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Brünhild im Nibelungenlied - Hösche Dame oder tiuvéles wip?

Seminararbeit 2008 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung Brünhilds

3 Brünhild auf Island

4 Brünhild am Wormser Hof
4.1 Brünhild in der Brautnacht
4.2 Brünhild im Streit mit Kriemhild

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Das Nibelungenlied ist eines der ältesten Zeugnisse deutscher Sprache. Es trägt mit der Figur der mächtigen Königin Brünhild einen Mythos in sich, der bis heute wahrscheinlich wegen seiner Widersprüchlichkeit fasziniert. Vor allem die Figur der Brünhild ist gerade in der Gegenwart so interessant, denn sie ist eine Frau [und] repräsentiert ihr Geschlecht.1

In den meisten mittelalterlichen Texten spielt die Frau eine eher passive Rolle. So fungiert sie zum Beispiel in den Artusromanen als Auslöser für das Abenteuer eines Helden oder wird in der Minnelyrik von einem Ritter angehimmelt. Der Frau selbst wird aber meist keine aktive Handlung zutei, mit der sie ihr Leben autonom bestimmen könnte.

Brünhild im Nibelungenlied dagegen scheint nicht in diese stereotype Frauenrolle zu passen. Sie ist Alleinherrscherin auf Island und will sich ihren zukünftigen Mann selbst aussuchen, indem sie alle Bewerber zum Kampf au ordert. Hagen geht sogar soweit, sie als Teufelsweib zu bezeichnen:

Der ir dâ gert ze minnen, diu ist des tíuvéles wîp.2 (Die Dame, die ihr lieben wollt, ist ein Teufelsweib.)

So spricht Hagen zu Gunther kurz vor der Wettkampfszene auf Isenstein.

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Rolle Brünhilds im Nibelungenlied und versucht zu klären, ob es sich bei der Königin von Island tatsächlich um ein Teufelsweib (tíuvéles wîp) oder nicht vielleicht doch um eine hö sche Dame handelt. Sind die Gegensätze zwischen der Brunhild of Islant and the Brunhild of Worms3 wirklich so groÿ, oder gibt es doch Eigenschaften, welche die beiden Brünhilds verbinden?

Dabei werden chronologisch, dem Nibelungenlied entsprechend, ihre Rollen auf Isenstein und am Wormser Hof näher beleuchtet, wobei die letztere Rolle noch einmal unterteilt betrachtet wird: zunächst ihr Verhalten in der Brautnacht, danach das während des Streits mit Kriemhild. Hierbei sollen Dartsellungen Brünhilds in anderen Werken oder mündlichen Sagentraditionen weitgehend unbeachtet bleiben.

Zunächst soll jedoch der Blick darauf gerichtet werden, wie Brünhild vom Erzähler des Nibelungenlieds vorgestellt wird.

2 Einführung Brünhilds

Zu Beginn der 6. Aventiure wird Brünhild nach Kriemhild und Siegfried als weitere Haupt gur ins Nibelungelied eingeführt:

Es was ein küneginne gesezzen über sê, ir gelîche enheine man wesse ninder mê. diu was unmâzen scoene, vil michel was ik kraft. si scôz mit snellen degenen umbe minne den schaft.4

(Es lebte eine Königin jenseits des Meeres, man kannte keine, die ihr gleichgekommen wäre.

Sie war auÿerordentlich schön und sie besaÿ groÿe Kraft.

Sie kämpfte gegen tapfere Helden, wollten diese ihre Liebe gewinnen.)

Diese Vorstellung Brünhilds erinnert an die von Kriemhild und Siegfried in der 1. bzw. 2. Aventiure. Die Ortsangabe über sê rückt Brünhild jedoch im Gegensatz zu Kriemhild und Siegfried, die in Burgonden und in Niderlanden leben in unbestimmte Ferne.5 Jenseits des Meeres ist, wie man später erfährt, mit dem Schi rund zwölf Tagesreisen entfernt. Es wird in dieser Strophe aber nicht nur die räumliche Distanz beschrieben. Durch die Verbindung von Schönheit und Kraft wirkt Brünhild andersartig. Die athletische Königin steht im Kontrast zu den Normen, die das Nibelungenlied bist zur6. Aventiure aufgebaut hat. Während Kriemhild unter der Vormundschaft ihrer Brüder steht, die auch für ihre Heirat verantwortlich sind, handelt Brünhild als Frau politisch und militärisch. Die Geschichte Brünhilds bringt also einen mythischen Gegenentwurf zur burgundischen Welt. 6

Auÿerdem muss Brünhild durch die Andeutung der Freierprobe für das zeitgenössische hö sche Publikum fremdartig gewirkt haben. Denn die Kamp eistung sollte nicht nach dem üblichen Idoneitätsprinzip gegen andere Männer erbracht werden, sondern gegen die Umworbene selbst, als Kampf zwischen Mann und Frau. Genaugenommen will Brünhild überhaupt keine Ehe eingehen, weil sie weiÿ, dass sie dadurch in ihrer Selbständigkeit und Freiheit eingeschränkt würde. So dient die Freierprobe nicht zur Auswahl des Stärksten, sondern eher zur Abwehr der Bewerber7.

Otfrid Ehrismann beschreibt dies als Konfrontation zweier Kulturen und deren Vereinigung in der Gestalt Brünhilds.8 So steht die Schönheit für ihre hö sche, die Kraft für ihre teu ische Seite, eine Kraft, die die hö sche Ordnung gefährden wird.

3 Brünhild auf Island

Königin Brünhild herrscht allein über ein riesiges Reich, welches sie souverän und autonom regiert. Sie verfügt als einzige Frau im Nibelungenlied über Gewaltpotential und Gewaltbereitschaft9 in ihrem eigenen Körper. Zwar zeigt auch Kriemhild vor allem im zweiten Teil des Nibelungenliedes Gewaltbereitschaft, jedoch lässt sie ihre Pläne von Männern ausführen und greift nicht selbst zur Wa e. Die Darstellung einer Frau, die selbst kämpft, entspricht nicht der typischen Darstellungsform einer vrouwe in der hö schen Literaur. Brünhild missachtet die Konventionen der damaligen Zeit, in der Frauen ihren Ehemann nicht selbst wählen können. Sie setzt selbst fest, unter welchen Bedingungen sie einer Hochzeit zustimmt, sie wehrt sich gegen ihre Vermählung mit sämtlichen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen.10 Erst wenn es einem Bewerber gelingt, sie im Dreikampf zu schlagen, wird sie sich zu einer Heirat bereit erklären. Scheitert der Bewerber, wird er mitsamt seiner Gefolgschaft hingerichtet. Der von Brünhild festgesetzte Dreikampf entspricht nicht der hö schen Vorstellung von Minne und verstöÿt gegen die übliche Art, um eine Frau zu werben. Durch ihre eigenen Regeln erlangt Brünhild den Ruf einer grausamen, teu ischen Herrscherin. Viele der Bewerber hat sie bereits getötet. Bei einer Niederlage Brünhilds wird ihr ganzes Reich dem Gewinner des Dreikampfs übertragen.

Brünhilds kämpferisches Auftreten weicht völlig vom zeitgenössischens Frauenbild ab. Sie übertri t sogar viele tapfere männliche Krieger, so wie es auch Gunther nicht aus eigener Kraft gelingt, sie zu besiegen. Nur mit einer List kann er als Gewinner aus dem Kampf hevorgehen: er nimmt Siegfrieds Hilfe in Anspruch, dem unter seiner Tarnkappe die Stärke von zwölf Kämpfern verliehen wird. Doch selbst mit dieser Stärke fällt es ihm nicht leicht, Brünhilds übernatürliche Kraft zu besiegen.

Auch Brünhilds Wa en sind qualitativ bessere, gröÿere und weitaus schwerere Waffen als die ihrer Gefolgsleute und Gegner:

Der schilt was under buckeln, als uns das ist gesaget, wol drîer spannen dicke, den solde tragen diu maget, von stahel unt ouch von golde; rîch er was genuoc, den ir kameraere selbe vierde kûme truoc.11

(Wie uns überliefert ist, war der Schild, den Brünhild tragen sollte, unter den Buckeln etwa drei Spannen breit. Er war mit Stahl und Gold so reich beschlagen, Wo eine Frau normalerweise durch Anmut und Schönheit besticht, verbreitet Brünhilds Auftreten Angst und Schrecken und ruft, trotz ihrer beschriebenen Schönheit, Bilder der Hölle bei den Burgunden hervor. Gunther hatte den Kampf der Brautwerbung unterschätzt und auch Dankwart beginnt bei Brünhilds Anblick, die Reise zu bedauren. Nur Siegfried hat Brünhild nicht unterschätzt und schon vor Beginn der Reise vor ihr gewarnt. Woher er dieses Wissen hat, wird im Nibelungenlied nicht erklärt. In der Forschung wird es durch ältere nordische Sagentraditionen erklärt. Trotz all ihrer kämpferischen Attribute werden an Brünhild auch viele hö sche Eigenschaften beschrieben, wobei vor allem auf ihre auÿergewöhnliche Schönheit hingwiesen wird. Als Gunther Brünhild das erste Mal erblickt, beschreibt er eine wunderschöne Frau. Ihre kriegerische Seite wird hierbei mit keiner Silbe erwähnt.

Sô sihe ich ir eine in jenem venster stân in snêwîzer waete, diu ist sô wolgetân; die welent mîniu ougen durch ir scoenen lîp.12

( Ich sehe in jenem Fenster eine Frau in schneeweiÿem Kleid stehen, die so wunderschön ist, dass sie wegen ihrer Schönheit meine Frau werden soll. )

In dieser ersten Beschreibung konzentriet sich alles auf die hö sche Brünhild und ihre Schönheit. Durch das weiÿe Kleid wird ihre Unschuld repräsentiert, an die, wie man erst später im Nibelungenlied erfährt, ihre unermessliche Kraft geknüpft ist. Auch das Empfangszeremoniell für die Gäste aus Brugunden mit einem Aufzug von über hundert Mädchen neben Brühild steht völlig unter der hö schen Fassade. Es erinnert an die Parade beim Wormser Siegesfest nach dem Sachsenkrieg in der 5. Aventiure. Auÿerdem wird Brünhilds Burg vom Erzähler sehr konkret beschrieben. In einem sal wol getân von edelem marmelsteine, grüene alsam ein gras13 (wunderschönen Saal aus edlem grasgrünen Marmor) hält sich Brünhild mir ihrem Hofstaat auf, was der adeligen Wohnkultur entspricht.

Brünhild präsentiert sich somit auf Island als eine ambivalente Person. Auf der einen Seite die starke Amazone, deren Anblick die Gegener in Angst und Schrecken versetzt und teu ische Bilder hervorruft, auf der anderen Seite eine hö sche Dame, die in ihrer ganzen Schönheit beschrieben wird.

Nachdem Gunther nun den Dreikampf mit Siegfrieds Hilfe gewonnen hat, reisen die Burgunden mit Brünhild nach Worms zurück, um dort die Hochzeit zu feiern.

[...]


1Ehrismann, Otfrid: Die Fremde am Hof. Seite 331.

2Das Nibelungenlied Strophe 438, Vers 4.

3Newmann, Gail: The two Brunhilds? Seite 69.

4Das Nibelungenlied Strophe 326, Vers 1-3.

5Schulze, Ursula: Brünhild - eine domestizierte Amazone. Seite 122.

6Ebd. Seite 123.

7Vgl. Ebd. Seite 123.

8Vgl. Ehrismann, Otfrid: Die Fremde am Hof. Seite 320.

9Lienert, Elisabeth: Gender Studies, Gewalt und das Nibelungenlied. Seite 149.

10Steger, Priska: Brünhild - Zum Schreckensmythos der isländlischen Königin und Heldin Brünhild. Seite 341.

11Das Nibelungenlied Strophe 437.

12Das Nibelungelied Strophe 392, Vers 1-3.

13Das Nibelungenlied Stophe 404, Vers 2, 3.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116578
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Brünhild Nibelungenlied Hösche Dame Proseminar

Autor

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