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Täter im KZ. Lebenswirklichkeiten und Hintergründe von Gewalt- und Machtausübung

©2017 Hausarbeit (Hauptseminar) 23 Seiten

Zusammenfassung

Inwiefern Täter ihre Beteiligung am Vernichtungssystem reflektierten und Schuldbewusstsein empfanden, sowie die Frage nach nachträglicher Rechtfertigung des Handelns, ist ebenfalls ein zentraler Aspekt des Themas, der im Folgenden genauer in den Blick genommen werden soll. Vor allem auch die Ambivalenzen im Verhalten von Kommandanturpersonal und Wachmannschaften und ihre Alltagsstruktur sollen analysiert werden. Dazu wird zunächst die Hierarchie und Struktur des Lagersystems betrachtet, um anschließend den Arbeitsalltag nachzuzeichnen und somit einen möglichst authentischen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Täter zu erhalten. Gewaltausübung, Machtmissbrauch und Motivationen werden in den Blick genommen sowie die subjektive Perspektive der Täter untersucht.

Der Nationalsozialismus und die Konzentrationslager sind in der Forschung bereits in großem Ausmaß behandelt worden, der Blick auf Täter und Opfer wirft dabei zahlreiche Fragen auf, die immer wieder untersucht und diskutiert werden. Während besonders die Strukturen des Systems und das Leid der Opfer oft in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden, stellt sich vor allem auch die Frage nach der Rolle der Täter und den Gründen ihrer Beteiligung am Massenmord.

Das Kommandanturpersonal und die Wachmannschaften sind dabei in Hinblick auf die Abläufe in den Konzentrationslagern von zentraler Bedeutung. Im Folgenden soll daher untersucht werden, wie die Lebenswirklichkeit der Täter im Alltag des Konzentrationslagers gestaltet war, aus welchen Hintergründen die Beteiligung an Gewalt- und Machtausübung resultierte, wodurch diese legitimiert wurde und auf welche Weise subjektive Wahrnehmung und Reflexion der Vorgänge im Konzentrationslager stattfanden.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Struktur der Konzentrationslager-SS

3. Motivation für die Beteiligung an Gewalt und Mord

4. Wohnen und Privatleben im Konzentrationslager

5. Subjektive Wahrnehmung und Schuldbewusstsein

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Nationalsozialismus und die Konzentrationslager sind in der Forschung bereits in großem Ausmaß behandelt worden, der Blick auf Täter und Opfer wirft dabei zahlreiche Fragen auf, die immer wieder untersucht und diskutiert werden. Während besonders die Strukturen des Systems und das Leid der Opfer oft in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden, stellt sich vor allem auch die Frage nach der Rolle der Täter und den Gründen ihrer Beteiligung am Massenmord. Das Kommandanturpersonal und die Wachmannschaften sind dabei in Hinblick auf die Abläufe in den Konzentrationslagern von zentraler Bedeutung.

Im Folgenden soll daher untersucht werden, wie die Lebenswirklichkeit der Täter im Alltag des Konzentrationslagers gestaltet war, aus welchen Hintergründen die Beteiligung an Gewalt- und Machtausübung resultierte, wodurch diese legitimiert wurde und auf welche Weise subjektive Wahrnehmung und Reflexion der Vorgänge im Konzentrationslager stattfanden.

Schikanen und willkürliche Gewaltanwendungen gegenüber den Häftlingen waren keine Ausnahmen und spiegelten die sukzessiv erhöhte Toleranz gegenüber exzessiver Gewalt wieder. Parallel zu einem radikalisierten Verhalten der Täter im Rahmen ihrer Arbeit beinhaltete das Leben von Wachmannschaften und Kommandanturpersonal auch Freizeitaktivitäten und relativen Luxus. Das Privatleben gestaltete sich in scheinbarer Normalität konträr zum Alltag im Konzentrationslager. Die Wahrnehmung der Vorgänge im Konzentrationslager rief nur selten Ablehnung oder Widerstand hervor und wurde nicht als unvereinbar mit sonst vorhandenen moralischen Grundsätzen empfunden.

Die Täterforschung ist insgesamt breit gefächert und beschäftigt sich intensiv mit verschiedenen Fragen nach psychologischen Hintergründen der Beteiligung am Massenmord, dem Alltag der Täter, der Schuldfrage und der nachträglichen Aufarbeitung von Täterschaft in Gerichtsprozessen der Nachkriegszeit. Dabei wird in der Forschung insbesondere die Kontroverse um die Positionen Daniel Goldhagens und Christopher Brownings diskutiert. Während Daniel Goldhagen die Grundlagen für die Teilnahme an Vernichtungsprozessen in einem eliminatorischen Antisemitismus sieht und die Intention der Täter in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, zeichnet Christopher Browning ein vielschichtiges Bild struktureller, sozialer und individueller Zusammenhänge, die Täterschaft nicht nur an ideologischen Aspekten festmachen, sondern als Gesamtmosaik die Differenzen von Motiven, Erfahrungen und Strukturen aufzeigen. Der Name Karin Orths taucht ebenfalls immer wieder in der Literatur auf. Auch sie hat sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und zahlreiche Schriften zur Konzentrationslager-SS veröffentlicht.

Inwiefern Täter ihre Beteiligung am Vernichtungssystem reflektierten und Schuldbewusstsein empfanden, sowie die Frage nach nachträglicher Rechtfertigung des Handelns, ist ebenfalls ein zentraler Aspekt des Themas, der im Folgenden genauer in den Blick genommen werden soll. Vor allem auch die Ambivalenzen im Verhalten von Kommandanturpersonal und Wachmannschaften und ihre Alltagsstruktur sollen analysiert werden. Dazu wird zunächst die Hierarchie und Struktur des Lagersystems betrachtet, um anschließend den Arbeitsalltag nachzuzeichnen und somit einen möglichst authentischen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Täter zu erhalten. Gewaltausübung, Machtmissbrauch und Motivationen werden in den Blick genommen sowie die subjektive Perspektive der Täter untersucht.

2. Struktur der Konzentrationslager-SS

2.1 Allgemeiner Aufbau

Die meisten Konzentrationslager wurden nach 1934 nach dem sogenannten ,Dachauer Modell' ausgerichtet, einer militärischen Struktur der Hierarchie, Ausbildung und Uniformierung, die von Theodor Eicke, seit 1933 Leiter des Konzentrationslagers Dachau, eingeführt wurde.1 Neben dieser Organisationsstruktur wurde auch die von Eicke eingeführte Lagerordnung im Jahr 1934 von allen anderen Lagern übernommen.2 Außerdem gab es die Inspektion der Konzentrationslager unter der Leitung von Theodor Eicke, die als zentrale Instanz des KZ-Systems fungierte, der das Bewachungspersonal insgesamt unterstand.3 Der Kommandanturstab wurde in folgende Bereiche unterteilt:

,,1.) die Kommandantur mit Adjundantur
2.) die Politische Abteilung
3.) das Schutzhaftlager
4.) die Verwaltung
5.) der Lagerarzt"4

Außerdem fand in Bezug auf die Wachmannschaften eine Trennung zwischen äußerer und innerer Bewachung des Konzentrationslagers statt. Diese Teilung wurde in der Praxis jedoch nicht strikt gehandhabt, da die Wachtruppe trotzdem in Kontakt mit den Häftlingen kam, indem sie einerseits bei Fluchtversuchen zum Einsatz kam und es andererseits auch Gewaltanwendung gegenüber den Häftlingen gab.5 Die Trennung der Lager-SS in Wachtruppe und Kommandantur sollte unkontrollierte Willkür verhindern und durch systematische Gewalt mit geregeltem Strafkatalog ersetzen, was jedoch in der praktischen Umsetzung scheiterte und ,,zu einem zusätzlichen Instrument des Terrors [wurde]. Die intendierte Normierung der Gewalt blieb von Beginn an eine Farce"6.

Die Wachposten trugen seit 1936 die Bezeichnung ,Totenkopfverbände' und waren für die Bewachung der Häftlinge zuständig, wobei es jedoch eine ständige Fluktuation des Personals gab und häufige Versetzungen eine Kontinuität in Fragen der Zuständigkeit verhinderten.7 An der Spitze der Hierarchie im Lager standen die Kommandanten, welche die oberste Befehlsgewalt im Konzentrationslager innehatten und sowohl für die Bewachung der Häftlinge als auch für die Disziplinierung der SS-Angehörigen verantwortlich waren.8 Ebenso fielen die Finanzen des Lagers in den Aufgabenbereich des Kommandanten.9 Der Schutzhaftlagerführer war verantwortlich für das Häftlingslager und die Einhaltung der Lagerordnung.10 Ein weiteres Element des Lagersystems waren die sogenannten Funktionshäftlinge, die aus Kostengründen und aufgrund von Personalmangel mit verschiedenen Aufgaben betraut und damit in die Hierarchie des Konzentrationslagers eingebunden wurden.11

Die SS-Totenkopfverbände waren gekennzeichnet durch das Tragen einheitlicher erdbrauner Uniformen, an denen ,,auf den rechten Kragenspiegeln [ ] das Totenkopfsymbol und die Einheitsnummer angebracht [...] [waren und die] eine deutliche äußerliche Abgrenzung zu den Häftlingen [darstellten]"12.

Für das weibliche Bewachungspersonal, die KZ-Aufseherinnen, wurden ebenfalls Uniformen zur Verfügung gestellt, die ihr Aussehen vereinheitlichen sollten und subtile Distinktionsmerkmale der SS-Hierarchie enthielten.13

Die SS-Aufseherinnen waren keine Mitglieder der SS, allerdings trotzdem Reichangestellte, die der SS-Gerichtsbarkeit unterstanden und somit eine besondere Position innehatten. Sie waren einerseits ,,Untergebene des Kommandanturstabes [...], andererseits hatten sie als Bewacherinnen der weiblichen Häftlinge unmittelbare Dienstgewalt über diese"14. Innerhalb des weiblichen Personals hatte die Oberaufseherin den höchsten Rang inne. Der Zuständigkeitsbereich der Aufseherinnen umfasste die ,,täglichen Zählappelle, die Einteilung der Häftlinge in Arbeitskommandos und [] die Überwachung der Frauen im Block sowie bei der Arbeit"15.

2.2 Herkunft und Rekrutierung des Personals

Die soziokulturelle Herkunft der Täter im Nationalsozialismus wurde vielfach in den Blick genommen, um daraus mögliche Hinweise abzuleiten, die zu Gewaltneigung und Radikalisierung geführt haben und Beteiligung an Verbrechen erklären könnten. Jedoch lassen sich die Täter nicht einem stereotypischen Bild eines Kriminellen zuordnen, sie stammten ,,nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft"16 und ,,wuchsen in mittelständischen Familien auf, die von der ökonomischen, politischen und sozialen Krise am schärfsten betroffen waren und sich vom sozialen Abstieg bedroht sahen"17. Es handelte sich vorwiegend um Angehörige der Kriegsjugend- und Nachkriegsgeneration, aber auch um diejenigen, die noch als Soldaten den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten. Die vorherrschende konservative Mentalität, die noch von Militarismus und Nationalbewusstsein geprägt war und die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges, die verarbeitet werden mussten, führten zu einer tendenziell unreflektierten Akzeptanz von Feindbildern und einer Zustimmung zu Gewalt als Mittel der politischen Machtdemonstration.18 Die späteren Mitglieder der SS hatten zuvor überwiegend handwerkliche oder kaufmännische Berufe ergriffen und waren in einem Alter zwischen 25 und 30 Jahren in NSDAP und SS eingetreten. Ihre soziale Herkunft weist nicht auf eine besondere Motivation für ihr Verhalten im Konzentrationslager, sondern vielmehr auf zunächst relativ durchschnittlich erscheinende Lebensläufe als Teil der mittelständischen deutschen Bevölkerung.19

Der Großteil des männlichen Personals gelangte im Rahmen seines Engagements in der SS zum Dienst in den Konzentrationslagern. Die Aufseherinnen hingegen wurden auf verschiedene Weise rekrutiert. Oftmals erfolgte die Bewerbung freiwillig und eigeninitiativ oder durch Vermittlung durch das Arbeitsamt. Eine weitere Möglichkeit war, vor allem bei fortschreitendem Kriegsverlauf und entstehendem Personalmangel, die Abwerbung von Fabrikarbeiterinnen. Die Bewerberinnen benötigten keine berufliche Ausbildung, mussten allerdings ihre arische Herkunft nachweisen können.20 Die Beschäftigung von Frauen widersprach eigentlich den Grundsätzen der nationalsozialistischen Ideologie und Arbeitspolitik gegenüber Frauen, die ihre Rolle als Hausfrau und Mutter erfüllen sollten. Aus wirtschaftlichen Motiven wurde jedoch, speziell im Kontext des Kriegs, ein Kurswechsel eingeleitet, der die Erwerbstätigkeit von Frauen als effektive Arbeitskräfte unterstützte.21

Motive für den Eintritt in den Dienst im Konzentrationslager waren unter anderem die Aussichten auf sozialen und finanziellen Aufstieg und bei den SS-Männern auch die Möglichkeit einer raschen Karriere bei entsprechender Eignung.22 Weitere Aspekte waren ein relativ abgesichertes Leben mit einem ,,Zimmer für sich allein, eine[r] geregelte[n] Freizeit und ein[em] anständigen Gehalt"23.

2.3 Ausbildung

Die Mitglieder der Konzentrationslager-SS erhielten weltanschauliche Schulungen, in denen die NS-Ideologie internalisiert werden sollte. Ihr Wissen über den Umgang mit den Häftlingen erwarben sie dann aber vor allem in der Praxis. Die SS-Rekruten durchliefen einen Gewöhnungsprozess in Hinblick auf die sie umgebende und selbst ausgeführte Gewalt, indem ihnen beigebracht wurde, Prügelstrafen und Folter auszuführen.24 Die ,Dachauer Schule' beinhaltete neben militärischem Drill, Ideologieschulungen und Skrupellosigkeit als Ausbildungsziele auch gewalttätige Initiationsriten, die die SS-Männer durchlaufen mussten.25 Persönliche Kontakte und Beziehungen jeglicher Art mit den Häftlingen waren verboten, die Distanz zwischen Gefangenen und Bewachern sollte strikt gewahrt werden. Bei Fluchtversuchen sollte es keine Hemmungen beim Einsatz der Dienstwaffe geben und Erschießungen rücksichtslos durchgeführt werden.26

Auch die Aufseherinnen wurden zu ,,Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber den Gefangenen sowie Gehorsam gegenüber Vorgesetzten und Befehlen erzogen"27. Dies zeigt, dass Brutalität in der KZ-Hierarchie nicht abgelehnt, sondern systematisch unterstützt und gefördert wurde und zudem widerstandslose Unterordnung unter Befehle der Vorgesetzten erwartet wurde. Beförderungen fanden unter der Voraussetzung von Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit statt.28

Die Aufseherinnen bekamen eine Probezeit von drei Monaten, anschließend ging ihre Position automatisch in die Stellung einer Aufseherin über.29

2.4. Gewaltausübung und Machtdemonstration

Mit dem Arbeitsalltag der Konzentrationslager-SS verbunden waren alltägliche Grausamkeiten. Misshandlungen, Brutalität und Tod wurden zur Routine und Schikanen durch SS-Mitglieder Teil des Alltags im Konzentrationslager.30 Von überlebenden Häftlingen wurden immer wieder Gewaltexzesse des Wachpersonals beschrieben und als unmenschlich wahrgenommen.31

Bei unvorbereiteten jungen Frauen, die als Aufseherinnen begannen, kam es zuweilen zunächst zu schockierten Reaktionen, jedoch fanden bereits innerhalb eines kurzen Zeitraums Assimilationsprozesse statt, innerhalb derer die Frauen lernten, sich an die Gewalt zu gewöhnen und sich selbst daran zu beteiligen.32 Die Aufseherinnen behandelten die Häftlinge in der Regel mit ,,Verachtung und Gleichgültigkeit, meist auch mit brutaler Gewalt. Sie bedrohten und misshandelten sie mit Stöcken und Peitschen und hetzten ihre Hunde auf sie".33

Grausamkeiten gegen Gruppen und individuelle Gefangene waren fester Bestandteil der Lagerroutine, willkürliche Gewaltanwendung durch das Bewachungspersonal wurde nicht sanktioniert, obwohl die Disziplinarordnungen der Konzentrationslager Vorschriften beinhalteten, die solche Praktiken verboten. Jedoch wurde gegen die Willkür nicht vorgegangen. Schläge und Tritte waren an der Tagesordnung und ,,auch an begeisterten Folterern und Mördern gab es keinen Mangel"34. Es setzte eine ,,Gewöhnung an Massenvernichtung"35 ein.36 In Hinblick auf die offensichtliche Bereitschaft der SS-Angehörigen, sich über Dienstvorschriften hinwegzusetzen, wird die Differenz zu der Behauptung strikter Autoritätshörigkeit deutlich. Nicht nur blinder Gehorsam und unreflektierte Ausführung von Befehlen waren verantwortliche Auslöser für Grausamkeiten, sondern vielmehr die bewusst stattfindende Entscheidung für den eigenen Machtmissbrauch, sogar in Zuwiderhandlung zu offiziellen Anweisungen. Diese Perspektive eröffnet eine neue Dimension auch in Bezug auf die Schuldfrage der Täter.

Gleichzeitig lässt die Möglichkeit des Verstoßes gegen die strikte Ordnung der Konzentrationslager darauf schließen, dass den Tätern durchaus verschiedene Handlungsoptionen zur Verfügung standen und auch Ablehnung bzw. Widerstand gegen die Ausübung brutaler Praktiken eine Möglichkeit gewesen wäre, die keine schwerwiegenden Konsequenzen nach sich gezogen hätte.37 Trotzdem kam es nur selten zur Verweigerung von gewalttätigem Verhalten und in der Regel wurden die Vorgänge im Konzentrationslager widerstandslos akzeptiert und in Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie als notwendig hingenommen.38

3. Motivation für die Beteiligung an Gewalt und Mord

Wie bereits in der Einleitung und den bisherigen Abschnitten angedeutet, ist es schwierig, ein einheitliches Täterbild zu zeichnen. Die Motivationen der Täter sind vielschichtig und komplex und nicht auf einheitliche Kriterien reduzierbar. Neben verinnerlichter Ideologie und dem Wunsch nach sozialer Anerkennung sind auch die Hoffnungen auf gute Karrieremöglichkeiten, ein innerer Geltungsdrang, die Gewöhnung an Massenmord und Gewaltexzesse, Autoritätshörigkeit und innere Überzeugung, sowie sadistische Neigungen, Motive, die zur Ausübung des Dienstes im Konzentrationslager beigetragen haben mögen.39,,Massenmord und Alltagsroutine wurden für sie schließlich eins"40.

Zudem trug der Gewöhnungseffekt durch Radikalisierungsvorgänge in der nationalsozialistischen Politik mit zur ,,moralische[n] Abstumpfung"41 bei.

Des Weiteren barg die Gruppenzugehörigkeit im Rahmen der Tätigkeit im Konzentrationslager bedeutendes Identifikationspotenzial und die Machtposition konstituierte ein Überlegenheitsgefühl. Zudem waren ,,berufliche Qualifikation, ein[] solide[r] Lebensstandard und [...] zahlreiche Gelegenheiten, sich zu bereichern"42 Aspekte, die Einfluss auf die Wahl der Tätigkeit hatten und die Arbeitsbedingungen trotz aller Unannehmlichkeiten attraktiv erscheinen ließen.

Außerdem wurde das Lager zunächst einmal als Arbeitsplatz betrachtet, in dessen Zusammenhang die Aufgaben professionell und ,gut' erledigt werden sollte. ,,Das Gewaltverhalten der Akteurinnen und Akteure war ein vielschichtiger, keineswegs linearer Prozess. Gewalt entstand durch komplexe, institutionelle, soziale und situative Dynamiken"43. Es wurde ein ,,kompetitives System der Arbeitsteilung"44 etabliert und das System entwickelte sich auf Basis des ,,Versprechen[s], dass alle, die mitmachten, mit Macht oder Vermögen belohnt werden würden, und zwar umso mehr, je eifriger sie mitmachten"45

Weitere Gründe für die Beteiligung an Gewaltprozessen sind in Gruppendynamiken zu finden, da Ablehnung der Komplizenschaft soziale Ausgrenzung zur Folge hatte und materielle Vorteile durch Beförderungen wegfielen.46 Zudem waren persönliche Autorität und Kameraderie prägend für die Zusammensetzung der Wachtruppen. Unter Kameraderie ist dabei ,,eine rein gruppenbezogene Komplizenschaft"47 zu verstehen, innerhalb derer Schwächen und Verfehlungen verdeckt werden und eine Abgrenzung nach außen stattfindet. Dadurch wurden Demoralisierungsprozesse befördert und Legitimationsansprüche verloren zunehmend ihre Bedeutung.48

[...]


1 vgl. Kaienburg, Hermann: KZ-Terror und Kriegsgewalt. Zur Bedeutung von soldatischen Traditionen beim Aufbau von SS-Eliteverbänden, in: Entgrenzte Gewalt. Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland Heft 7), Bremen 2002, S. 37-49 (im Folgenden zitiert als: Kaienburg: KZ-Terror), hier: S. 40.

2 vgl. Königseder, Angelika: Die Entwicklung des KZ Systems, in: Benz, Wolfgang; Distel, Barbara (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Band I. Die Organisation des Terrors, München 2005, S. 30-42, hier: S. 31f.

3 vgl. Hördler, Stefan: Ordnung und Inferno. Das KZ-System im letzten Kriegsjahr, Göttingen 2015 (im Folgenden zitiert als: Hördler: Inferno), S. 30.

4 Hördler: Inferno, S. 34.

5 vgl. Orth, Karin: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen 2000 (im Folgenden zitiert als: Orth: Konzentrationslager-SS), S.35.

6 Orth, Karin: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisationsgeschichte, Hamburg 1999, S. 29f.

7 vgl. Kaienburg: KZ-Terror, S. 42.

8 vgl. Orth: Konzentrationslager-SS, S. 39.

9 vgl. Segev, Tom: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten, Reinbek 1992 (im Folgenden zitiert als: Segey: Soldaten), S. 39.

10 vgl. Hördler: Inferno, S. 37.

11 vgl. Orth: Konzentrationslager-SS, S. 49.

12 Güldenpfennig, Leonie: Gewöhnliche Bewacher. Sozialstruktur und Alltag der Konzentrationslager-SS Neuengamme, in: Entgrenzte Gewalt, Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland Heft 7), Bremen 2002, S. 66-79 (im Folgenden zitiert als: Güldenpfennig: Bewacher), hier: S. 72.

13 vgl. Koslov, Elissa Mailänder: Gewalt im Dienstalltag. Die SS-Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek, Hamburg 2009 (im Folgenden zitiert als: Koslov: Gewalt), S. 173-177.

14 Koslov: Gewalt, S. 18f.

15 Koslov: Gewalt, S. 19.

16 Wildt, Michael: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherungshauptamtes, Hamburg 2003 (im Folgenden zitiert als: Wildt: Generation), S. 14.

17 Orth: Konzentrationslager-SS, S. 88.

18 vgl. Kaienburg: KZ-Terror, S. 38.

19 vgl. Güldenpfennig: Bewacher, S. 75.

20 vgl. Koslov: Gewalt, S. 98.

21 vgl. Koslov: Gewalt, S. 106.

22 vgl. Koslov: Gewalt, S. 131-133.

23 Koslov: Gewalt, S. 172.

24 vgl. Orth, Karin: Egon Zill - ein typischer Vertreter der Konzentrationslager-SS, in: Mallmann, Klaus-Michael; Paul, Gerhard (Hrsg.): Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart Bd. 2), Darmstadt 2004, S. 264-273, hier: S. 266.

25 vgl. Hördler: Inferno, S. 65.

26 vgl. Kaienburg: KZ-Terror, S. 41.

27 Schwarz, Gudrun: Frauen in Konzentrationslagern - Täterinnen und Zuschauerinnen, in: Herbert, Ulrich; Orth, Karin; Dieckmann, Christoph (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur Band 2, Göttingen 1998, S. 800-821 (im Folgenden zitiert als: Schwarz: Täterinnen), hier: S.806.

28 vgl. Distel, Barbara: Frauen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern - Opfer und Täterinnen, in: Benz, Wolfgang; Distel, Barbara (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Band I. Die Organisation des Terrors, München 2008, S. 195-209 (im Folgenden zitiert als: Distel: Frauen), hier: S. 204.

29 vgl. Schwarz: Täterinnen, S. 805.

30 vgl. Güldenpfennig: Bewacher, S. 72.

31 vgl. Jaiser, Constanze: Übermacht des Grauens: SS-Personal in poetischen Zeugnissen aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, in: Entgrenzte Gewalt. Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland Heft 7), Bremen 2002, S. 118-133, hier: S. 119.

32 vgl. Koslov: Gewalt, S. 140.

33 Distel, Barbara: Frauen, S. 205.

34 Wachsmann, Nikolaus: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2015 (im Folgenden zitiert als: Wachsmann: KL), S. 424.

35 Wachsmann: KL, S. 429.

36 vgl. Segev: Soldaten, S. 46f.

37 vgl. Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996 (im Folgenden zitiert als: Goldhagen: Vollstrecker), S. 444-446.

38 vgl. Goldhagen: Vollstrecker, S. 454f.

39 vgl. Güldenpfennig: Bewacher, S. 75.

40 Güldenpfennig: Bewacher, S. 75.

41 Wagner, Jens-Christian: Die Lager in der Gesellschaft der Täterinnen und Täter. Das nationalsozialistische Lagersystem und seine Außenwahrnehmung am Beispiel des KZ Mittelbau-Dora zwischen 1943 und 1945, in: Entgrenzte Gewalt. Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland Heft 7), Bremen 2002, S.103-117 (im Folgenden zitiert als: Wagner: Lager), hier: S. 113.

42 Koslov: Gewalt, S. 483.

43 Koslav: Gewalt, S. 491.

44 Kühne, Thomas: Dämonisierung, Viktimisierung, Diversifizierung. Bilder von nationalsozialistischen Gewalttätern in Gesellschaft und Forschung seit 1945, in: Wrochem, Oliver von (Hrsg.): Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie (Reihe Neuengammer Kolloquien Bd. 6), Berlin 2016, S. 32-55 (im Folgenden zitiert als: Kühne: Dämonisierung), hier: S. 49.

45 Kühne: Dämonisierung, S. 49.

46 vgl. Wachsmann: KL, S. 425f.

47 Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager, Frankfurt a. Main 1993 (im Folgenden zitiert als: Sofsky: Ordnung), S. 122.

48 vgl. Sofsky: Ordnung, S. 122.

Details

Seiten
23
Jahr
2017
ISBN (PDF)
9783346580979
ISBN (Paperback)
9783346580986
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Erscheinungsdatum
2022 (Januar)
Note
1,0
Schlagworte
Täter Nationalsozialismus Konzentrationslager Wachmannschaften Kommandanturpersonal Gewalt und Macht Täterforschung Dachauer Modell Rudolf Höss Theodor Eicke
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