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Lernersprache im FSU

Erklärungsansätze und Konsequenzen für den Umgang mit Fehlern im FSU

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Romanistik - Didaktik allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Allgemeine Definition der Lernersprache
1.1.1. Lernersprache vs. Natürliche Sprachen
1.1.2. Charakteristika von Lernersprachen: Systematizität, Variabilität und Instabilität

2. Erklärungsmodelle der Lernersprache
2.1. Die Interlanguage Hypothese von Selinker
2.2. Modelle auf Basis der „Fossilisierung“

3. Die Lernersprache im FSU
3.1. Fehleranalyse
3.2. Konsequenzen für den Umgang mit Fehlern im FSU

4. Schlussfolgerungen

5. Bibliographie

1. Einleitung

Interlanguage, Interimsprache oder eben auch Lernersprache sind gängige Termini, die alle versuchen ein ähnliches Konzept zu umschreiben und doch gibt es feine Unterschiede zwischen ihnen. In Anbetracht der Vielfalt der Begriffe wird deutlich, wie komplex dieses Thema ist und wieviele verschiedene Ansätze zur Definition und Analyse der Lernersprache existieren. Schon seit den 50er Jahren gab es verschiedene Vorgehensweisen, anhand denen versucht wurde, die Probleme, die sich bei dem Erwerb einer Fremdsprache ergeben, zu lösen. Mit Problemen sind hier natürlich die Fehler gemeint, die Lerner beim Erwerb machen.

Einige Forscher beschäftigten sich dabei mit der Fehleranalyse, die Fehler indentifizierte, klassifizierte und auch bewertete und anschließend versuchte, daraus auf endogene Lernprozesse beim Fremdsprachenerwerb zu schließen. Andere nutzten die Kontrastive Analyse von zwei Sprachen (Muttersprache und Zielsprache), um anhand von Fehlern Lernschwierigkeiten und eben auch Lernerleichterungen festzustellen. Bereits während der 1960er und 70er Jahre wurde diese behaviouristisch verankerten Ideen jedoch kritisiert und neue Theorien wurden publiziert. „Die Interlanguage -Hypothese wurde primär in Opposition zu einer bestimmten psycholinguistischen Theorie - eben der behaviouristischen - entwickelt; die Interimsprachenhypothese entstand hingegen aus einer Kritik an Kontrastiver Analyse und Fehleranalyse“[1].

Es existiert aber nach wie vor keine durch Studien bewiesene und damit allein gültige Theorie, in der alle Aspekte des Zweitsprachenerwerbs erfasst werden konnten. Somit muss sich diese Arbeit darauf beschränken, bestimmte Theorien vorzustellen ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erlangen zu wollen. Es soll nun versucht werden, anhand von verschiedenen wissenschaftlichen Modellen und Definitionen die Lernersprache zu beschreiben und zu analysieren und der Frage nach zu gehen, welche Konsequenzen diese Theorien für den Umgang mit Fehlern im Fremdsprachenunterricht haben können und wie diese zu bewerten sind

1.1. Allgemeine Definition der Lernersprache

Von einer Lernersprache spricht man normalerweise dann, wenn es sich beim Sprecher einer bestimmten Sprache um einen Fremdsprachenlerner handelt. Dabei orientiert sich das Konstrukt Lernersprache an der Zielsprache, ist jedoch nicht identisch mit dieser. Bedeutend für die Art der Entwicklung der Lernersprache sind neben der Zielsprache selbst, vor allem die Muttersprache und falls vorhanden, bereits vorher erlernte Fremdsprachen, sowie natürlich soziale und lernsituationsabhängige Gegebenheiten, wie zum Beispiel methodische und didaktische Herangehensweisen beim Erlernen der Zielsprache. Aufgrund der Lernsituation fällt es dem Sprecher schwer, seine eigenen Äußerungen nach ihrer Richtigkeit zu beurteilen, d.h. ein Lerner merkt unter Umständen nicht einmal, dass er grammatisch inkorrekt spricht, weil ihm der nötige Abstand zu seinen Wissensbeständen, sowie die Sprachgewohnheit fehlt[2]. Die Inkorrektheit kann dabei rein grammatikalisch sein, kann sich aber auch im diaphasischen oder diastratischen Bereich abspielen. Die Wahl des Registers und dem damit verbundenen Vokabular wäre ein Beispiel dafür[3]. Selbst wenn die Lerner eine Regel zur Verwendung der Sprache explizit kennen, können Fehler auftreten, weil die korrekten Wendungen teilweise nicht genügend gefestigt sind.

Grob kann man sechs Eigenschaften der Lernersprache hervorheben, die bei allen Lernergruppen immer wieder zu finden sind[4]:

1) Der Sprachtransfer: Hierbei nutzt der Lerner seine Kenntnisse einer anderen Sprache, meistens der Muttersprache, um sein lernersprachliches Wissen zu organisieren. Typische Beispiele hierfür wären Probleme der Satzstellung oder aber auch des Vokabulars, wo anhand von ähnlich lautenden Wörtern der Muttersprache eine eventuelle Bedeutung in der Zielsprache abgeleitet wird. „Transfer bezeichnet den zugrunde liegenden Prozess; Interferenz [heißt] das Produkt.“[5]
2) Die Übergeneralisierung: Hier werden bereits erlernte linguistische Kenntnisse oder Strategien in der Zielsprache vom Lerner ohne Rücksicht auf Ausnahmen angewendet und somit verallgemeinert oder eben übergeneralisiert.
3) Die Ignorierung von Regelbeschränkungen: Der Lerner ignoriert die Beschränkung von bestimmten Regeln der Zielsprache.
4) Bei der unvollständigen Anwendung von Regeln handelt es sich vor allem um ein Vereinfachungsphänomen seitens der Lerner. Er hat herausgefunden, dass er auch mit einfachen Regeln effektiv kommunizieren kann und vermeidet somit komplexere Strukturen.
5) Transfer des Trainings: Wie der Name schon sagt, wird hier etwas von jemand anderem übernommen; meist geschieht dies durch die Beeinflussung des Lehrers oder auch der Lehrbücher, die gemäß ihrer eigenen Meinungen und Erfahrungen einige Aspekte der Zielsprache hervorbheben und andere dagegen vernachlässigen.
6) Falsche Konzepte: Falsche voraussetzende Konzepte können durch Mißverständnis einer Unterscheidung zwischen Konzepten in der Zielsprache verursacht werden.

1.1.1. Lernersprache vs. Natürliche Sprachen

Natürliche Sprachen[6] zeichnen sich dadurch aus, dass sie Regeln aufweisen und linguistisch beschreibbar sind. Dies trifft beides auch auf die Lernersprache zu. Jedoch sind lernersprachliche Äußerungen oft inkorrekt. Doch eben diese fehlerhaften Äußerungen lassen eine Regelmäßigkeit erkennen, das heißt, dass innerhalb einer Lernergruppe oftmals ähnliche Fehler auftreten, die charakteristisch für diese bestimmte Lernersprache sind. Nehmen wir als Beispiel eine Gruppe Französischlernender, die bereits die Konjugation von regelmäßigen Verben gelernt hat. Im Französischen endet dabei die zweite Person Plural immer auf „–ez“. Doch gibt es natürlich auch hier Ausnahmen, wie u.a. das Verb faire beweist, wo die zweite Person Plural faites und nicht etwa faisez* lautet. Aufgrund der vorher gelernten Regeln wäre es aber durchaus möglich, dass der Lerner diese Unregelmäßigkeit nicht erkennt und das Verb falsch beugt und somit seine (lerner)sprachliche Äußerung fehlerhaft wird.

Des Weiteren ist die Lernersprache auch, im Gegensatz zur natürlichen Sprache, nicht der eigentliche Lehr- und Lerngegenstand[7], sondern mehr oder weniger ein Nebenkonstrukt, dass auf dem Weg zum Erwerb der Zielsprache entsteht. Dementsprechend gibt es auch keinen Standard, also keine allgemeinverbindliche Norm für eine Lernersprache, dafür ist die Herausbildung viel zu situationsbedingt[8] und individuell. Hinter einer Lernersprache steht daher auch keine Sprachgemeinschaft, wie es bei natürlichen Sprachen der Fall ist. Gruppenbedingt kann jede Lernersprache andere Merkmale aufweisen und ist demzufolge von Gruppe zu Gruppe, ja sogar von Lerner zu Lerner unterschiedlich. Die Existenz einer Lernersprache ist dabei eng verbunden mit dem Aufeinandertreffen von natürlichen Sprachen. Sie bildet sich nur heraus, wenn mindestens zwei davon aufeinander treffen, während für die Existenz einer natürlichen Sprache keine weitere Sprache benötigt wird. Ein Kleinkind erwirbt seine Muttersprache, ohne vorher bereits eine Sprache zu beherrschen. Doch damit beschäftigt sich die Erstsprachenerwerbsforschung und es soll damit hier nicht weiter vertieft werden.

1.1.2. Charakteristika von Lernersprachen: Systematizität, Variabilität und Instabilität

Die Bezeichnungen Systematizität und Variabilität (und Instabilität als besondere Form der Variabilität) sind sich eigentlich völlig entgegengesetzte Begriffe und doch sagt Vogel, dass der Lernersprache „Systematizität und Variabilität gleichermaßen zu eigen sind.“[9]

Einerseits verhalten sich Sprecher der Lernersprache nicht willkürlich oder machen zufällige Aussagen, sondern man kann bestimmte Sprachgewohnheiten voraussagen. Genauere Erläuterungen dazu finden sich unter anderem bei KlausVogel[10].

[...]


[1] Kasper, Gabriele. Pragmatische Aspekte in der Interimsprache. Tübingen: Narr, 1981. S.4

[2] Vgl. Vogel, Klaus. „Lernersprache – Linguistische und psycholinguistische Grundfragen zu ihrer Erforschung“. Tübingen: Narr, 1990. S.

[3] Es wäre z.B. möglich, dass der Lerner bei einem Vorstellungsgespräch, also einer formellen Situation, unangenehm durch die Verwendung des francais populaire auffällt.

[4] Vgl. hierzu die fünf psycholinguistischen Prozesse der latenten Psychostruktur nach Selinker.

[5] Wode, Henning in Lernersprache – Thesen zum Erwerb einer Fremdsprache. S. 21

[6] ‚Natürlich’ meint hier im Sinne von nicht künstlich erschaffen (wie zum Beispiel Esperanto) und erworben. Man könnte es auch als den Vergleich zwischen Muttersprache und Lernersprache definieren, wobei dabei fraglich ist, ab wann ein Sprachlerner keine Lernersprache mehr spricht, sondern Muttersprachstatus aufweist bzw. ob dies überhaupt je eintritt.

[7] Hierbei ist davon auszugehen, dass die Lehrpersonen nahezu muttersprachlichen Standard aufweisen, da ansonsten auch hier evtl. lernersprachliche Eigenheiten vermittelt werden könnten. Ich gehe jedoch von der idealen Unterrichtssituation aus.

[8] Siehe dazu Vogel, Klaus, 1990. S. 14

[9] ebd. S. 47

[10] ebd. S. 47ff

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640200283
ISBN (Buch)
9783640256396
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117612
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Lernersprache Struktur Dynamik Varietäten Linguistik Pragmatik Fachdidaktik Französisch Spanisch Italienisch“

Autor

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Titel: Lernersprache im FSU