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Die deutschen Bankiers im Nationalsozialismus

Kurt Freiherr von Schröder – repräsentatives Beispiel oder Einzelfall?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Bankiersmilieu und der Nationalsozialismus

3. Der Bankier Kurt Freiherr von Schröder – zur Person
3.1. Sozialisation und beruflicher Werdegang
3.2. Tätigkeiten und Handlungsspielräume während der NS-Zeit
3.3. Persönlichkeitsstruktur

4. Schröder: Ein milieutypischer Bankier?

5. Schlussbetrachtungen

Quellenund Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Verbrechen, die während des „Dritten Reichs“ von den Nationalsozialisten begangen worden, haben im Selbstbewusstsein der Deutschen tiefe Spuren hinterlassen. Die Frage, warum das alles passieren konnte, beschäftigt die Feuilletons, die Literatur und Geschichtswissenschaft bis heute immer wieder. Wie wurden „normale“ Menschen zu Tätern? Wer war „nur“ ein Mitläufer, wer ein überzeugter Nationalsozialist? Was trieb Menschen in den Widerstand und woher nahmen sie ihren Mut? Lassen sich für bestimmte Milieus bestimmte Verhaltensmuster erkennen? Oder ist das individuelle Verhalten der Täter und Widerstandskämpfer nicht kategorisierbar?

In der heutigen Geschichtswissenschaft überwiegt die Ansicht, dass ein „weitgehendes Primat der Politik“1 das Verhältnis zwischen dem Nationalsozialismus und dem Unternehmertum beherrscht hat. Diese Annahme bedeutet nicht, dass den Unternehmern die Möglichkeit der Einflussnahme verwehrt geblieben sei. Vielmehr gingen die entscheidenden Impulse von Seiten der Politik und nicht der Wirtschaft aus2. Doch kann man diese Annahme auf alle Bereiche der Wirtschaft verallgemeinern? Und rechtfertigt sie eine potentielle Unterstützung des Regimes?

Vorliegende Arbeit wird sich diesen Fragen mit einem Fokus auf das Bankiersmilieu widmen. Da vor allem Personen „für den Gang der Zeiten entscheidend“3 sind, versucht sich diese Arbeit bewusst mit Hilfe der biographischen Methode dem Nationalsozialismus zu nähern und Erklärungsansätze zu finden. An der Biographie des Kölner Privatbankiers Kurt Freiherr von Schröder soll beispielhaft ein Mitglied der Finanzwelt in der Zeit des Nationalsozialismus vorgestellt werden, der auf Seiten Hitlers stand. Er erlangte vor allem mit dem von ihm arrangierten Treffen zwischen Hitler und von Papen in seinem Haus zu Berühmtheit.

Dieses Treffen sollte als der Anfang des Endes der Weimarer Republik in die Geschichte eingehen. Welche Sozialisation erfuhr von Schröder? Welche Erlebnisse prägten sein Leben? Welche Handlungsspielräume hatte er während der NS-Zeit? In welcher Rolle sah er sich, wie nahm ihn sein Umfeld war? War von Schröder ein repräsentativer Vertreter seiner Zunft oder ein Einzelfall?

Die Quellenlage zu Kurt Freiherr von Schröder ist relativ schlecht. Viele Akten der Industrieund Handelskammer Köln, der von Schröder während der Zeit des Nationalsozialismus als Präsident vorstand, wurden vernichtet. Zwar taucht die Person von Schröder in allen größeren Personenverzeichnissen zum „Dritten Reich“ auf, ausführlichere Literatur zur Person existiert jedoch so gut wie gar nicht. Intensivere Recherchen zu von Schröder betrieb bisher nur Ulrich S. Soénius, der sich der Aufarbeitung der Geschichte der Kölner IHK verschrieben hat. Vor allem auf Soénius’ ausführliche Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden wird diese Arbeit zur Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen zurückgreifen müssen.

2. Das Bankiersmilieu und der Nationalsozialismus

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam es zu einem Zusammenbruch des deutschen Bankensystems. Zu Beginn des „Dritten Reichs“ hatte das Bankenwesen daher noch mit den Nachwirkungen des Kollapses, den gewandelten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und ihrer eigenen wirtschaftlichen und politischen Ohnmacht zu kämpfen4. Eine weitere Schwächung erfuhr die deutsche Finanzwelt durch die krisenbedingte Verstaatlichung der Banken und die ideologische und politische Kritik, die nun vor allem von Seiten der NSDAP kam5.

Um den Ruf der Banken war es schlecht bestellt, durch Inflation und gekündigte Kredite, die besonders die Unternehmen des Mittelstands trafen und die Krise weiter verschärften, war das Vertrauen in die Finanzinstitute geschwunden. „Viele Deutsche kritisierten den angeblich jüdischen Charakter des Bankgeschäfts“6 und des Spekulantentums. Die nationalsozialistische Propaganda nutze den Unmut in der Bevölkerung für ihre Zwecke. Sie warb für ein staatlich gelenktes Wirtschaftsleben frei von spekulativen und jüdischen Elementen, „Händler sollten durch Wirtschaftshelden ersetzt werden“7. Die bestehende liberale Wirtschaftsordnung galt als überholt, der Wandel der politisch-moralischen Werte bedrohte die deutsche Wirtschaft in ihren Grundpfeilern. Der politische Kurs der Partei zielte mit einer breiten Unterstützung aus der Bevölkerung auf die Zerstörung der bereits krisenbedingt geschwächten Wirtschaftsordnung.

Doch wie reagierten die Banken und Bankiers auf diese Angriffe? Grundsätzlich lassen sich zwei verschiedene Verhaltensmuster rekonstruieren: Einerseits versuchten sich die Akteure der Weimarer Finanzwelt gegen die staatliche und parteiliche Einmischung zu wehren. Andererseits zeigte man sich aber auch kompromissbereit und anpassungswillig – „man lebte nun einmal unter einem Regime, das wirtschaftliche Handlungen zu politischen erklärte“8.

Fast 70 Prozent des deutschen Aktienkapitals war bereits in staatlicher Hand. Zu massiven Eingriffen in die Geschäftsbereiche der Banken seitens der NSDAP kam es direkt nach der „Machtergreifung“. Im Bereich der Personalpolitik mussten zahlreiche der alten Direktoren und der jüdischen Bankeliten ihre Posten aufgeben. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ diente dafür bei den staatseigenen Banken, wie beispielsweise der Dresdner Bank, zur juristischen Legitimation. Bei Banken ohne direkten staatlichen Aktienanteil, wie unter anderem der Deutschen Bank, griff die Parteipolitik indirekt ein, indem sie durch Zuweisungen der Schuld für die Bankenkrise, Vorwürfen der Führungsschwäche und der Verwicklung in angebliche Skandale zahlreiche, meist jüdische oder jü- dischstämmige Bankiers zwang, ihre Ämter niederzulegen9.

Die antijüdische Säuberung ihrer Führungsetagen und Vorstände war für die Banken durch den schlagartigen Verlust kompetenten Personals eine schmerzhafte Zäsur10. Die Banken erfuhren dadurch eine weitere Schwächung, die Bankiers fühlten sich der Situation ausgeliefert und sahen sich mit immer weniger Einfluss ausgestattet. Dank ihrer eher rationalen, pragmatischen Einstellung versuchten sie stattdessen, unter den gegebenen Bedingungen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre Arbeit bestmöglich weiterzuführen. Nichtsdestotrotz waren sie über das Schicksal ihrer jüdischen Kollegen entrüstet11.

Als Folge der nationalsozialistischen Gesetzgebung wandelten sich die Aufgabenfelder der Bankhäuser: Im Zuge der „Arisierung“12 sollten nun zahlreiche jüdische Unternehmen in nicht-jüdisches Eigentum überführt werden. Die – meist sehr diskrete – Abwicklung dieser Operationen stellte für die Banken ein deutlich lukrativeres Geschäft dar als das bis dahin einzige noch verbleibende Geschäftsfeld, nämlich die Umlage von Depositen13 in Staatspapiere: Während die Umlagen rein bürokratische Tätigkeiten waren, ermöglichte die „Arisierung“ wieder gewinnbringende Geschäfte. Den Banken kam bei der Durchführung der „Arisierung“ durch die umfangreichen Verschiebungen von Kapital eine zentrale Rolle zu14.

Die Beteiligung an diesen Geschäften erfolgte „freiwillig und aus eigenem Gewinninteresse“15. Dabei waren weniger rassistische Motive ausschlaggebend, sondern vielmehr der Wettbewerb und unternehmerische Expansionsstrategien16. Doch durch diese Beteiligung luden die Banken eine schwere moralische Schuld auf sich“17. Zwar verhalfen die Bankhäuser mit ihren Vermittlungstätigkeiten vielen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung einen dürftigen Anteil ihres Vermögens zu retten. Andererseits erleichterten sie damit dem Regime auch die Umsetzung seiner menschenverachtenden Ziele. Vor allem die Privatbanken waren in den Verkauf jüdischer Vermögenswerte verwickelt und trugen damit maßgeblich dazu bei, die moralischen Werte und Eigentumsprinzipien in Deutschland zu unterlaufen18.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnten die Banken ihre unternehmerischen Tätigkeiten wieder etwas erweitern. Die militärische Expansion und die

„Arisierung“ der besetzten europäischen Nachbarregionen schufen neue Tätigkeitsfelder, wie beispielsweise Besitzübertragungen oder die Übernahme von Bankhäusern in den besetzten Gebieten. Während in Deutschland die abwickelnden Banken meist noch darum bemüht waren, die Rechtsinhaber zu unterstützen, herrschte im besetzten Ausland angesichts vielfach höherer Provisionen

„Räuberei“, auf persönliche Schicksale wurde hier keine Rücksicht genommen19.

Die Auslandstätigkeiten der Banken sowie die Übertragungen ausländischer Unternehmen in die Reichswerke Hermann Göring und die Wirtschaftsbetriebe der SS waren Teil der nationalsozialistischen Strategie, Europa für die „Neue Ordnung“ nach Kriegsende vorzubereiten.

Es bleibt anzumerken, dass die Bankiers darauf bedacht waren, alle Operationen innerhalb der juristischen Vorschriften durchzuführen. So hielten sie streng die

Handelsgesetze ein, agierten aber – wie viele Unternehmen und Verwaltungseinheiten auch – nichtsdestotrotz kriminell und unmoralisch:

„Korrektheit, Ehrlichkeit und Ordnung – also die Sekundärtugenden – gepaart mit der Vernachlässigung und Missachtung aller menschlichen und moralischen Werte, charakterisierten das Verhalten von Behörden und Unternehmen in dieser Phase der Diktatur“20.

Grundsätzlich spielten die deutschen Banken in der NS-Politik eine instrumentelle, nur selten eine initiierende Rolle21. Im Laufe der Zeit nahm der staatliche Einfluss auf den Wirtschaftssektor stetig zu: Die Rüstungsproduktion, die Zahl staatlicher Betriebe und die Festlegung der Einflusszonen für einzelne Bankhäuser wurden politisch bestimmt. Gleichzeitig weitete die NSDAP ihre Offensive gegen die Bankinstitute weiter aus, Forderungen nach Rationalisierung22 bestimmten die wirtschaftspolitische Propaganda. Ziel war es, den Einfluss deutscher Banken erneut zu beschränken und eine Neuordnung im Finanzsystem des „Dritten Reichs“ herbeizuführen23.

Zweifellos waren die Führungsetagen der deutschen Bankhäuser auch über die kriminellen Seiten des nationalsozialistischen Regimes informiert. Die Existenz der Konzentrationslager und der Einsatz von Zwangsarbeitern in deutschen Unternehmen waren damals kein Geheimnis. Nur den Holocaust versuchte das Regime zu verschleiern, wie viel darüber in den einzelnen Sektoren der Wirtschaft und Gesellschaft bekannt war, ist schwer festzustellen. „Unter der Diktatur aber herrschte ein Klima des Schweigens und des Nichtwissenwollen und daraus resultierte eine teilweise Mittäterschaft und Mitschuld“24.

Die Bankiers beugten sich den politischen Vorgaben, Widerstand gab es so gut wie keinen. Das ist verwunderlich, da sich ein großer Teil des deutschen Widerstands gegen Hitler aus den Reihen der alten Eliten – denen traditionell auch die Mehrheit der Bankiers zugeordnet werden kann – rekrutierte25. Eine Erklärung könnte sein, dass es die Bankiers bevorzugten in Deckung zu bleiben und sich auf das Geldverdienen konzentrierten. Viele hofften, dass das nationalsozialistische Experiment nicht von Dauer sein würde und man sich zwischenzeitlich mit dem NS-Regime arrangieren müsste. Andererseits litten die Bankiers unter dem Verlust ihres Ansehens. Während Soldaten, Generäle und Diplomaten in der Diktatur eine wichtige Rolle spielten, wurden die Bankiers selbst als parasitär angesehen und verinnerlichten die Kritik. Diese Verinnerlichung könnte zu einem Verlust der Fähigkeit geführt haben, politisch handeln zu können und zu wollen26. Letztendlich trugen die Bankiers mit ihrer Passivität das rassistisch motivierte und ideologisch aufgeladene System der Nationalsozialisten mit. Sie wurden zu stillen Vollstreckern des unmenschlichen Regimes und trugen maßgeblich „zum moralischen Niedergang Deutschlands bei“27. Die bisherigen Ausführungen scheinen somit die These des politischen Primats auch für den Bereich der Banken zu bestätigen, welchem sich viele Bankiers widerstandslos unterwarfen.

3. Der Bankier Kurt Freiherr von Schröder – zur Person

Bisher war in diesem Aufsatz immer nur von „den Banken“ oder „den Bankiers“ die Rede. Nun soll durch die Betrachtung von Kurt Freiherr von Schröder, geboren am 24. November 1889 in Hamburg, ein Vertreter dieser Zunft näher vorgestellt werden. Von Schröder war eine der schillernden Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens während der Zeit des Nationalsozialismus28. Er war Teilhaber des Kölner Privatbankhauses J. H. Stein und Präsident der Kölner Industrieund

Handelskammer, hatte zahlreiche Aufsichtsratsposten inne und war einer der Initiatoren des „Keppler-Kreises“29. Er bekannte sich offen zur nationalsozialistischen Ideologie und initiierte das historische Treffen zwischen von Papen und Hitler in seiner Villa am Kölner Stadtrand30.

3.1 Sozialisation und beruflicher Werdegang

Freiherr von Schröder entstammt einer Bankiersfamilie aus dem vermögenden Bürgertum Hamburgs. Sein Vater, Frederick Freiherr von Schröder, führte Bankhäuser in Hamburg, London und New York. Nach dem Abitur nahm er in Bonn ein Jurastudium auf, welches er jedoch nach drei Semestern wieder aufgab. Vermutlich diente das Studium auch eher der angestrebten Aufnahme in die Studentenbewegung „Corps Borussia“ als dem ernsthaften Versuch eines Studiums31. 1909 trat der militärbegeisterte von Schröder, der Offizier werden wollte, in das Bonner Husarenregiment Nr. 7 ein und war während des Ersten Weltkriegs als Hauptmann im Generalstab tätig und wurde unter anderem mit dem Eisernen Kreuz Erster und Zweiter Klasse dekoriert32.

1913 heiratete er Ottilie Marie Edith von Schnitzler, die Tochter des Bankiers Richard von Schnitzler. Dieser war unter anderem Vorstandsmitglied der I.G. Farben und Teilhaber des Privatbankhauses J. H. Stein in Köln, was ihm den Zugang in die Kreise der Kölner Wirtschaftselite ermöglichte33. Nach Kriegsende verabschiedete sich von Schröder – inzwischen mit dem Dienstgrad „Rittmeister der Reserve“ ausgezeichnet – von seinen Plänen einer militärischen Laufbahn, be- gann im Bankhaus seines Schwiegervaters eine Banklehre und wurde 1921 schließlich Mitinhaber der Bank34.

In den Zwanziger Jahren setzte sich Freiherr von Schröder ohne Erfolg für eine eigenständige rheinische Goldbank ein, die dem Rheinland währungspolitische Autonomie gewähren sollte. Dieser politische Vorstoß sollte ihm während der NS- Zeit den Vorwurf des Separatismus einbringen, den er aber mit Verweis auf die angestrebte Marktstabilität von sich wies35.

1920 trat Kurt von Schröder in die Deutsche Volkspartei (DVP) ein, aus der er aber 1932 aus Unzufriedenheit über seinen schlechten Listenplatz für die Kölner Stadtratswahl wieder austrat. Stattdessen schloss er sich der nationalsozialistischen Bewegung an, da seiner Meinung nach „die früher führenden Männer und herrschenden Parteien mit ihren veralteten Methoden nicht weiterkamen“36.

3.2 Tätigkeiten und Handlungsspielräume während der NS-Zeit

Trotz seiner Sympathie für den Nationalsozialismus war von Schröder zunächst, genauso wie die gesamte deutsche Großindustrie und Finanzwelt, noch überaus vorsichtig mit der Unterstützung Hitlers. Zu groß war die Furcht vor Repressalien gegen Deutschland seitens der internationalen Finanzwelt37.

Dann lernte von Schröder jedoch den NS-Wirtschaftsberater Wilhelm Keppler kennen. Dieser holte ihn 1932 in sein Gremium aus Unternehmern und Wirtschaftsfachleuten, die Hitler in Wirtschaftsfragen beraten und ihn bei den Vorbe- reitungen der Machtübernahme unterstützen sollte38. Dieser sogenannte „Keppler-Kreis“ richtete im November 1932 eine Petition an den Reichspräsidenten von Hindenburg, welche die Reichskanzlerschaft Hitlers forderte und die auch von Schröder unterzeichnete39. Inhaltlich sollte der „Keppler-Kreis“ sich im Auftrag Hitlers vor allem der Frage widmen, wie man die Wirtschaftskrise überwinden und den hohen Grad der Arbeitslosigkeit beseitigen könne40.

Der 4. Januar 1933 brachte Freiherr von Schröder schließlich seinen unrühmlichen Platz in den deutschen Geschichtsbüchern: An diesem Tag fand in seiner Villa am Stadtwaldgürtel 35 in Köln-Lindenthal das historisch bedeutsame Geheimtreffen geplante zwischen von Papen und Hitler statt41. Die Zusammenkunft gilt als Geburtsstunde des „Dritten Reiches“, bei der die Ablösung des Kabinetts von Schleicher und die Machtübertragung an die Nationalsozialisten beschlossen wurde. Von Schröder, der selbst an dem Gespräch teilnahm, brüstete sich noch Jahre später als einer der „Anbahner der Neuordnung“42. Seine angeblich so zentrale Rolle jedoch ist vermutlich nur ein selbst geschaffener Mythos. Als Gastgeber des Treffens ist er wohl lediglich ein Statist gewesen, der durch Zufall auf die Bühne der Weltgeschichte geraten ist43.

Der NSDAP trat von Schröder erst am 1. Februar 1933 bei. Er gehört damit zu den unzähligen sogenannten „Märzgefallenen“, die nach der „Machtergreifung“ in einer Beitrittswelle in die Partei eintraten – sei es, weil ihnen zuvor aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung der Mut gefehlt hat sich zum Nationalsozialismus sich Hitler und von Papen von Freiherr von Schröder wohl auch finanzielle Unterstützung für die zu diesem Zeitpunkt sehr angeschlagene NSDAP, wozu von Schröder auch zustimmte und mit Hilfe eines Anlegersyndikats für die Schulden der NSDAP eingesprungen sei, vgl. dazu: Pool, J. / Pool, S.: Hitlers Wegbereiter zur Macht, S. 401. zu bekennen, oder weil sie sich davon einen eigenen Vorteil versprachen. Bei von Schröder war – angesichts seines stets sehr opportunistischen Auftretens – vermutlich der zweite Aspekt ausschlaggebend44. Auf jeden Fall blieb er trotz all seiner Aktivitäten auf Grund dieses Verhaltens eher eine Randfigur des „Dritten Reichs“45.

Auch nach der „Machtergreifung“ blieb von Schröder im „Keppler-Kreis“, der sich nun allerdings „Freundeskreis Heinrich Himmler“ nannte, aktiv. Aus dem Beratergremium wurde ein Spendenssammelverein und von Schröder war dessen Schatzmeister. Er verwaltete die gesammelten Spenden, die Himmler vor allem zur Finanzierung der SS-Kultorte verwendete, auf dem sogenannten Sonderkonto

„S“ beim Bankhaus Stein46. Dort sammelten sich Jahr für Jahr Millionen für das nationalsozialistische Großprojekt.

Seinen neuen Kontakten zu den politisch Verantwortlichen folgten weitere wirtschaftliche Posten: Bereits vor der „Machtergreifung“ Hitlers hatte Kurt von Schröder einige Aufsichtsratsposten in Unternehmen und Banken inne. Deren Anzahl vervielfachte sich bis zum Kriegsbeginn auf über 30, hinzu kamen diverse öffentliche Ämter und Ehrenpositionen. So war von Schröder unter anderem Prä- sident der Kölner Börse, der Industrieund Handelskammer Köln und der 1935 gebildeten Wirtschaftskammer Rheinland. Nach der Auflösung aller Kammern und Wirtschaftsorganisationen übernahm er die Präsidentschaft der Gauwirtschaftskammer Köln-Aachen. Er war Vizepräsident des Deutschen Industrieund Handelstages, Senator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Reichsehrenrichter der Wirtschaft, Kölner Ratsherr und Ehrensenator der Kölner Universität. Als Gauwirtschaftsberater des Gaus Köln-Aachen war er für die Zuführung von beschlagnahmtem jüdischen Besitz aus den Niederlanden und Belgien zuständig. Im Bereich der Wirtschaft war er als Verwaltungspräsident der Deutschen Reichsbahn, als Leiter der Wirtschaftsgruppe Private Banken und bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich im Verwaltungsrat tätig47. Dank dieser Posten konnte sich von Schröder einen Platz im NS-Staat sichern. Er war ein

„Nutznießer des NS-Systems“48, welches ihm eine Karriere dieser Art erst ermöglichte.

1935 besuchte er das Konzentrationslager Dachau, welches „den besten Eindruck“ auf ihn machte. Als er von den Deportationen der Juden nach Theresienstadt erfuhr, sah er darin eine „Sicherheitsmaßnahme des Staates“49. 1936 wurde von Schröder durch Heinrich Himmler ehrenhalber zum Standartenführer der SS ernannt und im Laufe der Jahre bis zum Brigadeführer weiterbefördert50 und erhielt alle (!) SS-Ehrenzeichen. Sein regelmäßiges Auftreten in der Uniform der Schutzstaffel spricht für seine Identifikation mit der SS, 1944 meldete er sich schließlich sogar bei der Waffen-SS freiwillig zum Dienst, wurde allerdings nicht einberufen51.

3.3 Persönlichkeitsstruktur

Von Schröder fühlte sich der Monarchie verbunden, was er mit der Nutzung seines Titels „Rittmeister der Reserve“ noch lange Zeit gern demonstrierte52. Als er sich später dem Nationalsozialismus zuwand, verlor er jedoch durch seine offen gezeigte Sympathie in der Kölner Gesellschaft deutlich an Beachtung und wurde gemieden. Diesen gesellschaftlichen Reputationsverlust versuchte er durch weitere Positionen wiederzuerlangen53, was ihm zumindest in den nationalsozialistischen Kreisen auch gelang. So genoss er unter anderem bei Himmler hohes An- sehen, erfreute sich aber auch an einer jahrelangen Freundschaft mit Keppler54 und von Papen.

Nach dem Krieg gelang es von Schröder von der Bedeutung seiner Person abzulenken: „Von Schröder nutzte es [...] geschickt, in langen Verhören die Rolle von Dritten zu betonen und sein Verhalten hintanzustellen. Dabei scheute er auch nicht vor Denunziation [...] zurück“55. Von seiner zentralen Rolle als „Anbahner der Neuordnung“56 wollte er nach Kriegsende nichts mehr wissen. Auch seine SS-Tätigkeiten versuchte er nach dem Krieg zu leugnen57. Von den Vernichtungsaktionen und Verbrechen an den Juden wollte er ebenfalls nichts gewusst haben. Allerdings werden die Aussagen von Schröders als nicht glaubwürdig eingestuft, da er durch seine Posten und Ämter in diversen Verwaltungsgremien der Wirtschaft Kenntnisse über diese Vorgänge gehabt haben muss und auch Zwangsarbeiter auf seinem Landgut beschäftigte58.

Bei den US-amerikanischen Besatzern galt von Schröder bei der Untersuchung der deutschen Großbanken als „Spezialist für die Beobachtung der Beziehungen zwischen dem Großkapital und der politischen Macht“59. Vermutlich auf Grund eines Deals gelang es dem aussagefreudigen Zeugen, sich einer Strafverfolgung im Zuge der Nürnberger Prozesse zu entziehen. Die Tätigkeiten des Bankhauses Stein wurden von den Amerikanern als „small potatoes“ und nicht weiter untersuchenswert bezeichnet, die Vielzahl seiner weiteren Posten wurde bei der „Bestandsaufnahme“ zunächst nicht berücksichtig60.

Das lässt das Bild eines Opportunisten erkennen, der seine ranghohe SS- Mitgliedschaft gern nutzte und das NS-System begrüßte. Ob er sich dessen

Tragweite sowie aller Konsequenzen der NS-Ideologie bewusst war, bleibt zu bezweifeln61. Nichtsdestotrotz war von Schröder ein „überzeugter Nationalsozialist, der jedoch eine „exponierte Rolle“ in der NSDAP nicht erreichte“62. Eine SS- interne Untersuchung beschreibt ihn als „sehr zielbewusste und energische, aber andererseits ruhige und äußerlich nicht sehr aktive Persönlichkeit“63.

Opportunismus und Geltungsbedürfnis scheinen wichtige Gründe für von Schrö- ders Engagement für den Nationalsozialismus gewesen zu sein64. Er verinnerlichte die Ideologie der Nationalsozialisten und warb offen für sie. Offensichtlich gelang es ihm, seine bankund wirtschaftspolitischen Ansichten und die nationalsozialistische Ideologie miteinander zu vereinbaren. Er propagierte in seinen Reden, das Finanzwesen „in den Dienst der Wirtschaft [zu] stellen und damit zu ihrem Teil an dem grandiosen Aufbauwerk des Dritten Reichs mit beitragen zu können“65. Er war ein Gegner von Großbanken, forderte die Rationalisierung des Bankenwesens und die Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie66 und trat als „Scharfmacher gegen jüdische Privatbanken“67 auf:

„Für die deutsche Wirtschaft bedeutet es nach meiner Auffassung nicht nur keinen Verlust, sondern einen Gewinn, wenn die jüdischen Banken baldmöglichst verschwinden“68.

Für die Nationalsozialisten war er eine wichtige Verbindung zur Wirtschaft und half – unter anderem mit seinen flammenden Reden – diese auf den „nationalsozialistischen Weg“ zu führen. Des Weiteren gilt er als

„willfähriger Mitläufer und Vollstrecker der machtpolitischen Ansprüche der Nationalsozialisten, indem er als Verwalter des Vermögens des emigrierten Fritz Thyssen agierte und für die SS als Verantwortlicher zur

Übernahme des ehemals in Besitz von Juden befindlichen Weiss- Konzerns in Budapest vorgesehen war.69

An der Umsetzung der nationalsozialistischen „Arisierungspolitik“ wirkte er mit viel Engagement und großen Erfolgen mit. Er war der erste Bankier überhaupt,

„der sich traute offen über die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen zu sprechen“ und der aus seinen antisemitischen Ansichten keinen Hehl machte70.

Erfolgreich war er auch, wenn es um die Erreichung weiterer Posten ging: Um beispielsweise den Posten des Präsidenten der Kölner Industrieund Handelskammer zu erlangen, drängte er seinen Vorgänger Dr. Paul Silverberg „mit viel Ehrgeiz und Skrupellosigkeit“71 aus dem Amt und wurde dann mit Hilfe eines juristischen Tricks und Neuwahlen am 9. Mai 1933 als neuer IHK-Präsident gewählt72. Diesen Ehrgeiz legte er auch bei der Erlangung weiterer Aufsichtsratsposten, zum Beispiel beim Kölner Privatbankhaus Sal. Oppenheim jr. & Cie. und der Kabelfabrik Felten & Guillaume, an den Tag73.

Andererseits lassen sich auch Eigenschaften an Kurt von Schröder feststellen, die einer durch und durch nationalsozialistischen Durchdrungenheit widersprechen und der Person von Schröder auch menschliche Züge verleihen: Viele Kölner erlebten ihn nicht nur als „willfährigen Mitgestalter nationalsozialistischer Politik“, sondern auch als durchaus „anständigen Menschen“74. So verhalf er beispielsweise seiner jüdischen Sekretärin zur Emigration, ließ sich in Personalfragen oftmals auch von sachlichen Gesichtspunkten leiten und stellte bei der Industrieund Handelskammer auch Personen ein, deren oppositionelle Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime bekannt war. Einige seiner ehemaligen Mitarbeiter bescheinigten ihm des Weiteren „Fairness im dienstlichen Umgang“75.

Als Bankier vertrat er auch Standpunkte, die denen der Nationalsozialisten widersprachen: Er stand dem Zweiten Weltkrieg ablehnend gegenüber, propagierte offen eine friedliche Außenhandelspolitik und eine pro-westliche Ausrichtung in Form wirtschaftlicher Beziehungen zu den Nachbarstaaten des „Dritten Reichs“76.

Dies wirft nicht nur ein anderes Bild auf von Schröder, sonder stellt in vielerlei Hinsicht einen auffälligen und direkten Widerspruch zur Ideologie der Nationalsozialisten dar. Wie konnte Kurt von Schröder einerseits ein überzeugter Nationalsozialist sein, andererseits aber auch voller Überzeugung entgegen den Vorstellungen seiner Idole agieren? Diese Frage kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Vielmehr bedarf es hier einer Diskussion unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten, die über die historisch-biographische Betrachtung hinausgeht.

„Doch es bleibt die Tatsache, dass von Schröder aktiv das Regime unterstützte und auch in seiner Position als Kammerpräsident offensiv NS-Anschauungen vertrat“77. Er lässt sich als ein „typisches Rädchen in der Maschinerie der Diktatur“ einordnen – mehr war er denn aber auch nicht“78.

4. Schröder: Ein milieutypischer Bankier?

Freiherr von Schröder war somit einer von vielen Funktionäre, ohne die das nationalsozialistische System nicht funktioniert hätte. Seine Biographie steht stellvertretend für viele Deutsche, die sich für das Regime einspannen ließen. Doch steht sie auch stellvertretend für die anderen Bankiers und Unternehmer seiner Zeit?

Die Mitglieder des Bankiersmilieus der Zwanziger und Dreißiger Jahre rekrutierten sich vor allem aus den alten Eliten des traditionell-konservativen Wirtschaftsbürgertums Deutschlands79. Diese wiesen oftmals noch eine große Affinität zur Monarchie auf und standen dem demokratischen Experiment der Weimarer Republik eher kritisch gegenüber.

Kurt Freiherr von Schröder war dahingehend ein typischer Vertreter seiner Zunft: Auch er stammte aus den konservativen Kreisen des Wirtschaftsbürgertums, auch er trauerte der wilhelminischen Monarchie nach und war von der Weimarer Demokratie nicht überzeugt80.

Von Schröder wurde schließlich zu einem überzeugten Nationalsozialisten, der seine wirtschaftlichen Vorstellungen mit denen der Nationalsozialisten in Einklang gebracht hatte. Mit seiner Einstellung stellte er im Bankgewerbe allerdings eine Ausnahme dar81. Während für ihn der Nationalsozialismus eine Lösung der ökonomischen Situation Deutschlands darstellte und er diesen offensiv unterstütze, lehnte die Mehrheit seiner Kollegen die nationalsozialistischen Ideen ab. Sie erkannten, dass die neuen „herrschenden Prinzipien im Wesentlichen auf die Zerstörung der Wirtschaftsordnung zielten, in der und für die sie arbeiteten“82.

Daher hielten sich die meisten seiner Kollegen zunehmend auf Distanz zum nationalsozialistischen Regime und zogen aus Pragmatismus die Arbeit in einem „Elfenbeinturm“ vor:

„Im Zuge ihrer fortschreitenden gesellschaftlichen Missachtung zogen sich viele Bankiers in jene Welt zurück, mit der sie am meisten vertraut waren, in die behagliche aber eingegrenzte Sicherheit der ökonomischen Rationalität. Sie arbeiteten auf traditionelle Weise weiter, obwohl ihre Umgebung längst fremd und irrational geworden war“83.

Im Gegensatz zur Mehrheit der Bankiers versuchte von Schröder sich in eine exponierte Rolle zu drängen. Dadurch blieb von Schröder auf Seiten der deutschen Unternehmerschaft zunehmend isoliert und wurde als opportunistischer „Emporkömmling“ von der Kölner Gesellschaft gemieden84.

Zwar war von Schröder auch von der Idee überzeugt, dass Hitlers Pläne zu einer Verbesserung der deutschen Lage führen könnte, doch lässt sich an der Form seines sehr egoistischen Handelns auch erkennen, dass seine Handlungsmaxime eher auf seinen eigenen Vorteil und den Ausbau seines persönlichen Machtbereichs ausgerichtet war. Das Urteil seines Stader Richters unterstütz diese Einschätzung: Von Schröder habe „aus persönlichen Gründen (zum eigenen Nutzen) die Partei und besonders die SS unterstützt“85. Als Referenzrahmen diente von Schröder zur Rechtfertigung seines Handelns vermutlich die nationalsozialistische Ideologie, deren Wertvorstellungen er durch seine zahlreichen Kontakte mit Keppler, Himmler, Hitler und den übrigen Unternehmern, die ebenfalls dem

„Freundeskreis“ angehörten und das NS-System aktiv unterstützen, festigte.

Somit war Freiherr von Schröder zwar von seinen Wurzeln her ein typischer Vertreter seines Milieus – bürgerlich, vermögend, konservativ, monarchieverbunden

– doch in seiner weiteren Entwicklung unterschied er sich deutlich von seinen Kollegen. Als aktiver und überzeugter Unterstützer des Nationalsozialismus war er jedoch eine Ausnahme in seiner Branche und keineswegs milieutypisch. Während er als Akteur auftrat, der das Primat der Politik aktiv unterstützte und durch seine Agitation entscheidende Impulse in der Wirtschaft setzte, beugten sich die meisten anderen Bankiers diesem Primat ohne eigene Initiative für oder gegen die politischen Vorgaben der Nationalsozialisten zu zeigen.

5. Schlussbetrachtungen

Die Zeit des Nationalsozialismus hat das Bankengewerbe genauso wie die gesamte deutsche Gesellschaft verändert. Von den jüdischen Bankiers, die durch Flucht ins Ausland ihrer Deportation entgehen konnten, kamen nach dem Krieg nur die wenigsten nach Deutschland zurück. Das deutsche Bankenwesen wurde dadurch um viele begabte Köpfe und Erfahrungen ärmer, wenngleich die junge Bankiersgeneration von der Vakanz in den Führungspositionen profitierte86.

Die meisten der Mitläufer und Täter des Nazi-Regimes wurden verfolgt und angeklagt. Nachdem von Schröder einer Anklage durch die Alliierten in Nürnberg entgehen konnte, kam es schließlich im Zuge der weiteren Entnazifizierung vor dem Spruchgericht Bielefeld zur Anklage von Schröders87. „Wegen kenntnisbelasteter Zugehörigkeit zur SS“ wurde er am 11. November 1947 zunächst zu drei Monaten Gefängnis (die er bereits durch die Internierungshaft abgesessen hatte) sowie zu einer Geldstrafe in Höhe von 1.500 Reichsmark, „dem damaligen Schwarzmarktpreis einer Stange Zigaretten“, verurteilt88. Somit fand von Schrö- der in Bielefeld nicht nur milde Richter. Auch der ermittelnde Staatsanwalt hatte sich zuvor mit den Worten „In Anbetracht dessen, dass es sich um einen alten Kameraden handelt und da ich selbst Offizier gewesen bin...“ für von Schröder eingesetzt89.

Das milde Urteil führte zu einem Aufschrei in der Presse und der Bielefelder Öffentlichkeit, es kam im November 1947 sogar zum ersten und einzigen Proteststreik gegen ein Spruchgerichtsurteil. In dem daraufhin eingeleiteten Revisionsverfahren in Stade wurde von Schröder im November 1948 schließlich zu

500.000 DM verurteilt. Es kam jedoch zu einem zweiten Revisionsverfahren in Eckenförde, welches 1950 die erste Revision des Urteils aufhob und von Schrö- der zu nur noch 60.000 DM verurteilte. Damit kam der vor Kriegsbeginn noch dreifache Millionär von Schröder letztendlich wieder „sehr milde davon“90. Nach seiner Haftentlassung am 11. Juni 1948 zog sich von Schröder auf sein Landgut in Schleswig-Holstein zurück, wo er bis zu seinem Tod (am 4. November 1966) zurückgezogen lebte91.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die These des Primats der Politik für den Großteil der Bankiers in der Zeit des „Dritten Reichs“ bestätigt werden kann. Kurt Freiherr von Schröder zählte unter den Unternehmern und Bankiers mit seinem Einsatz für den Nationalsozialismus zu den Ausnahmen, was sich im Verlust seiner gesellschaftlichen Reputation niederschlug, durch die Anerkennung von Himmler und seinen Getreuen aber wieder aufgefangen wurde.

Noch immer sind viele Aspekte der Bankiersgeschichte während der Zeit des

„Dritten Reichs“ unzureichend aufgearbeitet. Wie bereits erwähnt, gibt es gerade zu von Schröder, dem in vielerlei Hinsicht eine durchaus zentrale Rolle im Nationalsozialismus zukommt, außer der Aufsätze von Soénius kaum Literatur. Trotzdem war es in diesem Aufsatz möglich, ein Bild des damaligen Bankiersmilieus und seines Vertreters von Schröder zu zeichnen. Somit konnten die anfangs aufgeworfenen Fragen größtenteils auch umfangreich beantwortet werden. Weiterführende Forschungsarbeiten zu den Bankenund Bankierstätigkeiten sollten aber weiterhin vorangetrieben werden.

Der Versuch, menschliches Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus zu erklä- ren und zu verstehen, wird auf jeden Fall noch viele Jahre Wissenschaftler beschäftigen. Dazu ein abschließendes Zitat des Frankfurter Industriellen und Politikers Richard Merton:

„Wenn ich vom Jahre 1933 ab nicht, wie so viele andere, in die Sünden des Nationalsozialismus hineingeschlittert bin, so ist das [...] nicht ein besonderer Verdienst von mir, sondern ich verdanke das der Tatsache, dass ich durch vier jüdische Großeltern davor geschützt war [...]. Andere [...], die nicht durch jüdische Großeltern geschützt waren, hatten die Option mitzumachen, Kompromisse zu machen, Brücken zu schlagen, etc. Das tat die große Mehrheit unter dem Zwang, ihre Stellung zu behalten, und wenn ich konsultiert wurde, habe ich solchen Leuten dann oft geraten, ruhig Parteimitglied zu werden, da sie auf diese Weise in der Lage waren, weiterhin Weib und Kind zu ernähren. Allerdings allen gegenüber, die nicht in dieser Zwangslage waren und trotzdem dabei sein wollten, habe ich von Anfang an eine gewisse Skepsis gehabt, aber auch Verständnis. Man will eben gerne dabei sein. Der Geltungstrieb ist ein sehr starker Trieb bei allen Menschen in allen Gesellschaftsklassen“92.

Quellen:

- Czichon, Eberhard: Wer verhalf Hitler zur Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der Zerstörung der Weimarer Republik, 3. Auflage, Köln 1972, S. 73 – 80.

- Schröder, Kurt von: Die Bedeutung des privaten Bankgewerbes in der deutschen Wirtschaft [Rheinisch-Westfälische Börse], Düsseldorf 1937.

Literatur:

- Gallus, Alexander: Biografik und Zeitgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 1-2/2005, Bonn 2005, S. 40 – 46.

- Harold, James: Die Rolle der Banken im Nationalsozialismus, in: Gall, Lothar / Pohl, Manfred: Unternehmen im Nationalsozialismus [Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Band 1], München 1998, S. 25 – 36.

- Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, 2. durchgesehene Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 560 f.

- Koch, Peter-Ferdinand: Die Geldgeschäfte der SS. Wie deutsche Banken den schwarzen Terror finanzierten, Hamburg 2002.

- Kopper, Christopher: Zwischen Marktwirtschaft und Dirigismus: Bankenpolitik im „Dritten Reich“ 1933 – 1939, Bonn 1995.

- Kopper, Christopher: Bankiers unterm Hakenkreuz, München/Wien 2005.

- Lochner, Louis P.: Die Mächtigen und der Tyrann (Tycoons and Tyrant). Die deutsche Industrie von Hitler bis Adenauer, Darmstadt 1955.

- Lorentz, Bernhard: Die Commerzbank und die „Arisierung“ im Altreich. Ein Vergleich der Netzwerkstrukturen und Handlungsspielräume der Großbanken in der NS-Zeit, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ), Jahrgang 50/2002, Heft 2, S. 237 – 268.

- Minninger, Monika: Bankier Schröder finanziert Spruchgericht. Zur Geschichte einer lange vergessenen Institution, in: Ravensberger Blätter, Heft 2/1995, Bielefeld 1995.

- Pool, James / Pool, Suzanne: Hitlers Wegbereiter zur Macht. Die geheimen deutschen und internationalen Geldquellen, die Hitlers Aufstieg zur Macht ermöglichten, Bern 1979.

- Soénius, Ulrich S.: Die Zeit des Nationalsozialismus (1933 - 1945), in: Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (Hrsg.): Die Geschichte der unternehmerischen Selbstverwaltung in Köln 1914 – 1997, herausgegeben aus Anlass des 200jährigen Bestehens der Industrieund Handelskammer zu Köln am 8. November 1997, Köln 1997, S. 120 – 215.

- Soénius, Ulrich S.: Bankier und „Geburtshelfer“ – Kurt Freiherr von Schröder, in: ders. (Hrsg.): Bewegen – Verbinden – Gestalten. Unternehmer vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Festschrift für Klara van Eyll zum 28. September 2003 [Schriften zur rheinisch-westfälischen Wirtschaftsgeschichte, Band 44], Köln 2003.

- Soénius, Ulrich S. / Kaufmann, Tobias: Adolf Hitlers Kölner Treffen, in: Kölner Stadtanzeiger online: http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1195817009155 (18.06.2008).

- Schillinger, Reinhold: Schröder, Kurt Freiherr von, Bankier, in: Benz, Wolfgang / Graml, Hermann (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, München 1988, S. 301.

- Turner, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, in: Gall, Lothar / Pohl, Manfred: Unternehmen im Nationalsozialismus [Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Band 1], München 1998, S. 15 – 23.

- Vogelsang, Reinhard: Der Freundeskreis Himmler, Göttingen / Zürich / Frankfurt 1972.

[...]


1 Turner, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, 1998, S. 16.

2 Turner, H..: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, S. 16.

3 Gallus, Alexander: Biografik und Zeitgeschichte, in: APuZ 1-2/2005, S. 40.

4 Kopper, Christopher: Bankiers unterm Hakenkreuz, 2005, S. 2.

5 James, Harold: Die Rolle der Banken im Nationalsozialismus, 1998, S. 25.

6 James, H.: Die Rolle, S. 25.

7 James, H.: Die Rolle, S. 26.

8 James, H.: Die Rolle, S. 26 – 27.

9 James, H.: Die Rolle, S. 27.

10 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 4.

11 James, H.: Die Rolle, S. 28 – 29.

12 „Arisierung“ bezeichnet die „Übertragung von jüdischem Vermögen in nichtjüdisches privates Eigentum“, nicht aber die Verdrängung von Juden aus Unternehmen und Ämtern oder der Liquidation jüdischer Unternehmen, zitiert nach: Lorentz, Bernhard: Die Commerzbank und die „Ari-

sierung“, in: VfZ 50/2002, Heft 2, S. 241.

13 Depositen (auch: Einlagen) sind Vermögen, die Nichtbanken bei Banken eingezahlt haben

14 Lorentz, B.: Die Commerzbank, S. 241 sowie Kopper, C.: Zwischen Marktwirtschaft und Dirigismus: Bankenpolitik im „Dritten Reich“ 1933 – 1939, 1995, S. 220 ff.

15 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 5.

16 Lorentz, B.: Die Commerzbank, S. 241.

17 James, H.: Die Rolle, S. 30.

18 James, H.: Die Rolle, S. 31.

19 James, H.: Die Rolle, S. 31.

20 James, H.: Die Rolle, S. 32.

21 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 5.

22 Unter „Rationalisierung“ versteht man allgemein Maßnahmen, die betriebliche Abläufe und Regelungen verbessern. Der Faktor Arbeit soll durch Maschinen und veränderte Arbeitsabläufe

ersetzt werden. Dies dient der Kostensenkung und soll die Produktivität und Rentabilität eines Betriebs verbessern.

23 James, H.: Die Rolle, S. 33.

24 James, H.: Die Rolle, S. 34.

25 James, H.: Die Rolle, S. 35. 26 James, H.: Die Rolle, S. 34. 27 James, H.: Die Rolle, S. 36.

28 Soénius, Ulrich S.: Bankier und „Geburtshelfer“ – Kurt Freiherr von Schröder, 2003, S. 335.

29 Der „Keppler-Kreis“ (später „Freundeskreis Himmler“) war ein Expertengremium, welches Hitler in Wirtschaftsfragen beriet. Nähere Ausführungen dazu in Kapitel 3.2 sowie bei Vogelsang, Reinhard: Der Freundeskreis Himmler, 1972.

30 Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, 2003, S. 560 f.

31 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 336.

32 Schillinger, Reinhold: Schröder, Kurt Freiherr von, Bankier, 1988, S. 301.

33 Koch, Peter-Ferdinand: Die Geldgeschäfte der SS. Wie deutsche Banken den schwarzen Terror finanzierten, 2002, S. 32.

34 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 337.

35 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus (1933 - 1945), 1997, S. 175.

36 von Schröder, zitiert in: Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 175.

37 Pool, James / Pool, Suzanne: Hitlers Wegbereiter zur Macht. Die geheimen deutschen und internationalen Geldquellen, die Hitlers Aufstieg zur Macht ermöglichten, 1979, S. 273.

38 Vogelsang, R.: Der Freundeskreis Himmler, S. 22 – 24.

39 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 337.

40 Lochner, Louis P.: Die Mächtigen und der Tyrann, 1955, S. 127.

41 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 42 sowie Vogelsang, R.: Der Freundeskreis Himmler, S. 41 – 44.

42 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 177 sowie Vogelsang, R.: Der Freundeskreis Himmler, S. 44.

43 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 339. Zu einer anderen Einschätzung als Soénius kommen allerdings die Autoren Pool: Ihrer Meinung nach hatte das Treffen nicht zufällig im Hause von Schröders stattgefunden. Da Schröder „ein international bekannter Bankier mit guten Verbindungen zur Industrie“ gewesen sei und zusätzlich „als Anhänger Hitlers galt“, versprachen

44 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 177.

45 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 177.

46 Koch, P.-F.: Die Geldgeschäfte der SS, S. 34 sowie Vogelsang, R.: Der Freundeskreis Himmler, S. 111.

47 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 342 f.

48 Soénius, Ulrich S. / Kaufmann, Tobias: Adolf Hitlers Kölner Treffen, 4.1.2008.

49 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 177.

50 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 177.

51 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 347.

52 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 336.

53 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 341.

54 vgl. dazu auch die Briefwechsel zwischen Keppler und von Schröder in: Czichon, Eberhard: Wer verhalf Hitler zur Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der Zerstörung der Weimarer Republik, 1972, S. 73 – 80.

55 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 344 -345.

56 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 177.

57 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 345.

58 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 345 – 346.

59 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 345.

60 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 335.

61 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 179.

62 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 179 – 180.

63 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 180.

64 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 180.

65 Schröder, Kurt von: Die Bedeutung des privaten Bankgewerbes in der deutschen Wirtschaft, 1937, S. 32.

66 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 178.

67 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 217.

68 Kurt von Schröder, zitiert in: Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 218.

69 Soénius, U. / Kaufmann, T.: Adolf Hitlers Kölner Treffen, 4.1.2008.

70 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 105 f.

71 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 42.

72 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 161.

73 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 43.

74 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 335.

75 Soénius, U.: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 180.

76 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 348. 77 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 350. 78 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 350.

79 James, H.: Die Rolle, S. 35.

80 vgl. hierzu Kapitel 3.1 auf Seite 7: Sozialisation und beruflicher Werdegang.

81 James, H.: Die Rolle, S. 26. 82 James, H.: Die Rolle, S. 26. 83 James, H.: Die Rolle, S. 35.

84 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 341 und 350.

85 Minninger, Monika: Bankier Schröder finanziert Spruchgericht. Zur Geschichte einer lang vergessenen Institution, 1995, S. 50.

86 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 4. Ein Beispiel war Hermann Josef Abs, der in der Nachkriegszeit die Deutsche Bank ins Wirtschaftswunder führte.

87 Minninger, M.: Bankier Schröder finanziert Spruchgericht, S. 46 88 Minninger, M.: Bankier Schröder finanziert Spruchgericht, S. 46. 89 Minninger, M.: Bankier Schröder finanziert Spruchgericht, S. 47.

90 Minninger, M.: Bankier Schröder finanziert Spruchgericht, S. 50 – 52. Da der Fall von Schröder einer der letzten des Bielefelder Spruchgerichts war, finanzierte Kurt von Schröder de facto mit seiner Geldstrafe das Bielefelder Spruchgericht. Vgl. dies. S. 54.

91 Soénius, U.: Bankier und „Geburtshelfer“, S. 347.

92 Richard Mertons 1955, zitiert in: Turner, H..: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, S. 23.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640202362
ISBN (Buch)
9783640207077
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118142
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Bankiers Nationalsozialismus Hauptseminar Lebenswege Dritten Reich

Autor

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Titel: Die deutschen Bankiers im Nationalsozialismus