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Die Familie Federn im Wandel der Zeit - Eine biographische und werksgeschichtliche Analyse einer psychoanalytisch orientierten Familie

Unter besonderer Berücksichtigung des Lebens und Werks von Ernst Federn

Diplomarbeit 2002 224 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1 FAMILIENCHRONOLOGIE
1.1 Josef Salomon Federn (21. November 1831 – 07. November 1920)
1.1.1.1 Der moderne Nationalstaat und die Assimilation
1.2 Ernestine Federn, geb. Spitzer (1848 – 1930)
1.2.1.1 Die Bedeutung des Judentums um die Jahrhundertwende
1.2.2 Kinder von Salomon und Ernestine Federn
1.2.2.1 Berufsmöglichkeiten und –chancen der Juden
1.2.2.2 Kultur und Assimilation
1.3 Karl Federn (2. Feber 1868 – 22. März 1943)
1.4 Walther Federn (6. August 1869 – 1. Feber 1949)
1.5 Paul Federn (13. Oktober 1871 – 4. Mai 1950)
1.6 Else Federn (1873 – 1946)
1.7 Hans Robert Federn (1878)
1.8 Marietta (Etta) Federn (28. April 1883 – 29. September 1951)
1.9 Wilma Federn, geb. Bauer (1884 – 1949)
1.10 Walter Federn (1919-1967)
1.11 Hilde Federn, geb. Paar (26. Oktober 1910)
1.12 Ernst Federn (26. August 1914)
1.12.1 Kindheit und Jungendjahre bis 1932
1.12.2 Studienzeit Federns bis 1936
1.12.3 Beginn der Verfolgungszeit (1936 – 1838)
1.12.3.1 Beginn der sieben jährigen Inhaftierung
1.12.3.2 Nürnberger Rassengesetze
1.12.4 Dachau, Mai 1938 – September 1938
1.12.4.1 Dachau, historischer Hintergrund
1.12.5 Buchenwald, September 1938 – April 1945
1.12.5.1 Historischer Hindergrund Buchenwalds
1.12.5.2 Rahmenbedingungen des Lagerleben
1.12.5.3 Tagesablauf und Arbeit im KL
1.12.5.4 Geld- und Briefsendungen im KL
1.12.5.5 Die Kommunistische Lagerleitung
1.12.6 Tätigkeit als Arbeiter
1.12.7 Nachtwächtertätigkeit
1.12.8 Federns Begegnung mit den Psychoanalyse im Konzentrationslager
1.12.8.1 Bekanntschaft mit Dr. Brief und Bruno Bettelheim
1.12.8.2 Psychoanalytischer Anwendungsversuche im KL
1.12.9 Ende des Krieges
1.12.10 Brüssel, 1945 bis 1948
1.12.11 New York, 1948-1961
1.12.12 Cleveland, Ohio, 1961-1972
1.12.13 Rückkehr nach Österreich, 1972

2 Theoretischer Teil
2.1 Die Psychologie des Terrors
2.1.1 Gewalt
2.1.2 Physische Gewalt
2.1.2.1 Folter durch Hunger und Durst
2.1.2.2 Zwangsarbeit
2.1.2.3 Fertigmachen
2.1.3 Psychische Folter
2.1.3.1 Methoden des psychischen Terrors
2.1.3.2 Das Konzentrationslager
2.1.4 Therapeutischer Umgang mit Gewalt
2.1.4.1 Die Fünf Thesen der Gewalt
2.1.5 Psychologie des Leidenden
2.1.6 Zur Psychologie der Terroristen
2.1.6.1 Äußeren Zwang
2.1.6.2 Innerer Zwang
2.1.7 Rudolph Höß
2.2 Ernst Federns Beitrag zur Geschichte der Psychoanalyse,
Geschichte der psychoanalytische Pädagogik und die Geschichte
der Sozialarbeit in Amerika
2.2.1 Federns Beitrag zur Geschichte der Psychoanalyse
2.2.1.1 Wer kann eine Geschichte der Psychoanalyse schreiben und
was sollte dabei berücksichtigt werden?
2.2.1.2 Die Protokolle der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und
der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV)
2.2.1.3 Ernst Federns Bemühungen zur einwandfreien Darstellung
Sigmund Freuds. Freud – Held oder Bösewicht?
2.2.1.4 Ernst Federns Beitrag zur Laienfrage in Amerika
2.2.2 Psychoanalytische Pädagogik
2.2.2.1 Die Entwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik ab den
zwanziger Jahre
2.2.2.2 Der Unterschied der Psychoanalyse in Europa und Amerika
2.2.3 Geschichte der Sozialarbeit
2.2.3.1 Unterschiede der Analyse in Europa und Amerika
2.2.3.2 Probleme der Sozialarbeit in Amerika
2.3 Psychoanalytische Sozialarbeit
2.3.1 Drogenmissbrauch - Ernst Federn Versuch der praktischen Anwendung
2.3.1.1 Suchtverhalten im Kindes- und Jugendalter aus
sozialpsychologischer Sicht
2.3.2 Fünf Thesen, warum Jugendliche Drogenabhängig werden
2.3.2.1 Erste Behauptung
2.3.2.2 Zweite Behauptung
2.3.2.3 Dritte Behauptung
2.3.2.4 Vierte Behauptung
2.3.2.5 Fünfte Behauptung
2.3.2.6 Legalisierung von Cannabis
2.4 Ichpsychologie – Entstehungsgeschichte
2.4.1 Theorie nach Heinz Hartmann
2.4.1.1 Edith Jacobson
2.4.1.2 René Spitz
2.4.1.3 Margaret S. Mahler
2.4.2 Unterschied zwischen der Ichpsychologie nach Paul Federn und
Heinz Hartmann
2.4.3 Ichpsychologie nach Paul Federn
2.4.4 Thesen der Federnschen Ichpsychologie
2.4.5 Theorie der Ichpsychologie
2.4.6 Die vier Thesen zur Existenz des Ichs
2.4.6.1 Ichbesetzung und Icherlebnis
2.4.6.2 Innere Geistigkeit und äußere Wirklichkeit
2.4.6.3 Ichstärke und Ichschwäche
2.4.6.4 Ichzustand
2.4.6.5 Depersonalisation und Entfremdung
2.4.6.6 Depression
2.4.7 Psychosen
2.4.8 Schlaf und Schizophrenie
2.4.9 Behandlung von Psychosen und Neurosen

Interviews

Oral History mit Ernst und Hilde Federn, Samstag 10. August 2002

Expertengespräch mit Bernhard Kuschey, Montag 12. August 2002

Resümee

Danksagung

Bibliographie

Literaturliste

Vorwort

Die persönliche Bekanntschaft mit Ernst Federn brachte mich zu dem Entschluss, über diesen bedeutenden psychoanalytischen Sozialarbeiter meine Diplomarbeit zu verfassen.

Der Kontakt zu Ernst Federn entstand über den Verein Klagenfurter Psychoanalytische Mittwoch-Gesellschaft. Dieser Verein bittet in regelmäßigen Abständen bekannte Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen im deutsch- und englischsprachigen Raum um Geld- und Bücherspenden. In diesem Zuge ließ Ernst Federn der Klagenfurter Psychoanalytischen Mittwoch-Gesellschaft einen Teil seiner Bibliothek zukommen, da er diese auf Grund seiner Übersiedelung ins Altersheim aufgelöst hatte.

Ein Besuch mit Ernst und Hilde Federn wurde im August 2000 in Wien vereinbart. Bei diesem ersten Treffen berichtete Ernst Federn einem Studienkollegen und mir über seine politischen Aktivitäten als illegaler Kommunist in Österreich, über seine Erlebnisse im zweiten Weltkrieg, seine Internierung in Konzentrationslagern und über seinen Vater, der ein Mitbegründer der psychoanalytischen Bewegung um Freud war. Die Familie Federn war konfrontiert mit Immigration – Emigration – politische Tätigkeit und Deportation.

Es entstand ein sehr vertrautes Gesprächsklima und weitere Besuche wurden vereinbart. Die zurückhaltende Art der Analytiker in Österreich und Deutschland, welche sich nach Federns Wunsch auch zum tagespolitischen Geschehens äußern sollten, wurde bemängelt. Anlässlich der großen Buchspende Ernst Federns entschloss sich der Verein, die Bibliothek „Ernst Federn-Bibliothek“ zu nennen. Diese Würdigung wurde dankend angenommen.

Ernst Federn ist einer der bedeutendsten psychoanalytischen Sozialarbeiter in Österreich. Sein Vater war Weggefährte im psychoanalytischen Bereich von Sigmund Freud. Beide haben maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung der psychoanalytischen Sozialarbeit geleistet. Die Eventualität, offene Fragen persönlich an

Ernst Federn richten zu können erwies sich als sehr hilfreich und bereichernd bei der Beleuchtung seines Lebens und Werks im Rahmen meiner Diplomarbeit.

Einleitung

Da die Literatur über das Leben und Werk der Familie Federn zu umfassend ist um sie gebührend darzustellen, gliedere ich meine Diplomarbeit in zwei Bereiche. Im ersten Teil der Diplomarbeit geht es um die Familie Federn, welche durch Salomon Federn in erster Generation von Prag nach Wien kam und Fuß fasst. Die zweite Generation flüchtete größtenteils nach Deutschland, Frankreich, England und Amerika. Ernst Federn, die dritte Generation, wurde unter dem nationalsozialistischen Regime verhaftet und sieben Jahre in Gewahrsam genommen.

Berichtet wird über die Geschichte der Familie Federn im Zusammenhang mit ihrer Emigration, von Prag nach Wien über Amerika wieder zurück nach Wien. Beschrieben wird ebenfalls politische Tätigkeit und Deportation und die spätere Ablegung der jüdischen Tradition in der Familie. Ernst Federn wurde wegen seiner jüdischen Wurzeln und seiner politischen Tätigkeit inhaftiert. Die Biographie der Familie Federn wird mit historischem Angaben und mit Literatur zum Judentum expliziert.

Josef Salomon Federns Begierde nach Neuem und Aufregendem führte zum Auszug aus Prag und er entdeckte in Wien seine neue Heimatstadt. Salomon Federn war Sohn eines Rabbiners, legte aber den jüdischen Glauben ab. In Wien absolvierte er die Matura als Autodidakt und inskribierte an der Wiener Universität Medizin. Nach seinem Abschluss eröffnete er seine Privatpraxis und lernte auf diesem Wege seine spätere Frau Ernstine Spitzer kennen.

Trotz der Tatsache, dass Salomon und Ernestine Federn keine Liebesheirat geschlossen hatten, entsprossen dieser Verbindung sechs Kinder. Nach alter orthodoxer Tradition musste das erste Kind (Karl) Jura, das Zweite (Walther) Volkswirtschaft und das Dritte (Paul) Medizin studieren. Nach den drei Buben folgten ein Mädchen (Else), noch ein Junge (Robert) und als sechstes wurde noch ein Mädchen (Marietta) geboren. Beide Frauen wurden im Laufe der Jahre bekannte Frauenrechtlerinnen und waren in der Sozialfürsorge engagiert. Der jüngste Sohn Robert wurde Autor und Verleger in Berlin.

Interessant ist hier, dass die Geschwister von Paul Federn in ihrer Zeit sehr bekannt waren und sich alle einen festen Platz in der Gesellschaft erarbeitet hatten. Die politische Orientierung der Kinder ging in alle Richtungen, so waren Paul, Etta und Else Federn bekannte Sozialisten in Wien, Walther Federns Einstellung war eher liberal und Karl Federn war äußerst konservativ und er verfasste im Emigrationsland England ein Buch gegen den Marxismus.

Trotz seiner Leidenschaft zur Biologie wurde Paul Federn Arzt, im Jahre 1902 bat er Hermann Nothnagel ein Treffen mit Sigmund Freud zu arrangieren. In Folge dessen wurde Paul Federn im Jahre 1903 das fünfte Mitglied in der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft. Abgesehen von seinem Enthusiasmus für die Psychoanalyse arbeitete er als Hausarzt und lernte in diesem Zuge auch seine spätere Frau Wilma Bauer kennen. Wilma Bauer entschloss sich bereits mit elf Jahren ihren Hausarzt Paul Federn zu heiraten werde, die Hochzeit erfolgte zehn Jahre später. Wilma Bauer-Federns Interessen galten neben der Kunst und dem Sozialismus auch der Psychoanalyse und dementsprechend half sie ihrem Mann beim Anfertigen einiger psychoanalytischen Abhandlungen und war ab 1917 gern gesehener Gast in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Aus dieser glücklichen Ehe gingen drei Kinder hervor: Annie Urbach (geb. Federn), Walter Federn und Ernst Federn.

Alle Kinder Paul und Wilma Federns waren in gewisser Weise durch Extravaganz charakterisiert. Annie wandte sich den Naturwissenschaften zu, machte zuerst ihren Abschluss in Jura, studierte dann Physik, wurde allerdings nach der Heirat „nur“ Hausfrau. Walter Federn, ein berühmter Archäologe, glitt in den Wahnsinn ab und Ernst Federn führte das Werk seines Vaters fort, er wurde selbst ein bekannter Sozialarbeiter.

Ernst Federn kann mit seinem stattlichen Alter von 88 auf ein eindrucksvolles Leben zurückblicken. Aufgewachsen in einer sozialistischen Umgebung, welche den Wunsch hegte, ihn zu einem sozialistischen Führer Österreichs zu erziehen, wurde er zu einem Trotzkist und Mitbegründer der IV. Internationalen Wiens. Aufgrund dieser sozialistischen Tätigkeiten wurde er im Jahre 1936 das erste Mal arretiert und ein halbes Jahr später erneut in Verwahrung genommen. Als 1938 die Nazis in Österreich einmarschierten, wurde er interniert und eingangs ins Konzentrationslager Dachau und später nach Buchenwald abtransportiert. Federn erzählt, dass er immer Glück gehabt hatte, im Konzentrationslager war er meist auf die „Sonnenseite“ gefallen und konnte meist sehr anspruchslose Beschäftigungen ergattern. Er lernte im Konzentrationslager auch prominente Leute wie Bettelheim und Grünbaum kennen. Durch die psychische Not im Konzentrationslager machte Ernst Federn seine ersten Erkenntnisse im psychoanalytischen Bereich und wurde anfänglich von Dr. Brief, selbst Psychoanalytiker, supervidiert. Im April 1945 wurde das Konzentrationslager Buchenwald von den Amerikaner befreit und Ernst Federn entschloss sich, nicht ins kommunistische besetzte Wien zurückzukehren und ging in Folge dessen nach Brüssel. Dort eingetroffen machte er sich daran, seine Erkenntnisse im Konzentrationslager aufzuarbeiten. Erst im November 1946 war es möglich, dass Ernst Federns Verlobte Hilde Paar nach Brüssel nachreisen konnte, so sahen sich die beiden das erste Mal nach siebeneinhalb Jahren wieder und heirateten schließlich im Jänner 1947. Ein Jahr später machte sich die junge Familie Federn nach Amerika auf, da Paul und Wilma Federn bereits im Jahre 1938 in die Vereinigten Staaten emigriert waren. Um im psychosozialen Bereich tätig werden zu können, entschloss sich Ernst Federn, Sozialwissenschaften an der Universität Columbia zu studieren und schloss 1950 das Studium mit dem Master of Social Work ab. Die ersten zehn Jahre in Amerika erwiesen sich für die Familie Federn nicht einfach und da es nicht den Anschein hatte, in New York einen guten Arbeitsplatz zu bekommen, entschloss sich Ernst und Hilde Federn nach Cleveland umzuziehen, wo er als Familientherapeut tätig war.

1972 kehrten Ernst und Hilde Federn wieder nach Österreich zurück, da er als Konsulent im Strafvollzug tätig sein konnte.

Nach der Schilderung von Ernst Federns Leben im ersten Teil folgen nun sein Werk und seine Theorien, welche sich in vier Punkte gliedern lassen.

Ich beginne den zweiten Teil mit der Theorie der Psychologie des Terrors, welche Ernst Federn bereits ein Jahr nach der Dispensation aus dem Konzentrationslager Buchenwald verfasste. Folgend an die Chronik habe ich diesen als ersten Punkt gewählt, da man dadurch die Erlebnisse Ernst Federns im Konzentrationslager besser verstehen kann.

Die Charakteristik Ernst Federns als Historiker und Sozialarbeiter wird im zweiten Punkt behandelt. Aufgrund seinen Beitrag zur Geschichte der Psychoanalyse
durch die Herausgabe der Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung erlangte er unter Anderem große Bekanntheit. Die Veröffentlichung genannter Protokolle konnte erfolgen, da Paul Federn selbst Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung war und die Schriften von Freud 1938 selbst erhielt. Sigmund Freud maß den Protokollen keine großen Wert zu und deswegen hatte Anna Freud und Ernst Freud kein Wissen über diese. Die korrekte Darstellung Freuds ist für Federn ein wichtiges Bedürfnis, dementsprechend setzt er sich auch mit den Gründen zur Freudkritik auseinander. Ein weiterer Punkt in der Geschichte der Psychoanalyse ist die langjährige Diskussion über die Laienanalyse, welche ihren Ursprung bereits 1926 hatte und erst 1990 in Amerika ihr Ende fand. In diesem Jahre gab die Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung dem juristischen Druck der Psychologen nach und gestattete auch Nicht-Ärzten Psychoanalytiker zu werden. Alsdann folgt die Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik, welche ein Teilgebiet der Psychoanalyse darstellt. Die psychoanalytische Sozialarbeit gilt als praktische Anwendung dieser Theorie. Ernst Federn zählt heute neben Bruno Bettelheim und Rudolf Eckstein zu den wichtigsten Vertretern der psychoanalytischen Pädagogik.

Als dritten Teil der Theorie kann man die praktische Anwendung der psychoanalytischen Sozialarbeit finden. Durch die Verschmelzung Sigmund Freuds und Paul Federns Theorien, versuchte Ernst Federn die beginnende Drogenepidemie der Jugendlichen ab den sechziger Jahren zu erklären. Mit Hilfe dieser Theorie leitete er auch bis zu seiner Rückkehr nach Österreich die Drop-In Centers in Cleveland.

Als Ernst Federn 1972 von seinem langjährigen Freund Christian Broda (damaliger Justizminister) ersucht wurde, nach Österreich zurückzukehren und das Strafwesen mit umzugestalten, folgten Ernst Federn und seine Frau Hilde diesem Ruf und kehrten von Amerika nach Wien zurück.

Den Abschlusspunkt des Theorieteils der Diplomarbeit beinhaltet die Ichpsychologie. Ernst Federn tritt dafür ein, dass die Ichpsychologie seines Vater Paul Federn nicht ins Vergessen rutscht.

Der erste Psychoanalytiker, welcher ein Einheit Ich skizzierte, war Alfred Adler. Aufgrund des Protests von Freud gegen die Adlersche Theorie kam es 1911 zum Bruch mit der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV). Auch Paul Federn und Victor Tausk waren an dieser Theorie interessiert, Freud riet Federn, erst das Unbewusste zu begreifen, um den Ich-Begriff definieren zu können. Federn beschäftigte sich seit Beginn seiner analytischen Karriere mit der Ichpsychologie, da er der Ansicht war, dass man nur mit dieser Theorie die Psychosen kurieren könne. Er vertrat diese Theorie nicht einwandfrei, da ihm die Loyalität Freud gegenüber wichtiger war.

Paul Federn hat sein Leben Sigmund Freud und der Psychoanalyse gewidmet. Für ihn war Freud ein unvergleichliches Genie und ein einzigartiger Mann, und bis zu seinem letzten Lebensjahr hielt Federn seine eigene Arbeit für nichts anderes als die engere Ausführung und Anwendung dessen, was Freud entdeckt hatte. (Federn, 1999a, S. 272)

Eine Auseinandersetzung mit der Federnschen Theorie erfolgt im Kapitel der Ichpsychologie, in welchem ebenfalls die Theorien Freuds zum Ich kurz dargestellt wird. Die Begründer der heute verstandenen Ichpsychologie sind Heinz Hartmann und im weiteren Sinne auch Anna Freud. Wichtige Vertreter nach Heinz Hartmann sind Margaret Mahler, Edith Jacobson, René Spitz, Charles Brenner und Jacob Arlow.

Paul Federn emigrierte 1938 in die USA und dort wurde er von analytischer Seite ignoriert und zum Teil auch verleugnet, da man ihm vorwarf, das Unbewusste zu negieren. Eine Weiterentwicklung der Federnschen Ichpsychologie stellt die Transaktionsanalyse von Bernes dar.

Sein Beliebtheitswert in New York war nicht die beste, überdies verscherzte er es sich mit Hartmann, Kris und Loewenstein, indem er ihnen vorwarf, unter „Epigonorrhö“ zu leiden. (Federn/Plänkers, 1994)

Den Schluss der Diplomarbeit bildet ein von mir geführtes Interview mit Ernst und Hilde Federn, sowie ein Interview mit dessen Biographen, Bernhard Kuschey. Weiters ist in der Diplomarbeit eine Gesamtbibliographie von Ernst Federn zu finden.

1 FAMILIENCHRONOLOGIE

1.1 Josef Salomon Federn
(21. November 1831 – 07. November 1920)

Josef Salomon Federn wurde am 21. November 1831 in Prag als Sohn des angesehenen Rabbis, Elias Bunzl-Federn, geboren. Elias Bunzl-Federn war Sekretär der jüdischen Vereinigung in Prag, eine Obliegenheit, mit welche die Familie bereits seit dem Jahre 1648 betraut war. Der Name Bunzl leitet sich von Bunzlau in Böhmen, dem Herkunftsort der Familie, ab, da jedoch der Name Bunzl in Prag keine Rarität war, wurden den einzelnen Familien Beinamen zugeschrieben. Elias Bunzl erwarb den Ehrennamen Feder, welcher auf die Locken hinter dem Ohr der Rabbis verweist. Der Plural dieses Wortes wurde fortan zum Namen der Familie, dementsprechend war der ursprüngliche Namen „Bunzl mit der Federn“. (Urbach, 1972)

Im Alter von sechzehn Jahren verließ Josef Salomon Federn Prag um in Wien sein Glück zu versuchen. „Er war der einzige Sohn unter sehr vielen, acht oder neun, Mädchen und hielt das offenbar nicht aus und ging nach Wien als junger, als gar nichts eigentlich und hat da seine Matura noch gemacht“ (Federn, 1998, Min. 22)

1.1.1.1 Der moderne Nationalstaat und die Assimilation[1]

Wien war die Hauptstadt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, ein Vielvölkerstaat, in dessen Metropole divergierende Nationalitäten aufeinander trafen und verschmolzen.

Die Tatsache, dass die Juden sich vom Rest der Bevölkerung abhoben, war nichts Ungewöhnliches. Sie unterschieden sich in Lebensstil, Lebenseinstellung und Lebensart. Im Sinne der Unterschiedlichkeit machten sich die Juden zu einer Gruppe von Phänomenen, die vom modernen Nationalstaat nicht gerne gesehen wurden. Der Staat wollte keine Vielfalt sondern eine Einheit. „Die meisten Autoren des 18. Jahrhunderts, besonders auf dem Kontinent, erschien der Jude aus Fleisch und Blut mit seinem Bart, seinen Gewändern und dem gänzlich irrationalen zeremoniellen Gesetz als etwas Geringeres als ein menschliches Wesen.“ (Meyer, 1979, S. 15) Der Staat reduzierte individuelle Traditionen auf ein Minimum und eliminierte Privilegien, indem alle der gleichen Gesetzgebung unterworfen wurden, damit waren die Gruppenvorrechte entwichen. Es versteht sich fast von selbst, dass die Durchführung der gleichgestellten Gesetze nicht von heute auf morgen möglich war. Die Durchführung war jenseits des Rheins, also in Frankreich, einfacher als in den deutschsprachigen Ländern vorangeschritten. So schreibt Bauman auch, dass die deutschen Juden neidisch auf die Gesetzgebung der Franzosen schauten. „Die Modernisierung war auch ein kultureller Kreuzzug; ein machtvoller und rücksichtsloser Drang, Unterschiede in Werten und Lebensstilen, in Bräuchen und der Sprache, den Überzeugungen und im öffentlichen Benehmen auszurotten.“ (Bauman, 1996, S. 145)

Assimilation erzeugte die Realität, an die zu assimilieren man sich bemühte, die einzige, an die sich zu assimilieren man hoffen konnte. Die Assimilation nährte sich von sich selbst und wurde allmählich zum Selbstzweck. Sie führte von der Welt weg, die hinter einem zurückblieb, kam aber der Welt vor einem, auf die sie anscheinend zielte, nicht näher. (Bauman, 1996, S. 113)

Da die Juden zu einem angesehenen Teil der Gesellschaft werden wollten, wurde die Assimilation zu einer Art selbstzerstörerischen Notwendigkeit, denn die Anpassung an das zu übernehmende Wertesystem implizierte eine fundamentale Preisgabe eigener autochthoner Einstellungen und Traditionen. Die deutschsprachigen Bürger allerdings standen diesen Bemühungen weniger wohlwollend gegenüber und versuchten die Annahme der neuen Traditionen als das simple Tragen einer Maske, die die Juden aufsetzten, um zur Gesellschaft zu gehören, zu dekuvrieren. „Traurigerweise war diese Maske die einzige Realität.“ (Gilman, 1985, S.174)

Mit der Anpassung an die Strukturen der neuen Gesellschaft korrespondierten selbstredend aber auch Assimilationssymptome, wobei deren Rangliste von Scham und Verlegenheit getoppt wurde. Sobald der Assimilationsdruck erst einmal als maßgebend und gerechtfertigt anerkannt wurde, internalisierten diejenigen, die ihn als solchen akzeptierten, ihren ambivalenten Status und verurteilen sich in diese Weise zu einer permanenten Wachsamkeit, die kein Abrücken mehr von dieser ihrer Meinung erlaubte. Da sie die altmodischen, entehrend und deshalb als peinlich empfundenen Aspekte ihrer Religion nicht vollständig aus ihrem Gedächtnis extingieren konnten, mussten sie die eigenen quälenden Erfahrungen der Ambivalenz nach außen projizieren. Diesem Phänomen unterlag auch Salomon Federn, er legte die Tradition ab, aber seine Kinder mussten nach streng orthodoxer Tradition die Berufe erlernen.

Assimilation ist, im Unterschied zum Austausch zwischen Kulturen oder kultureller Diffusion im allgemeinen, ein typisch modernes Phänomen. Sie leitete ihren Charakter und ihre Bedeutung von der modernen „Nationalisierung“ des Staates her, d. h. von dessen Anspruch auf rechtliche, sprachliche, kulturelle und ideologische Vereinheitlichung der Bevölkerung, die das Territorium unter seiner Rechtssprechung bewohnt. Ein solcher Staat tendiert dazu, seine Autorität eher durch Bezug auf eine gemeinsame Geschichte, einen Gemeingeist und eine einzigartige und exklusive Lebensweise zu legitimieren als auf äußere Faktoren (wie z. B. dynamische Rechte oder lediglich militärische Überlegenheit), die im großen und ganzen gegenüber den unterschiedlichen Lebensformen der beherrschten Bevölkerung indifferent sind. (Bauman, 1996, S. 177)

Die kulturelle Assimilation war eine besondere individuelle Aufgabe und Aktivität, während sich die politische Diskriminierung und die politische Emanzipation auf die „fremde“ Gemeinde insgesamt bezog. Obwohl die Assimilation ihrer Aufgabe, die Menschen von ihrer Herkunftsgemeinde zu entfremden, gerecht wurde, fühlten sich die Assimilierten aufgrund der schwelenden Animositäten nicht in ihre neue Heimat integriert.

Das Projekt der Assimilation der Moderne hat ihre eigenen Totengräber hergestellt. „Unabsichtlich hat es die Bühne bereitet, auf der das Drama der modernen Kultur vor vollem Haus und unter erstaunlichem und andauerndem Beifall gespielt werden sollte.“ (Bauman, 1996, S. 194)

An dieser Stelle sollte noch erwähnt werden, dass es zwei wichtige Gruppen von Juden gab, das waren Ost- und die Westjuden. Die Westjuden waren bereits in die Gesellschaft „integriert“, so weit man dies sagen kann. Sie waren die Intellektuellen und Reichen. Zwischen den Westjuden und den Ostjuden, welche zum größten Teil in Ghettos untergebracht waren, herrschten gewisse Spannungen. So wurden die Ostjuden von den besser integrierten Westjuden bezichtigt vormodern, rückschrittlich, lächerlich und abergläubisch zu sein. Durch die Annexion Polens und Schlesiens hatten die deutschen Juden die Aufgabe, die Ostjuden zu entkulturalisieren und zu sozialisieren, indem sie sie mit den Gepflogenheiten der mitteleuropäischen Kultur vertraut machten und für sie als Dolmetscher fungierten. Bauman (1996) postuliert, dass ohne diese deutsche Vermittlung die osteuropäischen Juden für ihre westliche Verwandtschaft sprachlos und ohne Erscheinung geblieben wären.

Folglich blieb das deutsche Judentum für die Dauer der „Hochmoderne“ und durch die Höhepunkte der jüdischen Assimilation hindurch die lebensnotwendige Klammer, die die beiden Zweige der jüdischen europäischen Diaspora zusammenhielt. Im Ergebnis, wenn auch nicht notwendig nach ihrem eigenen Plan, dienten sie als Testgelände für die Lebensfähigkeit der kulturellen Assimilation als Mittel der sozialen Integration in einer modernen (oder eher sich modernisierenden) Gesellschaft. (Bauman, 1996, S. 142f)

Die jüdische Tradition wurde quasi einem staatlich verordneten Modernisierungsprozess unterworfen. Mit Hilfe gezielter motivationaler und auch manipulativer Strategien wie öffentlichen Diskussionen wurden Assimilation und Anpassung propagiert. Dieser sogenannte staatliche Modernisierungsprozess der Juden hatte seinen Ursprung in Deutschland und in den deutschsprachigen Ländern. Allerdings war der Modernisierungsprozess bis zu einem gewissen Grad auch von den Juden selbst gewollt, reflektiert und theoretisch begründet. Das heißt, die Assimilation und Adaption beruhten auf gegenseitigem Interesse, waren also einerseits aufoktroyiert und andererseits freiwillig.

Als ein Zeichen der Assimilation extingierte Salomon Federn das Wort “Bunzl“ aus seinem Namen. Obwohl sich damals sehr viele Juden taufen ließen, damit ihnen Tür und Tor in einer katholisch dominierten Gesellschaft offen stand, lehnte Federn diese Option ab, da es seiner Ansicht nach unrecht sei, zu einer Religion zu konvertieren, deren Werte man nicht wirklich vertreten kann. Wie folgendes Zitat illustrieren soll, war die Taufe für viele Juden eine Verkürzung des Assimilationsprozesses: „Sollten wir ewig verhöhnt und verspottet und zurückgesetzt werden, etwa wie in Wien, oder verdrängt, wie in Rumänien, oder hingemordet werden, wie in Kischinew?...so glaube ich, dass uns nichts anderes übrigbleibt, als überzutreten zur Landesreligion.“ (Österreich, Wochenzeitschrift, 29.5.1903, S. 359; zitiert nach: Gaisbauer, 1988)

Seine politische Einstellung war sehr liberal und im März 1848[2] stieg er für die Friedensbewegung auf die Barrikaden.

„1850 legte F. [Federn], nachdem er sich den nötigen Lehrstoff als Autodidakt angeeignet hatte, in Wien die Reifeprüfung ab, ohne jemals eine öffentliche Unterrichtsanstalt besucht zu haben.“ (Wyklicky, 1961, S. 44) Nach der Matura nahm Salomon Federn das Studium der Medizin an der Universität Wien auf, zu seinen prominentesten Lehrern zählten Carl Freiherr von Rokitansky[3] und Josef Skoda[4]. Da Salomon Federn als Student sehr ambitioniert und talentiert war, wurde er von der Universität als Tutor eingestellt. Mit dem dabei erhaltenen Verdienst musste er seinen Lebensunterhalt finanzieren und für seine Bücher aufkommen. Er war ein sehr ehrgeiziger Student und meinte, wer mehr als fünf Stunden am Tag schlafen würde, sollte kein Doktor werden. Nachdem er sein Praktikum an der Wiener Universitätsklinik abgeschlossen hatte, wurde er zum dritten[5] jüdischen Arzt in Wien. (Urbach, 1972) Ermöglicht hat dies unter anderem die liberale politische Gesinnung des damaligen Staatsministers Anton Ritter von Schmerling[6].

Salomon Federn wurde ein renommierter Familienarzt in Wien und schaffte sich sogar eine Kutsche an, die ständig bereitstehen musste, um alle Termine bei seinen Patienten wahrnehmen zu können. Von seine wohlhabenderen Patienten bezog er eine jährliche Gebühr, wodurch es möglich wurde, mittellosen Menschen eine Behandlung ohne Bezahlung teil werden zu lassen. Zur damaligen Zeit war es üblich, dass ein guter Familienarzt seine Patienten nicht nur im Krankheitsfall besuchte, sondern auch gelegentlich nach dem Rechten schaute, jeder Arzt kannte die Geschichte der Familien, die er betreute. (Urbach 1972)

Salomon Federn war in eine seiner Patientinnen, Jeanette Spitzer, verliebt, da diese aber verheiratet war, nahm er die achtzehn jährige Tochter Ernestine zur Frau. „Es war eine unglückliche Ehe.“ (Federn, 1998, Min. 24)

Federn blieb zwar keine Zeit eine akademische Karriere anzuvisieren,

...führte aber seine wissenschaftlichen Arbeiten als praktischer Arzt in eigener Regie weiter. Daraus erklärt sich das Ausbleiben jedes weiteren akademischen Titels. Seine Hauptarbeit galt der Messung und Wertung des Blutdrucks und Physiologie und Pathologie des Gefäßsystems, vor allem im Splanchnikusbereich. In späterer Zeit besuchte er als alter Praktiker noch die Vorlesung von S. Stricker und N. Nothnagel, aber auch Laboratorien und Seziersäle. (Wyklicky, 1961, S. 44)

Er war der Erste der regelmäßig den Blutdruck seiner Patienten mit dem neu eingeführten Sphygnomanometer[7] maß und wurde anfänglich deswegen angefeindet. Jahre nach seiner Pensionierung honorierte die Wiener Akademie der Medizin seine Leistungen und installierte eine Ehrentafel für seine Verdienste.

Sein achtzigster Geburtstag wurde von der Wiener Universität mit einem großen Fest zelebriert und zog auch Artikel in diversen Tageszeitungen nach sich. Noch im hohen Alter blieb er agil, besuchte weiter seine Patienten, führte wissenschaftliche Studien durch, lernte höhere Mathematik und neue chirurgische Methoden. Ab seinem 85. Lebensjahr verlangte er keine Bezahlung mehr von seinen Patienten, im hohen Alter von 89 erkrankte er an einer Nierenentzündung, der er letztendlich erlag. (Urbach, 1972)

1.2 Ernestine Federn, geb. Spitzer (1848 – 1930)

Ernestine Spitzer, Salomon Federns spätere Frau, wurde 1848 in Wien als einzige Tochter des Kleiderfabrikanten Benjamin Wolf Spitzer (in zweiter Ehe) und der Jeanette Spitzer geboren. Sie hatte zwei Halbbrüder, die aus der ersten Ehe des Vaters stammten. Von ihren älteren Brüdern wurde sie als Kind oft geschlagen.

Ernestines Mutter war wenig gebildet, was für die damalige Zeit ganz normal war. Ernestine hingegen war musisch und künstlerisch sehr begabt und war Schülerin bei Tina Lang-Blau[8]. Als Familienarzt und Lehrer für ihre Tochter wählte Jeanette Spitzer Dr. Salomon Federn aus. Dieser verliebte sich, wie bereits oben erwähnt, in Jeanette Spitzer. Um überhaupt in ihrer Nähe sein zu können, nahm Salomon Federn, der zu dieser Zeit bereits ein arrivierter Arzt war, die siebzehn Jahre jüngere Ernestine am 27.01.1867 zur Frau. (Urbach, 1972) Das Drama spitzte sich zu, als Ernestines Mutter bald nach der Hochzeit Witwe wurde. Bis zum Jahre 1900 lebte sie sogar im Federnschen Haushalt.

Ernestine Federn führte das anstrengende Leben einer Frau eines angesehenen Mediziners. Das Haus Federn war ein Zentrum des sozialen und intellektuellen Lebens in Wien. Zwanzig Personen beim Abendessen waren kein seltener Anblick, nach dem Essen wurde oft über soziale und ethische Fragen diskutiert. Ihre Engagement erschöpfte sich aber nicht in der Führung des Haushaltes: zuerst war sie im Verein "Soziale Hilfe" tätig und ab 1890 beteiligte sie sich, unterstützt von ihrem Sohn Karl Federn, an der Gründung und Leitung der "Kunstschule für Frauen und Mädchen". Tatkräftig förderte sie auch ihre im Verein Settlement[9] aktive Tochter Else. Ernestine leitete über zwanzig Jahre lang, zuerst als Mitarbeiterin von Marie Lang und dann selbstständig, die Mütterabende des Vereins Settlement, führte Beratungen durch und organisierte Vorträge und Veranstaltungen. (Malleier, 2001)

Salomon und Ernestine Federn hatten zusammen sechs Kinder: Karl, Walther, Paul, Else, Hans-Robert und Marietta (Etta).

1.2.1.1 Die Bedeutung des Judentums um die Jahrhundertwende

Karl Streckfuß`s Schrift Über das Verhältnis der Juden zu den christlichen Staaten (1833) stellte drei Gruppen innerhalb der Juden dar. Die erste Gruppe waren die emanzipierten, gebildeten und wohlhabenden Juden, die in den meisten Fällen auf die Ausübung ihrer Rituale verzichteten und ihre Kinder taufen ließen, die zweite Gruppe stellten die orthodoxen, traditionsbewussten Juden dar, die ihre eigene Sprache sprachen und der Gesellschaft nicht angehörten, die letzte Gruppe bildeten die ungebildeten aber eingebildeten Neureichen. Die Gleichstellung der Juden musste mit allen drei Gruppen vonstatten gehen und dies war für die meisten Menschen der deutschsprachigen Bevölkerung ein Problem. (Schubert, 2001) Für den größten Teil der westlichen Juden, die sich eine Position in der Ersten Gruppe, also der Mittel- und Oberschicht, erarbeitet hatten, bedeutete Assimilation nicht mehr als ein Gleich-sein-wie-Andere. Sie hatten sich in ein allgemeines Anpassungsbild der öffentlichen Erscheinung eingeordnet. Die zunehmende Emanzipation der Juden in Deutschland und im österreichisch-ungarischen Kaiserreich ist die Geschichte eines ununterbrochenen und erstaunlichen Erfolgs.

In Wien konnte man auch von einer „roten“ Assimilation sprechen. Viele Juden traten der Sozialdemokratischen Partei bei und engagierten sich in der revolutionären Bewegung.

Der erhoffte Sieg des Sozialismus würde zur Auflösung der Klassenherrschaft, der Klassenschranken führen, die internationale Verschmelzung der Kulturvölker auch zum Verschwinden des Judentums. Das jüdische Engagement in revolutionären Bewegungen ist auch religiös motivierbar. Der Gedanken der Endlösung der Welt, als die Überzeugung, daß das Reich des Messias in der Welt und unter Mitarbeit der Menschen richtet werden wird, wurde transformiert. (John/Lichtblau, 1990, S. 384f)

Das Bewußtsein, ein Volk zu sein, und der mit dem spezifischen Volksbegriff des Judentums zusammenhängende messianische Anspruch wurde vergessen, verleugnet oder sublimiert. Ein eher brutaler Ausweg aus diesem Dilemma findet sich im Beschluß des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde aus dem Jahre 1971, die auf Zion Bezug nehmenden Stellungen aus dem Gebeten zu tilgen. (Dethloff, 1986, S. 11f)

1.2.2 Kinder von Salomon und Ernestine Federn

Die Erziehung der sechs Kinder von Salomon und Ernestine Federn war von einem liberalen Stil geprägt. Da die Schwester von Salomon Federn in Chicago lebte, waren auch alle an englischer Kultur und Literatur interessiert. Ihr Sohn, Georg Pick, verbrachte seine Flitterwochen in Wien und half den Federns bei jeder finanziellen Notlage aus. Dieses amerikanische Standbein der Familie erklärt auch, warum die meisten der Federns (Paul Federn, Walter Federn, Walther Federn, Ernst Federn) in die Vereinigten Staaten emigriert sind. „Die Federns lehnten die jüdische Orthodoxie sowie auch den Zionismus ab, da sie sich mehr der deutschen Klassik als dem Judaismus verpflichtet fühlen.“ (Federn, 1998, Min. 33)

Die Familie Federn war israelitischer Konfession, welche nicht praktiziert wurde. Etta Federn war die Fortschrittlichste, sie trat der evangelischen Kirche bei und ließ sich taufen. Wilma Bauer, die Frau von Paul Federn, war protestantischen Glaubens und ihre drei Kinder wurden getauft. Ernst Federn wurde mit drei Jahren getauft. Bis zu diesem Lebensjahr kann man seinen Namen auch noch in den Registern der Israeltischen Kultusgemeinde finden.

1.2.2.1 Berufsmöglichkeiten und –chancen der Juden

Juden hatten oft nicht die Möglichkeit in traditionellen Berufen zu arbeiten, da sie keine Geburtsurkunde hatten. So blieb einigen nur die Wissenschaft als Ausweg. Freud meinte, um der Erniedrigung der Gesellschaft zu entgehen, gibt es nur zwei Mittel: Geld und Wissen. Die Erniedrigung hatte Freud bereits als Kind, als die Familie Freud nach Wien kam, erfahren. (Bauman, 1996)

Verstädterung und Assimilation waren Phänomene, die zueinander in naher Korrelation standen, doch bedeutete die Tatsache, daß jüdische Zuwanderer aus größeren Städten und Bevölkerungszentren nach Wien kamen, durchaus nicht, daß sie assimiliert waren oder sich um Integration in den nichtjüdischen Kulturkreis bemühten. Die Juden Böhmens und Mährens waren in geringerem Maße verstädtert als die übrigen Juden Österreichs, und doch assimilierten sie sich rascher als das europäische Kulturmilieu als die osteuropäischen Juden. Bald schon bildeten sie die Mehrheit der assimilierten Juden in Wien. Die galizischen Juden irgendeiner anderen Provinz, bildeten in Wien dann die religiöseste und am wenigsten assimilierte Gruppe und stellten so die demographische Grundlage für einen Großteil des national- und kulturbewußten jüdischen Separatismus in Wien dar. (Rozenblit, 1989, S. 54)

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Berufsgruppen, in denen Juden zu finden waren, hauptsächlich Handel und Geldverkehr. Die auf Diskriminierung beruhende Desintegration begann sich mit Ende des 19. Jahrhunderts aufzulösen. Der Anteil der im Handel arbeitenden Juden nahm ab, der Anteil der Angestellten nahm zu und die Anzahl der Arbeiter blieb weiter gering. Um 1880 begann man auch vermehrt die Söhne auf die Universität zu schicken. So waren zum Beispiel im Studienjahr 1885/6 35 % aller Studierenden und 28 % der Mittelschüler mosaischen Glaubens. (John/Lichtblau, 1990) Die meisten dieser Studierenden waren in den Studienrichtungen Jura und Medizin zu finden. Dies schürte den Neid der Mittelschicht, welche sich nicht weiterbildete, da die Juden meist sehr erfolgreich in ihren Berufen waren.

In Wien lebten zu dieser Zeit Angehörige dreier verschiedener Gruppen. Die aschkenasischen, die sefardischen und die chassidischen Juden. Sefardim bezeichneten sich die spanischen und portugiesischen Juden. Das Kernstück ihrer Lehre war das Buch von Josef Karo (1488–1575), das Gesetzeswerk Schulchan Aruch. Ab dem 18. Jahrhundert siedelte sich diese jüdische Gruppe auch in Wien an. Sefardim und Aschkenasim bezeichneten ursprünglich die territoriale Verteilung. Aschkenasim waren die Juden Deutschlands, Mittel- und Osteuropas. Sie beziehen sich wesentlich auf den Kommentar zur Schulchan Aruch des Krakauer Rabbiners Moses Isserles (1510 oder 1520-1572).“ (John/Lichtblau, 1990, S. 34) Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren 90 % aller Juden Aschkenasim. Die chassidischen Juden war eine mystisch-religiöse Gruppe. Begründet wurden sie von Israel ben Elieser ba al Schemtow (1700-1760). (Schubert, 2001)

1857 lebten knapp 1 % aller Juden Österreichs in Wien, 1900 waren es bereits 13 %. Erst durch die Aufhebung der Wohn- und Ansiedlungsbeschränkungen für Juden war die Zuwanderung in Wien möglich. „Die soziale Lage der Juden wurde einerseits als Blütezeit unter dem besonderen Schutz Kaiser Franz-Josephs beschrieben, andererseits stand einer sich verstärkt vollziehenden Assimilation ein ebenso wachsender antijüdischer Rassismus mit zunehmender Radikalisierung gegenüber.“ (Mühlleitner, 1993, S. 32) Die christlich-soziale Partei bekannte sich im Jahre 1897 zum Antisemitismus, die damaligen Politiker forderten öffentlich die Ausrottung der Juden. Einer von ihnen war Karl Lueger, christlichsozialer Politiker, welcher die politische Brisanz des Antisemitismus in seinen Wahlkampfparolen offen zu Tage legte. Bereits in den Jahren 1895 und 1896 erzielte Luegers Partei die absolute Mehrheit, Kaiser Franz-Joseph weiterte sich jedoch, den Wahlsieg der Christlichsozialen zu bestätigen. Der Druck auf den Kaiser wurde jedoch im Jahre 1897 so stark, dass er Lueger als Bürgermeister von Wien anerkennen musste. (Schubert, 2001)

Die höhere Schulbildung war auch eine Möglichkeit, den Aufstieg der Mädchen und der Jungen zu fördern und die Assimilation voranzutreiben.

Im Gegensatz zu den Juden schickte nur die Oberschicht der nichtjüdischen Gesellschaft ihre Söhne jemals in das Gymnasium. ... Die Väter der nichtjüdischen Schüler an den hier untersuchten Gymnasien genossen weiteraus höheren sozialen Status und stammten aus einer viel schmäleren Schicht der Wiener Gesellschaft als die Väter der jüdischen Mitschüler. (Rozenblit, 1989, S. 120)

Auch an den Schulen trat das Phänomen ein, dass Juden vorwiegend Schulen besuchten, die überwiegend jüdisch waren. Es war ein Privileg ein Gymnasium zu besuchen. Den Juden bot das Gymnasium nicht nur Zugang zu prestigeträchtigen Karrieren, sondern auch die Möglichkeit von Akkulturation und Assimilation in die Welt europäischer Kultur, Bildung und Geistesleben.

„Nach den Jahrzehnten des Assimilationsabenteuers war nur noch wenig von der vormodernen Kohärenz der jüdischen Welt übrig.“ (Bauman, 1996, S. 152) Die nachkommenden Generationen fragten sich, warum sie in diese zugewiesene Welt gekommen waren. Die diskriminierende Einteilung in Gruppen war für sie nicht nachvollziehbar. Die Nachfolgegenerationen waren nicht mehr wirklich an jüdischer Tradition und jüdischem Glauben interessiert. Dies ist auch in der Familie Federn erkennbar. Bereits Salomon Federn hatte die Tradition abgelegt, obwohl sein Vater ein sehr aktiver Rabbi war.

Obwohl viele von ihren Eltern getauft wurden und christlicher Konfession waren, blieben sie für die Umwelt doch dem Namen nach Juden. Auch Salomon Federn hätte sich taufen lassen können, jedoch wollte er keiner Konfession angehören, dessen Werte er nicht vertreten kann. Einige achteten auch noch die alte jüdische Tradition, verehrten diese aber nicht wirklich. Dies verletzte verständlicherweise jene Angehörigen der älteren Generation, welche konservativ geblieben waren und nicht nachvollziehen konnten, wie man diese Tradition aufgeben kann. Es war beinahe irrelevant in welche Richtung die Juden sich drehten und wendeten, irgendeine Gruppierung sah sich immer veranlasst, ihre Bemühungen zu diskreditieren. Die deutschstämmigen Bürger hatten Angst vor einer Invasion der eigenen Kultur durch die Juden. Die traditionelle und vormoderne jüdische Absonderung nahm eine neue Form an: die Entfremdung.

Die Sozialisation gliederte die Juden nicht in die deutsche Gesellschaft ein, sondern verwandelte sie in eine abgesonderte, gespaltene und inkongruente Nicht-Kategorie. Diese kann auch Kategorie der „assimilierten Juden“ genannt werden, da sich die ursprüngliche jüdische und auch die deutsche Gemeinschaft davon distanzierten.

Die sich assimilierenden Juden handelten unter dem Druck, ihr Deutschtum beweisen zu müssen, gleichwohl wurde ihnen gerade der Versuch, es zu beweisen, als Beweis ihrer Unaufrichtigkeit und ihrer aller Wahrscheinlichkeit nach auch subversiven Intentionen entgegengehalten. Der Zirkel mußte fehlerhaft bleiben, aus dem einfach Grund, weil die Werte, die die Juden übernehmen sollten, um ihre Anerkennung zu verdienen, genau die werte waren, die die Anerkennung unmöglich machte. Das Deutschtum war, ..., ganz und gar ungeeignet für den Zweck der Assimilation, die durch Lesen und Selbstvervollkommnung vonstatten gehen sollte. (Bauman, 1996, S. 155)

Das Paradoxon der Assimilation wurzelte in dem Umstand, dass genau jene Aktivitäten welche die Kluft zwischen den deutschen und jüdischen Gruppierungen überbrücken sollten, die Juden noch mehr ins Abseits drängten. Die Juden verkehrten in erster Linie mit ihresgleichen und die Deutschen vice versa ebenso. Daraus resultierten zwei Gemeinden, die sich nicht mischen wollten. Auch die Freunde der Familie Federn waren größten Teils assimilierte Juden. So wurde die Hoffnung der Juden ein Deutschland ihrer Vorstellung, bestehend aus gleichwertigen gesellschaftlichen Mitgliedern, zu haben, gnadenlos desillusioniert. Einige wollten den Integrationsprozess vorantreiben und predigten das imaginierte Deutschland, ohne die empirisch bewiesene Wirklichkeit zu sehen. Sie waren echte und leidenschaftliche Patrioten, die ihr phantasmatisches Deutschland verteidigten. So wurden sie als Überbleibsel der Aufklärung abgetan.

Die jüdische Anstrengungen, das Deutschland, das sie liebten, für ein zivilisiertes menschlichtes Zusammenleben etwas besser geeignet zu machen (eine Transformation, die, wie sie glaubten, den Ruhm Deutschlands unter den aufgeklärten Nationen mehren würde), wurden als eine subversive Tätigkeit angesehen, die drohte, die Integrität und Stärke der im Entstehen begriffenen nationalen Gemeinschaft zu untergraben. (Bauman, 1996, S. 158)

Der Druck der Assimilation durch die einheimische deutsche Gesellschaft, die die kulturelle Konformität zur Voraussetzung für die soziale und politische Emanzipation machte, spiegelte sich im Bewusstsein der betroffenen Minorität als Herausforderung des Provinzialismus wider. Bei diesem Prozess schwor die Minderheit der eigenen Tradition ab, weil sie von den Anderen nur als negativ gesehen wurde. Die mit der Kapitulation der Partikularität verwobene Progression von der Insuffizienz der eigenen Kultur führte zu einer Mischung von Stolz und Selbstvorwürfen.

Hier entstanden zwei diametral entgegengesetzte Strömungen innerhalb der jüdischen Tradition: Die einen kann man als stark traditionelle Juden bezeichnen und die anderen intellektuelle und einflussreiche Juden nennen. Die Tradition wurde zuerst verklärt und dann entjudaisiert. „Alle ,charakteristisch´ jüdischen Aspekte der Lebenskunst mußten unterdrückt und verhindert werden, ..“ (Bauman, 1996, S. 165)

1.2.2.2 Kultur und Assimilation

Personen, die dem Zwang der neuen Kultur anzugehören, standhalten wollten, drohte der Ausschluss aus der Gesellschaft und sie mussten damit rechnen, ewig als fremd zu gelten.

Es leuchtet doch ein, daß, sobald erst einmal die kulturellen Idiosynkrasien ausgelöscht worden wären und sich die Verschiedenheit in einer gleichförmigen nationalen Kultur aufgelöst haben würde, das unterschiedslose menschliche Gesicht erscheinen und als solches erkannt werden würde Was am Ende zählte, war die Tatsache, daß die einheimische Elite das Recht für sich beanspruchte und eifersüchtig hütete, darüber zu urteilen und zu entscheiden, ob die Bemühungen, die kulturelle Unterlegenheit zu überwinden, wirklich ernsthaft und vor allem erfolgreich gewesen seien ... (Bauman, 1996, S. 146)

Für die, die sich entschieden, zu der Elite der Gesellschaft zu gehören, war das Leben eine reine Kampfarena, in der sie immer bestehen mussten. Sie hatten ein Leben unter ständiger Kontrolle gewählt, eine lebenslängliche und niemals endende Prüfung. Wer zur Elite gehören wollte, musste sich permanent bewähren und selbst jene, die ihren Platz an der Sonne erworben hatten waren sich bewusst, dass sie wohl niemals völlige Toleranz erwarten konnten. Die Hoffnung, dass ihre Forderungen nach unbedingter Teilhabe an der deutschen Gesellschaft und Kultur Anerkennung finden, verblasste mit der Zeit und ein Rückzug war beinahe unausweichlich. Nach dem Verlust der Gemeinschaft fehlte den Juden jegliches soziale Refugium und sie waren in ein Niemandsland geraten. (Bauman, 1996)

Die meisten Juden sind von der Bevölkerung akzeptiert aber nicht toleriert worden. Diese Einsamkeit und Ausgrenzung aus der Gesellschaft ist mit der Zeit zur Normalität geworden. Wassermann beschreibt das folgend: „Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem einzelnen noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines Ursprungs noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art noch von denen meiner Wahl.“ (Wassermann, 1987, S. 36)

Sigmund Freud hat das Problem der Kollision mit einer fremden Kultur einfühlsam beschrieben:

Der Einheimische [bedarf] eben keiner besonderen Anstrengungen, um sich den Sitten und Denkgewohnheiten seines Landes anzupassen, während der Fremdling, der unaufhörlich vor Rätseln steht, schon dadurch deutlich auffällt, dass er nicht nur für komplizierte Vorgänge, sondern für die simpelsten Dinge, für all die kleinen Banalitäten, die im täglichen Leben ganz mechanisch getan oder gesagt werden, eine Erklärung brauchten. (Robert, 1974, S. 19)

Die meisten intellektuellen Juden (Kafka, Freud,..) der damaligen Zeit publizierten auf deutsch. Jede Untersuchung ihres sozialen und kulturellen Umfeldes gab ihnen den Mut und die Entschlossenheit, Traditionen zu zerstören und neu zu kreieren. Die Suche nach den eigenen Spuren wurde meist in biographischen Texten verarbeitet und/oder sublimiert. Die deutschen Juden waren mehr als ein Jahrhundert lang im Modernisierungsprozess „gereift“.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und auch in der Zwischenkriegszeit rühmten sich die deutschen Juden die reichste, bestsituierte, kulturell fortschrittlichste und schöpferischste Gemeinde in der Diaspora zu sein. „In der Gestalt Moses Mendelssohns dienten sie als Vermittler in der Ehe zwischen Judaismus und Aufklärung. Durch Theodor Herzl[10] leisteten sie denselben Dienst für die Ehe zwischen Judentum und dem modernen Nationalstaat.“ (Bauman, 1996, S. 141)

Wenn die Ereignisse um Dryfus [Theodor] Herzl auch nicht unvermittelt zum Zionisten gemacht haben, so bestärkten sie ihn doch in dem Gedanken, daß es Zeit würde, etwas für die Juden zu tun, zumal des Antisemitismus in Österreich immer mehr zu einer einheitlichen, sozialen und kulturellen Bewegung der deutschen Nationalität wurde und Wien unaufhaltsam zur ersten antisemitisch regierten Hauptstadt der Welt unterwegs war. (Dethloff, 1986, S. 26)

1.3 Karl Federn (2. Feber 1868 – 22. März 1943)

Von 1881–1883 bekam Karl Federn Privatunterricht von Johann Löhr und 1885 machte er die Matura am Akademischen Gymnasium. Er studierte von 1885 bis 1890 Rechtswissenschaften in Wien. Nach dem Studium eröffnete er eine Anwaltpraxis, löste sie aber bald wieder auf, um im Jahre 1908 nach Berlin zu übersiedelte, wo er den Beruf des Historikers und Autors dem des Anwalts vorzog. Im Oktober des selben Jahres heiratete er Helene Elise Schwarz, mit der er zwei Kinder, Karl und Peter, hatte. Von 1915 bis 1918 war er Sonderberichterstatter der „Vossischen Zeitung“ in Lugano, und ab 1919 ging er der Tätigkeit eines Referenten des deutschen Außenministeriums für italienische Angelegenheiten nach. Er übersetzte Melville, Hawthorne, Fennimore Cooper und Dante ins Deutsche. Mit seinem Buch: Dante und seine Zeit gewann er den Strindberg Preis. Mit Rosa Mayreder[11] und Olga Prager[12] gründete er eine Kunstschule für Damen und Mädchen in Wien. Er setzte sich für die Emanzipation und Gleichbehandlung der Frau und für den Föderalismus und die Gleichberechtigung der Völker ein. (Heuer, 1998)

1925 wurde er Mitglied und Abgeordneter des deutschen PEN–Clubs, trat aber 5 Jahre später wieder aus. Sein Roman „Hauptmann Latour“ wurde 1929 aufgrund des morbiden politischen Klimas in Deutschland verboten, weshalb er sich gezwungen sah, 1933 nach Kopenhagen und schließlich im Mai 1938 nach England zu emigrieren. In diesem seinen letzten Exil wurde er als Kritiker des Marxismus sehr bekannt. (Bolbecher/Kaiser, 2000)

1.4 Walther Federn (6. August 1869 – 1. Feber 1949)

Walther Federn machte seinen Schulabschluss an der Handelsakademie in Wien, er studierte Wirtschaft und wurde ein sehr bekannter Ökonom seiner Zeit. Der „Österreichische Volkswirt", eine Wirtschaftszeitschrift, wurde 1908 von Walther Federn gegründet. „Von Beruf Bankangestellter, veröffentlichte Federn Aufsätze über volkswirtschaftliche Themen und schrieb als freier Mitarbeiter für die ,Frankfurter Zeitung´ und eine Wiener Wochenzeitschrift, die spätere Tageszeitung ,Die Zeit´ “. (Röder/Strauss, 1999, S. ) „Er vertrat einen ökonomischen Liberalismus, war aber auch sozialen Ideen aufgeschlossen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs emigrierte er nach Schweden, später in die USA.“ (Röder/Strauss, 1999, S. ) Zu seinen Werken zählen unter anderem: Krieg und Währung (1915), 10 Jahre Nachfolgestaaten: Almanach 1908-1918-1928 (1928), Die Auslandskredite in ihrer finanziellen, wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung (1928) (Killy/Vierhaus, 1996).

1.5 Paul Federn (13. Oktober 1871 – 4. Mai 1950)

Wie alle Buben der Familie Federn ging auch er ins Akademische Gymnasium, „...wo er Jahreskollege der späteren Psychoanalytiker Eduard Hitschmann und Josef Karl Friedjung war.“ (Mühlleitner, 1992, S. 90) Hitschmann, Friedjung und Federn besuchten gemeinsam die gesamte Schulzeit und gingen später auch auf die Universität, dies brachte ihnen den Sitznamen Das Kleeblatt ein.

Nach der Tradition (erstes Kind muss Rechtswissenschaften, zweites Wirtschaft und drittes Medizin studieren) musste er Medizin studieren, seine Leidenschaft galt jedoch der Biologie. Als Resultat depressiven Verstimmungen in der Adoleszenz verspürte er immer mehr den Wunsch, leidenden Menschen zu helfen und so promovierte er im Jahre 1895 als Dr. Med. an der Universität Wien. Einer seiner Lehrer war Dr. Hermann Nothnagel, der ihn auch 1902 bei Sigmund Freud vorstellte. Von 1895 bis 1902 arbeitete er im allgemeinen Krankenhaus in Wien, um anschließend eine Privatpraxis als Internist zu eröffnen.

Nachdem er bei Freud vorgestellt wurde, schloss er sich 1903 der Diskussionsgruppe (Psychologische Mittwoch-Gesellschaft[13] ) an.

Seine Affinität zur Biologie sowie die Freundschaft mit Eugen Steinach und Ernst Freund ließen ihn in „...lebenslanger Fühlung bleiben mit der experimentellen Seite der Medizin, speziell der Physiologie. Seine Stellung zur Biologie hatte drei Aspekte.“ (Meng, 1978, S. 341) Erstens war sein wissenschaftliches Arbeitsgebiet die Erforschung der Biologie der Protozoen sowie des Kreislaufs und dessen Blutgefäße (u.a. um die Lehren seines Vaters zu prüfen). Zweitens fing er nach dem Auflassen seiner Praxis im Jahre 1919 damit an, die Psychoanalyse mit einer Hormontherapie zu kombinieren. Drittens erwuchs der für die Federnsche Psychoanalyse so typische Ich-Begriff aus seiner biologisch-psychoanalytischen Forschungsarbeit.

„Auch Federn war ein Ich-Psychologe im strengen Sinne des Wortes, da seine Untersuchungen Erkenntnisse über das psychotische Ich erbrachten.“ (Blanck/Blanck, 1985, S. 39f)

Im Mai 1905 heiratete er seine Patientin Wilma Bauer, gemeinsam hatten sie drei Kinder: Annie (geb. 1905, verheiratete Urbach), Walter (geb. 1910) und Ernst (geb. 1914).

Durch das Faktum, eine eigene Praxis zu haben, war es Paul Federn möglich, Patienten über einen langen Zeitraum hinweg zu beobachten. Nach seinen Aufzeichnungen erschloss er, dass die undiagnostizierbaren Patienten an diversen Psychosen litten.

Als es zum Ausbruch des ersten Weltkrieg kam, wurde Paul Federn als Militärarzt im Lazarett verpflichtet.

Der Erfolg war glänzend, der junge Analytiker [Paul Federn] war siegessicher und die Familie der Patientin voll des Preises. Heutzutage wäre es technischer Fehler, die hausärztliche Tätigkeit in eine psychoanalytische übergehen zu lassen. Alles das musste aber erst erfahren und erlernt werden. (Meng, 1978, S. 343)

1919 gab Paul Federn die ärztliche Praxis als Internist auf, damit er sich ausschließlich der Psychoanalyse in Lehre, Forschung und Therapie widmen konnte. „PAUL FEDERN lernte die Technik der Psychoanalyse durch FREUDS persönliche Unterweisung. ... Die ersten wichtigsten Arbeiten FEDERNS (1913–1914) hatten die Trieblehre, namentlich die Klärung der Genese des Sadismus und des Masochismus und die Äusserungen von Triebregungen im Traume, zum Gegenstand.“ (Meng, 1978, S. 342)

Von 1908 bis 1938 war er Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Durch den persönlichen Einfluss Freuds und seiner Schüler erlernte er die psychoanalytische Methode und fing an, selbige auf psychotische Patienten anzuwenden. Ab 1914 hielt er auch Vorlesungen in den Vereinigten Staaten ab. (Heuer, 1998)

Aufgrund der Erkrankung Sigmund Freuds wurde er 1924 dessen persönlicher Stellvertreter und mit dem Vorsitz der Erziehungskommission der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung beauftragt. Er „... gehörte zu den wichtigsten Mitarbeitern Freuds und hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung der Psychoanalyse als Wissenschaft und als Bewegung in Europa und USA“. (Heuer, 1998, S. 543) „Es war eine grosse Befriedigung für PAUL FEDERN, dass SIGMUND FREUD, als er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, ihm 1924 mit der Führung der Geschäfte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung betraute, er ersuchte, ihn in der Praxis zu vertreten.“ (Meng, 1978, S. 345)

Weiters war er auch Mitarbeiter im Verein Settlement und der österreichischen Sektion des „International Board of Mental Hygiene“.

[...]


[1] Wörtlich bedeutet Assimilation „gleichmachen“. Das erste Mal wurde Assimilation 1578 genannt, damals verstand man Absorption, die Einverleibung von lebenden Organismen, darunter. Also Substanz, die Natur durch die umwandelt werden, die Verwandlung eines äußerlichen Materials in Flüssigkeiten und Gewebe, die mit den eigenen ident sind, durch Tiere oder Pflanzen. 1626 wurde der Begriff Assimilation das erste Mal metaphorisch und als „gleich machend“ im 18. Jahrhundert verwendet. Vermehrt gebraucht wurde das metaphorische gleich machen erst ab 1837, in der Zeit in der der Nationalismus entstanden war. (Bauman, 1996)

[2] Märzrevolution, 13. März 1848. Es war eine spontane Auflehnung gegen das drückende Metternichsche System des Vormärz in Wien. In den ersten Märztagen reichte der niederösterreichische Gewerbeverein eine Bittschrift an die kaiserliche Regierung ein. Die Petitionen der Wiener Buchdrucker, des Juridisch-politischen Lesevereins, der Bürgerschaft und am 12.3.1848 die der Studenten folgten. Sie forderten Teilnahme des Volks an der Regierung, Öffentlichkeit der Gerichtsverfahren, Geschworenengerichte, Selbstverwaltung der Gemeinden, Aufhebung des Untertanenverhältnisses der Bauern, Festlegung der bürgerlichen Grundrechte, Beseitigung der Zensur, Presse-, Lehr- und Lernfreiheit, Ausweisung der Jesuiten und Gleichstellung der Konfessionen. Da die Bittschriften nicht beantwortet wurden, beschlossen die Univ.-Professoren und Studenten für den 13.März, anlässlich einer Sitzung der Ständevertretung, eine Demonstration. Die Studenten drangen in das Niederösterreichischen Landhaus ein, der Arzt A. Fischhof hielt eine Ansprache und verhandelte mit den ständischen Vertretern. Zu den Studenten gesellten sich auch Arbeiter aus den Vorstädten. Am Nachmittag setzte der Kommandierende General von Wien, Erzherzog Albrecht, Militär gegen die Volksmenge ein, und es gab Todesopfer ("Märzgefallene"). Die Bürger bewaffneten sich und errichteten Barrikaden, in den Vorstädten wurden Fabriken angezündet und Maschinen zerstört. Metternich musste zurücktreten und floh verkleidet ins Ausland. Am nächsten Tag stellte die Wiener Bürgerschaft eine Nationalgarde auf, die Studenten gründeten die Akademische Legion; Vertreter von beiden stellten ein "Zentralkomitee". Der Kaiser hob die Zensur auf, erließ ein freiheitlichen Pressegesetz und versprach eine freiheitliche Verfassung; Polizeiminister J. Sedlnitzky und der Wiener Bürgermeister I. Czapka wurden entlassen. (Zöllner, 1990)

[3] Carl Freiherr von Rokitansky, 1804–1878, bereitete das Fundament der modernen Pathologie vor, welche im Dienste des lebenden Menschen stand. Durch seine präzise morphologische Beschreibung krankhafter Organveränderungen und deren systematischer Aufschlüsselung in Krankheitsbildern wurden die Leistungen der chirurgischen und bioptischen Pathologie möglich. (Killy/Vierhaus, 1998)

[4] Josef Skoda, 1805–1881, Internist in Wien. Baute die Perkussions- und Auskultationsmethode als physikalische Untersuchungsmethode aus und schuf durch Vergleich mit dem pathologisch-anatomischen Befund die Grundlage der modernen Diagnostik. Mit Rokitansky war Sokda der Führer der sogenannten jüngeren Wiener Medizinischen Schule. (Killy/Vierhaus, 1998)

[5] Die beiden anderen waren: Lichtenstein und Teleky (Plänkers/Federn, 1994) Diese Geschichte bezeichnet Bernhard Kuschey als Familienlegende (Siehe Interview mit Bernhard Kuschey)

[6] Anton von Schmerling, 1805-1893, Jurist und liberaler Politiker. Im Jahre 1861 führte er mit Hilfe von Kaiser Franz Joseph das Februarpatent ein. Das Februarpatent teilte die Legislative zwischen Krone und zwei Kammern des Reichsrats auf. Die Wahl der Mitglieder des Abgeordnetenhauses sollte durch die Landtage erfolgen, für die Landesordnungen erlassen worden waren. Später diente das Februarpatent als Grundlage für die Verfassung der westlichen Reichshälfte von 1867. Schmerling war auch für die Einführung des Protestantengesetzes (auch Protestantenpatent) zuständig: Das Patent im April 1861 regelte die Rechtsstellung des österreichischen Protestantismus neu. Das "Bundesgesetz über äußere Rechtsverhältnisse der evangelischen Kirche" vom Juli 1961 ersetzte das Protestantengesetzt. (Rumpler, 1997)

[7] Dieser Sphygmanometer wurde von Basch und Riva-Rocci erfunden. (Plänkers/Federn, 1994)

[8] Tina Blau-Lang, 1845–1916, Malerin in Wien. Sie war Lehrerin im Künstlerinnenverein in München und an der Wiener Kunstschule für Frauen und Mädchen. (Killy/Vierhaus, 1995)

[9] Der Verein Settlement wurde auf Initiative von Marie Lang (siehe Fn 14) gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder, deren Mütter außerhäuslicher Erwerbsarbeit nachgehen, Aufsicht, Weiterbildung und Verköstigung zukommen zu lassen. Das Spektrum der Aktivitäten erstreckte sich von Veranstaltungen von Mütterabenden bis hin zu Kursen zur Hebung des Bildungsstandes und des Verantwortungsbewusstseins der Mütter. (Malleiner, 2001)

[10] Theodor Herzl, 1860–1904, Journalist und Begründer des Judenstaates, Wien. Zu Beginn seines Aufenthalts in Frankreich (1880) begriff Herzl den Antisemitismus noch als ein soziales Problem, dem am wirkungsvollsten durch die Assimilation der Juden zu begegnen wäre. Er wurde jedoch ähnlich wie in seinem Heimatland Österreich mit dem antisemitischen Klima in nahezu allen Lebensbereichen konfrontiert und näherte sich der Forderung nach einem Zusammenschluss der jüdischen Opposition an.

26.-29. August 1897: Herzl veranstaltete in Basel den ersten Zionistischen Weltkongress mit etwa 200 Delegierten. Auf der Tagung wurde das "Basler Programm" beschlossen, das die "Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" forderte. Herzl plante (1898), mittels der Fürsprache der Großmächte den Sultan Abd ül-Hamid II. zu einer Zusage für ein autonomes Gebiet im Rahmen des Osmanischen Reichs zu bewegen. 1899 gründete Herzl den "Jewish Colonial Trust" zum Ankauf von Land in Palästina. Der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain (1836-1914) bot Herzl ein Gebiet in Ostafrika für eine eigenständige jüdische Siedlung an. Das Vorhaben scheiterte an der ungeeigneten Beschaffenheit des Landes und an der Mehrheit der Zionisten, die kein anderes Gebiet als Palästina in Betracht ziehen wollten. (Dethloff, 1986)

[11] Rosa Mayreder, 1858–1938, Sozialkritikerin, Frauenrechtlerin, Philosophin, Schriftstellerin, Malerin und Musikerin in Wien. 1881 heiratete sie ihren Jugendfreund Karl Mayreder. In dem Kreis von Marie Lang in der Villa Bellevue in Wien-Grinzing, der hauptsächlich aus Theosophen bestand, traf Rosa Mayreder auf Persönlichkeiten wie Rudolf Steiner, Hugo Wolf und Friedrich Eckstein. 1892 gründen Rosa Mayreder, August Fickert und Marie Lang den "Allgemeinen Österreichischen Frauenverein", in den sie als Vizepräsidentin gewählt wird. Im Jänner 1894 spricht sie erstmals öffentlich bei einer Frauenversammlung im Alten Rathaus zum Thema "Prostitution" gegen die geplante Errichtung von Bordellen. 1897 gründet Rosa Mayreder zusammen mit Olga Prager u.a. den Verein "Kunstschule für Frauen und Mädchen". Karl Mayreder starb im September 1935. Rosa Mayreder starb am 19. Januar 1938 in Wien und vermacht laut Testament den literarischen Nachlass an Käthe Braun-Prager. (Killy/Vierhaus, 1998)

[12] Olga Prager, 1872–1930, Malerin in Wien. Dank ihrer Mitarbeit und Initiative kam es 1897 zur Gründung der Kunstschule für Frauen und Mädchen. (Killy/Vierhaus, 1998)

[13] 1902 lädt Sigmund Freud vier Männer, namentlich Alfred Adler, Max Kahane, Rudolf Reitler und Wilhelm Stekel zu einer Diskussion über seine Arbeit ein. In Folge entsteht eine Arbeitsgruppe, die sich in den folgenden Jahren jeden Mittwoch bei Freud trifft. Immer wieder kommt es zu Fluktuationen unter den Mitgliedern. Erwähnenswert scheint an dieser Stelle, dass auch stets Frauen unter den Mitgliedern der Vereinigung zu finden waren. Über die Sitzungen werden Protokolle geführt, welche Jahrzehnte später von Ernst Federn, dem Sohn Paul Federns und Hermann Nunberg herausgegeben werden. Im Jahre 1903 stößt Paul Federn zur Mittwoch-Gesellschaft. Von 1906 bis 1914 führt Otto Rank, der auch als Sekretär Freuds eingestellt war, die Protokolle. 1908 wird die Mittwoch-Gesellschaft in den Status eines offiziellen Vereins erhoben und auf den Namen Wiener Psychoanalytische Vereinigung getauft. 1912 gründet Freud die Zeitschrift "Imago", die sich mit der Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Praxis beschäftigt. 1923 erkrankt Freud an Kieferkrebs und ernennt aufgrund des damit verbundenen, immer stärker werdenden sozialen Rückzugs 1924 Paul Federn zu seinem Stellvertreter und Assistenten. Ab 1934 beginnt die Emigration der Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung. 1938 wird die Vereinigung durch die Nazis aufgelöst und die Psychoanalyse wird mit den Juden aus Österreich vertrieben. (Federn/Nunberg, 1976)

Details

Seiten
224
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640235643
ISBN (Buch)
9783640247677
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117033
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
2
Schlagworte
Familie Federn Wandel Zeit Eine Analyse

Autor

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Titel: Die Familie Federn im Wandel der Zeit - Eine biographische und werksgeschichtliche Analyse einer psychoanalytisch orientierten Familie