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Scheidungskinder: Wie Kinder mit der Trennung ihrer Eltern umgehen

Hausarbeit 2002 34 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.0 Die Importanz von Beziehungen einer Familie in der Entwicklung der Kinder
1.1 Die Entwicklung von Beziehungserfahrungen im Kleinkindalter
1.1.1 Die zunehmende Bedeutung des Vaters
1.1.2 Das familiäre Beziehungsdreieck
1.2 Die ödipale Phase
1.3 Die Latenzzeit und Adoleszenz

2.0 Die Bedeutung der Trennung und Scheidung für die Kinder
2.1 Die Familienbeziehung in der Trennung
2.2 Drei Stadien der Reaktionen
2.3 Reaktionsbedingende Faktoren
2.4 Die Ambivalenzphase
2.4.1 Das Kind zwischen den Fronten
2.5 Die Zeit der Trennung und Scheidung selbst
2.5.1 Alterstypische Reaktionen
2.5.2 Geschlechtspezifische Scheidungsreaktionen
2.6 Die Nachscheidungsphase
2.6.1. Die Familienkonstellation nach der Scheidung
2.6.2 Die Nachscheidungskrise
2.7 Symptome als Sprache
2.7.1 Wie Eltern dem Kind gegenüber agieren sollten
2.8 Langzeitfolgen der Scheidung

3.0 Maßnahmen professioneller Hilfe
3.1 Trennungs- und Scheidungsmediation
3.2 Trennungs- und Scheidungsberatung
3.3 Kindergruppenarbeit

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Zahlen des statistischen Bundesamtes belegen, dass alleine im Jahr 2000 von 194.410 geschiedenen Ehen, ca. 148.190 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen waren. Es werden unaufhaltsam mehr. Obgleich heutzutage jede 3. Ehe in Deutschland scheitert, wird dies und somit alternative Familienformen gesellschaftlich noch immer als Manko verspürt und verurteilt. Besonders die Kinder leiden darunter.

Zu Beginn meiner Recherchen zu diesem Thema stellten sich mir vor allem die Fragen, ob es für eine Trennung bzw. Scheidung einen richtigen Zeitpunkt geben kann. Vor allem in dem Sinne, dass negative Auswirkungen auf die kindliche Psyche und die damit verbundenen Reaktionen möglichst gering ausfallen. Außerdem wird des Öfteren behauptet, dass Kinder geschiedener Paare nicht selten das gleiche Schicksal ereilt, wie das ihrer Eltern, d. h. dass ihre Ehen ebenso in die Brüche gehen.

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man sich zunächst einmal die Komplexität dieses Trennungs- und Scheidungsprozesses vor Augen führen.

Ich werde versuchen einen kleinen Einblick in diese zahlreichen denkbaren Entwicklungsrichtungen und Folgen zu geben, die Familien in einer solchen Situation erleben können.

Mein besonderes Augenmerk gilt, wie der Titel der Arbeit schon aussagt, den Kindern, ihren Umgang mit Scheidung, Reaktionen hierauf und Auswirkungen des Erlebnisses auf ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihre Zukunft. Hierauf wird im zweiten Teil eingegangen.

Doch zunächst möchte ich verdeutlichen, wie wichtig die Familienbindungen für einzelne psychologische Entwicklungsstufen der Kinder sind.

Bestimmte Aspekte werden nur am Rande erwähnt oder bewusst ausgelassen, wie z. B. die rechtlichen Hintergründe von Scheidungsverfahren, da diese den Rahmen der Arbeit sprengen würden.

Zum Schluss möchte ich auf verschiedene Hilfe- und Interventionsformen zu sprechen kommen, die unter anderem im sozialpädagogischen Bereich angeboten werden. Diese Hilfs- bzw. Unterstützungsangebote richten sich jedoch hauptsächlich an die Eltern. Verständlich aber, wenn man bedenkt, dass diese in erster Linie für das Wohl ihrer Kinder Sorge tragen und dass allein ihr Einfühlungsvermögen und Verständnis schon große Erleichterung für die Kinder darstellen können.

1.0 Die Importanz von Beziehungen einer Familie in der Entwicklung der Kinder

Die Beziehungskonstellationen der Familie bilden einen Teil der psychischen Struktur des Kindes, welche sich im Laufe seiner Entwicklung verändert. Dass sich mit Ereignissen wie z.B. einer elterlichen Trennung auch schon in frühester Entwicklung Auswirkungen auf das Kind zeigen und dass sie das Leben mehr oder weniger folgenschwer beeinträchtigen können, kann man sich schon denken.

Das Kind hat im Laufe seiner psychischen Entwicklung zahlreiche Individuations- (Verselbstständigungs-) und Loslösungsprozesse zu meistern. Unter guten Vorraussetzungen, d.h. mit Unterstützung und Verständnis von Bezugspersonen kann es diese bewältigen. Kommen zu diesen ohnehin schon schwer genug zu bewältigenden, „normalen“ Entwicklungskrisen und -aufgaben der Individuation nun Konflikte im Rahmen einer Trennung und Scheidung, bedeutet das eine zusätzliche verschärfende Belastung. Es kann laut Jaede (1996,S. 22) zu „Verzögerungen in der Persönlichkeitsentwicklung, zu Regressionen *¹ oder zu Entwicklungsdysharmonien kommen“, es kann also tragische Folgen haben, worauf im zweiten Teil näher eingegangen wird.

Zunächst wird kurz auf die wichtigsten psychischen Entwicklungsstufen hingewiesen, die alle unter dem Stern der Verselbstständigung des Kindes stehen. Vor allem in diesen Stadien können belastende familiäre Situationen sehr beeinträchtigend wirken. Denn zum Bestehen dieser, sind stabile und positive Beziehungserfahrungen in der Familie besonders bedeutsam, wie aus dem Text hervorgehen wird.

1.1 Die Entwicklung von Beziehungserfahrungen im Kleinkindalter

Bereits das Neugeborene reagiert auf die häusliche Atmosphäre mit all seinen Sinnen. Schon hier können die ersten Weichen einer psychischen Beeinträchtigung gelegt werden, wenn das Kind die Stimmung im Hause als bedrohlich erlebt. Herrschen ununterbrochen Konflikte, kann schon jetzt sein Selbstwertgefühl und die Selbstkompetenz geschädigt werden, indem ihm Wärme und Geborgenheit versagt bleibt und es merkt, dass es seine Umwelt durch z. B. sein Weinen nicht beeinflussen kann. In diesem Zusammenhang werden Symptome sichtbar, die die Verzweiflung des Kindes erkennen lässt. Auf diese altersgemäßen Reaktionen und Symptome wird im Folgenden noch eingegangen.

*¹ : Unter Regression versteht man Verhaltensweisen, die dem aktuellen Alters- und Entwicklungsstand nicht entsprechen, sondern denen bereits vergangener Phasen. Ein abhängiges oder forderndes Verhalten um mehr Zuwendung und Umsorgung zu erhalten wird an den Tag gelegt. Stressfaktoren werden so als weniger belastend empfunden.

Angenommen aber diese Zeit verläuft harmonisch, ist die Mutter die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben. Sie sind eng miteinander verbunden und voneinander abhängig. Sie bilden sozusagen eine Mutter-Kind-Symbiose .

1.1.1 Die zunehmende Bedeutung des Vaters

Nach dieser symbiotischen Phase beginnt etwa im 5. Lebensmonat ein erster Loslösungs- und Individuationsprozess. Das Kind beginnt seine Umwelt zu erkunden, erlernt Personen und Dinge zu unterscheiden und verinnerlicht Bilder dieser Objekte*¹ und den damit verbundenen Beziehungserfahrungen. Der Vater gewinnt nun zunehmend an Bedeutung.

Mit ca. 18 Monaten erlebt man die Wiederannäherungsphase des Kindes die ungefähr bis zum 3. Lebensjahr andauert. Es wendet sich von seinen Erkundungen wieder verstärkt der Mutter zu, da es feststellen musste, in seinem Umfeld immer wieder auf Grenzen zu stoßen. Allerdings erkennt es ebenso, dass ihm nun auch die Mutter, je größer sein Forschungsdrang wird, mehr und mehr Versagungen auferlegt. Die Liebe zur ihr und Angst von ihr fortzusein einerseits und die Abneigung ihr gegenüber, aufgrund der Maßregelungen, und sein Wunsch nach Selbstständigkeit auf der anderen Seite, bringen das Kind in ambivalente Gefühle zur Mutter.

Der Vater nun bietet sich als weniger ambivalent besetztes Objekt an, als Autonomie- und Identifikationsobjekt. Er lebt vor, wie man trotz seiner Liebesbindung an die Mutter auch unabhängig und gefahrlos getrennt von ihr sein kann. Nun wird die enge Dyade zwischen Mutter und Kind zur Dreierbeziehung, einer Triade erweitert, in der alle Beteiligten in enger Verbindung zueinander stehen. Diese Triangulierung ermöglicht dem Kind ein Hin- und Herpendeln zwischen beiden. Das hat den Vorteil bei z. B. Konflikten mit der Mutter, die durch Zurechtweisungen u. a Aggression oder Ängste hervorrufen können, sich dem Vater, als drittem Objekt, zuwenden zu können. So gleicht es seinen Gefühlshaushalt wieder aus, indem es sich Befriedigung seiner Bedürfnisse letzten Endes doch noch verschaffen kann.

Aufgrund seiner erworbenen Objektkonstanz , d. h. ein Wissen, dass ihm die Mutter und ihre Liebe nicht verloren geht während es sich dem Anderen zuwendet, kann es eine vorübergehende Trennung nun ertragen. Ebenso entwickelt es hier die Fähigkeit zur Ambivalenz, bei der die Bezugsperson mit seinen guten sowie schlechten Seiten, sowohl geliebt als auch gehasst werden kann (vgl. Bauers in Menne, 1997, S. 45).

*¹ Objekt: in der Psychoanalyse bedeutet dies die Bezugsperson des Subjektes, als „Gegenstand seiner sinnlichen und aggressiven Strebungen“

1.1.2 Das familiäre Beziehungsdreieck

Die individuellen Beziehungen des Kindes zu Mutter und Vater bedeuten

für das Kind ab nun existentiell wichtige Standbeine auf die es sich stützen

kann. Durch die Verbindung zu beiden als Eltern findet es Sicherheit,

Zugehörigkeit, Geborgenheit und Schutz. Die Importanz der familiären

Beziehung ist dadurch erkennbar, dass aufgrund dieses positiven

Rückhalts zum einen Selbstsicherheit und Sicherheit im Umgang

mit Anderen ermöglicht werden. Zudem werden die intellektuelle Abb.1: Struktur der

Entwicklung und Selbstständigkeit gefördert. Ebenso die Familienbeziehung

Geschlechtsrollenidentität und eine positive Einstellung zur eigenen

Weiblich- bzw. Männlichkeit durch Identifikation mit den Eltern und ihrem gegenseitigen Respekt. Das Paar übernimmt nicht nur die Rolle der Eltern, sondern ebenso die als Partner. Diese Partnerschaftsebene hat auch das Kind verinnerlicht, ohne dieses Wissen, gäbe es keine Möglichkeit für die Triangulierung. Denn gäbe es kein Vertrauen, keine Freundschaft und gar noch Feindschaft zwischen den Eltern, könnten diese ein Pendeln des Kindes ohne Eifersucht oder Hassgefühle dem jeweils anderen gegenüber nicht für gut heißen. Beide Ebenen der Elternbeziehung sind mit unterschiedlichen Anforderungen verknüpft. Denn Partner können sich trennen, Elternschaft besteht allerdings auf Lebenszeit.

Um der Wichtigkeit der elterlichen Unterstützung und dem Zusammenhalt der Familie in diesem Individuations- und Ablösungsversuch des Kindes Nachdruck zu verleihen, folgt nun eines von zahlreichen Exempeln. Der österreichische Psychoanalytiker Figdor nennt dies die „Unvollständige Triangulierung“ (1991, S. 96), welche zeigt wie es sich in dieser Phase entwicklungspsychologisch auf das Kind auswirkte, wäre jener familiäre Beistand nicht gegeben.

Zieht infolge von Konflikten nun z. B. die Mutter das Kind auf seine Seite und behindert somit die Dreier-Beziehung, kann sich diese Dyadenbeziehung so sehr verfestigen, dass das Kind die Ablösung von ihr nicht bewältigen kann. Durch die vorgelebte fehlende Liebesbindung zwischen den Eltern fällt es ihm vor allem auch später schwer, mit zwei Objekten gleichzeitig eine Beziehung zu haben, da es ständig um eine der beiden fürchten muss. Es hat das Wissen um die sichere Objektkonstanz (s. oben) nicht erlangt was zu unerträglichen Loyalitätskonflikten führen könnte.

1.2 Die ödipale Phase

Im Vorschulalter zwischen dem 4. und 7. Lebensjahr geht es nun um Eifersucht und Rivalität. Das Kind erlebt das Ausgeschlossensein aus der phantasierten sexuellen Beziehung zwischen den Eltern und hat dies zu verarbeiten. Die Beziehung zum gleichgeschlechtlichen Elternteil ist deshalb meist sehr konfliktbeladen. Unter günstigen Umständen, d. h. einer stabilen familiären Beziehungsstruktur und Verständnis, gelingt es diesen ödipalen Konflikt durch Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu bestehen. Dies trägt auch zum Erwerb einer Geschlechtsrollenidentität bei. Durch das Bewältigen dieses Ödipuskomplexes erlangt das Kind zu psychischen Strukturen, die ihm im späteren Leben die Loslösung von den primären Bezugsobjekten und das Eingehen reifer Objektbeziehungen *¹ ermöglichen. Auch hier drängt das Kind auf Individuation und Loslösung (vgl. Figdor, 1991, S. 46), die durch Zusatzbelastungen ebenfalls behindert bzw. gestört werden können.

Die kognitiven Fähigkeiten dieser Entwicklungsebene sind noch eingeschränkt, so kann es sich kaum Dinge aus anderen Perspektiven vorstellen. Typisches Merkmal dieser Zeit ist demnach die Egozentrik, die Ich-Zentriertheit. Kinder dieses Alters stellen ihrer Ansicht nach den Mittelpunkt der Welt dar, weswegen viele Geschehnisse auf die eigene Person und das eigene Handeln bezogen werden. Kinder in diesem Alter sind auf konkretes Handeln und direkte Anwesenheit angewiesen was Liebe und Zuneigung betrifft. Ihr zeitliches Vorstellungsvermögen ist wenig differenziert. Dies bessert sich ungefähr im Grundschulalter, wenn sie zur Dezentralisierung fähig werden und ihr moralisches Urteilsvermögen wächst.

1.3 Die Latenzzeit und Adoleszenz

Sie bilden die nächsten kritischen Phasen, in der die Bewältigung ihrer spezifischen Aufgaben gleichfalls sehr von der Unterstützung der Eltern und der Beziehungsstabilität abhängt. Anforderungen an das Kind liegen hier erstens in der Lockerung der Beziehung zu den Eltern, den primären Liebesobjekten, und zweitens in der allmählichen Ablösung, um sich Gleichaltrigen zuzuwenden und später eine Partnerwahl treffen zu können. Eine Selbstständigkeit wird sehr angestrebt. Kognitive Fähigkeiten sind hier schon so weit ausgeprägt, dass abstraktes Denken kein Problem mehr darstellt. Auch der Wechsel in andere Perspektiven, v. a. auch objektives Denken, ist möglich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*¹ Objektbeziehung : in der Psychoanalyse bedeutet sie das innere Bild, das sich das Subjekt von seiner Beziehung zu einem Objekt macht, also bewusste und unbewusste Vorstellungen und Phantasien, die sich an jene Beziehung richten. Sie ändern sich von Objekt zu Objekt und mit zunehmender geistiger und psychischer Reife.

2.0 Die Bedeutung der Trennung und Scheidung für die Kinder

2.1 Die Familienbeziehung in der Trennung

Eine Trennung der Eltern bedeutet nun ein Bruch der Paarbeziehung, wie in Abb. 2 dargestellt. Was aber trotzdem bestehen bleibt, zumindest faktisch, ist die Elternebene. Sie aufrecht zu erhalten kann dem Kind eine große Hilfe und Stütze sein und das Ausmaß der Symptombildung und Reaktionen aufgrund der Scheidung deutlich verringern. Oft zerbricht aber auch die Elternverbindung: 75 % der Kinder haben nach der Scheidung keinen regelmäßigen Kontakt mehr zum Vater (vgl. Figdor in Hilweg,

1997, S. 50), was auch daran liegen mag, dass 80-90%

der Kinder nach der Scheidung bei der Mutter leben. (Quelle:

http://dip. bundestag.de/btd/13/048/ 1304899.asc).

Das Kind verliert dadurch das wichtige Standbein der

Elternallianz und steht nun wie verloren zwischen

ihnen. Es fühlt sich zerrissen, da nun keine innere Abb.2: Das Familiengefüge in

Stabilität mehr durch das Familiengefüge gewährleistet ist. der Scheidung

Wie sich das auswirken kann, zeigt uns das Beispiel der

gehinderten Dreierbeziehung in 1.1.3, dem weitere folgen werden.

2.2 Drei Stadien der Reaktionen

Reaktionen, die Kinder auf eine Trennung zeigen sind psychische Vorgänge, die ihren Ausdruck oft im Verhalten finden (vgl. Figdor, 1991, S. 29). Meistens ist allerdings nicht

die Scheidung selbst so zermürbend, sondern es sind die langandauernden Konflikte der

Eltern, die schon vorausgingen und zusätzlich belasten. Die sich offenbarenden

Verhaltensänderungen und Symptome, werden nochmals unterscheiden in:

- Unmittelbare spontane Reaktionen auf die Konfrontation mit der Scheidung, die sogenannten Erlebnisreaktionen. Sie sind zu verstehen als Versuche der Kinder, sich den veränderten Lebensumständen anzupassen und ihre eigenen Konflikte zu bewältigen. Mit lediglich etwas Zeit und günstigen äußeren Umständen kann hier das seelische Gleichgewicht wieder hergestellt werden.
- Zweitens in eine ernstere Ebene von Symptomen, die eintritt wenn die mit den Erlebnisreaktionen verbundenen Ängste und Phantasien nicht mehr verarbeitet werden können, und es im Zuge mit anderen Faktoren, z. B. dem Stress der Mutter, zu einem Zusammenbruch der Abwehr kommt. Das heisst, es geht also nicht mehr um die direkt mit der Scheidung in Verbindung stehenden spontanen Reaktionen, sondern um eine Verschlimmerung dieser, durch neue psychisch überfordernde Belastungen. Diese machen sich in Form von massiver Regression (Rückfall in vergangene Entwicklungsebenen) bzw. Destrukturierung der psychischen Organisation bemerkbar. Ein Beispiel wäre hier das Bettnässen.
- Wird spätestens hier keine massive Hilfe geleistet, kommt es zu neurotischen Prozessen. Sie können vor allem in der Nachscheidungskrise (s. 2.5) aufkommen, falls es in der Zeit davor noch nicht dazu kam.

Bevor ich allerdings auf die einzelnen Reaktionen und ihre Auslöser zu sprechen komme, möchte ich eine Reihe von Faktoren aufzeigen, die je nachdem wie günstig bzw. ungünstig diese liegen, die die Art und Intensität der Reaktionen und die Folgen der Trennung beeinflussen können (vgl. Figdor, 1998, S.90)

2.3 Reaktionsbedingende Faktoren

Œ Die Qualität und Entwicklung der Partnerschaft der Eltern und die Eltern-Kind-Beziehung vor und auch nach der Scheidung, wichtig vor allem auch der Zeitpunkt an dem die Konflikte begannen.

Individuelle Faktoren wie Alter und Persönlichkeit des Kindes und seine psychisch-geistigen Kompetenzen, vor allem seine Fähigkeit mit Krisen umzugehen. Auch werden geschlechtsspezifische Unterschiede in der Reaktion benannt.

ŽDie Art und Weise wie die Eltern ihre Trennung vollziehen

Die psychischen und sozialen Ressourcen der Eltern, mit den eigenen scheidungsbedingten Problemen umzugehen und der Fähigkeit gleichzeitig den Kindern Unterstützung zu leisten.

Die sozio-ökonomische Situation der „Restfamilie“ in der das Kind bleibt, wie z. B. Arbeit, Schul- oder Wohnortswechsel, finanzieller Rahmen etc.

‘Der Existenz von sonstigen Beziehungen zu Verwandten, Freunden, Lehrern, Jugendgruppen, die das Kind belasten oder unterstützen können.

Aus Punkt Œ wird ersichtlich, dass die Scheidung nicht etwa nur einen Zeitpunkt, sondern vielmehr einen langwierigen Prozess darstellt. Dieser umfasst mehrere Phasen, nämlich die Zeit vor der Scheidung, die sogenannte Ambivalenzphase, die Zeit während der Trennung selbst und die Nachscheidungsphase. Sie sind jeweils von spezifischen Belastungsfaktoren, Emotionen und Beziehungsentwicklungen durchzogen, die sich mitunter sehr prägend auf die Kinder auswirken können.

Auch auf Punkt  möchte ich in Verbindung mit dem Ersten eingehen und die jeweils alters- entwicklungs- und teilweise auch geschlechtstypischen Reaktionen in den jeweiligen Phasen aufzeigen.

Je ungünstiger die Umfeldbedingungen für das Kind sind, desto schwerer wird dessen Psyche beeinträchtigt, was wiederum immer komplexer werdende Vorgänge nach sich ziehen kann. In Anbetracht dessen und des Rahmens dieser Arbeit wird es mir nur in begrenztem Rahmen möglich sein hierauf einzugehen.

2.4 Die Ambivalenzphase

Wie bereits im ersten Teil erwähnt, ist das Ausmaß der Scheidungsproblematik schon von der Entwicklung vor der eigentlichen Scheidung abhängig. Die Zeit der Ambivalenz, d. h. das „Stadium der Unentschiedenheit“ (Auerbach/Stolberg, 1987, zit. n. Jaede, 1997, S. 11) beginnt schon mit der Ehekrise. Solche können im Allgemeinen schlecht vor den Kindern geheim gehalten werden, denn Kinder sind sehr sensibel für Stimmungsschwankungen der Eltern, insbesondere wenn ein Elternteil unglücklich ist und leidet.

Laut Nachforschungen Figdors (1998, S. 30) war ein großer Prozentsatz von Scheidungen auf Krisen zurückzuführen, die bereits zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes bestanden. Auslöser hierfür können unter anderem die Geburt selbst sein, verbunden mit Eifersucht von Vätern auf das Neugeborene oder mit dem oft so gut wie nicht mehr vorhandenen Bedürfnis der Mutter nach Sex, wodurch sich der Ehemann häufig in die zweite Reihe gedrängt fühlt. In vielen Fällen wurden an die Geburt des Kindes auch zu hohe Erwartungen gestellt, die dann doch nicht in Erfüllung gehen und Unzufriedenheit auslösen.(vgl. Bauers in Menne, 1997, S.42) Solche Erwartungen können beispielsweise sein: als „Beziehungskitt“ brüchiger Partnerschaften zu dienen oder möglicherweise die endgültige Ablösung zum eigenen Elternhaus zu schaffen indem man eine eigene Familie gründet. Natürlich können solche Krisen auch später auftauchen. Fakt ist jedoch, dass die dadurch beeinträchtigte Beziehung zwischen den Eltern negative Spuren in der Psyche der Kinder hinterlässt, egal welchen Alters.

2.4.1 Das Kind zwischen den Fronten

Ein Beispiel hierfür wäre der Wegfall der Möglichkeit der „gesunden“ Triangulierung, die am Anfang bereits beschrieben steht. Damit diese „funktioniert“ ist wie gesagt eine positive Verbindung zwischen den Partnern von Nöten, die jedoch im Falle der Ehe- bzw. Scheidungskrise meist nicht mehr gegeben ist, der Vater oft auch auszieht*¹. Das Kind jedenfalls empfände nun, durch die gegenseitige Abwertung der Eltern untereinander, ein Zuwenden zu einem Elternteil als „Verrat“ (vgl. Figdor, 1998, S. 43) am anderen und kommt dadurch in Loyalitätskonflikte . Eltern versuchen Kinder in konfliktbelasteten Zeiten häufig als Verbündete auf die eigene Seite zu ziehen und sie sozusagen als Spione gegen den anderen einsetzen oder missbilligen ihre Zuneigung zum anderen Elternteil. Das Kind liebt in den meisten Fällen jedoch beide, hat jetzt aber das Gefühl das nicht mehr tun zu dürfen. Gerade Kinder die sich in der egozentrischen Phase befinden (s. 1.2) denken nun in der Begrenztheit ihrer kognitiven Fähigkeiten, wegen begangenem „Verrat“ durch Vergeltung, Beziehungsabbruch oder dadurch den „Betrogenen“ sehr verletzt zu haben bestraft zu werden. Hieraus resultieren enorme Ängste vor Liebesverlust und Heimzahlung. Zudem kommt noch, dass sie sich in sehr vielen Fällen schuldig fühlen. Laut den Schätzungen, unter anderem auch denen der Psychologen Wallerstein und Kelly sind es je nach Alter und Untersuchung 50 % jener Kinder, die sich für die Trennung ihrer Eltern und die damit einhergehenden Konflikte, verantwortlich sehen. (vgl. Figdor 1998, S. 23) Dieses Gefühl resultiert unter anderem daraus, dass es in jenen Krisen sehr oft auch um Erziehungsfragen geht. Das wiederum veranlasst das Kind zu denken, der Streit sei nur aufgrund seiner Existenz entstanden. Oder aber man fühlt sich deshalb schuldig an der Trennung da Wiederversöhnungsversuche, die auch ältere Kinder herbeiführen möchten, gescheitert sind und man somit also versagt hat. Der Loyalitätskonflikt schürt demnach Schuldgefühle und Ängste. Außerdem belastet er das Selbstwertgefühl , das ohnehin schon durch ebenjenen Irrglauben einen Verrat zu begehen, der für das Kind in dem Moment natürlich keiner ist, schwer beeinträchtigt ist. Abwehrreaktionen *² hierauf wären z. B. den Vater der geht abzuwerten, nicht wegen seiner Person selbst, sondern damit man wenigstens mit der Mutter noch gut zurecht kommt. Zweitens die Abwendung von beiden Elternteilen, da das Kind mit der Entscheidung zwischen

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638177948
ISBN (Buch)
9783638642026
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11721
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt – FB Sozialpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
Scheidung Eltern Kinder Verarbeitung

Autor

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Titel: Scheidungskinder: Wie Kinder mit der Trennung ihrer Eltern umgehen