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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen des Begriffs

3. Die Randgruppe(n) der Wohnungslosen
3.1 Die vielen Gesichter der Wohnungslosigkeit
3.2 Wohnungslosigkeit in Zahlen
3.3 Obdachlose in München

4. Straßenkinder
4.1 Straßenkinder in Deutschland
4.2 Münchens Straßenkinder

5. Drogenabhängige
5.1 Drogensüchtige in der BRD
5.2 Situation substituierter Drogenabhängiger in München

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit dem Thema "Soziale Randgruppen" in Deutschland befassen.

Angehörige von Randgruppen sind Menschen, die sich anders verhalten, anders aussehen oder die andere Neigungen oder Wertvorstellungen haben als die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder. Sie weichen in irgendeiner Art und Weise von geltenden Normen und Regeln ab und werden von der Mehrheit an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Randständige leiden an der Gesellschaft, in der sie leben. Sie werden gemieden, ausgegrenzt, belächelt, isoliert, diskriminiert und benachteiligt. Oft übernehmen sie eine Sündenbockfunktion und müssen Kränkungen hinnehmen, die nicht nur zur Beschädigung der sozialen Identität führen. Ihr Alltag ist geprägt von Rollenkonflikten und um den Kampf um die Existenzsicherung.

Die Wechselwirkung Mensch und Gesellschaft nimmt hier für den Betroffenen fatale Folgen an. Die Soziologie hat versucht, Bedingungen und Erklärungen für dieses Phänomen zu finden.

In meiner Arbeit möchte ich daher auf drei ausgewählte Randgruppen eingehen und aufzeigen, warum ein Mensch von der Gesellschaft in eine Randgruppe gedrängt wird. Da die Randgruppen nur ungerne thematisiert werden, existieren leider derzeit nur sehr wenige offizielle Statistiken zu der Anzahl Angehöriger der Randgruppen. Um ein besseres Gefühl für die Verbreitung der Randgruppen zu entwickeln, habe ich versucht, zu den einzelnen beschriebenen Randgruppen auch Zahlen für München aufzuzeigen.

2. Definitionen des Begriffs

Die erste prominente, vornehmlich zu analytischen Zwecken entwickelte Definition von "sozialer Randgruppe" stammt von Friedrich Fürstenberg: Unter dem Begriff soziale Randgruppe fasste er einen lose oder fester organisierten Zusammenschluss von Personen, "die durch ein niedriges Niveau der Anerkennung allgemein verbindlicher soziokultureller Werte und Normen und der Teilhabe an ihren Verwirklichungen sowie am Sozialleben überhaupt gekennzeichnet sind" (1965, 237). Dabei interessierte sich Fürstenberg - ähnlich wie zuvor Herbert Marcuse in "Der eindimensionale Mensch" (1967) - vornehmlich für die Frage nach dem gesellschaftlichen Destabilisationspotenzial solcher Gruppierungen (z. B. kriminelle Banden, Obdachlose, Stadt- und Landstreicher).

Mit dieser Definition werden zwei Variablen zur Bestimmung der Randposition eingeführt: Der Grad der Abweichung und die „Stellung im sozialen Beziehungsgefüge“. Eine gewisse Einschränkung erfährt die Verwendung von Fürstenbergs Definition durch die Bestimmung der Randgruppen als „lose oder fester organisierte Zusammenschlüsse von Personen“, denn Randgruppen bilden selten subkulturelle Gruppierungen oder organisierte Zusammenschlüsse, vielmehr bezeichnet der Begriff eine Menge von Personen, die sich alle gleichermaßen von einer als „normal“ definierten Mehrheit unterscheiden und deren strukturelle Position und Lebenssituation sich weitgehend gleicht.

Newman (1973, 20) entwirft eine Definition, die drei Variablen einbezieht: Größe, Macht und die Abweichung von den herrschenden Normen: „Als Minderheiten können solche Gruppen definiert werden, die von den sozialen Normen oder dem vorherrschenden Typus in jeweils bestimmter Weise abweichen, die im Rahmen der Verteilung sozialer Macht untergeordnet sind und selten mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Gesellschaft darstellen, in der sie leben“. In dieser wie in der Definition von Fürstenberg ist die Dimension der Interaktionsprozesse zwischen Randgruppen und Mehrheit nicht angesprochen.

Definition nach Rainer Geißler: Randgruppen sind „Bevölkerungsgruppen, die aufgrund gravierender Benachteiligungen unterschiedlicher Art teilweise vom ,normalen’ Leben der Gesellschaft ausgeschlossen sind“, so zum Beispiel "Ausländer, Spätaussiedler, Vorbestrafte, Homosexuelle, Sozialhilfeempfänger, Obdachlose, Behinderte, alte Menschen, Drogenabhängige oder Arbeitslose."

Im Sozialarbeitsdiskurs bezeichnet der Begriff seit Ende der 1960er-Jahre Gruppen von Personen, die aufgrund von Defiziten (der Bildung, des Einkommens, der Sprache, der Lebensverhältnisse, der Wohnsituation usw.) nicht oder unvollkommen in die Kerngesellschaft integriert sind. Dabei wird häufig - wie etwa bei Obdachlosen, Prostituierten, Behinderten - von einer Kumulation dieser Defizite ausgegangen. Im Unterschied zu Fürstenberg fokussiert dieser Diskurs nicht mehr die gesellschaftlichen Folgen, sondern die Merkmale und die Lebenssituation solcher Gruppen, die Beziehungen zwischen Randgruppen und anderen Bevölkerungsgruppen und die gesellschaftliche Bedingtheit der Randständigkeit. Demnach weichen Randgruppen von den gesellschaftlichen Werten und Normen ab, verfügen über geringe berufliche Qualifikationen und wenig Kontakte zu anderen sozialen Gruppen, sind schwach in den Produktionsprozess integriert, einkommensschwach und daher häufig auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen, was sich u. a. in einer starken Abhängigkeit von Instanzen sozialer Kontrolle (z. B. Sozialarbeit) ausdrückt. Überdies wird betont, dass die Randposition dieser Gruppen nicht frei gewählt, sondern das Ergebnis von Exklusions- und Stigmatisierungsstrategien der dominanten Kerngruppe ist (Karstedt, 1975).

Seit den 80er-Jahren wird dieses Randgruppenkonzept jedoch kontinuierlich in Frage gestellt. So wird moniert, dass der Begriff insofern unpräzise sei, als die Vielfalt der Personentypen, die sich darunter subsumieren lassen, zu heterogen sei. Kritisiert wird überdies, dass es sich dabei häufig nicht um Gruppen im Sinne sozialer Gruppen, sondern lediglich um statistische Gruppen bzw.

Sozialkategorien handle. Aus soziologischer Perspektive lässt sich gegen den Begriff zudem einwenden, dass sich in modernen Gesellschaften nicht mehr nur eine, sondern mehrere Kerngruppen identifizieren lassen. Nikolaus Sidler (1999) schlägt daher vor, den Begriff aus der deskriptiv-analytischen Sprache zu eliminieren und ihn ausschließlich im sozialkonstruktivistischen Sinne als politischen Problembegriff zu verwenden. Mit anderen Worten: Als soziale Randgruppe gelten demnach all jene Gruppen, die im sozialpolitischen Diskurs als randständig und damit unterstützungswürdig eingestuft werden.

3. Die Randgruppe(n) der Wohnungslosen

Zu den Selbstverständlichkeiten in den westlichen Industrienationen gehört es, ein Dach über den Kopf zu haben, das nicht nur gegen Kälte und Regen schützt, sondern auch als privater Rückzugsort für die täglichen Verrichtungen wie Essen und Trinken, Schlafen und Körperpflege dient. Dennoch gibt es Menschen, die über keine eigene Wohnung verfügen und in Notunterkünften wohnen, abwechselnd in Obdachlosenasylen und bei Freunden übernachten oder ganz auf der Straße leben – „Platte machen“, wie sie es selbst nennen. Arbeitslosigkeit, Scheidung, psychische oder physische Erkrankungen gehen der Wohnungslosigkeit in den meisten Fällen voraus, zunehmend begleitet von Alkohol-, Tabletten- oder Drogenabhängigkeit. Und gerade diese Mehrfachproblematik ist es, die es immer mehr Wohnungslosen schwer macht, ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Das Leben am Rande der Gesellschaft wird für sie zum Dauerschicksal.

Doch manche wollen auch gar nicht mehr zurück, haben sich bewusst für ein Leben entschieden abseits bürgerlicher Wertvorstellungen, ein Leben abseits von Konsum, geregelter Arbeit und Familie. Viele Obdachlose führen – ob nun gewollt und zwangsweise – ein öffentliches Leben. Und trotzdem kennt man sie kaum. Der Kontakt der Bevölkerung mit Obdachlosen beschränkt sich in der Regel darauf, dass man entweder im Bahnhof oder in der Innenstadt mit schnellen Schritten an ihnen vorbeigeht oder eine Münze in ihren vor einem Pappschild aufgestellten Hut wirft. Vielleicht hat sich der eine oder andere auch schon mal eine Obdachlosenzeitung gekauft, die dort von einigen Betroffenen angeboten werden. Aber ansonsten speist sich das Bild des Obdachlosen aus den Medien . Niemand möchte denjenigen zu nahe kommen, die auf der gesellschaftlichen Hierarchiestufe ganz unten stehen.

Die Randgruppen- und Armutsforschung hat sich vor allem in den 70er Jahren intensiv mit Obdachlosen, ihren Lebensweisen, -verläufen und -einstellungen auseinander gesetzt. Bereits in den 70er Jahren entwickelt]e sich eine „Soziologie der Obdachlosigkeit“ (Haferkamp, 1977).

Wegweisend für die Erforschung von Wohnungslosenkarrieren war die von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Nichtsesshaftenhilfe e.V. (BAG) in den 70er Jahren durchgeführte interdisziplinäre Grundlagenstudie über Erscheinungsweisen, Verlaufsformen und Ursachen der Nichtsesshaftigkeit (BAG, 1979). Der Titel der erst 1990 erfolgten Buchveröffentlichung lässt die neue soziologisch-theoretische Perspektive viel besser erkennen: Es geht um „Lebensläufe. Von der Armut zur Nichtsesshaftigkeit oder wie man ‚Nichtsesshafte’ macht“ (Albrecht et al., 1990). Diese Studie kann – nach Jahrzehnten ausschließlich medizinisch-psychiatrisch orientierter Forschung über sogenannte „Nichtsesshafte“ und deren Charaktereigenschaften – als die erste originär sozialwissenschaftliche Studie über (bestimmte) Formen der Wohnungslosigkeit gelten. Es werden erstmals systematisch theoretisch wie empirisch begründete Hypothesen über Wohnungslosigkeit als sozialer Karriere vorgelegt.

Die Autoren verweisen auf die hohe Bedeutung der sozialen Herkunft aus der Unterschicht, die oft zu einer Beeinträchtigung der primären Sozialisation führt. Familiale Konflikte und Störungen verschiedener Art begünstigen die Herausbildung von Handlungsstrategien, die zur Bewältigung typischer Aufgaben, Belastungen oder Lebensprobleme wenig geeignet sind; sind sie gar abweichend oder illegal, ist es wahrscheinlich, dass es die betroffenen Personen bald mit Instanzen sozialer Kontrolle zu tun bekommen und weitere Probleme auftreten. Eindringlich bestätigen Albrecht et al. (1990) die Bedeutung fehlender, unzureichender oder abweichende Bewältigungsstrategien, die die Armutskarriere verfestigen. In die gleiche Richtung wirken auch Folgeprobleme, die erst durch abweichendes Verhalten auftreten. Zentral für die Verfestigung der Lebenssituation sind nach Albrecht et al. (1990) auch die Eingliederung in das Hilfesystem und der Einstieg in die „Wohnungslosenszene“. Durch bestimmte Hilfeformen bekommen betroffene Personen Kontakt zu anderen Menschen in ähnlicher Lage und rutschen ganz langsam in die sozialen Milieus und Szenen ab. Einmal in Szenen eingebunden, festigen die hier herrschenden Regeln, Normen und Werte sich herausbildende abweichende Bewältigungsstrategien. Zudem verlernen die Betroffenen im Hilfesystem die letzten Reste „bürgerlicher“ Autonomie.

Rückkehr und Wiedereingliederung in die normale Gesellschaft werden so besonders schwer, wenn nicht unmöglich. Die „Soziologie der Obdachlosigkeit“ fand auch in den 80er und 90er Jahren ihre Fortsetzung (siehe z. B. Specht, 1985; Giesbrecht, 1987; Rohrmann, 1987; Weber, 1984, Busch- Geertsema und Ruhstrat, 1987; Ruhstrat et al., 1991; Timmer et al., 1994). Allerdings wurde dies öffentlich und vor allem auch innerwissenschaftlich weit weniger wahrgenommen als in der Dekade zuvor. Ein großer Teil dieser Forschung befasst sich mit Fragen der sozialen Praxis, insbesondere den Wirkungen und Unzulänglichkeiten des Hilfesystems, die in Verbänden, Arbeitsgemeinschaften, Fachblättern und auf Tagungen verhandelt und diskutiert werden. (vgl. Neuman, 2005, S. 19)

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Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640211142
ISBN (Buch)
9783640211180
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118024
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,7
Schlagworte
Soziale Randgruppen Armut Ungleichheit

Autor

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Titel: Soziale Randgruppen