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Bedingungsloses Grundeinkommen

Idee, Finanzierung, Chancen, Risiken und Alternativen

Bachelorarbeit 2008 79 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werte im Wandel
2.1. Arbeit und Freizeit
2.2. Arbeitslosigkeit
2.3. Arbeitszeit und Produktivitätsentwicklung
2.4. Wohlstand und Armut

3. Bedingungsloses Grundeinkommen
3.1. Grundidee und historische Entwicklung
3.2. Modelle
3.2.1. Negative Einkommensteuer
3.2.2. Solidarisches Bürgergeld
3.2.3. BAG Grundeinkommen
3.2.4. Modell nach Götz Werner
3.2.5. Liberales Bürgergeld
3.2.6. Das Grüne Grundeinkommen
3.3. Vertreter und Standpunkte

4. Finanzierbarkeit des
4.1. Auskömmliche Höhe eines
4.2. Finanzierbarkeit eines

5. Chancen und Risiken
5.1. Persönliche Chancen und Risiken
5.2. Gesellschaftliche Chancen und Risiken

6. Anreizwirkung auf Erwerbstätigkeit trotz Grundeinkommen

7. Alternativen zum

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Stichwortregister

Personenregister

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bedeutung von Arbeit und Muse im Zeitverlauf

Abbildung 2: EntwicklungderZahlderArbeitsloseninOst- undWestdeutschland

Abbildung 3: Kapazitätsauslastung in Deutschland von 1993–2008

Abbildung 4: Entwicklung der Arbeitszeit

Abbildung 5: Entwicklung BIP (real) zu Arbeitsstunden pro Einwohner

Abbildung 6: Funktion der negativen Einkommenssteuer

Abbildung 7: Nettoeinkommenund(Negativ)Steuerbeimsolidarischen Bürgergeld

Abbildung 8: Berechnung eines BGE

Abbildung 9: Finanzierungsbedarf eines BGE

Abbildung 10: Finanzierungslücke der einzelnen Modelle

1. Einleitung

Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich seit 2005 in einer Aufschwungphase. Dennoch bauen BMW, Nokia, Siemens und Co. in diesen Tagen weiter Arbeitsplätze ab. Gleichzeitig wurden in den letzten 2 Jahren ca. 1,5 Millionen neue Jobs geschaffen, während Vertreter der Wirtschaft vor einem wirtschaftlichen Abschwung warnen.

Der Druck auf Unternehmen und Beschäftigte steigt durch den globalen Wettbewerb, die US-Immobilienkrise und die weltweit steigenden Rohstoff- und Energiepreise. Um dem Arbeitsmarkt und der Wirtschaft neue Impulse zu geben, wurden 2005 u.a. die SGBII und SGBIII Gesetze, im folgenden HartzIVgenannt, eingeführt. Damit entstanden für viele Menschen neue wirtschaftliche Risiken, aber auch Chancen. Die einen bekamen die Chance auf einen neuen Arbeitsplatz, für andere galt es den Gürtel enger zu schnallen, um den Arbeitsplatz zu sichern.

Viele widersprüchliche Entwicklungen für die Menschen, die sich täglich um ihre Existenz Sorgen machen. Um diese Existenzängste zu lindern gibt es vielerlei Rezepte. Eines lautet: Bei einer guten wirtschaftlichen Entwicklung, können alle am Erfolg partizipieren, deshalb alles Augenmerk auf die Wirtschaft. Doch obwohl das BIP in den letzten 15 Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sind die Reallöhne und die Gesamtlohnsumme in diesem Zeitraum gesunken. Heißt das, die schon von Ludwig Erhard vertretene Devise: Wachsende Wirtschaft = Wohlstand für Alle, gilt nicht mehr?

Wenn dieser Eindruck bestätigt werden sollte, müssen neue Konzepte diskutiert werden. Eines dieser Konzepte ist das bedingungslose Grundeinkommen. Ideen dazu sind ebenso wenig neu, wie sie sich eindeutig politischen Lagern zuschreiben lassen. Linke und konservative Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Arbeitslose und Angestellte, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten können sich dafür begeistern.

Dies soll zum Anlass genommen werden, sich in dieser Arbeit mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auseinanderzusetzen.

Ziel der Arbeit ist es die Idee, Vor- und Nachteile der verschiedenen Ansätze, sowie Chancen, Risiken und Alternativen zu untersuchen.

Da die Befürworter eines Grundeinkommens davon ausgehen, dass Erwerbsarbeit nicht im Mittelpunkt der menschlichen Aktivitäten stehen muss und Arbeitslosigkeit ein positives Zeichen unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit darstellt, werden zuerst diese beiden Begriffe näher untersucht. Eng damit verbunden sind Produktivität und Arbeitszeit. Dieser Themenkomplex wird im Anschluss erörtert. Bevor die Arbeit sich der Idee des Grundeinkommens zuwendet, wird auf Ursachen und Auswirkungen von Armut eingegangen.

Um einen Überblick über die verschiedenen Modelle des (bedingungslosen) Grundeinkommens zu bekommen, werden einige davon untersucht und gegenübergestellt. Hinzu kommt die Untersuchung der Positionen der wichtigsten gesellschaftlichen Vereinigungen, wie Parteien und Gewerkschaften, als Organisation einerseits, sowie auch einzelne ihrer Vertreter.

Nachdem die Modelle besprochen und auf ihre Akzeptanz hin untersucht wurden, soll die Frage der Finanzierbarkeit erörtert werden. Dazu ist es unerlässlich zu definieren, wie hoch ein auskömmliches bedingungsloses Grundeinkommen sein muss, um die gewünschte Wirkung auf Arbeitsmarkt, Individuum und Gesellschaft entfalten zu können. Ob der errechnete Betrag jedoch auch aufgebracht werden kann, wird im Anschluss untersucht. Dazu werden die jetzigen Transferzahlungen als Basis herangezogen und eine mögliche Finanzierung aufgezeigt. Nachdem die finanzielle Seite beleuchtet wurde, geht es um die Chancen und Risiken für die einzelnen Menschen und die Gesellschaft als Gesamtheit. Ein Punkt dieser Untersuchung ist, wie gewährleistet werden kann, dass trotz Grundeinkommens Arbeitskräfte in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

Anschließend sollen alternative Lösungsansätze untersucht werden, um festzustellen ob ein BGE überhaupt ein geeigneter Weg ist, die bestehenden sozialen Probleme am besten zu lösen.

Im Fazit wird ein zusammenfassender Überblick gegeben, dem sich ein kurzes persönliches Statement anschließt.

2. Werte im Wandel

2.1. Arbeit und Freizeit

Seit Entstehung der menschlichen Zivilisation, haben sich die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, der technologische Entwicklungsstand, sowie die Formen des Zusammenlebens permanent fortentwickelt. Damit ging eine dramatische Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse einher.

Auch Werte und Begriffsdefinitionen unterliegen einem beständigen Wandel, so zum Beispiel das Verständnis von Arbeit und seiner gesellschaftlichen Stellung gegenüber Muse und Freizeit. Das Wort Arbeit entstammt dem indogermanischen Wortstamm „orbho“ und heißt so viel wie "verwaist" oder "zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingt"[1] und deutet auf eine Mühsal oder Qual hin. Weitere Herleitungen, wie „labor“ (lateinisch), „tripalare“ (spätlateinisch) = quälen, „rabu“ (slawisch) = Fronarbeit besetzen alle den Begriff der Arbeit mit einem negativen Vorzeichen. Daneben kann unter Arbeit (work, opera) auch etwas Positives wie Werk, Leistung oder Schöpfungsergebnis verstanden werden.[2]

Heute ist die offizielle Definition des Begriffes Arbeit„ … bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen; zugleich wesentl. Moment der Daseinserfüllung.“[3]

Schon daran zeigt sich der Wandel vom Verständnis des Begriffes Arbeit. Diese, heute meist Erwerbsarbeitgenannt, gibt es seit Beginn unserer Zivilisation. Die Menschen konnten ihr Überleben sichern, indem sie durch jagen und sammeln ihre Gemeinschaft versorgten. Hierzu war es notwendig, dass alle Mitglieder der Gesellschaft produktiv tätig waren. Wer nicht mitwirken oder mithalten konnte wurde ausgestoßen.[4] Ausnahmen waren nur die Jüngsten, die noch nicht in der Lage waren, die Gemeinschaft zu unterstützen.

Später als die Menschen sesshaft wurden, kam es im Zuge der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht zu verstärkter Arbeitsteilung. Hier zeichneten sich erste Tendenzen ab, dass auch Mitglieder der Gemeinschaft versorgt werden konnten die nicht an der Erstellung des Tagwerkes teilhatten, neben Kindern auch Alte und Kranke. Dennoch war es unabdingbar, dass weitgehend alle arbeiteten, um das Überleben ihrer Gemeinschaft zu gewährleisten. Wer arbeitete, konnte am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Im antiken Griechenland und im römischen Imperium stellte sich die Situation vollkommen anders dar. Zu dieser Zeit war es zum einen durch eine höhere Produktivitätund zum anderen durch den massenhaften Einsatz von Sklaven möglich, dass sich ein Teil der Bevölkerung, die Bürger, der produktiven Arbeit entziehen konnte. Der berühmte Ausspruch des Apostel Paulus „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ richtete sich gegen die damaligen Verhältnisse, in der die sklavenhaltende Oberschicht sich dem Müßiggang hingab und auf Kosten ihrer Knechte und Sklaven lebte.[5] Die negative Bedeutung von Arbeit sieht Vobrudadamit aber nicht in Frage gestellt. Zu dieser Zeit verstand man unter Arbeit hauptsächlich Tätigkeiten in der Landwirtschaft, im Handel und im Handwerk. Den arbeitenden Menschen war die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verwehrt. Nur die, die keiner produktiven Arbeit nachgingen, konnten sich gesellschaftlichen Aktivitäten widmen. Den Bürgern galt Arbeiten als unwürdig. „Die Arbeit gegen Lohn war in der Antike entehrend, da herrschte die Einstellung vor; „wer Lohn nimmt wird zum Sklaven“ (Ipsa merces est auctoramentum servitutis)“.[6] Sklaven jedoch, die den Großteil der schweren Arbeit verrichteten waren völlig recht- und besitzlos.

Abbildung 1: Bedeutung von Arbeit und Muse im Zeitverlauf

Quelle: eigene Darstellung

Platon erklärte sogar, dass er nur die „ ... freiwillige Dienstbarkeit den Dienst um der Tugend willen…“[7] anerkenne. Damit trat der Begriff der Muße gegenüber dem des Arbeitens in den Vordergrund.

Im Mittelalter wandelte sich die Einstellung zur Arbeit gegenüber der Antike deutlich. In dieser Zeit war die Gesellschaft in 3 Stände, Klerus, Adel und den Stand der Bauern und Bürger eingeteilt. Durch weiter zunehmende Arbeitsteilung wie im Handel und Bergbau, die weitere Differenzierung des Handwerkes, aber auch die zunehmende Anerkennung von Wissenschaft und den geistlichen Berufen als Arbeit, wandelte sich die Einstellung zur Arbeit allmählich. Luther wirkte in die gleiche Richtung, indem er die Hierarchie der Arbeit aufhob und die griechischen Wörter für Arbeit (ponos/ergon) mit Beruf im Sinne von Berufung übersetzte.[8] Dennoch so Walthers, war auch Luthers Arbeitsbegriff weit von seiner heutigen Bedeutung entfernt. Auch John Locke trug mit seinen Werken zur Aufwertung der Arbeit bei, indem er unter anderem Arbeit und Eigentum miteinander verband und damit dem Adel die Legitimation, seines ohne Arbeit erworbenen Reichtums, entzog.[9]

Die industrielle Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England begann und sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa durchsetzte, veränderte die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen grundlegend. Die damit einhergehende französische Revolution löste das Ständesystem allmählich auf und (Lohn-) Arbeit im heutigen Sinne wurde für den Großteil der Bevölkerung zur selbstverständlichen Beschäftigung. Obwohl anfangs, durch Einführung neuer Arbeitsmethoden noch mehr Arbeitsplätze im Handwerk verloren gingen, als für die neue industrielle Produktion benötigt wurden, erhöhte sich der Bedarf an Arbeitskräften kontinuierlich. Diese mussten oft unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten. Dennoch gab es vermehrt Menschen, die vom Produktionsapparat nicht benötigt wurden. Damit waren jetzt nicht nur die Herrschenden, sondern auch ein immer größer werdender Teil der Armen ohne Arbeit. Da aufgrund der neuen gesellschaftlichen Strukturen der Zwang zur Arbeit verstärkt wurde, galt nicht arbeiten als „Ausnutzung“ der Gesellschaft. Von der Kritik meist ausgenommen waren und sind die Wohlhabenden, die nicht auf Kosten der Gesellschaft leben, so zumindest die landläufige Meinung. Diese Sichtweise wurde aber immer wieder heftig kritisiert, wie von Morus, der die Adligen als faul bezeichnete, weil diese von der Arbeit der anderen lebten.[10] Später, auf die neuen Herrschaftsverhältnisse zugeschnitten, kam ähnliche Kritik von Marx, Engels und Anderen.

Bis heute hat sich das Verhältnis zur Arbeit nicht wesentlich verändert. Wer heute nicht arbeitet, ist entweder reich und muss nicht arbeiten oder er ist arm, dann gilt es, wenn die Person erwerbsfähig ist, sie schnellstmöglich in Lohn und Brot zu bringen.

Letztere Gruppe wird in unserer Gesellschaft nun mit verschärften Methoden zur Erwerbsarbeit gedrängt. Begründet wird diese Aktivierung mit der Notwendigkeit, die Menschen zu einer selbstständigen Versorgung durch Erwerbsarbeit bewegen zu müssen. Dass sich die Gesellschaft unwillige Mitbürger nicht leisten kann oder will und sie zur Arbeit zwingt, scheint nach unserem heutigem Verständnis jedermann als Selbstverständlichkeit. Ein Grund ist das Gerechtigkeitsproblem gegenüber der arbeitenden Bevölkerung. Sieht man sich jedoch Artikel 12 des Grundgesetzes genauer an, so ist dort in Absatz 2 festgeschrieben „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleiche öffentliche Dienstleistungspflicht.“[11] Dass jedoch die neuen Regelungen des SGB IIzur Arbeitsaufnahme verfassungskonform sind, scheint ein Urteil des Sozialgerichts Schleswig zu beweisen.[12]

Unter diese Aktivierungsmaßnahmen fallen jedoch nicht nur Unwillige, sondern auch Menschen die unverschuldet, z.B. durch Massenentlassungen wie bei AEG, Allianz, RAG Deutsche Steinkohle oder der Telekom in Arbeitslosigkeit geraten sind. Sollten diese Menschen ein gewisses Alter bereits überschritten haben, so sind sie am Arbeitsmarkt nur schwer vermittelbar. Nach einer Übergangszeit von bis zu 24Monaten unterliegen auch sie den Hartz IVGesetzen.

Das Wort Freizeit ist aus dem mittelalterlichen Begriff ,,frey zeyt" abgeleitet. Es bedeutete im Mittelalter die Zeit der Friedenspflicht während eines Marktes oder Festes und galt für alle Personen.[13] Das heutige Verständnis von Freizeit ist durch die Aufklärung geprägt. Freizeit ist eine individuell disponible Zeit, die jedem Menschen uneingeschränkt zu Verfügung stehen soll. Damals wandte sich diese Forderung gegen die Willkür absolutistischer Herrscher. Die Freizeitbeschäftigungen haben sich seit der Antike bis heute nicht entscheidend geändert. Zu ihnen gehören im Wesentlichen Muse, kulturelle oder politische Aktivitäten.

Doch heute gelten jene, die wenig oder nicht arbeiten wollen und einen starken Hang zu Freizeit und Muße haben, als faul und uneinsichtig. Wer kein Einsehen hat, dass Erwerbsarbeit nach heutigem Muster und in seinem heutigen Ausmaß notwendig ist, versteht die wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht, die uns durch Globalisierung, demographischen Wandel und den ökologischen Problemen bevorstehen. Grundlage des marktwirtschaftlichen Handelns ist die Erwerbsarbeitund dass morgen mehr denn heute. So zumindest argumentieren Ökonomen wie Hans-Werner Sinn„Für die meisten Arbeitnehmer hieße dies, daß sie nun 42 statt 38 Stunden pro Woche arbeiten müßten. Das ist kein Beinbruch.“[14] Anders sah es Friedrich Nietzsche, der erkannte, dass die Wertmaßstäbe immer mehr zugunsten von Mußezu Arbeitverlagert werden „… der Hang zur Freude nennt sich bereits >Bedürfnis der Erholung< und fängt an, sich vor sich selbst zu schämen.“[15]

Der oben genannten Entwicklung geschuldet, stellt „Arbeit für alle“ das Leitbild der gegenwärtigen Wirtschafts- und Sozialpolitik und unseres gesellschaftlichen Denkens dar. Wie aus der obigen Darstellung hervorgeht, gibt es jedoch im historischen Zeitverlauf keinen festen Wertebegriff für Arbeit und Freizeit.

Im soziologischen Kontext ist Arbeit heute nicht nur Erwerbsarbeit, sondern beinhaltet alle Beschäftigungen, die der persönlichen Entwicklung dienen. Dazu zählen auch Tätigkeiten, wie das soziale Engagement, künstlerische Betätigungen und sinnfreie Aktivitäten, die der Entwicklung der Persönlichkeit dienen. Dieser weite Begriff von Arbeit könnte noch von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft sein.

Im nächsten Abschnitt sollen die gesellschaftlichen Ursachen und Auswirkungen von Arbeitslosigkeit eingehend untersucht werden.

2.2. Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit ist ein Phänomen, das seit Beginn der industriellen Revolution immer wieder auftritt, von strukturellen, konjunkturellen und saisonalen Entwicklungen beeinflusst. Bereits zwischen 1784 und 1844 kam es zum Verlust von Arbeitsplätzen durch technologische Neuerungen, die verschiedene Weberaufstände auslöste. Hierbei wurden zünftige Handwerker, durch die industrielle Produktion von Stoffen, ihrer Arbeit „beraubt“. In den späten 1920er bis Anfang der 1930er Jahre kam es zu Massenarbeitslosigkeit in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß. Die Folgen sind hinlänglich bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang in Deutschland ein beispielsloses Wirtschaftwunder, was für Wohlstandund Arbeitsplätze sorgte. Erst in den Siebzigern stellte sich erneut Arbeitslosigkeit ein, die bis heute kontinuierlich gestiegen ist. Der bisherige Höhepunkt wurde 2005 mit über 5,29 Mio. Arbeitslosen erreicht.[16] Seitdem geht die Arbeitslosigkeitbeständig zurück. Dieser Rückgang, so werden wir später noch sehen, gründet nicht alleine darauf, dass existenzsichernde Vollzeitarbeitsplätze geschaffen wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch Arbeitslosigkeit verändern sich für den Betroffenen in unserer heutigen Gesellschaft zwei wesentliche Dinge. Zum einen steigt das Risiko stark an, in finanzielle Armut zu geraten. Zum anderen findet eine soziale und gesellschaftliche Ausgrenzung statt.

Rein rechnerisch ließe sich das Problem der finanziellen Armut, verursacht durch Arbeitslosigkeit, leicht lösen. In Deutschland werden jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von 2.423Mrd.€ (BIP2007) hergestellt und davon 1.376Mrd.€ für private Konsumausgaben produziert und verbraucht.[17] Eine Kapazitätsauslastung von 100% wurde in den letzten Jahren in der Industrie nie erreicht, derzeit liegt sie bei 87,50%.[18] Das bedeutet, es könnten kurzfristig Konsumgüter und Dienstleistungen in Höhe von knapp 1.618Mrd.€ produziert und verbraucht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf die Gesamtbevölkerung gerechnet bedeutet dies, dass pro Person jährlich 19.700€ (mtl. 1.640€) für Konsumzwecke zur Verfügung stehen könnten. Bei einer gleichmäßigeren Verteilung müssten sich also auch Arbeitslose keine Gedanken machen, ob ihr Auskommen gesichert ist. In wieweit, dies ein Gerechtigkeitsproblem darstellen würde, sei im Fortgang der Arbeit noch zu diskutieren.

Ein weitaus schwierigeres Problem stellt die durch Arbeitslosigkeit erzeugte Ausgrenzung dar. Die heutige Gesellschaft sieht ihren Hauptlebensinhalt in der Erwerbsarbeit. Dies zeigt sich daran, dass heute bereits in der Schule beginnend, nicht auf das Leben sondern aufs Berufsleben vorbereitet werden soll. Dass dies zudem nicht gut gelingt, zeigen die Klagen von Arbeitgebern, die immer wieder kritisieren, dass junge Menschen unsere Schulen zu schlecht ausgebildet verlassen.

Soziale Ausgrenzung findet nicht nur durch Mangel an verfügbarem Einkommen statt. Auch das Ansehen von Arbeitslosen sinkt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit rapide. Wollen diese ihre Wohnung oder auch nur ihre Kontoverbindung wechseln, beim Amt einen Antrag stellen oder müssen anderweitig ihren beruflichen Status offenbaren, so heißt es häufig, dass der Bitte leider nicht entsprochen werden kann, solange sie arbeitslos sind. Dies hat maßgeblich mit dem Vertrauen zu tun, welches man Arbeitslosen entgegenbringt, ihren Status Arbeitslosigkeit zu beenden, weniger mit der aktuellen finanziellen Situation. Vielmehr geht man immer noch davon aus, dass Arbeitslosigkeit selbst verschuldet ist, sei es aus Faulheit oder aus Unfähigkeit.

Anhand der Arbeitslosenzahlen sieht man, dass auch in wirtschaftlich guten Zeiten ein immer größerer Teil von Menschen, nicht mehr in den Erwerbsarbeitsprozess integrierbar ist. Auch wenn die offiziellen Arbeitslosenzahlen derzeit von einem Rückgang der Arbeitslosen um 1,5 Mio. Menschen sprechen, zeigt die kleine Anfrage der FDPvon Anfang 2008 ein anderes Bild. Die Antwort von Klaus Brandner (Bundesarbeitsministerium) bestätigt, das 2,86 Mio. Personen die ALG II beziehen aus verschiedenen Gründen nicht als arbeitslos verzeichnet sind. Das macht ca. 54% der AGL II Empfänger aus. Bei Beziehern von AGL I sind es 286.000 (25%). 2007 nutzten allein 312.000 AGL II und 225.000 ALG I Empfänger die „58er- Regelung“. Diese besagt, dass Arbeitnehmer, die mit 58 oder älter arbeitslos werden, Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, wenn sie dem Arbeitsmarkt dauerhaft nicht mehr zur Verfügung stehen. Das heißt 537.000 ältere Arbeitnehmer waren 2007 zwar arbeitslos, aber tauchten nicht in der offiziellen Statistik auf.[19]

Da nun seit Jahren mit allen Mitteln versucht wird, Arbeitslosigkeit durch die Bereitstellung von Arbeitsplätzen zu bekämpfen, und das mit mäßigem Erfolg, scheint der Blick verloren gegangen zu sein, dass es auch noch andere Möglichkeiten geben kann, als die verfügbaren Ressourcen in die Bereitstellung von Arbeitsplätzen zu investieren. Doch mittlerweile äußern in unserer Gesellschaft auch anerkannte Persönlichkeiten Alternativen, über die es nachzudenken gilt. Ein möglicher Weg aus der Arbeitslosigkeit, ist die freie Zeit anderweitig sinnvoll zu nutzen und Arbeitslosigkeit nicht als beklagenswerten Zustand zu betrachten. Denn überdenkt man die Definition des Begriffes Arbeitslosigkeit, so kann sie auch als etwas aufgefasst werden, was sie heute tatsächlich ist. Arbeitslosigkeit zeigt uns in beeindruckender Weise, welche enormen Leistungen unsere Gesellschaft in den letzten 200 Jahres vollbracht hat. So sind wir heute in der Lage mit immer weniger Arbeit einen immer höheren Output an Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Da Arbeitslosigkeit kein guter Gradmesser für den Wohlstandeiner Gesellschaft und die dafür benötigten Arbeitskräfte ist, sollen im nächsten Abschnitt die Indikatoren Arbeitszeit und Produktivität untersucht werden, die genauere Analysen über die Effizienz unserer Gesellschaft zulassen.

2.3. Arbeitszeit und Produktivitätsentwicklung

Wie die Begriffe Arbeit und Freizeit sich entwicklungsgeschichtlich verändert haben, so gab es auch dramatische Entwicklungen in den Bereichen Arbeitszeit und Produktivität.

Betrachten wir die Entwicklung der Arbeitszeit ist festzustellen, dass bis zur Erfindung und Verbreitung der Elektrizität der Arbeitstag aufgrund natürlicher Bedingungen, im Sommer auf 12 und im Winter 7-8 Stunden begrenzt war. Dies änderte sich erst durch die massenhafte Verbreitung des elektrischen Lichtes. Damit wurde die Nacht zum Tag und man konnte unabhängig von natürlicher Dunkelheit arbeiten.

In Europa wurden laut einer Studie um 1800 den Arbeitern eine 60-72 Stundenwoche abverlangt. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung zwischen 1830-1860 mit bis zu 85 Stunden Wochenarbeitszeit. Danach trat allmählich eine Verbesserung ein und die Arbeitszeit reduzierte sich von 78 Stunden (1870) auf ca. 60 im Jahre 1914. Während des Ersten Weltkrieges stieg die Arbeitszeit wieder auf 60-85 Stunden pro Woche an.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach dem Zweiten Weltkrieg(1947) wurde in Deutschland zunächst durchschnittlich 39,1 und im Jahre 1956 48,4Stunden gearbeitet.[21] Erst ab 1965 ging die Arbeitszeit auf 40Stunden zurück und wurde bis weit in die 1980er hinein beibehalten. Mitte der 1980er drängten die Gewerkschaften auf die 35Stunden Woche.

Diese setzte sich in einigen Branchen zunächst durch. Gesamtwirtschaftlich betrug die Wochenarbeitszeit 1990 38,70 Stunden und 2006 38,28 Stunden.[22] Damit zeigt sich, dass trotz der Einführung der 35 Stundenwoche 1995, nach dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten und einem enormen Aufschwung der westdeutschen Wirtschaft, die Bemühungen um Arbeitszeitverkürzungen zum erliegen kamen.

Abbildung 4: Entwicklung der Arbeitszeit

Quelle: eigene Darstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierfür verantwortlich war, durch den Vereinigungsaufschwung verursacht, der große Bedarf an Arbeitskräften im Westen. Hier kam es anfangs in vielen Bereichen der Wirtschaft zu Engpässen an Arbeitskräften, was teilweise bis zum Ende der New Economy anhielt und darin gipfelte, dass Greencards für Immigranten ausgestellt wurden, die den deutschen Arbeitsmarkt in der IT-Branche unterstützen sollten. Damit war im Westen keine Notwendigkeit gegeben die Arbeitszeit weiter zu verkürzen. Im Osten dagegen herrschte eine extrem hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb fehlte hier die gewerkschaftliche Verhandlungsposition. Im Zuge der Globalisierungkehrte sich der Trend um. Zwischenzeitlich forderten ganze Branchen die Erhöhung der Arbeitszeit auf 42 bis 44 Stunden pro Woche.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Entwicklung BIP (real) zu Arbeitsstunden pro Einwohner

Quelle: Statistisches Bundesamt (Zahlenmaterial); Grafik (eigene Darstellung)

Betrachten wir zunächst einmal die Entwicklung der Arbeitszeit in Form des Arbeitsvolumens und die Produktivitätsentwicklung unabhängig von Globalisierung und anderen externen Einflussgrößen. Das Arbeitsvolumen ist der Indikator, welcher das Maß unseres gesellschaftlichen Aufwandes tatsächlich widerspiegelt. Im von der IAB untersuchten Zeitraum von 1960 bis 2006 sank das geleistete Arbeitsvolumen von 56,38 Mrd. auf 56,14 Mrd. Stunden.[23] Auf den ersten Blick scheint sich die These zu bestätigten, das neue Branchen mittelfristig die Zahl der Arbeitskräfte aufnehmen können, die durch den Wegfall von alten Industrien entfallen. Damit würden Innovationen und Produktivitätssteigerungen keine Arbeitsplätze vernichten, sondern diese immer nur in Neue wandeln. Betrachtet man die Zahl der geleisteten Stunden jeweils im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zum jeweiligen Zeitpunkt, so entsteht ein völlig anderes Bild. Wurden 1960 55,96 Mio. Menschen versorgt, so waren es 2006 bereits 82,35 Mio.[24] Rechnet man die beiden Kennzahlen auf geleistete Stundenzahl pro Einwohner um, so heißt das, dass 1960 1.008 Std. und in 2006 680 Stunden zur Erwirtschaftung des BIP geleistet werden mussten. Betrachtet man noch die Entwicklung des realen BIP in diesem Zeitraum, so lässt sich feststellen, dass bei gleichzeitiger Reduzierung der Arbeitsstunden pro Einwohner um ca. 30%, das BIP real von 2.800 € auf 28.012€ pro Einwohner gestiegen ist.[25] Dies entspricht einer Steigerung von 1.000%.

Obwohl wir zu der Erkenntnis gelangt sind, dass das gesunkene Arbeitsvolumen mit gleichzeitig enormer Outputsteigerung einhergeht, sollte das Phänomen noch etwas differenzierter betrachtet werden. Ein nicht unwesentlicher Teil der hinzugekommenen Arbeitsplätze ist im tertiären Sektor, sprich Dienstleistungssektor, entstanden. Hier sollte berücksichtigt werden, dass ein Teil dieser Tätigkeiten, vor allem haushaltnahe Dienstleistungen, bisher von Müttern und Hausfrauen verrichtet wurden. Dies geschah jedoch nicht im marktwirtschaftlichen Sinne. Heute arbeitet die ehemalige Hausfrau als Putzkraft für eine Mutter, die gegen Bezahlung, die Kinder der Anderen betreut. Damit fliesen nun beide Tätigkeiten ins BIPein, was zuvor nicht der Fall war. Neue Arbeit ist in diesem Bereich jedoch nicht entstanden. Häufig werden gerade diese Jobs sehr schlecht bezahlt, sodass sie häufig nicht existenzsichernd sind.

Nimmt man in der Betrachtung den Effekt der haushaltnahen Dienstleistungen hinzu, zeigt sich dass der Umfang der Arbeit in wesentlich höherem Maße abgenommen hat, als die Zahlen vordergründig deutlich machen. Nun kann zwar eingewendet werden, dass viele der verloren gegangenen Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wurden. Das ist ein berechtigter Einwand, ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese Arbeit dann eben in diesen Ländern weiter rationalisiert wird und somit dort mittelfristig Arbeitsplätze abgebaut werden. Ein Beispiel zeigt dies in beeindruckender Weise.

Mit wenigen Ausnahmen ist die Textilindustriein den 1980er Jahren aus Deutschland fast vollständig verschwunden. Nun sind Bestrebungen im Gange genau solche Tätigkeiten in die industrialisierte Welt zurückzuholen. Aber nicht aus dem Grunde, weil wir einen neuen Niedriglohnsektor etabliert haben und nun mit den Billiglohnländern konkurrieren könnten, nein noch „schlimmer“ man ist heute in der Lage, diese Arbeiten schneller, exakter und kostengünstiger von Automaten in Deutschland produzieren zu lassen.[26]

Falls die Textilindustrie als Vorreiter angesehen werden kann, muss man davon ausgehen, dass andere Branchen folgen werden. Dies ist eine logische Konsequenz von Rationalisierung und deckt sich mit dem Gedanken, dass zukünftig 80% der Weltbevölkerung nicht mehr für den Wirtschaftsprozess benötigt werden.[27]

Hinzu kommt, dass sich auch im Dienstleistungsbereich durch IKT weitere Einsparpotentiale realisieren lassen. Nimmt man die Bankenbrancheso wurde in den Neuzigern angekündigt, dass sie die Automobilindustrie der 1980/90ern ist und in den nächsten 10 Jahren das gleiche Schicksal erleiden wird. In diesem Zusammenhang kam es erneut zur Diskussion, dass die Struktur der deutschen Bankenlandschaft mit ca.3.000 (Jahr 2000) Banken nicht optimal sei.[28] Bis heute kam es noch nicht zu einer wirtschaftlich sinnvollen und technisch realisierbaren Marktbereinigung. Dies betrifft vor allem den Genossenschafts- und Sparkassensektor. Doch bereits in den letzten Jahren wurden massiv Arbeitsplätze angebaut. Ein Ende ist nicht abzusehen. Ein Beispiel, gerade in diesen Tagen ist die HVB, eine Tochter der UniCredit, die allein in Deutschland 6.000 Stellen streichen will. Die Subprime Krise in den USA hat bereits 60.000 Bankangestellten ihren Job gekostet. Geht man davon aus, dass die Banken auch weiterhin ihren volkswirtschaftlichen Auftrag vollständig erfüllen werden sind die entlassenen Angestellten objektiv nicht mehr nötig. Die Kreditkrise war also nur der Auslöser für die Entlassungen, die Möglichkeit wurde jedoch bereits vorher durch vielfältige Optimierungen geschaffen. Diese These wird dadurch unterstützt, da die Angestellten auch in den Bereichen entlassen wurden, die nicht von der Krise betroffen sind.

Anhand von zwei weiteren Beispielen soll gezeigt werden, dass es sich bei Produktivitätssteigerungen um einen Prozess handelt, der kontinuierlich Arbeit „vernichtet“ ohne genügend neue Arbeit zu schaffen. Die Entwicklung erstreckt sich auf alle Branchen und gewinnt ständig an Dynamik. Ein hervorragendes Beispiel ist die Entwicklung der Produktivität im Automobilbereich, der als „Paradeindustrie“ bezeichnete wird.[29]

Weltwelt wurden 2007 über 71Mio. Fahrzeuge von ca. 3Mio. Beschäftigten hergestellt. Im Zuge der von Henry Ford eingeführten Massenproduktion von PKW betrug die Produktionsdauer für den Bau eines Autos im Jahre 1912 noch 4.664Stunden. Durch die ständige Optimierung reduzierte sich der Zeitaufwand binnen 12 Jahren auf 813 Stunden pro PKW. In den 1990ern betrug die Produktionszeit bei General Motors noch 32 und bei Toyota noch 16 Arbeitsstunden.[30] Rechnet man dies zurück, so hätten im Jahre 1912 für die Produktion von 71 Mio. PKW 300. Mio. Menschen tätig sein müssen und in den 1970ern immerhin noch 10-12 Mio. Arbeitskräfte. Die deutsche Automobilindustrie ist eine der Erfolgreichsten der Welt. Doch China, welches derzeit 6,3 Mio. PKW herstellt, hat seinen Output in den letzten 7 Jahren um den Faktor 10 gesteigert und Deutschland 2007 erstmals bei der hergestellten Menge überholt.[31] Geht die Entwicklung so weiter, wovon auszugehen ist, wird China vom PKW Importeur zum PKW Exporteur. Allein aufgrund seiner Größe, wird es die deutsche Automobilindustrie schwer haben seine Exportraten zu halten, geschweige denn weiter zu steigern. Gelingt dies jedoch nicht, so wird auch in dem Bereich, von den derzeit noch 800.000 Arbeitsplätzen durch weitere Rationalisierung ein nicht unwesentlicher Teil verloren gehen.

Wir können weiterhin davon ausgehen, dass die Nano-, Biotechnologie und Gentechnik alte Technologien ersetzen wird. Am Beispiel der Produktion der Vanille soll dies verdeutlicht werden. Derzeit verdienen 100.000 Bauern in den 3Hauptanbauregionen mit dem Anbau der Vanille-Orchidee ihr Einkommen.[32] Ein Kilogramm Vanille kostet 2.400$. Die Firma Escagenetics aus den USA, will mit Hilfe von gentechnisch veränderten Bakterien einen gleichwertigen Ersatzstoff herstellen.[33] Sobald die Massenproduktion beginnt, will die Firma ein Kilogramm für 50 $ anbieten. Das bedeutet, gleiche Gewinnmargen unterstellt, eine Kostenreduzierung von 98%. Zur Herstellung der gleichen Menge sind dann nur noch ca. 2.000 Menschen nötig. Damit steht der Prozess erst am Anfang. Weitere Optimierungen werden folgen und weitere Aromen und Lebensmittel werden zukünftig gentechnisch unterstützt oder optimiert hergestellt. Diese Technologien werden schon deshalb nicht aufzuhalten sein, da einerseits das Bevölkerungswachstum effizientere Produktionsmethoden erfordert, die intensive Landwirtschaft schwere ökologische Schäden anrichtet, sowie durch Bodenerosionen Ackerland verloren geht.[34]

Diese Beispiele lassen erkennen, dass sich in Folge der ungeheuren Produktivitätssteigerungen sowohl der Wohlstand (hergestellte Menge) als auch die dafür eingesetzte Zeit positiv entwickelt haben. Diese Entwicklung ist in allen Bereichen zu verzeichnen und ist geradezu konsequent und als erstrebenswert zu betrachten, da der Mensch das Ziel hat mit möglichst wenig Ressourceneinsatz und Arbeitsaufwand Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Diese Situation lässt sich in vielen Bereichen der Wirtschaft feststellen, hauptsächlich dort, wo starker Wettbewerb herrscht.

Im Gegenzug muss natürlich angeführt werden, dass sich ständig neue Branchen entwickeln und die menschlichen Bedürfnisse unbegrenzt sind. Sobald bestimmte Kostengrenzen unterschritten werden und eine Massenproduktion möglich ist, wird der Bedarf kaufkräftig und neue Absatzmärkte entstehen. Deshalb soll auch dieser Aspekt beleuchtet werden.

Die Unbegrenztheit der menschlichen Bedürfnisse ist auch insoweit gegeben, dass z.B. heute noch nicht absehbar ist, welche Bedürfnisse sich in den nächsten 20 oder gar 50 Jahren entwickeln werden. Derart langfristige Entwicklungen lassen sich nicht prognostizieren. Vor 50 Jahren stand die Nutzung von Computerspielen, Handys und der Massentourismus nicht zur Diskussion. Das Gleiche kann für Weltraumtourismus, holographische Unterhaltungsmöglichkeiten und lebensverlängernde Medizin in 20-50 Jahren gelten.

Dennoch muss festgestellt werden, dass in den letzten Jahrzehnten, in Deutschland nicht Mangel an Produkten zu wirtschaftlichen Krisen geführt hat, sondern dass die produzierten Waren nicht abgesetzt werden konnten (Überproduktionskrise). Seit 8Jahren liegt die Kapazitätsauslastung der deutschen Wirtschaft nicht mehr über 90%. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zudem mehr Güter ins Ausland exportiert wurden, als Deutschland importiert hat. Sollten zukünftig auch andere Länder eine derartige Potenz entwickeln und mehr herstellen als sie selbst verbrauchen, stellt sich irgendwann die Frage: Wohin mit all den weltweit exportierten Waren?

Arbeit, Einkommen und Produktivität stehen im Mittelpunkt unserer, auf Erwerbsarbeit konzentrierten Gesellschaft. Aus diesen Faktoren definieren wir Wohlstand und Armut. Deshalb soll im nächsten Abschnitt auf diese Punkte eingegangen und die Voraussetzungen geschaffen werden, um danach qualifiziert über ein Grundeinkommen diskutieren zu können.

2.4. Wohlstand und Armut

Wohlstandund Armutsind keine räumlich und zeitlich allgemein gültigen Begriffe. Sie hängen von vielen Faktoren, wie allgemeiner Lebensstandard, Lebenseinstellung, den Bedürfnissen des Einzelnen und der Leistungsfähigkeit der Gesellschaft, Güter und Dienstleistungen zu produzieren und unter seinen Mitgliedern zu verteilen, ab. Sowohl im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, als auch heute in weiten Teilen der Welt, wird Armut anders definiert, als in Deutschland 2008. In Deutschland ist die Armutsrisikoquote definiert „ …als Anteil der Personen in Haushalten, deren bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommenweniger als 60% des Mittelwertes (Median) aller Personen beträgt. Damit ist die mittlere Einkommenssituation die Referenzgröße.“[35] In Zahlen bedeutet dies, wem monatlich weniger als 781€ Einkommen zur Verfügung steht, wird als arm angesehen. 26% der Bevölkerung fallen nach dem Armutsbegriff der Bundesregierung in diese Kategorie.[36]

Als reich hingegen gilt, wer monatlich über ein Einkommen von mehr als 3.418€ verfügt. Zu den Wohlhabenden gehören laut Wohlstandsbericht ca. 8,8% der Bevölkerung mit einem Anteil am Einkommen von über 20%.[37]

Armut geht heute hauptsächlich aus unzureichendem Einkommen oder Überschuldung hervor. Letzteres soll hier jedoch nicht betrachtet werden. Nehmen wir hier einmal an, dass Einkommen nicht durch den „Geldschleier“[38] betrachtet wird und einem Äquivalent an Gütern und Leistungen entspricht, dann kann es mehrere Gründe geben, die ein unzureichendes Einkommen verursachen können. Einerseits kann ein Mangel an Waren und Dienstleistungen vorhanden sein, oder die vorhandenen Erzeugnisse sind grundsätzlich vorhanden, werden aber nicht so verteilt, dass alle ausreichend versorgt werden. Wie wir bereits gesehen haben, herrscht jedoch keine unzureichende Vorsorgungslage, wenn das gesamtgesellschaftliche Potenzial als Vergleich herangezogen wird.

Da in unserer Gesellschaft ein ausreichendes Einkommen überwiegend an eine Arbeitsleistung gebunden ist, diese aber nicht von allen arbeitsfähigen erbracht werden darf oder will, lebt ein Teil der Menschen in Armut, obwohl ausreichend Güter produziert werden und kurzfristig noch mehr produziert werden könnten.

Damit sind wir an der Stelle angelangt, wo die Frage zu stellen ist, ob die Gesellschaft in der Lage ist, unter Beibehaltung des notwendigen Leistungsgedanken Organisationsformen zu schaffen, die das Problem von Armut in einer Wohlstandsgesellschaft besser lösen kann, als es heute der Fall ist.

3. Bedingungsloses Grundeinkommen

3.1. Grundidee und historische Entwicklung

Ursprünglich war die Idee eines Grundeinkommens dahingehend ausgerichtet, dass Menschen eine Mindestversorgung erhalten, um vor Hunger und Armut geschützt zu sein. Ein erster Ansatz findet sich in Thomas MorusWerk Utopia (1516).[39] 1526 richtete der Humanist Johannes Ludvicus Viveseine Schrift an den Bürgermeister von Brügge, in der er sich für ein Mindesteinkommen einsetzte. Er begründet dies mit der christlich-jüdischen Pflicht zur Nächstenliebe und dem Argument, dass öffentliche Fürsorge wesentlich effizienter sei, als private Armenhilfe. Gleichzeitig trat er dafür ein, eine Gegenleistung in Form von Arbeit zu verlangen.[40]

Mit der Forderung nach einer Mindestversorgung war auch immer die Hoffnung verbunden, Kriminalität, die durch Armut entsteht, eindämmen zu können. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts wurde von verschiedenen Stadtverwaltungen Gesetze erlassen, die den Armen Unterstützung zugestand, meist in Form von Nahrungsmitteln. Im Gegenzug wurden Arbeitshäuser eingerichtet, in denen die Empfänger von Hilfsleistungen gezwungen wurden zu arbeiten. Später wurden die Hilfsleistungen, aus Angst vor Hungeraufständen, teilweise so ausgeweitet, dass man sie annähernd mit der heutigen Sozialhilfe vergleichen konnte.[41] Jedoch waren all diese Hilfsmaßnahmen stets an die Verpflichtung zur Arbeit gekoppelt. Später wurden derartige Armenversorgungen wieder eingeschränkt oder ganz abgeschafft.

Diese Unterstützungen waren in dieser Zeit meist nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung gedacht und zwar für jene, die nicht durch Einbindung in familiären Beziehungen versorgt werden konnten.

Im Zuge der industriellen Revolutionlösten sich die bis dahin überwiegend familiären Beziehungen, in denen Generationen sich gegenseitig unterstützten, allmählich auf. Deshalb wurden andere Formen der sozialen Sicherung benötigt. Mit der Einführung der Sozialgesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Grundversorgung für alle Arbeiter geschaffen, um sie vor Arbeitslosigkeit, Unfall und Krankheit und fürs Alter abzusichern. Diese Reformen wurden von Bismarck eingeleitet, um anderweitigen Bestrebungen nach sozialen Veränderungen zuvorzukommen. Nach und nach wurden ähnliche Systeme in weiten Teilen Europas installiert.

Eine Grundversorgung für den nicht arbeitenden Teil der Bedürftigen war mit der Einführung der Sozialversicherungen aber noch nicht gewährleistet. Deshalb führte man „ … in der zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts … mehr oder weniger allgemeine oder mehr oder weniger großzügige Maßnahmen in anderen Teilen Europas ... [ein,] … weil man nach und nach erkennt, dass ein ausschließlich versicherungsbasiertes System nicht ausreicht.“[42]

In Deutschland wurde eine derartige Versorgung 1961 im Bundessozialgesetz verankert und stellt sicher, dass Menschen die ohne Einkommen sind, finanzielle Unterstützung zuteil wird. Die Sozialhilfe setzt sich aus einem monatlichen Grundbetrag, sowie diversen Zusatzleistungen zusammen. Bedingung für ihre Inanspruchnahme war die Bedürftigkeit und der Willen zur Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit. Nach Einführung von HartzIV, wurde der Bezug von Sozialhilfe, dahingehend geändert, dass heute nur noch diejenigen Sozialhilfe erhalten, die nicht arbeitsfähig sind. Andere Hilfsbedürftige werden durch Arbeitslosengeld II unterstützt, deren Regelsätze aber mit denen der Sozialhilfe nahezu identisch sind.

All diese Maßnahmen können jedoch nicht als ein Weg zu einem BGE angesehen werden, da sie grundsätzlich Bedürftigkeit voraussetzen und Gegenleistungen verlangen.

Die Grundidee des BGE besagt nach heutiger Definition des Netzwerkes Grundeinkommen, dass es jedem Menschen ohne Bedürftigkeitsprüfungausgezahlt werden soll, kein Arbeitszwang damit verbunden sein darf, einen individuellen Rechtsanspruch begründet und das es in Form einer basalen gesellschaftlichen Teilhabe existenzsichernd sein soll.[43]

Einer der ersten Vordenker für ein BGE war Thomas Paines (1737-1809). Er leitet den Anspruch aus der Tatsache her, dass die Erde der gesamten Menschheit gehöre und demzufolge die Erträge zu gleichen Teilen unter allen Bürgern verteilt werden müssten. Er vertrat die Auffassung, dass jeder beim Eintritt ins Erwachsenenleben einen Einmalbetrag und später eine Rente erhält. Dies sollte als Entschädigung, für die durch den privaten Besitz an Grundeigentum verloren gegangenen naturrechtlichen Ansprüche, gewährt werden. Später vertraten auch andere diesen Ansatz unter anderem die Professoren Anne Alstott und Bruce Ackerman von der Yale Law School in den USA.[44] Einen ähnlichen Ansatz vertraten CharlesFourier und später Joseph Charlier. „ Fourier schreibt dazu in einer Publikation „Das allererste Recht, das Recht, die Früchte der Natur zu ernten, die Gaben der Natur zu nutzen, die Freiheit zu jagen, zu sammeln … und dieses Recht verpflichtet die Gesellschaft dazu, die Grundversorgung des Volkes zu gewährleisten.“[45] Gleichzeitig wird immer wieder hervorgehoben, dass eine Bevorzugung wegen Herkunft oder genetischer Vorteile durch ein BGE auszugleichen sei, um Chancengleichheit herzustellen. Tendenziell begründet auch Prof. Götz Wernereinen Anspruch auf ein BGE mit der verloren gegangenen Möglichkeit auf Landbesitz und der damit verbundenen Unmöglichkeit der Selbstversorgung. Dieser Ansatz soll im Folgenden als humanistischer Ansatzbezeichnet werden.

Ein anderer Ansatz, er soll im Folgenden als ökonomischer Ansatzbezeichnet werden, beruht auf der Idee, das marktwirtschaftliche System mit einem Grundeinkommen stabilisieren zu können oder dieses effizienter zu gestalten. Clifford H.Douglas befürchtete zum Beispiel nach dem Ersten Weltkrieg, „ … aufgrund der Produktivität der britischen Nachkriegsindustrie die Gefahr einer Überproduktion.“[46] Auch Milton Friedman argumentiert aus Sicht der Ökonomie für ein Grundeinkommen in Form einer Negativsteuer. Er hoffte darauf den Sozialstaat damit radikal zu vereinfachen. Das Modell der Negativsteuer soll später noch eingehend untersucht werden.

[...]


[1] o.V. Was ist eigentlich "Arbeit"? (2008)

[2] Vgl. Fisch, S. (2000) S. 7

[3] Brockhaus (Hrsg.) (1997) S. 234

[4] Vgl. Darwin, C. (2005) S. 112

[5] vgl. Vobruda, G. (1989) S.10

[6] o.V. Arbeit und Armut im Mittelalter (2004)

[7] Ickler, M. (2007) S. 34 (Zitat aus Platon Symposium 184c)

[8] Vgl. Walther, R. (1990) S.12ff

[9] Vgl. Ickler, M. (2007) S. 38

[10] Vgl. Hanesch, W. (1988) S. 56

[11] Grundgesetz Artikel 12 Abs. 2

[12] Aktenzeichen S6 AS 70/05 ER 08.03.2005; Urteilsbegründung siehe Anhang

[13] Vgl. Opaschowski, H.W. (1996) S.100

[14] Sinn, H.W. (2003) S.11

[15] Nitzsche, F. (2006)

[16] Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008) S. 7 u. 75

[17] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2008) S. 12

[18] Vgl. TA professional (2008)

[19] Vgl. Schwenn, K. (2008) S.12

[20] Vgl. Rutz, M. (1958) S. 5,10,12,21,23

[21] Vgl. Erhard, L. (1957) S. 30

[22] Vgl. IAB (Hrsg.) (2007)

[23] Vgl. IAB (Hrsg.) (2007) + zugesendete Excelaufstellung mit langer Zeitreihe

[24] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2007) S. 42

[25] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2007) S. 634

[26] Vgl. Rifkin, J. (2007) S.130

[27] Vgl. Martin H-P.; Schumann H. (2005) S.10

[28] Vgl. Bundesverband Deutscher Banken

[29] Vgl. Drucker, P. (1966) S. 134 ff

[30] Vgl. Rifkin, J. (2007) S. 66 u. 102

[31] Vgl. International Organization of Motor Vehicle Manufacturers (2007)

[32] Vgl. Rural Advancement Fund Internation (Hrsg.) (1987)

[33] Vgl. Rifikin, J. (2007) S. 118

[34] Vgl. Meadows Donella und Dennis; Randers Jörgen. (1992) S. 75

[35] Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008) S. 69

[36] Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008) S. 21

[37] Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008) S. 18 u. 30

[38] Werner, G. (2007 a) S.16

[39] Vgl. Morus, T. (1990)

[40] Vgl. Vanderborght, Y., van Parijs, P. (2005) S. 16

[41] Vgl. Vanderborght, Y., van Parijs, P. (2005), S. 16

[42] Vgl. Vanderborght, Y., van Parijs, P. (2005) S. 19 (In anderen Teilen Europas bezieht sich

darauf, dass diese ursprünglich in England eingeführt wurde.)

[43] Vgl. Netzwerk Grundeinkommen (2008)

[44] vgl. Vanderborght, Y., van Parijs, P. (2005), S. 21

[45] Fourier, C. (1967) S. 491

[46] Douglas, C.H. (1924)

Details

Seiten
79
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640193257
ISBN (Buch)
9783640193363
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117267
Institution / Hochschule
Frankfurt School of Finance & Management – Frankfurt School of Finance and Management
Note
3
Schlagworte
Bedingungsloses Grundeinkommen Volkswirtschaft BGE bedingungsloses Grundeinkommen Bürgergeld Bedingungslos Einkommen

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Titel: Bedingungsloses Grundeinkommen