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Die Chinamission des Pater Matteo Ricci

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Forschungsgegenstand und Materiallage
1.2. Fragestellungen und Schwerpunkte der Arbeit

2. Matteo Ricci – von Macerata nach Zhaoqing

3. Chinamission und Akkommodation
3.1. Vorläufer der Chinamission
3.2. Die Entwicklung der Akkommodationsmethode

4. Äußerliche Akkommodation
4.1. Die Anpassung des Namens
4.2. Die Anpassung der Kleidung
4.3. Die Anpassung an die chinesischen Höflichkeitszeremonielle

5. Ricci’s elitäres Missionskonzept
5.1. China’s Gesellschaft zur Zeit Ricci’s
5.2. Mission von Oben nach Unten

6. Akkommodation im Bereich der Wissenschaft
6.1. Ricci und die chinesische Sprache
6.2. Missionierung durch Wissenschaft

7. Akkommodation im Bereich der Religion
7.1. Akkommodation und Religion – allgemeine Aspekte
7.2. Ricci’s Stellung zum Buddhismus
7.3. Ricci’s Stellung zum Taoismus
7.4. Ricci’s Stellung zum Konfuzianismus
7.5. Der „Wahre Bericht über Gott“
7.6. Ricci’s praktische Missionstätigkeit

8. Schluß

9. Literaturverzeichnis

10. Internetlinks

1. Einleitung

1.1. Forschungsgegenstand und Materiallage

Im Rahmen der folgenden Seminararbeit möchte ich die Chinamission des Jesuitenpaters Matteo Ricci genauer beleuchten. Meine ausführliche Literaturrecherche ergab eine Vielzahl von Monographien und Aufsätzen, welche sich mit diesem Thema beschäftigen. Allerdings findet man auf deutschsprachigem Terrain häufig nur oberflächliche Abhandlungen, gerade was die in dieser Arbeit näher betrachtete Akkommodationsmethode betrifft.

Ausnahmen stellen hierbei zum einen das recht umfassende Werk von Johannes Bettray und die kürzlich erschienene Arbeit von Wenchao Li dar, welcher sich vor allem mit dem religiösen Teilaspekt des Anpassungsvorgangs beschäftigt. Leider war es mir aufgrund sprachlicher Einschränkungen nicht möglich, italienische Originaldokumente in meine Betrachtungen einzubeziehen, welche aber zum Großteil in der von mir verwendeten Literatur bereits berücksichtigt sind.

Beispielhaft dafür sind die von Matteo Ricci selbst verfaßten „Storia del introduzione dell Christianesimo in Cina“, „Fonti Ricciane“ und „Opere Storiche“.

1.2. Fragestellungen und Schwerpunkte der Arbeit

Ziel meiner Arbeit ist es, gemäß Gliederung aus der literarischen Vielfalt spezifische Fragestellungen zur Akkommodationsmethode zu bearbeiten und in ein Gesamtbild einzufügen. Nach einer kurzen biographischen Einführung möchte ich anschließend auf theoretische Grundlagen und konkrete praktische Maßnahmen innerer und äußerer Akkommodation näher eingehen. So werde ich mich neben der Anpassung an chinesische Namen, Kleidung und Höflichkeit auch mit Ricci’s wissenschaftlichem Engagement und seinem Verhältnis zur Religionslandschaft China’s auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang werde ich versuchen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sich durch das konsequente Anwenden dieses neuen Missionskonzeptes boten, aber auch an welche Grenzen die Jesuitenmönche dabei stießen. Den Abschluß der Arbeit bildet eine Zusammenfassung sowie das Literaturverzeichnis.

2. Matteo Ricci – von Macerata nach Zhaoqing

1552 landete der Ostasienmissionar Franz Xaver auf einer Insel in der Bucht von Canton. Er starb noch im gleichen Jahre, allerdings ohne die Erfüllung seines großen Zieles, das chinesische Festland zu missionieren.[1] Diese Tatsache deutete Matteo Ricci später als Fingerzeig Gottes für seine Mission im Reich der Mitte, da er am 6. Oktober in eben diesem Jahr als ältestes Kind des Giovan Battista Ricci und Giovanna Angiolelli in Macerata geboren wurde. Sein Vater, ein Apotheker, betrieb hauptsächlich Politik während seine Mutter die dadurch entstehenden gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllte.[2] Im Jahre 1561 trat Ricci als Schüler in das neu gegründete Jesuitenkolleg seiner Heimatstadt ein. Er zeigte sich besonders lernbegierig, vor allem im Bereich der Sprachen. Seine fundierte Ausbildung ermöglichte Ricci auf väterlichen Wunsch 1568 den Beginn eines Jurastudiums in Rom.[3] Inspiriert von der sich in vollem Gange befindlichen Gegenreformation und dem damit verbundenen Wirken der Jesuiten trat Ricci 1571 sein Noviziat im Collegium Romanum an.[4] Ricci imponierte die innere und äußere Mission des jungen dynamischen Ordens, der sich außerdem intensiv mit den rasch entwickelnden Naturwissenschaften und Sprachen auseinandersetzte.

Dahingehend wurde Ricci besonders durch seinen Novizenmeister und späteren Beauftragten für die jesuitische Mission zwischen Afrika und Japan - Alessandro Valignano geprägt.[5] Dieser unterstützte sein Studium der Mathematik, Philosophie und arte liberales in Rom und Florenz.[6] Das in dem Zusammenhang betriebene intensive Auswendiglernen von lateinischen und griechischen Texten schulte in erheblichem Maße Ricci’s Gedächtnisleistung, mit welcher er später die Chinesen beeindruckte.[7] Hinzu kam, daß er eine Ausbildung beim besten

Mathematiker seiner Zeit, Christopher Clavius, genoß, welcher versuchte religiöse und naturwissenschaftliche Fragestellungen zu verknüpfen. Seine weit über Europa geschlossenen Freundschaften halfen dem ohnehin aufgeschlossenen und

toleranten Ricci eine Vielzahl von Kulturen, fremden Sprachen und Vorstellungen kennenzulernen. Fasziniert von dem Gedanken seinen Glauben fremden Völkern zu vermitteln, meldete er sich am Ende des Jahres 1576 freiwillig für die Missionstätigkeit. Im Mai des darauffolgenden Jahres erhielt er die Genehmigung seines Ordensgenerals und begann nach einer kurzen Papstaudienz seine Reise in

den Fernen Osten.[8] Erster Zwischenstopp stellte dabei Coimbra in Portugal dar,

wo Ricci neben seinen theologischen Studien auch Portugiesisch lernte. Am 24. Mai 1578 brach er zusammen mit 13 weiteren Missionaren nach Goa auf, wo er neben dem Theologiestudium am hiesigen Jesuitenkolleg auch eine Lehrtätigkeit für die Sprachen Latein und Griechisch wahrnahm.[9] 1580 siedelte Ricci für kurze Zeit nach Cochin an der unteren Westküste Vorderindiens, wo er noch im selben Jahr zum Priester geweiht wurde.[10] Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Goa segelte Matteo Ricci am 26. April 1582 über Malacca nach Macau. Er begann Kontakte zu den dort lebenden Chinesen zu knüpfen, um sie für seine Zwecke als Sprachlehrer oder auch Dolmetscher einzusetzen. Mit Hilfe seines Engagements und seiner neu gewonnenen chinesischen Freunde gelang es ihm eine Aufenthaltsgenehmigung vom Generalgouvaneur der Provinzen Kuangtung und Kuangsi zu erhalten.[11] Somit konnten die Patres Ricci und Ruggieri am 10.

September 1583 nach Zhaoqing, der westlich von Canton gelegenen Residenzstadt des Vizekönigs übersiedeln.[12] Ricci hatte damit seine erste Wirkungsstätte in China erreicht.

Im Folgenden soll nun die theoretische und praktische Konzeption, der von ihm gelebten Akkommodationsmethode analysiert werden.

3. Chinamission und Akkommodation

3.1. Vorläufer der Chinamission

Missionarische Bestrebungen in China gab es nicht erst seit der Zeit Ricci’s. Bereits im 7. und 8. Jahrhundert engagierten sich die Nestorianer in China.[13] Eine 1625 in Xi'an entdeckte Steinsäule von 781 enthielt das christliches Bekenntnis von Nestorianern und dokumentiert deren Mission in China.14 Letzte religiöse

„Reste“ findet Ricci unter anderem in Nanjing. Im 13. und [14]. Jahrhundert, also in der Zeit der Mongolen-Dynastie, hatten Dominikaner und Franziskaner kurzzeitig zwei Kirchen in Beijing. Die Freundschaft mit diesen Herrschern brachte unter anderem die Übersetzung einiger Abschnitte des neuen Testaments ins mongolische mit sich. Mitte des 16. Jahrhunderts begann eine neue Missionswelle, vor allen Dingen getragen durch die Jesuiten. Allerdings gab es zunächst größere Anlaufschwierigkeiten, da in China ein großes Mißtrauen gegenüber allem Fremden herrschte. Der im Vorfeld bereits schon erwähnte Franz Xaver starb 1552 kurz vor dem Erreichen des chinesischen Festlandes. 1565 scheiterte Pater Francisco Peres daran, daß er ohne Kenntnis der chinesischen Sprache keine Genehmigung zur Predigt in Canton bekam. Ein Jahr später ereilte

den Jesuiten Ribeira das gleiche Schicksal. 1879 kam es sogar dazu, daß 4 Franziskaner nach der Predigt des Evangeliums eingesperrt wurden. [15]

Lediglich der Jesuit Melchior Nunez Barreto konnte sich zwei Monate in Canton aufhalten. Sein Tätigkeitsfeld beschränkte sich allerdings nur auf das Seelenheil portugiesischer Gefangener.[16] Überwiegend kann also von einem Unwillen sich auf die Chinesen und ihre Kultur einzustellen ausgegangen werden.

3.2. Die Entwicklung der Akkommodationsmethode

Ein kleiner Teil der Missionare erkannte aber bereits vor Ricci, daß es notwendig war, sich in den Chinesen „hineinzudenken“. So brachte beispielsweise der Augustiner de Rada ca. 100 chinesische Werke über Religion, Geschichte und Philosophie zu Mönchen nach Manila und riet ihnen sich als

missionsvorbereitende Maßnahme damit zu beschäftigen. Es blieb allerdings bei einer Empfehlung, da er auf weitgehend taube Ohren stieß.

Erfolgreicher hingegen war das Bestreben vom bereits erwähnten Alessandro Valignano. Der Missions-Verantwortliche der Jesuiten wies schon früh darauf hin, daß es nicht möglich sei, diesem großen und würdigen Volk den Glauben gewaltsam aufzudrängen. Seiner Meinung nach sollte versucht werden, die chinesische Kultur ähnlich dem bereits in der Bibel sprichwörtlich gebrauchten

Sauerteig allmählich zu durchdringen.[17] So stellte er anläßlich einer Macaoreise

1578/79 fest, daß unter anderem das Erlernen der chinesischen Sprache eine Grundbedingung für ein erfolgreiches Arbeiten seiner Mönche sei.[18] Den Weisungen ihres Oberen folgend, hielten sich die Patres Ruggieri und Paio vom

27. Dezember 1582 bis ungefähr Anfang März 1583 in Zhaoqing auf. Hier erkundeten sie Möglichkeiten bezüglich des Lernens der chinesischen Sprache bzw. Schriften und der Anpassung der Kleidung. Man könnte diese Reise also ohne weiteres als Missionstätigkeit ohne Mission bezeichnen.[19] Als unumgänglich erwies sich der Anpassungsgedanke nach den ersten Erfahrungen die Ricci und Ruggieri in Zhaoqing machten. Vor allem das permanente Mißtrauen einer breiten Bevölkerungsschicht sowie die immer präsenten Verdächtigungen bezüglich einer

portugiesisch orientierten Spionagetätigkeit der Mönche machten es unerläßlich, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten.[20] Des weiteren erkannte Ricci in Bezug auf das chinesische Religionsempfinden, daß es wenig Sinn hatte, den Chinesen das Kreuz mit dem toten Christus vorzuhalten und mit einer Art „Hau- Ruck-Methode“ von der Vorteilhaftigkeit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Neben dem vorherrschenden missionsbremsenden Mißtrauen,

schockte der Anblick eines fast nackten menschgewordenen Gottes. Die Vorstellung eines leidenden und sterbenden Erlösergottes stand dem chinesischen Universismus diametral entgegen. Somit wurde auch für Matteo Ricci deutlich, daß nur ein schrittweises langsames Einpflanzen der christlichen Kultur à la Valignano eine erfolgreiche Missionierung des chinesischen Volkes ermöglichen konnte. Dazu mußte aber zunächst eine umfassende „Anpassung des Missionssubjekts an das Missionsobjekt“[21]

[...]


[1] Franke, Wolfgang: China und das Abendland, Göttingen 1962, S. 31.

[2] Hoffmann-Herreros, Johann: Matteo Ricci. Den Chinesen ein Chinese sein – ein Missionar sucht neue Wege, Mainz 1990, S. 7.

[3] ebenda, S. 13.

[4] http://www.bautz.de/bbkl/r/ricci_m.shtml

[5] Hoffmann-Herreros, S. 14-19.

[6] http://www.bautz.de/bbkl/r/ricci_m.shtml

[7] Li, Wenchao: Matteo Ricci oder: Ein Gelehrter auf Mission, in: Hartung, Gerald u. Klein, W. Peter (Hrsg.): Zwischen Narretei und Weisheit. Bibliographische Skizzen und Konturen alter Gelehrsamkeit,Hildesheim, Zürich, New York 1997, S. 225.

[8] Hoffmann-Herreros, S. 21-22.

[9] Li, Ein Gelehrter auf Mission, S.220.

[10] http://www.bautz.de/bbkl/r/ricci_m.shtml

[11] Franke, S. 31.

[12] http://www.bautz.de/bbkl/r/ricci_m.shtml

[13] Rennstich, Karl: Die zwei Symbole des Kreuzes. Handel und Mission in Südostasien, Stuttgart 1988, S. 36.

[14] Gründer, Horst: Welteroberung und Christentum. Ein Handbuch zur Geschichte der Neuzeit, Gütersloh 1992, S. 258.

[15] Hoffmann-Herreros, S. 60-61.

[16] Franke, S. 31.

[17] Hoffmann-Herreros, S. 61.

[18] Bettray, Johannes: Die Akkommodationsmethode des Pater Matteo Ricci in China, Rom 1955, S. 35.

[19] ebenda, S. 2.

[20] Gernet, Jaques: Christus kam bis nach China, Zürich, München 1984, S. 21.

[21] Lexikon für Theologie und Kirche Bd. 1, Freiburg 1957, S. 243.

Details

Seiten
25
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638178365
ISBN (Buch)
9783638682381
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11770
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Ricci Matteo Ricci Chinamission Mission China Akkommodationsmethode Akkommodation Jesuiten Missionskonzept Konfuzianismus Buddhismus Taoismus Mönch

Autor

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