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Die hypochondrische Gesellschaft

Die Inflation von Risiken: Gefahr oder Segen?

Hausarbeit 2008 15 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Vom Fatum der Antike zum Risiko der hypochondrischen Gesellschaft
1. Die historische Genese des Begriffs „Risiko“
2. Konservatismus als Nährboden der Risikokonstruktion
3. Die hypochondrische Gesellschaft

II. Risikotypen und Mechanismen der Risikobewältigung
1. Traditionelle, versicherbare Risiken
2. Evolutionäre Risiken als Herausforderung für die Risikobewältigung
3. Theorie der Ableitbarkeit evolutionärer Risiken

III. Folgen und Chancen der Risikoinflation
1. Übersteigerter Risikodiskurs: Gefahr oder Segen?
2. Chance als alternatives Deutungsmuster?.

Fazit

Literatur

Einleitung

Schon ein Blick in die Tagszeitungen offenbart einen ungemein ausgeprägten Risikofetischismus: über den allseits präsenten Klimawandel[1], Hollywoodfilme füllende Meteoriteneinschläge oder Atomwaffen als Risiko eines nuklearen Winters, Konjunkturrisiken, das Risiko der Altersarmut durch eine bis 2050 (man beachte: mehr als ein halbes Menschenleben!) prognostizierte demographische „Fehlentwicklung“ und Krise des Rentensystems, Atomreaktorunfälle á la Tschernobyl, das im Festtagsbraten lauernde BSE, H5-N1 alias „Vogelgrippe“, das mit gewisser Wahrscheinlichkeit von Mensch zu Mensch übertragbar ist, das unsichtbare Feinstaubrisiko, mit hoher Wahrscheinlichkeit geplanten Terroranschlägen, bis hin zu dem Ozonloch oder frittierten Kartoffelprodukten, die das Krebsrisiko steigen lassen – „eine Sau nach der anderen wird durch’s Dorf getrieben“.

Die offensichtliche Bedeutung von Risiken hat jedoch tiefer liegende Ursachen als nur den Hang zu Negativschlagzeilen, dem der Massenjournalismus seit jeher und zunehmend auch die Wissenschaft unterliegen. Den Sendern steht eine Masse an lauschenden Empfängern gegenüber. Risiko als Begriff, „den man heute bei jeder Gelegenheit benutzt“[2], scheint vielmehr ein Nebenprodukt des beständigen Seinsprozesses unserer Gesellschaft geworden zu sein, die ich als hypochondrisch zu entlarven versuchen werde, und die Veränderungen in einem allseits internalisierten Definitions- und Wahrnehmungsschema als Risiko interpretiert.

Wie kam es zum Risikobegriff (I)? Steigt die Zahl der Risiken angesichts Zunahme an Gefahren (ungleich Risiko!) oder durch dem gesellschaftlichen System inhärente Neigungen und Dispositionen (I.2 & I.3)? Welche Mechanismen werden bemüht, um welchen Typen von Risiken zu begegnen oder vorzubeugen (II)? Wie hängen traditionelle und evolutionäre (Zivilisations-)Risiken zusammen? Ist die inflationäre Konstruktion von Risiken ein Segen, weil wir so Katastrophen abwenden, oder eine Gefahr, weil der Risikodiskurs Ängste schafft, die gesellschaftliches Leben und Werken lähmen (III)? Zu klären ist also, ob und inwieweit nicht Risiken, sondern das Konzept Risiko, durch das Veränderungsprozesse (die nicht gleich Gefahren sein müssen) definiert werden, Konsequenzen für das Handeln hat (III) und wieso dieses Konzept zur Erklärung herangezogen wird (I).

Als Autor, der sich Risiko zum Thema macht, unterliege ich der Gefahr (!), Risiken leicht als objektiv anzusehen und mich in der Komplexität des Themas zu verlieren; beide Risiken (!), vor denen ich nicht gefeit war angesichts des massiven, subjektiv internalisierten und wissenschaftlich breiten Risikodiskurses, suche ich präventiv zu entschuldigen durch die Prognose, dass ich die Fehler an ein oder anderer Stelle begangen habe. Die objektivistische (leichtfertige) Herangehensweise hat sich Ulrich Beck zu eigen gemacht, dessen „Risikogesellschaft“ ich dennoch dank einer (fast zu fülligen) Fülle von Denkanstößen als Quelle ebenso erwähnen möchte wie die scharfsinnigen Arbeiten von Krücken, Krohn und Luhmann zum Thema Risiko.

I. Vom Fatum der Antike zum Risiko der hypochondrischen Gesellschaft

1. Die historische Genese des Begriffs „Risiko“

War es beim antiken Dichter Vergil, der Aeneas Flucht aus Troja beschrieb, das Fatum, das von Göttern gesponnene Schicksal, das den Protagonisten durch das Leben trieb und Gefahren individuell zuschrieb[3], so bemühte das Christentum im Mittelalter Gott, dem das Richten über das eigene Schicksal bestimmt war, um das Wechselspiel von Glück und Pech irgendwie zu verstehen und mit Sinn zu versehen. Auch heute berufen wir uns auf höhere Mächte – mit steigender Tendenz, wie zu zeigen sein wird – und auch auf uns selbst als Schaffer von Gefahr und Unglück: Das Risiko ist die in unserer säkularisierten Gesellschaft die atheistische, verwissenschaftlichte Form des Fatums. Die Rationalisie rung bewirkte eine Ausbreitung der Wissenschaft und Mathematik und „entzauberte“[4] alten Schicksalsglauben. Doch im Zuge der Aufklärung läuft der säkularisierte Mensch Gefahr, sich durch seinen Glaubenszwang befreit als frei und erleuchtet betrachtend, neuen Dingen glauben zu schenken, sie zu verinnerlichen und sein Handeln bestimmen zu lassen. Das Risiko ist diese neue höhere Macht, dem der moderne Mensch unbeirrbar Glauben schenkt, dem er gerne die Verantwortung zuschiebt für Unglücke, die er selbst nicht zu verantworten glaubt oder haben will.

Die Wissenschaft ist in ihrer Produktion von Prognosen eine moderne Variante des Orakels von Delphi geworden: Auch wissenschaftliche Prognosen sind nicht vor Scheitern oder unfreiwilliger Richtigkeit gefeit, können sie durch ihre Veröffentlichung doch Handeln bewirken, das ihre Erfüllung verhindert (self-destroying prophecy) oder geradezu zu ihrer Erfüllung führt (self-fulfilling prophecy). Die Zukunft ist ungewiss[5], und folglich kann keine Prognose und auch keine Projektion dem Menschen in seiner Entscheidung helfen, da Risiken variabel sind und erst als solche wahrgenommen werden, wenn man von Gefahren weiß, was wiederum mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und Erkenntnisstand zusammenhängt. Atomare Verseuchung wurde erst dann ein Risiko, als Atomreaktoren oder Atomwaffen erfunden und ihre Zerstörungskraft offenbar wurde. Auch das Risiko als Wahrscheinlichkeit kann uns keine gesicherte Erkenntnis über die Zukunft bieten und ist beständigen Schwankungen unterlegen. Das Risiko einer atomaren Verseuchung durch Reaktorkatastrophen sinkt mit steigender technischer Sicherheit und steigt zugleich mit wachsender terroristischer Bedrohung. Nicht alles kann statistisch sinnvoll erfasst werden, da es bei Atomreaktoren beispielsweise viel zu geringe Fallzahlen gibt. Vor Tschernobyl hätte man einen Unfall für fast unmöglich gehalten. Statistik kann folglich versagen, sogar bevor sie angewandt wird.

Das Risiko, geboren im Zuge von Versicherungen im späten Mittelalter[6], beschreibt die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintrittes (im Versicherungswesen multipliziert mit der erwarteten Schadenshöhe). Der „Vorsorgestaat“[7] hat den Menschen befreit von der Furcht vor Verlust seiner Existenz und neue Potentiale des Wagemuts geöffnet. Verantwortung ist zwar individualisiert, aber durch die Versicherung durch das Kollektiv wird der Zufall durch die Hintertür wieder eingeführt: Verantwortung, ohne die Konsequenzen materiell tragen zu müssen. Risiko schafft eine fiktive Zukunft, in der eine Gefährdungslage eingetreten ist und versucht eben diese Varianten in ihrer Fallzahl zu beleuchten. Das moderne, berechenbare Fatum ist nur scheinbar berechenbar. Risiko bezieht sich immer auf vergangene Erfahrung, aber es gibt keine Determiniertheit, die sic h aus der Vergangenheit ableitet: Die Zukunft ist unvorhersehbar! Weder der Eintritt eines Schadens, noch der genaue Zeitpunkt und der genau Betroffene sind vorherzusagen. Risiko individualisiert und abstrahiert zugleich. Risiko als Begriffskonstruktion ist somit die Hoffnung und ein neuer (Irr-)Glaube, die Zukunft mathematisch konstruieren zu können, um Erwartungssicherheit für die Planung der Zukunft zu gewinnen; im Fall eines Schadens jedoch folgt stets die enttäuschte Überraschung, trotz geringer Wahrscheinlichkeit betroffen zu sein und die Frage: „Wieso nur ich?“ Genau darauf bietet dieser neue Gott aber keine Antwort. Risiko ist ein Behelfskonstrukt des Versicherungswesens, das paradoxerweise die Gesellschaft durchzogen hat. Das Fatum der Antike ist unberechenbar und fremd beeinflusst, das Risiko der Moderne statistisch-vorhersagbar und selbstverschuldet im Sinne eigener Haftung (wenngleich – wie Ewald[8] zeigt - in modernen „Versicherungsgesellschaften“ Lasten solidarische verteilt sind).

1.2 Konservatismus als Nährboden der Risikokonstruktion

Der Status-quo-Zustand der Gegenwart wird überhöht zum normativem Maßstab für die Zukunft, jede Abweichung davon wird je nach normativem Rahmen von unterschiedlichen (Angst-)Milieus der Gesellschaft als Gefahr wahrgenommen und als Risiko erforscht, vermessen und berechnet, um der Gefahr zu begegnen und eine Veränderung des Jetzt im Später zu vermeiden. Selbst in der Hölle schmorend wird bald der Gepeinigte, ist das Feuer erst Normalität geworden, in diese Ordnung der Hölle investieren, und Ordnungssicherheit[9] wünschen. Die Stabilität der Ordnung hat Vorrang vor stets mit Gefahren verbundenen Veränderungen, selbst wenn sie Chancen auf Fortschritt (im Sinne einer positiven gesamtgesellschaftlichen und individuellen Veränderung) in sich bergen. Insbesondere in einer älter werdenden Gesellschaft ist das Streben nach Ordnungssicherheit, um Investitionen zu schützen, von wachsender Bedeutung, da längere Lebensspannen in der Ordnung verbracht werden, die Investitionssumme folglich steigt. Diese Sicherheit ist nur möglich, wenn das gesellschaftliche System, seine Parameter und sein gefühlter und sichtbarer Zustand prinzipiell unverändert bleiben.

Ein noch bedeutendsamerer Motor dieses Konservatismus dürfte der historische Prozess der Individualisierung, die Auflösung alter, Sicherheit bietender Strukturen, das Aufbrechen von Schicht- und Klassensolidarität, sein. Dem Gewinn an Freiheit steht ein Verlust an Sicherheit gegenüber, der den Blick auf die gewonnene Freiheit trübt. Individualisierungsprozesse führen zu eigener Verantwortlichkeit, und zu Angst des Einzelnen, im Ernstfall ebenfalls alleine da zu stehen. Kollektive Gefahren werden somit als Risiko bewertet, um Mechanismen der Abwehr zu entwickeln (siehe III).

Der Einfluss des Menschen auf die Natur und die untereinander bestehende Interdependenz werden immer bewusster. So wird eine Moral der Eigenverantwortung durch wirtschaftliche Interessensgruppen oder eine neue ökologische Moral durch ökologische Initiativen gefordert und gefördert. Der Mensch und die Gesellschaft werden als Fremdkörper und empfindliches Glied innerhalb der Natur und Gesellschaft zugleich wahrgenommen. Je nach Perspektive sind verschiedene Akteure und Systeme Risiken und Betroffene zugleich, Einfluss muss kalkuliert und statistisch erfasst und verhindert werden.

Durch Technologie und Wissenschaft, die ein Legitimationsdefizit aufweisen und in ihrer Fortschritt verheißenden, gesellschaftsverändernden Kraft nicht demokratisch kontrolliert werden[10], sowie durch Interdependenz wachsende Schadenshöhen und Komplexität von Gefahren entstehen höhere Kosten der Verabreitung im Nachhinein und höhere Kosten des Verstehens in der Gegenwart. Das Risiko als Interpretationsmuster kann als Ausweg dienen, einfach die Gefahr nur zu verhindern, um diesen Kosten aus dem Weg zu gehen; das Risiko ist so eine Institution zur Reduktion von Komplexität. Der Erwartungsschaden einer Gefahr wird größer bewertet als der Erwartungsnutzen, Verlustangst scheint bedrohlicher als die Chance einer Gewinnmöglichkeit.

Dieser Konservatismus, entstanden aus individualisierungsbedingter Angst vor sich der Steuerung entziehenden gesellschaftsverändernden Prozessen, einer „nachindustrielle[n] Einsamkeit“[11], führt zu einer gestörten Selbstwahrnehmung der Gesellschaft, zu einer Hypochondrie.

1.3 Die hypochondrische Gesellschaft

Hypochondrie[12] ist eine psychische Störung, eine Krankheit, bei der Betroffene Angst vor einer Erkrankung haben, ohne an einer solchen wirklich – objektiv – zu leiden. Man ist nicht krank, glaubt es aber zu sein oder zu werden, verspürt gar Symptome und/oder deutet diese „falsch“: Die Eigenwahrnehmung ist gestört. Auch die moderne, „postindustrielle“ Gesellschaft ist hypochondrisch, ihre hochdifferenzierten Subsysteme und Gruppen fürchten die verschiedensten Risiken, die vermeintlich determinieren, dass in der Zukunft irgendwann etwas bestimmtes schlechtes passiert oder Entwicklungen negative Konsequenzen für die eigene Gruppe oder das eigene Selbst haben; man schreibt sich selbst in zunehmendem Maße die Schuld an Gefahren zu – besser: an Risiken (siehe unten). Darin zeigt sich fast eine masochistische Veranlagung der modernen Gesellschaft.

[...]


[1] Es geht in dieser Arbeit nicht darum, Katastrophen zu definieren, mögliche Katastrophen zu verharmlosen, den Hang zu sog. Katastrophenmeldungen zu erklären oder zu hinterfragen, ob er physikalisch belegbar ist. Es geht nur um die Wahrnehmung der Akteure, die Gefahren als selbst verschuldete Risiken wahrnehmen. Ebenso kann ich nur schwer einen Nachweis über den Befund der Risikoinflation erbringen und sehe diese als offensichtliche, dennoch zu überprüfende Präsupposition an.

[2] Ewald 1993, S. 209.

[3] „[...] qui […] fato profugus“ (Vergils Aeneis, 1,1-1,2)

[4] Die „Entzauberung der Welt“ ist ein bekannter Terminus Webers, er findet sich u. a. als gleichnamiger Abschnitt in „Wissenschaft als Beruf“.

[5] Vgl. Luhmann 1996, S. 38.

[6] Vgl. Krohn/Krücken 1993, S. 16 ff.

[7] So der Titel des gleichnamigen Buches von François Ewald.

[8] Vgl. u. a. Ewald 1993, S. 220 ff. und S. 443 ff.

[9] Zu Ordnungssicherheit, Ordnungswert und Investitionswert vgl. Popitz 1992, S. 223 ff.

[10] Vgl. dazu v. a. Kapitel VIII bei Beck 1986.

[11] Ebd., S. 135.

[12] Vgl. u. a. Reiche 2003, „Hypochondrie“.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640199907
ISBN (Buch)
9783640205707
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117515
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Gesellschaft Planung Unsicherheit Orleans Katrina

Autor

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