne Gesichtspunkte isoliert herausgreifen, geschieht dies einzig aus Gründen der Darstellbarkeit bzw. aus methodischen Gründen der Analyse. Auch wenn dies nicht dauernd erwähnt wird, darf doch keinesfalls außer Acht gelassen werden, das sich Textstruktur und Interaktionstyp gegenseitig determinieren, und das jedes Element eines Witzes bzw. des Interaktionsvorgangs seine volle Bedeutung erst aufgrund seiner Funktion innerhalb des gesamten Interaktionsmusters Witzerzählen und des damit korrelierenden Vertextungsmusters Witz erhält.“ (Marfurt 1977, 37)

Details

Seiten
64
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640179244
ISBN (Buch)
9783640179282
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116415
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
T-Shirt-Text Kleidung Textproduktion

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Titel: T-Shirt-Text: Wie und Was man heute mittels Kleidung kommuniziert