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Die Tätowierung - Geschichte und Bedeutung in Afrika und Deutschland

Eine kulturanthropologische Untersuchung

Seminararbeit 2005 25 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DIE METHODE DER KULTURANTHROPOLOGIE

3. DIE GESCHICHTE DER TÄTOWIERUNG

4. AFRIKA
4.1 DIE URSPRÜNGE DER TÄTOWIERUNG
4.2 REICHTUM DER FORMEN – KRAFT DER FARBEN
4.2.1 Rot: Farbe des Lebens – Farbe des Todes
4.2.2 Weiß: Verbindung mit dem Übersinnlichen
4.3 DIE TATAUIERUNGEN DER BERBERFRAUEN
4.4 DIE WODAABE: SCHÖNHEITSWETTBEWERB DER MÄNNER
4.5 ATTRIBUTE DER ANERKENNUNG BEI MURSI UND BUMI
4.6 DIE STOCKKÄMPFE DER SURMA
4.7 DIE NUBA
4.8 LEBENSLANGE ZEICHNUNGEN – ZEUGEN DER PERSÖNLICHEN BIOGRAPHIE
4.9 KÖRPERSCHMUCK DER MAASAI
4.10 DIE YORUBA: KÖRPER ALS SPIEGEL INNERER QUALITÄT

5. DEUTSCHLAND
5.1 DIE URSPRÜNGE DER TÄTOWIERUNG
5.1.1 Unkultur
5.1.2 Die Seefahrer
5.1.3 Nach dem Krieg

6. SCHLUSS

7. LITERATURVERZEICHNIS

DARSTELLUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Ahnenkult bei den Lobi in Burkina Faso

Abb. 2: Schminkkult der Woodabe-Männer in der Republik Niger

Abb. 3: Kampfbemalung der Surma im Südwesten Äthiopiens

Abb. 4: Gesichtsmuster der Nuba im Südsudan

Abb. 5: Narbenzeichnungen der Ga’anda in Nigeria

Abb. 6: Kolo-Markierungen der Yoruba in Südwestnigeria

1 Einleitung

Tätowierung - die Verzierung der Haut in vielfältigster Form und Technik ist nicht nur heutiger Körperkult und Ausdruck der eigenen Individualität, sondern vielmehr im traditi- onellen Sinne das Herausstellen der eigenen Persönlichkeit und der gesellschaftlicher Stel- lung.

Die Abhandlung befasst sich mit der Geschichte der Tätowierung in Deutschland und im Speziellen auf dem afrikanischen Kontingent mit dem Ziel, dem Interessierten einen Ein- blick von traditionellen Riten bis zum heutigen Körperschmuck zu geben.

Angefangen mit der Erläuterung der Methode der Kulturanthropologie, wird im Anschluss die Geschichte der Tätowierung beschrieben. Zunächst wird die Bedeutung der Tätowie- rungen in einzelnen afrikanischen Stammesgesellschaften untersucht. Dabei wird der Reichtum der Formen und die symbolische Bedeutung einzelner Farben dem Leser nahe gebracht. Die diversen Beweggründe der Körperbemalung in diesen Kulturen werden fort- führend dargestellt. Im vorletzten Kapitel wird die Geschichte der Tätowierung im deut- schen Kulturkreis der letzten drei Jahrhunderte bis zur Gegenwart beleuchtet und Paralle- len zu den zuvor beschriebenen traditionellen Tätowierungsriten aufgezeigt, um im ab- schließenden Kapitel zu resümieren.

2 Die Methode der Kulturanthropologie

„Mit Sicherheit ist die Körperbemalung so alt und so universel[l] verbreitet wie der Mensch selbst, und vielleicht gehört dieses Tun zu den frühesten Zeugnissen, durch die er sich vom Tier unterschied.“1

Die Kulturanthropologie ist die Wissenschaft von (fremden) Kulturen, von ihrer Erfahrung, Analyse und Darstellung und setzt sich mit dem Menschen in seinem Verhältnis zu Kultu- ren auseinander, welche seit 1970 zu einer Leitdisziplin für die Kulturwissenschaft gewor- den ist. Ihr Forschungsinteresse gilt der Auseinandersetzung mit kulturellen Differenzen und der hintergehbaren Fremderfahrung – sprich die Kategorie des Fremden.2 Kulturanth- ropologen verstehen sich als selbstreflektierende Wissenschaftler, deren Ziel die Entwick- lung übergreifender theoretischer Fragestellungen und Begriffe ist. Die wissenschaftliche kulturanthropologische Arbeit soll empirisch, problemorientiert und gegenwartsbezogen sein. Einige Anthropologen erforschen, wie unsere Wissenschaft als ‚Homo sapiens’ be- zeichnete Spezies sich aus früheren Arten entwickelt hat. Andere Anthropologen untersu- chen wie sich der Homo sapiens in den Besitz der spezifisch menschlichen Sprachfähigkeit kam. Wieder andere konzentrieren sich auf die erlernten Traditionen menschlichen Den- kens und Verhaltens, die so genannten Kulturen. Sie untersuchen, wie frühere Kulturen entstanden sind und sich verändert haben und wie und warum moderne Kulturen Wand- lungen unterworfen sind oder gleich haben.3

Der kulturanthropologische Kulturbegriff umfasst sowohl soziale Geflechte und deren Sit- ten und Bräuche, wie auch die Produktion von technischen Hilfsmitteln, die der Mensch benötigt, um in seiner Umwelt leben zu können. Die Kultur wird also nicht in Gegensatz zur Zivilisation gesetzt, sondern bezeichnet die Gesamtheit der menschlichen Umgebung. Der Mensch ist gleichzeitig der kulturelle Schöpfer, als auch das Geschöpf der Kultur. Un- ter dem Aspekt dieser Wechselwirkung wird der Austausch zwischen Kulturen betrachtet. Dabei werden transnationale Kulturen ebenso beleuchtet wie Subkulturen.4

3 Die Geschichte der Tätowierung

Der Begriff Tätowierung geht auf die Bezeichnung Tatauierung [zu polynes. Tatau = Zei- chen] zurück, den die Ureinwohner Polynesiens für das Bemalen des Körpers mit einem Tatau benutzen. Die englischen Seefahrer, die sich im 18. Jahrhundert von den Eingebore- nen verzieren ließen, machten für den englischen Sprachgebrauch scherzeshalber ein ‚Tat- too’ daraus. Der Begriff hat sich gehalten. Ins Deutsche wurde er mit dem Begriff der Tä- towierung übertragen.5 Der Akt des Tätowierens war aber nicht nur den Urvölkern Polyne- siens ein Begriff, er war der Menschheit allgemein seit der Frühzeit bekannt, mit dem Un- terschied, das es damals noch nicht ‚Tätowieren’ hieß, sondern ‚Stechen’, ‚Ritzen’, ‚Schnitzen’ oder ‚Stechmalen’. Die Prozedur war jedoch die gleiche: Die Menschen fügten sich Schnitte zu und rieben dann Holzkohle, farbige Erde oder Pflanzenteile in die Wunde. Manchmal gingen die Menschen sogar noch weiter: Sie schnitten sich Narben oder brann- ten sich Wunden ins Fleisch. Die dadurch entstandenen Hautbilder waren selten künstleri- sche Verzierungen, sondern waren rituelle Gebaren. Die Hautbilder galten als Schutz vor Geistern, als Ausdruck der Tapferkeit, des Erwachsenseins, als Beispiel besonderer Man- neskraft oder schlicht als Zeichen der Stammeszugehörigkeit.

Aufgrund von Funden wird vermutet, dass Körperverzierungen als kultische Handmalun- gen in Japan bereits während der Jomon-Periode, der Jungsteinzeit, die zwischen 5000 und 300 v. Chr. datiert wird, durchgeführt worden sind. Aufschluss darüber gibt Ötzi, der ältes- te erhaltene menschliche Körper der Welt, der 15 Hautbilder besitzt. Ötzi besitzt eine Rei- he parallel verlaufender Linien, die seine untere Wirbelsäule bedecken, Streifen um seinen rechten Fußknöchel und ein Symbol in Form eines Kreuzes hinter seinem rechten Knie.

‚Nur’ 2.400 Jahre alt ist die im russischen Ukok-Plateau gefundene Frau. Sie ist bisher die älteste bekannte tätowierte Frau. Es wird vermutet, dass es sich um eine Kriegerin oder eine Erzählerin von Stammesgeschichten handelt, welche von ihrem Stamm der Pazyryker hoch angesehen war. Sie trägt kunstvolle und reich verzierte Hautbilder von Vögeln, Hir- schen und mystischen Tieren an den Armen und Schultern.6

4 Afrika

4.1 Die Ursprünge der Tätowierung

Der Körperschmuck hat bei der Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent eine lange Tradition. Bei den dunkelhäutigen Stämmen in Nordafrika vererben die Mütter die Kunst der Tatauierung teilweise noch heute an ihre Töchter. Die Hautbilder, bestehend aus Ran- kenwerke aus Punkten, Strichen, Kreuzen und Dreiecken, fungieren als Amulette. Sie sind Sinnbild für die Fruchtbarkeit der Frau und sichern ihr Gesundheit, Wohlergehen und weh- ren übersinnliche Kräfte ab. Weil diese nach Ansicht der Eingeborenen durch Körperöff- nungen in die Menschen eindringen, bringen sich die Frauen die Muster bevorzugt im Ge- sicht an beziehungsweise an Körperstellen, die nicht dauerhaft durch Kleidung geschützt werden können.

Bei den äthiopiden Rassen in Schwarzafrika hat die Narbentätowierung, auch Skarifizie- rung genannt, bis heute überlebt. Dazu wird die Haut mit einem Dorn – in einigen Stäm- men mit einem Angelhaken – hochgezogen. Anschließend bringt man die Einschnitte mit einem scharfen Messer oder einer Rasierklinge an, beziehungsweise schneidet das Haut- stück komplett aus. Die Schmerzen werden durch Öl, Mehl und Heilkräuter gelindert. Das Ergebnis sind schließlich kleine Narbenwucherungen, die in abwechselungsreichen Mus- tern die Haut verzieren. Teilweise werden sie mit dunklen Farbstoffen noch stärker hervor- gehoben.

Der Narbenschmuck gibt Informationen über den sozialen Status eines Menschen. Denn eine umfangreiche Skarifizierung – durchgeführt durch einen Spezialisten – ist eine auf- wändige und kostspielige Angelegenheit und diese kann sich nicht jeder leisten. Je auf- wendiger die Narben, desto höher ist die gesellschaftliche Stellung seiner Träger.

Informationen über eine bestimmte Altersgruppe verraten auch die Ziernarben. Bereits bei der Geburt erhalten die Kinder mancherorts die ersten Einschnitte und in regelmäßigen Abständen folgen weitere Narben. Bei den Frauen beispielsweise nach der ersten Menstru- ation, nach der Geburt des Kindes oder nach dessen Stillen. Die Skarifizierungen werden gleichermaßen als Verschönerung empfunden, da sie doch für den Erfolg beim anderen Geschlecht sorgen. An diesen Narben lassen sich überstandene Krankheiten, körperliche Qualitäten und – als Auszeichnung – persönliche Leistungen erkennen. Erst durch die Narben wird man zum ‚echten Mann’ oder zur ‚echten Frau’.

Als eine ‚Stammeszeichnung’ gilt das Narbendesign. Es ist ein Kennzeichen von Stammes- und Verwandtschaftsgruppen. Egal in welchem Stamm oder in welcher Region, Menschen ohne eine Narbe gelten als Außenseiter – und als Feigling.

Heute haben viele afrikanische Regierungen die Narbenverzierung zwar gesetzlich verbo- ten, jedoch wird an diesen jahrhunderte alten Ritualen, häufig geheim, festgehalten. Es ist ein schier unmögliches Unterfangen eine Übersicht über die Kunst dieser Körperbemalung, der Skarifizierung und anderen Riten in Afrika zu geben, da jede Region ihre eigenen Mo- tive hat, die wiederum von Stamm zu Stamm variieren können.7

4.2 Reichtum der Formen – Kraft der Farben

Die Menschen in vielen afrikanischen Gesellschaften richten ihre Kreativität und ihre künstlerische Begabung auf die eigene Haut. Gleich Schnitzern kerben sie ihre Oberfläche ein, und wie Bildhauer verändern sie ihre Beschaffenheit. Die Leinwand auf der die afrika- nischen Künstler ihre Kunst entfalten bilden Gesicht und Körper. Erst durch die ge- schmückte Haut wird der Körper in eine lebende Skulptur verwandelt und zum Kunstwerk erhoben. Durch die bewusste Gestaltung wird er zum Ausdruck menschlicher Kultur, die sich durch die Kunst von der ungeformten Natur, die sie umgibt, nachdrücklich abgrenzt. Die Regeln werden von der Gemeinschaft aufgestellt und weitergegeben. Die Gesamtheit der Ästhetik der Bemalungen, Narbenzeichnungen und Tatauierungen lässt sich jedoch erst in ihrer Gesamtheit erkennen, wenn man sie in ihrem Sinneszusammenhang erfasst und ihre sozialen und religiösen Hintergründe kennt.

Auskunft über den gesellschaftlichen Rang und die Gesellschaft des Tätowierten geben die einzelnen Hautverzierungen. Sie lassen erkennen, von wo er kommt, zu wem er gehört und zu welcher Religion er sich bekennt. Zeremonielle Muster versetzen ihn aus dem profanen Alltag in die geistige Welt, schützen ihn vor negativen Einflüssen und verbinden ihn mit seinen Ahnen. Als Zeichensystem zeigen die Ornamente die Werte und Ideale einer Ge- sellschaft nicht nur einfach an, sondern vermitteln sie weiter und schreiben sie fest.8

[...]


1 Ferguson, Henry; Procter, Lynn; Hrsg: body art: Tattoo. Rituale, Kunst, Mode. Rastatt: Moewig, 1998. S. 11.

2 vgl.: Nünning, Ansgar; Nünning, Vera: Konzepte der Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen, Ansätze, Perspektiven. Stuttgart: Metzler, 2003. S. 86.

3 vgl.: Harris, Marvin: Kulturanthropologie: Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schom- burg-Scherff. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, 1989. S. 15.

4 vgl.: Greverus, Ina-Maria: Kultur und Alltagswelt: Eine Einführung in Fragen der Kulturanthropologie. München: Beck, 1978. S. 52ff.

5 vgl.: Feige, Marcel; Krause, Bianca: Tattoo- & Piercing Lexikon: Kult und Kultur der Körperkunst, 2., erweiterte Auflage. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2004. S. 246f.

6 vgl.: Feige, Marcel: Ein Tattoo ist für immer: Die Geschichte der Tätowierung in Deutschland. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2003. S. 10f.

7 vgl.: Feige, Marcel; Krause, Bianca: a. a. O.. S. 9f.

8 vgl.: Gröning, Karl: Geschmückte Haut: Eine Kulturgeschichte der Körperkunst. 2. Auflage. München: Frederking & Thaler, 2001. S. 113.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640210923
ISBN (Buch)
9783640211036
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117905
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Fakultät für Kulturwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Tätowierung Geschichte Bedeutung Afrika Deutschland

Autor

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Titel: Die Tätowierung - Geschichte und Bedeutung in Afrika und Deutschland