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Der Untergang des Aztekenreiches und die Folgen im 16. Jahrhundert

Forschungsarbeit 2002 51 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Die Hochkultur der Azteken
1.1. Der Ursprung der Azteken
1.2. Der Aufstieg und die Blütezeit des Aztekenreiches
1.3. Tenochtitlán
1.4. Der Mythos

II. Die Eroberung des Aztekenreiches
2.1. Der Aufstieg des Hernán Cortés
2.2. Die Ankunft in Mexiko
2.3. Die Quetzalcoatl-Legende
2.4. Die Gründung von Villa Rica de la Vera Cruz
2.5. Cortés‘ geschickte Diplomatie
2.6. Der Marsch nach Tenochtitlán
2.7. Der Empfang in Tenochtitlán
2.8. Der Tod des Juan Escalante und die Gefangennahme Moctezumas
2.9. Pánfilo de Narváez
2.10. Aufruhr in Tenochtitlán
2.11. Der Sturm auf den Axayactl Palast
2.12. Der Tod des Moctezuma
2.13. La Noche triste – Die traurige Nacht
2.14. Die erneute Vorbereitung für den Kampf gegen die Azteken
2.15. Der Fall Tenochtitláns
2.16. Das weitere Schicksal des Hernán Cortés?

III. Die Folgen der Eroberung für Mexiko
3.1 Verwaltung Mexikos durch Spanien
3.2 Rechte der Eingeborenen und Verwaltung
3.3. Die Rolle der Kirche in Mexiko
3.4. Die Politik gegenüber den Eingeborenen
3.5. Zusammenfassung der Folgen für Mexiko

IV. Die Folgen der Eroberungen für das spanische Mutterland
4.1. Spanien im 16. Jahrhundert
4.2. Globalisiertes Denken auf der iberischen Halbinsel
4.3. Der Kampf gegen England und Frankreich um die Kolonien
4.4. Wirtschaftliche Konsequenzen
4.5. Zusammenfassung der Folgen für Spanien

Nachwort

Bibliographie

Vorwort

Der Impuls für diese Fachbereichsarbeit ging von meinem Großvater aus, der in den 70er Jahren als Presse- und Kulturrat viele Jahre in Mexiko verbrachte und mir viel über die alten Kulturen dieses Landes, vor allem über die Azteken, erzählte.

Ich hatte mir damals schon die Frage gestellt, wie ein Hernán Cortés mit einigen hundert Mann ein so großes Land wie Mexiko mit einer Kultur, die mein Großvater mit der Ägyptens verglich, erobern konnte.

Meine zweite Frage war, warum es in Mexiko zu einer so starken Vermischung der indianischen Bevölkerung mit den spanischen Eroberern kam, während die Indianer Nordamerikas heute als Randgruppe kaum am Aufbau der USA und Kanadas mitwirken konnten. Schließlich war mir unklar, warum ein Staat wie Spanien, der so reiche Bodenschätze aus Mittel- und Südamerika gewinnen konnte, gerade in dieser Zeit seine Vormachtstellung in der europäischen Welt einbüßte.

Das alles war für mich Motivation genug, dieses Thema zu wählen und mich ausführlich mit der Literatur über die Azteken, Spanien und Mexiko auseinander zusetzen. Frau Professor Bartl-Sieber unterstützte mich bei meinen Materialrecherchen, so dass ich durch sie, in öffentlichen Bibliotheken und in der Büchersammlung meines Großvaters die wesentlichsten modernen Werke zu diesem Thema zur Verfügung hatte. Wichtige Unterstützung erhielt ich auch durch die Suche im Internet.

Ich werde versuchen, in den folgenden Kapiteln die Begegnung der spanischen und aztekischen Kultur, die unterschiedlichen Sichtweisen der Folgen der Eroberung durch Cortés zu beschreiben und zumindest anzudeuten, wie aus diesem historischen Untergang einer Hochkultur die Wurzeln für den modernen mexikanischen Staat entstanden.

I. Die Hochkultur der Azteken

1.1. Der Ursprung der Azteken

Eine Legende erzählt, dass Aztlán - "das Land der Reiher“ - der Ursprungsort der Azteken war. Sie waren damals ein kleines Nomadenvolk, das sich selbst Mexica oder Tenochca nannte. Andere Überlieferungen verweisen auf Chicomoztoc, den „Ort der sieben Höhlen“, wo angeblich sechs verschiedene Stämme lebten. Nacheinander verließen sie die Höhlen, als letzter Stamm die Azteken. Der einzige geschichtlich belegte Ort, aus dem der Ursprung der Azteken vermutet wird, ist Colhuacan („Krummer Berg“), der etwa 270 Kilometer nordwestlich der heutigen Stadt Mexiko vermutet wird. Wo die Wanderung allerdings tatsächlich begonnen hat, ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. Möglich ist, dass es sich bei den drei Orten um ein- und denselben handelt oder dass sie nur Stationen des Wanderwegs beschreiben[1]. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass das Volk aus der Gegend des Großen Salzsees kam.

Zwei Indizien deuten darauf hin, dass die Azteken mit den Indianern des Nordwestens verwandt sind – es gibt sprachliche und anthropologische Parallelen. Das „Nahuatl“, die Sprache der Azteken und ihrer Nachbarn, ist sehr ähnlich jener der Stämme, die sich im Norden bis nach Utah angesiedelt haben. Das zweite Indiz ist die Zugehörigkeit zu den sogenannten Zentraliden, deren Verbreitungsgebiet vom Süden der USA bis zum nördlichen Zentralamerika reicht.

1.2. Der Aufstieg und die Blütezeit des Aztekenreiches

Die Wanderung der Azteken dauerte ungefähr 130 Jahre. Um 1200 kamen sie in das mexikanische Hochland und fanden dort ihre neue Heimat. Nachdem die Azteken aus Tula, der Hauptstadt des zu dieser Zeit schon zerfallenen Toltekenreichs weiterzogen und aus Chapultepec, einem Ort nahe des Texcoco-Sees, als tributpflichtige Untertanen vertrieben worden waren, suchten sie Unterschlupf in Sümpfen des Großen Sees. Dort sahen sie das Zeichen, das ihr Kriegsgott Huitzilopochtli prophezeit hatte: Eine Insel mit einem Kaktus, auf dem ein Adler saß, in dessen Fängen sich eine Schlange wand. Dieses Zeichen, sagte der Aztekengott, zeige dem Volk den heiligen Ort, wo es sich für immer niederlassen solle[2]. Das Symbol steht heute im Mittelpunkt der mexikanischen Flagge. An der Stelle, die Huitzilopochtli gewiesen hatte, wurde 1325[3] der Haupttempel, der sogenannte Teocalli, ihm und zu Ehren des Regengottes Tlaloc errichtet. Die Stadt selber, welche Tenochtitlán („Ort der Kaktusfrucht“) heißen sollte, wurde erst einige Jahre später gegründet. Die Historiker geben Datierungen zwischen 1345 und 1470[4] als wahrscheinliches Gründungsdatum an.

Auf einer Insel im Texcoco-See (Lago de Texcoco) ließ sich der Nomadenstamm nieder. Dort teilte er sich. Das Stadtbild sah nun so aus: Tlatelolco, der Markt der Stadt im Norden, und im Süden, das eigentliche Tenochtitlán, das religiöse und politische Zentrum.

Noch standen die Azteken unter Schutzherrschaft der Tepaneken, von denen sie die Kriegskunst erlernt hatten. Aber nach heftigen Kämpfen unterwarfen sie dieses Volk im Jahr 1430[5] und legten durch geschickte Bündnisse mit den aus gleichem Stamm entstandenen Stadtstaaten Texcoco und Tlacopán den Grundstein ihres Reiches. Nun waren die Azteken, nachdem sie in nur wenigen Jahren fast das ganze Hochland erobert hatten, das herrschende Volk von Mexiko.

Durch militärische Erfolge und taktisch kluge Allianzen weitete sich das Reich immer mehr aus. Unzählige wertvolle Güter gelangten nach Tenochtitlán, was den Aufschwung der Stadt ermöglichte. Um 1460 erstreckte sich das aztekische Imperium vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean.

Erst Moctezuma II. (* 1467, † 1520; andere Schreibweise: Motecuzoma) II. Xocoyotzin merkte, dass das Bestreben nach noch mehr Land an seine natürlichen Grenzen gestoßen war. Vielerorts in seinem Herrschaftsgebiet brachen Aufstände aus, die er nicht mehr kontrollieren konnte.

Das Aztekenreich war nie eine geschlossene Einheit. Völker, die sich freiwillig unterwarfen, behielten zumeist ihre Sitten, ihre Religionen und auch ihre angestammten Herrscher. Anfangs des 16. Jahrhunderts entschloss sich
Moctezuma II. zu einer Verwaltungsreform, mit dem Ziel eines einheitlichen Staates. Ob sie Erfolg gehabt hätte, weiß man nicht, denn schon kurz danach marschierte die spanische „Conquista“ in das Hochtal von Mexiko.

1.3. Tenochtitlán

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Azteken hätten keine beeindruckendere Kulisse für ihre Hauptstadt finden können: Eine Insel inmitten einer 8.000 km² großen Seelandschaft im mexikanischen Hochland, umgeben von Bergen und Vulkanen.

Wie viele Einwohner in der Blütezeit des Aztekenreiches in Tenochtitlán lebten, ist unklar. Meist ist von etwa 80.000 Menschen[6] die Rede; fast doppelt so viele wie in Sevilla, der damals größten Stadt Spaniens. In anderen Quellen werden Einwohnerzahlen zwischen 100.000[7] und 250.000[8] angegeben. Manche Historiker sprechen sogar von über 300.000 Bewohnern[9].

Die Insel selbst war nur etwa 13 km² groß und das Land war verhältnismäßig knapp. Deshalb versuchten die Azteken durch die Entwässerung von Sümpfen mehr Boden für Gebäude und Gartenparzellen sowie durch Anhäufungen von Schlamm und Schilf künstliche Inseln zu erhalten. Hernán Cortés, der spanische Eroberer, sprach von vier Dämmen[10], die vom Festland auf die Insel führen. Tatsächlich gab es aber nur drei, die alle stabil aus Steinen errichtet und allesamt mit Zugbrücken
versehen waren - breit genug, dass an die acht Reiter nebeneinander Platz hatten.

„So zog ich denn meine Straße weiter. Eine halbe Meile von der Stadt Tenochtitlán erhebt sich zu Beginn eines Dammes, der das feste Erdreich mit dieser verbindet, ein sehr festes Bollwerk, das von einer zwölf Fuß hohen und mit einer kannelierten Brustwehr versehenen Mauer mit zwei Türmen umgeben ist; nur zwei Tore sind in sie eingelassen, durch deren eines man die Stadt verlässt, durch deren anderes man sie betritt.“[11]

Für feindliche Einheimische war es schier unmöglich, Tenochtitlán zu erobern. Die Stadt war für damalige Verhältnisse extrem gut gesichert. Gegliedert war sie in vier Bezirke (calpullis). Ein Gewirr von Straßen und Kanälen dominierte die Bezirke. Nur die Hauptstraßen waren alle schnurgerade und trafen an einem zentralen Punkt, inmitten des großen Marktes, zusammen. Die größte, die Prunkstraße Tenochtitláns, durchschnitt vom südlichen Dammweg aus die Stadt in ihrer ganzen Länge. Herrliche Paläste und zahlreiche terrassenförmige Blumenanlagen zogen sich die gesamte Straße entlang, die täglich - wie alle anderen Gehwege auch - von einem Heer von Straßenkehrern gesäuberte wurde.

Dichtgedrängt lagen die Wohnhäuser der Azteken. Die ärmere Bevölkerung wohnte in niedrigen Gebäuden, die oft nur einen Raum Platz umfassten, während die Reichen in prachtvollen Palästen residierten. Die Dächer waren alle flach und wurden als Terrasse benutzt.

Der Texcoco-See war stark salzhaltig. Deshalb wurde von der reichen Süßwasserquelle, die im Zentrum der Stadt entsprang, mit Tonröhren und später mit Aquädukten Trinkwasser in die verschiedenen Bezirke geleitet[12]. Die meisten Behausungen - im „Venedig der westlichen Welt“ - waren an einem rasterartigen Kanalnetz angeschlossen, so dass Fäkalien und Regenwasser in den starken Regenperioden kein größeres Problem darstellten. Diese Kanäle wurden auch, da die Indios weder Lastentiere noch Wagen kannten, als Wasserweg zum Transportieren von Handelsgütern genutzt. Mit Kanus beförderten die Azteken Waren über den See und durch die Kanäle zu den einzelnen Marktplätzen. Der größte Markt war der von Tlateloco. Bis zu 40 000 Menschen sollen dort an den großen Markttagen anzutreffen gewesen sein. Als Zahlungsmittel wurden Goldstaub und Kakaobohnen akzeptiert, meist wurde jedoch getauscht.

Der wichtigste Bezirk war der Tempelbezirk. Er war von hohen, zinnengekrönten Mauern umgeben und somit von der restlichen Stadt abgeschlossen. Der „Große Tempel“, von den Azteken Teocalli, von den Spaniern Templo Mayor[13] genannt, beherrschte die Anlage. Zwei Jahrhunderte wurde die Steinpyramide mehrfach, durch Aufsetzten neuer „Schichten“, erweitert und maß dann schließlich an der Basis an die 100 Meter. 114 Stufen einer Freitreppe, berichtete die Conquista[14], führten zu einer Plattform, auf der die aztekischen Opferrituale vollzogen wurden. Der Teocalli wurde von anderen, kleineren Tempeln und Wohnbauten der Priester umgeben. Auch einen Spielplatz für rituelle Ballspiele, die zu Ehren der Götter abgehalten wurden, gab es in diesem Bezirk.

Kaiser Moctezuma II. ließ sich am Platz vor dem Tempelbezirk einen prachtvollen Palast (der von den Azteken tepac genannt wurde) erbauen, der mit zahlreichen Räumen, Hallen, Bädern und Höfen die spanischen Eroberer in Ekstase versetzte. Gleich anschließend an dem Wohnsitz des Aztekenherrschers befanden sich mehrere Verwaltungsgebäude sowie üppige Ziergärten.

1.4. Der Mythos

„Locker gefügtes Reich, Konföderation, auf militärische Stärke gestützter Merkantilismus - gleich wo man das alte Mexiko unter den politischen Systemen einordnet, fest steht, dass es von seinen Nachbarn und den tributpflichtigen Völkern als eine überwältigende, furchteinflößende Macht betrachtet wurde.“[15]

Doch ungeachtet der in ihrer Hochblüte stehenden Stadt, des Reichtums des aztekischen Imperiums, der bemerkenswerten Kunst, der vielfältigen Bildung und der militärischen Erfolge blickte man in Tenochtitlán pessimistisch in die Zukunft. Man kann nicht behaupten, dass diese Ängste auf das Fehlen des Rades, der Metallwerkzeuge oder der Schrift zurückzuführen sind. Der Ursprung der Sorge war, dass die Azteken ihre Geschichte auf dem Mythos einer endzeitlichen Katastrophe aufgebaut hatten. Der Mythos besagt, dass die Welt schon 4 Sonnen durchlaufen hat. Die Epoche der fünften und letzten Sonne würde eines Tages zu Ende gehen.[16]

II. Die Eroberung des Aztekenreiches

2.1. Der Aufstieg des Hernán Cortés

Hernán Cortés wurde 1485 in Medellín, einer Stadt im Südosten der Estremadura, geboren. Mit 14 Jahren wurde er auf die Universität von Salamanca geschickt, wo er aber nur zwei Jahre blieb. 1504 verließ Cortés sein Vaterland, weil ihn der Drang nach neuen Erlebnissen in die „Neue Welt“ verschlug. Doch erst 1511 tauschte er sein bisher ruhiges Leben mit dem Abenteuer: Er nahm an der Mission von Diego de Velázquez teil, deren Ziel die Eroberung Kubas war. Velázquez war von dem jungen, aufstrebenden Cortés so begeistert, dass er ihn nach der Unterwerfung der Insel - nun als Statthalter Kubas - zu seinem Geheimschreiber ernannte.

Ein paar Jahre später trafen Berichte über die Entdeckung des Mayareichs und dessen reiche Goldschätze durch Juan de Grijalva, einen spanischen Entdecker, in Santiago ein. Velázquez plante sofort eine neue Expedition. Für die Zusammenstellung einer schlagkräftigen Flotte benötigte er aber Geld. Er entschloss sich nach Zureden seiner Berater, den mittlerweile zu seinem Konkurrenten gewordenen und inzwischen wohlhabenden Hernán Cortés zum Oberbefehlshaber eines spanischen Geschwaders der Neuen Welt zu küren. Cortés erhielt den Befehl, diese Flotte aufzustellen, um den verschollenen Grijalva zu suchen und vom Gebiet der Mayas Karten anzulegen. Damit war Cortés am Ziel seiner Träume angelangt. Sogleich investierte er sein ganzes Vermögen in ein Geschwader von sechs Schiffen mit etwa 300 Mann Besatzung.

Velázquez, der nur eine kleine Flotte angeordnet hatte, um die großen Entdeckungen selbst vorzunehmen, erfuhr von den aufwendigen Vorbereitungsarbeiten seines einstigen Schützlings. Der Statthalter fürchtete, seine Macht an Cortés zu verlieren und entzog dem eben bestellten Feldherrn das Kommando wieder. Das ließ sich Cortés nicht gefallen. Immerhin hatte er zwei Drittel der Kosten für die Aufstellung der Expedition aus eigener Tasche bezahlt. In einer Nacht im November 1518 stach er mit seiner noch schlecht ausgestatteten Flotte heimlich in See.

Bevor er sein eigentliches Ziel Mexiko ansteuerte, legte er bei einigen Häfen an und vermehrte seine Ausrüstung sowie seine Streitmacht. Aus dem kleinen Gefolge war nun ein stolzes, gut ausgerüstetes Heer von 600 Mann geworden. Am 18. Februar 1519[17] nahm die Flotte, nunmehr 15 Schiffe zählend, endlich Kurs auf Yucatan.

2.2. Die Ankunft in Mexiko

Auf der Überfahrt geriet das Geschwader in einen Sturm und teilte sich. Cortés erreichte die angesteuerte Insel Cozumel als letzter. Dort angekommen musste er vorerst die aufgebrachten Indianer beruhigen. Einer seiner Hauptleute hatte einen ihrer Tempel entehrt. Durch Cortés‘ Redekunst - und mit Hilfe eines Dolmetschers - gelang es, ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Eingeborenen und der Conquista aufzubauen. Der spanische Oberbefehlshaber konnte erstmals vor Ort die Kultur der Einheimischen erkunden.

Die Indianer kannten kein Eisen, deshalb konnten die Spanier ihre Metallwaren gegen eine Fülle von Goldschmuck eintauschen. Dann versuchte der Conquistador die Eingeborenen zu bekehren, wie es Karl V. allen Eroberern befohlen hatte. Doch alle Predigt nutzte nichts. Zornentbrannt ließ Cortés alle Götzenbilder zerstören und an ihrer Stelle christliche Altäre aufstellen. Unter Zwang nahmen die Einheimischen die neue Religion an.

Am 4. März ließ der Befehlshaber wieder die Anker lichten. Die Conquista umsegelte das Kap Catoche bis zur Mündung des Rio Tabasco, an der schon Grijalva einen sehr einträglichen Handel mit den Indianern getrieben hatte. Um so überraschter war Cortés, als ihn aggressive Krieger am Ufer des Stroms am Anlegen hinderten. Doch der Conquistador war kein Freund langwieriger Konflikte. In einem kurzen, aber erbitterten Kampf gegen die Eingeborenen nahmen die waffentechnisch überlegenen Europäer die Stadt Tabasco ein.

Von den gefangenen Einheimischen erfuhr er, was er befürchtet hatte: „Das Land stand überall in Waffen“[18] und eine Streitmacht aus vielen tausend Kämpfern aus allen Stämmen der Umgebung plante einen Angriff auf die Kastilier. Ein Rückzug würde die spanischen Truppen von Anfang an entmutigen, deshalb blieb ihm nichts anderes übrig als weiter vorzurücken und sich erneut der Schlacht zu stellen. Aber sogar gegen etwa 40 000 indianische Krieger (die genaue Zahl steht nicht fest) konnten die Spanier ohne größeren Aderlass bestehen. Durch heftiges Geschütz- und Arkebusenfeuer und dank der Hilfe des entscheidenden Einsatzes der Berittenen - die Einheimischen kannten keine Pferde und hielten sie für Gottheiten - starben bei dem Gefecht zwischen 1.000 und 30.000 Indianer. Doch bei dieser ungeheuren Differenz der Angaben dürfte die tatsächliche Zahl der gefallenen Krieger wahrscheinlich bei der niedrigeren Zahl liegen. Die Verluste der Spanier waren laut eigenen Berichten unbeträchtlich: nur zwei Tote und nicht mehr als 100 Leichtverwundete.[19] Es war der erste, der immer wieder Staunen erregenden spanischen Siege über eine gigantische Übermacht.

Die total eingeschüchterten Indianer baten Cortés um Frieden und schenkten ihm als Unterpfand ihres Wohlverhaltens 20 ihrer schönsten Mädchen. Unter ihnen war auch Malinche (oder Malitzin; von den Kastiliern Marina genannt), die im weiteren Verlauf der Feldzüge noch eine bereichernde Rolle für die Spanier spielen sollte. Sie war aztekischer Abstammung und beherrschte auch die Sprache der Mayas und anderer indianischer Stämme. Cortés machte sie zu seiner Geliebten und es scheint, dass auch sie sehr bald ihr Herz an den spanischen Eroberer verlor. Als Dolmetscherin leistete sie den Kastiliern unschätzbare Dienste.

Durch sie erfuhr der Oberbefehlshaber, dass die Besiegten Untertanen der Azteken waren, dessen mächtiger Herrscher Moctezuma hieß. Für Cortés war die wichtigste Nachricht, dass das Aztekenreich über einen ungeheuren Reichtum an Gold verfügte. Er reagierte ebenso zielbewusst wie diplomatisch und ließ die Dolmetscherin den Häuptlingen seinen Wunsch übermitteln, mit dem aztekischen Statthalter zusammenzutreffen.

Am 21. April 1519 landete die Conquista an einer Stelle, die sie San Juan de Ulúa nannten. Dort traf Cortés mit Häuptling Teuhtlile zusammen , einem der vier ranghöchsten Berater Moctezumas. Nachdem sie untereinander Geschenke ausgetauscht hatten, ließ Cortés seine Männer zu einer Parade antreten und führte den Indianern spanische Kriegsmanöver vor, die die Beobachter in Erstaunen und Ehrfurcht versetzten. Teuhtlile zeichnete sie in der aztekischen Bilderschrift auf, um Moctezuma ein anschauliches Bild von den Fremden vermitteln zu können.

Der Aztekenherrscher reagierte entsetzt und geschockt als er von den hellhäutigen Spaniern, ihren Pferden, Hunden, Waffen und von ihrer Kampfkraft erfuhr. Vor seinem geistigen Auge tauchte das Bild des hellhäutigen und bärtigen Gottes Quetzalcoatl auf, der vor langer Zeit das Land in Richtung Osten verlassen hatte. Moctezuma ließ weitere Boten schicken, die Cortés mit prachtvollen Umhängen und Schmuck wie eine mexikanische Gottheit einkleideten und wertvolle Geschenke ins spanische Lager brachten.

2.3. Die Quetzalcoatl-Legende

Viele Historiker haben sich ausführlich mit Moctezumas Glauben daran auseinandergesetzt, dass Cortés der Gott Quetzalcoatl sei. Nur so sei seine offensichtlich feige, zurückhaltende und unterwürfige Haltung gegenüber den Conquistadoren zu erklären. Nach Nigel Davis[20] sollte Quetzalcoatl, der angeblich weißhäutige, bärtige Gott im aztekischen Jahr Eins Rohr (1519) aus dem Osten zurückkehren. Es ist allerdings als sicher zu betrachten, dass die Beschreibung dieses Gottes als weißhäutig und bärtig (wie Cortés) eine reine Erfindung aus der Zeit nach der Eroberung Mexikos ist. In den indianischen Chroniken ist nichts zu finden, was diese Beschreibung stützen könnte. Als Gott des Windes trägt Quetzalcoatl oft eine schnabelförmige Maske, die vielleicht mit einem Bart verwechselt werden kann. Es mag auch sein, dass er tatsächlich manchmal mit einem Bart dargestellt wurde, so wie viele andere mexikanische Götter auch.

Auch die Überlieferung, dass Quetzalcoatl im Jahr Eins Rohr aus dem Osten zurückkehren würde, beruht auf schwachen Grundlagen. Sie wurde laut Davis von keinem einheimischen, sondern nur von hispanisierten Chronisten nach 1530 niedergeschrieben. Die in der Aztekensprache Nahuatl geschriebenen Berichte über Quetzalcoatl klingen in ihrer Sprache eher poetisch und gehen an keiner Stelle auf eine körperliche Rückkehr des Gottes ein – mit Ausnahme einer Annahme, dass er symbolisch als Morgenstern zurückkehren könnte. Quetzalcoatl wird außerdem als eine Personifizierung eines großen Herrschers der Tolteken dargestellt.

Es ist aber offensichtlich Tatsache, dass Moctezuma Cortés für einen Gott, wahrscheinlich sogar wirklich für Quetzalcoatl, gehalten hat. Der Aztekenherrscher war sehr stark von Prophezeiungen und Vorzeichen beeinflusst und ging vielleicht davon aus, dass jedes fremde Wesen, das aus dem Osten kam, Quetzalcoatl sein müsse, weil dieser einst nach Osten gegangen war. Auch Juan de Grijalva war von Moctezuma für Quetzalcoatl gehalten worden, als er von dessen Aufenthalt in Kenntnis gesetzt wurde.

2.4. Die Gründung von Villa Rica de la Vera Cruz

Ende Juni 1519[21] legte die Conquista an der Küste Mexikos den Grundstein für die erste spanische Siedlung auf amerikanischem Boden, die sie Villa Rica de la Vera Cruz - „die reiche Stadt des wahren Kreuzes“ - nannten.[22] Damit verstieß Cortés bewusst gegen Velázquez‘ Befehle. Um seinen Ungehorsam zu kaschieren, bot er dem von ihm ernannten Stadtrat an, das Amt als Oberbefehlshaber niederzulegen, „da die Autorität des Statthalters jetzt durch die der Obrigkeit von Villa Rica de la Vera Cruz ersetzt worden sei“[23]. Mit diesem diplomatischen Zug erreichte Cortés genau das Ziel, auf das er spekulierte. Statt seinen Rücktritt anzunehmen beförderte ihn der Rat einstimmig zum Oberbefehlshaber und obersten Richter der Kolonie. Ferner wurde er ermächtigt, ein Fünftel des Goldes, das man durch Handel und Eroberungen erlangen würde, für sich zu beanspruchen. Durch die kluge Umwandlung eines Haufens kriegerischer Abenteurer in eine bürgerliche Gemeinde schuf sich Cortés eine neue Grundlage für weitere eigenständige Unternehmungen. Er konnte nun Handlungen setzen, ohne sich gegenüber irgendwelchen Vorgesetzten rechtfertigen zu müssen. Es gab keine andere Autorität als die spanische Krone, in deren Namen ihm alle Vollmachten erteilt wurden.

Jetzt konnte Cortés den welthistorischen Entschluss fassen, nach Tenochtitlán vorzustoßen und das Aztekenreich dem kastilischen König zu unterwerfen. Widerstände gegen diesen Plan schlug er unerbittlich nieder. Jene Soldaten, die für eine Umkehr eintraten, ließ er in Ketten legen und auf das Schiff bringen. So erwarb er sich bei den Abenteurern in seiner Gefolgschaft endgültig jenen Respekt, der ihm bisher mitunter gefehlt hatte.

2.5. Cortés‘ geschickte Diplomatie

Die Conquista zog weiter und erreichte nach langem, mühsamen Weg durch eine steinige Wüste Cempoallan, die Hauptstadt der Totonaken, in deren Umgebung damals etwa 200.000 Einwohner[24] lebten. Dieses Volk, mit dem Cortés schon während seines Aufenthaltes in Vera Cruz Kontakt gehabt hatte, empfing die Spanier freundlich und bot ihnen Quartier. Am nächsten Tag besuchte der spanische Oberbefehlshaber den Herrscher der Totonaken. Die Unterredung dauerte lang und bot Cortés einen tiefen Einblick in die Verhältnisse im Lande. Der Häuptling bat dem kastilischen Feldherrn um militärischen Beistand gegen die aztekischen Unterdrücker, denen die Totonaken hohe Tribute zahlen mussten. Cortés versicherte dem Kaziken seine Hilfe, dieser versprach im Gegenzug alle mit den Totonaken befreundete Stämme für ein Bündnis mit der Conquista zu gewinnen[25]. Jetzt hegte der spanische Oberbefehlshaber keinen Zweifel mehr an seinem Sieg gegen die Azteken, weil er sich nun schon die Unterstützung von etwa der Hälfte der Bevölkerung gesichert hatte.

Ein glücklicher Zufall ließ Cortés im Juni 1519 schließlich auch zu den Azteken selbst freundlichen Kontakt aufzunehmen. Gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die Spanier in Chiahuitztla, einem Ort nahe Cempoallan, aufhielten , kamen fünf aztekische Steuereintreiber, um den Tribut für Moctezuma von den Totonaken einzufordern. Listig riet Cortés dem totonakische Herrscher die ungebetenen Gäste zu ergreifen und ins Gefängnis zu werfen. In der Nacht jedoch ließ Cortés die Azteken durch spanische Soldaten befreien und drückte sein Bedauern über die unwürdige Behandlung aus. Er bat die aztekischen Beamten ihrem Herrscher der hohen Achtung zu versichern, die er, Cortés, für jenen empfinde. Der Eindruck auf Moctezuma konnte nicht ausbleiben.

Um andererseits das Bündnis mit den Totonaken zu stärken, rief sie der Conquistador dazu auf, Männer mit der Botschaft in ihre 30 Städte zu senden, sich der Gewalt des Aztekenherrschers zu widersetzen und die Zahlung von Tributen zu verweigern. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land.

Gleichzeitig versuchte Cortés den spanischen Hof für sich einzunehmen, indem er eine Karavelle in die Heimat entsendete, die mit indianischen Goldschätzen vollbeladen war. Das Schiff beförderte auch den ersten Bericht an Karl V., den berühmten ersten Brief.

Die Kunde von den Vorgängen in Cempoallan und von der Abfahrt der Karavelle nach Spanien drang auch zu Velázquez. Es war die erste Kunde von der Flotte, die dieser seit deren Auslaufen empfangen hatte, und sie bestätigte seine Befürchtungen, dass Cortés nach eigenem Willen handelte und sich überhaupt nicht um die erteilte Order kümmerte. Wutentbrannt ordnete er an, das Schiff abzufangen. Velázquez’ Vorhaben scheiterte jedoch; das goldbeladene Schiff befand sich schon auf dem Atlantik, bevor seine Leute eingreifen konnten. Der Statthalter entschloss sich, ein Geschwader auszurüsten, um seinen rebellischen Offizier in die Knie zu zwingen. Ehe die Schiffe seetüchtig waren, sollte es aber noch Monate dauern.

Auch unter Cortés Männern gab es Anhänger des Velázquez, die mit einer Karavelle nach Kuba aufbrechen wollten, um über Cortés’ Vorhaben zu berichten. Einer aus der kleinen Verschwörergruppe verriet jedoch diesen Plan. Die Bestrafung der Rebellen war unerbittlich: Die beiden Rädelsführer traf die Todesstrafe, die anderen Teilnehmer der Verschwörung wurden gefoltert und eingekerkert.

Aber wie sollte er nun auch in Zukunft jede Meuterei schon im Ansatz unmöglich machen? Cortés setzte eine Tat, die auch bei der Nachwelt so starken Eindruck hinterließ, dass sie bis heute in der Redensart „Die Schiffe hinter sich verbrennen“ in der Erinnerung fortlebt: Mit Ausnahme eines einzigen setzte er alle Schiffe im Hafen in Brand. Niemand glaubte ihm die Ausrede, dass „exotische Würmer die Schiffskiele zerfressen“[26] haben.

[...]


[1] http://www.indianer-welt.de/meso/aztek/aztek-ur.htm (12.10.01)

[2] Vgl.: Davis, Nigel: Die Azteken. Meister der Staatskunst – Schöpfer hoher Kultur. S.56

[3] Vgl.: Lateinamerika Ploetz: Die Geschichte der Länder Lateinamerikas zum Nachschlagen S.25

[4] Vgl.: Pleticha, Heinrich: Weltgeschichte in 12 Bänden. Entdecker und Reformatoren. S.73

[5] Vgl.: Lateinamerika Ploetz: Die Geschichte der Länder Lateinamerikas zum Nachschlagen. S.25

[6] Vgl.: Pleticha, Heinrich: Weltgeschichte in 12 Bänden. Entdecker und Reformatoren. S.73

[7] http://www.indianer-welt.de/meso/aztek/aztek-stadt.htm (18.10.01)

[8] Vgl.: Chronikhandbuch Amerika. S.232. und Lateinamerika Ploetz: Die Geschichte der Länder Lateinamerikas zum Nachschlagen. S.26

[9] http://www.bigoid.de/conquista/dokumente.htm (18.10.01)

[10] Vgl.: Pleticha, Heinrich: Weltgeschichte in 12 Bänden. Entdecker und Reformatoren. S.73

[11] Hernán Cortés: „Caesar spricht“ über seine Ankunft in der großen Stadt Tenochtitlán; in Rodriguez Monegal, Emir: Die Neue Welt. Chroniken Lateinamerikas. S.117

[12] http://www.wu-wien.ac.at/usr/h95b/h9506089/ (16.10.01)

[13] http://www.indianer-welt.de/meso/aztek/aztek-stadt.htm (26.10.01)

[14] Vgl.: Pleticha, Heinrich: Weltgeschichte in 12 Bänden. Entdecker und Reformatoren. S.74

[15] Thomas über den sagenhaften Mythos der Azteken, in Thomas, Hugh: Die Eroberung Mexikos. Cortés und Montezuma. S.57

[16] Vgl.: Thomas, Hugh: Die Eroberung Mexikos. Cortés und Montezuma. S.57

[17] http://www.bigoid.de (11.11.02)

18 Vgl.: Prescott, William H.: Die Eroberung von Mexiko. S.49

[19] Vgl.: Prescott, William H.: Die Eroberung von Mexiko. S.53

[20] Die Quetzalcoatl-Legende; Vgl.: Davis, Nigel: Die Azteken. Meister der Staatskunst – Schöpfer hoher Kultur. 325ff

[21] http://www.bigoid.de/ (17.11.02)

[22] Villa Rica de la Vera Cruz, weil am Tag des Festes der Kreuzauffindung gegründet

[23] Cortés scheinbarer Rücktrittsgesuch; in Prescott, William H.: Die Eroberung von Mexiko. S.80f

[24] Vgl.: Thomas, Hugh: Die Eroberung Mexikos. Cortes und Moctezuma, S. 291

[25] Cortés’ Kooperationsversuch mit den Totonaken; in Prescott, William H.: Die Eroberung von Mexiko,

S. 85ff.

[26] Die Kapitäne der Schiffe wurden von Cortés gezwungen, dieses „Schauermärchen“ über den Verbleib der Karavellen zu erzählen; Vgl.: Prescott, William H.: Die Eroberung von Mexiko. S.101

Details

Seiten
51
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640210695
ISBN (Buch)
9783640210787
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118289
Note
1,0
Schlagworte
Untergang Aztekenreiches Folgen Jahrhundert Azteken Hernan Cortes Tenochtitlan Conquista Spanien Mexiko Montezuma

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Titel: Der Untergang des Aztekenreiches und die Folgen im 16. Jahrhundert