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Wolf Biermann: "Ballade vom preußischen Ikarus"

Seminararbeit 2002 17 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

W. Biermann „Ballade vom preußischen Ikarus“

Tabellarischer Lebenslauf

Bibliographie

Vorwort

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Strukturmerkmale und Aufbau

Interpretationsansätze

Kommentar

Vorschlag zur sprecherischen Umsetzung

Literaturverzeichnis

Wolf Biermann „Ballade vom preussischen Ikarus“

Da, wo die Friedrichstraße sacht

Den Schritt über das Wasser macht

da hängt über der Spree

Die Weidendammerbrücke. Schön

Kannst du da Preußens Adler sehn

wenn ich am Geländer steh

dann steht da der preußische Ikarus

mit grauen Flügeln aus Eisenguß

dem tun seine Arme so weh

er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab

macht keinen Wind – macht nicht schlapp

am Geländer über der Spree

Der Stacheldraht wächst langsam ein

Tief in die Haut, in Brust und Bein

ins Hirn, in graue Zelln

Umgürtet mit dem Drahtverband

Ist unser Land ein Inselland

umbrandet von bleiernen Welln

da steht der preußische Ikarus

mit grauen Flügeln aus Eisenguß

dem tun seine Arme so weh

er fliegt nicht hoch – und er stürzt nicht ab

macht keinen Wind – und macht nicht schlapp

am Geländer über der Spree

Und wenn du wegwillst, musst du gehen

Ich hab schon viel abhaun sehn

aus unserm halben Land

Ich halt mich fest hier, bis mich kalt

Dieser verhasste Vogel krallt

und zerrt mich übern Rand

dann bin ich der preußische Ikarus

mit grauen Flügeln aus Eisenguß

dann tun mir die Arme so weh

dann flieg ich hoch – dann stürz ich ab

mach bisschen Wind – dann mach ich schlapp

am Geländer über der Spree

(Biermann, 1991)

Tabellarischer Lebenslauf

*15.11.1936 in Hamburg

- Biermann stammt aus einer Familie von Altkommunisten, Vater war im antifaschistischen Widerstand organisiert, wurde 1943 in Auschwitz ermordet
- nach dem Krieg tritt er den „Jungen Pionieren“ (Jugendorg. der KPD) bei
- 1953: Übersiedlung in die DDR, Besuch eines Internats in Gadebusch, die Mutter bleibt in Hamburg
- 1955: Studium der Politischen Ökonomie an der Humboldt-Universität
- 1957 – 1959: Abbruch des Studiums, Regieassistent am Berliner Ensemble
- 1959 – 1963: Studium der Philosophie und Mathematik
- ab etwa 1960 beginnt Biermann zu schreiben und zu komponieren
- 1961/1962: mit Freunden baut er ein altes Hinterhofkino zum „Berliner Arbeiter- und Studententheater“ um, dieses wird jedoch vor der Premiere des Biermannstücks „Berliner Brautgang“ geschlossen
- 1962: Druck der ersten Gedichte; erster öffentlicher Auftritt beim „Lyrikabend“ der Akademie der Künste
- 1963: Ausschluss aus der SED, daraus ergibt sich ebenfalls ein Auftrittsverbot Biermanns bis Juni 1963
- 1964: erste Auftritte im Westen
- 1965: im Juni letzter öffentlicher Auftritt in der DDR;
beim 11. Plenum des ZK der SED wird ein generelles Auftritts-, Veröffentlichungs- und Ausreiseverbot gegen Biermann ausgesprochen; Biermann wird zur Unperson in der DDR
- 1966: „Lex Biermann“ – alle DDR-Autoren sind verpflichtet, ihre Werke zuerst DDR-Verlagen anzubieten
- 1969: erste eigenständige LP Chausseestraße 131
- 1973: Deutscher Schallplattenpreis
- September 1976: erster Auftritt nach dem Verbot vor DDR-Publikum während eines Gottesdienstes in einer evangelischen Kirche in Prenzlau
- November 1976: während Biermanns Konzertreise durch die BRD wird seine Ausbürgerung bekanntgegeben, am 17.11.1976 wird ihm die Staatsbürgerschaft entzogen
- Biermann lässt sich in seiner Geburtsstadt Hamburg nieder, hofft auf eine baldige Rückkehr in die DDR
- 1978: Preußischer Ikarus
- er engagierte sich für die spanische kommunistische Partei und zu Beginn der 80er Jahre für die „Grünen“
- 1983: 3-monatige Gastprofessur an der Ohio State University
- Anfang Dezember 1989: erster Auftritt in der DDR, organisiert von einer Bürgerrechtsbewegung, zuvor Treffen mit Kulturminister Keller (SED)
- 1993 – 1995: Heinrich-Heine-Gastprofessur an der Universität Düsseldorf
- Wolf Biermann hat 10 Kinder und lebt bis heute mit seiner zweiten Frau in Hamburg

(Allenstein (1991); Rosellini (1992))

Bibliographie

Ausgewählte Werke Wolf Biermanns

1965: Die Drahtharfe. Balladen, Gedichte, Lieder

1968: Mit Marx- und Engelszungen. Gedichte, Balladen, Lieder.

1970: Der Dra-Dra. Die große Drachentöterschau. In acht Akten mit Musik.

1972: Für meine Genossen. Hetzlieder, Gedichte, Balladen.

Deutschland. Ein Wintermärchen.

1977: Nachlaß 1. Noten, Schriften, Beispiele

1978: Preußischer Ikarus. Lieder, Balladen, Gedichte, Prosa.

1979: Das Märchen von dem Mädchen mit dem Holzbein.

1990: Klartexte im Getümmel.

1991: Alle Lieder

(Rosellini, 1992)

Vorwort.

Diese Hausarbeit habe ich nicht genutzt, um einen kompletten Lebenslauf Wolf Biermanns zu schreiben. Ich möchte vielmehr einen etwas detaillierteren Einblick in sein Leben zwischen 1963 und 1979 geben, als einen allgemeinen Überblick über sein gesamtes Leben, da ich denke, dass diese 16 Jahre den entscheidenden Hinweis auf das Verständnis der Ballade bringen. Allerdings kann ich auch nur einen relativ kurzen Einblick in diese Zeit geben, ansonsten wäre der Rahmen der Hausarbeit gesprengt. Derjenige, der sich für weitere Details interessiert, dem seien die Bücher aus der Literaturliste empfohlen. Ich konnte nur die wichtigsten Fakten aus ihnen verwenden.

Die zeitgeschichtliche Einordnung habe ich auch deswegen so genau vorgenommen, da ich leider keine direkte Entstehungsgeschichte finden konnte, nur einen Hinweis, den ich später in den Interpretationsansätzen erwähnen werde.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

1965 wird während des 11. Plenums des ZK der SED eine Bekämpfung der Liberalisierungstendenzen beschlossen und Kritik an der intellektuellen Opposition in der DDR geübt. Tendenzen in diese Richtung gab es allerdings schon in den Jahren vorher, so dass die Beschlüsse reine Formalitäten waren. Wolf Biermann trafen diese Reglementierungen natürlich auch. Gegen ihn wurde ein Berufs- und Ausreiseverbot erhoben.

Wolf Biermann habe im Verlauf der 60er Jahre den Klassenstandpunkt des Proletariats aufgegeben – dies war der allgemeine Vorwurf gegen ihn, der nie konkretisiert wurde (Kritisches Lexikon).

Die SED - Führung assoziierte Biermann mit Eisler und Brecht. Da Biermann sich aber als Medium das elektronisch verbreitete Lied ausgesucht hatte, war er potentiell am gefährlichsten, da sein Gedankengut, anders als Theaterstücke oder philosophische Abhandlungen, für die Massenrezeption geeignet war.

Die Mischung aus kritischem Gedankengut und leidenschaftlichem Vortrag war zu gefährlich, als dass man nichts gegen sie hätte unternehmen können (Rosellini, 1992, S.46).

Seine Lieder eskalieren in 10 Jahren Berufsverbot von nachsichtiger und hoffender Kritik zu aggressiver Negation (es bleibt aber immer ein rebellierender Appell an Aktivität der Rezipienten darin enthalten) (Kritisches Lexikon).

In der Drahtharfe ist er nachsichtig, begütigend, voll Hoffnung, ab 1963 erscheint vernehmlich und vordringlich der andere Ton, nicht nur der des Unmuts, sondern der des Protestierens. Schärfer wird er schon in Mit Marx- und Engelszungen, wenngleich hier immer noch idyllische Partien enthalten sind. Für meine Genossen ist schließlich voll Bitterkeit, Verzweiflung. Kantige Strophen statt gefälliger Liedchen bestimmen hier den Ton (Wapnewski, S.80ff.).

Die Aggressivität in seinen Texten ist nicht allgemein oder abstrakt, er spricht Privates aus und überträgt es ins Gesellschaftliche.

Biermanns Sozialismuskritik weist einige Eigentümlichkeiten auf, da er beide deutsche Staaten kennt. Sie ist bei keinem anderen in einer solchen Schärfe vorzufinden. Er ist nicht zufrieden mit den Verhältnissen in der DDR, ist sich aber trotzdem sicher, dass der Weg der BRD in die vollkommen falsche Richtung geht (Kritisches Lexikon). Biermann hofft auf bessere Zeiten, doch er erwartet nicht, dass die von Westen kommen. Er ist überzeugt vom besseren Recht des Sozialismus, und davon, dass der Kommunismus eines Tages siegen wird (Wapnewski, S.68).

Auch verbindet sich seine Kritik an BRD und DDR mit einem Heimatgefühl für beide.

Durch das Berufsverbot kam es in seiner Kunst zu einer gewissen Stagnation und im menschlichen Bereich zur Vereinzelung. Er nannte diese (erzwungene, d.Verf.) Art, Lieder zu produzieren „Isolationssound“. Biermann wurde nicht nur das Publikum, sondern damit auch konstruktive Kritik und die öffentliche Auseinandersetzung mit seinen Liedern vorenthalten (Riewoldt, S.10f.).

1969 erscheint das erste Biermann-Interview in der westdeutschen Presse. Im gleichen Jahr wird ihm der Fontane-Preis verliehen, Biermann leitet die 10000 Mark Preisgeld an die Außerparlamentarische Opposition weiter. 1971 führt er das erste Gespräch mit dem Spiegel.

Währen der Weltjugendfestspiele 1973 wird Biermann von Passanten auf dem Alexanderplatz erkannt und zu einem spontanen Konzert aufgefordert. Danach wird noch über 2 Stunden diskutiert. Es ist vermutlich nur der Anwesenheit der westdeutschen Gäste und Presse zu verdanken, dass nicht alle verhaftet wurden.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640193592
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116986
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik
Note
2,0
Schlagworte
Wolf Biermann Ballade Ikarus Sprechkünstlerisches Gestalten Sprechkunst

Autor

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Titel: Wolf Biermann: "Ballade vom preußischen Ikarus"