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Die Vertreibung der Mauren in der spanischen Historiographie des 20. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Untersuchungsteil

1. Präsentation der zu analysierenden Handbücher
1.1 Historia de España y su influencia en la historia universal
1.2 Historia de España
1.3 Historia general de España y América

2. Die sprachliche Präsentation der Darstellungen

3. Der Umgang mit Quellen und Forschung

4. Die Darstellung der Vertreibung
4.1 Der Fall Granadas 1492 – Das Ende der Reconquista
4.2 Das Schicksal der Mauren – Zwangstaufe und Verfolgung
4.3 Ursachen und Folgen der Migration

5. Bewertung der maurischen Herrschaft in Spanien

III. Schlussbetrachtung

Bibliographie

I. Einleitung

Die Vertreibung der Mauren von der Iberischen Halbinsel, seit Jahrhunderten im Zuge der Reconquista von den Spaniern betrieben, wurde 1492 mit dem Fall Granadas besiegelt. In der Kapitulationsakte wurden den Mauren zunächst Zugeständnisse in Bezug auf freie Religions-ausübung gemacht, doch schon nach wenigen Jahren unterlagen sie zahlreichen Restriktionen. In Granada erhoben sich schließlich die Mauren, doch ihre Aufstände wurden von der spa-nischen Krone niedergeschlagen und führten 1502 zu Zwangstaufe beziehungsweise Vertrei-bung der Muslime aus Kastilien, der 1525/26 die Muslime Aragóns folgten. Weitere Aufstände führten 1609 zur Vertreibung der Morisken, der getauften Muslime, aus ganz Spanien. Wie viele andere Migrantengruppen der Frühen Neuzeit waren sie gezwungen ihre Heimat aus reli-giösen Gründen zu verlassen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung dieser Vertreibung in der moder-nen spanischen Historiographie des 20. Jahrhunderts. Dazu wurden drei Handbücher ausge-wählt: Historia de España y su influencia en la Historia Universal von Antonio Ballesteros y Beretta[1], Historia de España, herausgegeben von Ramón Menéndez Pidal[2], sowie die Historia General de España y América, herausgegeben von Luis Suárez Fernández[3]. Anhand dieser Werke, die im Folgenden kurz vorgestellt werden, soll die Auseinandersetzung spanischer Ge-lehrter mit der Vertreibung der Mauren in der Historiographie verdeutlicht werden. Dazu wer-den die Werke bezüglich Darstellung, Umgang mit Quellen und Forschung sowie sprachlicher Präsentation untersucht. Neben den Ursachen für die Vertreibung aus Spanien sollen auch die Folgen der Migration in den Blick genommen werden. Abschließend wird nach einer Bewer-tung der maurischen Herrschaft in Spanien durch die Geschichtsschreibung gefragt. Aus Platz-gründen wird dabei die Kenntnis der Geschichte vom Fall Granadas 1492 bis zur Vertreibung der Mauren aus Spanien 1609 vorausgesetzt.

II. Untersuchungsteil

Einer kurzen Präsentation der Handbücher folgt der Vergleich dieser unter verschiedenen As-pekten. Dabei sollen auch Sprache und Umgang mit Quellen und Forschung berücksichtigt werden, das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Untersuchung der einzelnen Darstellungen bezüglich des Falles von Granada mit den Kapitulationsverhandlungen, der beginnenden Ver-treibungen und Zwangstaufen sowie der Folgen der Migration für die Spanische Krone.

1. Präsentation der zu analysierenden Handbücher

Zur besseren Vergleichbarkeit entstammen die ausgewählten historiographischen Darstellung-en unterschiedlichen Epochen. Die entsprechenden Bände der jeweiligen Handbücher er-schienen zum Ende der Monarchie, zu Beginn der Diktatur Primo de Riveras, in der Franco-Ära und zur Zeit der Demokratie. Vor der inhaltlichen Analyse sollen diese zunächst bezüg-lich Umfang, Aufbau und Ausrichtung beschrieben werden.

1.1 Historia de España y su influencia en la Historia Universal

Das neunbändige Handbuch Historia de España y su influencia en la Historia Universal von Antonio Ballesteros y Beretta erschien zwischen 1918 und 1941 in Barcelona. Schwerpunkt-mäßig behandeln die einzelnen Bände des Madrider Geschichtsprofessors die politische Ge-schichte Spaniens. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich Anmerkungen, Literaturangaben am Ende des Bandes. Die Sekundärliteratur umfasst spanische, katalonische, portugiesische, italienische und französische, aber auch deutsche und englische Texte. Zahlreiche Abbildung-en von berühmten Persönlichkeiten, Bauwerken, Statuen, Gemälden, Gegenständen und Un-terschriften dienen der Veranschaulichung. Die für die Fragestellung dieser Arbeit relevanten Bände des Professors für Spanische und Amerikanische Geschichte in Madrid erschienen in den Jahren 1922 und 1926.

1.2 Historia de España

Die 42 Bände umfassende Historia de España, herausgegeben von Ramón Menéndez Pidal, erschien zwischen 1954 und 2003 in Madrid. Nach seinem Tod 1968 übernahm José María Jover Zamora, Professor für Neuere Geschichte in Madrid und Mitglied der Königlichen Akademie für Geschichte, die Leitung[4]. Die einzelnen Bände haben jeweils eine Epoche zum Gegenstand, etwa „España Romana“, „España Visigoda“ oder „La epoca de Franco“. Die Historia de España zeichnet sich gegenüber Ballesteros y Beretta durch kürzere Kapitel aus, die die Reihe übersichtlicher und leserfreundlicher gestalten. Für die Fragestellung dieser Ar-beit sind insgesamt fünf Bände relevant. So zum Beispiel die zwei Volumen umfassende „España de los Reyes Católicos (1474-1516)“, erschienen 1969, sowie der 2000 von Jover Za-mora herausgegebene Band „El reino nazarí de Granada (1232-1492) – Sociedad, vida y cul-tura“. Die einzelnen Bände behandeln schwerpunktmäßig Politikgeschichte. Zu Beginn eines jeden Kapitels wird eine Übersicht über die jeweilige Quellen- und Forschungslage gegeben, am Ende des Kapitels finden sich die Anmerkungen. Zahlreiche Abbildungen, in den neueren Bänden farbig, dienen der Veranschaulichung.

1.3 Historia General de España y América

Zwischen 1985 und 1991 erschien in Madrid die 19 Bände umfassende und von Luis Suárez Fernández, Professor für Mittelalterliche Geschichte in Madrid, herausgegebene Historia General de España y América. Die einzelnen Bände beschäftigen sich mit Epochen der Spani-schen und Hispanoamerikanischen Geschichte wie z.B. der Franco-Ära, der Zweiten Republik und dem Spanischen Bürgerkrieg oder Amerika im 17. Jahrhundert. Behandelt werden ver-schiedene Bereiche der Geschichte wie Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Gesellschaft und Kir-che. Abbildungen von Bauwerken, Gemälden, Urkunden, Grundrisse und Karten dienen dabei der Veranschaulichung. Von Interesse sind hier der 1981 erschienene Band „Los Trastámara y la unidad española (1369-1517)“ sowie die beiden Bände „La época de plentitud (1517-1598)“ und „La crisis de la hegemonía española, siglo XVII“ von 1991. Anhand der kommentierten Kurzbibliographie, die sich am Ende eines jeden Kapitels findet, wird deutlich, dass Suárez Fernández hauptsächlich Sekundärliteratur – spanische, italienische, französische und deut-sche Texte – und nur vereinzelt Quellen verwendet.[5]

2. Die sprachliche Präsentation der Darstellungen

Alle drei Werke sind in der Umgangssprache abgefasst und berücksichtigen damit einen wich-tigen Aspekt der Historiographie. Darüber hinaus relevant ist sprachliche Objektivität, d.h. der Gebrauch sachlicher Äußerungen, die weder von Gefühlen noch von Vorurteilen bestimmt sind. In der Geschichtswissenschaft wird Objektivität allerdings zum Problem: Einerseits be-anspruchen die Wissenschaftler für ihre Ergebnisse Allgemeingültigkeit, andererseits ist ihre Arbeit abhängig von ihren persönlichen Einstellungen und denen ihrer Leser.[6]

Bei Ballesteros y Beretta[7] lassen sich im Hinblick auf die Araber wertende Aussagen finden: Neben sachlich korrekten Bezeichnungen wie "musulmanes hispanos"[8], "moro"[9], "moros"[10], „muslim“[11], "muslimes"[12], "granadinos"[13], "musulmanes"[14], "moriscos"[15] und "sarracenos"[16] finden sich auch wertende Äußerungen wie "infieles"[17] (Ungläubige) und "infiel"[18] (Unglau-be). Diese Begriffe erwecken den Anschein, Ballesteros y Beretta sei dem christlichen Welt-bild des Mittelalters verhaftet, in dem alle Nicht-Christen als Ungläubige galten. Heute dage-gen wird der Begriff Unglaube für religiöse Indifferenz und Atheismus verwendet. Nach Rohs könne eine Aussage erst dann Objektivität beanspruchen, wenn sie für jedermann und jederzeit gültig sei.[19] Daher muss gefragt werden, ob die Bezeichnung Andersgläubige statt Ungläubige nicht angemessener gewesen wären. Doch wie kommt es, dass Ballesteros y Beretta solche Wertungen verwendet? Ein Druckfehler kann ausgeschlossen werden, da Fehler im Anhang berichtigt wurden und sich die oben angegebenen Stellen nicht darunter finden[20]. Es wäre daher möglich, dass er bei der Beschäftigung mit Quellen und Literatur auch deren Wortwahl übernahm.

In den untersuchten Passagen der Historia de España[21] fehlen solch affektive Begriffe, sie sind daher objektiver als diejenigen von Ballesteros y Beretta[22]. Verwendet werden die Be-griffe „moro“[23], „moros“[24], „granadinos“[25], „musulmán“[26], “musulmanes”[27], “moriscos”[28] und “mudéjares”[29], wobei die Bezeichnungen als Muslime und Mauren überwiegen. Eine objektive Sichtweise zeigt die Historia de España auch bei der Erwähnung des infolge zahlreicher Mau-renaufstände 1502 von den Katholischen Königen erlassenen Dekretes, durch das die Mauren „entre su religión y su tierra"[30] wählen mussten. Durch die Formulierung „su tierra“, ihr Land, werden die Mauren nicht zu Eindringlingen stilisiert. Menéndez Pidal ist damit nicht der mit-telalterlichen Reconquistakonzeption verhaftet, die maßgebend für die Gestaltung eines histo-rischen Bewusstseins in Spanien war und in der die Mauren als Eindringlinge auf der Iberisch-en Halbinsel galten.[31] Sprachliche Objektivität zeigt auch Suárez Fernández in den untersuch-ten Passagen[32] seiner Historia General de España y América. Die Mauren werden als „moros“[33], „morisco“[34], „moriscos“[35], „musulmán“[36], „musulmanes“[37] und „granadinos“[38] be-zeichnet. Wie in der Historia de España finden sich auch hier keine wertenden Aussagen.

[...]


[1] Antonio Ballesteros y Beretta: Historia de España y su influencia en la Historia Universal, 9 Bde. Barcelona 1918-1941.

[2] Ramón Menéndez Pidal (Hrsg.): Historia de España, 42 Bde. Madrid 1954-2003.

[3] Luis Suárez Fernández (Hrsg.): Historia General de España y América, 19 Bde. Madrid 1985-1991.

[4] Vgl. http://todoenciclopedias.com/espasa/obras/menendezpidal.html (letzter Zugriff am 16.03.07).

[5] Vgl. Suárez Fernández: Historia General, Bd. 5: Los Trastámara y la unidad española (1369-1517). Madrid 1981, S. 538, 612f.; Bd. 6: La época de plentitud (1517-1598). Madrid 1991, S. 332; Bd. 8: La crisis de la hege-monía española, siglo XVII. Madrid 1991, S. 646f.

[6] Vgl. Christian Meier: Programm einer Geschichtsschreibung. In: Sprache der Geschichte, hrsg. von Jürgen Trabant. München 2005 (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 62), 149-164, S. 151f.; Jörn Rüsen: Ob-jektivität. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik, hrsg. von Klaus Bergmann. Seelze 1997, 160-163, S. 160.

[7] Vgl. Ballesteros y Beretta: Historia de España, Bd. 3, S. 671-690.

[8] S. Ballesteros y Beretta: Historia de España, Bd. 3, S. 671.

[9] S. Ebd., S. 681, 683, 686, 688.

[10] S. Ebd., S. 672, 673, 675, 676, 677, 678, 680, 681, 682, 683, 684, 685, 687, 688, 689, 690.

[11] S. Ballesteros y Beretta: Historia de España, Bd. 3, S. 679.

[12] S. Ebd., S. 682.

[13] S. Ebd., S. 682, 684.

[14] S. Ebd., S. 683, 684, 685.

[15] S. Ebd., S. 689.

[16] S. Ebd., S. 681.

[17] S. Ebd., S. 672.

[18] S. Ebd., S. 680, 681.

[19] Vgl. Dinzelbacher, Peter: Lexikon des Mittelalters VIII (1997), 1237-1238, s.v. Unglaube, Sp. 1237; Peter Rohs: Können Subjekte objektiv sein? Zur Rechtfertigung von Objektivitätsansprüchen. In: Subjektivität und Ob-jektivität in den Wissenschaften: Vorträges des Studium generale im Wintersemester 1989/90, hrsg. von Volkmar Leute. Regensberg 1990 (Akademische Reden und Beiträge/ Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 7), 11-28, S. 13.

[20] Vgl. Ballesteros y Beretta: Historia de España, Bd. 3, S. 919.

[21] Untersucht wurden in Bd. 8.4 S. 383-389; in Bd. 17.1 die „Introducción“ zur Geschichte des Krieges um Gra-nada, S. 387-396; „Estudio de las capitulaciones“, S. 849-871; „La toma de Granada“, S. 873-897; in Bd. 17.2 die Kapitel „La conversión de los musulmanes“, S. 285-301.

[22] Ausgenommen der Begriff „infieles“ in zwei Zitaten. Vgl. Menéndez Pidal: Historia de España, Bd. 17.1: Luis Suárez Fernández/ Juan de Mata Carriazo Arroquia, La España de los Reyes Católicos (1474-1516). Madrid 1969, S. 895; Bd. 17.2, S. 298.

[23] S. Menéndez Pidal: Historia de España, Bd. 17.1, S. 390, 851, 853, 854, 858, 861, 862, 864, 865.

[24] S. Ebd:, Bd. 17.1, S. 389, 390, 395, 851, 853, 854, 856, 858, 864, 866, 870, 873, 883; Bd. 17.2, S. 285, 289, 290, 291, 294, 298, 300.

[25] S. Ebd., Bd. 8.4: María Jesús Viguera Molíns et al., El reino nazarí de Granada (1232-1492) - Sociedad, vida y cultura, Madrid 2000, S. 387; Bd. 17.1, S. 389, 390, 851, 853, 854, 856, 858, 861, 862, 863.

[26] S. Ebd., Bd. 17.1, S. 866.

[27] S. Ebd., Bd. 8.4 S. 383, 386, 387, 388; Bd. 17.1, S. 389, 849, 858, 883, 884; Bd. 17.2, S. 285, 288, 290, 291, 295, 296, 298, 300.

[28] S. Ebd., Bd. 8.4 S. 383, 384, 385, 388, 389; Bd. 17.1, S. 388

[29] S. Ebd., Bd. 8.4 S. 383, 384, 385, 386, 387, 388; Bd. 17.1, S. 390; Bd. 17.2, S. 295.

[30] S. Menéndez Pidal: Historia de España, Bd. 17.2, S. 298.

[31] Vgl. Ebd., S. 296; Ladero Quesada, Miguel Angel: Lexikon des Mittelalters VII (1995), 527-530, s.v. Recon-quista, Sp. 527.

[32] Untersucht wurden in Bd. 5 S. 518-521, 565-567, in Bd. 6 „La cuestión morisca y la guerra de Granada“ S. 70-83, 324-327 sowie in Bd. 8 „La cuestión morisca“ S. 619-623.

[33] Vgl. Suárez Fernández: Historia General, Bd. 5, S. 520, 567; Bd. 8, S. 623.

[34] Vgl. Ebd., Bd. 6, S. 80, 82; Bd. 8, S. 621, 622.

[35] Vgl. Ebd., Bd. 5, S. 567; Bd. 6, S. 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 82, 83; Bd. 8, S. 619, 620, 621, 622, 623.

[36] Vgl. Ebd., Bd. 5, S. 518, 520; Bd. 8, S. 619, 622.

[37] Vgl. Ebd., Bd. 5, S. 518, 520, 521, 565, 566, 567; Bd. 8, S. 620.

[38] Vgl. Ebd., Bd. 5, S. 518, 565.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640200085
ISBN (Buch)
9783640320202
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117552
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Vertreibung Mauren Historiographie Jahrhunderts Migration Neuzeit

Autor

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